Monatsarchiv: Januar 2019

Er braucht nur Whiskey-Cola – Endlich auf deutsch: Larry Browns Trailerpark-Roman „Joe“

Oberflächlich ist Joes Welt schnell abgesteckt: Gewalt, Alkohol, Einsamkeit. Ein Exhäftling, frisch geschieden, der auf sich und andere kaum Rücksicht nimmt. Heimat findet er eher in der Natur als unter Menschen. Larry Brown webt in seinem düsteren, an John Steinbeck erinnernden Realismus lange Passagen, in denen er die üppige, wuchernde Natur des Mississippi Deltas beschreibt, es wimmelt von Schlingpflanzen, Waschbären, Hirschen und Schlangen.

  Wie William Faulkner stammt Brown aus Oxford, Mississippi. Doch bis auf das Lokalkolorit und die Vorliebe für menschliche Abgründe haben die beiden Autoren wenig gemein: Brown, ein ehemaliger Feuerwehrmann, der seinen Stoff aus seiner Lebenserfahrung zog, liebt simple Formulierungen. Eine Sprache so hart und praktisch wie ein Gewehrständer.

  Gnadenlos leuchtet er die dunklen und übel riechenden Verhältnisse eines von Armut, Suff und falschem Stolz zerfressenen White-Trash-Milieus aus. Da ist Wade, ein Familienvater, der mit seiner Familie in einer verlassenen Blockhütte haust. Er schlägt Frau und Kinder, verkauft seine Tochter im Teenageralter als Prostituierte und stiehlt das Geld, das sein 15-jähriger Sohn Gary verdient hat.

  Joe ist ihr Boss. Als Subunternehmer eines Agrarkonzerns lässt er Wade und Gary mit einer Gruppe Arbeiter ein Waldstück roden – indem sie Gift in die Baumstämme spritzen. Der Vater, der Sohn und der Boss sind eine Dreierkonstellation wie gemacht für einen langen und traurigen Countrysong.

  Joe Ransom, der Antiheld aus Larry Browns Roman „Joe“, nimmt selbst Schusswunden hin wie andere einen Schnupfen. Ihn treibt keine Eile, seine Frau zurückzugewinnen, endlich sein Enkelkind kennenzulernen oder offene Rechnungen zu begleichen.

  Joe bewegt sich unter den Menschen des Mississippi Delta, zwischen Mobile Homes, illegalen Spielrunden und Freudenhäusern. Als er sich von einem Konkurrenten eine Ladung Schrot einfängt, weiß er sich zumindest praktisch zu helfen. So grauenhaft genau wie Brown vorher einen tödlichen Kampf unter Hunden oder das Zerlegen eines gewilderten Hirsches beschreibt, verfolgen wir nun, wie Joe sich mit der Rasierklinge vor dem Badezimmerspiegel die Bleikugeln aus dem Muskelgewebe schneidet: „Dann drückte er wie bei einem Pickel, und die schwarze Kugel löste sich aus der Wunde und drängte das Gewebe beiseite, bis sie ganz schlüpfrig und nackt an die Oberfläche glitt, wo er sie wegpflückte und in die Hand nahm.“

  Einer wie Joe geht nun nicht zur Polizei. Eine Menge Whiskey-Cola, das ist alles, was er braucht: „Er rief den Hund ein paar mal, aber er kam nicht. Er hörte jemanden auf der Straße Dreirad fahren und blickte um die Hausecke, um zu sehen wer es war… Er ging in die Küche, machte sich einen Drink und setzte sich hinten auf die Treppe. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte er sich noch zwei gemixt.“

  Bald entdeckt Joe, der Boss, fürsorgliche Gefühle für seinen jungen Arbeiter. Gary hat, was Joe längst verloren gegangen ist: Ehrgeiz und Hoffnung. Er will seinen Geschwistern helfen. Und er spart auf ein Auto, um eine geregelte Arbeit aufzunehmen. Hartnäckig verfolgt er Joe, der ihm einen Job versprochen hat und ihm einen schrottreifen Jeep verkaufen will.

  Garys Familie gehört zu der untersten amerikanischen Gesellschaftsschicht, die sich nicht mal ein Fahrzeug leisten kann. Auch das ist Mississippi: Ein 15-jähriger Analphabet, der weder weiß, was Ampeln bedeuten noch woher die Babys kommen. Garys Verwahrlosung führt zu bizarren Szenen: Etwa wenn Joe in vermeintlich väterlicher Nachhilfe den Jungen mit einer Prostituierten verkuppelt – und diese, angewidert von seinem Mundgeruch, ihm erst mal zeigt, wie man eine Zahnbürste benutzt.

  Joe mag in der Erzählung als grundständig gutherziger Typ erscheinen. Zum rettenden Engel aber taugt er nicht. Sturzbesoffen fährt er durch die Gegend. Pöbelt Polizisten an. Übt – Erbsünde von Amerikas armem Hinterland – bewaffnete Selbstjustiz. Trotzdem spürt man immer wieder Wärme in all der Isoliertheit – was vor allem an der lakonischen Zärtlichkeit liegt, mit der Larry Brown seine Figuren behandelt.

  Der Autor, der im November 2004 an einem Herzinfarkt starb, hat zu Lebzeiten nur mäßigen Erfolg gehabt. Gerade 20 000 mal verkaufte sich der 1991 in Amerika veröffentlichte – und später mit Nicolas Cage verfilmte – Roman „Joe“. Dass das Buch nun, in Zeiten der Faszination für die Welt der weißen, armen und männlichen Trump-Wähler, endlich ins Deutsche übersetzt wurde: Eine überfällige Anerkennung für einen großen Trailerpark-Romantiker.

JONATHAN FISCHER

SZ 9.1.2019larry brown

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NICHT ALLE TRAKTOREN SIND GRÜN Country-Musik galt zu lange als weiß. Dabei zehrt auch das ultrakonservative Genre von schwarzen Einflüssen. Junge Afroamerikaner wie Jimmie Allen oder Kane Brown setzen sich nun endlich an die Spitze der Country-Charts

Country galt einmal als so schneeflockenblütenweiß wie ein Winter im Kinderbuch. Wer ein Amerika suchte, in dem kaukasisch aussehende Männer so langbärtige wie vorhersehbare Stammtischgespräche über Bier, Pick-up-Trucks und untreue Hausfrauen führten, der konnte sich auf die Country-Charts verlassen. Ebenso wie auf eine scheinbar gottgegebene Ordnung: weiße Jungs mit Stetson und Gitarre besangen Farmertöchter, ihre schwarzen Zeitgenossen mit den Baseball-Käppis dagegen ihre Hip-Hop-Hood. Diese Zeit könnte vorbei sein. Spätestens seit November 2018, als ein historischer Moment zwei afroamerikanische Stars an die Spitze der Country-Charts spülte.

  Dkane brownas hatte das Genre noch nie erlebt: Jimmie Allen, ein 32-jähriger Sänger und Songwriter schießt – als erster schwarzer Musiker überhaupt

– mit seiner Debüt-Single „Best Shot“ an die Spitze der Country-Charts. Während Kane Brown, ein einstiger Youtube-Cover-Star, mit seinem zweiten Album „Experiment“ sowohl in den Billboard-Pop- als auch Country-Charts die Nummer eins hält. Was sagt das über ein eher rückwärtsgewandtes Genre aus, das immer noch die amerikanische Radiolandschaft dominiert?

  Gehen wir vier Jahrzehnte zurück, in den März 1979: James Browns erster und letzter Auftritt auf der Bühne des Grand Ole Opry House in Nashville. Country-Legende Porter Wagoner hatte ihn eingeladen. Immerhin war Brown, wie so viele Soul-Stars seiner Zeit, mit Country aufgewachsen und hatte Coverversionen von Hank-Williams-Klassikern eingespielt. Viele der Stammgäste aber empörten sich über die „Entweihung“ ihres Tempels. Als James Brown ein Medley aus „Your Cheatin’ Heart“, „Tennessee Waltz“ und „Three Hearts In A Tangle“ mit seinem Funk-Hit „I Feel Good“ beschloss, konfrontierte ihn eisige Stille. Wie es ihm gefallen habe, wollte ein Reporter anschließend wissen. „Ich fühlte mich so geehrt“, konterte Brown, „wie ein weißer Mann, der in eine schwarze Kirche geht und hundert Dollar in die Kollekte legt.“ Vierzig Jahre später scheint Browns milde Gabe auch in Nashville Früchte zu tragen. Längst hat Country – zum Bedauern so mancher Traditionshüter – Einflüsse von Rhythm’n’ Blues, Hip-Hop und sogar Dance adaptiert. Zum anderen scheint die Rassenschranke nicht mehr so dicht zu halten wie zu der Zeit, als schwarzer Country für die meisten mit einem Namen abgehakt war: Charley Pride. Der Mann, dessen Plattenfirma es Ende der Sechzigerjahre noch vorzog, keine Promo-Fotos an die Radiosender zu verschicken.

  „Ich möchte“, sagt Jimmie Allen, „den jungen Menschen von heute ein Vorbild sein: der Beweis, dass du es mit einem schwarzen Gesicht schaffen kannst.“ Sein Erfolg jedenfalls fiel dem Jungen aus einer Kleinstadt in Delaware nicht in den Schoß. Sein Vater, ein Hilfsarbeiter, erzählt Allen, hörte den ganzen Tag Country: „Warum sollte ich mir da ein anderes Genre suchen?“ Allen machte sich 2007, er war damals 21 Jahre alt, auf den Weg nach Nashville, aber anfangs wollte kein Verlag und kein Label dem Afroamerikaner von der Ostküste eine Chance geben. Hätte der nicht als R’n’B-Sänger bessere Chancen? Allen schlief vier Monate lang in seinem Auto, verdingte sich als Kellner, Hausmeister und Fitnesstrainer. Wenn er sagt: „Sie hatten einfach keine Erfahrung mit Typen, die so aussehen wie ich“, dann schwingt keine Verbitterung mit. Sondern der Wille, durch bloße musikalische Qualität zu überzeugen. Und an eine vergessene Geschichte zu erinnern: „Country wurzelt zum Großteil in schwarzer Musik.“ Nicht nur stammt das Banjo ursprünglich aus Westafrika. Frühe Country-Sänger wie Hank Williams, Jimmie Rodgers und Bill Monroe hatten ihr Handwerk bei schwarzen Bluesmännern gelernt, viele Evergreens der Carter Family hatte Country-Urvater A. P. Carter seinem afroamerikanischen Begleiter Lesley Riddle abgelauscht. „Von allen ethnischen Gruppen“, schreibt Bill C. Malone im Standardwerk „Country Music USA“, „hatte keine eine bedeutendere Rolle gespielt, dem Countrymusiker Songmaterial und Stile zu liefern, als die aus Afrika verschleppten Sklaven.“

  Die Erfolgsgeschichte des Genres war immer auch eine Geschichte der Segregation. Country ermöglichte weißen Südstaatlern, sich eine gehörige Prise schwarze Musik zu genehmigen, ohne ihre Distanz aufzugeben. Die Industrie hatte in den Fünfzigerjahren beschlossen, Genres über ihre ethnische Zuordnung zu vermarkten. Hier Race oder Rhythm’n’ Blues, dort Hillbilly und Country. Dass laut einer Umfrage aus dem Jahr 1993 dennoch ein Viertel aller Afroamerikaner Country hörten, zeigt, wie hartnäckig dieser Bevölkerungsteil einer schwer geprüften Liebe nachhängt.

  Müsste sich da nicht auch ein Anteil schwarzer Musiker in Nashville finden? Allen vermisst Vorbilder: „Der Erfolg von Motown in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat ganze Generationen auf dieses Rollenmodell festgelegt.“ Schwarze Popstars konnten da nur als Quereinsteiger punkten: So wie Ray Charles, die Pointer Sisters, Tina Turner oder Lionel Richie, die große Country-Hits lieferten. Zuletzt gab Darius Rucker, einst Frontmann der Mega-Platin-Popband Hootie & The Blowfish, das schwarze Alibi-Gesicht bei den Country-Grammys ab. Kane Brown und Jimmie Allen aber stehen wie ihre Kollegin Mickey Guyton für das Selbstbewusstsein einer neuen Generation schwarzer Sänger, die Country ohne den demütigen Humor eines Charley Pride („your brother with a heavy tan“) leben. Immerhin spielen inzwischen selbst Trap-Rapper wie Young Thug aus Atlanta ganz unironisch mit Country-Insignien. Allens gerade veröffentlichtes Debüt-Album „Mercury Lane“ bedient die Träume von Trinkgeldempfängern und Truck-Fetischisten und schmachtet gleichzeitig das „alltägliche Kleinstadt-Mädchen mit den zurückgekämmten Haaren“ an.

  Anrührend, wie der Sänger auf dem von weinenden Gitarren getragenen „Best Shot“ seine eigene Verletzlichkeit ausstellt. Einziger Bezug auf seine Hautfarbe: Der Song „Not All Tractors Are Green“ mit der Zeile „I might sound a little different than I look“. Kane Brown wird um einiges deutlicher: So wagt er etwa in „American Bad Dream“, lose Waffengesetze und Polizeigewalt zu kritisieren. Ein Tabubruch, der gerade angesichts des musikalisch eher konservativen Country-Rock-Crossover heraussticht. In einem Tweet beklagte Brown zudem, man habe ihn bei den „Country Music Awards“ seiner Hautfarbe wegen von oben herab behandelt. Er hat ihn wieder gelöscht. Zu viel Kontroverse wirkt geschäftsschädigend. Und auch 2018 kommt niemand an der Tradition vorbei: So vermeldeten die Country-Medien nach Allens gefeiertem Auftritt in der Grand Ole Opry Genugtuung, dass Charley Pride als einer der ersten den jungen Country-Star umarmte.