Monatsarchiv: November 2013

Rückkehr der Zombies: Vor acht Jahren verwüstete Hurrikan Katrina New Orleans. Voodoo ist die Religion der Überlebenden

Chicken feet. Schwarz lackierte Hühnerfüße. In New Orleans baumeln sie über Wohnungstüren, an Auto-Rückspiegeln und Computern – nachdem Sallie Ann Glassman sie dehydriert, bemalt, mit Federn geschmückt und übersinnlichen Kräften aufgeladen hat. „Sie halten Diebe und Dämonen ab“, erklärt die zierliche Mittfünfzigerin, „und, by the way, sie wirken auch gegen Computer-Viren.“ Prompt streikt das Aufnahmegerät. Glassman lächelt. Daheim erde sie sich zum Schutz der Elektrogeräte mit einem langen Metallfaden am Handgelenk. Der Reporter aber muss den Laden erst mal verlassen, um sein Mikrofon einschalten zu können. Schwarzer Spuk? Glassmans „Salvation Island Botanica“-Laden hat wenig mit dem Voodoo-Kommerz im zehn Blocks entfernten French Quarter gemein. Von Nadeln durchbohrte Puppen oder Zombie-Maskottchen: Solche Grusel-Folklore sucht man hier vergeblich. Statt Plastiktotenköpfen liegen Handarbeiten aus Haiti aus. Dort hat Glassman, eine weiße, jüdische Frau, sich vor zwei Jahrzehnten von einem renommierten Papa zur Priesterin weihen lassen.

Ihr lichtdurchfluteter Laden erinnert kaum an die Bedrohungsfantasien, die Voodoo dank Hollywoodfilmen wie „Angel Heart“ vorauseilen. Alle paar Minuten schwingt die Glastür auf: Gepiercte weiße Jugendliche oder Afroamerikaner aus dem nahen Armutsviertel verschwinden mit Glassman in einem Nebenzimmer. Viele von ihnen, sagt Glassman, könnten sich keinen Arzt leisten und vertrauten lieber der rituellen Anrufung ihrer Ahnen – beziehungsweise den „Draw Money“-Seifen oder „Stay away evil“-Tropfen.

Seit Katrina, schrieb die „New Orleans Times-Picayune“ neulich, bilde die afrokaribische Spiritualität das Rückgrat einer Vielzahl von Nachbarschafts-Initiativen, die das Gesicht des neuen New Orleans prägten.“ Sichtbarstes Zeichen dafür ist das New Orleans Healing Center. Ein frisch renovierter, türkis und orange leuchtender Gebäudekomplex, den Glassman nach dem Hurrikan als Ruine ankaufte und zu einer Art spirituellen Shopping Mall ausbaute: mit Lebensmittel-Kooperative, Yoga-Studio, Buchladen, Musikclub, Street University, alternativen Heilern und Mikrokredit-Bank. Sogar eine Wache des New Orleans Police Department residiert zwischen Bio-Markt und Glassmans Botanica-Shop.

Den Zerrbildern von Voodoo – zurückgehend auf missionswütige Ethnografen des 19.Jahrhunderts – setzt das Healing Center eine freundlichere Perspektive entgegen: „Unsere Form von Voodoo“, sagt Glassman, “ hat immer mit Heilung zu tun: emotional, physisch, spirituell. Aber auch der Heilung zerrissener Gemeinschaften.“ Manche Leute fürchteten sie und ihre angeblichen Hexen-Kräfte. Doch sei es nicht gerade die heimische Spiritualität gewesen, die den Menschen in New Orleans nach Katrina den Willen und die Vorstellungskraft geschenkt habe, ihre Stadt wieder aufzubauen? Voodoo, sagt Glassman, kenne keine Individualexistenzen, sondern nur Menschen, die von ihren Vorfahren oder von ihrer Heimat getrennt sein. Als Mambo oder Priesterin sei es ihre Aufgabe, die entfremdeten Menschen in Verbindung mit der großen, hilfreichen Gemeinschaft der Ahnen zu bringen. Eskapistisch klingt das kaum. Eher nach einer sehr praktischen Form der Selbstermächtigung.

1791 kamen nach einer Plantagenrevolte Hunderttausende haitianischer Flüchtlinge an den Mississippi: Sie brachten ein Pantheon afrikanischer Gottheiten und Geister mit sich. Schaurige und schöne. Und ein Denken, das, anders als Christentum, Totalitarismus und Idealismus, keine Erfüllung in einer fernen Zukunft versprach, sondern die Ambivalenz des Lebens umarmte.

Das faszinierte auch Außenstehende. Bald entwickelten Halbwahrheiten über Zombies und Blutopfer ein Eigenleben und befeuerten die Popkultur. „Vor Lautréamont und CG Jung, vor Antonin Artaud und Burroughs und Genet“, schreibt der Kulturwissenschaftler Hubert Fichte, „.hat der haitianische Vaudou eine surreale Schicht der Sprache, eine Popschicht, mit seinen Litaneien, Götterkatalogen und Tranceperformances eröffnet.“ Wie in Haiti, wo Voodoo sich aus den Erfahrungen des Widerstandes gegen Sklaverei und die Vorherrschaft der ökonomischen und politischen Eliten speiste, funktionierte Voodoo auch in New Orleans als klandestine Gegenkultur. Ein Sud, der bis heute das lokale Selbstbewusstsein unterfüttert, „anders als Amerika zu sein“.

Jedes Jahr versammelt Glasmann Tausende weiß gewandete Gläubige aller Hautfarben zu den traditionellen Taufzeremonien am Bayou St. John. Und sie ist nur eine von Dutzenden Priesterinnen. Die Spuren dieser praktischen Lebensphilosophie finden sich überall: in der Architektur, dem Essen, den Chants der Mardi Gras Indians. Oder auf Friedhöfen, wo Handys, Computerbildschirme und -tastaturen – wer weiß, ob man sie nicht auch im Jenseits gebrauchen kann? – die Gräber schmücken. Oft verschwimmt die Grenze zwischen Seelsorge, Spiritualität und Scharlatanerie. Da vermarktet etwa Queen Bianca mit eigenem Internet-Shop ihre Ahnenlinie. Die Urenkelin von Marie Laveau, der berühmtesten Voodoo-Priesterin der Stadt (sie lebte von 1794 bis 1881), verkauft „Monkey & Cock“-Amulette, die ihren Besitzern die Erfüllung dreier signifikanter Wünsche in drei Jahren garantieren sollen. Oder auch „mit mächtigen Geistern gefüllte“ Zombie Spirit Bottles. Nun, ja.

Touristen begegnen meist nur dem folkloristischen Teil der Religion. Sie lassen sich auf Voodoo-Touren zu den letzten Ruhestätten berühmter Voodoo-Heiler führen. Machen ihr Kreidekreuz auf dem Grabstein von Marie Laveau. Und staunen, wie viele Songs die Musiker aus New Orleans ihren Voodoo -Priestern gewidmet haben. Allen voran Dr. John. Der Grammy-gekrönte Pianist hat seinen Namen einem berühmten Heiler des 19. Jahrhunderts entliehen und ist nicht nur selbst ein ordinierter Houngan oder Priester, sondern nutzt auch Voodoo-Litaneien für seine Musik: „Diese krude Mischung aus afrikanischen, christlichen, spanischen und Choctaw-Elementen hat immer unsere Geschichte gespiegelt.“

Angst vor dem Fremden hatte Voodoo nie. Das macht die Modernität dieses Glaubens aus: Statt Hierarchien zu bilden, summiert er ganz basisdemokratisch die Elemente verschiedenster Kulturen. Auch Miriams Voodoo Spiritual Temple an der Rampart Street am Rande des French Quarters wirkt auf den ersten Blick wie ein Multikulti-Flohmarkt: magische Seifen made in Mexico, Mojo-Bags, Puppen. Dazwischen Bilder der Priesterin mit umgehängter Riesenschlange. Ausschnitte aus europäischen und amerikanischen Zeitungen.

Wie läuft das Geschäft? „Meine eigentliche Arbeit“, sagt Miriam leise, „ist unentgeltlich und unbezahlbar.“ Die tiefgefurchten Gesichtszüge unter ihrem Kopfwickel erinnern an eine afrikanische Maske. Regelmäßig hält die Afroamerikanerin Seancen im benachbarten Congo Square ab, dort, wo vor 200 Jahren die Sklaven allsonntäglich ihre Trommeln und „alten Geister“ zum Leben erweckten. Priestess Miriams Service-Angebot: „Hochzeiten, Segnungen und Taufen, Beseitigung von Flüchen, Beratungen zur Selbstermächtigung, therapeutische Sitzungen, Knochenlesen“.

Auf ihrem Hof sind bunte Ensembles aus Spielzeug, Messern, Rumfläschchen, Plastikfiguren und Ketten aufgebaut – Altäre für die afrikanisierten katholischen Heiligen. Es duftet nach Räucherstäbchen. „Voodoo kommt aus der Fon-Sprache in Benin“, erklärt die Priesterin, „und bedeutet eine unsichtbare Kraft, den Schöpfer aller Dinge. Wie die Heiligen im Katholizismus agieren die afrikanischen Loa als Mittler zwischen dem Schöpfer und der menschlichen Welt. Sie helfen uns, indem sie sich mit unseren Energien, unserer Intelligenz verbinden.“ Klingt fast wie aus einem New Age-Buch. Mit dem Unterschied, dass Voodoo – im Gegensatz zur Santeria der Latinos – in einigen eher geheimen Spielarten auch das Böse anrufen kann. Als kurz nach Katrina in der Wohnung über Priestess Miriams Tempel die zerstückelte Leiche eines Mordopfers gefunden wurde, flammten uralte Ängste auf. Waren hier etwa doch böse Geister am Werk?

Sallie Glassman hat zu einer Heilungs-Zeremonie ins Foyer des Healing Centers gerufen. Trommler spielen sich in Trance, ein Mardi Gras Indian wirbelt im Kostüm aus hellblauen Federn und Perlenstickereien herum: „I shall be fire, ho-na-nae…“ Repetitve Chants, die ein Dutzend weiße und schwarze Frauen zu immer wilderen Tänzen anstacheln. Später werden sie einen Kreis bilden und mit haitianisch-kreolischen Gesängen die Gottheit Eleggua anrufen: Sie möge dem angrenzenden Viertel neue Wege eröffnen.

Es hat eine der höchsten Mordraten in New Orleans. „Wir pumpen mit dem Healing Center neue Energien in die Nachbarschaft.“ Wo die Kommune versage, erklärt Glassman, müsse die Voodoo-Gemeinde die Initiative übernehmen. Nach Katrina hatte sie Rückkehrern kostenlose Trauma-Behandlungen und materielle Unterstützung beim Wiederaufbau zerstörter Häuser angeboten. Medizinische Hilfe für die Armen gehöre zur Voodoo-Tradition. Der Zusammenhang zwischen dem Revival des in Westafrika wurzelnden Ahnenglaubens und den Desastern der letzten Jahre liegt für sie auf der Hand: „Die Menschen haben Katrina als Aufruf verstanden, wieder die Balance zwischen geistiger und materieller Welt zu finden und New Orleans zu einem besseren Ort zu machen“.

Ganz handfest demonstrierte die Priesterin das vor einigen Jahren in ihrer Bywater-Nachbarschaft. Das Viertel drohte zum offenen Crack-Markt zu verkommen. Weder die Polizei noch die Stadtverwaltung schritten ein. Schließlich entschloss sich Glassman, mit Nachbarn bei einer Straßenzeremonie die Krieger-Gottheit Ogun herbei zu trommeln: „Einen Tag später stand der Anführer des Drogenrings vor meiner Tür und bat mich, den Zauber aufzuheben“. Vergebens. Der Drogen-Kingpin wurde geschnappt, ganze Lagerhäuser mit Crack ausgehoben, mehrere Polizisten als Helfer enttarnt. Mit einem Schlag sank die Kriminalität im Viertel um 60 Prozent. Und Kommunalpolitiker riefen in der Folge bei der Priesterin an: Ob man nicht enger zusammen arbeiten könne?

„Voodoo ist die Religion der Überlebenden“, sagt Glassman, und es ist nicht klar, ob sie über haitianische Sklaven oder von Katrina, Kriminalität und Korruption geplagte New Orleanians spricht. „Diese Religion erlaubt uns, über unsere Grenzen hinaus zu wachsen.“ Ihr neuestes Projekt: ein jährliches „Sacred Music Festival“, das in New Orleans unter anderem buddhistische, hinduistische, Indianer- und Voodoo-Musiker zusammenbringen soll – das spirituelle Gumbo ist für weitere Zutaten offen.
JONATHAN FISCHER
Die Welt 20.11.2013

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Eminem kopiert Eminem

Eminems wieder blond gefärbte Stoppeln in Ehren. Und dass er auf dem Cover seiner «The Marshal Mathers LP 2» noch einmal die Holzbaracke seiner Familie in Detroits Dresden Street zeigt, auf deren Stufen er einst als junger Rap-Gott posierte, um mit radikal nihilistischen Reimen um sich zu prügeln, muss auch kein böses Omen sein – schliesslich erinnert sie in ihrem jetzigen Verfallszustand sowohl an den Untergang Detroits wie auch an die unermesslichen Möglichkeiten von Hip-Hop: Wer hätte dem pickligen weissen Burschen vor der Veröffentlichung der ersten «Marshal Mathers»-LP anno 2000 zugetraut, dem Genre ein Jahrzehnt lang seinen Stempel aufzudrücken? Mit Provokationen, Selbstentblössungen und Comic-Einlagen einen gesellschaftlichen Diskurs loszutreten, der längst Regale von Doktorarbeiten füllt? Nun aber scheint der einst unberechenbare Hip-Hop-Troll ziemlich ratlos in die eigene Zukunft zu blicken: «Ich suche die alten Orte nochmals auf», so erklärte Eminem dem «Rolling Stone»-Magazin das Prinzip des neuen Albums. «Nicht dass ich alle die alten Songs fortsetzen würde. Aber es geht mir um den alten Vibe und die Nostalgie.» Nostalgie! Das ist aber das Letzte, das man von Eminem oder jedem anderen Rapper erwartet. Drehte sich Hip-Hop nicht immer explizit darum, das Alte einzureissen, zu verhackstücken? Und daraus etwas unbedingt Neues zu schaffen? Rick Rubins Idee – er zeichnet mit Dr Dre als Produzent verantwortlich –, Songs wie «Berzerk» mit Rockgitarren à la Beastie Boys zu unterfüttern, wirkt wie eine Botox-Spritze. Eminems letzte Alben füllten Konfessionen über seine Medikamentenabhängigkeit, Reue und Rehabilitierung. Nun öffnet er die Mottenkiste des Marshal Mathers: Alle seine Lieblingsfeinde von Everlast bis zu den Backstreet Boys, Lady Gaga, Justin Bieber, Kanye West, Lil Wayne bekommen nochmals Nachschlag. Schwule werden gedisst. Frauen und speziell die Mutter seiner Kinder zu Nutten abgekanzelt. Braucht jemand diese Wiederauferstehung eines Hip-Hop-Frankenstein? Aufgewärmten Shitstorm über Stadion-Rap? Unbestritten bleibt Eminems technische Finesse: Wie er die Silben in «Rap God» fast in Überschallgeschwindigkeit rattern lässt, die Stakkato-Reime zwischen den Sätzen zurechtbiegt, beliebig Tempo und Flow wechselt – das ist atemberaubend. Hätte Eminem nur etwas zu sagen! So aber begeht er den Hip-Hop-Fauxpas schlechthin: Er kopiert sich selbst.
JONATHAN FISCHER
NZZ 8.11.2013

„Unser Leben ist euch nichts wert“: Der senegalesische Hip-Hop-Star und Filmemacher Didier Awadi über Lampedusa, den irreführenden Begriff „Flüchtling“ und warum es richtig ist, dass junge Afrikaner nach Europa gehen

Der Senegalese Didier Awadi ist der bekannteste Hip-Hop-Star Westafrikas und gilt als Stimme der „Generation Consciente“, einer neuen, selbstbewussten Generation junger Afrikaner. Immer wieder hat er in seinen Texten das Schicksal Migranten thematisiert, die unter Lebensgefahr nach Europa übersetzen. 2011 suchte er mit dem selbstproduzierten Film „The Lion’s Point of View“ nach den Ursachen der Fluchtbewegung.

SZ: Wie werden die Nachrichten von den vielen ertrunkenen Flüchtlingen vor Lampedusa in Afrika aufgenommen?

Didier Awadi: Das macht die Menschen wütend und traurig. Andererseits gehört es für viele zur alltäglichen Realität. In manchen Viertel Dakars kennt jeder jemanden aus der Nachbarschaft, der bei der versuchten Überfahrt nach Europa ums Leben gekommen ist. Geschätzte 60 000 Afrikaner haben in den letzten sieben Jahren versucht, in Pirogen über den Atlantik zu setzen. Und jeder Zehnte ist ertrunken. Trotzdem verstehe ich es, wenn Jugendliche lieber den Tod riskieren, als an der Armut zu ersticken.

Früher haben Sie Ihren Hörern aber noch gepredigt, sie sollten dableiben und helfen, ihr Land aufzubauen.

Ich habe meine Ansichten geändert. Damals war ich selber von der Propaganda der westlichen Länder beeinflusst. Sie klang vernünftig. Bis ich ihre Botschaft verstand: „Bleibt, wo ihr seid, bleibt arm, aber macht uns keine Schwierigkeiten.“ Inzwischen prüfe ich sehr sorgfältig, wer das Elend eigentlich schafft: Denn die meisten Afrikaner profitieren kaum vom Öl, den Diamanten, den Rohstoffen unserer Länder. Warum also sollten sie nicht dem Strom der Profite nach Europa folgen? Jeder Mensch hat ein Recht auf Hoffnung. Wenn du aber als Afrikaner merkst, dass dein Ehrgeiz und dein Können nicht mehr zum Überleben reichen…

Sind nicht die afrikanischen Politiker mit Schuld an der Misere? Immerhin hat die senegalesische Regierung in der Vergangenheit Millionengelder der EU erhalten, um die Migrationsbewegung vor Ort in den Griff zu bekommen.

Dieses Geld haben viele Regierungsmitglieder in die eigene Tasche gewirtschaftet. Und ja, die Menschen haben es satt, von Politikern mit Lügen und falschen Versprechungen abgespeist zu werden. Wir Rapper haben das immer angeklagt. Rap-Songs wie „Politichien“ (Politikerhund) waren große Hits im Senegal. Auf der anderen Seite sind diese korrupten Politiker für den Westen oft die bequemsten. Sie beschweren sich nicht über die Diskriminierungen von uns Afrikanern, so lange sie ihr Taschengeld bekommen.

Welche Diskriminierungen meinen Sie?

Wenn du aus Afrika kommst und dazu noch Muslim bist, hast du seit 9/11 kaum noch Chancen auf ein Visum. Die europäischen Regierungen verschränken ihre Arme: Euer Leiden in Ehren, aber für euch Afrikaner sind wir nicht zuständig. Visa gibt es nicht mal für diejenigen, die genug Geld haben, und nur als Touristen kommen wollen. Das ist gegen jeden Anstand. Wir haben die Besucher und Migranten aus Europa stets mit offenen Armen aufgenommen. Und mit einer anderen Visa-Politik müssten nicht mehr so viele Menschen in Nussschalen oder auf Lastwagen durch die Sahara ihr Leben lassen.

In Europa propagieren populistische Politiker die Parole „Das Boot ist voll“, sie befürchten, dass Flüchtlinge die Länder nur Sozialleistungen kosten würden.

Viele der Migranten sind gut ausgebildet, haben die Universität besucht und Abschlüsse gemacht. Und viele von ihnen würden später auch wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Sind diese Migranten denn Menschen, die in Afrika nicht überleben könnten?

Da geht es oft ums Überleben von Familien. So viele junge Senegalesen sind bereit, jeden Drecksjob in Europa anzunehmen und ein Hundeleben zu führen, so lange sie damit ihrer Familie in der Heimat ein Auskommen ermöglichen, ihre Mutter oder ihren Sohn retten können. Manchmal fahren auch verzweifelte Mütter mit ihren Babys auf einer der Flüchtlings-Pirogen mit: Sie denken nicht an sich, sondern allein an die Zukunft ihres Kindes.

Dann ist Armut das wichtigste Motiv?

Nicht immer. Andere wollen beruflich weiterkommen. Ich denke da an eine junge Senegalesin mit Universitätsabschluss, die bei vielen verschiedenen Botschaften um ein Visum nachfragte, aber selbst als sie Einladungen von Universitäten, Bürgschaften und alle verlangten Papiere vorweisen konnte, hieß es nur: Abgelehnt. Sie nahm den Lastwagen-Treck durch die Sahara auf sich, in der Hoffnung, von Nordafrika aus zur spanischen Enklave Ceuta oder mit dem Boot nach Europa zu gelangen. Die algerische Polizei setzte sie ohne Trinkwasser in der Wüste aus. Sie wurde geschlagen und mehrfach vergewaltigt. Am Ende war sie physisch und psychisch gebrochen. Wir reden hier also wirklich nicht von Elendstourismus.

Fühlen Sie sich da als moralische Instanz nicht doch verpflichtet, so viele Menschen wie möglich von der potenziell tödlichen Überfahrt abzuhalten?

Früher war ich naiv: Warum könnt ihr nicht hier bleiben, habe ich gefragt, als die Pirogen Richtung Spanien ablegten. Ihr seid doch Fischer, habt einen Job und das Meer vor der Haustür. Da zeigte einer von ihnen aufs Meer hinaus und fragte mich, ob ich all die spanischen, französischen, chinesischen Fisch-Trawler gesehen hätte. Sie fischen alles so leer, dass sich die Bestände nicht mehr regenerieren. Am Ende des Monats könne er nicht mal seine 10 Euro Miete zahlen. Du willst, dass ich hier bleibe. Wie soll ich meine Familie ernähren?

Sie nennen die Menschen auf dem Weg nach Europa nie Flüchtlinge, sondern immer nur Migranten.

Flüchtlinge ist für meine Begriffe schon negativ belegt. Migranten hat weniger rassistischen Beigeschmack. Denn die größten Migranten-Ströme haben stets die Europäer gestellt Warum sind sie in die ganze Welt ausgewandert? Weil sie ein besseres Leben suchten. Sie migrierten nach Asien, Afrika und Amerika. Ganz ohne Visa. Und wer sie nicht bei sich haben wollte, den haben sie mit Waffengewalt überzeugt.

Migration hängt mit der Suche nach besseren Lebensbedingungen zusammen. Was könnte der Westen dazu beitragen, dass die Menschen vor Ort lebenswürdige Konditionen vorfinden?

Der Westen und die Weltbank koppeln ihre Hilfe an den freien Markt, und die Aufhebung aller Handelsgrenzen. Diese Erpressung muss aufhören, denn davon profitieren nur die reichen Länder. Sie schicken Reis aus Amerika, Tomaten aus Europa und andere Lebensmittel zu Dumpingpreisen nach Afrika, so dass unsere Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Hat Senegals neuer Präsident Macky Sall nicht gerade Reformen initiiert und damit die Auswanderung über das Meer erst einmal abebben lassen?

Gut, Macky Sall ist die Korruption härter angegangen. Und er hat mit den ausländischen Regierungen verhandelt, um die Fischereiverträge rückgängig zu machen, die unsere Fischer ruinieren. Aber das reicht nicht. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Menschen sind nach all den Versprechungen ernüchtert. Viele von uns Rappern haben die Wahl von Macky Sall unterstützt und haben die Massen gegen seinen Vorgänger Wadi mobilisiert. Das ist Demokratie. Aber nun müssen wir wieder unseren Platz einnehmen: Als kritische Beobachter. Und Wachhunde.

Sind das nicht erste Schritte?

Mein größtes Anliegen ist es, dass jeder Mensch ohne Gefahr für Leib und Leben reisen darf. Machen wir uns nichts vor: Die Gesetzgebung Europas, seine Handhabung der Migration ist rassistisch. Die europäischen Regierungen geben Staaten wie Marokko und Libyen Geld, damit sie ihnen die Afrikaner vom Hals halten. Und wenn die dann von der örtlichen Polizei misshandelt und in die Wüste verschleppt werden, geht es sie nichts an. Ich spreche nur aus, was junge Menschen überall in Afrika denken: Unser Leben ist euch Europäern nichts wert.
SZ 2.10.2013
Interview: JONATHAN FISCHER