Monatsarchiv: April 2011

Eine Stimme Eritreas: Die Asmara All Stars verpassen dem Ethiopop Swing

Eritrea gehörte bis jetzt zu den wenigen weißen Flecken auf der Landkarte der Weltmusik. War doch das kleine Land an der Nordostküste Afrikas viel zu sehr damit beschäftigt, die eigene Existenz zu sichern und seine Unabhängigkeit in einem Krieg gegen Äthiopien zu verteidigen, als dass der Kulturexport eine Rolle gespielt hätte. Einheimische Musik kursierte bestenfalls auf schlecht kopierten Kassetten, während ein repressives Regime westliche Entwicklungshilfe wie den popmusikalischen Austausch mit dem Ausland erschwerte.

Und doch mag eritreische Musik für Pophörer hierzulande einen durchaus vertrauten Klang haben: Ähnelt sie doch dem Ethiopop, jener pentatonischen Musik, die Jim Jarmusch als melancholischen Soundtrack für „Broken Flowers“ popularisierte und die inzwischen von Dutzenden hipper Funk-Ensembles zwischen New York, London und München erfolgreich adaptiert wird. Nicht zuletzt feierte ihr größter Star Mulatu Astatke in den letzten zwei Jahren ein fulminantes Comeback auf westlichen Bühnen. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auf den von Astatke und Kollegen eingespielten klassischen Ethiopop-Aufnahmen der sechziger, siebziger Jahre viele eritreische Musiker mitwirkten und der Big-Band-Sound von „Swinging Addis“ seine Inspiration auch aus Asmara bezog.

Nun präsentiert sich die gegenwärtige Popszene Eritreas zum ersten Mal selbst: „Eritrea Got Soul“ heißt der Sampler. Und wenn die Werkschau auch unter dem Namen Asmara All Stars firmiert: Die Konstante bildet eine bis zu vierzehnköpfige Backing Band mit Orgel, Gitarren, Bläsersatz, die eine Reihe unterschiedlicher Sänger und Rapper begleitet. Auch wenn das Album nicht an die verstaubte Nostalgie der vier Jahrzehnte zurückliegenden Ethiopop-Klassiker anschließt – der soullastige Stil der Siebziger ist noch hörbar präsent. So entwickelt sich die Abgeschiedenheit des ostafrikanischen Landes doch noch zu einem Standortvorteil. Wo sonst hätte man eine solch dichte, atmosphärische, von allen Modespleens unangetastete Melange aus Funk, Soul, Jazz und traditioneller Musik einfangen können?

So dachte jedenfalls Bruno Blum. Als der französische Bluesgitarrist und Produzent 2006 von den eritreischen Behörden für ein Reggae-Konzert im französischen Kulturzentrum in Asmara eingeladen wurde, überzeugte er diese anschließend von seinem Plan, die größten Talente des Landes zusammenzubringen und für ein westliches Publikum aufzunehmen. Blum erbat sich dabei vollkommene künstlerische Freiheit.

So repräsentiert er auf den dreizehn Songs acht der neun Landessprachen und bringt etwa den Superstar der Tigray-Region, Ibrahim Goret, mit seiner Oud zu Gehör – neben vielen anderen Sängern, die entgegen dem sozialistischen Selbstverständnis des Landes, nicht in Staatsdiensten stehen. Der größte Unterschied zu den Ethiopop-Aufnahmen? Möglicherweise die Vorliebe der Eritreer für Rootsreggae, neben dem phantastischen Nuancenreichtum dieser traditionsbewussten, elektrischen Musik.

Traurige Balladen wechseln mit auftriebigen Dancehall-Rap-Stücken, nach Bob Marley tönende Reggae-Nummern mit Neuinterpretationen eritreischer Klassiker wie „Wushate“. Hier schwebt die Stimme der Sängerin Brkti Weldeslassie über einem träge rockenden Gitarren-Blues. Auch sonst bleibt der Sound angenehm roh. Eritrea hat endlich zu einer eigenen Stimme gefunden. Und die swingt gewaltig.

JONATHAN FISCHER.
FAZ 21.4.2011

Asmara All Stars, Eritrea Got Soul.

Out Here Records 5519453 (Indigo)

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Der Nabel des neuen Ägypten: Der Tahrir-Platz in Kairo wurde vom Unort zum symbolträchtigen Touristenziel

Noch bis Januar stand der Name Tahrir vor allem für einen drei- bis sechsspurigen Verkehrskreisel. Einen Knotenpunkt, an dem sich die wichtigsten Magistralen Kairos treffen, ein Stück Asphalt zwischen ägyptischem Nationalmuseum, dem einstigen Hilton und staatlichen Verwaltungsgebäuden, über den sich alltäglich hupende, lärmende, stinkende Blechlawinen schieben. Kurzum: ein städtebaulicher Unort. Seit hier aber Hunderttausende junge Ägypter für die Demokratie demonstrierten, soll der Platz auch touristisch den bewährten Pilgerzielen Pyramiden, Altstadt-Basar und Muhammad-Ali-Moschee Konkurrenz machen.

Prominente und Politiker bildeten die Vorhut: So paradierte Hillary Clinton über den Platz, sollte Oprah Winfrey hier nach dem Willen des ägyptischen Tourismusministers eine Liveshow moderieren, spürte Guido Westerwelle dem Atem der Weltgeschichte nach. „Der Platz ist für die Ägypter, was für uns Deutsche 1989 das Brandenburger Tor war“, schwärmte der Außenminister.

Als er das sagte, herrschte auf dem Tahrir noch die Volksfeststimmung der Nachrevolution: Ältere Frauen wedelten mit politischen Broschüren, Eltern malten ihren Kindern ägyptische Flaggen auf die Wangen, bärtige junge Muslime, Kopten-Priester und rauchende Studentinnen standen diskutierend in Kleingruppen zusammen – während Jugendliche sich gegenseitig mit ihren Fotohandys vor den Zelten und Planen auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes fotografierten: Wir waren dabei!

Inzwischen ist der Platz zur Normalität zurückgekehrt. Erinnert nur noch der umgegrabene Rasen auf der Verkehrsinsel an die einstige Zentrale der Protestbewegung. An ein paar Gebäuden hängen farbige Banderolen mit den Gesichtern der hier getöteten Demonstranten. Fahrende Händler verkaufen Tee aus silbernen Samowaren und geröstete Süßkartoffeln an Revolutionstouristen. Und auf den Bürgersteigen hocken Jugendliche vor frisch gedruckten Memorabilien: Märtyrer-Postern, Autoaufklebern mit Siegeszeichen und dem Datum 25. Januar 2011. Oder „Yes-We-Can“-Shirts. „Revolutionspreise“, radebrecht einer auf Englisch, „nur zehn Dollar!“

Währenddessen diskutieren die Stadtplaner über die Zukunft: Sollte man dem Vorschlag des ehemaligen Premierministers Shafiq folgen und aus dem Tahrir eine Art ägyptischen Hyde-Park mit Speaker’s Corner für jedermanns Anliegen machen? Oder die Touristen, die wohl bald wieder vor den einbalsamierten Pharaonen im benachbarten Nationalmuseum anstehen, mit künstlerischen Revolutions-Monumenten hierher locken?

Schon immer diente der Tahrir-Platz als kulturelles Schaufenster der Mächtigen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ der ägyptische Herrscher Khedive Ismail die einst hier vor sich hingärenden Nilsümpfe trockenlegen: Ihm schwebte ein Paris am Nil vor, mit breiten Boulevards und einem zentralen, herrschaftlichen Platz. Doch spätestens nach dem Sturz der Monarchie durch Gamal Abdel Nasser war es aus mit den Champs-Élysées-Phantasien: Der neue Präsident taufte den Ort Midan at-Tahrir, „Platz der Befreiung“, und ließ an seiner Flanke einen stalinistischen Büroklotz errichten. Nun sollen auch die Touristen dazu beitragen, dass der unter Mubarak zur bloßen Werbetafel-Kulisse verkommene Platz ein neues Gesicht erhält.

Wie sehr den Kairoern der Midan at-Tahrir am Herzen liegt, zeigte auch die spontane Aufräumaktion nach dem Rücktritt Mubaraks und der anschließenden nächtlichen Siegesfeier: Kairoer Bürger sammelten den Müll von 18 Tagen Revolution ein, reparierten das aufgerissene Pflaster und fegten die Bürgersteige.

Dieser neugewonnene Stolz, er ist auf dem Tahrir und in den umliegenden Shisha-Cafés immer noch zum Greifen nah, etwa in der selbstbewussten, aber freundlichen Art, wie hier jugendliche Passanten Touristen Geschichtslektionen erteilen. Bald soll auch das Äußere des Tahrir glänzen: Das renovierte ehemalige Nile-Hilton-Hotel, von dessen Dachterrasse aus man auf den Tahrir-Platz sehen kann, soll Ende des Jahres als Ritz-

Carlton wiedereröffnen. Mit bunten Hieroglyphen an der Fassade und einem zum Tahrir hin offenen Palmengarten. Die Panoramasicht auf den Platz ist nun so viel wert wie einst der Nilausblick. Die Tourismusbehörde hat bereits Werbeposter drucken lassen. Aufschrift: „Von Ägypten mit Liebe“. Auch wenn der darauf mit Victory-Zeichen und Friedenstaube posierende Cartoon-Held an Waschpulverreklame aus den fünfziger Jahren erinnert: Der Tahrir ist zu einem Muss jeder Kairotour aufgestiegen.
JONATHAN FISCHER
Süddeutscher Zeitung 7.4.2011