Monatsarchiv: März 2011

Bitte oszillieren Sie! Cumbia, Salsa, Rumba und die urbane Clubmusik

Bis in die neunziger Jahre existierte der Markt für Latino-Musik im Westen als ethnische Nische. Inzwischen ist die ganze Welt ein einziges Barrio. Bastard-Rhythmen aus Cumbia, Salsa, Rumba und Reggae geben gerade den Takt auf den Tanzflächen an. Dabei geht kaum eine Band raffinierter und witziger vor als Calle 13. Darf man das puertoricanische Brüderpaar wirklich als Rapper bezeichnen? Frontmann René Pérez alias Residente fesselt vielmehr mit dramatisch vorgetragenem Singsang, während Produzent Eduardo Martínez alias Visitante (die Namen entstammen angeblich der Begrüßung an der Pforte der Gated Community, wenn „Visitante“ seinen Halbbruder „Residente“ besuchte) die Beats durcheinanderwürfelt: Auch auf ihrem vierten Album „Entren Los Que Quieren“ (Sony) mischen sie unbekümmert Hip-Hop mit südamerikanischer Folklore, Spaghetti-Western-Ambiente mit Reggaeton, Balkanbläser mit Cumbia-Beats. Und singen gegen die kriminellen Oberschichten, die katholische Kirche, die Korruption und den Konsumterror.

Ähnlich engagiert, aber nicht ganz so schrill gehen es die nach einem Klassiker der revolutionären mexikanischen Literatur benannten Los De Abajo auf ihrem neuen Album „Actitud Calle“ (Wrasse) an: Die achtköpfige Band thematisiert den Zapatisten-Aufstand und die Schere zwischen Arm und Reich, während sie traditionelle mexikanische Akustik-Klänge mit Salsa, Ska und allen möglichen Weltmusik-Anleihen aufmöbelt. Eine Brücke von der Latino-Avantgarde in die Retro-Clubs baut der englische DJ und Produzent Will Holland. Auch das zweite Album seines Projektes Quantic Presenta Flowering Inferno hat er in seiner Wahlheimat im kolumbianischen Cali eingespielt. „Dog With A Rope“ (Tru Thoughts) inszeniert einen karibisch-südamerikanischen Soundclash: Dub-Reggae-Bässe treffen auf klagende Klarinetten, schräge Bläser, Latino-Perkussion. Eine angenehm patinierte Melange, in der auch der Pflicht-Cumbia nicht fehlt.

Das weltweit grassierende Cumbia-Fieber dokumentieren zwei Kompilationen: „Arriba La Cumbia!“ (Crammed Discs) oder der von zwei Berliner Latin-DJs zusammengestellte Sampler „Cumbia Bestial“ (Chusma). Beide versammeln die modernen Mutanten des einst aus Kolumbien kommenden Volkstanzes, Cumbia-Electro-Bastarde, wie sie heute aus spanischsprachigen Radios und Soundsystems zwischen Toronto und Buenos Aires schnarren, mit ihrer unwiderstehlichen Kombination aus Cumbia-Akkordeon-Samples und Synthie-Basslinien! Als ob Afrika Bambaataa über eine Kiste afrokolumbianischer Singles gestolpert wäre! Der „Cumbia Del Destino“ ist auch der Hit der deutschen Latin-Hip-Hop-Band Chupacabras auf ihrem zwischen Pop, Salsa und Ska oszillierenden Album „Leyendas Urbanas“ (Galileo Music Communication).

Noch weiter holt der Kölner Produzent Thomas Berghaus alias Shareholder Tom aus: Auf „Havanna – Asmara, via Colonia“ (Büro.9 Music) buchstabieren zwei Sängerinnen mit eritreischen und ghanaischen Wurzeln und ein jamaikanisch-englischer MC den Soul noch einmal ganz neu, erscheinen Mambo, Afrobeat, Rhythm’n’Blues nur noch als Dialekte einer einzigen globalen Musik. Und zuletzt noch drei gelungene Sammlungen nicht nur für den DJ-Koffer: „Sofrito – Tropical Discotheque“ (Strut) fängt den globalen Afro-Salsa-Calypso-Mix der berüchtigten Londoner Tropical-Warehouse-Partys ein. Die aufregendsten Nummern der kolumbianischen Popküche zwischen Champeta-Grooves, psychedelischem Marimba und Synthesizer-Cumbia präsentiert „Afritanga – The Sound Of Afrocolombia“ (Trikont). Und wenn es noch etwas wurzeliger sein darf: „Cartagena! Curro Fuentes & The Big Band Cumbia And Descarga Sound Of Colombia 1962-1972“ (Soundway) bringt die ganz ungeleckte, schräge Siesta-Sause auf den Plattenteller. Der Rohstoff der urbanen Clubkultur: Er kommt heute von der kolumbianischen Karibikküste!
Jonathan Fischer
SZ 29.3.2011

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Inspirierend: Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou – Die alten Herren des Afro-Funk weisen dem Indie-Pop den Weg

Es ist beinahe unglaublich, dass diese Band über drei Jahrzehnte lang außerhalb Westafrikas kaum bekannt war. Seit den späten sechziger Jahren lieferte das Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou den patriotischen Soundtrack für das sozialistische Regime seines Heimatlandes Benin. Es spielte auf Staatsempfängen und in Hotelbars – und integrierte dabei auch Soul, Funk und Rock in seine sakralen Voodoo-Rhythmen. Erst seit wenigen Jahren erschließen diverse Kompilationen von Archivaufnahmen der Gruppe ein neues Publikum im Westen. Plötzlich entdecken nicht nur Fans afrikanischer Musik, sondern auch Funk-Liebhaber das Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou. Indie-Rock-Bands wie Vampire Weekend lassen sich von dem hypnotischem Sound zu eigenen Experimenten inspirieren. Nun haben es die alten Herren des Afro-Funk zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder ins Studio geschafft. Das Album heißt „Cotonou Club“ (Strut) und wieder trifft die rhythmische Intensität James Browns auf die schmutzigen Bläsersätze des westafrikanischen Highlife, fädeln sich silbrig klingelnde Lead- und Rhythmusgitarren in die Percussion-Teppiche ein und aus, klimpert ein Klavier im Rumba-Rhythmus. Gekrönt wird alles von beseeltem Gesang. So gerät selbst Gastspiel der Franz-Ferdinand -Mitglieder Nick McCarthy und Paul Thomson zu einer Verbeugung vor diesem grandiosen Bastard-Pop.
JONATHAN FISCHER
SZ 23.3.2011

My shortest interview: „I don’t like this kid!“ (Lil Wayne)

Mantra mit Filter: Gil Scott-Heron und Jamie XX

Remixen hängt oft der Ruf nach, sich mit modischem Klimbim an die Hits von gestern ranzuschmeißen. Auf We‚re New Here aber treffen zwei Musiker aufeinander, die kaum unter dem Verdacht des Gefälligen stehen: Hier das 21-jährige weiße britische Wunderkind Jamie »XX« Smith, Kopf der viel gelobten Avantgarde-Popband The XX, dort der als »schwarzer Bob Dylan« gehandelte 61-jährige Politpoet Gil Scott-Heron aus Harlem, der in den siebziger Jahren Pate für die Geburt des Rap stand und in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem wegen Drogendelikten Schlagzeilen machte.

Das Ausgangsalbum I‚m New Here kam zustande, als Richard Russell von der Londoner Plattenfirma XL Scott-Heron 2009 im Gefängnis besuchte und mit der Begeisterung eines Fans zu einem Comeback überredete. Dessen elektronisch-reduziertes Ambiente lässt der Remix nun vollkommen hinter sich. Jamie Smith verwendet als Originalmaterial lediglich die Gesangsspuren seines Idols und ergänzt diese großzügig durch Vokalschnipsel von Scott-Herons 1971er-Debütalbum, Samples aus der eigenen Plattensammlung und den für The XX typischen Sound aus geisterhaften Bässen und subtilen, im Hintergrund bleibenden Beat-Kaskaden.

Das Ergebnis holt ein Stück schwarze Musikgeschichte in die Club-Gegenwart. Auratischer Mittelpunkt bleibt dabei Gil Scott-Herons Stimme: sein tiefes, verrauchtes Grummeln. Die sonore Weltmüdigkeit seines Sprechgesangs. Wie großartig reiben sich doch Musik und philosophische Grübeleien etwa auf The Crutch, wo Scott-Heron über dem nervösen Klappern von Smiths Beats eine »Welt von einsamen Männern ohne Liebe« beschreibt. Oder Ur Soul And Mine: Wie ein Mantra wird da ein und dieselbe Phrase so oft durch elektronische Filter, über Synthesizer-Flächen und durch weite Bassräume gejagt, bis das Gebet hinter dem dunklen Dubstep-Rhythmus hervortritt. Den euphorischen Kontrapunkt aber setzt die Schlussnummer: Smith lässt die einstige Bluesballade I‚ll Take Care Of You mit einem House-Beat und afrikanisch anmutenden Gitarrenläufen wiederauferstehen – als ob das schon immer so und nicht anders gespielt werden wollte. Auf diesem Album zeigt sich nicht nur das Genie des Remixers, sondern auch die Universalität von Gil Scott-Herons Botschaft: Selbst in Kombination mit den neuesten elektronischen Club-Stilen verliert sie nichts von ihrer Wucht. jonathan fischer

Gil Scott-Heron and Jamie XX: We‚re New Here (XL Recordings/Beggars)
JONATHAN FISCHER
Die Zeit 17.3.2011

Tahrir 2.0 – „Wir haben die Revolution längst nach Hause getragen“: Was sich die jungen Ägypter vier Wochen nach den Umwälzungen erhoffen

Wochen nach den Umwälzungen erhoffen

Eine süßliche Shisha-Wolke hängt über dem chicen Ufer-Café auf der Nilinsel Zamalek: An den Tischen drängt sich die Generation Facebook, junge Frauen mit Jeans und Sonnenbrillen im Haar, geschminkte Kopftuch-Mädchen mit iPad, Sakkoträger, die sich bei Latte Macchiato über ihre Blackberrys beugen. Als ein paar krakeelende Jugendliche mit ägyptischen Flaggen und Gesichtsbemalungen in einer Limousine vorbeirauschen, reckt Raqib Al-Nassery grinsend seine Faust: „Das sind Heimkehrer vom Tahrirplatz. Der neue Premierminister Sharaf hat da heute seine Antrittsrede gehalten.“

Raqib, ein bärtiger junger Mann in übergroßen T-Shirts und Baggy-Jeans, sagt, er habe sich jahrelang als Außenseiter gefühlt. Immer wieder musste er erklären, dass Rap mehr zu sagen habe als der übliche arabische „Popmüll“. Inzwischen aber sind ägyptische Rapper wie er in der Mitte der jungen Gesellschaft Ägyptens angekommen. Nicht nur weil Raqib arabische Instrumente und Hip-Hop-Beats zusammenbringt, sondern auch weil seit dem 25. Januar in Ägypten jeder über Politik diskutiert – eine Leidenschaft, die Raqib so ernst nimmt, dass er manchmal nur anruft, um seinen Vortags-Vortrag noch einmal präziser zu formulieren. Den politischen Diskurs der letzten Wochen erlebt er wie einen Selbsterfahrungstrip. Als Chance, ausprobieren zu dürfen, wer man wirklich ist. Und dabei endlich aufrecht zu gehen. „Die Welt hat uns das hier nicht zugetraut“, sagt der 29-Jährige und zieht an seiner Shisha. „Wir waren ja selbst von unserem eigenen Mut überrascht.“

Die Euphoriewelle der letzten fünf Revolutions-Wochen – sie schlägt einem immer noch auf Schritt und Tritt entgegen. Kaum ein Auto ohne einen „25. Januar“-Aufkleber, kaum einer, der nicht die neuesten Facebook-Nachrichten auf der inoffiziellen Revolutions-Homepage „Wir sind alle Khaled Said“ kennt. Raqib öffnet sein Fotohandy: Da sieht man ihn, entschlossener Blick, einen Baseballschläger in der Hand, vor den Polizeireihen auf dem Tahrirplatz. Oder mit geschulterter Uzi – „die hat mir ein Waffenhändler aus meinem Viertel zum Selbstschutz mitgegeben“. Was die Bilder nicht zeigen: Die Todesfurcht, die Raqib zwischen Tränengas und Kugelhagel ausstand. Den Schmerz, als er erfährt, dass einer seiner „Homeboys“ tödlich getroffen wurde. Seine Rührung über die Kinder, die mit ihren Eltern die Schlachtrufe der Demonstranten skandierten: Abtreten, abtreten. Der Jubel, als der Präsident der Forderung nachkommt. „Auf dem Platz umarmten und küssten sich alle: Reiche und Arme, Junge und Alte, Christen und Muslime. Deswegen war doch die Revolution so erfolgreich: Weil sie von keiner Partei initiiert wurde.“

Den Satz hört man oft. Die ersten zwei Tage, sagt Raqib, sei er noch skeptisch gewesen, ob er sich den Demonstranten anschließen soll. Würde er sich da mit Extremisten gemein machen? Doch dann habe er auf dem Tahrirplatz seinen Glauben an ein neues Ägypten gefunden. Ja, einige Muslimbrüder hätten versucht, lautstark auf den Protestzug aufzuspringen. Doch die jungen Demonstranten pfiffen sie aus: „Das ist nicht eure Revolution!“ Was Raqib am meisten beeindruckte: Dass Christen und Muslime sich gegenseitig während ihrer Gebetszeiten beschützten, ein Christ habe ihm sogar das Wasser zur rituellen Waschung gereicht. „Wir waren alle nur noch Ägypter.“

Der Rapper hat dieser Erkenntnis einen Song gewidmet: „7kayet seyassa“. In dem dazugehörigen Video zeigt er Fernsehbilder der jungen Demonstranten, Kairoer Wohnhaus-Ruinen und einen gefesselten Schwarzen: „Ich rede darüber, dass die alte Regierung ein mörderisches Spiel betrieb, um uns zu spalten.“ Kürzlich aufgetauchte Dokumente, nach denen Mubaraks Polizei-Chef hinter der Bombenexplosion mit 23 Toten in einer koptischen Kirche steckt, scheinen ihn zu bestätigen. „Sie haben die Religion zu einem Streitpunkt gemacht, sodass wir uns auf unsere Unterschiede statt auf unsere Rechte konzentrierten.“ Hip-Hop-Konzerte seien früher eine der wenigen Möglichkeiten gewesen, solche Wahrheiten laut auszusprechen. Doch auch da habe die Polizei ständig mitgehört. Einen seiner Auftritte habe sie gar abgebrochen, nachdem Raqib über Korruption gerappt hatte. Immerhin: Seine Eltern, beides fromme Muslime, unterstützten ihn bei dem brotlosen Unternehmen, weitab von jeder Musikindustrie und nur mit dem Internet als Plattform, eine Rap-Karriere zu beginnen. Das hat auch mit Raqibs Großvater zu tun. Ein marokkanischer Sufi-Poet, der in den fünfziger Jahren als Kritiker der französischen Kolonialmacht ins Exil gejagt wurde. Raqib sieht sich und seine Revolutions-Mitstreiter in der großväterlichen Tradition: anti-autoritär und religiös tolerant. Dazu streut er englische und französische Verse in seine Songs – „ich möchte ein internationales Publikum erreichen“. Doch widersprechen sich nicht Hip-Hop-Phantasien und Heiliger Prophet, westlicher Pop und Islam? Nein, sagt Raqib. Die Großstadt-Ägypter würden schon lange einen kapitalistischen Lebensstil pflegen. McDonalds, iPhones und Levi’s Jeans gehörten selbstverständlich dazu. Die moralische Beliebigkeit des Westens aber lehne er ab. „Wir haben unser Leben auf dem Tahrir-Platz nicht aufs Spiel gesetzt, damit wir Miniröcke oder Alkoholexzesse haben dürfen.“ Als das Echo des Muezzinrufes sich an den Hotelblocks von Zamalek bricht, entschuldigt sich Raqib: „Nach dem Gebet können wir weiterreden.“

Neun Uhr abends, im Al-Sawy Culture Wheel. Auf den zum Nilufer hin abfallenden Betonstufen beugen sich junge Menschen in Gruppen über ihre Laptops, diskutieren, lesen. Die Banner an den Info- und Getränke-Ständen werben für Vodafone, Mozart-Aufführungen und Yogakurse. Hier, unter den Betonpfeilern des 26.-Juli- Highways, scheinen – sieht man davon ab, das es keinen Alkohol gibt – alle Freiheiten eines westlichen Jugendzentrums zu herrschen. Das Getrommel einer lokalen Latin-Band dringt aus einem mit Planen abgetrennten Konzertraum, laut genug, um selbst den Gebetsruf der benachbarten Moschee zu übertönen. In diesen Momenten scheinen die Fernsehbilder von niedergebrannten Kirchen und religiös motivierten Schlägereien aus einer anderen Welt zu stammen. Khaled Zohny, ein junger Mode-Fotograf, nippt an seinem Tee: „Wenn Muslime und Christen aufeinander losgehen“, sagt er, „kannst du sicher sein, dass Mubaraks Leute dahinterstecken. Viele von der alten Garde sitzen noch auf ihren Posten. Denen gefällt das nicht, wenn wir uns zusammentun, die wollen unsere Bewegung um jeden Preis kaputtmachen.“

Zohny ist Muslim, seine Freundin Koptin. In seinem Freundeskreis ist Religion kein Argument. Sein Freund Amr Barrada stimmt zu: „Der Westen glaubt, dass wir Ägypter in zwei religiöse Lager getrennt sind – ich erlebe das jeden Tag anders.“ Die bösen Muslimbrüder: Das sei ein Gespenst der Mubarak-Clique gewesen, um Ägyptern wie westlichen Verbündeten Angst einzujagen und die Politik der starken Hand zu rechtfertigen. „Aus dem selben Grund“, redet sich der 30-jährige Unternehmer in Rage, „hat die Polizei jede Hilfsbereitschaft unter den Bürgern sabotiert. Es war früher ein Wagnis, einem Unfallopfer zu helfen. Hast du es ins Krankenhaus gebracht, hat dich die Polizei mitgenommen: Beweise, dass du nicht der Verursacher bist! Wenn das Unfallopfer bewusstlos war, bist du im Gefängnis verschwunden. Außer du hattest Verwandte bei der Polizei.“

Egal ob man sich im mondänen Zentrum Kairos, in den Cafés von Zamalek oder in ärmeren Stadtteilen wie Nasr City bewegt, die Hilfsbereitschaft der Ägypter ist überwältigend. Nicht nur Fremden gegenüber. Von einem Passanten mal kurz das Handy leihen, das Kleingeld reicht nicht ganz, kann jemand dieser Frau ein Taxi besorgen? Handschlag. Schulterklopfen. Kein Problem. Wie hatte doch Raqib in einer Mischung aus Hip-Hop-Emphase und panarabischem Geist posaunt? „Ägypten ist wieder das Mutterland.“ Vorbei die Zeiten, als Ägypter im Ausland als Duckmäuser und Opportunisten belächelt wurden. Selbst die „Posh“-Nobelboutique in Zamalek hat einer ihrer Schaufensterpuppen ein Billig-T-Shirt mit einer geballten Faust in den Nationalfarben angezogen: Revolution. Dass man in dieser Umbruchszeit mitten in der Nacht gefahrlos durch Kairo schlendern kann, dass trotz der Abwesenheit der verhassten Polizei niemand von Raubüberfällen zu berichten weiß: Das alles stimmt in der Tat euphorisch. Die sporadischen Gewaltausbrüche sehen Menschen wie Zohny und Barrada eher als schmerzliche Nachwehen einer neuen Freiheit. „Wenn die Leute sich endlich trauen, ihre lange unterdrückte Wut zu zeigen, ist die Gefahr groß, dass alte Rechnungen beglichen werden.“

Er habe, sagt Zohny, anfangs nichts mit der Revolution am Hut gehabt. Schließlich sei er Fotograf und kein Kämpfer. Politik habe ihn nie interessiert – genau so wenig wie Wahlen: „Unsere Stimme zählte ja nichts. Was bleibt einem da übrig, als sich in sein Privatleben zurückzuziehen?“ Bis er die Polizeibrutalität am eigenen Leib erfuhr: Am ersten Tag der Demonstrationen war er aus Neugier Richtung Tahrirplatz gelaufen, als ihn Polizisten stoppten und zu Boden schlugen. Zohny wurde ohne Erklärung verhaftet, demütigenden Verhören unterzogen, seine Wertsachen verschwanden in den Taschen der Polizisten. 30 Stunden verbrachte er in einem improvisierten Gefängnis, mit über 400 Menschen auf engstem Raum, die ihre Notdurft auf dem Boden verrichten mussten. Am Ende wurden sie in der Wüste ausgesetzt. „Als ich nach Kairo zurück kam, schloss ich mich den Demonstranten an – mit meiner Wut als einziger Waffe.“

Die Geschichten ähneln sich: Viele hat erst die Gewalt der Polizei zu Aktivisten gemacht. Oder die Solidarität mit deren Opfern. Amr Barrada sagt, wenn es um persönliche Vorteile gegangen wäre, hätte er es nicht nötig gehabt, auf den Tahrirplatz zu gehen. Er besitze genug. Dennoch seien viele seiner wohlhabenden Freunde mitmarschiert. Einer von ihnen habe einem ihn prügelnden Ordnungshüter ins Gesicht geschrien: „Ich tue das doch für euch! Versteht ihr nicht? Ich habe einen guten Job, ein Haus und ein großes Auto.“ Daraufhin habe der Polizist den Knüppel sinken lassen. Viele Ägypter, sagt Barrada, lernten gerade zum ersten mal, offene Diskussionen zu führen. „Sogar die bisher Uninteressierten bilden sich politisch fort. Dank Facebook!“ Die Internet-Kultur habe die Denkweise der Menschen stark verändert – ja, es gebe Facebook-Kurse für die ungebildeteren Schichten.

An den Zufahrtsstraßen zum Tahrirplatz, neben dem ausgebrannten Hochhaus, das einst Mubaraks Parteizentrale beherbergte, stehen immer noch die Panzer. Die Soldaten hocken mit einem müden Lächeln darauf, während immer neue Kleinkinder für ein Foto zu ihnen hochgereicht werden. Ein Motiv, das inzwischen wohl jede Kairoer Familie auf dem Fotohandy hat. Hinter dem ägyptischen Museum zieht Raqib eine Linie in die Luft: „Hier verlief die Frontlinie zwischen uns und den Mubarak-Schlägern.“ Als es kritisch wurde, hätten junge Muslimbrüder die Verteidigung des Platzes übernommen und ihren Kopf für den Rest der Demonstranten hingehalten. „Ohne die wären wir vielleicht eingebrochen.“ Raqib erzählt es wie eine Heldensage aus einem alten Krieg, auch wenn es gerade mal fünf Wochen her ist: Damals, als er trotz gekapptem Mobilfunk und gesperrter Straßen mit einem Zug von tausend Jugendlichen aus Nasr City zum Tahrirplatz aufbrach. Zehn Kilometer weit. Zu Fuß. „Wenn uns an einer Straßenecke ein Zug aus einem anderen Stadtteil begegnete, applaudierten wir uns gegenseitig.“

Immer noch mischt sich ein Hauch der Begeisterung von damals in die Dunstwolken der Teestände und Süßkartoffelröster, die rund um den Platz die Revolutionstouristen bedienen. Alle paar Meter: Fahnenverkäufer, Poster mit Bildern der „Märtyrer“ neben T-Shirts mit „Yes We Can“-Aufdrucken. Keine Spur von Anti-Amerikanismus. Raqib, den viele seiner Hautfarbe und der Hip-Hop-Klamotten wegen von weitem für einen Amerikaner halten, wird auf Englisch gegrüßt. Auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes eine improvisierte Zeltstadt: Die Facebook-Jugend ist längst wieder an ihre gut bezahlten Arbeitsplätze zurückgekehrt – nur diejenigen, die nichts zu verlieren haben, sind geblieben. Freiwillige im Teenager-Alter kontrollieren Ausweise und Taschen aller Besucher, andere schlafen unter Wolldecken. „Die Revolution“, sagt Raqib, „spielt sich nicht mehr am Tahrirplatz ab. Wir haben sie längst mit nach Hause getragen.“

Ein Straßencafé im Stadtteil Heliopolis: Großzügig angelegte Boulevards, Kinoreklamen und klassischer europäischer Kolonialstil prägen das Viertel. Raheem Bedair trifft hier Freunde, bevor er von seiner Arbeit in der Marketing-Abteilung von Vodafone zurück in seine gated community am Stadtrand fährt. Für ihn war die Revolution auch ein Kampf um Karrieremöglichkeiten. Dafür, dass studierte junge Ägypter nicht mehr ins Ausland gehen müssen. „Bisher hievten die Chefs oft unqualifizierte Familienangehörige in hohe Positionen, während Absolventen mit Doktortitel vom Staat zu Hungerlöhnen beschäftigt werden.“ Er erzählt von einer Wissenschaftlerin, die in der Atombehörde für 50 Euro im Monat arbeite. Seine Vodafone-Arbeitskollegin Reham Reda vermutet, das liege auch daran, dass sie eine Frau sei. Man müsse endlich über Geschlechtergleichstellung reden. Die Frauen hätten ein gutes Drittel der Protestbewegung auf dem Tahrirplatz gestellt. Warum sollten sie da nicht auch im Beruf allein nach ihrer Qualifikation beurteilt werden? Die 25-jährige Reda spricht für viele junge Musliminnen, wenn sie erklärt, die Forderungen nach einem säkularen Staat „zu hundert Prozent“ zu unterstützen. Weil sie kein Kopftuch trägt, habe sie oft Anfeindungen erlebt. Ob sie sich da nicht eine Gesellschaft wie in Deutschland wünsche? Mit freier Kleiderordnung und allen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung? Reda war mehrfach im Westen. Aber dessen Hypersexualisierung und „Hippie-Ideen“ taugten für Ägypten nicht. „Uns Frauen nützen gewisse moralische Grenzen.“ So habe sie während ihrer Zeit auf dem Tahrirplatz keinen einzigen Fall sexueller Belästigung erlebt – für sie ein Vorgeschmack echter Demokratie. „So haben wir uns früher nie benommen. Jetzt müssen wir nur noch die perfekte Gesellschaft vom Tahrirplatz ausdehnen – auf das ganze Land!“
JONATHAN FISCHER
SZ, 16.3.2011

Raqib Al Nassery – Kairoer Rapper mit politischer Botschaft

Pionier in Nöten: Der Urvater des Hip-Hop DJ Kool Herc muss für eine Operation Geld sammeln

Sein und Haben: Zwischen diesen beiden Lebensphilosophien klafft im Hip-Hop ein gewaltiger Abgrund. Während es heute selbstverständlich ist, dass selbst Eintagsfliegen-Rapper in überlangen Limousinen vorfahren, ihre Gesichter für Handy-Werbung verkaufen, und eigene Sportschuh-Kollektionen auflegen, steht Kool Herc am anderen Ende des Spektrums. Auf der Seite des Seins. Der DJ aus dem New Yorker Stadtbezirk South Bronx hat Hip-Hop von der Stunde Null an gelebt. Der 55-jährige wird von Historikern als Erfinder des für den Hip-Hop fundamentalen „Break DJing“ anerkannt, dem Aneinanderreihen der besten Rhythmuspassagen mehrerer Platten zu einem durchgehenden Beat.

Zum ersten mal brachte er die Technik 1973 bei einer Party in einem Sozialbau seines Viertels zum Einsatz. Da konstruierte er aus Sekundenschnipseln bis zu fünfminütige Breakstrecken, und benutzte wie die DJs seiner Ex-Heimat Jamaika, das Mikrophon um die Tänzer mit „Shout Outs“ oder Raps anzufeuern.2007 erklärte die Stadt New York den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Sozialbaus 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx sogar offiziell zur Geburtsstätte des Hip-Hop. Ein Antrag auf Denkmalschutz läuft ebenfalls.

Kool Herc hat an seiner Erfindung allerdings nie viel verdient. Bis heute schlägt er sich mit Gagen fürs Auflegen durch. Fürs Mixen gibt es nach gängigem Urheberrecht keine Tantiemen. Zum Star hat er es nie gebracht. Fehlte ihm das nötige Charisma? Der Geschäftsgeist seiner Platten-produzierenden Jünger wie Grandmaster Flash & The Furios Five ? Oder war er schlicht und einfach seiner Zeit zu weit voraus?

Nun muss der Großvater des Hip-Hop gar die eigenen Enkel um Hilfe bitten: Der New Yorker Produzent DJ Premier teilte in seiner Radiosendung mit, dass Kool Herc ernsthaft erkrankt sei und sich wegen seiner Nierensteine einer Operation unterziehen müsse. Allerdings könne er die Kosten dafür nicht selbst aufbringen.

Wie so viele ärmere Amerikaner hatte sich auch Kool Herc nie eine Krankenversicherung geleistet. Und wer in den USA nicht versichert ist, muss größere Behandlungen meist teurer bezahlen, weil die Krankenhäuser günstige Bedingungen nur Versicherungskonzernen und nicht einzelnen Patienten einräumen. Dazu kommt, dass unversicherte Patienten einen Operationstermin nur gegen Vorkasse bekommen.

Nun führen DJ Premier und seine Kollege Tony Touch eine Twitter-Kampagne, um Spenden zu sammeln: „Wir können uns glücklich schätzen“, ermahnte Premier seine Fans, „dass wir im Hip-Hop noch einen der Väter unserer Kultur unter uns haben, während viele anderen Musikgenres nur noch ihre Verstorbenen verehren können.“ Spenden kann man auch auf Kool Hercs eigener Webseite http://www.djkoolherc.com.

Kool Hercs Technik am Plattenspieler hat den Pop revolutioniert. Hip-Hop ist heute Kern einer weltweiten Milliarden-Dollar-Industrie. Der DJ aber machte zuletzt Schlagzeilen, als er erfolgreich gegen den Spekulations-Verkauf und die Vertreibung der Mieter des Blocks 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx kämpfte, dem Geburtsort des Hip-Hop. Nun ist es an seinen Nachfolgern, ihn selbst zu retten.
JONATHAN FISCHER
SZ 9.3.2011