Monatsarchiv: Juli 2018

NICHTS GESCHENKT „Ihr lebt in einem Land, in dem ihr eine Chance habt. Ergreift sie!“ – Die Bloggerin Tuba Sarica rechnet in ihrem Buch „Ihr Scheinheiligen“ mit Doppelmoral und Opfermythos in der deutschtürkischen Community ab

Tuba Sarica, 30 Jahre alt, hat Germanistik und Medienkulturwissenschaften studiert. Die politische Autorin setzt sich in ihrem Blog „Weltbewohner“ seit über einem Jahrzehnt mit dem Verhältnis der deutschtürkischen Community zur Demokratie auseinander. Nun hat sie ein Buch geschrieben: „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz. Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“ (Heyne, München 2018, 224 Seiten, 14, 99 Euro).

Frau Sarica, seit Monaten steht der deutsch-türkische Fußballnationalspieler Mesut Özil in der Schusslinie – unter anderem weil er einen Autokraten wie den türkischen Präsidenten Erdoğan als „meinen Präsidenten“ hofiert hat. Jetzt hat er mit Verweis auf rassistische Anfeindungen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Finden Sie das schade?

Tuba Sarica: Natürlich geht es nicht, dass Rassisten den Fall Özil für sich instrumentalisieren. Andererseits ist die Kritik an ihm berechtigt. Özil veranschaulicht wunderbar die Scheinintegration vieler Deutschtürken. Äußerlich ist er der Inbegriff der Integration, hat einen deutschen Pass. Aber für mich taugt er nicht als Vorbild. Denn er spielt der Deutschfeindlichkeit der Parallelgesellschaft in die Hände.

Woran machen Sie das fest?

Einerseits schüttelt er einem Mann wie Erdoğan die Hand, der selbst im Wahlkampf mit rassistischen Tönen arbeitet. Andererseits beschwert er sich über den deutschen Rassismus. In Özils Twitter-Botschaften zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft erkenne ich eine für die Parallelgesellschaft typische Doppelmoral. Alles sei nicht politisch gemeint. Dabei weiß er genau, dass Erdoğan Tausende Journalisten, Gewerkschafter, Lehrer, ja alle, die es wagen, ihn offen zu kritisieren ins Gefängnis werfen lässt. Özil gibt da den schweigenden Mitläufer. Und stilisiert sich zum Opfer. Schon vor Jahren habe ich geschrieben, dass Özil nicht zum Posterboy der Integration taugt. Wenn er sich etwa weigert, die Nationalhymne mitzusingen, dann sendet er auch eine Botschaft an seine deutsch-türkischen Fans: Ihr müsst euch nicht zu Deutschland bekennen.

Haben Sie gar kein Verständnis für Özils Verhalten?

Verstehen möchte ich schon. Aber eben nicht als Vorwand, um etwas zu entschuldigen, sondern um Verantwortung einzufordern. Ich komme selbst aus einer klassischen deutschtürkischen Arbeiterfamilie aus Anatolien – und fühle mich trotzdem in Deutschland nicht diskriminiert.

Sie schreiben, dass Sie für Ihre Familie als Deutsche gelten und das nicht als Kompliment gemeint ist. Was hat Sie dazu bewogen, eine Abrechnung mit der deutschtürkischen Parallelgesellschaft zu schreiben?

Während meiner Schulzeit am Gymnasium habe ich die Integrationsdebatte mitverfolgt – und war andererseits mittendrin. Als Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ herausbrachte, beschloss ich, das Feld nicht den Rassisten zu überlassen. Nein, das Problem liegt nicht an den Genen der Nicht-Deutschen. Andererseits fand ich es ungerecht, immer den Deutschen Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, wo ich doch wusste, wie sehr die Fremdenfeindlichkeit in der eigenen deutschtürkischen Community jede Integration hemmt. Jedes Mal, wenn ein sogenannter deutschtürkischer Experte in einer deutschen Talkshow auftrat, war ich enttäuscht: Warum versteckt er sich hinter dem Opfermythos? Warum spricht er nicht die wirklichen Probleme der Parallelgesellschaft an? Da war eine Lücke, die ich füllen möchte.

Sie haben also bisher kaum selbstkritische Stimmen aus der deutschtürkischen Community vernommen?

Die modernen Muslime, die behaupten, sie seien integriert, stehen unter starkem Zwang, es den Religiösen recht zu machen. Ich habe das an meiner eigenen, eher fortschrittlich gesinnten Familie gesehen. Sobald die religiöseren und verschleierten Verwandten zu Besuch kamen, wurden oft frauenfeindliche und deutschfeindliche Ansichten geäußert. Ich wollte immer dagegen aufstehen. Aber meine Mutter bat mich, mir den Widerspruch zu verkneifen. Es gibt da ein weitverbreitete Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Diskussionskultur – aber sie wird als „Loyalität“ verklärt.

Sie werfen der Community vor, es sich in der Opferrolle bequem einzurichten. Warum?

Es ist einfacher, das Bild vom „bösen Deutschen“ aufrechtzuerhalten. Damit gibt man die eigene Verantwortung ab. Ich habe als Türkin, die Abitur macht, vielen deutschtürkischen Kindern Nachhilfe gegeben. Viele waren total demotiviert. Sie schoben es auf die deutschen Lehrer. Am Ende aber waren es ihre Eltern, die ihnen eingeredet hatten, dass sie als Deutschtürken sowieso benachteiligt würden. Mein Buch hat deswegen eine Botschaft an meine Landsleute: Ihr lebt in einem Land, in dem ihr eine Chance habt. Ergreift sie! Und übernehmt endlich die Verantwortung für euch!

Sie schreiben, dass Ihr Leben erst anfing, nachdem Sie gegen Ihre Familie – und damit auch gegen die ungeschriebenen Regeln der deutschtürkischen Community – rebellierten. Was wurde Ihnen verwehrt, was Ihre deutschen Altersgenossen durften?

Selbst in der dritten Generation der Deutschtürken wird die Autorität der Eltern kaum infrage gestellt. Das bedeutet für eine junge Deutschtürkin: Nicht lange ausgehen, keinen Freund haben dürfen, viel zu früh heiraten. Dabei lohnt es sich, mit den Eltern zu streiten, statt alles nur heimlich zu machen. Einem deutschtürkischen Mädchen wird jedenfalls nichts geschenkt, es muss sich seine Freiheiten selber nehmen. Bei einem Praktikum in der Türkei aber merkte ich, wie viel weltoffener viele der Türken dort denken.

Aber haben die Deutschtürken nicht auch ganz real Anlass, Diskriminierung zu beklagen? Schließlich machen hierzulande Fremdenhass und Islamophobie immer wieder Schlagzeilen.

Natürlich gibt es Rassismus in Deutschland. Aber erstens ist das kein flächendeckendes Phänomen. Und zweitens pflegt die Parallelgesellschaft ihren eigenen Fremdenhass. Schon den Kindern wird beigebracht, dass alle Deutschen so und so sind. Jedes schreckliche Ereignis wird da zum Schutzschild gegen eine wirkliche Integration missbraucht. Erdoğan hat die Schwächen der Parallelgesellschaft, ihr Opferdenken, ihre unterdrückte Sexualität, ihre Neigung zu Gewalt und zu Gehorsam gegenüber allem Religiösen erkannt und für sich instrumentalisiert. In einer Rede sagte er: Die Türken in Deutschland müssen Qualen erleiden. Und: Ihr müsst euch nicht assimilieren. Das löste Begeisterung aus. Wenn Frau Merkel dagegen sagt „Ich bin auch eure Kanzlerin“, wollen das viele gar nicht hören.

Die Deutschen haben oft das Bild der armen, unterdrückten muslimischen Frauen. Haben Sie das ähnlich erfahren?

Meiner Meinung nach unterdrücken sich die meisten muslimischen Frauen vor allem selbst. In der Parallelgesellschaft werden Frauen dazu erzogen, Männer toll zu finden, die ihnen sagen, wie sie sich anzuziehen oder zu benehmen haben. Ein junges Mädchen macht sich da besonders beliebt, wenn es Kopftuch trägt. Alles Persönliche wird der Familie beziehungsweise dem Familienoberhaupt untergeordnet. Meine eigene Schwester etwa hat sich aus freien Stücken für einen erzkonservativen Mann entschieden. Jetzt darf sie ohne seine Erlaubnis nicht einmal ihre eigene Mutter besuchen. Frauen, die sich Freiheiten nehmen, werden dagegen als „Egoisten“ gebrandmarkt.

Ist der Islam in dieser Hinsicht Ihr Feindbild?

Nein, der Islam ist nicht mein Feindbild. Es geht mir vielmehr um die Menschen, die Religion instrumentalisieren, um anderen ihre Freiheit zu nehmen. In der Parallelgesellschaft fällt es schwer, zwischen Religion und Politik zu unterscheiden. Selbst deutschtürkische Studentinnen pflegen rückständiges Gedankengut à la „Wir Muslime müssen gegen die Deutschen zusammenhalten“.

Hat es Sie enttäuscht, dass bei den türkischen Präsidentenwahlen zwei Drittel der deutschtürkischen Wähler für Erdoğan gestimmt haben?

Nein es wundert mich nicht mehr. Erdoğan hat es geschafft, in diesem ständigen Wettbewerb der Deutschtürken, wer modern und wer zurückgeblieben ist, die Vorzeichen umzudrehen. Plötzlich dürfen sich die Mitglieder der Parallelgesellschaft, ohne irgendetwas dafür getan zu haben, als gesellschaftliche und religiöse Elite fühlen, die ihrem von Gott gesandten König folgt.

Sie schreiben: „Die Integration sollte nicht auf die Deutschen abgewälzt werden.“ Machen Sie es da den Deutschen nicht allzu leicht?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich nehme die Deutschen in die Verantwortung, sich nicht bei jedem Rassismusvorwurf wegzuducken. Sie sollten kritisch nachfragen, die Intoleranz nicht tolerieren. Denn hinter dem modernen Äußeren, das viele quasi-integrierte Deutschtürken vor sich hertragen, herrschen noch immer undemokratische Zustände. Ein ehrlicher Dialog wäre besser. Integration scheitert in Deutschland nicht an der Diskriminierung. Sie scheitert da, wo Liebe und Individualität verhasst sind.

Interview: JONATHAN FISCHER

SZ 25.7.2018Tuba Sarica_1_© Random House_www.benjaminpieper.de

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Treffen sich zwei Priester… Biblisches Armageddon auf Jamaika: „Der Kult“, der Debütroman des Booker-Preisträgers Marlon James, erscheint in einer deutschen Neuübersetzung

Marlon James war kurz davor aufzugeben. Das Schreiben einfach sein zu lassen. 78 Mal, erzählt der jamaikanische Autor, sei das Manuskript seines Debütromans abgelehnt worden. James glaubte schließlich, „dass dieser Stoff niemanden interessierte“. Er versuchte, alle Kopien seines Manuskripts zu vernichten, warum auch festhalten an dieser offensichtlichen Fehlgeburt? Das war ein gutes Jahrzehnt bevor der Jamaikaner mit seinem dritten Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ 2015 den Man Booker Prize gewann und ihn die internationale Presse zu einer Art literarischem Rockstar erklärte.

  In Deutschland erschien James’ Debüt erstmals im Jahr 2009, wurde damals aber kaum beachtet. Die gebührende Aufmerksamkeit bekommt das Buch erst jetzt, in einer Neuübersetzung unter dem Titel „Der Kult“. Die Geschichte mutet an wie eine dieser übernatürlichen Fügungen, von denen es auch im Buch selbst nur so wimmelt. Zu verdanken ist das auch der amerikanischen Literaturdozentin Kaylie Jones: Sie insistierte bei einem Besuch in Jamaika darauf, James’ verschollenes Manuskript zu lesen, bis dieser im Postausgang seines alten Laptops noch eine Kopie ausfindig machte.

  Im Buch beginnt alles mit einem Geier, der in einer abgelegenen jamaikanischen Kirche durch das Kirchenfenster kracht und tot auf der Kanzel aufschlägt. Ein böses Vorzeichen. Kurz darauf wird Pastor Hector Bligh, den seine Gemeinde wegen seiner Trunksucht nur den Rumprediger nennt, von einem Fremden namens York niedergeschlagen und aus der eigenen Kirche verjagt. Eine fiktive Plantagensiedlung dient als Kulisse für den folgenden Showdown der beiden Gottesmänner. York, der Eindringling, predigt Feuer und Zorn und hat damit einigen Erfolg: „Nichts, was bislang nach Gibbeah gedrungen war – weder das Radio, noch Bazooka-Joe-Kaugummi oder Kondome – hatte eine solche erdbebenartige Kraft besessen.“ York hat ein Zertifikat mitgebracht, das ihn als Apostel ausweist. „Wie Petrus und Paulus. Wie jemand, der Jesus kennt.“

  Während sein vom Plantagenbesitzer installierter Vorgänger vor allem dazu gut war, die Armen irgendwie bei der Stange zu halten, hat Apostel York Größeres vor: Er predigt Buße, lässt das sündige Kino zerstören und fordert zum Endkampf gegen das Böse: „Jede Stadt der Rechtschaffenheit hat eine Mauer… Das sei Gottes Weg, die Heiligkeit drin, und das Laster draußen zu halten.“

  Der Roman spielt im Jamaika des Jahres 1957, fünf Jahre vor der Unabhängigkeit. Die Fragen, die er stellt, haben auch bei seiner Wiederveröffentlichung nichts von ihrer Brisanz verloren: Wie leicht kann eine Befreiungsbotschaft umgedeutet werden zu einem Aufruf zu Hass auf das Fremde, das Andere, aus der eigenen Psyche Ausgelagerte? Zu welchen Monstrositäten kann Rhetorik Menschen, ja ganze Gemeinschaften anstacheln? Und wer könnte dem kollektiven Wahn widerstehen? James erzählt die Fanatisierung einer Kirchengemeinde in harter, klarer Sprache und mit alttestamentarischer Bilderwucht.

  York predigt sehr erfolgreich die Dichotomie von Gut und Böse, doch Bligh gibt sich nicht geschlagen. Er, der „das romantische Leben eines Säufers jederzeit der Empörung eines Abstinenzlers“ vorzog, zieht, das Kreuz Jesu geschultert, zur Kirche.

  Bald wird klar, dass beide Prediger mit einer Schuld aus der Vergangenheit ringen, dass beide deformierte Seelen sind. Wenn sie mit Bibelzitaten gegeneinander antreten, dann ist die Nächstenliebe Jesu nicht der eigentliche Gegenstand: Es geht um Machtgier und sexuelle Gelüste. Und am Ende gar um die schiere Mordlust: „Wer ist bereit, für den Herrn zu töten?“, fragt der Apostel York seine Gemeinde. Und so gut wie alle sind dabei.

  Das Blut von Tieren und Menschen fließt in alttestamentarischer Fülle, vermischt sich mit allen möglichen Körperflüssigkeiten. Grausig ist das. Und zuweilen urkomisch. Etwa wenn ein Sodomit, der sich ein Gestell zur Vergewaltigung der eigenen Kühe baut, mitten im Akt vom Blitz getroffen wird.  

  Wie die Seelen der Gläubigen schleichend vergiftet werden, das offenbart sich vor allem am Beispiel der Frauen der konkurrierenden Priester. Auch Lucinda und die Witwe Greenfield, seit ihrer Jugend miteinander verfeindet, stehen sich als Kontrahentinnen gegenüber. Sie suchen, jeder für sich, eine Lösung ihrer tragischen Lebensgeschichte. Und schwanken in ihrer Beziehung zu den Predigern zwischen Hörigkeit, sexuellen Fantasien, Bemutterung und Abscheu. James verleiht diesem Drama barocke Züge – irgendwo zwischen Passionsspiel und Quentin Tarantino.

  Im Gegensatz etwa zu „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, dieser fast dokumentarischen Abrechnung mit dem Bürgerkrieg, den Drogen und den Rasta-Idealen der Ära Bob Marley, wirkt die Gewalt in „Der Kult“ aber stets ein wenig surreal, geradezu mythisch. Voodoo-Spiritualität konterkariert die Bibelfrömmigkeit. Beide Priester und ihre Frauen praktizieren Spielformen der afrikanischen Obeah-Religion, beschwören dunkle Mächte, die sich in sterbenden Geiern, blutrünstigen Taubenschwärmen und teuflisch missgestalteten Kälbern manifestieren. Magischer Realismus, jamaikanische Version. „Wir haben die alten Götter mit uns genommen, auch wenn wir sie nicht mehr beim Namen kennen“, erklärt James. Auch 400 Jahre nach der Christianisierung der Karibik habe die afrikanische Geisterwelt nichts von ihrer Macht verloren. Vor allem aber beschäftigt den Autor die Beziehung zwischen Dämonisierung und Sex. James, der aus einer Polizistenfamilie in der jamaikanischen Mittelschicht kommt, ist 2007 als Literaturdozent an die Universität von St. Paul, Minnesota gezogen. Seine Entscheidung, Jamaika zu verlassen, hatte auch mit der Intoleranz vor Ort zu tun: „Schwulsein auf Jamaika“, hat er einmal gesagt, „das bedeutet vor allem Heimlichkeit.“ Als junger Mann habe er versucht, sich in die Kirche zu retten. Einige Jahre lang sei er zu einem „Bibel schwenkenden Christen“ mutiert, denn „wenn sie sahen, dass all meine Energie zu Jesus ging, würden sie nicht fragen, warum ich keine Freundin habe.“ Gerade in der Geheimhaltung aber blühten Missbrauch und Inzest, konnten Diakone unbehelligt neunjährige Knaben belästigen.

  In diesem Roman scheint so etwas wie eine geheime Rache zu stecken. Marlon James hat seine Freude daran, jede Form von Andacht mit krasser Körperlichkeit zu konterkarieren: „Diejenigen, die sich dem Pastor Bligh angeschlossen hatten, (…) haben ihre Sünde bereut. Sie haben sich losgesagt von der Hexerei, vom Teufelsbund, vom Horoskop, vom falschen Zeugnis, von Schokolade, Perversion, Unzucht, Verkehr mit Tieren, vom Tanzen und der Musik, vom Tragen kurzer Röcke, dem zu langen Waschen ihrer Muschi oder ihres Schwanzes in der Badewanne – alles um das Auspeitschen zu verkürzen.“

  Die Erweckungs- und Buß-Rhetorik ist eine amerikanische Erfindung, seit Jahrzehnten exportieren amerikanische Kirchen sie nach Afrika, Südamerika und in die Karibik, und prägen Frömmelei und Schwulenhass auch in Jamaikas Gesellschaft auf unheilvolle Weise. „Gottes Strafgericht ist kein Spaß. Gott kennt keine Streicheleinheiten.“ Das konstatiert halb schaudernd, halb bewundernd Lucinda, die selbst nach der blutigen öffentlichen Auspeitschung eines ehebrechenden Paares nicht von ihrer Anbetung des Apostels ablässt. Wie befreiend ist es doch, die eigenen Schwächen kollektiv auszulagern! Der Autor inszeniert die Gemeinde als tragischen Chor, der dem Prediger allzu bereitwillig die Herrschaft über sich einräumt. So viel jamaikanisches Lokalkolorit James auch in seinen Roman packen mag – er liefert eine universelle Parabel: für die Sehnsucht nach einem Messias. Und für die Entmenschlichung, die allzu oft mit ihr einhergeht.

JONATHAN FISCHER

SZ 10.7.2018marlon james

Macht Musik! Ein Ethnologe versorgt die Menschen in Mali mit Instrumenten. Denn wenn sie ihre Traditionen pflegen können, haben Dschihadisten keine Chance

Das Hauptquartier der Minusma, der Friedensmission der Vereinten Nationen in Mali, thront wie eine Festung über dem nördlichen Niger-Ufer im Botschaftsviertel von Bamako. Stacheldraht, Scheinwerfer, Schützenpanzer. Wer eintreten will, muss zwei Schranken mit Sprengstoffdetektoren passieren. Aber am Ende schütteln die Sicherheitsoffiziere den Besuchern die Hand – so gehört es sich in Mali nun mal.

Paul Chandler, ein amerikanischer Musikethnologe, soll heute seine Dokumentation „It Must Make Peace“ vorführen. Eine Art kultureller Nachhilfeunterricht für das Personal der Friedensmission. „Militärisch ist dieser Konflikt nicht zu gewinnen“, sagt Chandler, ein weißhaariger Mittvierziger, während sich Offiziere aus aller Welt in die roten Samtsessel des Kinosaals zwängen. „Wer in Mali etwas bewegen will, muss erst einmal die Kultur verstehen.“ Das ist Chandlers Mantra.

Die Lage in dem Land verdüstert sich zunehmend. Weite Teile von Nord- und Zentralmali entziehen sich der staatlichen Kontrolle, Dschihadisten terrorisieren dort die Bevölkerung. Wenn in den Dörfern gefeiert wird, fallen sie ein. Fröhlichkeit dulden sie nicht. Am Ende zerstören sie die Musikinstrumente, denn Musik ist für die Islamisten Teufelswerk. „Viele Malier“, sagt Chandler, „haben das Gefühl, dass ihre Kultur im gegenwärtigen Konflikt zerrieben wird.“ Er hat die Hilfsorganisation Instruments 4 Africa (Musikinstrumente für Afrika) gegründet – damit die Malier ihre Kultur nicht verlieren.

„Sie brauchen Musikinstrumente. Sie brauchen technische Unterstützung. Vor allem aber brauchen sie Kanäle, um die Tradition an die nächste Generation weiterzureichen. Sonst wird sie endgültig sterben“, sagt Chandler. Letztlich richte sich der Krieg in Mali gegen die Kultur – und gegen den traditionellen Zusammenhalt. Die Lage ist dramatischer denn je: Viele Musiker sind aus dem Norden nach Bamako geflohen. Jahrhundertealte Rituale finden nicht mehr statt. Und nicht nur die Dschihadisten mit ihren Verboten von Musik, Hochzeiten und jeder Art von Tanz sind daran schuld. Auch das moderne Großstadtleben trägt zur Aushöhlung des überlieferten Wissens bei. Wie aber lässt sich der drohende Verlust aufhalten?

„It Must Make Peace“, eine Dokumentation, die gerade auf den großen Filmfestivals zirkuliert, ist Chandlers Versuch, dem Vergessen entgegenzuwirken, noch einmal das Mali der jahrhundertealten Überlieferungen, den Ort einer unglaublichen Vielfalt und Toleranz zu beschwören. Mit seinem malischen Team hat er traditionelle Musiker aufgenommen und lässt sie ihre Rolle für die Gemeinschaft von Menschen, Natur und Ahnen erklären. Viele der Songs werden wohl bald nirgends mehr zu hören sein. Und wer kennt schon fast ausgestorbene Instrumente wie die Bolan-Harfe und die traditionellen Tänze der Jäger? Noch gibt es Heiler, die beteuern, dass sie Menschen mithilfe von Musik von ihren Leiden befreien können – aber es sind nicht mehr viele. „Eines Tages“, erklärt einer von ihnen, „kamen die Dschihadisten und verbaten mir meine Arbeit. Ich habe trotzdem weitergemacht. Es ist eine Gabe von Gott, wie könnte ich da aufhören?“

Chandler lässt den Film landesweit vor malischem Publikum vorführen – besonders in den Dschihadisten-Regionen des Nordens. „Wir wollen diese von außen kaum sichtbaren Traditionen stärken.“

Auch andere westliche Organisationen beteiligen sich an dieser Kulturarbeit. Besuch in einer Musikschule in Kirina, in die die NGO „Play For Change“ und der Popstar Damon Albarn jedes Jahr mehrere Tausend Pfund investieren, um jungen Maliern die traditionellen Instrumente näherzubringen. Von außen betrachtet wirkt die Einrichtung bescheiden: Auf einem staubigen Feld am Ortsrand eine Versammlungshalle mit Blechdach und Betonboden. Fünf Schüler trommeln auf ihren traditionellen Djembes, eine Gruppe junger Mädchen nimmt unter Anleitung einer Tanzlehrerin die Rhythmen auf, setzt sie in Choreografien um, die mal an Feldarbeit mit Hacke, mal an Breakdance erinnern. Aus den offenen Türen der länglichen Ziegelbaracke daneben perlt melodisches Geklöppel. Balafon-Unterricht. Der Lehrer reist zweimal die Woche aus Bamako an, die Schüler kommen aus dem Dorf. „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern leisten“, sagt Schulleiter Seydou Dembele. „Früher wurde das Wissen informell von älteren Männern an ihre Schüler weitergegeben. Heute hat der Beruf des Musikers einen Beigeschmack des Rückständigen und Sündigen bekommen.“

Der Kern des Konflikts liegt im Erstarken eines radikalen Islam. „Der urafrikanische Synkretismus und all seine kulturelle Vielfalt fällt importierten Dogmen zum Opfer“, beklagt der malische Schriftsteller Ousmane Diarra. Nur noch im Geheimen verwenden die meisten Malier – egal welcher Konfession – animistische Schutzzauber und ziehen überlieferte Naturheiler zu Rate. Die Intoleranz töte auch die Musik. Wie eng Islam und überlieferte Spiritualität verflochten sind, zeigt etwa die jährliche Zeremonie der Bozo in Segou: Hier lassen die Niger-Fischer begleitet von Gebetsgesängen Pappfiguren der Flussgeister durchs Wasser tanzen und bitten um deren Schutz. „Der Imam heißt das nicht gut,“ sagt ein Fischer, „aber ich hoffe, dass der Prophet uns einst verzeihen wird. Denn jedes Jahr, in dem wir das Gebet ausließen, sind viele Menschen im Fluss ertrunken.“

Doch Chandler geht es um mehr. Der Westen glaube, er kenne afrikanische Musik – dabei seien „höchstens fünf Prozent ihres Reichtums erschlossen“. Gehe er unter, dann verliere die ganze Welt. Hinter der Kulturförderung aber stecken auch handfeste politisch-geostrategische Interessen. Dass die Projekte von Instruments 4 Africa im Wesentlichen von der amerikanischen Botschaft finanziert werden, daraus macht Chandler kein Geheimnis. „Die Botschaft lässt mir inhaltlich vollkommen freie Hand“, sagt er. Trotzdem wirft das Fragen auf: Wirkt Chandlers Initiative als verlängerter Arm amerikanischer Außenpolitik? Ist sie die zeitgemäße Fortsetzung der vom State Department finanzierten Afrika-Tourneen amerikanischer Musiker, die einst James Brown nach Ghana und den Bluesmann Junior Wells ins Fußballstadion von Bamako schickte?

Im Westafrika von heute – einer Region, in der sich Amerika in den letzten Jahren verstärkt mit Militärbasen, Eingreiftruppen und Überwachungstechnik engagiert – gelten andere Spielregeln als im einstigen Wettstreit mit dem Kommunismus. Der Dschihadismus lässt sich nicht mit westlichen Ideen bekämpfen.

Für Chandler ist es eine Win-win-Situation, wenn sich die USA in der malischen Kultur engagieren: „Jedes Dorf hat ein jährliches Festival, in denen die traditionellen Tänze aufgeführt werden und die Älteren ihr Wissen an die Jungen weitergeben. Wir kümmern uns zusammen mit der malischen Regierung um Logistik und Sicherheit – damit sie auch weiterhin stattfinden.“ Und warum nicht nebenbei das Image Amerikas aufwerten?

Chandler war einst aus musikalischer Neugier gekommen. Er hatte an der University of North Texas bei einem Meistertrommler aus Ghana afrikanische Perkussion studiert und Schulklassen unterrichtet. Als er den Job an der amerikanischen Schule in Bamako angeboten bekam, wollte er endlich „dem Geheimnis von Vorbildern wie Ali Farka Touré auf den Grund gehen“. Dessen Gitarrist Afel Boucoum zog als persönlicher Musiklehrer in Chandlers Haus. Das war 2003. Boucum half Chandler zu erkennen, woran es in dem Land am meisten fehlte: an Instrumenten. Chandlers rief dann mit Instruments 4 Africa seine amerikanischen Landsleute auf, all die Gitarren und Verstärker, die sie im Keller aufbewahrten, doch bitte an diejenigen zu schicken, die „alles Talent der Welt, aber nicht einmal ein Instrument haben“. Der Deal für die malischen Empfänger: Jeder bekommt zwei Instrumente, muss dafür jemanden anlernen. Später kam die Unterstützung von Musikern und Festivals aus dem Norden dazu – und der Deal mit der amerikanischen Botschaft.

„Im Vergleich zur Militärausrüstung, die der Westen nach Mali bringt,“, sagt Chandler, „kostet das Peanuts – und es kann so viel mehr für den Frieden ausrichten.“ Chandlers Initiative konzentriert sich seit 2015 auf die Regionen Malis, in denen der Drogenhandel boomt und Dschihadisten mit den Schmugglern kooperieren. Kulturelle Bindungen sind da die einzig verbliebene Gegenkraft: Chandler unterstützt die Veranstalter lokaler Festivals mit Geld, Logistik und US-finanzierten Aufklärungsbroschüren. Zuletzt landete er einen Coup: Die Wiederaufnahme des legendären Festival du Desert in Timbuktu. Chandlers Organisation ließ die Bühnenausrüstung auf Niger-Pirogen verschiffen, die Minusma flog die Musiker aus dem Exil in Bamako ein. Die Ansage lautete: „Wir bringen die Menschen über die Kultur wieder miteinander ins Gespräch.“ Doch das Programm bekommt unter der Trump-Administration Gegenwind. Erste Kürzungen sind bereits in Kraft getreten. „Manche Amerikaner, sagt Chandler, „empfinden unser Engagement als zu soft.“

Das Adlerwappen der US-Botschaft prangt auch als Banner über der Bühne des jährlichen Dogon-Festivals in Bamako. Trommelmusik und laute Chants schallen über den Niger. Pulks von Maskentänzern und Stelzenläufern wirbeln Staub auf, während Tausende Malier das Spektakel mit laufenden Handys verfolgen. Morgens hatten hier noch traditionelle Ringkämpfe stattgefunden. Am Abend spielen dann einige der größten Pop-Stars des Landes. Alles aber steht unter dem Stern der Dogon-Kultur, eines Volkes in Zentral-Mali, dessen animistische Kosmologie den Westen seit fast einem Jahrhundert fasziniert. Das Festival gilt nicht nur als Begegnungsort für die in die Stadt Abgewanderten. Sondern will eine Botschaft aussenden.

„Heute entdecken viele junge Menschen wieder ihre ethnischen Wurzeln“, sagt die malische Journalistin Rahabal Nantoumé, selbst eine Dogon, „und sind stolz darauf.“ Tatsächlich tragen die meisten Festivalbesucher – ob Muslime, Christen oder Animisten – traditionelle Dogon-Mützen, -Schals und -Kleider. Nantoumé sieht das als positives Zeichen: „Wenn wir erkennen, dass uns viel mehr eint als trennt – dann haben religiöse Extremisten keine Chance.“

JONATHAN FISCHER

SZ 10.8.2018