Monatsarchiv: August 2013

Ein Gespräch mit Mavis Staples: Warum wird Soul auf der ganzen Welt verstanden?

Warum wird Soul auf der ganzen Welt verstanden?
Weil er universalen Humanismus predigt, sagt Mavis Staples. Doch Amerikas dienstälteste Soul Sister erinnert sich noch gut an die Zeit, in der sie Kampfhymnen sang. Für ihr neues Album „One True Vine“ hat sie wieder mit dem Wilco-Sänger Jeff Tweedy zusammengearbeitet.

Frau Staples, Sie geben heute Rock- und Popstars neue Inspirationen. Sie haben etwa mit Prince und Ry Cooder zusammengearbeitet, für Ihr neues Album schrieben Jeff Tweedy und Nick Lowe Ihnen eigens ein paar Songs auf den Leib. Tweedy scheint momentan Ihr größter Fan und Förderer zu sein – auch Ihre neue CD „One True Vine“ hat er wieder produziert. Dabei kommt der Mann aus ganz anderen Indierock-Zusammenhängen als Ihre früheren Produzenten wie etwa Curtis Mayfield.

Wenn es nach mir ginge, würde ich den Rest des Lebens nur noch mit Tweedy aufnehmen. Weil er sich in meine Geschichte, meine Musik hineinfrisst, mich oft besser kennt als ich selbst. Mit Curtis Mayfield lief das ganz anders. Er war eher Teil meiner Familie, ein Soulbrother, mit dem ich die neuesten Moden diskutierte. Tweedy aber studiert mich wie ein wertvolles Musikinstrument.

Mit Tweedy beleben Sie Ihre Gospelperiode der fünfziger und sechziger Jahre neu, in der Sie, nur von einer Gitarre begleitet, mit der Familienband Ihres Vaters von Kirche zu Kirche zogen.

Tweedy predigt mir immer, dass sich die Menschen heute nach dem ungefilterten Soul der Staples Singers sehnten. So hat er mich zu meinen Wurzeln zurückgebracht – full circle. Die meisten Songs meines neuen Albums wie „What Are They Doing In Heaven Today“ oder „Woke Up This Morning“ kenne ich schon seit meiner Kindheit. Meine Großmutter in Mississippi hat sie mir als jungem Mädchen vorgesungen, und jeden Sonntag schmetterten wir sie in der Kirche. Tweedy sage ich manchmal: Wo hast du diese Nummer bloß ausgegraben? Die wurde schon in Sklavenzeiten geschrieben, und jetzt willst du sie unseren jungen Leuten verkaufen.

Sie wollen keine Nostalgie, sondern mit diesem archaischen Songgut die Generation Ihrer Enkel und Urenkel erreichen?

Was gibt es Schöneres? Überall wo wir auftreten, sehe ich diese jungen Menschen, die vielleicht Wilco kennen, aber nun zum ersten Mal unseren Gospel hören. Tweedy selbst hat mir gestanden, dass er sich als Teenager in mich und meine Musik verliebt hatte: Er jobbte damals in einem Plattenladen und kam so an die alten Platten aus den fünfziger und sechziger Jahren. Er kennt wirklich jedes Detail jedes Staples-Singers-Songs!

Mit den Staples Singers haben sie den Optimismus des Gospel mit Appellen an Selbstwertgefühl und politischen Aufbruch gekoppelt. Wie aktuell sind Ihre einstigen Botschaften heute?

Ich singe auf meinem neuen Album etwa „I Like The Things About Me“. Läuft nicht auf allen Fernsehkanälen und Popvideos dieser Schönheits- und Fitnessterror? Warum ist es nur so schwer, sich selbst zu mögen? Als ich jung war, haben wir diesen Song wie eine Kampfhymne gesungen: Es gab viele Leute, die mochten ihre dicken Lippen und ihr Kraushaar nicht. Weiße hatten schöne dünne Lippen, glattes Haar. Wir sind heute weiter: spätestens seit James Browns „I’m black and proud“ und Afrolook als Ausweis von Stolz. Dennoch möchte ich den Song all diesen Teenagern widmen, die sich dafür hassen, nicht wie Rihanna auszusehen: „I love the things about me now that I once despised . . .“.

Wenn Sie vor einem Publikum von College-Studenten auftreten, die nicht mal halb so alt sind wie Sie, erzählen Sie dann von der Vergangenheit?

Oh ja, jedesmal wenn ich „Why Am I Treated So Bad“ anstimme: Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass es mal eine Zeit gab, als wir Schwarze etwa kein Recht auf ein Krankenhaus hatten. Jedenfalls auf kein weißes Krankenhaus. Nat King Cole ist aus diesem Grunde in Mississippi zu Tode verblutet. Das ist ein Teil unserer Geschichte, den wir nie vergessen dürfen. Egal welche Hautfarbe wir haben. Messagesongs wie „You’re Not Alone“ haben sich nie ausschließlich an die Schwarzen gewandt. Warum wohl wird Soul auf der ganzen Welt verstanden? Weil er einen universalen Humanismus predigt! Diese Songs sind auch denjenigen gewidmet, die gerade in der Türkei für ihre Rechte aufstehen, für all die mutigen Protestierer und Menschenrechtsanwälte in Afrika, China oder Brasilien. Ich sehe sie als Kinder im Geiste von Martin Luther King Jr.

Ihr Vater und Ihre Familie waren eng mit Martin Luther King Jr. befreundet. Erinnern Sie die aktuellen Fernsehbilder an die Zeiten, als Sie mit King durch Memphis und Birmingham marschierten?

Dr. King bat uns damals, auf seinen Versammlungen zu singen. „Why Am I Treated So Bad“ war sein Lieblingssong. Die Polizei schlug uns brutal zusammen. Aber weil wir unserer Angst nicht nachgaben, haben wir die Verhältnisse verändert: Sie mussten die Schilder mit „Nur für Weiße“ und „Nur für Schwarze“ von den Restaurants, Toiletten und Wasserhähnen abnehmen. Bis dahin wurden wir vielerorts bestenfalls an der Hintertür bedient. Die Staples Singers wollten mit ihren Songs etwas bewegen. Pops sagte immer zu den Songwritern: Wenn ihr für uns schreiben wollt, dann lest die Zeitungsschlagzeilen!

Geht Ihnen dieses gesellschaftliche Sendungsbewusstsein bei der aktuellen Popmusik ab? Das letzte Mal, dass ein wenig politischer Wind durch den Popbetrieb wehte, war vor acht Jahren während des Wahlkampfs von Obama.

In gewissen Kreisen scheint es inzwischen eher eine Art Sport zu sein, Obama zu schmähen. Früher gingen sie mit Hunden und Wasserwerfern auf uns los. Heute sehe ich im Fernsehen die hasserfüllten Plakate und Sprüche der Tea-Party-Demonstranten. Oft fühle ich mich dabei an die Menschen erinnert, die uns beschimpften und bespuckten, wenn wir unsere Sit-ins in „Whites-only“-Restaurants abhielten – weil es sich so anfühlt, als ob sie den Präsidenten stellvertretend für alle Schwarzen treffen wollen. Dennoch hat sich Amerika im letzten halben Jahrhundert zum Besseren gewandelt. Wir müssen nicht mehr mit jedem Popsong kämpfen. Und dennoch gibt es genug engagierte junge Leute. Ich denke da nur an einige meiner Rapper-Freunde wie Common oder Ice Cube.

Sie haben schon vor Jeff Tweedy eine lange Reihe von Musikerverehrern gehabt. Bob Dylan soll gar um Ihre Hand angehalten haben – wie wir heute wissen, vergeblich. Haben Sie diese Entscheidung jemals bedauert?

Ich rede erst seit einigen Jahren darüber. Aber ja, natürlich habe ich mir manchmal vorgestellt, wie unsere Kinder jetzt aussehen würden. Wir gingen sieben Jahre miteinander. Aber als er mir einen Heiratsantrag machte, gab ich ihm einen Korb. Ich war noch so jung und naiv und befürchtete, die schwarze Sache zu verraten, wenn ich einen Weißen heiratete. Heute weiß ich, dass Dr. King garantiert anders gedacht hätte!
JONATHAN FISCHER
Mavis Staples: One True Vine (Anti 45778720668 Indigo)
FAZ 23.8.2013

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Wer Angst hat, hat schon verloren – Der Krieg gegen die Islamisten in Malis Norden ist nicht beendet, doch in der Hauptstadt Bamako spielt wieder die Musik: Die Jugend tanzt zum Pop von morgen, während Rapper und Griots korrupten Politikern die Stirn bieten

Eine Lehmstrasse im Zentrum Bamakos. «Wari Vo, Wari Vo», jubelt die barfüssige Schar. Zwischen Pfützen und Plasticmüll rennen schreiende Kinder dem Motorradfahrer mit der Gitarre hinterher. «Wari Vo, Wari Vo». Ben Zabo winkt zurück. «Wari Vo» heisst sein aktueller Hit, eine infizierende Afrobeat-Nummer, die seit einem Jahr von den Radios rauf und runter gespielt wird. Dass Kinder den Refrain singen, schmeichelt ihm: «Auch wenn ich mit dem Song kein Geld verdiene – jetzt kennt mich zumindest jeder.» Die Militärmütze ist das Markenzeichen des schlaksigen Musikers. Auf seiner Tarnjacke steht: «Ben Zabo». Sohn der Bo. Die meisten Menschen in Bamako verstehen die Sprache seines Stammes nicht. Doch warum sollte das ein Problem sein? «Musik war schon immer der Kitt im Vielvölkerstaat Mali, dank ihr können sich die achtzig verschiedenen Ethnien verständigen.» Zabo wundert es deshalb auch nicht, dass die Islamisten in Nordmali als Erstes die Musik verboten. Mit ihr stehe und falle der soziale Zusammenhalt. «Wer den Menschen in Mali die Musik nimmt, lässt sie vergessen, wer sie sind und wo sie herkommen.»
Musik- und Tanzverbot

Noch im Februar dieses Jahres drohten Islamisten-Milizen auf Bamako zu marschieren. Im Gefolge einer Tuareg-Rebellion hatten sie 2012 Städte im Norden besetzt und dort nach ihrer Façon regiert: Musik und Tanz waren verboten, Instrumente wurden verbrannt, Menschen ausgepeitscht, Hände abgehackt. Die meisten Musiker flüchteten. Wer blieb, wurde mit dem Tod bedroht. In einem Land, in dem drei Viertel der Bevölkerung Analphabeten sind, spielen Musiker eine Rolle als Übermittler von Nachrichten. «Wenn man uns Musiker mundtot gemacht hat», sagt Zabo, «kann man die Bevölkerung leichter manipulieren.» Die Franzosen hätten zwar die Islamisten aus den Städten verjagt. Doch auch die Politiker in Bamako drangsalierten Musiker.

Gerade ist ein Kamerateam des malischen Fernsehens in Ben Zabos Haus gekommen, um den «guerrier batwun», den Bo-Krieger, zu porträtieren. Auf einem Plasticstuhl im Innenhof erzählt Zabo seine Geschichte: wie er als Toningenieur im Studio Bogolan die Aufnahmepausen dazu genutzt habe, seine eigene Musik zu spielen. Wie ihn der amerikanische Rockmusiker Chris Eckman entdeckt und sein Debütalbum produziert habe: eine Mischung aus uralten Balafon-Melodien, Fela Kuti und James Brown. Politische Fragen werden nicht gestellt. Doch die Zuhörer, sagt der Sänger, wüssten die Ironie seiner Texte zu deuten.

Zabo stimmt auf der Gitarre einen seiner Songs an: «Cinquentennaire». Vordergründig handelt er von Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Malis. Sobald die Kamera aus ist, erklärt er: «Nein, das ist keine Jubelhymne. Die Reichen feiern mit Champagner, während die jungen Malier keine Arbeit finden.» Während Ben Zabos Tante eine grosse Schüssel mit Reis und Ziegenfleisch serviert, redet der Musiker Klartext: Nicht erst die Islamisten bedrohten sein Land. Schlimm sei auch die Willkür der Militärputschisten. Sie hätten 2012 den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré wegen seiner Untätigkeit gegen die Islamisten aus dem Amt gejagt, sich aber inzwischen als ähnlich unfähig und korrupt erwiesen. Einige wenige seien vom Krieg reich geworden. Er zeigt auf die umliegenden Strassen. «Überall entstehen Neubauten in Bamako. Aber das Gros der Bevölkerung leidet.» Besonders hart treffe die Krise die Musiker. Normalerweise leben sie von Taufen, Hochzeiten und Familienfeiern, die hier jedes Wochenende Hunderte von Menschen auf die Strassen bringen. «Früher gehörte immer eine Live-Band dazu. Heute sind viele Musiker arbeitslos. Weil die Leute kein Geld mehr haben, leben wir von der Hand in den Mund.»
Von Generation zu Generation

Bevor Krieg und Krise die Schlagzeilen bestimmten, war Mali vor allem für seine Musik bekannt. Für jahrhundertealte Rhythmen und Melodien und für gesungene Geschichte, die hier von Generation zu Generation weitergegeben werden. Mali mag zu den ärmsten Ländern der Welt gehören – seine Musik aber inspiriert westliche Pop-Stars wie einst Indien und Jamaica. Spätestens seit Damon Albarn 2002 mit Musikern des Landes das Album «Mali Music» aufnahm, hat Pop hier ein neues Mekka gefunden. Soulmusiker aus Brooklyn, Indie-Rocker aus Chicago und britische Elektroniker pilgern seitdem nach Bamako. Heimische Stars wie Salif Keita, Habib Koité, Nahawa Doumbia experimentieren mit westlichen Pop-Stilen, während Nachwuchsmusiker wie Samba Touré in die Fussstapfen von Ali Farka Touré treten, dem als «afrikanischer Jimi Hendrix» gefeierten und vom «Rolling Stone» in seine Liste der hundert besten Gitarristen aller Zeiten aufgenommenen Musiker. Vieles an der pentatonischen Musik Malis erinnert an die Wurzeln des Blues, stellt eine Verbindung vom Niger zum Mississippi her. Am Ende profitieren alle. «Wir Malier haben der globalen Musik ein unermessliches Reservoir an Rhythmen und Melodien zu bieten», erklärt Ben Zabo. Er selbst hat zuletzt bei Aufnahmen des amerikanischen Blues-Rock-Duos Dirt Music mitgewirkt. Und seinen Hit «Wari Vo» vom Berliner Techno-Guru Mark Ernestus remixen lassen. «In dieser Hinsicht ist Globalisierung eine gute Sache.»
Die Realität der Welt

«Studio Bogolan» steht an dem unscheinbaren Flachbau im Zentrum von Bamako. Ben Zabo führt durch den Regieraum, wo er als Tontechniker unter anderem Alben von Ali Farka Touré und Bassekou Kouyate abgemischt hat. Er zeigt das mit Teppichen ausgekleidete Aufnahmestudio – Entstehungsort seines Albums und Treffpunkt unzähliger Indie-Rocker, Funk-Experimentatoren, Pop-Veteranen, die ihr Heil am südlichen Rand der Sahara suchen. Wo sonst reiben sich afrikanische Traditionen und westlicher Pop so produktiv? «Als ich nach Mali kam», sagt Chris Eckman, der Kopf der Folkrock-Band The Walkabouts, «war ich von der Americana-Musik gelangweilt. Ich hatte das Gefühl, mich ewig zu wiederholen.» Der Rock’n’Roll habe sich totgespielt. Alles sei schon mit allem kombiniert worden. Erst Westafrika habe ihn befreit. Gerade die Gratwanderung zwischen vertrauten Bluesklängen, fremden Rhythmen und Melodien mache für ihn den Reiz malischer Musik aus. Als Produzent von Ben Zabo habe er vor allem dessen aggressive und ungeschliffenen Seiten betont. «Die Malier hören sich auch Hip-Hop und elektronische Musik an. Sie haben Santana und die Dire Straits auf ihren Handys. Warum sollte uns da jemand Verwestlichung oder Exotismus vorwerfen? Unsere Zusammenarbeit bildet die Realität der Welt von heute ab.»

Im Moment aber bleiben nicht nur die Musiker aus. Auch Touristen trauen sich kaum noch in das sogenannte Krisengebiet. Die Taxifahrer, die vor dem Eingang des Studios Bogolan um eine Teekanne hocken, haben kaum zu tun. Mit ausladender Bewegung schenken sie sich süssen Pfefferminztee ein. Eselskarren und Trauben von Mofas schieben sich stoisch durch die Strassen. Ob der Niger-Strom, der die Stadt in zwei Hälften schneidet, auf die Mentalität der Menschen abfärbt? Es verblüfft oft, wie trotz fehlenden Ampeln, Verkehrspolizisten und Regeln alles in friedlicher Ordnung dahinfliesst. Kaum jemand schimpft, selbst die Kriminalität in Bamako ist marginal. – Erst abends geht in der Stadt am Niger ein anderes Leben los. Links und rechts der vierspurigen Koulikoro Road sind in den letzten Monaten viele neue Klubs eröffnet worden; Dutzende von Bands konkurrieren in Freilufttavernen und Discokellern um die Nachtschwärmer. Ausgangssperre? Offiziell sind Ansammlungen von mehr als siebzig Personen verboten – wegen der Gefahr von Anschlägen. Doch die Verordnung scheint nur auf dem Papier zu existieren.
Nachtleben

Vor dem Eingang des Club 33 reihen sich Hunderte von Mopeds. Unter einem Blechdach wird Bier serviert, Bühne, Plastictische und Stühle aber befinden sich unter freiem Himmel. Nur zwei, drei Neonröhren erhellen den Innenhof. Die Schwüle ist erdrückend. Es riecht nach billigem Parfum und Benzin. Doch sobald Issa Bambas Band den ersten Blues-Akkord anschlägt, lassen die Gäste – Herren im Anzug und Damen in festlichen afrikanischen Stoffen – ihr Bier stehen. Immer mehr Paare drehen sich selbstvergessen über den Lehmboden. Über bluesigen E-Gitarren ertönen die Melismen des Sängers Issa Bamba – sein Gesang mischt Wehmut und Stolz. Und macht süchtig.

Auch der benachbarte Klub Obama Balafon ist gefüllt. Zwei Rapper intonieren unter dem Konterfei des amerikanischen Präsidenten ihre Bamana-Sprechgesänge, während Gruppen junger Frauen und Männer Shishas rauchen und sich über ihre iPhones beugen. Nebenan, im Duplex Club spielt die Band von Bassekou Kouyates Sohn Madou. Die Youngster in traditionell bestickten Hemden schwingen ihre Ngonis (traditionelle Lauten) wie Hardrocker. Bass und Schlagzeug geben einen harten Groove vor. Ngoni-Bass. So nennt Madou Kouyate seine Fusion. Erst um ein Uhr nachts füllt sich der Klub. Dann machen auch die Fotografen ihren Schnitt: Auf der Treppe in den Klub lassen sie ihre Kunden posieren. Eine Hand um den Partner gelegt, in der anderen das teure Handy. Mondän soll alles wirken. Und weltläufig. Dann steht man wieder vor der Klubtüre, wo einem Herden schlafender Ziegen ins Auge fallen.

Bankoni, ein armes Zuwandererviertel am Rande der grünen Hügel Bamakos: «Jama ko, jama ko!» – kommt zusammen, kommt zusammen! Der elektrisch verstärkte Gesang von Bassekou Kouyates Familienband schallt über die Lehmgehöfte und Rohbauten der Nachbarschaft. Heute spielt Madou Kouyate keinen rockenden Bass. Vielmehr begleitet er mit zwei Brüdern seinen Griot-Vater. Für den Videodreh zu Kouyates neuem Album «Jama Ko» haben alle ihre violetten Festtags-Boubous angezogen. Die Ngonis lassen einen abgehackten Rhythmus erklingen, Bassekous Frau Amy schmettert kehlige Bluesgesänge. «Jama ko, jama ko!» – Schneider, Elektriker, Schulkinder und Marktfrauen aus der Nachbarschaft sind dem Ruf gefolgt, drängen sich im Karree des Flachbaus. Mit Hüften und Händen nehmen sie den Puls der Musik auf. Der Groove steckt an. Ein Dutzend Frauen in leuchtenden Gewändern bilden einen Kreis, Kinder hüpfen dazwischen. Demonstrativ schüttelt Bassekou den geistlichen Würdenträgern die Hände – dem Prediger der Nachbarmoschee sowie einem evangelischen und einem katholischen Priester. Dann umarmt er einen befreundeten Tuareg-Musiker. Die Botschaft seines Videos ist klar: Wir Malier halten zusammen – egal, ob wir aus dem Norden oder dem Süden stammen, dunkel- oder hellhäutig sind, zu Mohammed oder Christus beten.
Sündenböcke

«Über 90 Prozent der Malier», sagt Kouyate, «sind Muslime. Wir singen seit Jahrhunderten Loblieder auf den Propheten. Aber unsere Form von Islam hat nichts mit der radikalen Form der Scharia zu tun.» Besonders schlimm findet er, dass die Tuareg aus dem Norden für viele Leute aus dem Süden nun als Sündenböcke erscheinen: «Auf meinem Album singe ich von all den Festen, die wir zusammen mit den Tuareg gefeiert haben. Sie waren stets Teil unserer malischen Kultur. Jetzt müssen wir uns wieder zusammensetzen und reden!»

Sich zusammensetzen und reden: Das gehört zu den traditionellen Aufgaben eines Griot. Schon als Kind, erzählt Kouyate, habe er von seinem Vater die jahrhundertealten Melodien und Geschichten gelernt. In Mali begleiten Griots alle bedeutenden Ereignisse: Geburt, Hochzeit, Tod. Daneben werden sie von den Mächtigen, ob demokratisch oder nicht, für ihre Lobgesänge engagiert und dienen als Schlichter. Bassekou Kouyate verbindet eine lange Ahnenlinie mit einem Leben im Hier und Jetzt. Dauernd hantiert er mit seinem iPhone: Ein Minister aus Niger bucht ihn für ein Staatsbankett, ein britischer Rapper fragt wegen eines Ngoni-Gastspiels an, dann zeigt Bassekou Videos von Auftritten mit Paul McCartney, Bela Fleck, Taj Mahal und Damon Albarn. Kouyates Name hat einen guten Klang bei westlichen Kollegen – seine neues Album etwa wurde vor Ort von Howard Bilerman von Arcade Fire produziert. «Ich spiele nicht mehr dieselben Sachen wie mein Grossvater oder mein Vater», erklärt er im klimatisierten Wohnzimmer zwischen Flachbildschirm-TV und klobigen Ledersofas. «Sie hatten noch keine Verstärker oder Wah-Wah-Pedale, wie ich sie benutze. Man muss mit der Zeit gehen. Wir haben den Sound verändert, aber nicht die Musik und ihre Struktur.»
Die Narrenfreiheit des Griot

In seinen Songs kritisiert Kouyate nicht nur den Irrglauben der Islamisten, sondern auch die derzeitigen Machthaber in Mali. Als Griot geniesse er eine gewisse Narrenfreiheit. Schon sein Grossvater, sagt Kouyate, habe in seinen Liedern auf eine Weise Kritik geübt, wie es heute Aufgabe der Journalisten sei. «Ich eifere ihm nach. Politiker, die ihre Macht missbrauchen und lügen, sind es nicht wert, von einem Griot gepriesen zu werden.» Die Kritisierten wehren sich auf ihre Weise. Ein befreundeter Griot, der das malische Militär in einem Song der Feigheit bezichtigte, musste nach Morddrohungen aus Bamako fliehen.

Doch niemand vermag die malische Jugend mehr zu politisieren als ihre Rapper. Amkoullel heisst der Berühmteste unter ihnen. Er empfängt auf der Dachterrasse seines Hauses in Bamako – und trägt statt amerikanischen Hip-Hop-Looks einen traditionellen weissen Boubou und einen Schilfhut. Ursprünglich, sagt der Arztsohn Amkoullel, habe er einmal Ambitionen als Schriftsteller gehabt. Bis er die Raps von Tupac Shakur und Public Enemy hörte – und sich mit der Wucht ihrer Musik infizierte. Bassekou Kouyate und dessen Frau Amy Sacko hätten ihn zu Beginn seiner Karriere als Paten protegiert: «In Mali war es lange Aufgabe der Griots, dem Herrscher kaschiert die Wahrheit zu präsentieren. Wir Hip-Hopper sehen uns in ihrer Nachfolge. Nur brauchen wir keine blumigen Umschreibungen mehr.» Amkoullels Song «SOS» klagte 2012 die korrupten Verhältnisse in Mali an – und kam deswegen auf den Index der staatlichen Medien. Über Facebook und Twitter wurde der Track dennoch zum Hit. In Mali, sagt Amkoullel, habe ein Rap-Song grössere Reichweite als jede Zeitung. In seinem jüngsten Song ruft er zusammen mit anderen Rappern die Jugendlichen auf, zur Wahl zu gehen. «Wir werben nicht für einen Kandidaten. Sondern für die aktive Beteiligung an der Demokratie.»

Dass malischer Hip-Hop sich auch Instrumenten wie Balafon, Kora, Talking Drum bedient, spricht für das Selbstbewusstsein der jungen Malier. «Wir wollen nicht den Westen kopieren, sondern eigene Ideen entwickeln.» Leider förderten die Schulen in Mali kaum das Demokratieverständnis. So bleibe es den Hip-Hoppern überlassen, über Machtmissbrauch der Geistlichen und der Militärs aufzuklären und demokratische Spielregeln einzufordern. Ob er angesichts der Überfälle von Schlägerkommandos auf kritische Journalisten keine Angst habe? «Nein», sagt Amkoullel, «ich habe auch telefonische Drohungen erhalten, aber wer Angst hat, hat schon verloren. Wir können es uns nicht leisten zu schweigen.»
JONATHAN FISCHER
NZZ 19.8.2013

Bamako-Blues: Ben Zabo, der jüngste Held der malischen Musik, reist als Botschafter der Demokratie um die Welt

Vor meinem Debut war mein Volk, die Bo, kaum bekannt“, erzählt der schmale junge Sänger in gebrochenem Englisch. Sein Künstlername bedeute „Sohn der Bo“. Der junge Malier Ben Zabo erteilt dem Publikum im gut gefüllten Frankfurter Palmengarten immer wieder kleine Geschichtslektionen: „In Mali leben über achtzig verschiedene ethnische Gruppen. Aber Musik ist eine universelle Sprache, sie ist der Kitt, der uns Malier zusammenhält.“ Dann stimmt seine Band „Wari Vo“ an. So heißt sein aktueller Hit, der seit einem Jahr in den malischen Radios heißläuft und deren pentatonisch flirrender Blues auch die Tänzer vor der Frankfurter Freiluftbühne erhitzt. „Sie will ein Auto, ich habe nur ein Moped, sie will ein teures Handy und neue Kleider, aber ich kämpfe ums Überleben“, singt Zabo auf seiner Muttersprache Bwa. Ein Beziehungsthema in malischen Verhältnissen. Es ist der Blues der afrikanischen Straße. Und die neueste Fusion, die sich anschickt, von der westafrikanischen Wiege der Musik aus die globalisierte Popwelt zu erobern.

Für den jungen malischen Popstar und seine Band war es ein Hürdenlauf nach Europa zu kommen. Vielleicht liegt es ja an den Nachkriegswirren in Mali: Einer von Ben Zabos Musikern bekam nicht rechtzeitig seinen Pass ausgestellt. Und dann waren da auch noch die europäischen Visa-Behörden davon zu überzeugen, dass hier kein Flüchtlingsproblem exportiert werden soll, sondern vielmehr eine jahrtausendealte, von Bono bis Damon Albarn bewunderte Musikkultur. Dabei haben es die Musiker in Mali schon schwer genug: Bis zur französischen Militärintervention im Februar hatten radikale Islamisten den Norden besetzt, jede Form weltlicher Unterhaltung verboten, Musikinstrumente verbrannt und Musiker mit dem Tod bedroht. Wer konnte, flüchtete in den Süden. Aber auch dort liegen Tourismus und Kulturbetrieb seit Beginn der Krise vor eineinhalb Jahren am Boden. Die Hotels in Bamako stehen leer. Vielen Musikern sind ihre traditionellen Jobs auf Hochzeiten und Familienfeiern weggebrochen. Mit Ausnahme etablierter Weltstars wie Salif Keita, Bassekou Kouyate oder Omou Sangare kämpft auch die ehemals blühende Popszene um ihr tägliches Überleben.

Ben Zabos erste Europatournee sendet da mehr als ein Hoffnungszeichen. Für die Musik und die Völkerverständigung: Zabos Debutalbum hat der Roots-Rocker Chris Eckman von The Walkabaouts produziert, er brachte den 29-jährigen Musiker auch zu seiner deutschen Plattenfirma Glitterhouse, die eigentlich eher für ihre Americana bekannt ist: Aber die Globalisierung schreitet immer zügiger voran. Und mag Ben Zabo in Mali im Camouflage-Outfit auftreten, so präsentiert er sich im Frankfurter Palmengarten als traditioneller Krieger: Seine Band betritt mit Netzhemden, Lendenschurzen und bunten, an Irokesenkämme erinnernden Kopfbedeckungen die Bühne. Lokalpatriotismus trifft Weltoffenheit. Selbst der kurzfristig eingesprungene Münchner Gitarrist Jan Weissenfeldt trägt einen großen malischen Federbusch auf dem Kopf. In unseren Breitengraden gerät so etwas schnell unter Ethnokitsch-Verdacht. Aber da ist ja noch dieser komplexe Groove.

Denn es ist Ben Zabos roher, aggressiver und ungeschliffener Sound, der die Erwartungen mancher Hörer erst mal enttäuscht. Im besten Sinne. Gibt doch Ben Zabo der üblichen Musik vom Niger einen neuen Dreh. War malischer Pop bisher eher für elegisches Kora-Geklimper und friedlichen Wüstenblues bekannt, bringt der Sänger und Gitarrist die rüde Energie von Rock und Funk ins Spiel. Schlagzeug, Talking Drum und E-Bass bereiten den pulsierenden Grund. Schmutzige Gitarrenakkorde erden den Rhythmuskreisel – während das hölzerne Geklöppel des Balafons darüber hinwegfliegt und energische Kontrapunkte setzt. So viel Ben Zabos Musik auch Paten wie James Brown und Fela Kuti verdankt, sein loser Funk strahlt eine sehr malische Lässigkeit aus. „Ich habe“, erzählt er im Interview, „viele verschiedene Popstile studiert und ihre Gemeinsamkeiten mit der Musik meines Volkes untersucht. Ich fühle mich als sein Botschafter.“ In einem Land, in dem Dreiviertel der Bevölkerung Analphabeten sind, spielen Musiker eine unverzichtbare Rolle. Als Übermittler von Nachrichten und Identitäten. Ihn wundere es nicht, sagt Ben Zabo, dass die Islamisten in Nordmali als erstes die Musik verbannten. Mit ihr stehe und falle der soziale Zusammenhalt. „Wer den Menschen in Mali die Musik nimmt, lässt sie vergessen, wer sie sind und wo sie herkommen.“

Ben Zabo predigt, wenn er singt. Ob er eine Liebesgeschichte oder einen traditionellen Jägertanz aufgreift. Stets geht es – wie generell in der malischen Musik – um die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Und das betrifft auch die Politiker: „Vorgestern“, erklärt Zabo, „war ein Festtag für Mali. Wir haben unseren Präsidenten gewählt. Vielleicht den ersten wirklich demokratisch legitimierten.“ Bisher wäre Mali nur auf dem Papier eine funktionierende Demokratie gewesen. Dass die Wahlen nicht nur friedlich und geordnet abliefen, sondern auch noch sein Wunschkandidat Ibrahim Boubacar Keita gewann, das versetzt Zabo in Hochstimmung. Und so präsentiert er dem Frankfurter Publikum „Democracy“, den Song zur Wahl. In der zehnminütigen Jamsession zeigt der freundliche Sänger seine zornige Seite: „Die Reichen feiern mit Champagner, während die jungen Malier keine Arbeit finden.“ Auch „Cinquantanaire“ – „einige unserer Politiker sind Diebe“ – erinnert Fela Kutis Protestsongs, während der Balaphon-Spieler im Stehen, Liegen und Springen auf seine Holzstäbe prügelt, als wollte er die Korruption exorzieren.

Und noch etwas zeigt die mitreißende Fusion Zabos: Afrikanischer und westlicher Pop brauchen sich gegenseitig. Bevor Ben Zabo seinen ersten Hit landete, hatte er als Toningenieur im bekannten Studio Bogolan in Bamako gearbeitet. Er nahm Alben für Stars wie Ali Farka Touré auf, sah westliche Musiker – vom BritPopper Damon Albarn bis zum Led Zeppelin-Bassisten John Paul Jones auf der Suche nach Inspiration durchreisen. Als Ben Zabo in den Aufnahme-Pausen seine eigene Musik spielte, entdeckte ihn sein späterer Produzent Chris Eckman. Nein, am Sound habe der Amerikaner nicht viel verändert. Aber er habe, mit dem Blick des Fremden, die auffällige Nähe zum weltumspannenden Indierock gesehen – und gefördert. Und der junge Popstar aus Bamako zeigt Mut: „Wir sind ein armes Land“, erklärt er dem Publikum in Frankfurt, „aber alle lieben unsere Musik.“ In einer Zeit, in dem sich die großen Plattenfirmen ängstlich mit bewährten Rezepte begnügen und die Retorten-Klänge selbst im Afropop überhand nehmen, legt der pentatonische Rock des Bo-Sohnes ein sinnliches Störfeuer.
JONATHAN FISCHER
Die Welt 15.8.2013

Express Brass Band: Der Straßenfunk der Turbobläser

Zu dieser Musik stillzustehen, wäre ein Verbrechen: Die Express Brass Band zählt zur Avantgarde eines weltweiten Blechbläser-Revivals – und zwar nicht nur im Bierzelt.

In München gehört das schon zur Stadt-Folklore: Wolfi Schlick hängt sich seine Tuba um. Schickt eine gewaltige Basswelle aus seinem Trichter – weit hinaus Richtung New Orleans, Tanger oder Bukarest und tief in die Eingeweide aller Umstehenden. Dann fällt eine Handvoll Saxophonisten, Posaunisten und Trompeter in das Riff ein, nimmt die Conga den Rhythmus auf, kommt eine zehn- bis zwanzigköpfige Bläsertruppe gemeinsam in Fahrt, rollt der Express alle Stolperschwellen nieder, um immer wieder mäandernd seine Richtung zu wechseln. Nein, ganz durchgeprobt klingt das nicht. Eher wie ein kollektiver Euphorie-Ausbruch. Ständig ringt die Virtuosität mit dem Dreck, während weitere Bandmitglieder per Fahrrad oder Tram eintrudeln, ihre Instrumente auspacken, sich zwischen den Tänzern durchschieben und einreihen in die Groove-Walze. Lasst uns zusammen ein einziger atmender Klangkörper sein!

Die Express Brass Brand schafft das immer wieder: Ob eine Demonstration für mehr Kindertagesstätten oder ein Auftritt in einer Schlingensief-Oper – ohne das Gebläse von Wolfi Schlicks Truppe würde etwas Entscheidendes fehlen: die schmutzige Lässigkeit, der Straßenfeger-Funk. Denn die Express Brass Band nimmt den Pioniergeist der frühen Brassbands aus New Orleans vor einem Jahrhundert wieder auf, funktioniert wie sie als ethnischer und musikalischer melting pot. Italiener, Spanier, Puertoricaner und Engländer jagen da Riffs von Jimi Hendrix, Fela Kuti und Snoop Dogg durch die Trichter. Und bewahren dabei das entscheidende Quentchen Unberechenbarkeit: Niemand kann beim Auftakt eines Stückes genau vorhersagen, wie es einmal enden wird.

Bei gutem Wetter jammt die Brassband am Monopteros im Englischen Garten. Ansonsten treffen sich die Bandmitglieder in einem Hinterhofaltbau in der Nähe der Oktoberfest-Theresienwiese: Vierter Stock, eine knarzende Treppe hoch, der Blick aus dem Proberaum geht über die Dächer des Münchner Bahnhofsviertels. Es duftet nach Kaffee. Ein paar Musiker stimmen ihre Instrumente, fläzen sich zwischen Aschenbechern und Posaunenkoffern. Wolfi Schlick, ein freundlicher Schwärmer mit James-Last-Frisur, sagt die nächsten Einsätze an: eine Gezi-Park-Solidaraktion, ein Theaterfestival in Dresden, ein internationales Brassbandtreffen in Rom und dann noch eine Tournee als Begleitband des New-Orleans-Rappers Chuck Perkins. Wer wann dabei ist, hängt vor allem von den Jobs und Familienverpflichtungen der Bandmitglieder ab. Kaum jemand kann von der Musik leben. Das Kriterium fürs Mitmachen? „Enthusiasmus“, sagt Schlick, „und viel Opferbereitschaft.“ Das Kollektiv sei zwar nicht mehr so offen wie einst, als „noch jeder mit der verbeulten Trompete seiner Schwester mitspielen konnte“. Und doch hält Schlick Abstand zur professionelleren Konkurrenz. Denkt man etwa an La Brass Banda, eine Truppe von Konservatoriums-Absolventen, die inzwischen überall in Europa große Hallen füllen und mit ihrem Turbo-Bläser-Pop strikt auf Chartkurs segeln, wirkt die Express Brass Band wie ein anarchischer Gegenentwurf. „Ein Studium der Musik ist kein Ausschlusskriterium“, frotzelt der Bandleader, „wirkt sich aber andererseits nicht unbedingt förderlich aus.“

Dabei steht die Express Brass Band für einen größeren Trend: die Rückkehr der Bläsercombos auf die Straßen – und mit ihnen kreatives Chaos, tanzbare Druckwellen, schmutziger Drive. Der internationale Erfolg der bayerischen La Brass Banda, der New-Orleans-Youngster von der Hot 8 Brass Band, des Chicagoer Hypnotic Brass Ensembles und Dutzender Gypsy Brass Bands spricht für sich. Es geht um die Sehnsucht nach Körperlichkeit, Sinnlichkeit. Keine andere Musik als die der Brassbands lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz. So liefert die brachiale Wucht einer akustischen Blaskapelle die Antithese zur sinnlich entleerten Drückerei auf Keyboards, Laptops, Samplern. Alles bewegt sich zum Tubalauf. Und wer auch immer in den euphorischen Sog des Blechs gerät, zieht einfach mit. Lieferten Brassbands nicht lange vor Rock oder HipHop die erste Straßenmusik überhaupt? Und zeichnete sie dabei nicht gerade die Demokratie der Stile aus?

Als Schlick die Band 1992 gründete, war das Brassband-Revival, das wir in den vergangen Jahren erlebt haben, der weltweite Hype um Balkan-Beats und Bläser-Funk noch nicht abzusehen. New Orleans war sein erster Bezugspunkt. Noch Anfang der achtziger Jahre galten die traditionellen Brassbands – einst die ersten Stationen für Jazzer wie Louis Armstrong oder Sidney Bechet – auch dort als Auslaufmodell. Bis der Welterfolg der Dirty Dozen Brass Band alles änderte. Plötzlich gründeten überall Jugendliche ihre eigenen Brassbands, mischten die Rebirth Brass Bands oder die Young Soul Rebels Charthits und Hiphop-Beats in ihr Gebläse. Bläser galten plötzlich wieder als schick.

Nun hat die Wiederentdeckung einer Musik, die oft zu Unrecht in die volkstümelnde Bierzelt-Ecke abgeschoben wurde, auch die Express Brass Band auf die großen Festivalbühnen gespült. Jetzt findet in Eching, am Nordrand von München, sogar ein reines Brassbandfestival statt. Die Macher der „Brasswiesn“ haben natürlich neben der Hot 8 Brassband aus New Orleans und Shantels Bucovina Club Orkestar auch Schlicks Truppe geladen. Und wer sie nicht live erleben darf, dem bleibt die famose Werkschau „We Have Come“ (Trikont): eine Mischung aus Eigenkompositionen, Live-Mitschnitten und Coverversionen. „Stomping Ground“ vom New Yorker Straßenmusiker Moondog trifft da auf das arabisch-andalusische „Ya Binte Bledi“, Jimi Hendrix‘ „Who Knows“-Riff,auf den Blues von „Radio Kabul“. Und selbst die Last-Poets-Legende Abiodun Oyewole hat ein Gastspiel. Es ist schon sympathisch respektlos, wie sich Schlicks Truppe den flirrend-freien Jazz des Sun Ra Arkestra oder des Chicago Art Ensemble vorknöpft, ihn mit Funk-Riffs und Maghreb-Beats aufrüstet und aus Hunderten Metern alter Vinylplatten neue urbane Gassenhauer herausdestilliert.

Oft verleihen dabei gerade die kosmischen Höhenflüge („Space Ham“) des Saxophonisten Ian Ennslen oder die schrägen Riffs der Keyboarderin und Posaunistin Marja Burchardt der Musik eine angenehm exzentrische Note. Kein Wunder: Marja ist die Tochter des Embryo-Gründers Christian Burchardt, der auch viele der Brassbandmitglieder durch seine Krautrock-Schule laufen ließ. „Mich hat vor allem die Offenheit dieser Truppe erschüttert“, sagt Schlick. „Sie suchten ständig nach dem Neuen, Unerhörten – und ließen dabei Greenhorns neben Weltklasse-Musikern spielen.“ Diesen Forschergeist hat die Express Brass Band übernommen. Ständig ist sie in andere Klangdimensionen unterwegs. Auch geographisch: Der Besuch befreundeter Bands in Rom, Marseille, Moskau und Istanbul gehört dazu. Wie auch das Risiko, am eigenen Anspruch zu scheitern: „Wir haben Jahre gebraucht, bis wir uns zu einer Werkschau zusammenraufen konnten“, sagt Schlick. „Und dann haben wir absichtlich darauf verzichtet, die Ecken und Kanten zu glätten.“ Jede Form von Perfektionismus sei ihm zuwider. Nur in einer Hinsicht schließt er keine Kompromisse: „Zu unserer Musik einfach stillzustehen wäre ein Verbrechen.“

JONATHAN FISCHER
FAZ 8.8.2913

Vor dem Siedepunkt – Endlich: Die große Stunde des Soulsängers James Hunter

Dass gerade Briten höchst erfolgreich Rhythm-’n’-Blues-Klänge nach Amerika zurückexportieren, ist seit den Beatles und den Rolling Stones und zuletzt auch durch Amy Winehouse ein bekanntes Phänomen. Dass aber ausgerechnet ein 50-jähriger Waliser, der sich jahrelang als Straßenmusiker durchschlug und niemals den Schub einer großen Plattenfirma erfahren hat, in der Sparte glänzt, überrascht dann doch. Man könnte denken, dass James Hunters englischer Akzent für einen Soulsänger als Nachteil erscheint. Doch der Mann beherrscht nicht nur die Kunst, Songs zu schreiben, die so klingen, als wären sie schon immer da gewesen. Er singt sie auch mit selten gehörter Hingabe. Und so passt es, dass Minute By Minute, das neue Album seiner Band The James Hunter Six, aufgemacht ist wie ein Klassiker aus den sechziger Jahren: Sein Gesang orientiert sich am Goldstandard von Otis Redding, Sam Cooke und Bobby »Blue« Bland. Wie sie atmet Hunter die Schmerzenslust des Südstaatensouls, lässt die Emotionen stets kurz vor dem Siedepunkt köcheln. Dabei kombiniert er die stärksten Elemente ihres Sounds. Darf man ihm deshalb Rückwärtsgewandtheit vorwerfen? Klassischer Soul, sagt der Sänger, müsse genauso wenig wie der Rundbogen in der Architektur noch mal neu erfunden werden. Bis in die neunziger Jahre tingelte der Soulman durch heimische Pubs. Und während Amy Winehouse ein weltweites Soulrevival auslöste, konnte James Hunter kaum von seiner Musik leben, er spielte für Trinkgeld auf öffentlichen Plätzen. Erst 2006 bekam er einen Plattenvertrag in Amerika, der zu seinem Grammy-nominierten Album People Gonna Talk und Touren mit Aretha Franklin, Etta James und Willie Nelson führte. Nun aber liefert Hunter sein Meisterstück. Zu verdanken ist dies vor allem dem Produzenten Gabe Roth, Gründer des New Yorker Daptone-Labels, der bereits Amy Winehouse und Sharon Jones den authentischen Soulschliff verpasste. Nichts scheint auf Minute By Minute zu viel. Nichts dekorativ. Vielmehr versteht Roth sich darauf, Altbekanntes so klingen zu lassen, als würde es in dem Moment doch noch einmal neu erfunden. Hier hört man ein James-Brown-Riff, da eine Booker-T-Orgel, doch selbst Reggae-Rhythmen und Latin-Versatzstücke wirken wundersam unverbraucht. Zum Spaß an der Sache tragen aber auch Hunters Texte bei. Subversiver Humor blitzt auf, wenn er, während er sich standesgemäß durch seidige Melismen croont, zugleich alle Erwartungen an einen Soulman enttäuscht und zur ganz unheldenhaften Flucht aus einer brenzligen Situation rät (The Chicken Switch) . In The Gypsy wiederum bekommt ein Wahrsager, der ihm den baldigen Tod prophezeit, eins mit dem Bleirohr übergezogen. Eine Sternstunde des britischen Sarkasmus. Und eine Lebensversicherung für den Soul.
James Hunter Six: Minute By Minute (Daptone)
Die Zeit 8.8.2013
JONATHAN FISCHER