Monatsarchiv: November 2010

Afrika für den Club

Ginge es nach dem Willen ihrer Macher, so sollte diese Zusammenstellung im Plattenladen nicht unter »World Music« stehen, sondern unter »Pop«. »Weltmusik wird doch immer noch mit bärtigen Hippies und Pygmäengesängen assoziiert«, erklärt Etienne Tron, ein Franzose, der zusammen mit dem Schweden Johan Hugo das Duo Radioclit betreibt. Radioclit hingegen glauben an den globalen Pop. Seit einigen Jahren schon begeistern sich die beiden DJs und Remixer – nebenbei unterhalten sie ein Bandprojekt namens The Very Best – für zeitgenössische elektronische Tanzmusik aus der Dritten Welt. Es gibt auch schon ein Etikett dafür: Ghettotech. Tron und Hugo haben die Verbreitung dieser aus Folklore-Elementen und technoiden Rhythmen verlöteten Straßenmusik aus den Slums und Townships Afrikas zur Mission erhoben: Seit Jahren befeuern sie damit ihre Club-Secousse-Nächte in London und Paris, wo sie mit ihren Afrika-Importen ein technosozialisiertes Publikum in Trance spielen.

Nun haben sie ein gutes Dutzend ihrer Lieblingstracks zusammengetragen: Die Musiker stammen von der Elfenbeinküste, aus Angola oder Südafrika. Doch das weltmusikübliche Booklet mit Biografien, regionalen und soziopolitischen Hintergründen sucht man vergeblich: Diese Form von Authentizität hat Radioclit nie interessiert. Vielmehr wollen die beiden DJs das Pingpongspiel zwischen westlichen und afrikanischen Einflüssen in der Popmusik offenlegen – und die Musiker aus der Dritten Welt gleichberechtigt in einen Clubkontext stellen. Hantieren doch in letzter Zeit immer mehr westliche DJs, Pop- und Rockbands mit afrikanischem Vokabular. Wie weit dieser Austausch schon gediehen ist, zeigt eine andere Kompilation: Auf Tradi-Mods vs. Rockers bearbeiten und covern zwei Dutzend westliche Remixer die elektrisch verstärkte Musik der Lamellophon-Orchester aus dem Kongo. Ihr Ausgangsmaterial erinnert mit seinen verzerrten Loops und kreiselnden Riffs bereits unwillkürlich an westliche Techno-Ambient-Avantgarde. Nun aber wird dieser Assoziationsfaden in subtilen Bearbeitungen aufgenommen und weitergesponnen – und das auf Augenhöhe mit den Originalen. Keine Frage: Im Treibgut der Globalisierung steckt der Pop der Zukunft!
Jonathan Fischer
DIE ZEIT, 25.11.2010

Radioclit: Presents the Sound of Club Secousse Vol. 1/// Diverse: Tradi-Mods vs. Rockers. Alternative Takes On Congotronics (beide Crammed Discs/Indigo)

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Eine Prise Schmerz mit viel Sirup: Cee-Lo Green und sein Gospelfunkrap

Wenn man sich die schwarze Popmusik als Schulklasse vorstellt, dann besetzt der aus Atlanta stammende Cee-Lo Green die Rolle des Klassenclowns. Er ist ein theaterspielender Alleskönner. Schon vor 15 Jahren, damals noch als Rapper des Goodie Mob, hat sich der gedrungene Typ mit dem Kastenschädel und den tätowierten Armen schrille Perücken aufgesetzt. Als er dann 2002 eine Solokarriere begann, wusste man nie so recht, ob er den nächsten Song im Star Wars -Kostüm oder in Frauenkleidern aufführen würde. Entsprechend spleenig wirkten seine Alben: Die Kritiker liebten Cee-Lo Greens zwischen Gospel, Funk und Rap oszillierende Musik, bejubelten ihn gar als fülligeren Wiedergänger von Prince. Dem Massenpublikum erschlossen sich seine Rollenspiele weniger. Zu esoterisch für die Hip-Hop-Jugend, zu aggressiv für die Soulgemeinde.

Man kann Cee-Los Metamorphosen als Spiegel seiner zerrissenen Lebensgeschichte begreifen: Der Sohn eines Paars von Baptistenpredigern singt zunächst im Gospelchor und strebt selbst eine Karriere als Prediger an. Später profiliert er sich als Hip-Hop-DJ und Rapper und wird, gerade erst 18-jährig, durch den Tod der Mutter aus der Bahn geworfen. Nur seine musikalische Leidenschaft rettet den Schläger und Autoknacker davor, ganz im kriminellen Milieu zu versinken. Seine Erfahrungen packt Green 2006 in eine zündende Popnummer: Crazy. Der Song, den er als Hälfte des Duos Gnarls Barkley einsingt, wird zum bisher größten Single-Hit des 21. Jahrhunderts. Vier Jahre hat Green gebraucht, um mit einem Solowerk nachzulegen: The Ladykiller – ein Soulalbum mit Cee-Lo in der Rolle des Frauenbetörers und Schwerenöters.

Dass der Mann inzwischen weiß, wie man Massenappeal buchstabiert, beweist die über 20 Millionen Mal im Internet angeklickte Vorabsingle Fuck You! Keine handelsübliche Obszönität, sondern der Aufschrei eines verlassenen Liebhabers, der seine Ex mit neuem Freund im Ferrari vorbeirauschen sieht: »Er ist für dich eine X-Box / ich bin nur ein Atari«. Sarkastisch verpackt Green die Tragödie einer unerwiderten Leidenschaft in einen unwiderstehlichen Fingerschnipper; selbst der Motown-Chef Berry Gordy käme wohl kaum umhin, anzuerkennen, dass der Song Mitpfeifqualitäten hat. Von einem Pastiche der goldenen Soul-Ära aber ist Cee-Lo Green weit entfernt: Er beugt die Regeln, flucht, wann immer es ihm passt. Außerdem hat er eine Reihe erstklassiger Hip-Hop-Produzenten als Kulissenbauer für seine selbst geschriebenen Songs engagiert. Das Ergebnis wirkt wie ein barocker Gegenentwurf zum Minimalismus des zeitgenössischen Rhythm ‚n‚ Blues: mit Gospel-Beats, den Aaahs und Ooohs des Backgroundchors, opulenten Streichern, Glockenspiel…

Auf The Ladykiller hat Cee-Lo Green endlich das passende Korsett für seine expressiv knödelnde Stimme gefunden: In den Songs schwingt bei aller Kraftmeierei stets auch ein wenig Verzweiflung mit. Oft sind die Geschichten von erkalteten Affären und wiedereroberten Lieben nur ein Vorwand, um den schmachtenden Crooner voll auszuspielen und nach altem Motown-Rezept eine Prise Schmerz mit viel Sirup aufzukochen.

Zum Glück aber haben einige von Greens exzentrischen Charakterzügen die geschliffene Produktion überlebt. So reicht das Spektrum von der Neo-Disco-Nummer Bright Lights Bigger City über die als Forget You entschärfte Vorabsingle bis zur düster-intensiven Mord-Ballade Bodies, in der er von einer Frauenleiche auf seinem Bett flüstert. Für den Tanztee taugt diese Platte nur bedingt. Spannender aber als die braven Retro-Soul-Nummern in den Charts dieser Tage ist Cee-Lo Greens Freak-Show garantiert.
Jonathan Fischer
DIE ZEIT 18.11.2010

Niemand geht in den Club, um nachzudenken: In New Orleans dominieren Transvestiten die Hip-Hop-Szene: Ist „Sissy Bounce“ nur versaute Powackelei oder das nächste große Pop-Ding?

„Duck Off“, das bedeutet in etwa „Untertauchen“, steht in Neon-Lettern über dem unscheinbaren Schuppen an der Thureaud Avenue in New Orleans’ rauem 7th Ward. Doch schon wegen der auf dem Mittelstreifen geparkten Autokolonnen samt einiger Einsatzwagen des New Orleans Police Department ist der Club kaum zu verfehlen. Nach dem Passieren eines Waffendetektors, der aussieht wie ein wackliges Metalltor, wird der Besucher von zwei schrankbreiten Typen abgeklopft. „Okay, Sir“. Dann erst öffnet sich die Türe zum Club, der eigentlich nur ein schwach beleuchteter langer Raum ist mit niedrigen Decken, Linoleumboden und einer Kabine in der offensichtlich ein DJ an der Arbeit ist – und vor dessen Sichtfenster zwei tätowierte und aus ihren übergroßen Polos quellende Türsteher die Arme verschränken, als ob hier ein Geldtransport gesichert werden müsste. Die Stimmung schwankt zwischen Vorfreude und latenter Aggression. An den Wänden lungern Jungs mit blitzenden Sonnenbrillen. Doch den größten Teil des Clubs nehmen junge Frauen mit strassbesetzten Medaillons in hautengen Tops und Leggins ein. Gelegentlich nehmen sie für ein paar Takte den erbarmungslos knatternden Bounce-Beat auf. Mit anderen Worten: Sie bewegen ihre Becken ruckartig hoch und runter. Auf allen Vieren. Und in einer Frequenz, die selbst die zerhackten Gesangsparts dieser lokalen Hip-Hop-Spielart mehrfach überholt.

Doch das sind nur Aufwärmübungen. Alle warten hier auf den Star des Abends, den Rapper, pardon die Rapperin, die die Tanzfläche in Wallung bringen soll: Sissy Nobby. Die angestaute Spannung im Club entlädt sich in einer wilden Prügelei zwischen einem halben Dutzend Frauen. Dann, kurz vor zwei Uhr nachts der erlösende Schrei: „Nooooubeee!“ Eine dickliche kleine Energiekugel im Leopardentop und mit bunter Plastikbrille tanzt herein. „Nooouubeee!“ Wenn Bounce-DJs routinemäßig die Melodien ihrer Songs zerhacken, dann imitiert Nobby diesen Sound mit stotternden Raps. „Do it baby, stick it! Like a sis – sis – sis – sissy!“ Nobby ist biologisch gesehen zwar ein Mann. Doch lässt er sich gerne als Frau anreden. „Sissy“ oder „Schwuchtel“ mögen anderswo Schimpfwörter sein – in New Orleans nicht, hier schmückt er die Stars der örtlichen Bounce-Szene: Sissy Jay, Sissy Gold oder die Gruppe Sissies With Attitude. Auch Katey Red, Big Freedia und Vockah Redu kündigen sich gerne als „Sissies“ oder „Punks“ an.

Im Lexikon des Bounce steht der Begriff für homosexuelle, männliche Transvestiten. In New Orleans haben ihre Auftritte während des Mardi Gras Tradition, sind sie in Marching Bands und als Cheerleader vertreten. Doch seit einiger Zeit laufen die Sissies auch im Hip-Hop ihren heterosexuellen Kollegen den Rang ab. Die jüngsten Bounce-Hits jedenfalls gehen fast ausschließlich auf ihr Konto. Und hebeln ganz nebenbei einige der ungeschriebenen Gesetze des extrem homophoben Südstaaten-Hip-Hops aus den Angeln: Wo hat man hier schon einmal Typen gesehen, die nicht nur ungeniert Frauentänze aufführen, sondern dabei auch noch über schwule Sexualität schwadronieren?

Offensichtlich funktioniert Bounce nach ganz eigenen Spielregeln: Zwar befeuerten die Beats dieser Hip-Hop-Spielart schon Hits von Superstars wie Lil’ Wayne oder Beyoncé, letztlich bleibt der sogenannte Sissy Bounce stark lokal verwurzelt. So bemühen etwa Rapper hier selten die Sprachfinessen ihrer New Yorker Kollegen. Viel wichtiger ist die Interaktion mit dem Publikum: „Shake it for the 6th ward, work it for the 7th ward!“ kiekst Nobby ins Mikro. Die Angesprochenen johlen zurück. Selbst im Rahmen der Stadtaufwertung kürzlich planierte Sozialsiedlungen werden rituell ausgerufen. Jenseits aller sexueller Identitäten geht es um einen gemeinsamen örtlichen Bezug über alle Genregrenzen hinweg. Ihre Call-and-Response-Vocals entlehnen die Bounce Rapper den traditionellen Chants der Black Indians, in prachtvollen Federkostümen auftretenden Tanztruppen. Nicht selten spielen Brassbands im Rahmen von Bounce-Parties und Bounce-Rapper gastieren ihrerseits auf Aufnahmen befreundeter Jazzmusiker wie Trombone Shorty, Shamarr Allen oder Kermit Ruffins. Das letzte Album der lokalen weißen Funkhelden Galactic vereinte gar ehrwürdige Soullegenden wie Allen Toussaint und Irma Thomas mit deren schwulen Enkeltöchtern Big Freedia, Katey Red und Sissy Nobby. Die New York Times bezeichnete New Orleans als „kulturelles Galapagos“.

Als Geburtsjahr der neuen Musikgattung Bounce gilt 1991. Damals veröffentlichte MC T. Tucker den Song „Where Dey At“, ein Chant, der über einem rohen, abgespeckten Beat einzig und allein auf maximale Tanz-Animation abzielte. Derselbe, „Triggaman“ genannte Rhythmus hat seitdem nicht nur Tausende nachfolgender Bounce-Songs unterfüttert. Er inspirierte auch die Entstehung verwandter und kommerziell sehr erfolgreicher Spielarten des Südstaaten-Rap wie etwa Crunk. Ebenfalls relativ schlicht – oder traditionsbewusst – sind die Raps: Die hektischen „Chop and cut“- Beats lassen keinen Platz für langatmige Geschichten. Also werden altbewährte Phrasen, Schlagwörter und gnadenlos eindeutige Beschreibungen von Sexualakten rekombiniert. Die Sissy Rapper haben hier lediglich die Beziehungsebene verschoben: Sie spielen mit Beinamen wie „dick eater“. Und hellen die Beatwalzen durch leichtere Disco-Samples auf. Vor gut zehn Jahren brachte Katey Red, ein knapp 1,90 Meter großer schwuler Transvestit aus den Melpomene Projects, das erste Sissy Bounce Album auf den Markt: „Melpomene Block Party“.

Seitdem hat die heute 31-jährige Katey Red durchschnittlich fünf Auftritte pro Woche absolviert und die Tür für eine ganze Reihe von Sissy Rappern geöffnet. Einige von ihnen tragen Perücken und Frauenkleider, andere wie Sissy Nobby definieren sich eher über ihre Sprache und ihren Tanzstil. „Schwule haben es im Alltag in New Orleans nicht leichter als anderswo“, sagt Nobby, „aber wir werden geliebt, wenn wir auf der Bühne stehen“.

Die Sissies können auf eine lange Pop-Geschichte schwuler und schwarzer Transvestiten und Showmänner zurückblicken: Esquerita und Little Richard gehörten mit ihrer dicken Schminke und den pomadierten Frisuren ebenso dazu wie die New Orleans Legende Patsy Vidalia. In Frauenkleidern präsentierte der schwule Entertainer von den vierziger bis in die sechziger Jahre das Programm des legendären „Dew Drop Inn“ Clubs, seine Drag-Kostüme waren Stadtgespräch. Mindestens ebenso berüchtigt war der gelegentlich crossdressende Soulsänger Bobby Marchan: Lange nach dem Versiegen seiner lokalen Hitsträhne organisierte er einige der ersten Hip-Hop-Shows für das Cash Money Label (das den Rapper Lil’ Wayne hervorbringen sollte). Gemeinsame musikalische Interessen wiegen in New Orleans schwerer als homophobe Berührungsängste. Doch ob die flamboyanten Sissy Stars den Hip-Hop wirklich vom Testosteron-Wahnsinn befreien können?

Sissy Nobby bringt jedenfalls eine Ausgelassenheit auf die Bühne, die dem in Machismo erstarrten Hip-Hop leider allzu oft fehlt. Ein halbes Dutzend Mädchen – es bleibt unklar, ob sie Teil der Show sind oder bloß begeisterte Fans – reihen sich rund um Nobby, strecken ihm ihre vibrierenden Hinterteile entgegen, und führen den typischen hypersexualisierten Tanz des Bounce auf: „Pop and Wobble“. Die Tanzfläche füllt sich mit jungen Frauen, die es ihnen nachtun. Und jetzt wird deutlich, dass sie, wie bei den meisten Sissy-Bounce-Shows, die Mehrheit des Publikums stellen. Klar ist auch, dass die Männer kaum wegen der schwulen Sex-Raps gekommen sind – sondern um den Frauen beim Tanzen zuzuschauen. Und Nobby selbst? Sie hüpft mit dem Mikro herum, als ob sie Wespen in den Turnschuhen hätte. Macht sich über Männer lustig, die nicht zu ihrer schwulen Orientierung stehen und beugt sich plötzlich selbst nach vorne. Kreischkonzert: Auch Sissies können den „Pop and Wobble“! Vielleicht erklärt die Party-Euphorie im „Duck Off“, warum Millionen Fans Sissy Nobbys Videos wie „Spining Top“ oder „Arch Yo Back“ anklicken, obwohl es da kaum mehr zu sehen gibt als amateurhaft gefilmte Powackeleien. Ob der Sissy-Boom bald auch über New Orleans hinauskommt?

Katey Red und Big Freedia haben zuletzt erfolgreiche Tourneen absolviert, die sie bis nach Brooklyn führten. Doch die Major Labels trauen sich nicht dran an den Sissy-Rap. Noch nicht: Die Raps klängen für ein Publikum nördlich der Mississippi-Hafenstadt doch etwas zu einseitig versaut. Nobby juckt das nicht: „Die Menschen in New Orleans gehen nicht in den Club, um über Texte nachzudenken – sie wollen die Energie spüren. Den Blues wegtanzen. Und sich vergewissern, dass sie immer noch leben!“
JONATHAN FISCHER
SZ, 16.11.2010

Von Männern bevorzugt: Paolo Conte ist der erfolgreichste italienische Liedermacher. Ein Gespräch über Frauen als das rationale Geschlecht und die kollektive Traurigkeit der Nachkriegsgeneration

Gestatten Sie mir, mit einer persönlichen Bemerkung anzufangen: Mein Vater hinterließ bei seinem Tod einen ganzen Stapel Ihrer Platten. Er hatte keinen Bezug zu Popmusik, aber in Ihren Songs erkannte er wohl etwas wieder.

Das wundert mich nicht.

Weil Ihre Musik sich besonders Männern in fortgeschrittenem Alter erschließt?

Menschen, die in den harten Zeiten während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchsen, tragen eine bestimmte Art Melancholie in sich. Ein Loch, das sie mit Leben, mit Kunst, mit Sinnlichkeit füllen wollen. Es gibt eine kollektive Traurigkeit in meiner Generation, der durch den Krieg so viel Lebensfreude genommen wurde. Mir scheint manchmal, dass ich mein ganzes Leben lang für diese sprachlosen und sehnsüchtigen Männer der Nachkriegszeit gesungen habe.

Aber heute sind doch die meisten Ihrer Hörer wesentlich jünger. Und Frauen.

Anfangs habe ich vor allem vor Männern gesungen. Sie konnten sich in meinen Geschichten wiederfinden, und mir hat ihre Anteilnahme enorme Befriedigung verschafft. Die Frauen kamen erst später dazu, sie wollten wohl erfahren, was ihre Männer so beschäftigt.

Sie haben also den Männern geholfen, sich selbst zu erkennen?

Als Sie diesen Plattenstapel bei Ihrem Vater fanden – hatten Sie da das Gefühl, ihn besser zu verstehen?

Nun, es hat mir zumindest geholfen, eine andere Seite von ihm, die des genussfreudigen Italien-Liebhabers, zu sehen.

Mir ist es ganz ähnlich mit dem Nachlass meines Vaters gegangen. Vor einigen Jahren hat mir ein Klavierstimmer in Deutschland eine Kassette übergeben. Darauf waren die Lieder zusammengetragen, die mein Vater früher auf dem Klavier spielte. Diese Kassette schuf nachträglich eine intensive Verbindung zwischen uns: Wenn ich die Lieder hörte, dann nahm ich den Geruch, den Geschmack – das Gefühl von Vergangenheit wahr.

Durch Ihre Eltern haben Sie früh die Liebe zur Musik entdeckt, oder?

Ich war während des Krieges privilegiert, weil meine Eltern Musik spielten, die unter dem faschistischen Regime verboten war. Sie kauften Jazzplatten auf dem Schwarzmarkt und spielten sie daheim in unserem Wohnzimmer: Duke Ellington, Fletcher Henderson oder Count Basie. Das hat mir nicht nur als Geste des Widerstands imponiert, es hat mich auch als Mensch geprägt. Es war, als ob das ganze pralle Leben aus diesen Schellack-Platten herausströmte. Sie lehrten mich etwas über Emotionen, das ich nirgendwo anders in meiner Umgebung erfahren konnte.

Dennoch sind Sie erst mal nicht dem Ruf der Musik, sondern der Profession Ihres Vaters als Rechtsanwalt gefolgt. Sie haben sogar für einige Jahre seine Kanzlei übernommen.

Meine Eltern liebten die Musik, aber sie war für sie nur eine Freizeitbeschäftigung. Den Beruf des Musikers sahen sie als Sicherheitsrisiko, als sozialen Abstieg. „Wie willst du als Künstler überleben?“, fragte mich mein Vater. Also habe ich nur nach der Arbeit mein Vibraphon gespielt.

Sie haben später auf einem Kreuzfahrtschiff als Unterhaltungsmusiker angeheuert. Welche Musiker haben Sie damals inspiriert?

Oh, es sind dieselben amerikanischen Jazzgrößen, die ich heute noch verehre: Louis Armstrong, Sidney Bechet, Art Tatum. Fast jeden Tag hole ich ihre Platten aus meiner Schellack-Sammlung. Was für ein Glück, sie hören zu dürfen!

Schwingt da auch eine Romantisierung der amerikanischen Schwarzen mit, die aus dem tiefsten Leiden die großartigste Musik schufen?

Die ganze amerikanische Jazzgeschichte ist doch von hochromantischen Bildern geprägt, zumindest für uns in Europa. Aber noch mehr imponierte mir die künstlerische Größe dieser Jazzmusiker. Mittelmäßige Künstler dagegen deprimieren mich.

Es fällt auf, dass kaum Frauen in Ihrer Ahnengalerie vorkommen. Ist Jazz, wie Autorennen oder Fußball, immer noch eine Männerdomäne?

Jazz ist definitiv Männersache. Ich habe darüber in meinem Song geschrieben.

Sie meinen die Zeile: „Die Frauen hassten den Jazz / Ich weiß nicht worum es geht / Du-dad-du-dad.“ Erklären Sie das doch mal bitte genauer.

Nehmen Sie etwa ein Auto. Der Mann will wissen, wie das Innenleben funktioniert. Er öffnet die Kühlerhaube, schaut sich den Motor an. Die Frauen interessiert in erster Linie die Karosserie, ob ihnen Form und Farbe gefallen. So verhält es sich auch mit der Musik; Männer wollen sie verstehen, Frauen genießen die Melodie.

Diskriminieren Sie nicht gerade die Frauen als bloße Gefühlswesen?

Nein, ganz im Gegenteil. Die Frauen denken doch viel rationaler als wir. Sie entscheiden, während wir noch grübeln. Diese ganze Idee der Romantik, sie stammt doch von deutschen Philosophen, ist also männlichen Hirnen entsprungen. Männer waren immer diejenigen, die sich in der Metaphysik, der Dichtung verloren, um tiefer in die Geheimnisse der Welt einzudringen.

Sie haben einmal gesagt, der Blues hätte Ihnen das Leben gerettet. Auf der Bühne jedenfalls scheinen Sie der männlichen Einsamkeit solcher Bluessänger wie Muddy Waters oder Howlin‘ Wolf nahe zu kommen.

Das ist ein wunderbares Kompliment! Howlin‘ Conte.

Wie Ihre Helden tragen Sie Ihre Verletzungen mit Würde und einem Schuss Stoizismus zur Schau. Was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Mann und einem Jungen aus?

In einem Popsong würde es heißen, dass es einer Frau bedarf, um einen Jungen zum Mann zu machen. Aber das glaube ich nicht. Es liegt wohl eher an den Lebensregeln, die man lernen muss. Etwa den Mut, für andere einzutreten, ein Opfer zu bringen. Das ist für mich das Größte überhaupt.

Haben Sie sich zu Anfang Ihrer Karriere bewusst in der Art Ihrer Idole stilisiert?

Ich habe den Bluesmännern nachgeeifert, ohne auch nur die Illusion zu haben, dass ich jemals sein könnte wie sie. Allein diese intime Art des Sprechens! Das hat etwas mit ihrer Kultur zu tun: Mir haben schwarze Männer immer mit ihrer ausgesprochenen Männlichkeit und schwarze Frauen mit ihrer Weiblichkeit imponiert. Sie betonen die Unterschiede. Ich glaube, dieses Selbstbewusstsein fehlt uns heute manchmal.

Sie singen auf Ihrem neuen Song „Er ist ein Roboter, sie allein entflammt den Mambo.“ Und vergleichen Männer mit „Altmetall“. Wie sieht es mit der Rollenaufteilung zwischen Ihnen und Ihrer Frau aus?

Missverstehen Sie meine Worte nicht. Meine Frau und ich sind ein gutes Team: Ich spiele Klavier, und sie kritisiert mich. Wir streiten auch manchmal um das Fernsehprogramm. Ansonsten führen wir eine sehr moderne Ehe.

Wer kocht bei Ihnen?

Niemand, uns zieht es beide nicht sonderlich zum Herd. Aber einen guten Espresso, den kann ich Ihnen jederzeit eigenhändig servieren.

Ich nehme an, Sie ernähren sich nicht von Fastfood?

Um Himmels willen, ich würde nie bei McDonald’s essen. Aber wozu haben wir all‘ die guten Restaurants und Köche?

(…)

Sie haben aber auch einmal gesagt, dass Sie Gesellschaft als anstrengend empfinden und jedes Mal aufatmen, wenn Sie wieder allein mit sich sein dürfen.

Auf der Bühne bin ich froh, von vielen Menschen umgeben zu sein. Aber privat ticke ich anders: Ja, ich bin ein Einzelgänger. Ich beherrsche nicht einen einzigen Paartanz. Ich habe mich immer wohler allein gefühlt, arbeitend, in Gesellschaft unseres Hirtenhundes Nelson.

Ist das der schwarze Hund auf dem Cover Ihres neuen Albums?

Genau. Er hat zwölf Jahre mit uns verbracht, bevor er letztes Jahr starb. Ein eigenwilliges Tier – und ich konnte ihm stundenlang zuschauen.

In Ihren Liedern kommentieren Sie die Welt aus der Beobachterperspektive, beziehen sich oft auf Bücher und Filme.

Zur Zeit lese ich viel Giorgos Seferis, ein moderner griechischer Poet, dessen Dichtung die Vertreibung aus seiner angestammten Heimat und den daraus resultierenden Verlust reflektiert. In der heutigen Welt fehlt mir häufig die Melancholie eines Seferis oder Fellini. Uns hat der Blick zurück das Leben gerettet – indem er uns ermöglichte, zu genießen. Inzwischen fehlt vielen Menschen die Zeit für ein solches sinnliches Schwelgen.

In Deutschland werden Sie oft mit der sogenannten Toskana-Fraktion in Verbindung gebracht, Alt-68er, die den deutschen Realitäten in ihr Zweithaus in Mittelitalien entfliehen.

Das klingt so, als würden Sie das missbilligen. Warum sollten die Leute nicht in der Toskana ausspannen?

Es stört Sie nicht, den Soundtrack zur Sehnsucht nach einer illusorischen Idylle zu liefern?

Das ist vollkommen in Ordnung. Meine Musik beschwört ja gerade diese Art von ländlicher Romantik, weil ich mich im modernen Leben oft wie ein Fremder fühle. Ich besitze keine E-Mail-Adresse, und auf einem Handy werden Sie mich auch nie erreichen. All‘ das würde die Langsamkeit des Alltags in meiner Landvilla stören – und ich würde mich verlieren.

Das klingt ja fast so schwermütig wie manche Ihrer Songs.

Wissen Sie, einen Mann meiner Generation kann es sehr glücklich machen, seine Schwermut rauszulassen.
Interview: JONATHAN FISCHER
SZ 13./14.11.2010

Soulsänger Aloe Blacc: Nach dem Crash ist vor dem Hit

Wenn Erotik und Sozialkritik zueinander finden: Mit „I Need A Dollar“ hat Aloe Blacc die Radios erobert. Die Wurzeln des Ex-Wirtschaftsberaters liegen im HipHop, aber mit altmodischem Songwriting und viel Glut in der Stimme schenkt er einem alten Genre eine neue Zukunft: dem „Message-Soul“.

„Ich habe heute schon drei Songs geschrieben“, erklärt Aloe Blacc. „Einer davon ist ein Rocksong, der zweite ist eine Popnummer und der dritte Soul“. Der mit seiner Schiebermütze wie ein Wiedergänger des Siebziger-Jahre-Soulhelden Donny Hathaway wirkende Songwriter lächelt zufrieden – das Tagespensum ist geschafft.

Nun ja, fast. Denn während der junge Afroamerikaner aus Los Angeles in einer Münchner Hotelbar ein Interview gibt, wimmelt seine Tourmanagerin Gästelistewünsche für das abendliche Konzert im Club Puerto Giesing ab. Es ist – wie so viele Auftritte von Aloe Blaccs Europatournee – ausverkauft.

Kein Wunder: Aloe Blaccs „I Need A Dollar“ läuft in den Radios rauf und runter und ist auf dem besten Weg vom Geheimtipp zum Soulhit des Jahres. Wer könnte sich schon diesem erdigen Funkrhythmus entziehen? Und nicht darüber ins Schwärmen geraten, dass hier – vier Jahrzehnte nach Marvin Gayes „What’s Going On“- noch einmal Erotik und Sozialkritik zueinanderfinden?

Begleitet vom Kollektiv Truth & Soul aus Brooklyn kanalisiert Blacc auf seinem Album „Good Things“ den Groove der schwarzen Popmusik der sechziger und frühen siebziger Jahre. Er überzeugt durch altmodisches Songwriting statt mit den inzwischen im R&B gebräuchlichen Tracks, sein Gesang verströmt Soulglut und Überzeugungskraft. Und natürlich kommt das alles stilecht im schmutzigem Analog-Sound daher.

Dennoch darf man Aloe Blacc nicht in einen Topf mit Kirchenchor-sozialisierten Soul-Veteranen wie Sharon Jones, Lee Fields oder Bettye Lavette werfen. Vielmehr gehört der 31-jährige zur Generation HipHop. Er kennt sich besser auf dem Börsenterrain als in Bluesclubs auf, verdiente lange Zeit sein Geld als Wirtschaftsberater. Seine Musikleidenschaft war für ihn nur ein Hobby. Erst als er nach dem Crash des Finanzmarktes seinen Job verlor, wagte er, daraus einen Beruf zu machen.

Vom HipHopper zum Geschichtenerzähler

Da hatte Aloe Blacc bereits als Rapper des Duos Emanon mehrere Alben aufgenommen. „HipHop schulte mich auch in anderen Formen von Musik“, sagt er: „Die Samples kamen schließlich aus Latin, Rock, Soul und Jazz.“ Eine ungewöhnliche stilistische Offenheit prägte auch Blaccs 2006 erschienenes Solo-Debütalbum „Shine Through“: Der Sänger, Rapper und Produzent versuchte sich da zwischen HipHop-Beats auch an Country-Blues und Salsa.

Die Mischung spiegelt die polyglotte Familiengeschichte des Musikers: Seine Großeltern stammen aus der Karibik, seine Eltern emigrierten von Panama nach Kalifornien, wo Aloe Blacc in einem überwiegend weißen Vorort von Los Angeles aufwuchs. Daheim lief Salsa. In der Grundschule spielte er in einem klassischen Orchester Trompete – und hörte gleichzeitig mit seinen Freunden HipHop.

Sein jüngstes Soulalbum erscheint da nur äußerlich wie ein Bruch: „Ich bin geistig immer noch im HipHop zuhause“, sagt Blacc. „In meinen Raps reihte ich eine Menge Assoziationen aneinander. Aber dann erwachte in mir der Ehrgeiz, Geschichten zu erzählen, jemanden mit meinen Songs emotional zu berühren. Als Soulsänger kann ich das eher erreichen“. So verlagert er auf „Good Things“ das Gewicht vom Persönlichen zum Politischen, singt nicht nur von der Liebe, sondern auch von Arbeits- und Obdachlosigkeit, dem Missbrauch von Macht und Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft.

Offensichtlich feiert der „Message Soul“ der siebziger Jahre ein Comeback. Auch Erykah Badu, Anthony Hamilton oder Raphael Saadiq reihen sich hier ein, John Legend spielte gar auf seinem letzten Album „Wake Up“ unter Regie von Questlove und seiner HipHop-Band The Roots ausschließlich Coverversionen sozialkritischer Soulklassiker wie „Hard Times“ (Curtis Mayfield), „Wake Up Everybody“ (Harold Melvin) oder „I Can’t Write Left-Handed“ (Bill Withers) ein.

Aloe Blacc nennt denn auch Bill Withers als sein größtes Vorbild – neben Gil Scott-Heron und Joni Mitchell. Seinen ersten Hit hat er allerdings einem glücklichen Zufall zu verdanken: „Der Fernsehsender HBO suchte nach einem Titelsong für seine Serie ‚How To Make It In America‘. Mein Label hörte davon, und schickte ihnen einfach den letzten Song zu, den ich aufgenommen hatte: ‚I Need A Dollar‘. Über die Zusage waren wir alle überrascht.“
Immerhin hat sich Blaccs Plattenfirma Stones Throw bisher eher als Bannerträger des HipHop-Untergrunds profiliert, gelten seine Künstler wie Georgia Ann Muldrow, Madlib oder zuletzt der weiße Soulsänger Mayer Hawthorne immer noch als kommerzielle Außenseiter. In Aloe Blacc allerdings könnte Stones Throw seinen talentiertesten Songwriter gefunden haben. Einen Alleskönner, der über Genregrenzen hinaus denkt, den Rhythm & Blues wieder mit lyrischer Bedeutung auflädt und so die Blaupause für den Soul der Zukunft schafft.

„Wenn du jung bist“, erklärt Blacc, „identifizierst du dich mit einer Musikrichtung und willst keine Veränderung. Aber für mich werden mit zunehmendem Alter alle Kategorisierungen überflüssig. Mein nächstes Album wird jedenfalls HipHop. Und auch das übernächste habe ich schon eingespielt… mit Bossa Nova“.

Soulfans müssen also noch ein bisschen warten, bis Blacc ihnen den Nachfolgehit zu „I Need A Dollar“ kredenzt.
Jonathan Fischer
Spiegel Online 12.11.2010