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Ungerührt wie ein Herzchirurg – Ernest J. Gaines schrieb über den Alltag der Schwarzen in den Südstaaten

Wie bewahrt man seine Würde in einer feindseligen, rassistischen Umgebung? Und was lässt einen Mann trotz aller Demütigungen aufrecht gehen? Das sind einige der wiederkehrenden Themen im Werk des afroamerikanischen Schriftstellers Ernest J. Gaines.

Sie befeuern auch sein wohl berühmtestes Buch, den 1993 erschienenen Roman „A Lesson Before Dying“: Jefferson, ein jugendlicher Afroamerikaner sitzt im Louisana der 40er Jahre unschuldig in der Todeszelle. Es gibt keine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Doch ein junger schwarzer Lehrer besucht den Todeskandidaten regelmäßig im Gefängnis: Um ihm zu zeigen, dass er eine Wahl hat. Dass er in der Lage ist der Verurteilung durch die Gesellschaft zu trotzen – wenn er nur seinen anfänglichen Zorn überwindet, der ihn wie das Tier handeln lässt, das die Weißen in ihm sehen. Jeffersons Heldentum ist ein innerliches: Es geht um eine spirituelle Haltung im Angesicht eines Urteils, das ihn auch wegen seiner Hautfarbe trifft. Geschickt spielt der Autor dabei immer wieder auf die Kreuzigung Jesu an. Gaines Roman gewann 1993 den Book Critics Circle Award, wurde erfolgreich verfilmt – und in deutschen Schulen als Unterrichtslektüre aufbereitet.

„Unser Leben wurde oft so erzählt, als ob wir keine Geschichte hätten“, sagte Gaines. Aber der 1933 auf der River Lake Plantation in der Kleinstadt Oscar, Louisiana, geborene Schriftsteller sollte das ändern: In seinen Romanen und Essays beschrieb er aus einer schwarzen Perspektive den Alltag der Menschen, mit denen er aufgewachsen war. Darunter seine körperlich verkrüppelte aber moralisch starke Großtante und Ersatzmutter Augusteen, die ihn zu seinem 1971erschienenen Roman „The Autobiogragphy of Miss Jane Pittman“ inspirierte. Gaines setzte seine Worte im kargen Blues-Rhythmus der Umgangssprache des ländlichen Südens. Als Jugendlicher hatte er für 50 Cent am Tag auf den heimischen Baumwollfeldern gearbeitet. Eine höhere Schule, die ihn als Schwarzen aufgenommen hätte, gab es nicht und so folgte er 1948 seiner Mutter nach Kalifornien. Aber auch von San Francisco aus blieb er seiner als „Bayonne“ fiktionalisierten Heimatstadt treu. Black Power-Aktivisten kritisierten den Autor später, er sei „nicht militant genug“. Gaines aber sah seine Aufgabe eher im Beobachten: „Ein Schriftsteller sollte so ungerührt bleiben wie ein Herzchirurg bei seiner Arbeit“.

Als Chronist einer Generation von Südstaaten-Schwarzen schwangen bei ihm stets universale Menschheitsthemen mit. „Ohne Liebe für meine Mitmenschen und Respekt für die Natur wäre das Leben obszön“.

Seit 1981 arbeitete Gaines als Writer in Residence und Professor an der University of Louisiana in Laffayette. Am Dienstag kam die Nachricht, der 86-jährige sei zu Hause gestorben. Zu Hause: Das war am Lebensende wieder die River Like Plantation, wohin Gaines mit seiner Frau gezogen war, um den Gräbern seiner Vorfahren und deren Geschichten näher zu sein.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.11.2019Ernest J. Gaines

Die Männer werden folgen: Die Psychologin und Bloggerin Fatouma Harber hat den Islamisten und dem malischen Staat die Stirn geboten – jetzt bildet sie in Timbuktu Frauen zu digitalen Aktivistinnen aus

IMG_1529Als Fatouma Harber in der Auberge du Desert eintrifft, nicken die Wachmänner mit den umgehängten Maschinengewehren der kleinen Frau fast ehrfürchtig zu. Jeder kennt sie in Timbuktu. Und jeder weiß, dass die 40-jährige Psychologin, Lehrerin und Bloggerin mit dafür verantwortlich ist, dass die „Mysteriöse“ und „Stadt der 333 Heiligen“, wie die Einwohner sie gerne nennen, heute nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen wird. Vielleicht hatte man sich eine militante Menschenrechts-Aktivistin anders vorgestellt. Irgendwie westlicher gekleidet. Weniger traditionell: Dass Harber – Hornbrille, schwarzer Hijab, bis zu den Knöcheln reichende Kleider – ihre strenge islamische Religiösität auch nach außen demonstriert, hat ihr in Timbuktu jedenfalls nicht zum Nachteil gereicht. Wer hätte gerade sie verdächtigt, während der Besatzung der Stadt durch Dschihadisten in den Jahren 2012 bis 2013 unter dem Pseudonym Fatittystar brisante Nachrichten aus der abgeschnittenen Stadt in die Welt zu schicken? Wer hätte hinter ihrer bewusst nüchternen Fassade den rebellischen Geist einer der bekanntesten Blogerinnen Malis vermutet?

„Als die bewaffneten Gruppen in unser Gebiet kamen, waren alle Ausländer, alle Journalisten geflohen. Wir waren uns selbst überlassen. Da fing ich an, den ganzen Tag darüber zu twittern, was hier vor sich geht: Über die ständigen Kleiderkontrollen, die Frauen, die von den Dschihadisten wegen angeblicher Sittenverstöße in der Polizeistation gefangen gehalten wurden, das Verbot, Musik zu hören oder auch nur an den Gräbern der Sufi-Heiligen zu beten…“ . Später als ausländische Medien ihre Berichte aufnahmen und Harbers Blog für einen Preis nominiert wurde, musste sie aus der Stadt nach Bamako fliehen. Aber sie kam zurück. Weil der Kampf nach der Befreiung der Stadt durch eine französisch-malische Interventionstruppe noch längst nicht gewonnen war. Auch heute noch gelte die Region um Timbuktu weitgehend als rechtsfreies Gebiet und Selbstbedienungsladen für militante Gruppen. Niemand sei hier sicher, sagt sie. Und nicht einmal die heimische Presse berichte darüber, wenn in einem abgelegenen Dorf geplündert und gemordet werde. „Heute sind wir immer noch Opfer, nur dass die Übergriffe nun auch von den Milizen und der malischen Armee kommen, die die Regierung angeblich hierherschickt, um uns zu beschützen.“

Dass Fatouma Harber das offen anspricht, macht sie verwundbar. Sie und ihre Familienmitglieder hätten Morddrohungen erhalten: „Die bewaffneten Gruppen betrachten meine Arbeit als Einmischung in ihre Geschäfte.“ Geschäfte, die oft illegal sind und auch den lukrativen Handel mit Kokain und Marihuana einschließen, der Transport der Rauschgift-Ladungen aus Kolumbien über die Wüste Nord-Malis und das Mittelmeer Richtung Europa ist ein Milliarden-Geschäft. Allerdings lässt sich Harber nicht einschüchtern: Seit einigen Jahren schon bildet sie heimische Frauen in digitaler Technik und ihrer politischen Nutzung aus. Sie hat so Dutzende von Bloggerinnen und Journalistinnen hervorgebracht. Ihr Bildungszentrum Sankoré-Labs – benannt nach dem Stadtteil Sankoré, wo vor 900 Jahren, zu einer Zeit also als Berlin noch ein Dorf war, in Koranschulen und Universitäten Gelehrte aus ganz Arabien lehrten – will den alten demokratischen Geist Timbuktus im Zeichen der Digitalisierung erneuern.

Doch bevor es um Menschenrechte, staatliche Korruption und die Rolle des Islam geht, will sie erst mal über einen ihrer ehemaligen Schüler reden: Mohammed Ag Khaedy. Er war während der Besatzung einer der lokalen Anführer der Dschihadistengruppe Ansar Dine gewesen. Heute morgen hatte sich ein Selbstmordattentäter dieser inzwischen als JNIM firmierenden Bewegung dem einzig verbliebenen Hotel der ehemaligen Touristen-Attraktion Timbuktus genähert. Die Auberge du Desert, das selbe Hotel, in dessen neon-beleuchtetem Speisesaal wir nun das Interview führen. Harber kennt einige der Dschihadisten nur allzugut Mohammed Ag Khaedy etwa sah sie im Fernsehen, als er zusammen mit anderen mit Spitzhacke bewaffeneten Dschihadisten ein Grabmal eines Sufi-Heiligen zerstörte. „Er war ein wohlerzogener Tuareg-Junge“, sagt Harber, die mal seine Lehrerin war. „Zwar hat Ag Khaedy aufgrund seiner religiösen Erziehung schon damals Frauen nicht die Hand gegeben – aber das war nicht bösartig. Oft hat er mir aus seinem Dorf handgefertigten Schmuck aus Kamelleder mitgebracht“.

Ein Kommuniqué der Ansar Dine Nachfolgeorganisation JNIM verkündet am nächsten Tag, „einer unserer Märtyrer“ habe seine Mission erfolgreich abgeschlossen und fünf ungläubige Franzosen in den Tod befördert. Eine Falschmeldung. Tatsächlich hatte sich der Attentäter nur selbst in die Luft gejagt. Die Hotelgäste, ein paar malische Musiker, Fotografen und Frauenaktivistinnen kommen mit dem Schrecken davon. Angereist waren sie für ein Kulturfestival mit Konzerten, Lesungen und Führungs-Workshops für Frauen. Der Bürgermeister der Stadt hatte die Besucher in seiner Eröffnungsansprache als „Zeichen der Normalisierung“ gefeiert. Nun lassen die Gastgeber mich nur noch streng bewacht, verkleidet in Tuareg-Gewänder und Turban mit Sehschlitz außer Haus. Harber aber gibt sich unerschrocken: „Klar, dass wir das Festival nicht abbrechen. Sonst lassen wir sie gewinnen – und bleiben frustriert zurück.“ Auf ihrem Twitter-Account meldet sie in den letzten Wochen: Vier Entführungen oder Entführungsversuche lokaler Amtsträger und Geschäftsmanner. Schüsse auf fahrende Autos. Und die gewaltsame Entwendung eines Krankenwagens.

Dennoch denkt Harber nicht daran, fortzugehen: „Mich treibt vor allem eine Frage um: Wie können wir den Frauen helfen, wieder auf die Beine zu kommen?“ Diese seien einerseits die Hauptleidtragenden der Besatzung und nachfolgenden Krise. Andererseits könne sie auf die Tatkraft der Frauen zählen: „Frauen haben schon immer die Führerschaft in Timbuktu übernommen. Wenn sie vorangehen folgen die Männer nach“. Harber selbst steht für diese weibliche Unbeirrbarkeit. Als der Staat 2012 die Order ausgab, an eine Schule nach Bamako zu wechseln, blieb sie trotzdem da. Sie absolvierte dank einer holländischen NGO eine Ausbildung als Bloggerin. Und als die Organisation 2015 beschloss, Mali zu verlassen, machte sie einfach auf eigene Faust weiter. Sie übernahm das Mobiliar und die 15 Computer, rekrutierte ein Team von Freiwilligen und nannte das ganze Sankoré Labs: Ein Ort, an dem sie vor allem Frauen und Jugendliche in digitaler Technik und ihrer journalistischen Nutzung unterrichtet. Harber selbst gründete einen Verband malischer Blogger. Als deren Präsidentin achtet sie vor allem auf journalistische Standards. Und strikte Unabhängigkeit: „Die traditionellen Presseorgane und Radiosender haben allesamt politische Sponsoren. Ohne deren Unterstützung könnten sie gar nicht ihre Rechnungen zahlen. Und dieser Einfluss färbt auch auf die Berichterstattung. Deswegen sind wir Blogger wichtig: Man kann uns nicht so einfach kaufen.“

Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie erzählt von Selbsthilfe-Initiativen, die man sich vor der Krise kaum habe vorstellen können: Etwa der Aufräumaktion, in der Freiwillige jeden siebten Sonntag die Straßen entmüllen und reparieren. Sie unterstützt auch die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von „Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits“ . Und hat mit Sankoré-Labs Debattier-Clubs ins Leben gerufen. Schüler aller höheren Bildungseinrichtungen studieren dafür die politischen Nachrichten und Journale, um sich schließlich in einem preisgekrönten Debattier-Wettbewerb zu messen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche, sagt Harber, der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften. „Warum glauben Sie, haben die Dschihadisten sich ausgerechnet Timbuktu als Zielscheibe gewählt? Weil wir hier Toleranz leben.“ Die Gotteskrieger hätten ein Exempel an der für ihre Wissenschafts-Tradition berühmten Stadt statuieren wollen. Nur die wenigsten Dschihadisten seien aus Timbuktu selbst gekommen. Vielmehr hätten in Saudiarabien geschulte Prediger seit den Achtzigerjahren die Stadt aufgesucht – und mangels Zuspruch der Bevölkerung, Gläubige mit Essen und Geldgeschenken in ihre Moscheen am Stadtrand und auf den Dörfern gelockt. Auch ihr Schüler Ag Ghaly habe sich dort radikalisiert. Harber sagt: „Wir hatten aufgrund unserer Religion den Dschihadisten gegenüber eine Haltung der Passivität. Heute würden sie uns nicht mehr so leicht unterkriegen.“

Trotzdem sieht Harber die Zukunftsperspektiven Timbuktus skeptisch. Nicht die Islamisten seien das größte Problem. Sondern die Gleichgültigkeit des malischen Staates. Alle sozialen Initiativen vor Ort würden ausschließlich von ONGs getragen. Und dann erst der Zustand des Straßennetzes! Harber hat in den letzten Wochen auf Twitter den Kampf der Einwohner für die Instandsetzung der Überlandstraße vom Süden nach Timbuktu dokumentiert. Eine Schlammpiste, die zur Regenzeit oft unpassierbar wird. Seit Jahrzehnten schon dauere dieser Zustand an – während Milliarden Francs an Entwicklungsgeldern rund um die Hauptstadt Bamako versickerten. „Dritte Nacht der Blockade des Militär-Flughafens durch Demonstranten“, meldet Harber am 8.9. unter dem Hashtag „Tombouctouveutuneroute“. Dazu ein Bizeps-Emoji. Drei Tage später kommen tatsächlich drei Minister aus Bamako und unterschreiben ein Abkommen über die Fertigstellung einer Überlandstraße und der Sanierung des maroden Krankenhauses. Ein Etappensieg für Harber und ihre Verbündeten. Das nächste Projekt: Eine Kampagne zur Senkung der horrenden Online-Gebühren durch die zwei malischen Monopol-Telefongesellschaften – damit mehr Bürger sich im Netz informieren und austauschen können. „Ein Parlamentsabgeordneter“, sagt Harber, „hat uns Blogger als Drogenabhängige geschimpft. Aber sie können uns nicht stoppen. Wenn sie die sozialen Netzwerke blockieren, finden wir einen Umweg“. Harber nestelt an ihrer Brille – und lächelt zum ersten mal vorsichtig. „Vielleicht sind wir wirklich berauscht. Berauscht von Demokratie.“

JONATHAN FISCHER

Ohne die Regeln der Jazz-Polizei – Das Londoner Afrobeat-Kollektiv „Kokoroko“

Die Jazz-Welt hat ein Problem. So viel Freiheit diese Musik auch ausstrahlen mag, so elitär und geschlossen wirkt oft der Club ihrer Liebhaber. „Lange Zeit“, sagt Sheila Maurice-Grey, eine Londoner Jazz-Trompeterin mit westafrikanischen Wurzeln, „war unser Publikum vorwiegend älter, weiß und kam aus der Mittel- und Oberschicht. Nichts gegen Senioren, aber wir haben ein anderes Ziel: junge Menschen zu erreichen, die so aussehen wie wir.“ Maurice-Grey ist Teil einer Szene, die inzwischen genau das erreicht hat: Jazz wieder hip zu machen. Die Avantgarde zurück auf die Straße und in die Clubs zu bringen.

  Ihre amerikanischen Kollegen Kamasi Washington und Thundercat hatten auf der anderen Seite des Atlantiks vorgearbeitet: Seit Gastauftritten auf Kendrick Lamars Album „To Pimp A Butterfly“, 2015, begeisterten sie eine neue Generation für ein vermeintlich verstaubtes Genre. Gleichzeitig zündelte in London eine Szene junger Revolutionäre. Musiker wie Zara McFarlane, Shabaka Hutchings, Moses Boyd oder das Ezra Collective orientieren sich nicht mehr an den Standards, die Jazz in der Vergangenheit gesetzt hatte. Ja, sie müssen überhaupt keinem Genre mehr gehorchen. Stattdessen werfen sie zusammen, was sie am polyglotten Straßenleben Londons schätzen: gebrochene Beats, afrikanische und karibische Sounds, Funk und Punk – oder auch stundenlange Tuba-Schlagzeug-Duelle. Why not?

„Schwarz, britisch und jung“, sagt Maurice-Grey, das reiche als Definition. Mit einigen schwarzen Musikerkolleginnen hat sie das weibliche Jazz-Kollektiv Nérija ins Leben gerufen. Berühmter noch ist ihre zweite Band, das experimentelle Afrobeat-Outfit Kokoroko, dessen Name im westafrikanischen Orobo „bleib stark“ bedeutet und das beweist, dass Qualität, Originalität und Pop-Appeal sich nicht ausschließen müssen. 34 Millionen Klicks hat ihr verträumt-melancholisches Stück „Abusey Junction“ bereits gesammelt – Zahlen, von denen selbst die Superstars des Genres kaum zu träumen wagen. Afro-Folk plus Jazz-Ambiente hoch Inner-City-Coolness. So etwa könnte die Formel für den Kokoroko-Sound lauten. Fünf der zur Hälfte weiblichen Bandmitglieder haben nigerianische Wurzeln. Das hört man. Offensichtlich sind gerade die Bläser tief in die Plattensammlung ihrer Eltern und Großeltern eingetaucht. Highlife und Afrobeat-Stilistiken, selbst schon jazzbeeinflusste Hybride treffen da auf die unakademische Coolness des jungen migrantischen London.

  „Alle bringen ihre Kultur und ihre Wahrheit ein“, erklärt Maurice Grey, „und machen das zu einem britischen Ding.“ Das klingt angesichts der Brexit-Debatte wie eine heilsame Wahrheit. Was wäre der britische Pop ohne diese Offenheit? Und wer schert sich um die Jazz-Polizei, wenn es gelingt, abseits der Major Labels und renommierten Konzerthallen junge Menschen wieder für Jamsessions und Improvisationsabenteuer zu begeistern?

  Angefangen hatte Maurice Grey als Mitglied eines Jugendprojekts, der Straßen-Karneval-Truppe Kinetica Bloco, wo sie den späteren Kokoroko-Schlagzeuger Onome Edgeworth kennenlernte. Wichtiger noch für ihre musikalische Entwicklung: Die „Tomorrow’s Warriors“, eine von Veteran Gary Crosby gegründete Talentschmiede, die vor allem schwarze und weibliche Musiker adressierte und ihnen die Möglichkeit gab, mit arrivierten Jazzern zu jammen und sich zu professionalisieren. Auch Zara McFarlane, Moses Boyd, Shabaka Hutchings oder die Kokoroko 2Saxofonistin Nubya Garcia durchliefen diese Schule.

  2018 sollte Gilles Petersons Label Brownswood auf der Kompilation „We Out Here“ einige der Stars dieser Szene vorstellen. Kokorokos „Abusey Junction“ lieferte dabei den heimlichen Hit. Wer konnte dieser von harmonischen Bläserriffs getragenen Gitarrenlyrik widerstehen? Auf einer im März 2019 veröffentlichten EP zeigte das Kollektiv seine ganze Bandbreite. Vom zurückgenommenen afrikanischen Walzer „Ti-de“ bis zum rhythmisch anschwellenden Afrobeat von „Uman“, einer Hymne an den Kampf schwarzer Frauen. Am stärksten aber kommt der Gemeinschaftsgeist von Kokoroko immer noch live rüber – vor einem Publikum, das immer öfter so aussieht wie sie.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.10.2019

Dem Unkraut eine Chance – Alain Mabanckous Roman „Petit Piment“

Schon der Name des Jungen fühlt sich an wie ein Auftrag, dem er niemals gerecht werden kann. Der Schüler eines Waisenhauses, der von den Respektlosen einfach Mose gerufen wird, heißt eigentlich „Tokumisa Nzambe po Mose yamoyindo abotami namboka ya Bakoko“, was aus dem Lingala übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie: „Wir wollen Gott dafür danken, dass der schwarze Moses im Land seiner Vorfahren geboren wurde“.

  Zu verdanken hat Mose alias Petit Piment seinen Bandwurmnamen einem katholischen Pater. Papa Moupon ist die einzige Vaterfigur im Leben der Kinder des Waisenhauses von Loango, einem Vorort der kongolesischen Hafenstadt Ponte Noire. Sein zweiwöchentlicher Besuch wird von allen sehnsüchtig erwartet: „Während der zwei Stunden vergaßen wir, wer wir waren und wo wir uns befanden. Wenn Papa Moupelo richtig in Fahrt kam und die Sprünge eines Frosches nachahmte, um uns den berühmten Pygmäentanz aus seinem Heimatland Zaire vorzuführen, drang unser Gelächter bis nach draußen vor das Waisenhaus“. Später sollten die Jungen tagelang dieses Erlebnis kommentieren, in ihrem Schlafsaal die Schrittfolgen nachahmen, „bis die sechs Männer von der Aufsicht in ihrer Eifersucht auf den Einfluss, den der Gottesdiener auf uns hatte, ihre Peitsche schwangen“.

  So beginnt „Petit Piment“ von Alain Mabanckou. Der kongolesische Schriftsteller, Essayist und Dichter hat seinen neuen Roman den „Herumtreibern der Cote Sauvage“ gewidmet, die ihm während eines Aufenthalts in seiner Geburtsstadt Pointe Noire „einige Kapitel aus ihrem Leben erzählten“. So besagt es die Widmung zu Beginn des Buches. Mabanckou, der zur Zeit eine Professur an der Universität in Los Angeles inne hat, gehört spätestens seit seinem 2005 erschienenen Roman „Zerbrochenes Glas“ zu den großen zeitgenössischen Geschichtenerzählern Afrikas.

  Ende der Achtzigerjahre war er für ein Jura-Studium nach Paris gekommen. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als juristischer Berater für einen Wirtschaftskonzern, um nebenbei zu schreiben. Seine Themen lieferte ihm seine eigene Geschichte: Mit wütendem Witz und viel Folklore porträtierte er die Lebenswelten der schwarzen Communities von Paris wie auch des Kongo-Brazzaville seiner Jugend. Für sein Gesamtwerk – zu dem Romane wie „Black Bazar“ und „Stachelschweins Memoiren“ gehören – gewann Mabanckou den französischen Grand Prix de Littérature.

  Als der Schriftsteller 2012 zum ersten Mal nach 23 Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrte, schrieb er „Die Lichter von Pointe-Noire“, eine bittersüße Spurensuche nach der eigenen Familie. „Petit Piment“ nimmt das Thema Heimat noch einmal auf. Nur dass die Romanhelden nun junge Waisen wie Mose sind. Oft sind diese Kinder von ihren Familien, die damit überfordert waren, noch einen Mund zu stopfen, ins Waisenhaus abgeschoben worden – wo sie ein Leben voller Grausamkeiten, Gewalt und Willkür-Herrschaft erwartet. Ein Abbild der kongolesischen Überlebens-Hierarchie der 70er und 80er Jahre im Kleinen.

  Wo aber können diese jungen Seelen Heimat oder gar Geborgenheit finden? Mabanckou bedient sich wie viele der Klassiker der afrikanischen Literatur der kindlichen Perspektive. Petit Piment erzählt uns seine Welt. Und erst sein unschuldiger Blick entlarvt die Verlogenheit der Erwachsenen, ihre Korruption, die sich auch im Alltag des vom Kinderhasser Dieudonné Ngoulmoumako regierten Waisenhauses manifestiert: Mütter leisten ihm ihren Schützlingen zuliebe sexuell Gefälligkeiten. Seine Aufseher hat er allesamt aus der eigenen Verwandtschaft rekrutiert. Das schillernde Personal reicht vom Prügel-Junkie bis zum Leichenschänder. Petit Piment und seine Kameraden aber haben lediglich zu folgen – und dürfen auf keinen Fall kritische Fragen stellen.

  Auch dann nicht, als Papa Moupelo eines Tages nicht mehr kommt. Seine Lieder und Tänze – so der kleine Mose – hatten „zu einem für jeden erschwinglichen Preis Hoffnung auf ein besseres Leben“ gemacht. Nun aber gilt der alte Glaube nicht mehr. Der „wissenschaftliche Sozialismus“ wird ausgerufen. Eine neue, durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Regierung erklärt Papa Moupelo wie alle Kirchenmänner zu „Handlangern des Imperialismus“. Und Direktor Dieudonné, der einer im Machtkampf unterlegenen Ethnie angehört, hält seine Stellung vor allem durch Speichelleckerei. Er lässt öffentliche Anschläge mit den Reden und Heldentaten des neuen sozialistischen Präsident anbringen – und alle Schüler bestrafen, die diese nicht fehlerfrei aufsagen können. Doch auch wenn die „Revolution über uns kam wie ein Regen, den selbst unsere ruhmreichsten Fetischeure nicht hatten kommen sehen“, dann entfaltet sie doch eine ganz unfreiwillige Komik. Der neue Präsident soll bereits als Kind ein Krokodil am Schwanz gepackt, mit einer Ohrfeige betäubt und lebendig bei seiner Großmutter abgeliefert haben, damit sie Fleisch für das ganze Dorf kocht? „Laut Dieudonné war der neue Präsident ein Pendant zu Jesus Christus“. Und: „Mit der Schaffung der Kongolesischen Arbeiterpartei, der Vereinigung der sozialistischen kongolesischen Jugend und der nationalen Pionierbewegung hatte er lediglich das befolgt, was ihm unsere Ahnen im Schlaf eingegeben hatten“. Eine Groteske, die allerdings für Kenner der politischen Realitäten der beiden Kongos kaum übertrieben wirkt.

Wen wundert es, dass die Schüler rasch vom Opportunismus ihrer Vorgesetzten lernen? Mose steigt zu „Petit Piment“ auf, der kleine Pfeffer, nachdem er in einer Racheaktion für seinen besten Freund den als Schrecken des Schlafsaals agierenden Zwillingsbrüdern Songi-Songi und Tala-Tala heimlich Pfeffer in ihr Trinkwasser gemischt hatte. Sie machen ihn darauf zu ihrem Kumpel und Handlanger. Doch als die drei gemeinsam aus dem Waisenhaus türmen, erwartet sie auf den Straßen von Pointe Noire kaum ein besseres Leben. Der Bürgermeister führt seinen Wahlkampf mit einer Kampagne gegen die „Stechmücken“. Gemeint sind die Straßenkinder. Er lässt sie vom Markt vertreiben, wo sie mit Diebstahl und Bettelei ein Auskommen hatten. Nun treiben sie sich an der Cote Sauvage herum, lassen sich von den Zwillingsbrüdern ihre Einkünfte abpressen und – zum Grauen von Petit Piment – auch mal einen Hund oder eine Katze den Kochtopf wandern. Er sieht die Welt immer noch durch staunende Kinderaugen: Warum misstrauen sich in seiner Bande die Lahmen und die Blinden, wenn sie sich doch gegenseitig helfen und gemeinsam stärker sein könnten?   

  Die Begegnung mit einer zairischen Prostituierten namens Fiat 500 beschert Petit Piments Leben eine Wende: Die großherzige Puffmutter nimmt ihn unter ihre Fittiche. Sie lässt den Straßenjungen Besorgungen für ihre Mädchen machen, und diese ziehen in als Gesprächspartner ins Vertrauen. Zum ersten mal fühlt sich Petit Piment daheim. Ausgerechnet bei den Bordell-Mädchen. Fiat 500 findet über ihre Beziehungen sogar einen Job als Hafenarbeiter für ihren Schützling. Doch das Happy-End bleibt aus. Petit Piment, der schon seine Eltern, Papa Moupelo und die von ihm geliebte Internats-Schwester Sabine verloren hat, wird auch dieser Familie beraubt. Vom einen Tag auf den anderen verschwinden Mama Fiat 500 und ihre Mädchen spurlos. Diesmal hatte es der Wahlkampf des Bürgermeisters auf die Prostituierten aus Zaire abgesehen – vom einstigen Bordell ist nur noch ein Trümmerfeld geblieben. Für Petit Piment ist das zuviel. Er verliert den Verstand. Beklagt sich über bösartige Zwerge und verlorene Adverbien und trudelt einem ebenso tragischen wie überraschenden Ende zu.

  „Wir müssen unsere Vorstellung tropikalisieren“, hat Mabanckou, der als Schulkind noch Marcel Proust lesen musste, von der afrikanischen Literatur gefordert. Dafür hat er einen ganz eigenen, üppig wuchernden Erzählstil gefunden: Mal mäandert er in die afrikanische Mythologie, erzählt von Ahnenverehrung und Aberglauben – oder schildert ironisch die Rituale der Bordell-Kunden wie auch die Selbstbeweihräucherungen aller möglichen Autoritäten vom Psychiater bis zum traditionellen Heiler. Das kann urkomisch sein. Und trägt doch immer auch eine gewisse Wut und Trauer mit sich. Kann es sein, dass seine Landsleute bei allem Optimismus in die immer gleichen Korruptionsfallen tappen? In zahlreichen Anekdoten verflicht Mabanckou die Geschichte des Kongo mit der Biografie seiner Figuren. Mal geht es um die 5 000 kubanischen Soldaten, die Fidel Castro für die Revolution über den Kongo nach Angola schickte, mal um die irren Machtspiele von Zaires Diktator Mobutu.

  Und dann sind da noch die post-kolonialen Reflexe, etwa wenn der Waisenhaus-Direktor Dieudonné einer Parteikommission, die die Misstände in seiner Anstalt untersucht, entgegnet, man solle „nicht alle Waisenhäuser verdächtigen Orte der Pädaphilie zu sein. Das gibt es nur in Europa. Nicht bei uns“. Dass die Geschichte dennoch ein menschliches Gesicht behält, das verdankt sich vor allem den Frauenfiguren: Sie sind es, die obwohl immer auch Opfer, Stärke und Mitgefühl zeigen. Sie wollen zumindest ihre Kinder retten.

  Und stellen sich wie etwa Schwester Sabine schützend vor Petit Piment, verarzten die Wunden, die ihm die Peitschen der Aufseher zugefügt haben. Vor allem aber bringen sie einen lebensrettenden Pragmatismus ins Spiel: „Ich bin Unkraut“, erklärt Fiat 500 ihrem Schützling einmal, „aber ich bin auch das Glück einiger Männer in diesem Viertel, nicht mehr und nicht weniger“. Und Petit Piment weiß, dass allein das zum Leben reicht. Dass im Reich der Verwüstung manchmal nur das Unkraut eine Chance hat.

Alain Mabanckou: Petit Piment. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag, 2019. 239 Seiten, 20 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 14.10.2019Mabanckou

Kinshasa Punk, Nouakchott Blues – Afropop Kolumne

Tinariwen waren die ersten, die ihre Gitarren elektrifizierten. Die ersten auch, die vor knapp zwei Jahrzehnten den Westen für den Tuareg-Rock begeisterten. Nie aber schlurfte der Sahara-Blues lässiger als auf „Amadjar“ (Wedge). Verzerrte Gitarren folgen subtil verschnörkelten Schaukel-Rhythmen. Pentatonische Riffs perlen in aufreizender Trägheit aus den Verstärkern. Dazu singen Baritonstimmen in eine gefühlt endlose Weite hinein. „Verloren in der Nacht hat mich mein Durst geweckt/ meine Seele ist verwirrt, ich glaube keinem mehr…/ ich bin der Sohn von Gazellen geworden, die durch die Wüste streifen…“ So wie „Tenere Maloulat“ dreht sich das ganze Album um den politischen und persönlichen Verrat, die korrumpierende Macht des Geldes – und die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die von Bürgerkriegs-Wirren gebeutelte Heimat Nord-Mali. Alles natürlich in der bildhaften Poesie des Tamashek. Einige der Bandmitglieder hatten einst mit der Waffe für einen Tuareg-Staat gekämpft, um in den 90er Jahren ihre Kalaschnikows gegen E-Gitarren einzutauschen. Der Rebellen-Mythos schmückt sie noch immer – und verstärkt die Anziehungskraft ihres epischen Wüstenblues im Westen. Wie aber lässt sich die raue Magie ihrer Live-Auftritte bei Hochzeiten und Festen im Studio einfangen? So tourten Tinariwen diesmal in einem zum mobilen Aufnahmestudio umgebauten Kleinbus durch die West-Sahara. Abends beim Lagerfeuer auf den Dünen wurde mitgeschnitten. Um schließlich im Studio in Mauretaniens Hauptstadt Nuakchott die wunderbar schneidenden Sirenen-Gesänge von Mouria Mint Seymali in den Mix zu werfen. Erst im Nachgang kamen auch noch westliche Gäste dazu: Da liefern etwa Gitarrist Micah Nelson, der Sohn von Willie Nelson, oder Nick Caves exztenrischer Soundtüftler Warren Ellis ganz wunderbare Country-Blues-Färbungen. Letzterer spielt Violine und setzt gekonnt elektronische Effekte ein, die mal wieder deutlich machen, wie nah sich Mississippi und Niger kommen.

Dass eine der besten Afrojazz-Bands der Welt ausgerechnet aus Kopenhagen kommt – das kann in dieser globalisierten Welt schon passieren. Doch wenn The Kuti Mangoes auf ihrem letzten Album vor allem die Impressionen aus einem Feldtrip nach Mali und Burkina Faso in verarbeiteten, verschieben sie auf „Afrotropism“ den Akzent: Weniger Retro-Highlife, mehr nordischer Jazz und Experiment. So fordern bereits die ersten Takte des Openers „Stretch Towards The Sun“ mit sirrenden Synthesizer-Riffs heraus. Inspiriert ist das angegblich von den polyrhythmischen Riffs eines afrikanischen Balafons – das Ergebnis erinnert in seinen besten Momenten an eine Afro-Version von Joe Zawinul und seinem Syndicate. In seinen schlechteren bleibt es einfach eine Nervenprobe. Jedenfalls riskieren die Dänen einiges, wenn sie etwa auf „A Snake Is Just A String“ den malischen Gitarren-Blues eines Ali Farka Touré mit synthetischen Sounds nachbilden, sie in „Call Of The BulBul Bird“ Afro-Rock, elektronische Percussion und Samba zusammenbringen. Nach den ersten Schreckminuten landen sie dann doch in akustischem Groove-Gelände. Und da funktioniert sowohl die Afrobeat-Message von „Money Is The Curse“ auch als auch die von einem Ngoni-Sample getriebene Jam „Sand to Soul“ ganz hervorragend.

Vorbei die Zeit, als der Kongo noch verlässlich für süßliche Rumba-Klänge stand. Zwischen Paris und Kinshasa brauen sich stattdessen dunkle Gewitterwoken zusammen, treffen gebrochene Beats, Tiefstbässe und ekstatische Chants aufeinander, gelten Genres nichts mehr und die Energie alles. Das zumindest suggeriert „No Romance“ (Glitterbeat) Es ist die erste EP vom Bantou Mentale und Vorbote eines Ende Oktober erscheinenden Debut-Albums. Dahinter stecken drei kongolesische Veteranen. Plus Liam Farrell alias Doctor L. Der irischstämmige und in Paris aufgewachsene Musiker und Produzent hatte im letzten Jahrzehnt schon einige afrofuturistische Projekte angestoßen: Unter anderem die Amazones d‘ Afrique oder die aus Teilen von Staff Benda Bilili hervorgegangene Band Mbongwana Star. Letztere schoss den kongolesischen Pop in ein elektronisches Universum zwischen Ambient und frühem Chicago House. Bantou Mentale aber zielt noch weiter. Kracht, Funkt. Und schrammt an den Grenzen eines düsteren afrikanischen Blade Runner Soundtracks. Aber: „Der Kongo ist ein Land von großer spiritueller Sanftheit“. Das sagt Drummer und Songwriter Cubain Kabeya. Und tatsächlich kann man Sanftheit inmitten des Lärms spüren. Immer wenn das Hexen-Gebräu droht, zu artifizell zu werden, werfen sich ein paar klingelnde Gitarren-Riffs dazwischen, hieven ätherische Chor-Gesänge die Songs in anderweltliche Sphären irgendwo zwischen Traum und Alptraum. Es ist genau der Punk, auf den man angesichts der rohen, überlebenswütigen Straßenkultur Kinshasas immer gehofft hatte.

JONATHAN FISCHER

SZ 8.10.2019Bantou Mentale EP

Danke Digger! Afropop-Kolumne

Nachdem um die Jahrtausendwende herum Plattensammler und Rare-Groove-Fetischisten noch die letzte Soul-Single aus den Lagern irgendeines Ware Houses in den Südstaaten gezogen hatten, alle raren B-Seiten und unveröffentlichten Studiotakes jeder lokalen Funk-Band wiederveröffentlicht worden waren, kam die Frage auf, ob man nicht mal den Blick auf die andere Seite des Atlantiks richten sollte. Warum nicht die afrikanische Verwandtschaft von Jazz, Soul und Funk suchen? Und nach vergessenen Klangschätzen des schwarzen Kontinents schürfen? Als der Berliner DJ Frank Gossner vor 15 Jahren bei einem Plattenkaufzug in Philadelphia zufällig auf eine Platte des nigerianischen Tabansi-Labels stieß, war er elektrisiert: Der psychedelische Afrobeat eines Musikers namens Pax Nicholas klang anders als alles, was er bisher gehört hatte. Etwas später saß er im Flugzeug Richtung Westafrika. Er wühlte sich durch aufgegebene Plattenläden, gab Anzeigen auf und klebte Poster mit den von ihm gesuchten Platten. Der Berliner wurde zum Pionier für eine ganze Schar von Sound-Archäologen, die damals Afrika als Ausgrabungsstätte für seltenes Vinyl entdeckten.

  Unter anderem „Analog Africa“, „Strut Records“, „Soundway“ und „Mr. Bongo“ veröffentlichten die in den Archiven von Radiostationen, Nachlässen von Musikern und Lagern einstiger Plattenfirmen aufgespürten Tonaufnahmen. Stellten diese archäologischen Trips nicht eine Form von Neokolonialismus dar? Hätte man die Tonträger als historische Kulturzeugnisse nicht besser in Afrika lassen sollen?

  Bezeichnenderweise wurde diese Diskussion nur im Westen geführt – und unter Auslassung der Fakten: Meist hatte sich niemand vor Ort für die Schallplatten interessiert. Hätten ihnen ein paar rührige Wiederveröffentlichungslabel nicht ein zweites Leben geschenkt, wären sie für eine jüngere Generation verloren gewesen, aus dem Kultur- und Geschichtsgedächtnis Afrikas gelöscht. Zudem darf man die meisten der Wiederveröffentlichungen als reine Liebhaberei betrachten. So auch im Fall des Londoner Labels BBE (Barely Breaking Even, deutsch: „Gerade mal rentabel“), das den gesamten Backkatalog des nigerianischen Labels Tabansi offiziell lizenziert hat.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte Chief Tabansi mit eigenen Studios und Vinylpresswerk in Lagos die Lücke gefüllt, die der Abzug westlicher Plattenfirmen aus Westafrika hinterlassen hatte. Nun legt BBE die ersten acht von geplanten 60 Reissues vor: Im Originaldesign – mit krachigen, mal an Disco-Mode, mal an Afro-Folklore erinnernden Covers. Und natürlich neben CD auch auf Vinyl.

  Um es vorwegzunehmen: Nicht alle der Wiederveröffentlichungen werden die Gemeinde der Afrobeat- und Rare-Groove-Fetischisten ansprechen. Gerade in den Achtzigerjahren kopierten viele nigerianische Künstler die Popmoden aus Amerika. Im besten Fall funktioniert da ein Album wie Nkono Teles’ Album „Partybeats“ als Fundgrube für Hip-Hop-DJs und Breakbeat-Bastler, die sich am Charme der rumpelnden Synthies und ungeschliffenen elektronischen Effekte berauschen.

Aber dann bleiben doch einige ganz famose Fundstücke: Etwa Zeal Onyias „Trumpet King Zeal Onyia Returns“ ein energiestrotzendes, frisch-fröhliches Highlife-Album des von Louis Armstrong als „highlife hep cat of Nigerian Jazz“ gehypten Trompeters, er hatte zuvor in Deutschland klassische Musik studiert. Eine weitere Highlife-Preziose ist die von afrokubanischen Bläsersätzen angetriebene „Dytomite Starlite Band Of Ghana“. Oder Ojo Balingos „Afrotunes“: eine Rarität, die repetitive, percussionlastige Juju Sounds mit Psych-Rock-Gitarren hochkocht. Auch der ghanaische Afrobeat-Pionier Ebo Taylor ist mit „Palaver“ vertreten: Er hatte das Album während einer Tournee in Nigeria aufgenommen, wo es dann in den Studioregalen verstaubte. Sollten Geld oder Neugier aber nur für ein einziges Album ausreichen, dann empfiehlt es sich unbedingt, hier reinzuhören: „Ewondo Rhythm“ von Ondigui und Bota Tabansi International. Die silbrig klingelnden Gitarren des kongolesischen Soukous, Highlife-Bläser und Harmoniegesänge entfachen auch vier Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung ihre Magie. Frisch klingt das. Und – auf eine leichtfüßige Art – funky. Kein Wunder, dass die kolumbianischen Champeta-Soundsystems (sie kombinieren Afro- und Latinstile) auf der anderen Seite des Atlantiks dieses Album seit Langem auf ihren Playlists haben und ambitionierte DJs Unsummen für „Ewondo Rhythm“ hinlegen. Auch deshalb noch mal ein Danke an alle Vinyl-Archäologen: Afrika braucht Digger, die solche Kulturschätze für alle zugänglich machen!

JONATHAN FISCHER

SZ 27.8.2019bbe tabansi ewondo rhythm

LIEBE FUNKTIONIERT ANDERS ALS ICH DACHTE Was haben abwesende Väter, Missbrauchserfahrungen und Therapie mit HipHop zu tun? Ein Interview mit HipHop-Star Common über seine neue Biographie und sein Album „Let Love“

Common, 1972 als Lonnie Rashid Lynn 1972 in Chicago geboren, hatte HipHop in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder neue poetische und politische Impulse gegeben. Darüber hinaus ist der 47-jährige ein gefragter Hollywood-Schauspieler (u.a. „Terminator Salvation“, „John Wick“, „American Gangster“) und Oscar-Preisträger. Mit seinen im Mai erschienenen Memoiren „Let Love Have The Last Word“ gelang Common nicht nur ein Bestseller – er verwertet die darin gewonnenen Einsichten auch für sein neues Album „Let Love“.

In Ihrer neuen Biographie wie auch Ihrem Album „Let Love“ geht es um Heilung und Gemeinschaft. Hat denn HipHop nicht eher den Ruf, im Dienste des Ego zu stehen, zu provozieren?

Common: Eine wichtige Kraftquelle des HipHop liegt bis heute im Soul, einer Musik der es stets um das Wir, die Gemeinschaft ging. Ich sehe mich da in der Tradition von Stevie Wonder, Marvin Gaye, Nina Simone und Curtis Mayfield. Abgesehen davon habe ich natürlich ein Ego. Warum auch nicht? Mann muss nur lernen, es für das Wir auch mal zur Seite zu schieben.

Sie reden in Ihrer Biographie wie Ihren neuen Songs über Ihre Krisen als Mann und Vater, und erzählen sogar von sexuellen Belästigungserfahrungen als Kind. Ist so viel Offenherzigkeit für einen Rapper nicht ganz schön gewagt?

Ich habe schon über meinen Kampfgeist, meine Qualitäten und Erfolge gerapt. Jetzt muss ich real bleiben: Das heißt, dass ich zu meinen Einsichten stehe, und HipHop als Plattform nutze, um anderen zu helfen. Wenn ich mich traue, dann trauen sie sich vielleicht auch – nur so kann man aus dem Kreis der Scham ausbrechen.

Was hat Sie zu Ihren neuen Erkenntnissen gebracht?

Meine Tochter ist meine größte Lehrerin. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mich aus der Reserve gelockt hat…

Sie reden von Ihrer 22-jährigen Tochter Omoye Assata…

Sie machte mir Vorwürfe, dass ich sie im Stich gelassen habe. Sie sagte mir: Du kümmerst dich nicht, du bist kein guter Vater. Zuerst wurde ich wütend. Ich wollte mich verteidigen, argumentierte dass ich eben dauernd auf Tournee sei. Aber dann hat sie es doch geschafft, mein Ego zu knacken: Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens, ihr einfach zuzuhören. Sie brachte mir etwas bei: Dass Liebe anders funktioniert als ich dachte….

Jetzt predigen Sie, der weltberühmte HipHop-Star und Schauspieler, wie wichtig es ist, Schwächen zuzugeben und sich Hilfe zu suchen…

Ja ich rede über Therapie – weil ich hoffe, der Gemeinschaft damit einen Dienst zu erweisen. Wir Entertainer zeigen ja am liebsten nur unsere guten Seiten. Aber wer lernt dabei schon etwas? Deshalb zeige ich lieber, wie ich mit meinen Ängsten und Verletzungen umgehe. Besonders als schwarzer Mann fühle ich eine Verpflichtung, darüber zu sprechen. Weil diese Diskussion sonst überhaupt nicht stattfindet. Wir sollten Therapie nicht anders betrachten als einen Besuch beim Friseur oder Zahnarzt. Niemand würde daran denken, sich dafür zu rechtfertigen.

Sie haben einmal gesagt, Ihre gescheiterten Beziehungen – Sie waren unter anderem mit Erykah Badu und Serena Williams zusammen – hätten Sie zum Therapeuten gebracht…

Der Schmerz über eine Trennung gab erstmal den Ausschlag. Aber dann habe ich gelernt , dass Therapie viel mehr bedeutet: Dass ich als Mann erst einmal lernen muss, mich emotional um mich selbst zu kümmern. Dass eine gesunde Selbstliebe die Basis für gesunde Beziehungen darstellt….

Verstehen Sie Ihre Bekenntnisse auch als Beitrag zur „#Metoo“-Diskussion, die gerade die Entertainment- und Musikbrache erschüttert?

Die Liste der Ungerechtigkeiten und Übergriffe gegen Frauen ist zu lange, als dass sich alles über Nacht verändern ließe: Wir Männer haben seit Tausenden von Jahren Sexismus praktiziert und uns an vieles gewöhnt. Jetzt versuche ich einiges davon wieder zu verlernen….

Ist HipHop nicht selbst ein Teil des Problems? Immerhin glorifiziert das Genre oft eine toxische Maskulinität, in der Frauen fast routinemäßig zu Sex-Objekten degradiert werden

Die Abwertung von Frauen spiegelt doch lediglich eine Mentalität wieder, die sich durch die ganze amerikanische Politik und Geschäftswelt zieht. Darüber hinaus liefern HipHop-Künstler gerade in letzter Zeit viele Gegenbeispiele: Wurde Kanye West nicht dafür gefeiert, dass er über seine Verletzlichkeit rapt? Inzwischen gibt es eine ganze Strömung namens Emo-HipHop, in der Gefühle eine große Rolle spielen….

Sie waren allerdings nicht immer so politisch korrekt. In einigen Ihrer frühen HipHop-Songs nennen Sie Frauen gerne mal „bitches“, „sluts“ und „hoes“, also „Nutten“ …

Common: Das war in den 90er Jahren. Wenn ich heute mein erstes Album anhöre, dann finde ich eine Menge Stoff, den ich nicht wiederholen möchte. Etwa Raps über das Trinken, meinen Drogenkonsum, und Mädchen als Sex-Objekte. Dazu schimpfe ich ziemlich gedankenlos auf Schwule. Mich haben Fans deswegen konfrontiert. Und ich bin seitdem gewachsen.

Stattdessen sensibilisieren Sie ihre Fans nun für abwesende Väter und Kindesmissbrauch. Haben Sie nicht Angst mit zuviel Moral der Musik den Spaß auszutreiben?

Nach einem Konzert kamen schon weibliche Fans, die sich bei mir bedankten: Sie hätten den selben Konflikt wie meine Tochter mit ihren Vätern auszutragen. So etwas ermutigt mich. Und was den Spaß betrifft: Du kannst über deinen Kampf rappen, das Ghettoleben porträtieren – und du kannst positive Ziele haben und trotzdem eine Party feiern. Alles ist legitim, solange die Balance stimmt.

Vor gut zehn Jahren galt HipHop als treibende politische Kraft. Sie unterstützten Präsident Barack Obama, und traten sogar im Weißen Haus auf. Sind Sie heute vom Lauf der Geschichte enttäuscht?

HipHop hat immer noch einen gewaltigen Einfluss auf die Welt, er kann Menschen motivieren, etwa wählen zu gehen. Das haben wir im Falle Obamas auch geschafft. Die Gefahr ist allerdings, sich mit bloßen Worten zufrieden zu geben. Wer Veränderung rapt, der muss auch selbst in Aktion treten.

So wie Sie in den letzten Jahren Gefängnisse in Kalifornien besucht haben, um mit den Insassen über Ihre Bedürfnisse zu reden und daraus politische Forderungen abzuleiten?

Ich schließe mich für solche Aktionen immer bereits bestehenden Grassroots-Bewegungen an. Im Falle der kalifornischen Gefängnisse haben wir es tatsächlich geschafft, dass zwei Gesetze zur Verbesserung der Situation jugendlicher Straftäter beschlossen wurden. Und dann habe ich noch meine Stiftug Common Ground Foundation. Erst vor ein paar Wochen habe ich in Chicago eine auf Kunst und Musik spezialisierte Schule für unterpriviligierte Kinder eingeweiht.

Wenn man Ihnen zuhört, könnte man HipHop für ein Werkzeug der Selbsterkenntnis und des gesellschaftlichen Fortschritts halten. Hat selbst die Trap-Mode mit ihrem oft plumpen Drogendealer-Materialismus diese Liebe nicht beeinträchtigen können?

Es gab Phasen, da dachte ich, ich bin durch mit HipHop. Aber dann hat diese Kultur so viel geleistet: Für mich persönlich, für die Leute aus den Inner Cities, deren Stimmen vorher nicht gehört wurden, für Jugendliche aus den verschiedensten Kulturen, die über HipHop zusammengefunden haben. Dafür bedanke ich mich in meinem Song „HER Love“.

Sie haben auf Ihrem neuen Album auch ausgesprochene Gospel-Songs wie „God Is Love“. Welche Rolle spielt Religiösität für Sie?

Mein Glaube gibt mir viel Kraft. Ich habe ein morgendliches Ritual, in der Bibel zu lesen und zu beten. Das hilft mir durch den Tag. Klar, dass ein Gospelstück genauso auf mein neues Album musste wie die J. Dilla-Beats. Allerdings reicht für mich Spiritualität sehr viel weiter: Ich höre sie auch bei Kendrick Lamar, Frank Ocean oder John Coltrane.

Sie haben in Ihren Songs stets die Anliegen der afroamerikanischen Community aufgenommen, gegen Polizeigewalt, für eine Justiz-Reform und für bessere Schulen gerapt. Was würden Sie Donald Trump gerne sagen, sollte auch dieser Präsident Sie ins Weiße Haus einladen?

Ich würde ihm Fragen stellen: Warum er es als Bedrohung empfindet, wenn geflüchtete Menschen in unser Land kommen? Was wir verlieren, wenn wir den Armen eine Chance geben? Und ob wir nicht alle vom selben Gott erschaffen wurden? Natürlich stehe ich auf der Seite derjenigen, denen Trump das Leben schwer macht. Aber dieses Land braucht eine Anleitung, um über die eigene Spaltung hinwegzukommen. Am Ende befreit nur Liebe – nicht als blumige Parole, sondern als harte Praxis.

Interview: JONATHAN FISCHERCommon_3_by_Durimel