Eminem kopiert Eminem

Eminems wieder blond gefärbte Stoppeln in Ehren. Und dass er auf dem Cover seiner «The Marshal Mathers LP 2» noch einmal die Holzbaracke seiner Familie in Detroits Dresden Street zeigt, auf deren Stufen er einst als junger Rap-Gott posierte, um mit radikal nihilistischen Reimen um sich zu prügeln, muss auch kein böses Omen sein – schliesslich erinnert sie in ihrem jetzigen Verfallszustand sowohl an den Untergang Detroits wie auch an die unermesslichen Möglichkeiten von Hip-Hop: Wer hätte dem pickligen weissen Burschen vor der Veröffentlichung der ersten «Marshal Mathers»-LP anno 2000 zugetraut, dem Genre ein Jahrzehnt lang seinen Stempel aufzudrücken? Mit Provokationen, Selbstentblössungen und Comic-Einlagen einen gesellschaftlichen Diskurs loszutreten, der längst Regale von Doktorarbeiten füllt? Nun aber scheint der einst unberechenbare Hip-Hop-Troll ziemlich ratlos in die eigene Zukunft zu blicken: «Ich suche die alten Orte nochmals auf», so erklärte Eminem dem «Rolling Stone»-Magazin das Prinzip des neuen Albums. «Nicht dass ich alle die alten Songs fortsetzen würde. Aber es geht mir um den alten Vibe und die Nostalgie.» Nostalgie! Das ist aber das Letzte, das man von Eminem oder jedem anderen Rapper erwartet. Drehte sich Hip-Hop nicht immer explizit darum, das Alte einzureissen, zu verhackstücken? Und daraus etwas unbedingt Neues zu schaffen? Rick Rubins Idee – er zeichnet mit Dr Dre als Produzent verantwortlich –, Songs wie «Berzerk» mit Rockgitarren à la Beastie Boys zu unterfüttern, wirkt wie eine Botox-Spritze. Eminems letzte Alben füllten Konfessionen über seine Medikamentenabhängigkeit, Reue und Rehabilitierung. Nun öffnet er die Mottenkiste des Marshal Mathers: Alle seine Lieblingsfeinde von Everlast bis zu den Backstreet Boys, Lady Gaga, Justin Bieber, Kanye West, Lil Wayne bekommen nochmals Nachschlag. Schwule werden gedisst. Frauen und speziell die Mutter seiner Kinder zu Nutten abgekanzelt. Braucht jemand diese Wiederauferstehung eines Hip-Hop-Frankenstein? Aufgewärmten Shitstorm über Stadion-Rap? Unbestritten bleibt Eminems technische Finesse: Wie er die Silben in «Rap God» fast in Überschallgeschwindigkeit rattern lässt, die Stakkato-Reime zwischen den Sätzen zurechtbiegt, beliebig Tempo und Flow wechselt – das ist atemberaubend. Hätte Eminem nur etwas zu sagen! So aber begeht er den Hip-Hop-Fauxpas schlechthin: Er kopiert sich selbst.
JONATHAN FISCHER
NZZ 8.11.2013

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