Monatsarchiv: Juni 2016

HARTER STOFF Javanisches Design, holländische Batikdrucke, afrikanische Identität: Afrikas Mode- und Textilkultur lebt seit 100 Jahren vom „Real Dutch Wax“ der holländischen Firma Vlisco. Jetzt lassen sich selbst afrikanische Regierungen von ihr beraten

 

Die Taxis in der malischen Haupstadt Bamako sind handbemalte Kunstwerke. Die Motive spiegeln die lokale Popkultur: Islamische Prediger, malische P1100889Chanteusen, Portraits von Che Guevara – oder auch gestapelte Stoffballen mit dem Schriftzug „Vlisco“. Vlisco? Hierzulande haben zuletzt Designer wie Jean Paul Gaultier, Dries van Noten oder Gwen Stefani Modelle mit Vlisco-Stoffen auf den Laufsteg geschickt. Auch Beyoncé und Rihanna ließen sich schon in den knalligen Afrika-Tüchern ablichten. Hipster-Stoff eben. In Afrika aber gelten die teuren Wachsstoffe vor allem als Symbol von Klasse, vergleichbar vielleicht mit der Rolex-Uhr oder der Louis-Vuitton-Tasche im Westen. Jeder Besucher einer afrikanischen Großstadt kennt die Vlisco-Designs: Sie gehören zum farbenfrohen Charme der Straßen von Bamako, Dakar, Lagos oder Kinshasa. Schätzungsweise 80 Prozent aller Muster auf Afrika-Stoffen stammen von dieser einen Firma. Das kann durchaus verwundern: Denn das Unternehmen stammt aus Holland. Seit 160 Jahren hat die Textilfabrik ihren Sitz in der brabantischen Kleinstadt Helmond. Und auch wenn Vlisco 90 Prozent seiner Geschäfte mit dem schwarzen Kontinent abwickelt: Afrikaner sind weder an der Firma beteiligt, noch wird deren Mode von Afrikanern designt. Wie also kommt es dass sich Afrikaner mit diesen Stoffen identifizieren, ja selbst Nelson Mandela demonstrativ seine Hemden daraus fertigen ließ?

Um das komplexe europäisch-afrikanische Ping-Pong zwischen kaufmännischer Mission und afrikanischer Kulturaneignung zu verstehen, muss man schon den Firmensitz in Helmond besuchen. Ein Ort mit einer langen Geschichte der Globalisierung. Und ein Knotenpunkt für die erfolgreiche Fusion europäischer, asiatischer und afrikanischer Ideen. Auf dem Fabrikgelände gelten ich strenge Sicherheitsvorschriften: Kameras und Handys bleiben an der Pforte. Zu groß ist die Gefahr, dass neue Designs an die Konkurrenz in China gelangen – um schließlich als minderwertige Kopien zu einem Zehntel des Vlisco-Preises den afrikanischen Markt zu überschwemmen. „Das passiert leider dauernd, sobald wir eine neue Kollektion auf den Markt bringen“, erklärt Hans Ouwendijk. Der CEO von Vlisco hat deshalb seit der Übernahme von Vlisco durch die Actis Holding vor sechs Jahren das holländische Textilgeschäft auf neuen Kurs gebracht: „Wir wollen nicht nur Stoffe verkaufen. Sondern die führende High-End Modemarke Afrikas werden.“ Allein qualitativ habe Vlisco einen Vorsprung: die Stoffe mit dem „guaranteed Dutch Wax“-Siegel seien schwerer, farbechter und überdauerten mindestens 15 Jahre, während die Raubdrucke nach zwei mal Waschen ausbleichten. Das mag so stimmen. Aber warum will man einem armen Kontinent wie Afrika unbedingt eine Luxus-Marke bescheren? „Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Wirtschaften befinden sich in Afrika“, kontert Ouwerdijk. „Eine breite Mittelschicht entsteht. Und wer dort etwas auf sich hält, trägt Vlisco. Ich habe sogar von Afrikanern gehört, die sich in ihrem Haus einen extra Raum zur Aufbewahrung und Präsentation ihrer Vlisco-Stoffe bauen lassen.“

Vliscos Affinität zu Afrika kam erst auf Umwegen zustande: 1846 hatte der Unternehmer Pieter Fentener von Vlissingen die Produktion indonesischer Batikstoffe mechanisiert. Doch offensichtlich kamen die industriell gefertigten Stoffe bei den Indonesiern nicht so gut an wie die handgemachte lokale Konkurrenz. So verkauften die Frachter ihre Ware zum Teil schon bei den Zwischenstopps in afrikanischen Häfen. Zudem sollen afrikanische Soldaten, die Holland in Indonesien eingesetzt hatte, die Batikstoffe bei ihrer Rückkehr als Geschenke für ihre Familien mitgebracht haben und so einen Markt geschaffen haben. Von der Goldküste, dem heutigen Ghana aus, verbreitete sich die neue Batikdruck-Mode über ganz West- und Zentralafrika. Stoffe spielten hier schon immer immer eine bedeutende Rolle im sozialen Leben. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die holländischen Drucke zu einem authentischen Teil der Kultur und des Selbstausdrucks westafrikanischer Länder wie Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste. Vlisco überlebte dabei alle neue Moden – und gilt seit den 1970er Jahren als Monopolist für „Dutch Wax prints“. Im Gegensatz zur pakistanischen oder chinesischen Billig-Konkurrenz arbeitet Vlisco tatsächlich noch mit Wachs, dessen Bruchlinien die einmalige Struktur der Stoffe prägen. In den Ziegelsteinhallen der Fabrik in Helmond erledigen das 80 Jahre alte Maschinen: Bis zu drei Wochen dauert die Fertigstellung eines mehrfach überdruckten Stoffes. Eines Stoffes, der tatsächlich noch in Holland gefertigt wurde.

Daneben residiert in einem modernen Glasbetonbau die Design-Abteilung: „Unser Erfolg beruht auf unser ständigen Anpassung an den afrikanischen Markt“, sagt Designerin Marjam Degrout. „Wir müssen dazu viel über Symbole wissen. Und daran denken, dass Afrikaner sich anders als wir gerne offensiv in Szene setzen“. Verschiedene Farbspektren bedienen verschiedene lokale Märkte. Die Graphik aber schöpfe aus weltweiten Quellen: Pflanzen- und Tiersymbole, indische Folk-Ästhetik, islamische Geometrie oder äthiopisch-koptische Kirchenkunst. Seit den 70er Jahren spiele auch Technik eine Rolle: Zündkerzen, Ventilatoren oder Computer seien zu populären Motiven geworden. Viele der Stoffe entwickelten allerdings in Afrika ein Eigenleben – wie etwa das von Degrout entworfene und auf dem lokalen Markt „Paracetamol“ getaufte Pillen-Design: „Ohne das wir das beabsichtigen bringen die afrikanischen Frauen bestimmte Muster mit Sprichwörtern und Slogans ihrer Ethnien in Verbindung. Sie erzählen Geschichten zu einem Design. Und afrikanisieren es dadurch“ . Im Vlisco-Archiv – in einem Raum über den Fabrikhallen hängen an langen Schienen über 350 000 Stoffmuster – finden sich dazu viele Beispiele. Etwa der ABC-Stoff, der zu verstehen gibt, dass sein Träger lesen und schreiben kann. „Liebling kehr mir nicht den Rücken zu“ oder „Mein Mann ist fähig“ signalisieren andere Muster. „Die Frauen und Händlerinnen vor Ort“, sagt Degrout, „sind unsere Ko-Kreatoren“.

Eine dieser Händlerinnen ist Madame Neimatou. Auf dem großen Markt von Bamako betreibt die resolute Malierin das lokale Outlet von Vlisco: Ein wenig versteckt im ersten Stock eines nüchternen Geschäftshauses liegen hier die Stoffmuster aus Helmond auf hölzernen Vitrinen aus. „Ich muss meinen Laden nicht groß bewerben“, sagt Neimatou, „denn wer etwas auf sich hält, der trägt ausschließlich Vlisco-Stoffe“. Auch wenn Mali ein relativ kleiner Markt ist, wirft das Geschäft offensichtlich genug für einen großen Geländewagen mit Chauffeur ab. In Togo, wo der Handel mit Vlisco-Produkten matriarchal von der Mutter an die Tochter vererbt wird, war es eine Vlisco-Händlerin die den ersten Mercedes im Land kaufte – seitdem heißen die gesetzlich lizensierten Stoffhändlerinnen dort „Mama Benz“. Vlisco befragt die afrikanischen Geschäftsfrauen regelmäßig, ihre Meinung führt oft zu Korrekturen an den Stoffen. Heute allerdings macht Madame Neimatou wie ihren Kolleginnen die Piraterie zu schaffen. Bei ihr kostet eine Stofflage, also sechs Yards, 60 000 Francs. Das sind knapp 100 Euro. Zehnmal so viel wie eine Lage chinesischer Raubkopien. „Viele meiner Kunden kaufen Vlisco als Wertanlage. Sie sammeln die Stoffe wie andere Leute Goldbarren“. Wenn, dann dürfe nur ihr persönlicher Schneider mit der Schere dran. „Das ist der Unterschied zum europäischen Markt. Wir verkaufen kaum pret-a-porter Kleidung. Vielmehr hat jede Frau ihren Schneider, zu dem sie die Stoffe bringt, und der ihr etwas einzigartiges näht. Jeder hier hat seinen eigenen Stil – niemand will das Gleiche tragen wie der Nachbar“.

Auch die Verkaufskanäle in Afrika unterscheiden sich grundsätzlich: „95 Prozent unserer Stoffe werden auf offenen Märkten verkauft. Die Großhändler beziehen sie von uns und verkaufen sie an Einzelhändler weiter.“ Vlisco habe zwar bereits drei Dutzend aufwendig gestaltete Flagstores in den afrikanischen Metropolen eingerichtet. Doch die hätten vor allem Image-Wert. Genauso wie die fertigen Handtaschen und anderer Chi-Chi, der dort ausliegt. „Unsere Stärke ist der Informationsaustausch mit unseren lokalen Händlern und Mitarbeitern. Sie wissen wo wir einen Laden am besten positionieren und wie wir ihre Attraktivität stärken“. So habe Vlisco etwa die Überdachung und Beleuchtung des offenen Stoffmarktes von Kinshasa finanziert. Und kostenlose Schneiderakademien eingerichtet. Hier bringt man talentierten Schneider nicht nur neue Schnitte und qualitativ hochwertige Arbeitsweisen bei – sondern bindet sie auch an die Geschäftsaktivitäten von Vlisco an. Von 2000 Vlisco-Mitarbeitern, sagt Ouwendijk, seien inzwischen rund 1900 in Afrika beschäftigt. So lasse man drei kleinere Labels in Ghana und der Elfenbeinküste produzieren: Die Marken GTP, Uniwax und Woodin sind preislich günstiger und zielen auf jugendliche Konsumenten. An dieses Klientel adressiert sich Vlisco auch virtuell: Viermal im Jahr entwirft das Team in Helmond neue Kollektionen, die jedesmal einen Sturm auf den Mode-Blogs in Afrika auslösen.

Die Mischung aus Afrika-Hype und westlichem Einfühlungsvermögen zieht. In den letzten fünf Jahren hat Vlisco seinen Umsatz beinahe verdoppelt. Angesichts dieser Erfolgsstory lassen sich die Regierungen in Nigeria und Kongo inzwischen ganz offiziell von Vlisco beim Wiederaufbau ihrer am Boden liegenden Textilindustrie beraten. Für Ouwendijk eine Win-Win-Situaion. Vlisco beziehe inzwischen nicht nur ein Drittel seiner Baumwolle aus Afrika. Das Unternehmen baue etwa in Nigeria auch örtliche Infrastrukturen von den Baumwollbauern über die Fabrikation der Stoffbahnen bis zum eigentlichen Textildruck auf. Dafür verzichteten die Afrikaner auf übertriebene Importzölle. „Sie haben am Ende zu Zoll-Korruption und illegalen Importen geführt, die der heimischen Industrie mehr schadeten als nützten“. Ouwendijk erwartet angesichts der neuen Import-Politik eine „Explosion“ der Umsäze in Nigeria und Kongo. Dass Kritiker Vlisco seines europäischen Firmensitzes wegen des „Neokoloniolismus“ beschuldigen – das findet der CEO „lächerlich“. „Wir haben in Afrika über eine Million Facebook-Fans“, sagt Ouwendijk. „Und wir sammeln dort mehr Likes als Nike, Apple oder jedes andere Unternehmen. Die afrikanischen Konsumenten fühlen, dass ihnen unsere Marke gehört, und nicht umgekehrt“.

JONATHAN FISCHER

In einer gekürzten Version am 15.6.2016 in der SZ

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Mensch, Ahmed! In der Lehre großartig, im Leben fast gescheitert: Wie ein Jugendlicher alle Hoffnungen enttäuscht und am Ende lernt, seine Wut zu kontrollieren

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Alle hatten Ahmed aufgegeben. Der 17-jährige Sohn türkischer Immigranten sammelt Anzeigen wegen Prügeleien und Hausverbote wie andere Fußballbildchen. Er scheint nur einen Weg zu kennen: mit aller Gewalt durch die Mitte. „Du bist ein Scheiß-Pädagoge, von dir habe ich gar nichts gelernt – und außerdem höre ich dir eh nicht zu.“ Ahmed sagt das zu mir, seinem vom Verein für Sozialarbeit bestellten Betreuer. Schmeicheln, fluchen, lügen, Gewalt androhen – Ahmed scheint zu allem fähig. Manchmal nur, um die Hilflosigkeit zu bekämpfen. Die Ohnmacht, dieses Gefühl ausgeliefert zu sein, das Ahmed nur allzu gut kennt, und vor dem er mehr Angst hat als vor physischen Schmerzen, vor Bestrafung oder Einsamkeit. Zugeben würde er das nicht: „Ich habe alles unter Kontrolle“, sagt er. Dann lacht er. Dann beschimpft er irgendjemanden. Wenn das alles nicht hilft, dann hat er immer noch seine Fäuste. Seine Fäuste, die ihm so viel Unglück gebracht haben.

  Ahmed, der Kotzbrocken? Nein, im Gegenteil, es fällt schwer, den Jungen mit dem runden Gesicht und den lebhaften Augen nicht zu mögen. „Guten Morgen, die Dame“, „Schönen Tag noch der Herr“. Ahmed ist ein großer Charmeur, wenn es ihm gut geht. Er hält älteren Mitmenschen gerne Türen auf. Erkundigt sich höflich nach Gesundheit und Familie. „Das Leben ist doch zum Lachen“, sagt er manchmal. Auch seine Vorgesetzten schätzen Ahmeds Aufgewecktheit. „Immer pünktlich, schnelle Auffassungsgabe, selbständiges Arbeiten“. Das sind die Worte, mit denen der Chef des Elektrobetriebs, bei dem Ahmed in die Lehre geht, seinen Schützling beschreibt. Der Chef hat Ahmeds Lehrgehalt von sich aus verdoppelt – „damit er mir noch als Meister bei der Stange bleibt“. Würde man Ahmeds Persönlichkeitsprofil als zwei Konten malen – ein positives für seine Ressourcen, ein negatives für seine Probleme und Ängste: Er wäre wohl weit im Plus. Nur dass sich bei ihm die beiden Konten nicht aufheben. Sondern oft gegenseitig potenzieren: Es ist erstaunlich, wie Ahmed es schafft, nach der Arbeit noch als Pizzabäcker zu jobben und um Mitternacht ins Fitnessstudio zu gehen. Seine Verbissenheit aber, der Vorsatz, niemals aufzugeben, wird ihm auf der Beziehungsebene zum Verhängnis.

  Ahmed ist deswegen in der Jugendhilfe in München. Das Jugendamt stellt Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen, die von Elternhaus und Schule nicht aufgefangen werden können, einen Pädagogen zur Seite. Er hilft beim Umgang mit Lehrern, Vorgesetzten, Kollegen und beim Aufbau gesunder Beziehungen. In Ahmeds Fall: gewaltfreier Beziehungen. Manchmal geht es nur noch darum zu retten, was zu retten ist: „Ich schaffe es auch ohne dich“, brüllt Ahmed mir zu, als ich ihn beruhigen will, seinen Namen wie ein Mantra wiederhole: „Ahmed, wo bist du gerade? Schau mich an!“

  Ahmed aber scheint nicht zuzuhören. Er schlägt um sich, springt durch sein Ein-Zimmer-Appartement, wirft Geschirr zu Boden. Dann den Plattenspieler. Ich stehe daneben und versuche so ruhig wie möglich zu bleiben – weil meine Worte Ahmed nicht mehr erreichen, und ein Mensch im psychischen Ausnahmezustand das Zehnfache seiner normalen Körperkräfte entwickelt. Eine groteske Szene. Soll ich die Polizei verständigen? Oder probieren, was ich Ahmed schon so oft gesagt habe: „Es gibt Dutzende von Antworten auf eine Herausforderung. Und jede ist besser als deine gewohnte Reaktion.“ Das soll blinde Routinen aufbrechen. Oder zum Spielen einladen – auch wenn die Situation todernst scheint: „Magst du nicht noch den Fernseher auf den Boden werfen?“, frage ich. Ahmed stutzt. Lässt für einen Moment die Hände sinken.

Dann packt ihn wieder die Angst: Die Angst, dass seine Freundin ihn betrügen oder sitzen lassen könnte.

  Die Angst macht Ahmed rasend. Er hämmert gegen die Wand, schreit, er „werde sie umbringen“. Sein Blick ist leer. Er ist nicht mehr da. Man würde ihn jetzt gerne daran erinnern, was in ihm steckt, was er kann. Doch der charmante junge Mann, den sein Meister am liebsten zu seinem Nachfolger ernennen würde – dieser Ahmed ist jetzt verschwunden. Er steckt woanders, in einer anderen Zeit. Wer weiß, was gerade in ihm tobt. Vielleicht erlebt er sich gerade als Neunjähriger: Seine Mutter war gerade an Krebs gestorben, der Vater, rauschgiftsüchtig und gewalttätig, saß eine Gefängnisstrafe wegen versuchten Totschlags ab. Vielleicht ist er aber auch nur drei Jahre alt. Damals verteilte die Familie ihre drei kleinen Söhne auf verschiedene Familien. Ahmed kommt zur Tante, sieht seine kranke und überforderte Mutter kaum noch.

  Schon damals, sagt Ahmed, habe er gelernt, dass „es mir einen Kick gibt, Scheiße zu bauen“. Die Prügel seines Vaters, die Schulbesuche der Eltern, wenn er mal wieder einer alten Frau eine Handtasche entrissen, ein Fahrrad geknackt oder einen Mitschüler geschlagen hat, habe er regelrecht genossen: „Es war meine einzige Art von Zuwendung.“ Seine Stiefeltern versuchen, alles richtig zu machen. Ahmed lernt bei ihnen erstmals gemeinsame Familien-Mahlzeiten kennen, seine Tante übt mit ihm Deutsch, schickt ihn zum Boxen. Ahmed kann es kaum fassen, dass ihn sein Onkel die ersten Tage sogar auf dem Schulweg begleitet: „So etwas kannte ich nicht.“ Er musste schon als Fünfjähriger allein mit öffentlichen Bussen in den Kindergarten fahren. Dank der Nachhilfe der Stiefeltern schafft Ahmed als erster Förderschüler Münchens auf Anhieb seinen Quali. Und doch reicht das alles nicht. Weil er sich niemandem unterordnen will, weil er weder daheim noch in der Schule Regeln einhält. Er ist 16 Jahre alt, als ihn die Stiefeltern in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche geben.

  Wenn Jugendämter in Heime und Betreuer für Jugendliche wie Ahmed investieren, dann ist damit eine Hoffnung verbunden: Dass die Weichen noch einmal umgelegt werden können. Ahmed geht deshalb zwei Mal die Woche in ein Anti-Gewalt-Training. Der Trainer, selbst ein Türke, ist für ihn zu einer Vaterfigur herangewachsen. Ali Cukur lässt Ahmed boxen, er provoziert ihn dabei immer wieder, beobachtet, wie Ahmed darauf reagiert. Und er nimmt ihn ernst, spricht mit ihm über seine eigenen Erfahrungen als Immigrantenkind. „Ahmed“, sagt Cukur, „könnte ein gutes Leben haben, wenn er nur lernen würde, dass sich Vertrauen auszahlt.“

  Doch wie kann man Jugendlichen helfen, die um keinen Preis der Welt die Kontrolle abgeben wollen? Und für die „Hilfe“ so etwas wie eine Demütigung ist? Ahmed erzählt von einem Schlüsselerlebnis: Das war 2010, er besuchte zusammen mit seinen Brüdern den Vater in Istanbul. „Eines morgens war mein Laptop verschwunden. Dafür hatte Papa plötzlich eine Menge Marihuana im Haus. Als ich ihn deswegen zur Rede stellte, schlitzte er sich die Pulsader auf. Ich kann mich genau an die Szene erinnern. Mein Cousin schrie, meine zwei Brüder weinten. Ich war fünfzehn und habe als einziger die Nerven behalten. Zuerst rief ich einen Krankenwagen, dann informierte ich meinen Onkel in Deutschland und tröstete gleichzeitig meine schluchzenden Brüder. Ich wusste: Niemand steht mir bei, ich muss für mich selbst sorgen.“

  „Brauchst Du Hilfe?“ Solche Fragen darf ich Ahmed niemals stellen. Dann legt sich eine Stahlmaske über sein weiches Jungengesicht. „Nein, ich brauche keine Hilfe.“ Dieser Selbstschutz hat den kleinen Jungen einmal überleben lassen. Heute aber ist er dysfunktional. Loslassen – das bedeutet für Ahmed: Untergang.

  Dazwischen keimt immer wieder die Hoffnung. Als Ahmed eines Abends um elf bei mir klingelt und mit verweintem Gesicht vor der Haustür steht und über seine rasende Eifersucht reden will, ist das ein Vertrauensbeweis. Und ich muss aufpassen, dass das Fenster nicht wieder zuschlägt. Wir üben zusammen tief atmen. Und die Feuerkugel im Bauch spüren – ohne sie wegzumachen, ohne etwas zu tun. Vor allem in dem verzweifelten Moment vor dem Zuschlagen. Ahmed will es anders machen. Als es ihm am nächsten Tag nach einem Streit mit der Freundin gelingt, einfach wegzugehen, klingelt mein Telefon. „Ich habe es geschafft“, schreit er ins Telefon. Ein paar Tage danach bringt er seinen älteren Bruder mit ins Café. Ahmed, der sich als Beschützer seiner Brüder sieht, möchte, dass ich seine Ratschläge bestätige. Was tun, wenn man die Freundin vor Eifersucht schlagen will? Ahmed ruft so laut, dass sich die Gäste am Nebentisch umdrehen: „Habe ich dir doch gesagt Alter, musst du atmen, Alter.“

  Aber in den entscheidenden Augenblicken ist kein Anti-Gewalt-Trainer, Betreuer, Vaterersatz da, der Ahmed ans Atmen erinnert. Wenn Ahmed dann überhaupt noch hören könnte. Es ist der übliche Streit mit der Freundin. Ahmed will ihr Handy kontrollieren, er ruft sie bis zu hundertmal täglich an, hat panische Angst, verlassen zu werden. Wie könnte er das überleben? Sie versucht zu gehen, Ahmed hält sie mit Gewalt fest. Einen Passanten, der dazwischen geht, bedroht und beleidigt er. Als die Polizei anrückt, hat Ahmed den Tunnelblick: Er darf nicht aufgeben. Nie. Verzweifelt kämpft er gegen sechs Uniformierte, selbst als er schon am Boden liegt. Drei Monate später im Gericht hat er seine Fassung zurück. „Den Richter werde ich schon um den Finger wickeln“, scherzt Ahmed vor der Verhandlung. Und weil er mal wieder glaubwürdig von „Fortschritten“ und der Reue über sein altes zerstörerisches Ich spricht, belässt es der Richter bei ein paar Dutzend Sozialstunden.

  Ahmed glaubt sich in solchen Momenten selbst – auch wenn er weiß, dass er sein eigentliches Problem nicht gelöst hat: „Ich mache das nur, weil ich kein Selbstbewusstsein habe. Weil ich mich selbst nicht mag.“

  Ahmeds Leben steckt in einer Sackgasse: Eine Trennung von der Freundin? Die Hölle. Über die Gefühle zu seiner verstorbenen Mutter sprechen? Unmöglich. Therapie? Kapitulation. So denkt er. Und konzentriert sich auf den Kampf, den er nicht gewinnen kann. Immer öfter erscheint Ahmed nicht zur Arbeit – stattdessen lauert er Tag und Nacht seiner Freundin auf. Er leistet seine Sozialstunden nicht mehr ab, kommt nicht zum Boxen, ist telefonisch kaum noch erreichbar. Treffen lehnt er ab: „Was nützt du mir schon?“ Ein letzter Besuch bei ihm: Ahmed liegt auf dem Bett, das sonst so aufgeräumte Zimmer ein Verhau, überall ungewaschene Kleider, schmutziges Geschirr. „Ihr Wichser habt mich verraten“, spuckt er mir voller Verachtung entgegen, während ich das Messer auf der Kommode im Blick behalte. Es tut weh. Nicht die Wörter. Sondern, dass es so sinnlos enden soll.

  War alles umsonst? Ahmed verlässt seine Wohnung, seine Lehrstelle, bricht alle Kontakte ab. Erst ein Jahr später erhalte ich ein Lebenszeichen, er ruft aus dem Büro seines Bewährungshelfers an. Er wolle reinen Tisch machen: „Ich musste erst ganz unten ankommen“, sagt er. Seine Freundin hat er aufgegeben, „aus Entkräftung“. Dafür versucht er sich mit Arbeit aufzurichten. Als Messevertreter für die Süddeutsche Zeitung nutzt er seinen Charme, um bis zu 100 Abos am Tag zu verkaufen. Danach macht er sich mit einer Autowaschanlage selbstständig, managt ein mittelständisches Unternehmen mit 70 Mitarbeitern. Ein sattes Monatseinkommen und sein Mercedes überzeugen ihn, „doch etwas wert zu sein“. Ahmed traut sich wieder. Er lernt eine neue Frau kennen. Auch mit seinem Ziehvater, seinem Onkel, redet er wieder.

  Fragt man Ahmed zwei Jahre später, wie er es geschafft hat, ein Leben ohne Gewalt zu führen, zögert er kurz: „Ich vermeide, die Wunde ständig wieder aufzureißen. Andere Menschen werden mir nie die Anerkennung geben können, nach der ich mich so sehne.“ Vielleicht sei das seine wichtigste Einsicht nach den vielen Jahren Betreuung: nicht so schnell zu reagieren. Den Feuerball erst mal im Bauch zu lassen. Nein, leicht falle ihm das nicht. Ahmed tippt auf seinem Smartphone herum, liest eine SMS vor, die ihm sein Onkel geschickt hatte: „Das klingt“, sagt er, „als ob ich und meine ganze Arbeit nichts wert wären.“ Immer wieder hatte er den Impuls, darauf aggressiv zu antworten, immer wieder legte er das Handy zur Seite. Früher hätte Ibo seinen Ziehvater nach so einer Mail verprügelt. Nun sagt er: „Ich entschied, gar nicht zu antworten.“ Am nächsten Tag habe ihn sein Onkel angerufen. Ahmed lacht. „Weißt du, was er gesagt hat? Ich solle die SMS vom Vortag nicht persönlich nehmen.“

JONATHAN FISCHER

SZ 28.5.2016

Neue Welle: Mit den Migranten kommen auch neue Popkulturen nach Europa und Deutschland – Hip-Hop aus dem Senegal, Pop aus Kurdistan, Techno aus Syrien. Das könnte viel verändern.

Fresh, also neu, aufregend und unerwartet: So definierte sich mal der Kern des Hip-Hop. Heute aber gilt Hip-Hop – neben Country – als eines der konservativsten Genres überhaupt. Aber war Hip-Hop denn nicht seit den frühen Charterfolgen Anfang der Achtzigerjahre weltweit expandiert? Und war es nicht genau der Clash der Kulturen – genauer gesagt: das Remix-Fieber karibischer Immigranten in der Bronx -, der das Genre zur größten Pop-Revolution der Gegenwart machte?

Nun bringt die Flüchtlingswelle ganz neue Einflüsse nach Europa. Auch nach Deutschland. Und gerade weil Hip-Hop musikalisch auf der Verarbeitung von Material aufbaut, das schon existiert, war er für Einflüsse von außen empfänglicher als jede andere Form der Popmusik. Er veränderte sich bei seiner weltweiten Ausbreitung vor allem inhaltlich in anderen Ländern meist viel aufregender als in Amerika oder auch Europa. Und wenn er dort in den immer gleichen Gangstergeschichten und Konsumprahlereien stagnierte, lag das auch daran, dass viele nicht realisierten, dass die spannendsten Geschichten heute in unmittelbarer Nachbarschaft spielen. Und nicht am Swimmingpool irgendeines Hip-Hop-Stars. Gerade weil jede Welle von Einwanderern neue Geschichten mitbringt. Oder kreiert. In Frankreich kann man das schon hören.

Das sind Geschichten, wie sie MHD erzählt. Ohne Plattenfirma hat der 21-jährige französische Rapper online eine gewaltige Fangemeinde um sich versammelt – ganz einfach, weil er etwas nie Dagewesenes produziert, einen afrikanisch-migrantischen Kontext ins Spiel bringt, aus dem sich Hip-Hop noch einmal ganz neu erfinden lässt.

MHD heißt eigentlich Mohamed Sylla, lebt bei seinen senegalesisch-guineischen Eltern im 19. Arrondissement in Paris, und hat bis vor Kurzem als Pizzalieferant gearbeitet. Seit ein paar Monaten sprengt er mit seinem „Afro-Trap“ – einer Mischung aus Südstaaten-Hip-Hop und afrikanischen Musikstilen – Netzrekorde. Allein sein „Afro-Trap Part 3“ alias „Champions League“ hat schon 34 Millionen Klicks gesammelt. Ein Billigvideo im Selfie-Stil: Zuerst sieht man drei schwarze Teenager auf einem Mofa den Bürgersteig entlangrollen. Dann kommt der Rapper ins Bild. Er tänzelt zusammen mit seinen Freunden daneben her, alle haben Handys in der Hand, tragen Fußball-Jerseys von Bayern München und Paris St. Germain: „Fuck, wenn du nicht zu meinem Team gehörst. Wir schlagen alle in der Champions League.“ MHD unterstreicht jede seiner Zeilen mit einer resoluten Handbewegung. Und alle machen mit. Ein großer übermütiger Straßentanz – Fußball und Hip-Hop als Anlass, das Leben und sich selbst zu feiern.

Mit seinen durchweg genau so schlicht produzierten Videos – der Einfachheit halber einfach „Afro-Trap Part 1“ bis „Afro Trap Part 8“ betitelt – kommt der Immigranten-Sohn aus der Pariser Vorstadt inzwischen auf insgesamt über 100 Millionen Klicks. Damit spielt er in der Liga von amerikanischen Superstars wie Kanye West, Jay-Z und Lil‘ Wayne. Und das obwohl – oder gerade – weil er nicht auf ein herkömmliches Pop-Publikum angewiesen ist. Auch wenn das wohl folgen wird, denn die Plattenfirma Capitol hat ihn gerade unter Vertrag genommen.

Es sind hauptsächlich andere Migranten und Migrantenkinder, die sich in seinen Songs über Fußball, das Leben in der Vorstadt oder neue Tänze finden. Sich selbst beim Rappen filmen, ein paar neue Moves ausprobieren und den Clip für die Freunde im Netz posten, tun sie schließlich alle. Wichtiger noch: Die jungen afrikanischen Migranten, die zu Hause die Musik ihrer Eltern hören, die mit nigerianischem Afropop, Coupé Decalé von der Elfenbeinküste oder kongolesischem Soukous aufgewachsen sind, interessiert die Hip-Hop-Orthodoxie aus Amerika nur noch wenig. So entstehen ganz neue Freiheiten.

In Frankreich wie in Deutschland gehörten Migrantenkinder einst zu den ersten Adepten der neuen Straßenkultur Hip-Hop. Nur dass französische Rapper und Breakdancer dank einer relativ großen afrikanischen Population vor Ort schon früh Brücken zum schwarzen Kontinent bauten. Ein Import-Export-Geschäft: So veröffentlichten Mitte der Achtzigerjahre die Abidjan City Breakers eines der ersten Hip-Hop-Alben Afrikas, andere Pioniere nannten sich die Bamako City Breakers oder die Dakar City Breakers.

Auf der anderen Seite stieg MC Solaar, ein in Senegal geborener Sohn tschadischer Eltern, zum ersten Hip-Hop-Superstar Frankreichs auf. Auch wenn man ihm seine Wurzeln nicht unbedingt anhörte: In seinem Fahrwasser bekam französischer Rap einen multi-ethnischen Anstrich, fanden Jugendliche, deren Familien aus der Karibik, aus Afrika und dem Maghreb emigriert waren, in Hip-Hop-Gruppen zusammen. Von der alten Heimat abgeschnitten, in Frankreich diskriminiert, übersetzten sie den Ghetto-Pessimismus der amerikanischen Kollegen.

Doch die Banlieue-Gangster behielten nicht das letzte Wort. Rapper wie der Malier Mokobe oder der Franco-Kongolese Baloji entwarfen eine Welt jenseits der Wut: optimistischer, lockerer, stolz auf die eigenen Wurzeln. Sie luden Popmusiker aus Afrika für ihre Platten ein und sahen ihre Migrationsgeschichte vor allem als Chance: Wenn Kanye West Otis Redding und Nina Simone verarbeitete, warum sollten sie nicht genauso selbstverständlich Grand Kalle und Bassekou Kouyate sampeln?

430x645Die neue Generation von Migranten-Jugendlichen kreiert aus den Versatzstücken ihrer Familiengeschichte im Do-it-yourself-Verfahren ihren ureigenen Sound: „Es fing letztes Jahr in den Sommerferien an“, erklärt Mohamed, „ich improvisierte einen Rap über einem Instrumental der nigerianischen Band P-Square und filmte mich dabei. Dann lud ich das Ganze auf einige soziale Netzwerke hoch.“ Afro-Trap Part 1: Den Namen habe er gewählt, weil er seine Reime meist über Trap-Beats, eine Hip-Hop-Variante aus dem amerikanischen Süden, schreibe, bevor er sie mit Afro-Samples und Dub-Effekten unterlege.

Mohamed erwartete sich nichts. Fünf Tage später war er eine Berühmtheit. Der Clip gehörte zu den meistgeklickten Videos in Frankreich. Bald machten die Kinder auf der Straße seine Handzeichen nach, französische Schülerdemos gegen das neue Arbeitsgesetz skandierten sein „Fais le mouv“, und selbst die Fußballer von Paris Saint-Germain fingen an, nach jedem Tor MHDs „Moula“ zu tanzen und verbreiteten Bilder davon über ihren offiziellen Twitter-Account. Faszinierend ist dabei der ureigene Slang, den der Rapper mit seiner Crew entwickelt hat. Ein Mix aus Straßen-Französisch, Bambara-Worten aus Mali und beninischen Fongbe-Phrasen.

So ähnlich könnte es bald auch hierzulande klingen. Die jungen Flüchtlinge, die gerade aus afrikanischen Ländern wie Gambia, Nigeria oder Somalia nach Deutschland kommen, bringen aufregende lokale Hip-Hop-Spielarten mit. Und auch die jungen Syrer und Afghanen haben ihre eigenen Sounds im Gepäck: Aus ihren Smartphones tönen mit Saz, Ghichak-Fideln und orientalischen Streichern angereicherte Reggaeton-Rhythmen. Kurdische Rapper sampeln Arabesk-Pop, rüsten dessen Schmachtgesänge für die Hip-Hop-Generation auf, während syrische DJs Techno-Beats mit Nomadentänzen mixen.

Allen gemein ist eine Ästhetik, bei der das gemeinsame Feiern mitsamt den Gruppenritualen im Zentrum steht. Eine malische oder afghanische Party ohne Kreistanz? Undenkbar! Allein schon wegen der jungen Demografie ihrer Herkunftsländer sind diese Migranten Vorboten einer Zukunft, in der Hip-Hop und irgendwann auch der Pop mehr und mehr nichtwestliche Elemente aufnehmen wird. Und das ist gut so. Durch die neue Vielfalt gewinnt auch die europäische und die deutsche Popkultur: Hip-Hop klingt wieder fresh.

JONATHAN FISCHER

SZ 3.6.2016