Monatsarchiv: Januar 2017

FROMM, WEIBLICH, CHIC – Islamische Kleidung ist ein Wachstumsmarkt. Zwei Modemacherinnen im Senegal beliefern ihn

getattachmentthumbnailDie Glasfront der Boutique im Universitätsviertel der senegalesischen Hauptstadt Dakar wirkt wie ein Raumschiff, das am falschen Ort gelandet ist. Mangobäume werfen ihre Schatten auf spielende Kinder, hupende Taxis scheuchen Ziegen von der Straße. Im Schaufenster des Modegeschäfts aber lockt eine andere Welt: Hochhackige Damenschuhe, elegante Handtaschen, bunte Schleier. „Modesty Group“ steht an der Tür.

  Fatymatou Dia, 25, die Geschäftsführerin, bittet zu einem Glas Minztee ins gekühlte Ladeninnere. „Wir nennen unsere Kollektion nicht islamisch, sondern ,mode modeste’, dezente Mode“, erklärt sie. Dass diese feminin attraktive Züge tragen kann, macht bereits ihr Äußeres deutlich: Gezupfte Augenbrauen, Lippenstift, Make-up und ein türkis und rot leuchtender Turban über einem eleganten Hosenkostüm. Dia streift durch die taillierten und farbenprächtigen Kleider, die an großen Stangen von der Wand hängen. „Es ist nicht unsere Absicht, uns von religiösen Vorschriften modisch einengen zu lassen“, sagt sie: „Vielmehr wollen wir auch strenggläubigen Frauen die Möglichkeit bieten, sich selbst zu definieren. Sie waren zu lange von der Modewelt ausgeschlossen.“

  Islamische Mode ist ein Reizthema. Zumindest im Westen. Immer läuft es auf dieselbe Frage hinaus: Ist das Kopftuch Symbol oder Instrument für die Unterdrückung von Frauenrechten? Oder sind Kopftuch und Schleier im Gegenteil eine Erleichterung für Musliminnen, die sich einem konservativ-religiösen Lebensstil verpflichtet fühlen?

  Unumstritten ist immerhin, dass gerade ein neuer Markt für islamische Mode aufblüht – bis hinein in große westliche Kaufhäuser. So zeigte eine H & M-Kampagne letztes Jahr erstmals eine Frau mit Kopftuch. Und Dolce & Gabbana legte – eine Premiere für ein High-Fashion-Label – eine Kollektion von Kopftüchern und weitgeschnittenen Abaja-Kleidern für kaufkräftige Kundinnen aus der arabischen Welt vor. Dabei geht es wohl weniger um Religion: Nach dem Global Islamic Economy Report der Marktforschungsagentur Thomson Reuters wird der weltweite islamische Modemarkt bis zum Jahr 2020 gut 327 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaften.

  Doch neue Modephänomene wie der vom britischen Kaufhaus Mark & Spencer angebotene Burkini-Badeanzug für Strengreligiöse begeistern nicht alle. So schimpfte etwa Pierre Bergé, der frühere Lebensgefährte des Modeschöpfers Yves St. Laurent, hier werde versucht, „Frauen einzusperren“, während Mode doch die Aufgabe habe, „Frauen zu mehr Freiheit zu verhelfen“. Ähnlich empört reagierte die französische Ministerin für Frauen und Sport, Laurence Rossignol: Ein Boykott islamischer Mode sei moralisch notwendig. Denn Frauen, die das Kopftuch aus religiösen Gründen trügen, wollten es „auch allen anderen aufzwingen“.

  Fern von Frankreich, im Senegal, findet Fatymatou Dia solche Argumente absurd: „Zainabou, unsere Chefdesignerin, trägt selbst kein Kopftuch, während ich mir jeden Tag einen Hidschab umbinde. Für unsere Freundschaft ist das kein Problem“. Ihrem Modelabel gehe es nicht darum, Frauen zur Verschleierung anzuhalten, sondern darum, ihr Selbstwertgefühl zu stärken: „Wir wertschätzen den weiblichen Körper in all seinen Formen und Größen. Er ist ein Geschenk Gottes. Mode modeste will nicht mit Kleidung protzen, sondern auf bescheidene Weise die Ausstrahlung einer Frau unterstreichen.“ Zainabou Kaba, die 21-jährige Chefdesignerin, stimmt zu: „Wir kämpfen für die Frauen, nicht gegen sie.“

  Kaba wird in einigen Monaten ihr Diplom als Computergrafikerin machen. Den größten Teil ihrer Zeit aber widmet sie dem Design der Modesty Group Kollektion. Dass sie selbst ohne Kopftuch und mit eng geschnittenen Röhrenhosen eher ein westliches Frauenbild verkörpert, stellt für sei keinen Widerspruch dar. „Dakar ist auch deshalb das Modezentrum Afrikas, weil wir den Islam tolerant praktizieren. Man sieht Frauen, die verschleiert beten und am Abend im Minikleid in die Disco gehen.“

  Einig sind sich die beiden Frauen darin, dass der islamische Markt eigenen Gesetzen folgt. „Wir wissen, wer Karl Lagerfeld ist“, sagt Dia, „aber wir schauen uns kaum westliche Magazine an. Beispielsweise wäre es für eine westafrikanische Frau unmöglich, ein Kleid von der Stange zu kaufen. Strengreligiös oder nicht – jede möchte einmalig aussehen.“ Zur Boutique gehört deshalb eine Änderungsschneiderei.

  Vor zwei Jahren hatte Fatymatou Dia mit ihrer in Paris studierenden Schwester Aminata und mit Zainabou Kaba die Modesty Group gegründet – als Modelinie für Frauen, die einen Hidschab oder Schleier tragen. Im Senegal wie in ganz Westafrika und Europa wächst diese Kundengruppe. Die Resonanz habe sie selbst überrascht. So war Aminata kürzlich zu einer Talkshow in einem französischen Sender eingeladen.    

  Mit Modeschauen in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten, die zugleich als Spendenaufruf funktionieren, finanzieren die drei Frauen ihren neuen Katalog. Er zeigt europäische, senegalesisch-afrikanische und traditionell muslimische Elemente. Als Material dominieren leuchtende Baumwollstoffe, Blumenmuster und afrikanische Wachsdruckstoffe. Man sieht Frauen in langen, körperbetonten Kleidern, in Hosenanzügen oder weiten Abajas mit offenem Haar, mit Hidschab, mit Schleier. Selbst die bedecktesten Models tragen High Heels. Vor allem aber ist ihre Mode erschwinglich. Umgerechnet etwa 30 Euro kostet ein Kleid, Kopftücher und Schleier höchstens 15 Euro. Und der Änderungsschneider ist im Preis inbegriffen.

  Ständig klopfen mondän gekleidete junge Frauen an die Boutique-Tür, um nach einem speziellen Schleier zu fragen oder ein umgenähtes Kleid abzuholen. Die meisten, sagt Dia, seien Studentinnen der Universität. Wie in vielen anderen islamischen Ländern erlebt die Religion auch im Senegal einen Aufwind. Junge und akademisch gebildete Frauen eigneten sich heute wieder traditionell religiöse Kleidungsstücke wie den Schleier an, erzählt Dia.

  Das beste Beispiel liefert sie selbst. Sie wuchs in einer weltoffenen Akademikerfamilie auf, weder Mutter noch Verwandte verschleierten sich. Erst während ihres Studiums an der amerikanischen Yale University habe sie sich näher mit ihrer Religion beschäftigt: „Irgendwann wollte ich mein Bekenntnis zum Islam nach außen sichtbar machen.“ Zwar gebiete der Koran die Kopfbedeckung nicht zwingend, räumt Dia ein. Aber er empfehle sie, besonders für verheiratete Frauen. „Für mich ist es jeden Morgen ein Moment der Besinnung, meinen Hidschab anzulegen. Das Kopftuch hilft mir, mehr bei mir selbst zu sein. Ich fühle mich damit Gott näher.“

  Gibt es im Senegal Frauen, die den Schleier aus Zwang tragen? Natürlich, sagt Dia, in manchen konservativen Kreisen sei es verpönt, sich mit offenem Haar zu zeigen. Sie selbst aber kenne eher die umgekehrte Diskriminierung: „In professionellen Settings werde ich als Kopftuchträgerin sehr misstrauisch beäugt. Da hängt mir schnell das Vorurteil an, ich sei nicht frei und stünde nicht für Frauenrechte ein.“ Selbst in der eigenen Familie habe sie mit der Entscheidung für den Hidschab viele Fragen provoziert: Warum willst du dich diesen altertümlichen Traditionen unterwerfen? Glaubst du, du bist deswegen ein besserer Muslim? Und: Möchtest du nicht einen weltoffenen Mann heiraten? Dia lacht ihr helles, ansteckendes Lachen. „Das geht mir auf die Nerven. Als ob ich mit dem Kopftuch meine Intelligenz verraten würde.“ Designerin Kaba pflichtet ihr bei: Sie trage manchmal nur ein Kopftuch, um sich vor Wind und Staub zu schützen.

  Inzwischen gehörten nicht nur strenggläubige Musliminnen, sondern auch christliche und weltlich orientierte Frauen zu ihren Kunden „Sie wollen nicht ihren persönlichen Stil aufgeben, wenn sie ein Kopftuch tragen“, sagt Dia. Demnächst wollen die Modemacherinnen in einem Kulturzentrum ihre neue, dritte Kollektion präsentieren. Wie in Dakar üblich wird es nicht bei einer Laufsteg-Parade bleiben. Dia hat Musiker und Tänzer engagiert – am Ende sollen alle feiern. „Religiös korrekte Kleidung hat noch keine Frau am Tanzen gehindert“, behaupten sie.

JONATHAN FISCHER

SZ 2.1.2017

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