Monatsarchiv: Mai 2018

Überleben durch Bewegung – Die Ausstellung „African Mobilities“ im Münchner Architekturmuseum zeigt, wie afrikanische Architekten, Künstler und Intellektuelle auf die Herausforderungen der Migration reagieren

 

african mobilitiesDie Stadt ist immer wie ein wildes Pferd. Entweder du reitest es oder du stirbst.“ Diese düsteren Worte gibt der nigerianische Autor Wale Lawal den Besuchern gleich am Eingang des Münchner Architekturmuseums mit. Für die Ausstellung „African Mobilities“ hat er zusammen mit dem in New York lebenden Künstler und Architekten Olalekan Jeyifous ein Science-Fiction-Märchen geschaffen. „Mad Horse City“ heißt ihre virtuelle 360-Grad-Installation.

  Vordergründig erzählt sie im Halbdunkel nächtlicher Großstadtlichter von einem erwachsenen Mann und einem achtjährigen Mädchen, die im Hafenbezirk von Lagos fischen wollen und dabei zwischen giftigen Müllkippen, Privatgrund, Polizeipatrouillen und von Superreichen bevölkerten Unterwasserrestaurants navigieren müssen. Es ist eine Parabel auf das Überleben in einer spätkapitalistischen Wildnis: der afrikanischen Großstadt. Lokale Behörden lassen in Lagos wie auch anderen Metropolen regelmäßig Slums zerstören und die Bewohner vertreiben. „Ehemalige Bewohner“, schreibt Wale Lawal, „verlieren sich in den Wiederholungen der Stadt, gefangen zwischen dem Bekannten und Unbekannten – als Fremde in ihrer Heimat.“

Eine poetisch eingefangene Dystopie. Und doch gibt es so etwas wie Wegweiser in die Zukunft. Die Vertriebenen organisieren sich umfassend selbst, praktizieren Wiederverwertung, sind Pioniere einer nachhaltigen Lebensweise.

Was hat das alles mit Architektur zu tun? Wenn die südafrikanische Kuratorin Mpho Matsipa den Untertitel „This Is Not A Refugee Camp Exhibition“ für die Ausstellung gewählt hat, dann nicht nur um sich von Erwartungen an Zeltlager-Logistik oder Container-Bauplänen abzugrenzen, sondern um den Beitrag der Migration zur afrikanischen Stadt auszuloten: „Die westliche Gleichsetzung des Themas Mobilität mit Krise“, so die an der Witwatersrand University in Johannesburg lehrende Kulturkritikerin, „hat uns die Sicht getrübt. Sie nimmt der Vorstellungskraft den Raum.“

Matsipa setzt dagegen: Kunst, Utopien, interdisziplinäre Entwürfe der Megacity von morgen. Migration bezieht sich hier nicht nur auf die Bewegung menschlicher Körper, sondern auch auf Waren, kulturelle Identitäten, Ideen. Und das kann, wie auf dem Stoffmarkt von Kampala, Uganda, eine durchaus sinnliche Erfahrung sein. Eine Multimedia-Installation zeigt über einem Grundriss von etwa neun Quadratmetern, der typischen Größe eines Marktstandes, den Alltag eines Stoffhändlers: Elvis heißt er, und stammt wie viele der Marktleute hier aus der Bürgerkriegsregion des Ostkongo.

Was bedeutet es, Flüchtling zu sein? Und ist das geschäftlich überhaupt ein Nachteil? Elvis hat die Mobilität zum Geschäftsprinzip erhoben: Sorgsam gefaltete und geschichtete Stoffballen, die er von Herstellern in Holland und China importiert, bilden die Wände seines Ladens. Einen Teil dieser im Ausland designten, aber als typisch afrikanisch geltenden Kitenges verkauft er vor Ort, einen Teil liefert er in seine alte Heimat Kongo. Import, Export, Aneignung und Vernetzung: Das sind die wiederkehrenden Themen von „African Mobilities“, egal ob es um Stadtarchitektur in Dakar, den Kleiderhandel auf den Kapverden oder Songs geht, die entlang der Eisenbahnlinien zwischen den Minenstädten Südafrikas kursieren.

Für das Architekturmuseum der TU München ist es die gewagteste Ausstellung bisher. Nie zuvor, sagt Direktor Andres Lepik, habe man einer Kuratorin einfach eine Carte blanche gegeben. Gleichzeitig aber sei die Wahl Mpho Matsipas – sie kuratierte unter anderem 2009 den südafrikanischen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig – nur konsequent gewesen: „Wir wollten dem Kolonialismusverdacht entgegenwirken, dass hier weiße Kuratoren die schwarze Zukunft verhandeln.“  Zumal das Architekturmuseum langfristig an Afrika interessiert ist. Bereits 2013 gab „Africtecture“ den Auftakt, es folgte die erste große Ausstellung des aus Burkina Faso stammenden Francis Kéré, der inzwischen eine Professur an der Münchner TU innehat.

„Es geht letztlich immer um die Frage, wie Architektur auf Bevölkerungswachstum, Wirtschaftsboom und Migration reagieren kann“, erklärt Lepik. Und wer glaube, dass die Zukunft afrikanischer Megacitys nichts mit München zu tun habe, verkenne die Rückkopplungen einer globalisierten Welt.

Tatsächlich schafft „African Mobilities“ einen dringend benötigten Begegnungsort. Die Möglichkeiten für Akademiker und Architekten, sich auf dem Kontinent auszutauschen, seien denkbar begrenzt, bedauert Matsipa. Wissenschaftliche Förderprojekte, Museen, Galerien? Dafür müsse man schon nach New York oder München reisen.

Dank der Unterstützung durch Bundeskulturstiftung und Goethe-Institut konnte Matsipa Architekten, Künstler und Intellektuelle zu sieben Workshops in sieben afrikanischen Städten einladen, mit „African Mobilities“ als Verdichtung und exemplarischer Präsentation der dort entstandenen Projekte. Am Ende soll die Ausstellung nach Afrika zurückkehren.

Spannend ist auch das Design der Ausstellung. Die Südafrikanerin Ilze Wolff, Teil eines Kapstädter Architekturbüros, das Schulen und öffentliche Gebäude unter dem Gesichtspunkt der sozialen Kohäsion entwirft, hat Raumteiler aus Holz und Plastik, Kurven, Rundungen und Sitzgruppen entworfen. Sie dienen vor allem einem Zweck: Die von der Kuratorin geforderte Lücke zu schaffen. Eine „Verzögerung für das Nachdenken“. Etwa, um eine Zeit lang in der „Chimurenga-Bibliothek“, einer Sammlung von Literatur zum afrikanisch-afrodiasporischen Diskurs zu stöbern und theoretische Querschlüsse zu ziehen.

In dieser Hinsicht eröffnet der kongolesische Fotograf Sammy Baloji ein weites Feld. Auf zwölf Tafeln kontrastiert er Luftbilder seiner Heimatstadt Lubumbashi mit Abbildungen von Insektensammlungen, eine Illustration des „cordon sanitaire“ der belgischen Kolonisatoren. Ein unbebauter Grünstreifen trennt da sichtbar afrikanische und einstige europäische Viertel. Eine Mindestdistanz von 500 Metern, so glaubte man damals, würde infizierte Malariamücken von den Weißen fernhalten.

Spielt dieses Muster nicht heute in die Hände der afrikanischen Eliten, die sich in den Städten mit riesigen Mauern absichern? Am Ende stellt „African Mobilities“ vor allem Fragen. Und die sind manchmal auch ganz handfester architektonischer Natur. Welche Zukunft etwa hat das traditionelle ungebrannte Lehmmauerwerk? Letzteres illustriert ein Siedlungsgebäude in der nigrischen Hauptstadt Niamey, das eine ökologisch sinnvolle und energiesparende Alternative zu Beton bietet, vorausgesetzt natürlich, die Bewohner geben die Idee von der Überlegenheit europäischer Vorbilder auf.

Auch das kann urbane Science-Fiction sein: Die Rückbesinnung auf die Ressourcen vor Ort. „Wir dürfen die Komplexität, mit der sich Afrikaner bewegen, nicht auf die Flüchtlingsfrage reduzieren“, sagt Matsipa. „Es geht hier um Menschen, die ihren Wünschen und Hoffnungen folgen.“ Und um den Optimismus, prekäre Verhältnisse erst einmal als Chance zu sehen.

African Mobilities. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne. Bis 19. August.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.5.2018

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