Tragischer Funk: Die Hot 8 Brass Band verkörpert den Groove und den Überlebenswillen des schwarzen New Orleans

Selbst im notorisch feierwütigen New Orleans kann es keine Party mit der brachialen Wucht einer Second Line Parade aufnehmen: Second Line, das bezeichnet den wilden Zug der Tänzer, der der First Line, meist kostümierten Mitgliedern eines Social Club oder einer Mardi Gras Truppe, auf den Straßen folgt,sich in wilden Verrenkungen übt, und Straßenschilder wie Autodächer als Schlagzeug nutzt. Wichtigste Zutat eines Umzugs aber bleibt: Die Brassband. Das von einer gewaltigen Sousaphon-Basslinie angetriebene Gebläse riffender Posaunen und Blues-Trompeten. Wenn es um diese Sorte Funk geht, eine unwiderstehliche Mischung aus Dreck und Ekstase, dann gehört die Hot 8 Brass Band zu den ungekrönten Königen der Straßen. Jazz, Reggae oder HipHop – die auf der Bühne stets zu acht auftretende, aber aus deutlich mehr Mitgliedern bestehende Bläsertruppe kennt keine Stilgrenzen. Hauptsache, die Rhythmen animieren die Second Line: zu ihren typisch eindeutig-zweideutigen Tänzen, voller Erotik Lebenswut, und, ja, auch Todesverachtung.

Letztere kennt die Hot 8 Brass Band besonders gut. Denn unter der brodelnden Brassversion von Snoop Doggs „What’s My Name“ , Coverversionen von Stevie Wonder- und Bob Marley-Klassikern oder Marvin Gayes „Sexual Healing“ lauert der Blues. Ein tiefschwarzer Blues. Ein Blues mit dem eisernen Willen dennoch zu überleben. Wenn New Orleans schon immer eine von Drogen, Gewalt und Polizeiwillkür gezeichnete Stadt war, dann verkörpert die Hot 8 Brassband nicht nur musikalisch ihre Tragödie. „Ich denke die ganze Zeit daran, aufzuhören“, sagt Pete, der baumstarke Sousaphon-Spieler und Gründer der Hot 8 und zündet sich eine Zigarette an. Das Howlin Wolf, ihre Stammkneipe in New Orleans platzt aus allen Nähten, nach zwei Stunden Non-Stop-Tanzanimation ist die Stimmung so aufgedreht wie nach einem Heimsieg der New Orleans Saints. Benny Pete aber klingt müde.. „Wir haben zu viele junge Menschen hier verloren.Oft haben wir bei ihrer Taufe gespielt, dann bei ihrer Hochzeit und zum Schluß bei ihrer Beerdigung“. Weit über eintausend Jazz Funerals, die von einer Brassband begleiteten zeremoniellen Beerdigungen, habe die Hot 8 in dem Vierteljahrhundert seit ihrer Gründung absolviert. „Jeder hier hat schon mindestens einen Kindheitsfreund beerdigen müssen. Wir selbst haben vier Bandmitglieder verloren“.

Dabei liest sich die Geschichte der Hot 8 erst einmal wie eine dieser New Orleans-typischen „aus der Gosse zu den Sternen“-Märchen. Wie die meisten der jungen Musiker in New Orleans fing Bennie Pete in der Marching Band seiner Schule an. Später gründete er seine eigene Brassband, die Looney Tunes, aus der 1994 wiederum die Hot 8 hervorging. Bald wurde die Band zu einem Fixpunkt der lokalen Musikszene: Familienfeiern, Geschäftseröffnungen und Festivals buchten die Jungs, die sich vorgenommen hatten mit Musik, der Welt der Gangs zu entfliehen. Was die Hot 8 auszeichnete: Eine Straßenattitüde, die sich in wuchtigen HipHop-Rhythmen und halb gerappten, halb gechanteten Lyrics niederschlug. Seit den 80er Jahren hatten Bands wie die Dirty Dozen und die Rebirth Brass Band die bis dahin eher betuliche Brassband-Szene der Stadt zu neuen Ufern geführt. Der Rhythmus wurde verstärkt, die Melodien nahmen die Hits des Tages auf. Vor allem aber: Brassbands galten plötzlich als cool. „Wer sich Hoffnungen auf ein gutes Leben jenseits des organisierten Drogenhandels machte“, sagt Bennie Pete, „der versuchte in eine Band zu kommen.“

Als die Hot 8 Brass Band 2010 von The Wire-Autor David Simons für eine Hauptrolle in seiner die Folgen von Hurrikan Katrina aufarbeitenden Serie „Treme“ angefragt wurde, spielte nicht nur die Musik eine Rolle. Sondern auch die tragische Geschichte der Band: Bereits 1997 war Jacob Johnson, der 17-jährige Hot 8-Trompeter einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Sieben Jahre später verstarb der 28-jährige Posaunist Demond Dorsey an einer Überdosis. Und nur zwei Monate später fiel ein weiterer Posaunist der Band der 22-jährige Joseph Williams gezielten Schüssen von Polizisten zum Opfer, die ihn für einen Autodieb hielten – tatsächlich war Williams in seinem eigenen Wagen gerade auf dem Weg zu einem Begräbnis-Gig. Als Katrina dann noch die Bandmitglieder in alle Winde zerstreute, schien das Schicksal der Hot 8 besiegelt.

Doch dann besann sich Bennie Pete darauf, dass – zumindest in New Orleans – kaum etwas so sehr Heimat bedeutet wie der Sound einer Brassband. Er sammelte die verbliebenen Mitglieder, um in den Lagern der Katrina-Vertriebenen zu spielen, und spontane Second Lines anzustiften. In der Folge wurden nationale Medien wie CNN auf die Hot 8 aufmerksam. Nun ging es Schlag auf Schlag: 2011 tourten die Hot 8 als Begleitband von Lauryn Hill, 2012 erhielt ihr Album „The Life & Times Of“ eine Grammy-Nominierung, während das englische Hipster-Label Tru Thoughts Bennie Pete und seine Mannen um die halbe Welt schickte – ihr Cover von Marvin Gayes „Sexual Healing“ hatte es längst in die Setlists von DJs wie Gilles Peterson geschafft. Trotzdem bleibt für Bennie Pete nichts wichtiger als die Arbeit in der eigenen Community in New Orleans: „Jeden Tag vergeuden so viele junge Menschen sinnlos ihr Leben. Musik bleibt unsere einzige Rettung. Sie macht uns stark. Sie gibt uns die Kraft trotz allem weiter zu leben, weiter zu tanzen“.

JONATHAN FISCHER

SZ 26.1.2019Angola 3

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