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Timbuktu tanzt! Lange Zeit war die Stadt in Mali ein Zentrum der islamischen Kultur. Dann kamen die Dschihadisten. Heute fassen die Menschen wieder Lebensmut – trotz Terrorgefahr

Das Fußballstadion von Timbuktu ist ein Ort der Hoffnung. Hinter einer Lehmmauer leuchtet es grellgrün: Der einzige Kunstrasenplatz im Umkreis von einigen hundert Meilen, ein bunter Fleck inmitten einer in weißgelbem Sand schwimmenden Stadt. Daneben stehen dreireihige Tribünen aus Holz und Metall – genug für die Fußballspiele, die örtliche Mannschaften hier jedes Wochenende ausgetragen. Heute aber soll das Stadion seinem Namen gerecht werden. Eine große Bühne mit Lichtmasten steht hinter dem Fußballtor. Techniker verlegen Kabel. „Festival Vivre Ensemble“ verkündet ein Banner. Es ist das dritte Jahr, in dem das Festival für ein paar Tage Musiker, Schriftsteller, Politaktivisten aus ganz Mali eingeladen hat: „Timbuktu muss endlich aufhören, sich wie ein Gefängnis anzufühlen“, erklärt Mohamed Ag Al Moctar, ein Tuareg, der früher als einer von rund 70 englischsprachigen Tourguides arbeitete und für das Festival aus seinem Exil in Dakar zurückgekehrt ist. „Die Stadt soll wieder leben“. Ein paar lokale Handwerker haben auf dem Gelände bereits ihre Waren ausgebreitet: Silberne Tuareg-Kreuze, Lederbörsen und Kalligraphien. „Ich bin glücklich“, sagt einer von ihnen. „Endlich kommen wieder Besucher, wir haben seit Jahren nur noch die UNO-Soldaten als Kundschaft“. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von früher: Mit Bono vor der großen Djingerey Bey Lehmmoschee. Das war 2011. Damals als jährlich noch Zehntausende Touristen die „schwarze Perle der Sahara“ besuchten.

Ein Jahr später hatten Tuareg-Separatisten und die Gruppe Al-Quaida im islamischen Maghreb (AQIM) Timbuktu besetzt. Und auch wenn eine französische Interventionstruppe sie 2013 wieder vertrieb – die Stadt hat sich von diesem Schlag noch nicht erholt. Allein, die Schwierigkeit dorthin zu gelangen: Der Landweg nach Timbuktu führt über Schlaglochpisten durch unsicheres Gebiet. Die wenigen Festival-Besucher von außerhalb mussten sich deshalb in alten russischen Militärmaschinen der UNO-Mission einfliegen lassen, sofern sie sich überhaupt einen der – vorrangig für UN-Soldaten reservierten – Plätze aushandeln konnten. Es scheint als ob die Stadt wieder so abgeschnitten von der Welt lebt wie im 19. Jahrhundert.

Damals hatten Dutzende von Afrikaforschern ihr Leben riskiert, um als erste Weiße der mythischen Stadt mit den angeblich „goldenen Dächern“ ansichtig zu werden. 1825 setzte die Societé de Géographie in Paris sogar einen Preis von 10 000 Francs für denjenigen aus, der die Stadt erreichte und Erkenntnisse über Geographie, Erzeugnisse und Handel vorlegen konnte. Im August 1826 war es so weit: der Schotte Alexander Laing schickte „den ersten jemals von einem Christen geschriebenen Brief aus jenem Ort“. Seine Aufzeichnungen aber gingen – nach einem tödlichen Überfall nördlich der Stadt – verloren. Ihm folgte zwei Jahre später Réné Caillié und war enttäuscht: „Auf den ersten Blick bestand die Stadt aus einer Ansammlung schlecht gebauter Erdhäuser. In alle Richtungen war nichts zu sehen außer gewaltigen Ebenen eines Treibsands“. Erst der Hamburger Heinrich Barth, erkannte den wahren Reichtum der Stadt. 1853 war er als vermeintlicher Türke angekommen. Unter dem Schutz des örtlichen Scheichs und Gelehrten Al-Bakkai blieb er ein Jahr lang: Die von ihm eingesehenen Manuskripte, schrieb er, würfen ein „völlig ungeahntes Licht“ auf „einen großen Teil dieses von der Geschichte ganz verwahrlost geglaubten Kontinents“. Timbuktu stieg in der Folge zum Mekka westlicher Historiker und Literaten auf. Als der afroamerikanische Literaturpapst Henry Louis Gates 1997 die Stadt besucht, gestand er, „zu Tränen gerührt“ zu sein: „Mein Leben lang hatte ich gelehrt, dass die Afrikaner keine Bücher schrieben, und nun lagen hunderttausende Schriften aus dem 14. bis 17. Jahrhundert vor mir“. Dass Afrika angeblich keine geschriebene Historie habe – war das nicht lange das Argument der Kolonialisten für die Überlegenheit der eigenen Kultur?

Die Dschihadisten aber verkehrten die weltoffene Gelehrtentradition in ihr Gegenteil. Sie erließen drakonische Gesetze: Frauen durften nur noch verschleiert außer Haus, Männer nur noch mit langen Hosen Fußball spielen. Wer Parfum trug, wurde ausgepeitscht. Zudem machten sich die „Gotteskrieger“ daran, das jahrtausendealte Kulturerbe der Stadt zu zerstören: Die berühmten Heiligengräber wurden mit Hacken und Schaufeln eingerissen, tausende Manuskripte aus den berühmten Bibliotheken der Stadt verbrannt. Besonders aber hatten sie es auf die Musiker abgesehen, erklärt El Hadj Djitteye: „Sie verbaten uns weltliche Musik zu hören. Das war kein Zufall – denn Musik ist unser Lebenssaft.“ Djitteye ein 32-jähriger Blogger, Journalist und Bürgerrechtsaktivist, strahlt mit seinem freundlichen breiten Grinsen, der polierten Glatze und dem Samtjackett so etwas wie Weltläufigkeit aus. Er hat während der Zeit der Besatzung heimlich für internationale Nachrichtenagenturen aus seiner Heimatstadt berichtet. „Musiker wurden bedroht und flohen, ihre Instrumente wurden verbrannt. Eines Tages kamen die Dschihadisten mit Reissäcken und plünderten das Archiv der örtlichen Radiostation “.

Inzwischen hat sich der Krieg verlagert, in die Wüste, deren Dünen am Stadtrand anfangen und die ein paar tausend Meilen nach Norden bis Algerien und Libyen reichen. Timbuktu aber hat sich von der Krise noch lange nicht erholt: „Radikale Prediger aus dem Ausland“, sagt Djitteye, „werben um unsere arbeitslosen und desillusionierten Jugendlichen. Die Regierung in Bamako tut nichts für sie. Und wer will schon in einer Stadt leben, die – abgesehen von den gelegentlichen Anschlägen der Dschihadisten – wieder das Ende der Welt darstellt?“

An diesem Freitag Mittag im März wirkt selbst hier, an der Hauptverkehrsader von Timbuktu alles ziemlich beschaulich, ja fast dörflich: Mit Heu beladene Eselsgespanne zuckeln vorbei, Tuaregs in blauen Turbans grüßen lässig von ihren Mofas, Ziegen queren die löchrige Teerstraße. Weiße UNO-Panzer stehen an den Verkehrsknotenpunkten. Sie gehören inzwischen zu Timbuktu wie die Lehmtürme der Jahrhunderte-alten Lehmmoscheen. Ansonsten herrscht trügerischer Alltag. Die Straßen sind auffallend sauber, eine monatliche freiwillige Aufräumaktion der Bürger hat allen Müll beseitig. In kleinen Blechschachteln bieten Händler Lebensmittel an. Vieles ist weitaus billiger als in der 1000 Kilometer südlich gelegenen Hauptstadt – denn hier kommen die Waren konstengünstig über Wüstenpisten aus Nordafrika. Früher war Timbuktu wegen seiner Lage zwischen der Sahara und dem nördlichsten Punkt des Nigerbogens ein bedeutender Umschlagplatz für Salz und Gold. Heute decken sich Besucher aus Bamako mit H-Milch ein. In der „Auberge du Desert“ dem einzigen noch intakten Hotel der Stadt, erinnern Fotos an bessere Zeiten: Francois Mitterrand, Ban Ki Moon oder amerikanische Rockmusiker wie Robert Plant stiegen hier ab. Heute stehen vor dem Eingang ein paar Männer in traditionellen Djelabas zusammen, Zigaretten im Mundwinkel, den Blick auf ihre Smartphone-Displays. Ab und zu hört man einen dieser nasalen Tuareg-Gesänge. Ein Klingelton. Dann kehrt wieder Stille ein.

Schwer vorzustellen, dass hier bereits im Mittelalter ein auf ganz Afrika und Arabien ausstrahlendes Zentrum der Wissenschaft blühte. Dass Timbuktus Universitäten berühmt für ihre Werke der Astronomie, Medizin, Geschichte, Geographie und Rechtswissenschaften waren. Dass im 14. Jahrhundert der malische König Moussa Mansa, mit einer Entourage von zehntausenden Dienern, und zwei Tonnen Gold als Reisekasse per Kamelkarawane nach Mekka aufbrach – und auf dem Rückweg Gelehrte aus der ganzen islamischen Welt mitbrachte.

Eine „Fattash“ genannte bis zum Ende des 16. Jahrhundert reichende Chronik beschrieb Timbuktu in den höchsten Tönen: „Von der Provinz Mali bis zu den äußersten Grenzen des Maghreb war keine Stadt so bekannt für ihre herrlichen Institute, ihre politischen Freiheiten, ihre große Moral, die Sicherheit ihrer Einwohner und ihres Besitzes, ihre Güte und ihr Mitgefühl gegenüber Armen und Fremden, ihre Zuvorkommenheit gegenüber Studenten und Männern der Wissenschaft, von Schülern und Gelehrten“. Zur Blütezeit Timbuktus zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert sollen sich mehr als 150 Koranschulen mit ungefähr 5000 Schülern in der Stadt befunden haben. Ganz zu schweigen von den Privat-Bibliotheken, die Werke bis aus Europa besaßen und hunderte von Kopisten anstellten.

Man muss diese ganz große Geschichte eines toleranten, für die Welt und die Wissenschaft offenen Islam vor Auge haben, um zu ermessen, was das „Festival du Vivre Ensemble“ für die Bewohner der Stadt bedeutet. „Lasst euch nicht instrumentalisieren, von denen die euch spalten wollen“, mit diesen Worten eröffnet Abu Bakrine Cissé, der Bürgermeister von Timbuktu, am Freitag abend das Festival. „Timbuktu wurde siebenmal kolonisiert, besetzt von den Marokkanern, den Franzosen, den Fulani und den Bambara. Wir haben alle integriert, gelernt mit ihnen zusammen zu leben.“ Man müsse die Kultur in die einst als Hort der Toleranz gepriesene „Stadt der 333 Sufi-Heiligen“ zurückbringen. Und vor allem: den Menschen der verschiedenen Ethnien einen Ort zu geben, an dem sie zusammen reden, feiern, und tanzen. Die Nachricht hat sich längst rumgesprochen:

An der Lehmmauer vor dem Stadion reihen sich Hunderte von Mofas, eine Traube junger Männer und Frauen in bunten Turbans, mit und ohne Kopftüchern drängt sich vor dem Eisentor. Drinnen spielt sich eine Art Familienfeier ab: Tuaregs reiten auf ihren Kamelen durch das Stadion, Hostessen in hellblauen Damastgewändern geleiten die Ehrengäste ans Mikrophon, Männer, Frauen und Jugendliche in wallenden Gewändern drängen sich auf Teppichen und Sofas vor der Bühne. Nicht alle hier sprechen Tamashek, die Sprache der Tuareg. Aber alle verstehen die fast schmerzvolle Sehnsucht des Wüsten-Blues, den Kader Tarhanin in seinen Gesang legt: Es geht um jahrhundertealte Nomaden-Bräuche, der Wille sich (von keiner Regierung) seine Grenzen diktieren zu lassen. Und ja, natürlich die Schönheit der Henna- und Goldschmuck-tragenden Tuareg-Frauen.

Auch als Mylmo, ein HipHop-Star aus Bamako, seinen Song „Histoire de Mali“ auf die Bühne bringt – leuchten hunderte von Handys auf. Es ist eine Abrechnung mit der Geschichte des Vielvölkerstaates, die auch die Tuareg-Aufstände und blutigen Racheaktionen der malischen Armee nicht auslässt. Lauter Zustimmungs-Jubel. Einige HipHop-Käppi-tragende Jugendliche springen vor Begeisterung im Kreis. „Er sagt die Wahrheit“, erklärt Mohammed, der ehemalige Tourguide. „Viele meiner Tuareg-Verwandten bleiben wegen dieser Geschichte lieber in den Flüchtlingslagern in Mauretanien. Sie erinnern sich noch zu gut an die Massaker von 1996“. In seinem leeren Haus hat er nun Musiker aus Bamako und Algerien aufgenommen. Kostenlos. Denn so sei es immer in Timbuktu gewesen: „Du kannst jederzeit zu einem Nachbarn und bekommst dort Essen und ein Bett“. Als die Band von Vieux Farka Touré, Sohn der Sahel-Blues-Legende Ali Farka Touré, die Bühne betritt, wird klar, warum die Dschihadisten diese Musik verboten hatten. Der pentatonische Gitarren-Groove, traditioneller Bindestoff für das örtliche Gemenge aus Tuareg, Songhay, Fulani und Bambara, tut immer noch seine Wirkung: Strahlende Gesichter. Wehende bunte Schleier. Männer, die sich an den Händchen halten und tanzen.

Das „Festival Vivre Ensemble“ würde gerne an das berühmte „Festival Au Desert“ anschließen: Bis 2011 hatten Tuareg am Stadtrand von Timbuktu ein jährliches Musikfest veranstaltet. Bono und Led Zeppelin-Gitarrist Robert Plant jammten hier an der „afrikanischen Wiege des Blues“ – zehntausende Fans folgten ihnen. Tuareg-Rock in einer Zeltstadt unter dem Sternenhimmel der Sahara: Was könnte romantischer sein? Wenn nur die Sicherheitslage mitspielen würde! „Sie können das Hotel nicht ohne Begleitschutz verlassen“, warnt der Manager der „Auberge du Desert“. Womöglich hätten die Dschihadisten auch in der Stadt Augen und Ohren. Die Bühnenteile und die Technik für das Festival waren mit Pirogen auf dem Niger aus Bamako gekommen. Organisiert hat das alles maßgeblich die NGO „Instruments 4 Africa“ – mit finanzieller Hilfe der US-Botschaft. Musik als Mittel gegen den Extremismus. In diesem Sinn finden überall in der Stadt auch Lesungen, öffentliche Debatten und sogar eine Modenschau statt.

In einem Anbau der „Auberge du Desert“ leitet El Hadj Djitteye einen zehntägigen Workshop: „Führungstraining in der Zivilgesellschaft“. Ditteye, nach der Krise an der University of Washington zum Konfliktmanager ausgebildet, unterrichtet zwei Dutzend junge Männer und Frauen, die ihr Wissen später an lokale Organisationen weitervermitteln sollen: Was sind unsere traditionellen Methoden der Konfliktlösung? Warum funktionieren sie oft nicht? Wie können sich junge Leute selbst ermächtigen, um gehört zu werden? „Wir müssen die traditionellen Autoritäten in die moderne Rechtsprechung einbeziehen“ steht auf einem Flipchart und: „Mit Klarheit und Struktur reden, wie es schon der Prophet Mohammed gefordert hat“. Thema des Tages allerdings ist ein missglückter Terroranschlag am selben Morgen. Der Selbstmord-Attentäter hatte sich in seinem Auto kurz vor der Ortseinfahrt von Timbuktu in die Luft gesprengt – sein eigentliches Ziel, spekuliert Festival-Mitveranstalter Mohamad Ag Hamaleck, könnte das Festival gewesen sein. „Wir haben lange über einen Abbruch diskutiert. Aber niemand wollte das wirklich. Die Menschen in Timbuktu brauchen das Festival, damit Freude und Vertrauen zurückkehren. Es abzusagen würde uns alle nur deprimieren. Weil die Dschihadisten dann gewonnen hätten“.

Man kann Timbuktu heute als Vorbild für die Entwicklung einer wehrhaften Zivilgesellschaft sehen. Eine Stadt, die zwischen Globalisierung, Dschihadismus und staatlicher Vernachlässigung, versucht, ihre Kultur am Leben zu erhalten. „Wir haben unsere eigenen demokratischen Traditionen“, hatte der Bürgermeister gesagt. „In den Koranschulen war – anders als heute in den staatlichen Schulen – der Unterricht erst zu Ende wenn die Lehrer alle Schülerfragen erschöpfend beantwortet hatten“. Warum der Westen immer nur über die Islamisten berichten würde?

„Place Heinrich Barth“, steht auf der Steintafel am Vorplatz der Sidi Yahiya Moschee. „Mit den Deutschen teilen wir die Liebe zur Literatur“, erklärt der Schriftsteller und Historiker Salem Ould El Hadj und streicht sich bedächtig seinen weißen Bart. „Ein seltenes Buch ließen sich die Gelehrten hier oft mehr kosten als eine Herde Kamele“. Der alte Mann führt die Gäste des Festivals Vivre Ensemble durch „seine“ Stadt: Zu den einstöckigen Lehmhäusern, in denen einst Caillies, Laing und Barth übernachteten. Zu einem Literatur-Club, in dem junge Schülerinnen sich für Victor Hugo und Voltaire begeistern – und zur Imam Ben Essayouti Bibliothek, deren vielfarbige Kalligraphien zum Teil aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammen. In einem lokalen Versteck entgingen sie der Vernichtung durch die Dschihadisten. „Über zweihunderttausend Manuskripte haben wir während der Besatzung nach Bamako heraus geschmuggelt“, sagt Ould El Hadj vor den wieder aufgebauten Heiligengräbern an der Mauer der großen Moschee. „Auf Eselskarren, Lastwagen und Booten, unter Gemüse und Brennholz versteckt. Wir haben sie ausgetrickst“. Der alte Mann grinst, während geschminkte Frauen in bunten Tüchern und Leggins auf ihren Mofas vorbeibrausen. Erst nach der Besatzung sei den Menschen in Timbuktu wirklich klar geworden, auf welchen Schätzen sie sitzen: „Die Schönheit tritt erst im Augenblick des Verlusts hervor“.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Form erschienen in der SZ, 10.5.2019

Saite gerissen – Malis berühmte Kunst- und Musikschule „Institut National des Arts“ bringt trotz Notstand und Vernachlässigung durch die Politik noch Stars wie Wassa Kouyaté hervor

Bamako, Parc National: Wassa Kouyatés klarer nasaler Gesang dringt durch den Lärm der Mofas, das Gehupe der Busse und das Lachen von Schulkindern, die in ihren blauen Uniformen über den Rasen rennen. Hier im einzigen Park der staubigen Metropole am Niger probt sie ihre neuen Lieder. Songs über ihr Heimatdorf Djoliba, über die Liebe und den Verlust der Menschlichkeit in der Stadt. Ab und zu bleiben Passanten stehen, zücken ihre Handys und filmen die junge Frau, die ihr Saiteninstrument auf dem Schoß wiegt wie ein zu groß geratenes Baby.

Wassa Kouyaté aber scheint ihre Umwelt kaum zu bemerken. Sie spricht mit der Kora. Sie atmet, sie schreit, sie fleht mit den perlenden harfenartigen Klangkaskaden, die sie dem Instrument entlockt. Es scheint fast, als sei das westafrikanische Saiteninstrument mit dem Kalebassen-förmigen Bauch und dem schmalen Hals eine natürliche Verlängerung ihres weiblichen Körpers.

„Ich bin schon als Kind auf unerklärliche Weise von der Kora angezogen worden“, erklärt die 22-Jährige und lacht ihr kehliges Lachen. Eine Anziehung, der sie – zumindest nach den ungeschriebenen Gesetzen der malischen Gesellschaft – nicht hätte nachgeben dürfen. „Jede freie Minute verbrachte ich bei einem älteren Nachbarn, und bat ihn mir etwas auf der Kora zu zeigen – auch wenn ich wusste, dass das Instrument traditionell nur Männern vorbehalten war.“

Nach der Unabhängigkeit 1960 blühte die Musik auf, dank staatlicher Förderung

Dass Wassa Kouyaté inzwischen als erste malische Koraspielerin im nationalen Fernsehen auftritt, sie auf großen Festivalbühnen spielt, und regelmäßig zwischen Marrakesch, Paris und London tourt, das hat sie einer Schule zu verdanken, die einst das kulturelle Aushängeschild Malis werden sollte: Dem Institut National des Arts (INA). Es gibt dort Klassen für Theater, Bildhauerei und Schmuckdesign, in der Fotografieklasse studierte einst Malick Sidibé, doch am berühmtesten ist die Musikabteilung. Sie hat bereits ein Dutzend internationaler Stars hervorgebracht. Habib Koité etwa, Cheick Tidiane Seck oder Baba Salah.

„Als ich mich hier für ein Studium einschrieb“, sagt Wassa, „war ich die einzige Frau in der Kora-Klasse“. Das koloniale Prachtgebäude mit seinen Säulen und Giebeln bröckelt vor sich hin, schwarze Schlieren laufen über die einst gelben Wände, in den Gängen stapeln sich kaputte Stühle und zerbrochene Instrumententeile.

Für Wassa bedeutete dieser Ort trotzdem die Rettung. Ihre Mutter hatte sie dazu gedrängt, Jura oder Medizin zu studieren, alles wäre ihr lieber gewesen als dieses „Männerinstrument“. „Selbst meine Kommilitonen versuchten mich zu überreden, als Frau stattdessen Gesang oder Klavier zu lernen.“ Wassa aber blieb stur.

Das Leben in Mali spielt sich draußen ab. Zwar verfügt das Institut des Arts über zwei Stockwerke mit Dutzenden gegen die Hitze abgedunkelten und neonbeleuchteten Klassenzimmern. Wenn möglich aber treffen sich alle im Innenhof. Zwei Balafon-Spieler hocken im Schatten des großen Mangobaums und klöppeln pentatonische Melodiebögen aus ihren Lamellen-Kästen. Gegenüber posiert eine Gruppe von jungen Frauen in traditionellen Wickel-Kostümen für ein Selfie. Andere Studenten lehnen, ein Buch in der Hand, auf ihren Mofas.

Nur Wassa ist mit dem eigenen Auto gekommen. dem Statussymbol einer, die es geschafft hat. Allerdings hat es diesmal länger gedauert: Die in Bamako verschrieenen Verkehrspolizisten hätten sie unterwegs angehalten und ihr den Führerschein abgenommen. „Natürlich ging es nur um Geld.“ Wassas Augen blitzen. „Wir haben dich im Fernsehen gesehen“, habe einer der Polizisten gesagt, „du musst reich sein. – Genau das ist der Grund, warum Afrika nie voran kommt.“

Es sind fast die selben Worte, die wenig später der Direktor der Musikabteilung wählen wird – nur auf die Politiker gemünzt, die das Institut des Arts verhungern ließen. „Die ganze Welt schätzt Mali für seine Musik, den wichtigsten kulturellen Rohstoff unseres Landes. Nur hierzulande scheint sie nicht zu zählen.“

Tatsächlich war die INA dafür geschaffen worden, jungen Talenten aus dem ganzen Land die Möglichkeit zu geben, sich zu professionalisieren, den Umgang mit Instrumenten, Medien und moderner Technik zu erlernen, sie auf eine künstlerische Karriere vorzubereiten. Dass Wassa Kouyaté und andere von hier aus den Sprung geschafft haben, spricht aber vor allem für ihre Leidensbereitschaft. Und den langen Atem ihrer Lehrer.

„Wir brauchen dringend Hilfe aus dem Ausland“, mahnt Abdramane Keita in seinem Büro voller zerschlissener Bücher und bittet den Besucher auf einen Plastikstuhl. Der Leiter der INA-Musikabteilung streicht über die Ärmel seines Boubou-Gewandes: „Eigentlich ist der Kulturminister für uns zuständig. Aber glauben Sie, dass der sich für Musik interessiert? Er hat sich hier schon ein ganzes Jahr nicht blicken lassen. Geschweige denn Geld geschickt.“

Kempes Sacko, der Leiter der Gitarren-Klasse nickt zustimmend. Hätte ihm nicht ein amerikanischer Freund gerade ein paar Dutzend Gitarren-Saiten und Ersatzteile für einen Verstärker mitgebracht, hätte er seine Abteilung schließen müssen, mangels spielfähiger Instrumente. In Mali werde Kulturpolitik eben nicht auf der Basis von Wissen und Kompetenz gemacht. Die Posten werden nach Loyalität vergeben. „Der für uns zuständige Ministerialbeauftragte hält ab und zu eine schöne Rede, aber unsere Lehrer wissen nicht mal, wann sie ihr nächstes Gehalt bekommen.“

Tatsächlich mag man es kaum fassen: Hätte die Musikweltmacht Mali mit Stars wie Salif Keita, Oumou Sangaré bis Ali Farka Touré nicht allen Grund, dieses Potenzial für sich zu nutzen? Müsste die Regierung nicht all die talentierten Jugendlichen dabei unterstützen, eine ähnliche Laufbahn einzuschlagen? Nach Malis Unabhängigkeit im Jahr 1960 bis in die Siebzigerjahre hinein hatte der Staat Orchester in allen seinen Provinzen gegründet, kubanische Musiker ins Land geladen, und Big Bands wie Les Ambassadeurs, Super Biton de Segou oder die Rail Band  finanziert.

Ganz ähnlich verhielt es sich in den Nachbarländern Senegal, Burkina Faso oder Guinea. Kein Wunder, dass viele der ikonischen Aufnahmen des westafrikanischen Pop, jene Melangen von Soul, Latin und traditioneller Musik, aus dieser Epoche stammen. Heute scheint das beinahe vergessen. Nach dem Staatsstreich von 2012 habe der Staat die Förderung von Festivals und internationale Austauschprogramme eingestellt. „Wir vermissen eine Vision, die die Musik dafür nutzt, unser Land zu modernisieren“, sagt Keita.

Ideen hätten sie an der INA genug – von der Transkription traditioneller Lieder über Konzerte bis zur Einrichtung eines eigenen Studios. Ganz oben auf der Wunschliste der Musikabteilung: Blasinstrumente, Pianos, Gitarren, Schlagzeuge und Drum Sticks. „Wenn wir nur eine Musikschule im Westen als Partner gewinnen könnten – dann müsste sich nicht mehr ein Dutzend Schüler ein einziges Instrument teilen.“

Die Verstärker sind defekt, die Koras verzogen, die Computer hat der Direktor verkauft

Was Keita nicht so gerne erzählt: Der Gesamt-Direktor der INA wurde vor einem Jahr seines Postens enthoben, er hatte Schulcomputer auf eigene Rechnung verkauft. „Eine Image-Katastrophe“. Denn wer rede schon von den Lehrern, die hier trotz karger Gehälter tagaus tagein ihr Bestes gäben, mit saitenlosen Gitarren, von der Feuchtigkeit verzogenen Koras, defekten Verstärkern und kopierten Schulbüchern die nächste Generation von Stars auf die Bühnen der großen Welt hieven?

Kempes Sacko, der Gitarrenlehrer, probt in seinem Klassenzimmer mit einer viel versprechenden Schulband: Drei Gitarren, Schlagzeug, Perkussion. Dazu singt eine junge Frau ein uraltes und gleichzeitig hochaktuelles Klagelied über einen ungerechten König. Wassa Kouyaté summt die Zeilen mit. Immerhin, bemerkt sie, hätten sich seit ihrem Studium ein paar Dinge verbessert: Bereits drei Frauen seien inzwischen in der Kora-Klasse!

Sie selbst aber steht vor neuen Herausforderungen: Nach ein paar selbstfinanzierten Videos möchte sie endlich ein Album aufnehmen. „Wenn ich mir keinen Produzenten in Paris leisten kann, dann lerne ich es eben selbst.“ Trotziger Optimismus liegt in ihrer Stimme. Dann klingelt ihr Handy. Es ist der Chef des örtlichen Polizeidezernats, einer ihrer Fans. Es tue ihm schrecklich leid, er habe seine Untergebenen wegen des Vorfalls bereits zur Rede gestellt, ihr Führerschein werde gleich mit einem Boten an sie zurück geschickt. „Merci“, sagt Wassa nur – so als habe sie nichts anderes erwartet.

JONATHAN FISCHER

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Migration ist eine wunderbare Sache – Afropopkolumne

kel-assouf-black-tenereMigrierende Sounds sind die Spezialität von Ekiti Sound: Da tanzen etwa in dem Video „Ife“ von Ekiti Sound drei junge nigerianische Frauen anmutig in einem Hinterhof in Lagos. Wenn traditionelle Tänze der Ibo, Yoruba und Hausa die treibenden perkussiven Rhythmen liefern, dann wummst der tiefe Sub-Bass, tschirpen die Computerspiel-Melodien direkt aus einem Londoner Techno-Club herüber. Hinter dem interkontinentalen Mash-Up von Ekiti Sound steckt der Nigerianer Leke aka CHIF. Sein Debut „Abeg No Vex“ (Crammed Discs) lässt ahnen, dass er schon verdammt Vieles um die Ohren hatte. Leke pendelte seit seiner Jugend zwischen Lagos und London hin und her, hatte zuletzt einen Job als Film-Sound-Designer für Nollywood, das nigerianische Pendant zu Hollywood, und wenn er nun Drum’n Bass, Afrobeat, Funk, britisch-nigerianischen Rap, Elektronik und Talking Drums zusammenspannt, wirkt das wie der Soundtrack eines Films über einen durchgedrehten Club-Nomaden. Avantgarde möchte man sagen – würde diese strenge Vokabel nicht darüber hinweg täuschen, wie enorm tanzbar, sommerlich lebensfreudig und ansteckend die Songs dieses Albums daherkommen: mit flirrenden Highlife-Gitarren, ätherischen Synthies und den raspelnden Chants von Mitstreiter Prince G vertonen sie traditionelle Sprichwörter wie „Jeder Sünder kann ein Heiliger sein/ und jeder Heiliger ein Sünder“.

Eine andere Art von Afropunk liefert das neue Album von Kel Assouf. Auf „Black Tenere“ (Glitterbeat) stampft die Band um einiges ruppiger als die Tuareg-Konkurrenz von Tinariwen oder Tamikrest. Die Kritiker brachte das ins Rätseln: Ist das „afrikanischer Heavy Metal“? „Eine Mischung aus Led Zeppelin, Black Sabbath und Wüsten-Blues“? Oder gar eine „Briefbombe aus der Sahara“? Nun gut, verletzen können Kel Assoufs Sound bestenfalls Weltmusik-Romantiker, die den Gitarrenrock der Tuareg (oder wie sie sich selbst nennen: Tamashek) zur nostalgischen Wüstenmeditation verklären. „Black Tenere“ will alles andere: Das macht Frontmann und Bandleader Anana Ag Haroun schon mit der Wahl seiner Flying V-Gitarre deutlich. Aufgewachsen im Niger und sozialisiert mit westlichem Rock, hat er nach seinem familiär bedingten Umzug nach Brüssel seinen Gitarren-Verstärker immer lauter aufgedreht. Auf seinem dritten Album mit Kel Assouf gibt sich Haroun nicht nur politisch-kämpferisch mit Songs wie „Fransa“, die Frankreichs Kolonialpolitik verdammen. Er entdeckt auch die elektronische Musik für sich. Zu verdanken ist das seinem Produzenten und Keyboarder Sofyann Ben Youssef. Der Tunesier schoss letztes Jahr unter seinem Alias Ammar 808 nordafrikanische Arabesken mit Hilfe synthetischer Basslinien in die Techno-Umlaufbahn. Nun legt er Club-Beats und schiebende Synthesizer unter Harouns kreiselnde Riffkürzel und schafft selbst auf den leiseren Songs, die etwa die Sahara-Landschaft und das „Parfum der Akazien“ besingen, das psychedelische Ambiente eines aus der Ferne fauchenden Sandsturms. „Musik“, sagt Haroun, „muss reisen und fremde Klänge mitnehmen, um interessant zu bleiben“.

Das würde wohl auch Bassekou Kouyate unterschreiben. Seit seinem 2007er Debut „Segu Blu“ elektrisierte der malische Griot seine Ngoni-Laute, schaltete Feedback und Wah-Wah-Pedale zu, experimentierte zuletzt auf „Ngoni Ba“ gar mit Indie-Rock-Anleihen. Nun kehrt Kouyate auf „Miri“ (Outhere Records) zu seinen Wurzeln zurück. Dem semi-akustischen Setting der Familienband. Dem pentatonischen Bamana-Groove. Und einer wunderbaren Melancholie irgendwo zwischen Verletzlichkeit, Trotz und „Insch‘allah“. Tatsächlich hatte sich der Musiker nach dem Tod seiner Mutter wochenlang mit seiner Ngoni in sein Heimatdorf ans Ufer des Niger zurückgezogen – um die Klage über diesen Verlust und den Zustand seines Landes in anrührende Songs zu gießen. Songs wie „Wele Ni“: Das Epos über einen historischen malischen König, der sich in seiner Überheblichkeit nicht um seine Untertanen scherte, wird jeder Malier als Anspielung auf die korrupte Regierung verstehen. Sahel-typische Gitarrenlicks verstärken die Aura des Verlorenen. Vor allem aber legt der Flow sich verzahnender Ngoni-Riffs Kouyates immer wieder die Startrampe für die melismatischen Gesänge von Kouyates Ehefrau Amy Sacko. An anderer Stelle mag man Latino-Rhythmen heraushören. Dass Kouyate sich illustre Gäste wie Habib Koité, Afel Boucoum, Abdoulaye Kouyate und die kubanischen Rapper von Madeira Limpia eingeladen hat, schön und gut. Die stoische Kraft seiner Musik aber kommt von innen. Aus der eigenen Tradition, die ihre afroamerikanischen Blues-Cousins umarmt. Migration ist eine wunderbare Sache.   JONATHAN FISCHER

SZ 23.4.2019

Alles auf Rille! Kleine Musiklabels sind das Rückgrat des Vinyl-Booms – und die treibenden Kräfte hinter der ewigen Ausdehnung des Pop-Universums

Es gibt Musik, die zu wertvoll ist, um digital veröffentlicht zu werden. Diese Musik kann man nicht einfach als Sounddatei raushauen und sie mit Abermillionen anderen Sounddateien dem gedankenlosen Streaming-Konsum zuführen. So sieht das jedenfalls Tobias Kirmayer. Der 40-jährige aus FahTramp Movementsrenzhausen im Norden Münchens kümmert sich um das scheinbar Verlorene, Vergessene, vom Massenmarkt Verdrängte.

  Einen fanatischen Archivar könnte man ihn nennen. Oder auch einen Wiedergutmacher: Zumindest ein paar tausend Songs, deren Meisterschaft und Liebe einst kein Publikum fanden, hat er bereits ausgegraben und in Umlauf gebracht. Und das – natürlich – angemessen verpackt: „Vinyl“, sagt Kirmayer, blasses Gesicht, Jeans, Baseball-Kappe, im Kontrast zur Siebziger-Funkyness der von ihm gestalteten Albencover eine eher zurückhaltende Erscheinung, „strahlt eine andere Wertigkeit aus, nicht nur weil die Musik darauf wärmer und authentischer klingt. Menschen, die dieses Format hören, tun es nicht nebenbei. Wer 10 Euro für eine Vinyl-Single oder 20 Euro für eine LP ausgibt, interessiert sich eben auch für das Artwork, die Musiker und ihre Geschichte“.

  Im Zeitalter weitgehend kostenloser Streaming-Dienste ist das ein Luxus. Aber eben auch eine Art, sich mit einem Stück Musik sinnlich zu verbinden. Kirmayer zieht seine jüngsten Tramp-Records-LPs aus seiner Lacktasche: „Afro Blue Persuasion“, ein bisher unveröffentlichtes Album mit afrokubanischem Jazz aus den Sechzigern, der Sampler „Movements No 9“ mit 17 erstklassigen, aber nie gehörten alten Funk- und Soul-Songs. Und „Mesquite Suite“ von Lucky Brown: Ein zeitgenössisches in Seattle entstandenes Album, auf dem sich Afrobeat, Latin-Jazz und Funk auf ziemlich originelle Art verbinden.

  Die Zeichen für seine Firma stehen gut. Gerade hat die Recording Industry Association of America ihren Jahresbericht für 2018 vorgelegt: Mit Vinyl-Verkäufen wurde so viel Geld verdient, wie schon seit 30 Jahren nicht mehr. Es kann gut sein, dass die Vinyl-Platte bald die CD als bevorzugter physischer Tonträger ablöst. Das mag ein Boom auf niedrigem Niveau sein, aber auch ein unverhofftes Comeback.

  „Solange ich Käufer finde“, sagt Kirmayer, „wird mein Medium die Schallplatte sein.“ In vielerlei Hinsicht ist er als Ein-Mann-Plattenfirma eine typische Figur des neuen Vinyl-Marktes. Hunderte von Labels in Amerika und Westeuropa funktionieren wie Tramp Records. Gegründet von Liebhabern für Liebhaber, um Musik aus den Archiven ehemaliger Radiostationen und aufgelöster Studios, Pappkartonfunde bei Musikern, Sammlern und Produzenten oder auch interessante bis nischige Neueinspielungen für alle zugänglich zu machen. Bei Kirmayer hatte es mit einer Single der Münchner Poets of Rhythm angefangen: „Als mir der Bandleader eine Kassette mit unveröffentlichten Songs überließ, suchte ich mir zwei davon für eine Single aus. Ich hatte weder von Verkaufskalkulation noch Vertrieb eine Ahnung. Also trug ich die frisch gepressten Vinylscheiben selbst in die Läden.“ Was Kirmayer an Professionalität fehlte, das machte er mit Missionsdrang wett. Damals schrieb er noch „Funk von 67 bis 71“ auf die Flyer seiner DJ-Abende. Dumm nur, dass viele der 500-Euro-Single-Raritäten in den klimatisierten Sammlungen irgendwelcher Snobs verkümmerten. Was, wenn er sie legal vervielfältigen und seine Begeisterung mit anderen teilen könnte?

  „Die Geschichten Gescheiterter sind spannender als der Erfolg“, sagt Kirmayer und nippt in einem Café im Münchner Gärtnerplatzviertel an einer Maracuja-Schorle: „Ich will von den Musikern erzählen, die nie einen Hit landeten. Deren Mittel vielleicht gerade für diese eine Platte reichten.“ So veröffentlichte Tramp Records vor fünf Jahren ein fantastisches aber seit 1978 in den Regalen wechselnder Majorlabels verstaubendes Modern-Soul-Album von Jesse Morgan. Der Sänger war längst nicht mehr im Geschäft. Doch Kirmeyer machte ihn wie so viele andere vergessene Soulhelden ausfindig. Telefonbücher, soziale Netzwerke und Hinweise auf Studios, Produzenten, Labels, Schrifttypen, die er den Originalplatten entnimmt, halfen ihm dabei. Manchmal schreibt Kirmeyer sogar Briefe. Weil die Musiker noch zu den Generationen ohne Internet-Anschluss gehören.

  „In der Regel sind die Adressaten total von den Socken, dass ich ihre Musik überhaupt kenne: Singles, die sie in einer Auflage von 500 Stück gepresst und aus dem Kofferraum verkauft hatten.“ Geld spiele meistens nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sei den Musikern, die wiederveröffentlichte Platte in der Hand zu halten, im Booklet gewürdigt zu werden, das Gefühl zu haben, dass ihr Song ein zweites Leben bekommt. „Diese Freude motiviert mich.“ Es ist, sagt Kirmayer, als ob er ein bisschen die Geschichte umschreiben dürfte. Meist schickten die Veteranen bereitwillig coole Fotos und erzählten von ihren Träumen, die sie mit der – einst ziemlich kostenaufwendigen – Plattenaufnahme verbanden. So wie Jesse Morgan, für den Kirmayer eigens nach Los Angeles flog. „Ich mache da Urlaub, wo ich Musik finde. Anders kann ich mir die Suche nicht leisten.“ Ähnlich arbeiten auch andere Liebhaber-Labels in Deutschland. Etwa Analog Africa, eine in Frankfurt ansässige aber weltweite renommierte Reissue-Plattform für die Schätze afrikanischer und afrikanisch beeinflusster Musikkulturen.

  „Allein die Recherchen“, sagt Analog Africa-Gründer Samy Ben Redjeb, „für einen neuen Sampler dauern oft mehrere Jahre. Um all die alten Bänder aufzutreiben. Die Musiker zu finden. Und alles offiziell zu lizensieren.“ Eine Vorgehensweise, die wirtschaftlich gesehen an Selbstausbeutung grenzt. Und doch geht es Redjeb, einem deutsch-tunesischen Journalisten, DJ und manischem Sammler um etwas sehr viel schwerer Greifbares: Die Aura der alten Platten. Das Hochgefühl, das ihre Musik auslöst, auch bei Menschen, die sie zum ersten mal hören. Und das ganze sinnliche Drumherum. Deshalb die Vinyl-Veröffentlichungen. Deshalb die mit viel Liebe zum historischen und grafischen Detail gestalteten Cover. Deshalb buchdicke Booklets, in denen Redjeb die Geschichte der Musiker nebst Anekdoten der eigenen Schatzsuche erzählt. So hat er für eine Kompilation mit somalischem Siebzigerjahre-Funkzur No-Go-Zone heruntergekommene Mogadischu wochenlang mit bewaffneter Eskorte durchstreift, bis er in einem einstigen Elektroladen verschollen geglaubte Bänder entdeckte. In Benin schaltete er Radiospots, um einen Sänger zu finden. Andere Veteranen stöberte er in Polizeikapellen, als Hühnerbauern oder Manager eines örtlichen Bordells aus.

  Alles im Dienste westlicher Horizonterweiterung: Wer hätte ohne Analog Africa jemals von den wunderbaren Afro-Soulfusionen aus Angola, Zimbabwe, Kamerun oder Synthesizer-Folk von den Kapverden gehört? Redjebs Bestseller „African Scream Contest“ mit Voodoo-Funk aus Benin führte sogar zu einer Welttournee des eigentlich aufgelösten „Orchestre Poly-Rhythmo de Cotonou“ – und ist bisher über 20-mal nachgepresst worden.

  Wirtschaftlicher Erfolg motiviert jedoch kaum einem der DIY-Labelbetreiber. Viele arbeiten wie Kirmayer vom Wohnzimmer aus, lagern ihre Vinylbestände in der Garage, finanzieren sich über DJ-Jobs und Raritätenverkäufe auf Ebay. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen: Etwa Numero Records aus Chicago, 2003 vom Musikindustrieveteranen Ken Shipley und zwei Freunden gegründet mit dem Ziel, „das größte Wiederveröffentlichungs-Label der Welt“ zu werden. Ihre Box „Light On The Southside“, die dem schmutzigen Mittsiebziger Blues aus Chicago – mitsamt hundert großartiger Schwarz-Weiß-Fotos von Michel Abramson – ein Denkmal setzte wurde für einen Grammy nominiert, ebenso wie die ausführlich annotierte Werkschau der transsexuellen Soul-Chanteuse Jackie Shane, und das Boxset „Syl Johnson: The Complete Mythology“. Oder die Anthologie „Bobo Yeye: Belle Epoque in Upper Volta“ mit Musik aus dem kolonialen Obervolta. Selbst für Werkschauen untergegangener Hinterhof-Labels eröffnete Numero einen Markt, weil der Käufer das Gefühl hat, nicht nur ein paar Musikfiles erworben zu haben, sondern ein liebevoll kuratiertes Sammlerstück in Vinyl und dicker Pappe.

  „Unsere Kunden lieben die haptische Erfahrung“, sagt Shipley, der im Wissen, dass kaum ein Geschäft die gut 350 Veröffentlichungen seines Labels vorrätig haben kann, mit einem Pop-Up-Plattenladen auf Tour geht: „Wir sehen das als Türöffner. Wer einmal eine Numero-Platte gekauft hat, der geht meist auch eine gewisse Verbindung mit unserem Label ein.“

  Leisten kann sich Numero viele der obskureren Ausgaben weil es Rechte nicht nur lizensiert, sondern aufkauft. Dazu kommen gute Verbindungen zur Filmindustrie: So verhalf etwa das Hollywood-Drama „Blue Valentine“ einer Demo-Aufnahme von Penny & The Quarters aus einem Numero-Set zu unverhoffter Prominenz.

  Dass inzwischen auch bei Tramp Records etwas hängen bleibt, das verdankt der Firmenboss vor allem dem eigenen Durchhaltevermögen. Seine Rechnung: Bei einer Doppel-LP zahlt er für die übliche Auflage von 500 Stück 3500 Euro Materialkosten. Dazu kommen die Lizenzen: 18 Stücke kosten bei einem der Movement-Sampler zusammen durchschnittlich noch einmal 2500 Euro. Und weil Kirmayer die Grafik, die Booklet-Texte und alle Verwaltungsarbeiten selbst macht, kann er das fertige Vinyl dann für knapp 20 Euro im Laden verkaufen. Soweit er überhaupt Läden findet. Denn die großen Ketten und Medienmärkte verkaufen meist nur massenkompatible Vinyl-Reissues, also Neuauflagen von Alben von Led Zeppelin, Pink Floyd oder den Rolling Stones. Oder sie surfen auf der Vinyl-Welle indem sie auf CD veröffentlichte Bestseller von Amy Winehouse nachträglich in Rille pressen. Dabei macht gerade die Masse an kleinen Veröffentlichungen das Geschäft.

  Das beobachtet auch Christos Davidopoulos, Einkäufer des Vinyl-Spezialisten Optimal Records im Münchner Glockenbachviertel: „Es sind die Nischen, die den Zuwachs bringen.“ Seine Bestseller des vergangenen Jahres? Das waren unter anderem eine Wiederveröffentlichung des fabelhaften kongolesischen Gitarristen Dr. Nico durch ein belgisches Liebhaber-Label. Oder der Sampler „Hafla“: Ein DJ hatte orientalischen Siebziger-Pop für die Gäste eines Restaurants in Tel Aviv zusammengestellt – und seine Rest-Exemplare persönlich nach Deutschland gebracht.

  Tramp Records hat mit seinen rund 90 Veröffentlichungen seit 2003 ein eigenes Fach im Optimal-Laden. Neben Dutzenden Konkurrenten wie Light In The Attic, Vampi, Habibi Funk, Honest Jon‘s oder Soul Jazz Records. Davidopoulos bestellt so viel wie möglich direkt bei den Labels: „Es gibt im deutschsprachigen Bereich vielleich noch hundert Läden, die so arbeiten wie wir. Als Biotop können wir nur überleben wenn wir zusammenhalten. Deshalb vernetzen wir uns und versuchen unabhängig von den Großen zu werden.“ Die Großen: Das sind Vertriebe, die sich für Stückzahlen unter 100 nicht interessieren. Und Major Labels, die neue Vinyls, aktuell etwa von Ryuchi Sakamoto oder Paul Weller dem Händler zum Einkaufspreis von 28 oder 36 Euro anbieten: Diese Preispolitik könne man nicht mitmachen, sagt Davidopoulos. „Die Majors folgen nur dem Hype. Am Ende werden die kleinen Labels das Vinyl am Leben erhalten.“ Wie sieht er die Zukunft des Vinyls? „Es gibt einen kleinen aber beständig wachsenden Markt für Vinyl-Spezialitäten“, bestätigt Davidopoulos. CDs dagegen kaufe fast niemand mehr.

JONATHAN FISCHER

SZ 13.4.2019

Was das mit Liebe zu tun hat – Gewalttätiger Gatte, spätes Glück: Tina Turners Autobiografie „My Love Story“

tina and ike turnerDas Happy End kommt gleich zum Einstieg: 2013 hatte die 73-jährige Tina Turner ihren langjährigen Lebensgefährten Erwin Bach, einen deutschen Musikmanager, geheiratet – und die Hochzeit zu einem Märchenfest in ihrem Château vor den Toren Zürichs gestaltet. Weißer Rolls-Royce, Armani-Brautkleid und hundertvierzigtausend rote Rosen. Turners jüngste Autobiografie „My Love Story“, die zweite nach der 1986er-Lebensbeichte „I, Tina“, beleuchtet vor allem das späte Glück der Selfmade-Frau, zeigt, wie sie sich in einem Alter, in dem andere Show-Veteranen durch Baumärkte tingeln, noch einmal als „Private Dancer“ neu erfindet. Wie sie die Liebe ihres Lebens entdeckt. Einen Mann, der ihr am Ende gar eine Niere spendet.

  Umso krasser wirkt der Gegenschnitt auf ihre erste Ehe ein halbes Jahrhundert früher. Ihr damaliger Gatte in spe hatte Tina für eine Spontanhochzeit nach Tijuana gefahren. Ike, ein um die Geschichte des Rock ’n’ Roll verdienter Gitarrist und Bandleader der Kings of Rhythm, der sie als Frontfrau und Dressur-Girl rekrutiert hatte, schien von Romantik nicht viel zu halten. Heiraten wollte er sie vor allem, um nicht mehr Alimente an seine frühere Frau Lorraine zahlen zu müssen.

  Wer ist diese Frau, die sich so lange so unwidersprochen misshandeln ließ? Was verbindet das unglückliche Mädchen, den sexy Vamp, die Mutter, emanzipierte Powerfrau und Buddhistin? Am ehesten als Mensch spüren lässt sich Tina in ihren frühen Erinnerungen an die Zeit, in der sie noch Anna Mae Bullock hieß. Im Stich gelassen von ihren geschiedenen Eltern wuchs sie bei der Großmutter auf, besuchte in einem Kaff namens Nutbush, Tennessee, die Schule und schämte sich für ihre Lernschwäche: „Während mir vor lauter Tränen die Zahlen vor den Augen verschwammen, wurde ich vor all den anderen Kindern als Versager vorgeführt.“ Eine lieblose Kindheit.

  Man wüsste gerne mehr über dieses isolierte Mädchen, das sich in seine Tagträume flüchtet. Doch „My Love Story“ geht hier auf Schnellvorlauf: vom ersten Bühnenauftritt als Sängerin mit der eher ausdrucksstarken als schönen Stimme über das Leben zwischen Straße, Bühne und Motel als Hälfte der Ike-und-Tina-Turner-Show zum Selbstmordversuch, zur Scheidung in den späten 70er-Jahren und ihrer Neuerfindung als Grammy-gekrönter Solostar. Wer hoffte, von Tina Turner mehr über ihre damalige Musik, den Funk der „Nutbush City Limits“-Jahre, zu erfahren, wird enttäuscht.

  Dafür fügt sie dem Register von Ikes Missetaten einiges hinzu: etwa, dass der Gatte drei weitere Geliebte im ehelichen Haus unterhielt, die praktischerweise alle Ann hießen. „Manchmal schloss ich mit seinen Geliebten enge Freundschaft, denn wir saßen, auch wenn es merkwürdig klingt, letztlich im gleichen Boot: abhängig von Ike, ständig zu seiner Verfügung, von ihm beherrscht und von ihm misshandelt – wie die Angehörigen einer Sekte.“ Blaue Augen und Prellungen gehörten zum Alltag. Eine Widerrede, und Ike schlug Tina auf den Kopf. Allerdings lieber mit einem Schuhspanner als mit den Händen: „Für einen Gitarristen sind seine Hände wertvoller als alles andere, deshalb benutzte Ike in einem Kampf nie die Fäuste“, kommentiert Tina trocken.

  Wenn sie nach Ikes Schlägen die Notaufnahme aufsuchte, fragte kein Arzt, was passiert war. „Vermutlich glaubten sie, es sei normal, dass Schwarze sich auf diese Weise streiten, besonders Ehepaare.“ Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung, die sich an einem Schokoriegel entzündet hatte – der ersten, in der Tina zurückschlug –, flüchtete sie aus dem Motel, in blutbefleckter Kleidung über eine Autobahn, mit nichts in der Tasche als einer Tankkreditkarte und 36 Cent.

  Auch nach der Scheidung verbreitet der Ex-Gatte Terror: Ike, später ein Idol mancher Gangster-Rapper, lässt seine Schläger das Anwesen in Los Angeles beschießen, auf dem Tina mit den gemeinsamen Söhnen Zuflucht gefunden hat. Dass Tina Turner es dennoch schaffte, nach vorne zu schauen, am Ende gar mitfühlend von Ikes „Dämonen“ redet: Da scheint große menschliche Stärke durch. Und verkörpert sie nicht für viele ihrer Fans ein feministisches Versprechen, dass Frauen aufstehen und den kleinen und großen Ike Turners dieser Welt die Stirn bieten können?

  Der längste Teil des Buches aber beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Tina Turner und Erwin Bach. Eine Liebe, der, bei allem Respekt, doch jeder Funken Rock ’n’ Roll abgeht. Das sesshaft gewordene Soul-Idol breitet also seine Einkaufszüge aus, erklärt die Wahl seiner Garderobe, streitet sich mit Erwin – er Minimalist, sie Sammlerin – über Innendekoration. Was ältere Paare manchmal so tun. Wenn sie nicht gerade über ihre Krankheiten reden: Es mag für Gala-Leser eine Sensation sein, hier zum ersten Mal von Tinas Schlaganfall, von ihrem Darmkrebs und schließlich ihrem Nierenversagen zu erfahren. Aber wer will ganze Kapitel über Krankheiten und Arztbesuche bis hin zur genauen Beschreibung einer Dialyse lesen? Und braucht es – nach Turners letztem Bühnenauftritt im Jahre 2009 – ein ganzes quälendes Schlusskapitel über ein Musical, das ihre Lebensgeschichte nachzeichnet?

  So sehr man im ersten Teil des Buches mit Tina Turner, der Überlebenskünstlerin, fiebert – hier hätte man sich einen strengen Lektor für die auf Interviews basierende und von der amerikanischen Bestseller-Autorin Deborah Davis und dem deutschen Journalisten Dominik Wichmann geschriebene Autobiografie gewünscht. Und ein wenig mehr Introspektion. Tinas Selbstmythologisierung bleibt oberflächlich: Sie kennt angeblich kein Diva-Gebaren, liebt ihre Fans über alles und hat dank buddhistischer Chant-Praxis Frieden mit ihrem Leben geschlossen.

  Die Überdosis Selbsthilfe-Lektüre (vom Dalai Lama bis Deepak Choprah) schlägt leider auch auf ihren Erzählstil durch. „Es ist möglich, Gift in Medizin zu verwandeln“, gibt sie dem Publikum 2017 mit, bei der Londoner Premiere von „Tina – The Tina Turner Musical“ (als „Simply The Best“ in den nächsten Monaten auch in Deutschland zu sehen). Die Rock ’n’ Roller werden sich dann doch an die andere Tina halten: das sexy Gift in Ikes Drug & Rock ’n’ Roll-Zirkus.

JONATHAN FISCHER

SZ 5.4.2019

Styler und Schweinepriester – Andre Williams hinterlässt mehr als nur ein paar Rhythm’n Blues-Klassiker

Wäre das Leben gerecht, dann hätte Andre Williams, der Mann, der Stevie Wonders erste Motown-Single produzierte, Bobby Blue Bland den Funk verpasste, mit Ike Turner im Studio kokste, und ganz nebenbei solche Rhythm’n’Blues-Klassiker wie „Shake Your Tailfeather“ , „Jailbait“ oder „Bacon Fat“ schrieb, längst eine gebührende Retrospektive erfahren. Keine einfache Best-Of-Zusammenstellung, sondern einen Zehn-CD-Schuber inklusive Goldschnitt-Buch. Mindestens. Als der in Alabama geborene Musiker vergangene Woche 82-jährig einem Krebsleiden erlag, hat die Welt viel mehr verloren als einen „schmutzigen alten Mann“, wie sich Williams selbst gern in Abgrenzung zum stubenmädchenhaft braven Love-Song-Mainstream bezeichnete. Nein, als Sänger sah er sich nie. Aber als Entertainer und Schweinepriester servierte er saftige kleine Geschichten. Andre Williams Singles der Fünfziger für das Detroiter Label Fortune Records gehören zwischen derangiertem Doo-Wop und schlüpfrigem Blues zum Wildesten, was jemals auf Vinyl gepresst wurde. Souverän über einen Beat bramarbasieren, in lakonischem Bariton von Keksen, Pussies und Schweineschnauzen palavern – das konnte er wie kein anderer. Etwa in „Jailbait“, dieser Mach-es-nicht-mit-Minderjährigen-oder geh-ins-Gefängnis-Moritat: „And now that it’s too late/ as you look from cell number eight/ I tried to tell yo old mate/ 17 and one-half is still jail bait“. Genauso exzentrisch: Seine halb gerappten, von Mitschnipp-Beats befeuerten Soulfood-Monologe wie „Pass The Biscuits Please“. Williams schien das alles beiläufig cool am Bartresen zu raunzen.

Auch wenn sich später Lux Interior von den Cramps, Frank Zappa oder Bootsy Collins als Fans outeten – Williams blieb (zumindest bis ihm „Shake A Tail Feather“ in Ray Charles „Blues Brothers“-Fassung ein Grundeinkommen sicherte) zu lange verkannt. Ein aus der Zeit gefallener Styler, der selbst ein Fastfood-Restaurant nie ohne Hut, Krawatte und gepflegten Dreiteiler betrat. Von seinen legendären Fortune-Singles verkaufte er nie mehr als ein paar hundert Stück. Heute muss man sie zum Glück nicht teuer auf Ebay kaufen, sondern kann sie hübsch annotiert auf der CD „Mr. Rhythm Is Moving“ (Hoodoo Records) nachhören.

Auch Motown brachte Williams nicht den erhofften Ruhm. Berry Gordy arbeitete noch in der Autofabrik, als sich die beiden im Barbershop kennenlernten. „Mein Friseur“ erzählte Williams, „stellte ihn mir vor. ‚Dieser Typ hier kann Songs schreiben, du solltest dich um ihn kümmern.‘ Ich konnte Berry, diese kleine, aufgeblasene Primadonna persönlich nie ausstehen.“ Trotzdem verschaffte Williams dem Motown-Boss seinen ersten Act, produzierte neben dem 13-jährigen Stevie Wonder auch Mary Wells, die Temptations und die Contours. Sechs Mal heuerte und feuerte ihn Gordy. Mitte der Sechzige r wechselte Williams zur Rhythm’n’Blues-Konkurrenz: Auf Chess Records hatte er mit „Cadillac Jack“ einen Hit, nebenbei schrieb er schaurig-schöne Dramen für die Dramatics, Bobby Blue Bland und O.V. Wright.

Als Ike Turner den Produzenten in den Siebzigern in sein Studio nach Los Angeles holte, unter anderem für das Ike und Tina Turner Album „Let Me Touch Your Mind“, war das der Anfang vom Ende. Williams rutschte von Ikes Koks-Töpfen direkt in die Gosse: „Ich rauchte Crack, hauste mit den Obdachlosen, hielt mich mit Hehlerei über Wasser. Manchmal schaute ich wehmütig den Fliegern nach, in denen ich einst erster Klasse zwischen den Studios und Plattenfirmen gependelt war“. Ein weißer jüdischer Produzent und fanatischer Fan machte Williams zehn Jahre später auf den Straßen Chicagos ausfindig und schleppte ihn zurück ins Studio. Mit Erfolg: Auf dem Album „Greasy“ (Norton Records) spannt er Williams mit der Garagen-Rock-Band The El Dorados zusammen – der Startschuss zu einer Zweit-Karriere auf den Bühnen der College-Clubs. Seine Stimme schmirgelte nun noch besser. Unter anderem die Jon Spencer Blues Explosion, The Dirtbombs und The Sadies holten ihn ins Studio. Mit letzteren spielte er 1996 ein großartig rumpelndes Country-Album ein: „Red Dirt“ (Blood Shot Records) – komplett mit schräger Fidel und typischen Williams-Texten à la „She‘s Just a Bag of Potato Chips“. Es sollten noch ein Dutzend Alben in unterschiedlicher Qualität – je nach Nüchternheit von Williams und dem Swing-Factor der Band – folgen. Die besten daraus: Der beherzte Garagen-Rock von „Silky“ (In The Red Records), und „Night & Day“(Yep Roc), ein spätes Meisterwerk des psychedelischen Talking Blues. „The worst thing in the world is a black man bored“, gesteht Andre Williams da. Möge der Mann auch eine Etage höher im rosa Dreiteiler die Schwanzfedern zum wackeln bringen.

JONATHAN FISCHER

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Moderner als Beton – Schön und ökologisch sinnvoll: Afrika besinnt sich auf die traditionelle Technik der Lehm-Architektur

Wer eine der Einfallstraßen in eine westafrikanische Großstadt nimmt, dessen Sinne werden von bemalten Sammeltaxis, Trauben bunter Mofas, prächtigen Stoffen, Obstverkäufern und Handy-Werbung überwältigt – als wolle die Stadt mit Farbe wettmachen, was ihrer Architektur an Attraktivität fehlt. Denn ob Bamako, Ouagadougou oder Niamey: Es regiert der Beton. Der trostloseste, zweckmäßigste Baustil, ein vordergründig billiger Sieg der Moderne.

  Wo, fragt man sich, bleibt die große Bau-Tradition der Sahel-Zone? Immerhin zählen die islamische Altstadt von Djenné, die bis zu 600 Jahre alten Moscheen von Timbuktu oder das historische Zentrum von Agadez zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie sind allesamt aus Lehm gebaut. Und der Beweis, dass man mit diesem lokal geförderten Material nicht nur anspruchsvolle Ästhetik, sondern auch eine Jahrhunderte überdauernde Architektur schaffen kann. Nur sind die Vorteile dieses Baustoffs offensichtlich in Vergessenheit geraten.

  „Viele Afrikaner“, sagt Boubacar Kourmansse, „halten nichts von Häusern aus Lehm: Sie gelten ihnen als altmodisch, rückständig: Busch-Vergangenheit.“ Die Augen des Maurermeisters mit dem sonnengegerbten Gesicht blitzen auf: „Dabei ist er moderner als jeder Beton. Lehm ist gesünder für den Körper und die Gesundheit. Tagsüber hält er kühl, und nachts gibt er die Wärme wieder ab.“ Kourmansse blättert Fotos auf seinem Handy auf. Museen in Washington und Südkorea haben ihn zur Errichtung von Lehmbauten einfliegen lassen. Nach dem Abzug der Islamisten aus Timbuktu hat er zusammen mit der malischen Lehm-Architektin Mariam Sy mitgeholfen, die zu Weltkulturdenkmalen erklärten Moscheen und Mausoleen zu renovieren. Und dann kümmert er sich noch um die Lehmmoschee seines Heimatorts Djenné, die größte ihrer Art in ganz Westafrika. Jedes Jahr nach der Regenzeit leitet er mit seinem Maurer-Team die Renovierungsarbeiten – zusammen mit Hunderten Freiwilligen. Der Lehmbau, sagt der Mann, der im traditionellen Gewand aus Damast gekleidet ist, beschränke sich heute aber längst nicht mehr auf die Pflege der Vergangenheit.

  Boubacar Kourmansse hat zwei Tagesreisen entlang des Nigers südlich nach Bamako zurückgelegt, um sich im Garten des Tamana-Hotels mit einem berühmten Architekten zu treffen, João Caeiro. Der Mexikaner ist weltweit für seine Bauten bekannt: Unter Verwendung von Naturmaterialien wie Erde, Bambus und Kalkstein hat er in seiner Heimat Oaxaca, in Guatemala, Ghana und Mosambik Wohnhäuser und Gemeindezentren errichtet. Sein nächstes Vorzeigeprojekt soll in einem Dorf im Süden Malis entstehen: Ein Museum für Westafrikas Kultur des Indigo-Färbens – erbaut selbstverständlich in moderner „Banco“- oder Lehmbau-Architektur. Dort sollen auch Bildungseinrichtungen einziehen, unter anderem Malis erste Schule für Lehmbau. „Bisher wird alles Wissen informell vom Meister auf die Schüler übertragen“, sagt Kourmannse, der die Gebäude mit seinem Team errichten soll. Bis zur Elfenbeinküste rufe man ihn, um den Nachwuchs zu schulen. Nur die Regierung vor Ort bevorzuge immer noch chinesische Beton-Architekten. „Die Menschen fangen erst langsam an zu verstehen, welchen Schatz wir mit dieser Technik besitzen.“

  Der Ort für das geplante Indigo-Museum, Siby, 50 Kilometer südlich von Bamako, liegt inmitten einer Postkarten-Landschaft aus bizarren Felsformationen. Dort gibt es bereits ein Bewusstsein für die Rückbesinnung auf lokale Bautraditionen: Seit 2014 veranstaltet das Kulturzentrum Bougou Saba jeden Februar das „Bogo Ja“-Festival, einen Wettbewerb um die schönsten Hausbemalungen: Erlaubt sind nur Erd- und Pflanzenfarben, teilnehmen kann jeder Einwohner mit einem Lehmhaus. Zum Wettbewerb und den begleitenden Festen kommen dann auch Malier und Touristen bis aus Bamako angereist. „Über den Stolz, als Künstler anerkannt zu werden, hat der Lehmbau vor Ort einen neuen Stellenwert bekommen“, sagt Odile Vandermeeren, eine junge belgisch-malische Architektin, die zusammen mit ihrer Kollegin Mariam Sy „FACT Sahel +“, ein Netzwerk von im Sahel arbeitenden Lehmbau-Architekten, Baumeistern und Künstlern gegründet hat.

  In Siby tritt dieses Netzwerk als Mitveranstalter auf. Kinder dürfen Miniaturhäuser aus Lehm gestalten, während ein Forum einheimische Architekten, Maurermeister und Unternehmer zusammenbringt. Vandermeeren schwärmt von einer Renaissance des Lehmbaus. Der kollektive Elan sei beeindruckend. Die Herausforderungen allerdings auch: „Der Lehmbau hat sich seit Jahrtausenden kaum weiterentwickelt. Jetzt experimentieren wir mit neuen Materialien. Etwa der Beimengung von Pflanzenfasern. Oder gebrannten Erdkacheln auf dem Putz, die den Lehm gegen die Erosion der Regenzeit schützen“.

  Dass Lehm der Baustoff der Zukunft ist – daran lässt die Architektin mit dem Büro in Bamakos Villenviertel Badialabougou keinen Zweifel. 40 Prozent des menschlichen Kohlendioxid-Ausstoßes werden von der Bauindustrie verursacht. Lehm, erklärt Vandermeeren, könne die ökologische Bilanz wesentlich verbessern. „Das Material wird lokal gewonnen und zerfällt wieder. Außerdem erspart es oft eine Klimaanlage.“ Auf der Webseite von Mariam Sys Firma Architerre sieht man überaus modern wirkende Lehmbau-Residenzen, die sofort jedes Vorurteil des Altbackenen widerlegen. Vandermeeren selbst hat mit einer von ihr gebauten Schneiderschule in Niamey, eine Kombination aus Stahl und Lehm, neue Standards gesetzt. „Solche Projekte können einen Schneeball-Effekt schaffen“, sagt sie. Dazu diene auch der jährliche Architekten-Wettbewerb von FACT Sahel +, der den weltweit ausgeschriebenen „Terra Awards“ für Lehmbau angegliedert ist. Gerade plane man eine Online-Kampagne mit westafrikanischen Popstars. Die Idee: Berühmte Sängerinnen wie Rokia Traoré steuern einen Song bei und reden über, nun ja: Lehm. „Wir wollen“, sagt Vandermeeren, „diesen Baustoff wieder sexy machen.“ Denn letztlich laufe auch das Bauen über Emotionen. „Wenn Popstars Lehmhäuser haben, dann wollen sie plötzlich andere auch“.

  Unter Leitung von Miriam Sy und Boubacar Kourmansse setzt FACT Sahel + auf die Macht des Marktes. Je mehr gebaut werde, desto günstiger entwickelten sich die Preise, und desto bereitwilliger seien Staat und Unternehmer zu investieren: „Wir können von der Regierung nicht viel erwarten“, sagt Kourmansse. „Trotzdem bemühen wir uns, sowohl Minister wie auch die einfachen Menschen von unserer Sache zu überzeugen – denn letztlich profitieren Arme wie Reiche von Lehmbauten.“ Lehm, doziert er, gehöre zu den ältesten Baustoffen der Menschheit. Seit der Sesshaftwerdung des Menschen im Nahen Osten im zehnten Jahrtausend vor Christus hätten sich die grundlegenden Techniken gehalten: das Bauen mit Strohlehm, das Aufeinanderstapeln von Lehmklumpen, zwischen zwei Planken festgedrückter Stampflehm, oder auch „Adobe“, der in Handpressen vor Ort gefertigte, luftgetrocknete Lehmziegel. 40 Prozent der Weltbevölkerung leben bis heute in Lehmbauten. Wie aber kann man ihnen eine Wertschätzung dieses Materials vermitteln?

  „Africa Bougous“ zeigt, wie es geht. Die malisch-italienische Organisation hat mit moderner Architektur und uralter Bautechnik den Alltag einiger malischer Dörfer revolutioniert. Kati im Süden Malis ist vor allem als Militärlager bekannt. Doch in der Kleinstadt gibt es nun dank Africa Bougous auch eine Behindertenschule, einen Internet-Workshop und ein Jugendzentrum. „Wir verbinden Architektur immer mit einem gesellschaftlichen Auftrag“, sagt der federführende italienische Architekt Emilio Caravatti. In Monza unterhält er mit seinem Bruder und den beiden Ehefrauen ein Architekturbüro, das auf soziale Intervention – etwa beim Bau von Gefängnissen oder Bibliotheken – setzt. Seine Leidenschaft aber gehört Mali und Africa Bougous. „Bougous“ bedeutet in der Bambara-Sprache ein Haus aus Lehmziegeln. Caravatti leitet den Verein mit zwei Maliern, Lazare Konate und Emile Coulibaly.

  Im Toyota-Jeep geht es durch die umliegenden Dörfer, auf durchlöcherten Pisten, die zur Regenzeit nicht einmal mit einem Vierradantrieb passierbar sind. Zwischen strohgedeckten Rundhütten tauchen immer wieder Laterit- oder Lehmgebäude mit Metalldach und eleganten nubischen Rundbögen auf: Dorfschulen. Und dann das Raumschiff einer Krankenstation in N‘golofolo: Caravatti hatte sie im Jahr 2006 als zwei nebeneinanderliegende Lehmröhren entworfen. Das überstehende Vordach und die Belüftungslöcher erzeugen zusammen mit dem Lehm selbst bei 38 Grad angenehm kühle Raumtemperaturen. Inzwischen hat das örtliche Komitee den Bau erweitert, zu vier Röhren, sowie einem Gemeinschaftscafé und Medikamentenlager.

  „Der Lehmbau bringt die Menschen zusammen“, sagt Emile Coulibaly. „Nachdem einige Maurermeister zwei Dutzend Bewohner angelernt hatten, zogen sie die Gebäude in Eigenverantwortung hoch und unterhalten sie bis heute.“ Lehm schaffe außerdem Arbeitsplätze: Einige der angelernten Maurer machten sich mit eigenen Betrieben selbständig. Andere fanden Arbeit in umliegenden Städten. Es ist eine Hoffnungsgeschichte, die weit über diese Gegend hinausreicht: Afrika entdeckt Antworten auf die architektonischen Herausforderungen der Zukunft – vor Ort, im eigenen Boden.

JONATHAN FISCHER

SZ 5.3.2019