Monatsarchiv: Oktober 2020

Friedensstifter

In Mali ist der Blues mehr als das Fundament des Pop: Afel Bocoums meisterhaftes Album „Lindé“ ist ein Appell an seine Nation

Die Geschichte hinter der Geschichte ist oft die eigentlich interessante. Etwa wenn Akteure in zweiter Reihe sich mit selbstlosem Enthusiasmus für ein musikalisches Werk aufarbeiten, und am Ende nur das Kleingeschriebene im Booklet darauf hinweist. So auch im Fall des großartigen neuen Albums „Lindé“ des malischen Veteranen Afel Bocoum. Kritiker feiern die geniale Produktion. Die ist von Damon Albarn, Rockstar bei Blur und den Gorillaz, und Nick Gold, Weltmusik-Entdecker vom World-Circuit-Label, der Ry Cooder zum Buena Vista Social Club brachte und immer wieder afrikanische Stars in Amerika groß machte. Die vermischten für Bocoum den lässig schaukelnden Groove traditioneller Songhoy-Klänge mit Soul- und Reggae-Elementen.

  Dann ist da aber noch der Mann ohne den dieses Album nie zustande gekommen wäre: Paul Chandler. Ein Amerikaner, der seit über eineinhalb Jahrzehnten von Bamako aus nicht nur Afel Bocoum und dessen Band betreut sondern als Musiker, Produzent und Gründer der Hilfsorganisation „Instruments 4 Africa“ die traditionelle Musik Malis dokumentiert, Filme produziert und Festivals organisiert. Chandler erzählt, dass er in den Neunzigerjahren, zu seiner Zeit als Musikschullehrer in Amerika regelmäßig unter Panik-Attacken litt. Kein Arzt, kein Psychiater konnte ihm helfen. Bis er die malische Musik entdeckte.   1999 hatte er ein Konzert von Ali Farka Touré in New York besucht. Mehr noch als dieser Star des malischen Wüstenblues aber beeindruckte Chandler die Vorband um Tourés Gitarristen Afel Bocoum. Dessen Sound wirkte wie Medizin für den Großstädter. Eine Proto-Blues-Ästhetik, in der Schmerz und Freude in rollenden Rhythmen zusammenfinden. „Nachdem ich Afels Show gesehen hatte, war ich entschlossen, nach Afrika auszuwandern“.

  Chandler rief auf gut Glück bei der amerikanischen Schule in Bamako an. Wie schnell er denn kommen könne, fragte man ihn. Denn die Stelle des Musiklehrers sei gerade verwaist. Wenig später zog Chandler nach Mali. Sein musikalisches Idol Afel Bocoum war nun ständiger Besuch bei ihm.

  Bocoum war seinem Onkel Ali Farka Touré bereits als Kind auf Schritt und Tritt gefolgt. Er trug die Gitarre, machte Botengänge, besorgte Geld. Später wurde er in die Band der malischen Musiklegende aufgenommen. Als Sänger, Gitarrist und Songwriter entwickelte er seine eigene Variante des aufreizend bluesigen, wellenartig und in funkelnden Brechungen dahinströmenden Sounds, den man mit dem Städtchen Niafunké am Ufer des Niger assoziiert.   Doch erst 1999 nahm Bocoum, inzwischen 44 Jahre alt, sein Debütalbum auf. „Alkibar“ hieß es, und überzeugte Damon Albarn auf der Stelle. Der nahm Bocoum in sein „Mali Music“-Projekt auf, holte ihn für die Africa Express-Jams nach London und vor über 65 000 Zuschauern auf die Hauptbühne des Roskilde-Festivals. Wie Salif Keita oder Tinariwen hatte Bocoum keine Berührungsängste mit dem Pop.

  Nach dem Tod Ali Farka Tourés im Jahre 2006 galt der Neffe als natürlicher Nachfolger. Doch Bocoums Bescheidenheit stand ihm im Weg. Und als halb Mali 2012 durch Dschihadisten besetzt wurde, seine Heimat zwischen Nord und Süd zerrissen schien, ein Militärputsch zu einer anhaltenden Krise führte, legte er die Gitarre zeitweise ganz zur Seite. Hatten die malischen Musiker hier noch etwas auszurichten? Es war Chandler, der den alten Mann aus dem inneren Exil holte. Nach dem gemeinsamen Projekt „Alkibar Junior“ mit jüngeren Musikerkollegen aus Niafunké, produzierte der Amerikaner den Film „It Must Make Peace“, eine eindrückliche Dokumentation der bedrohten malischen Musiktraditionen, dem Afel Bocoum als Erzähler und Hauptdarsteller diente.

  Chandler ließ Bocoum versprechen, dass er sich melde, wenn er neue Songs hätte. 2017 war es dann soweit. Auf gemeinsamen Trips durch ganz Mali hatte Bocoum die Ideen gesammelt, die nun das Grundgerüst von „Lindé“ bilden. Etwa als eine Gruppe Jugendlicher in einer Kleinstadt an der Grenze zu Mauretanien Gesang aufführten, wie sie bei Beschneidungszeremonien aufgeführt werden. Bocoum war von der Melodie elektrisiert. Er summte sie in sein Smartphone und machte daraus die aktuelle Single „Dakhamana“. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist unsere Sozialversicherung“, singt der Songhoy-Musiker, und mahnt seine Landsleute, sich ihrer ethnischen Unterschiede zum Trotz als Angehörige einer Nation zu begreifen. An anderer Stelle warnt die Jugend vor der Illusion, sie würden als Migranten in Europa ein Paradies vorfinden. „Lasst uns in unser Land zurückzukehren, um zu arbeiten.“

  Man merkt Bocoum seine Vergangenheit als Landwirt in Niafunké an. Schon damals nutzte er seine Musik dazu, die Vorzüge gemeinschaftlichen Wirtschaftens zu preisen, nun hat er dem Gründer des landwirtschaftlichen Kollektivs den Song „Djougal“ gewidmet. Musik und Moral gehören in Mali schon immer zusammen. Und Bocoum lässt keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern.

  In der aktuellen Situation bekommen Bocoums Friedens-Appelle eine ganz neue Dringlichkeit. Mitte August putschte sich in Bamako das Militär wieder an die Macht geputscht. Hunger droht. „Die Malier sind erschöpft“, sagt Bocoum. „Viele glauben nicht mehr an die Zukunft unseres Landes. um so mehr müssen wir uns bemühen, Hand in Hand zusammenzuarbeiten“.

  „Lindé“, benannt nach dem Landstrich im Zentrum Malis, wo Bocoum aufwuchs, ist ein pazifistisches Statement. Die Rhythmen rollen eher als zu rocken. Der vom Chor beantwortete Gesang fleht im Stile eines langen Gebets. Afel Bocoum hat die Songs mit seiner Band komplett in Paul Chandlers Haus in Bamako eingespielt.

  Anschließend flog der amerikanische Freund nach London, um es zusammen mit Nick Gold und Damon Albarn in dessen Studio abzumischen. Von Albarn stammt auch die Idee, den erkrankten Geigenspieler Bocoums durch Joan Wasser aka Joan As Police Woman zu ersetzen, die mit trockenen, gezupften Violinentöne den Blues herauskehrt. Und den jamaikanischen Skatalites-Posaunisten Vin Gordon zu holen, dessen Bläser-Overdubs wie selbstverständlich mit dem jahrtausendealten Groove fließen.

  Fast scheint es, als hielte angesichts des Zusammenbruchs der Regierungs und der zivilen Strukturen in Mali nur noch die Kultur das Land zusammen. Musik als letztes Bindemittel? Afel Bocoum bestätigt diesen Eindruck. „Wir Musiker erinnern die Menschen an unsere große gemeinsame Geschichte – und an die Kraft der Versöhnung“. Eine musikalische Naturgewalt, die offensichtlich genauso in der Lehmhütte am Niger funktioniert wie in der Lehrerwohnung in New York.

JONATHAN FISCHER

RÜCKKEHR DER SANFTEN REBELLEN

Die Legenden des Reggae sterben – doch junge jamaikanische Musikerinnen entdecken deren Musik wieder für sich.

Als im September die Reggaelegende Toots Hibbert verstarb, markierte das das Ende einer Aera. Er gehörte noch zu den Selfmade-Men, die – ohne jede Musikausbildung aber mit umsomehr Sendungsbewusstsein – sich bei den Studios in Kingston vorstellten, ihre zwei, drei Nummern mit der Hausband durchzogen, und wenn sie Glück hatten, mit ein paar Dollars entlohnt wurden. Oder wie Toots auch nur mit einem Patty, einer gefüllten Teigtasche. Den hatte er von Studio One-Betreiber Clement Coxsone Dodd für seine allererste Komposition bekommen. Die Investition sollte sich lohnen. Toots alias Frederick Nathaniel Hibbert, der nach dem Tod der Eltern vom ländlichen May Pen zu seinem Bruder nach Kingston gezogen war, sollte mit seiner Band The Maytals den jamaikanischen Pop fast sechs Jahrzehnte lang befeuern. Dem Reggae eine Note von Gottesdienst, Schweiß und ekstatischer Bandmusik verleihen. Zwei Jahre nach „Bam Bam“ – einem Song, der als Sample und Zitat bis in den Dancehall und HipHop-Nummern von Lauryn Hill bis Jay-Z weiterlebt, sollte 1968 eine weitere Toots-Komposition dem ganzen Genre seinen Namen verpassen: „Do The Reggay“.

Toots hatte nicht nur den Übergang vom rasanten Stakkato des Ska über den Rocksteady zu den extrem zerdehnten basslastigen Rhythmen des Reggae geprägt – sondern auch Funk, Afropop oder sogar Country experimentiert. Seine missionarische Kraft aber aber rührte vor allem von seiner Stimme: Einem Gospel-Timbre, das mal an Otis Redding oder Ray Charles erinnerte, und jedem Hörer klarmachte, dass es um nichts weniger als das Göttliche in mir, dir und uns allen geht. Oder um es mit einem seiner Hits zu sagen: “Reggae Got Soul“. Wie auch Marley hatte sich Toots eine Menge seiner Melodien und den Erweckungs-Drive aus der Kirche abgeschaut, als Sohn zweier Adventistenprediger lag ihm das Predigen schon im Blut. Nicht so radikal wie die Rastas, aber doch stets aus der Lebenserfahrung der Mehrheit armer Jamaikaner schöpfend forderten Toots Songs Gerechtigkeit ein. Besangen sie wie „Pressure Drop“ oder „54-46 Thats My Number“ Armut, Gefängnis und Widerstand. Oder auch spirituellen Trost. Reggae: Zu der Zeit als Chris Blackwells Island Records Künstler wie Bob Marley, Jimmy Cliff, Peter Tosh oder Toots & The Maytals für ein weltweites Publikum aufbereitete, lieferte Jamaika noch den Soundtrack einer weltweiten schwarzen Emanzipationsbewegung.

Bis Anfang der 80er Jahre der Traum von „One Love“ in sich zusammenfiel. Der Tod Bob Marleys, die Heimsuchung der Karibikinsel durch Drogenhandel und wahlweise von der CIA oder Kuba bewaffneten Gangs, die als Statthalter der zwei großen politischen Parteien agierten, ließ auch vom einstigen Verbrüderungs-Opimismus des Reggae nicht viel üblich. Kingston rutschte zur Bürgerkriegszone ab. Digital produzierte, von Gangsterposen und Obszönitäten geprägte Dancehall-Tunes beherrschten das Musikgeschäft. Toots fand wie viele der alternden Reggaelegenden seine treueste Anhängerschaft in Amerika und Europa, tourte dort auf Festivals und durch Clubs, spielte mit Fans wie Keith Richards, The Roots oder Bonnie Raitt seine alten Songs neu ein. Im Westen wurden die Traditionen Jamaikas nach wie vor gefeiert.

Was aber war aus dem Reggae in seinem Geburtsland Jamaika geworden?

Lange sah es so aus, als ob das ganze Genre der Geschichte angehörte. Unter synthetischen Drums, billigen Rhythmen und Autotune-Gesängen begraben. Einer Dancehall-Mode geopfert, die bei allen musikalischen Verdiensten die Solidarität des Reggae egomanischen, frauenfeindlichen und homophoben Selbstdarstellern geopfert hatte. „Überall auf der Welt führen Musiker die jamaikanischen Pop Traditionen des Ska, Rocksteady und Reggae fort“, beklagt Billy Mystic, ein drahtiger Rasta in der Open-Air-Bar seines „Jamnesia“-Surfcamps am Stadtrand von Kingston.“Nur auf unserer Insel drohen sie in Vergessenheit zu geraten.“

Mystic sang einst mit den Mystic Revelations, heute verdient er sein Geld als Surflehrer.

Und doch hat er wesentlich dazu beigetragen, eine Art Reggae-Revival zu forcieren. In Kingston sind Live-Konzerte eine Selteneheit. Mystic aber stellte einer Generation, die weitgehend digital aufgewachsen war, Instrumente und Bühnentechnik zur Verfügung und lud zu samstäglichen Live-Sessions. Unter anderem der weltweit gefeierte Nachwuchs-Star Chronixx absolvierte auf der „Jamnesia“-Bühne seine ersten Auftritte: „Jetzt schlägt das Pendel wieder zurück“, sagt Mystic. „Denn die Kraft des Reggae lag schon immer darin, dass er nicht nur Musik bietet, sondern eine komplette Identität.“ Dazu gehörten die Prophezeiungen der Bibel, der Bezug auf das Mutterland Afrika, die Naturverbundenheit der Rastafari-Bewegung sowie die Möglichkeit gesellschaftlichen Widerstands. Heute entdeckt eine junge Generation die sanfte Rebellion des Reggae wieder für sich.

Spätestens als im Jahre 2014 Vybz Kartel, der größte Star des an Sex- und Drogen-Klischees überfütterten Dancehall, wegen Mordes verurteilt wurde, schien die Zeit für einen Neuanfang gekommen. Und weil Popmusik auch in Jamaika zyklisch funktioniert, bedeutete das eine Rückbesinnung: Auf eine vergessene Spiritualität. Auf das Musizieren in einer Band. „Ich hörte mir Bänder von den Studio Sessions meiner Mutter in den 70er Jahren an“, erzählt Protoje, Sohn der Reggae-Sängerin Lorna Bennett „und die Sounds packten mich. Danach wollte ich mehr wissen: Ich wühlte mich also durch die lokale Musikproduktion dieser Zeit und entdeckte eine ganze Welt“. Protoje, schmales Gesicht, Filzlocken, ernsthafte Stimme, gehört zu den jungen Stars, die Roots Reggae-Botschaften und Dancehall-Elemente kombinieren. Akustische Gitarre, ein Marley-Poster, ein Satz Hanteln. Das ist die ganze Ausstattung des Arbeitszimmers seiner Villa, von der aus er auf die tiefergelegenen Teile von Kingston, den Hafen und die karibische See blicken kann. „Ich habe grundsätzlich nichts gegen Dancehall und Party. Aber es muss doch eine Art Balance geben mit Musik, die auch unsere Realität abbildet.“

Protojes Songs appellieren an den Respekt vor der Natur, vor den Frauen, vor der eigenen Göttlichkeit. Er ist damit nicht nur international erfolgreich – sondern inspirierte auch viele junge Talente des Reggae Revivals: Chronixx, Jesse Royal, Kabaka Pyramid, Jahnine oder Koffee um nur einige der Bekanntesten zu nennen. Selbst Chris Blackwell hat sich noch einmal begeistern lassen: Er bescheinigt Chronixx „einen Flow und eine Autorität“, die er erst selten gehört habe – und nahm ihn als Songwriter unter Vertrag. Chronixx schätzt seine Wegbereiter: „Jeder Song, der im Rahmen des Reggae Revivals entsteht, ist schon einmal auf ähnliche Weise aufgenommen worden. Die selben Rhythmen, ähnliche Lyrics. Aber ist das schlecht? Ich verherrliche nicht das Neue um des Neuen willen. Viel wichtiger ist mir Kontinuität“. Was Chronixx (selbst Sohn des Dancehallmusikers Chronicle) und seine Kollegen von ihren 70er Jahre-Vorbildern allerdings unterscheidet: Sie haben meist eine musikalische Ausbildung genossen und entwickeln ihre Songs über „Suffering“ und „Justice“ aus einer privilegierten Mittelklasse-Situation heraus.

Erstaunlicher noch: Viele von ihnen sind Frauen – in einem Genre, das traditionell außer Rita Marley nur wenige weibliche Stars vorzuweisen hatte. Die Sängerin Lila Iké etwa. Protoje nahm sie mit auf Tournee und besorgte ihr einen Plattenvertrag. Ikés Debut EP „ExPerience“ erschien dieses Jahr, das Video zur Hitsingle „Where I‘m Coming From“ lässt ihre alleinerziehende Mutter zu Wort kommen und zeigt, ganz unglamourös, ihre Ursprünge in der ländlichen Region Manchester. Oder die als neue Reggae-Sensation gehandelte Koffee: „Ich möchte den positiven Vibe von Bob Marley in meiner Musik aufgreifen“, bekennt die zierliche 20-jährige, die gerade mit ihrer millionenfach gestreamten Single „Toast“ eine moderne Reggae-Fusion vorantreibt, wie sie auch Rihanna oder Major Lazer zuletzt in die Charts brachten. Ihre Botschaft aber ist so oldschool wie Bob Marleys „Get Up Stand Up“ oder Toots Hibberts „Pressure Drop“. „Die Parlamentarier wälzen nur Papiere“, singt sie auf „Ragamuffin“. „Um die Ghettojugend aber kümmern sie sich nicht/ deshalb wird das Land auch nicht sicherer“. Neu ist das kaum. Aber musikalisch stark. Und als Botschaft so dringlich wie eh und je.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung in der NZZ vom 30.9.2020