Monatsarchiv: September 2015

„Ich hoffe immer, dass die Polizisten keine Drogen genommen haben“ – Die Revolution ist gescheitert, das Militär regiert das Land: Street-Art-Künstler Keizer will die Ägypter aufrütteln und riskiert dafür seine Freiheit

Er verrät nicht seinen Namen, nicht sein Alter, er zeigt nicht sein Gesicht – und er nennt sich wie ein billiges Brötchen, eine Art kleiner Hamburger, den die Schawarma-Buden überall in Kairo verkaufen: Keizer. Damit hat der Street-Art-Aktivist aus Kairo, der gerade ein Jahr in Deutschland verbracht hat, auch schon die Stoßrichtung seiner Kunst definiert: Er will die ganz normalen Ägypter erreichen. Seit dem arabischen Frühling und den Demos auf dem Tahrir-Platz im Jahr 2011 kommentiert er mit seinen satirischen und mehrdeutigen Stencils die Tabus und Reizthemen der ägyptischen Politik.

Auf deinen Stencils wird der Adler in der ägyptischen Flagge durch einen Vogelstrauß ersetzt, der den Kopf in den Sand steckt. Wie reagieren die Ägypter auf solche Motive?

Keizer: Sehr unterschiedlich. Einige sind überglücklich über meine Kunstwerke. Andere fühlen sich provoziert – bis zu gewalttätigen Reaktionen. Das Problem ist: Die Menschen hier sind nach Jahrzehnten der Regierungspropaganda misstrauisch gegenüber allem Zweideutigen. Ich möchte ihre Gewissheiten in Frage stellen und ihre Angst attackieren.

Du meinst die Angst vor dem selbständigen Denken?

Genau. Manche fordern mich auf, die Bilder doch bitte mit Unterschriften zu versehen – damit sie wissen, was sie denken sollen. Genau das ist das Problem der ägyptischen Gesellschaft: Dass viele sich daran gewöhnt haben, einem Anführer oder einer Agenda zu folgen. Alles schwarz-weiß zu sehen. Die graue Zone dazwischen, die offenen Fragen erleben die meisten als unangenehm.

2011 warst du Teil der Jugend-Revolution. Die Hoffnungen von damals sind verflogen und eine repressive Militär-Junta regiert dein Land. Welche Rolle spielt Street Art in der heutigen ägyptischen Gesellschaft?

Während der Demonstrationen gegen Mubarak auf dem Tahrir-Platz vor vier Jahren begannen viele Menschen, von der Hausfrau bis zur Tochter und zum halbwüchsigen Sohn, zum ersten Mal mit Straßenkunst zu experimentieren. Vieles war da ästhetisch oder politisch noch nicht ausgereift, trotzdem war diese Vielfalt von witzigen bis aggressiven Stimmen wichtig. Heute sind davon nur eine Handvoll Straßenkünstler übrig geblieben. Wir sind die Einzigen, die der Meinungsdiktatur und Zensur der Militär-Junta noch etwas entgegensetzen. Das Regime kennt die Macht von Graffiti und Street Art sehr gut. Genau deshalb werden wir verfolgt.

Viele der Revolutions-Graffiti scheinen heute längst zur internationalen Street-Art-Folklore zu gehören, sie wurden von westlichen Zeitschriften und vielen Webseiten aufgegriffen. Wie hat sich deine Kunst in den letzten vier Jahren weiterentwickelt?

Zu Beginn der Revolution wurde ich mit Stencils wie „We are watching back“ bekannt: Es zeigte einen Jugendlichen mit der Kamera im Anschlag. Wir erinnerten die Autoritäten daran, dass Kameras unsere einzigen Waffen darstellten, und wir alle Abscheulichkeiten und Verbrechen auf den Straßen mitfilmen und veröffentlichen würden. Dann kamen die Muslimbrüder. Wenn man sie effektiv attackieren wollte, musste das auf Arabisch passieren. Darum verdrehte ich arabische Sprichwörter so, dass ich damit die Scheuklappen-Sicht der Islamisten entlarvte, wie sie Religion als politische Waffe missbrauchen und blindlings irgendwelchen Führern folgen.

Damals bekamst du sogar Morddrohungen. 

Das war, nachdem ich einen Esel auf einem Schiff gemalt hatte, das Ägypten symbolisieren sollte. Das hat die Muslimbrüder provoziert – denn offensichtlich glaubten sie, der sture Esel sei auf sie gemünzt. Damals arbeitete ich ziemlich aggressiv. Ich sprühte einen Sheikh-Typen mit langem Bart, der vom vielen Beten anstatt des üblichen Schorfs an der Stirn an gleicher Stelle ein gezeichnetes Schaf hatte, das ja dafür steht, nicht selbst zu denken und immer nur der Herde zu folgen. Heute tun mir die Muslimbrüder fast schon wieder leid . . .

Das waren doch mal deine ärgsten Gegner?

Als sie an die Macht kamen, dachten wir nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte. Aber wenn wir einst einen Polizeistaat hatten, dann haben wir heute einen militarisierten Polizeistaat. Viele kritische Journalisten verschwinden hinter Gittern, es gibt keine Redefreiheit mehr. Jeder der es wagt, sich zur Regierung, dem Militär und ihren Institutionen zu äußern, wird überwacht. Die ganze Gesellschaft teilt inzwischen diese Paranoia. Jeder verdächtigt jeden: Wer nicht mit der Regierungslinie konform geht, gilt als Verdächtiger, Agent, Verräter. Und dein Nachbar kann dich jederzeit deswegen anzeigen.

attachmentStand nicht anfangs eine Mehrheit der Ägypter hinter Präsident Sissis Militär-Regime?

Viele Ägypter – und dazu gehörten auch meine Familie und meine Freunde – waren zuerst froh, dass er die Muslimbrüder aus dem Amt jagte. Aber heute fühlen sie sich betrogen.

Welche Gefahren gehst du ein, wenn du als anonymer Straßenkünstler arbeitest?

Ich riskiere alles. Ich riskiere meine Sicherheit, ich riskiere meine Gesundheit, ich riskiere, gefoltert und ins Gefängnis geworfen zu werden. Drei mal wurde ich bereits erwischt, und kam mit einer Tracht Prügel und ein paar Tagen Gefängnis davon. Die Polizisten wussten nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Sie fanden nichts Relevantes in den Gesetzbüchern. Meine Behandlung hängt also nur von ihrer Tagesform ab. Deshalb hoffe ich immer, dass die Polizisten gut geschlafen, gut gegessen und keine Drogen genommen haben . . .

Im Gegensatz zu den meisten deiner Kollegen arbeitest du nicht im Stadtzentrum rund um den Tahrir-Platz, sondern in den Vororten und Armen-Vierteln. Warum?

Viele Künstler haben ihre Kunst nur in Downtown Kairo verbreitet, weil sie da im Schutz von größeren Menschengruppen und Gleichgesinnten arbeiten konnten. Hier sitzen auch die europäischen Kunststiftungen, die manche Werke in Auftrag geben und bezahlen. Deshalb sieht man Street Art fast nur im Stadtzentrum. Ich sprühe meine Botschaften absichtlich außerhalb dieser kommerzialisierten Touristenbezirke. Lieber gehe ich in die Slums, dahin, wo es kaum intellektuelle Debatten gibt, und es die Menschen umso nötiger haben, angeschoben, manchmal auch provoziert zu werden.

Wie wichtig sind dir westliche Vorbilder?

Natürlich verdanke ich Typen wie Banksy eine Menge Inspiration. Ohne ihn wären wir alle nur halb so bekannt. Andererseits habe ich im letzten Jahr, als ich wegen meiner Freundin in Halle wohnte, zum Beispiel große Unterschiede zur Street-Art-Szene in Deutschland festgestellt: Da gibt es so wenig politische Botschaften und so viel Macho-mäßiges „Ich war hier“-Tagging. Gerade in unserer Zeit sollten wir uns nicht damit begnügen, Bullshit auf die Wände zu schreiben und unsere Kreativität für Ego-Botschaften zu verschwenden.

Im Oktober gehst du wieder zurück in deine Heimatstadt Kairo. Hast du schon Pläne für neue Street-Art-Projekte?

Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit dem Thema Syrien und Kriegsflüchtlinge, aber jetzt scheint es mir besonders dringend, nicht nur weil Kollegen wie Banksy ein paar hippe Arbeiten dazu gemacht haben. Mich schockiert es, dass die reichsten Länder des Nahen Ostens wie Saudi-Arabien und Katar kaum Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Und Ägypten ist kaum besser – stellt bestenfalls auf ein paar Monate befristete Visa aus. Das werde ich bald auf Kairoer Wänden kommentieren.

Könnte es sein, dass es bei deiner Einreise nach Ägypten Probleme geben wird? Weil du schon mal im Gefängnis warst?

Ich denke nicht. Einige Street-Art-Künstlern, wie zum Beispiel Ganzeer, haben den Medien-Hype genossen und sich gerne vor der Kamera gezeigt, ein paar von ihnen wurde daraufhin verboten, zu arbeiten. Die Polizei kennt ihre Identitäten und ihre Adressen. Und das alles nur, weil sie ihre Gesichter gezeigt haben. Ich habe diese Probleme nicht, weil ich immer noch anonym bin.

Interview: JONATHAN FISCHER

SZ 28.09.2015

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Abgehängt vom amerikanischen Traum: In den Sechzigern befeuerte Southern Soul die Märsche der Bürgerrechtsbewegung. Heute pflegen afroamerikanische Musiker und Labelbetreiber sein Erbe. Besuch in einem musikalischen Untergrund, wo das Private immer auch politisch ist

attachmentSeid ihr bereit für den König des Southern Soul?“ Ein Mann in weißem Anzug betritt die Bühne und lässt die ersten Falsetttöne durch die Basketballhalle der Lakefront Arena in New Orleans wehen. Tausende Zuschauer springen von den Sitzen. Es sind kaum weiße Gesichter darunter. Frauen in lachs- oder fliederfarbenen Kostümen wedeln ihre Fächer. Junge Männer mit Hip-Hop-Käppis schnippen zum Takt. Vor der Bühne kreischen ein paar Teenie-Mädchen. Selbst der ein oder andere Ordner wiegt das überbreite Kreuz im Rhythmus und bewegt die Lippen zum Refrain: „You’re not the father of the child, she told me . . .“ (Sie hat mir erzählt, dass du nicht der Vater des Kindes bist . . .) Es ist eine Euphorie in der Halle wie sonst nur, wenn die New Orleans Saints, die lokale Football-Mannschaft, gewinnen. Sir Charles Jones heißt der Mann auf der Bühne, und ein Auftritt von ihm bedeutet Gottesdienst, Party und schlüpfrige Beichte in einem. Ein unwahrscheinliches musikalisches Gumbo – nach einem Rezept, dessen Zutaten nur im schwarzen Süden Amerikas gedeihen.

  Sir Charles Jones verpanscht in seiner Musik den Beat des Hip-Hop, die Sentimentalität des Country und die Zotigkeit schwarzer Comedians. Mit Songs wie „Friday“ oder „Just Can’t Let Go“ sammelt der 42-jährige Sänger regelmäßig ein paar Millionen Youtube-Klicks und zieht südlich der Mason-Dixon-Linie, die historisch die Nord- von den Südstaaten trennt, mehr Zuhörer als jeder international renommierte R ’n’ B-Act. Die lokalen Blues-Sender spielen seine Musik, neben Hits wie Peggy Scott-Adams’ „Bill“ – der Ehemann verlässt seine Frau für seinen Angelfreund Bill – oder Big Cynthias gesungener Orgasmus-Lektion „Don’t Rock The Boat“. Dennoch operiert die Szene komplett unter dem Radar des Mainstreams.

  Das mag daran liegen, dass der heutige Southern Soul von keinen großen Plattenfirmen mehr verlegt wird und seine Stars nur im Chitlin’ Circuit auftreten – so werden die Musiktheater genannt, die während der Rassentrennung afroamerikanischen Bühnenkünstlern Auftritte gewährten. Oft erfährt man nur über die regenbogenfarbenen Pappen in den schwarzen Vierteln von einem Konzert. Andererseits will der „Blues“, wie dieser meist billigst produzierte Keyboard-Soul hier genannt wird, auch gar niemanden missionieren. Er blüht in seiner eigenen, autarken Welt.

  Die Musik von Sir Charles Jones, und auch die von Mel Waiters, Floyd Taylor, Big Cynthia oder Mr. David, wird von regionalen Kleinlabels veröffentlicht. Ihre Alben verkaufen auch ohne jede Werbung bis zu hunderttausend Kopien. Bei ihnen geht es um viel mehr als eingängige Mitsing-Nummern: Wie keine andere Musik verkörpert der Southern Soul die Psyche des schwarzen amerikanischen Südens – zwischen Jesus und Stagger Lee, dem in die Blues-Legenden eingegangenen schwarzen Zuhälter und Mörder, zwischen Tränen und Sex. Vor allem aber schafft der Southern Soul Identität und richtet sich damit an diejenigen, die von David Simon, Autor und Produzent der Fernsehserien „The Wire“ und „Treme“, einmal als die „Abgehängten des amerikanischen Traums“ bezeichnet wurden. Sie leben in New Orleans, in Ferguson, in den Ghettos von Dallas und in Jackson, Mississippi – und sie finden sich im Millionärs-Rap von Jay-Z oder in Beyoncés Triumph des optimierten Selbst nicht wieder.

  „Mein Konzept heißt Gefühl“, sagt Wolf Stephenson, der weiße Labelchef von Malaco Records, ein Berg von einem Mann. „Wenn sich ein Song gut anfühlt, ist er gut. Über die Jahre hinweg habe ich so viele Platten veröffentlicht, bei denen die Technik schlecht war, die Leute nicht singen konnten, die Band falsch spielte – aber es funktionierte!“ Reduzierte Mittel und viel Gefühl, das ist die Quintessenz des Südstaaten-Soul – und die Antithese zum zeitgenössischen Rhythm’n’Blues, wo sich alles um die perfekte Oberfläche dreht.

  Zwar gibt es R ’n’ B-Sänger wie Anthony Hamilton, die den Southern Soul zuletzt auch außerhalb der Südstaaten wieder ein wenig hoffähig gemacht haben. Und der im Sommer verstorbene Mighty Sam McClain schuf gar mit seinem auf dem Jazz-Label Act erschienenen Vermächtnis „Tears of the World“ einen verspäteten Klassiker des Genres. Das Herzland des Südstaaten-Soul aber folgt ganz eigenen Gesetzen. „Die Szene heute“, sagt Stephenson, „funktioniert nach einer Do-it-yourself-Philosophie. Von der Aufnahme bis zu den Plattencovern. Luxus verkauft sich hier nicht.“

  Stephenson hatte Malaco 1962 mitbegründet – und erst 2011 den grauen Studioschuppen am Stadtrand von Jackson, Mississippi, nach einem verheerenden Hurrikan wiederaufgebaut. „In meiner Jugend war diese Stadt streng segregiert. Nur das Studio stellte eine Insel dar: Hier trafen sich schwarze und weiße Musiker, um zusammen einen neuen Sound zu entwickeln. Soul, das bedeutete damals die Hoffnung auf ein besseres, gleichberechtigtes Leben für alle.“

  Was ist aus diesem Traum geworden? Im Norden polierte Motown schwarze Musik zum Party-Hit für weiße Teenager auf. Im Süden blieben Labels wie Stax, Hi und Fame nah dran an Gospel, Country und Blues. Heute nennt sich Malaco stolz „The Last Soul Company“: ein Nischenkonzern mit regionalem Vertrieb. Die Konkurrenz zerschellte bereits in den Siebzigern am Disco-Boom – oder wie Stax an der eigenen Misswirtschaft. Malaco profitierte davon, den gestrandeten Legenden eine neue Heimat zu bieten: Johnnie Taylor, Bobby „Blue“ Bland, Tyrone Davis, Denise LaSalle.

  Die Nachwuchssänger von heute haben es schwerer. Sir Charles Jones etwa stellte sich Ende der Neunziger bei Malaco vor – doch Stephenson ließ ihn weiterziehen. „Weil wir sein kommerzielles Potenzial nicht erkannten“, gibt der Labelchef zu. Aufwendige Studioaufnahmen mit großen Arrangements, mit „echten Bläsern und Streichern“, seien heute sowieso nicht mehr drin. Ob bei Malaco oder im Eigenverlag: Die meisten Nachwuchstalente müssen sich damit abfinden, dass sie kaum über die Südstaaten hinaus bekannt werden.

  Doch was sagt das schon über die Qualität aus? „Wir halten an dieser Musik fest“, sagt Stephenson, „weil bis zum heutigen Tag niemand mit etwas Besserem gekommen ist.“ Immer noch geht es um neue Varianten der einen alten Geschichte: zwei Männer, eine Frau. Ehebruch im Motel, Versöhnung im Club. Oder umgekehrt.

  „Es geht um die Erinnerung daran, woher wir kommen – den Blues.“ Charles Evers, der 91-jährige Bruder des 1963 ermordeten Bürgerrechts-Aktivisten Medgar Evers, sitzt im Büro seines Radiosenders WMPR im heruntergekommenen schwarzen Zentrum von Jackson, Mississippi. Ein symbolträchtiger Ort, denn Evers’ Sender spielt nicht nur die Hits von Soulstars wie Sir Charles Jones, wirbt für Blues-Battles, Gospelgottesdienste und Muttertagspicknicks. Sondern hier werden auch politische Themen diskutiert: von Polizeigewalt gegen Schwarze bis zu Obamacare.

  Evers, ein knorriger und streitbarer Politiker, der 1969 zum ersten schwarzen Bürgermeister im Bundesstaat Mississippi gewählt wurde, sieht seinen Sender als Teil eines Graswurzel-Netzwerkes. „Southern Soul hat in den Sechzigern die Märsche der Bürgerrechtsbewegung befeuert. Und auch wenn heute die großen Konzerne glauben, uns ihre vorgefertigte Kultur servieren zu können: Unser Lebensgefühl werden die meisten Menschen außerhalb des Südens nicht verstehen.“

  Haben die inflationären Ehebruchsdramen des Southern Soul am Ende doch einen geheimen Subtext? Wird hier im Privaten verhandelt, was gesellschaftlich nur schwer auszusprechen ist? „Viele Afroamerikaner“, sagt Evers, „kennen nur zu gut das Gefühl, betrogen zu werden – um ihre Rechte, ihre Stimme, ihre Würde. Und wissen Sie, warum diese Menschen, die Tag für Tag kämpfen, abends in den Club kommen? Um zu feiern, dass sie noch am Leben sind!“

  Zumindest das kann den schwarzen Menschen an den Rändern des amerikanischen Kapitalismus niemand nehmen: ihren Gemeinschaftsgeist. Und ihren sinnlichen Humor. „Look like a plate of neckbones“ (Du siehst so lecker aus wie ein Teller Nackensteak), schmachtet Anthony Hamilton im Song „Sista Big Bones“ eine gewichtige Schönheit an. Und Sir Charles Jones kommt in seinen Party-Videos ganz ohne die Modelfiguren und Luxusfantasien des zeitgenössischen R ’n’ B aus. Stattdessen garniert er sie mit Bildern von Schweinesteaks, roten Bohnen und Maisbrot.

JONATHAN FISCHER

SZ 11.9.2015

Zwei Gleise durch eine Stadt: Zehn Jahre nach «Katrina» werden neue Risse im Melting Pot New Orleans sichtbar

P1070173Am 29. August 2005 kam es in New Orleans durch den Hurrikan «Katrina» zu fatalen Überschwemmungen. Von der Sanierung der Stadt haben nicht alle Quartiere und Bevölkerungs- gruppen profitieren können.

«Wenn ein Unglück deine Stadt heimsucht, kannst du nur hoffen, dass sie so interessant und berühmt ist wie New Orleans.» Ohne den Mythos von New Orleans – «Nawlins» spricht es Chuck Perkins aus – hätte man die Stadt alleine ihrem Schicksal überlassen. Perkins‘ Südstaaten-Slang hat etwas Singendes, fast Zärtliches. Doch wenn es um den Deichbruch vom 29. August 2005 geht, als eine giftige Brühe die Stadt überschwemmte und Hunderte Tote, Hunderttausende Obdachlose zurückliess, kann sich der freundliche Künstler in Rage reden. Dann beginnen seine Reifen-dicken Arme – eine Erinnerung an die Marine – Satzzeichen in die Luft zu schlagen. «Menschen aus Afrika, Haiti, Kuba, Spanien, Frankreich haben ihre Kultur hierher gebracht. Ihre Spuren findest du überall: in der Architektur, in der Küche, in der Musik. Welche andere amerikanische Stadt kann eine solche Mischung aufweisen? Und trotzdem wollten ein paar Senatoren aus dem Norden alles abreissen lassen!»

Der Blues und das Fluchen

Perkins, der glatzköpfige Spoken-Word-Poet, Radiomoderator und Klubbetreiber, sitzt vor seinem eigenen Musiklokal, dem Cafe Istanbul. Er flachst mit jungen Musikern, die zum Soundcheck eintrudeln. Und zitiert einen seiner Raps: «Jeder flucht in dieser Stadt / und jeder singt den Blues / Männer und Frauen verfluchen Söhne und Töchter / Söhne und Töchter / die vor ihnen kamen / Söhne und Töchter, die diesen Ort errichteten / diese Sackgassensiedlung auf der Asche einer Tragödie.» Die Verse schöpfen aus dem uralten Blues der Stadt. Einem Blues, der bis heute von Kriminalität, Korruption und Rassismus genährt wird. Einem Blues, in dem von diversen Katastrophen gesungen wird: «Wir haben schon den Hurrikan Armut überlebt», sagt Perkins, «auch den Hurrikan Vernachlässigung oder den Hurrikan Bildungsmangel.» «Katrina» habe der Welt lediglich gezeigt, dass es hier nicht um ein paar alte Gebäude gehe, sondern um einen Hort der Sinnlichkeit, einen Melting Pot, um das «demokratische Herz Amerikas».

Chuck Perkins‘ Klub in Bywater, ein paar Meilen östlich des touristischen French Quarter, ist Teil eines dreistöckigen, rosa gestrichenen «Healing Center». Den Namen hat ihm die Vermieterin, eine Voodoo-Priesterin, gegeben. Neben ihrem Kräuterladen finden sich noch ein Buchgeschäft, ein Fitnesscenter und Büros mehrerer Bürgerinitiativen. Wenn New Orleans zehn Jahre nach «Katrina» ein optimistisches, frisches Gesicht bietet, dann tatsächlich hier in Bywater, dem ehemaligen Drogen- und Glasscherben-Viertel. Überall strahlen frisch gestrichene, bonbonfarbene Hausfassaden. Werbetafeln annoncieren Cafés, Yoga-Schulen und Theater. Wer durch die Strassen rund um das Cafe Istanbul flaniert, kann die Armut, den Fluch, der auf dieser Stadt lastet, kaum noch erkennen. Viele der Bewohner Bywaters sind Zugezogene. Leute, die ursprünglich als Helfer kamen, um sich dann in das lokale Flair zu verlieben und nun die Neuankömmlinge im ständigen Remix dieser Stadt zu stellen. «Viele von ihnen haben New Orleans einst mit barbusigen Mädchen und mit Drinks auf der Bourbon Street assoziiert», amüsiert sich Chuck Perkins‘ Bühnenpartner, der Perkussionist Irvin «Honey Spyboy» Banister. «Dann merkten sie, dass dieser Ort mehr zu bieten hat. Viel mehr.» Jeden Abend, nach einem Brotjob als Maler, näht Banister noch stundenlang an seinem Feder-und-Perlen-Kostüm. Als Mardi Gras Indian ist das quasi seine heilige Pflicht. «Ohne die Mardi Gras Indians», erklärt Banister, «würde diese Stadt nicht überleben. Wir halten zusammen, selbst wenn alles zusammenbricht.» Dreimal im Jahr tanzen und «chanten» die sogenannten Mardi Gras Indians – als Indianer kostümierte Afroamerikaner – auf den Strassen der Stadt, in verschiedenen «Tribes» wetteifern sie um das prächtigste Federkleid. Historiker führen die Tradition auf entlaufene Sklaven zurück, die bei den Indianern Zuflucht fanden und von ihnen das Perlensticken lernten. Sie haben dann einen eigenen Karneval ins Leben gerufen. Später übernahmen sie auch soziale Aufgaben in den Arbeitervierteln. «Die Behörden haben uns einst schikaniert, uns bei unseren Umzügen von den Strassen weg verhaften lassen.» Seit «Katrina» habe sich das aber geändert. Jetzt mache die Stadt Werbung mit ihnen. «Siebenundfünfzig Stämme gibt es in der Stadt – und sie wachsen.»

Das passt zur offiziellen Auferstehungsgeschichte der Stadt: New Orleans ist zehn Jahre nach «Katrina» wieder auf 400 000 von zuvor 450 000 Einwohnern angewachsen. Überall entstehen neue Hotels. Und die Stadt kann sich gar mit mehr Klubs und erstklassigen Restaurants brüsten als noch vor «Katrina». Der Tourismus, neben der Ölindustrie und der Verschiffung von Meeresfrüchten die Haupteinnahmequelle, boomt wieder.

Weisser und reicher

Doch es gibt auch eine andere Geschichte: Viele der Armen und Schwarzen sind nicht zurückgekehrt. Zwar stellen Afroamerikaner mit gut sechzig Prozent immer noch die Mehrheit. Doch die Stadt ist weisser und reicher als zuvor. So ist ein Kampf um die Seele der alten Neighbourhoods entbrannt: «Unsere Kultur stammt aus den Neighbourhoods», sagt Chuck Perkins. «Man braucht kein Geld, um Teil davon zu sein. Wenn du dich einer Second Line, den tanzenden Menschen hinter einer Brassband, anschliesst oder den Mardi Gras Indians folgst, dann schaffst du diese Kultur immer wieder neu.» Ohne das Leben in den Neighbourhoods aber verkomme New Orleans zur blossen Touristenkulisse.

In der Second Line

Ein Sonntag im French Quarter: Die Teilnehmer einer Parade sammeln sich beim Louis Armstrong Park. Noch vor eineinhalb Jahrhunderten trommelten hier Sklaven zu afrikanischen Rhythmen, danach war hier das Quartier der Prostituierten und Jazzmusiker. Nun sieht man im Park nicht nur picknickende Familien, sondern auch schrill gekleidete und geschminkte Männer. Der Umzug der örtlichen Dragqueens. Vorneweg marschiert eine Brassband und zieht mit satter Tuba und Posaunen ein paar hundert Second-Line-Tänzer hinter sich her: Weisse, Schwarze, Arme, Reiche, die, auf Töpfen und Verkehrsschilder trommelnd, den Rhythmus aufnehmen. Das Leben feiern, solange man noch lebt. Das war schon immer die Party-Devise von New Orleans.

Risse im Melting Pot

Doch selbst jetzt zeigen sich die Risse im Melting Pot: «Justice and equality for Afroamerican business women» steht auf dem T-Shirt einer schwarzen Frau, die am Rande der Parade Flugblätter austeilt. «Haben Sie gewusst, dass gerade einmal zwei Prozent der Geschäfte in New Orleans in schwarzer Hand sind und nur vier Läden im French Quarter?» Major Tracy – so stellt sich die 43-jährige afroamerikanische Frau vor. Zweieinhalb Jahrzehnte hatte sie als Berufssoldatin gearbeitet, bevor sie vor zwei Jahren die Bar Rouge House eröffnete. Doch bloss für wenige Monate. Nachbarn und Geschäftsinhaber hätten ihr rassistische Schimpfwörter nachgerufen. Schliesslich wurde ihr von den Regierungsbehörden die Alkohol-Lizenz entzogen: «Angeblich fürchteten sie Ruhestörungen eines jungen schwarzen Publikums. Und das mitten im turbulenten French Quarter!» Schwarze haben ihren Platz im French Quarter vor allem als unterbezahlte Kellner, Tellerwäscher, Verkäufer. Oder als Musiker, die allzu oft nur für das Trinkgeld im Spendentopf spielen.

Treibt die Gentrifizierung der Stadt mit dem alten Schmutz auch die Seele aus? Pres Kabacoff, der CEO von Louisianas grösster Städtebau-Gesellschaft, hat das neue Gesicht von New Orleans entscheidend mitgeprägt. «Die Stadt bewegte sich vor ‹Katrina› in die falsche Richtung», sagt er. «Historic Restoration Incorporated» steht auf dem Klingelschild seiner Firma. Sie residiert in einem modernen Glasturm im New Orleans Business District. Kabacoff, weisshaarig, sorgfältig gestutzter Bart, könnte man sich als Therapeuten vorstellen. Und tatsächlich versteht sich der 56-jährige Stadtplaner als Seelen-Klempner der Stadt: «New Orleans drohte von Armut überwältigt zu werden. Es brauchte eine Katastrophe biblischen Ausmasses, um hier eine Kehrtwende zu ermöglichen.» In der Folge von «Katrina» seien nicht nur mehr als hundert Milliarden Dollar nach New Orleans geflossen. Der Einschnitt habe es erlaubt, schwerfällige Institutionen zu reformieren. So habe New Orleans in den letzten Jahren ein sogenanntes Charter-Schulen-System entwickelt: staatlich finanzierte, aber von privaten Trägern organisierte Schulen, die zu den besten des Landes zählten.

Kabacoffs Firma agiert als verlängerter Arm der Regierung: Stadt und Staat stellen die Mittel zur Verfügung, der Stadtplaner macht Vorschläge und betreibt Lobby-Arbeit. Kabacoffs Lieblingsprojekt ist die Revitalisierung der historischen Nachbarschaften rund um das French Quarter. Einst waren hier Raubüberfälle und Schiessereien an der Tagesordnung. Kabacoff hat für diese Viertel eine Vision: «Walkable Neighbourhoods» nennt er sie. «Wir haben viel Wert darauf gelegt, dass sich die verschiedenen Einkommensklassen mischen.» Und obwohl die Mieten vielerorts gestiegen seien, habe man dank einem Modell, bei dem Mieter ihre Wohnung selbst renovierten, Tausende erschwingliche Appartements bereitstellen können. Kabacoffs Paradebeispiel ist Bywater: Die Kriminalität sei hier merklich zurückgegangen. «Die gesunde Nachbarschaft zieht Touristen an, schafft neue Gewerbe und Jobs.» Kritiker halten Kabacoff allerdings vor, dass sich die Renovierung der Stadt auf wenige Filetstücke reduziere. In der armen Central City etwa finden sich bis heute kaum attraktive Einkaufsmöglichkeiten oder Restaurants. Das gilt erst recht für das Lower 9th Ward. Die arme schwarze Nachbarschaft jenseits des Industrie-Kanals im Osten von New Orleans war von der Überflutung nach «Katrina» am schlimmsten betroffen.

Bis heute gleicht das Lower 9th Ward einer urbanen Wildnis. Die Strassen: eine Abfolge von Schlaglöchern. Die Kanalisation: immer noch nicht instand gesetzt. Viele Gebäude verfallen. Um von der Katastrophenhilfe-Behörde Fema Entschädigung einzufordern, sagt Perkins, dessen Eltern hier ein Haus besassen, habe man einen Rechtsanwalt gebraucht. Und gute Nerven. Allein die von Brad Pitts «Make It Right»-Stiftung errichteten Stadtvillen leuchten wie Inseln im Brachland. Ist vielleicht etwas dran am Gerücht, die Stadt wolle die ehemaligen Bewohner gar nicht zurückhaben? «Wenn man an die Sklaverei und Jim Crow denkt oder an die Tatsache, dass man 1927 einen Damm gesprengt und das Lower 9th Ward geflutet und zerstört hat, um reiche, weisse Nachbarschaften zu retten, dann sind die Verschwörungstheorien verständlich», findet selbst Pres Kabacoff.

Afroamerikanische Mehrheit

Welche Macht und Bedeutung hat heute die afroamerikanische Mehrheit von New Orleans? Oliver Thomas, ein grossgewachsener Macher-Typ in aufgeknöpftem Hemd, empfängt im Redaktionsraum des schwarzen Talk-Radio-Senders WBOK. «Schau dich heute einmal um in New Orleans», sagt der Radiomoderator, «nach Milliarden Dollar Hilfsgeldern ist der Graben zwischen Weissen und Schwarzen tiefer denn je. Über fünfzig Prozent der schwarzen Männer sind arbeitslos. Hier fahren zwei Züge auf zwei Gleisen: Da ist das wunderbare Touristen-New-Orleans, da reisen Besucher aus aller Welt her, um uns singen und tanzen zu sehen, da siedeln sich neue Firmen an, und das Kongresszentrum ist bis ins Jahr 2020 ausgebucht. Auf dem anderen Gleis fährt der Zug in eine andere Stadt: Hier haben die Menschen zehn Jahre nach ‹Katrina› noch kein Zuhause gefunden.»

Dreizehn Jahre lang sass Thomas im Stadtrat von New Orleans, bis er mit einem Bestechungsskandal Schlagzeilen machte und drei Jahre ins Gefängnis musste. Unterdessen hat er eine zweite Karriere als Schauspieler (unter anderem in der HBO-Serie «Treme»), Autor und Talkshow-Host begonnen. Die Politik bleibt sein Thema: «Katrina» habe das Machtgefüge empfindlich verändert – zugunsten der Republikaner.

«Wir hatten genug zuverlässige Wähler, um ein paar Staatsämter für die Demokraten zu gewinnen. Mit der Umsiedlung der Bevölkerung jedoch ist das unterdessen ziemlich schwierig geworden. Seit ‹Katrina› fehlen hier immer noch 100 000 Bewohner. Das ist ein grosser Wählerblock.» Die Stadt, schimpft Thomas, tue eben zu wenig für die Rückführung ihrer einstigen Bewohner. Und gefährde mit der Gentrifizierung überdies die Existenzgrundlage der lokalen Musiker und Künstler. «Architekten unserer Kultur» nennt er sie. «Versteht unsere weisse, reiche Elite, dass unsere Kultur ein Lebensstil ist und kein beliebiges, mit wechselnden Zutaten herstellbares Rezept»?

Ausdruck von Kampf

Oliver Thomas fragt sich immer wieder, welche Wertschätzung der Kultur von New Orleans noch beigemessen werde. Ob man sie nur noch als Unterhaltung betrachte oder als lebendigen Ausdruck eines tiefen Schmerzes: «Diese Rhythmen», sagt der Radiomoderator und trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte, «sie sind doch Ausdruck von Kampf, Armut, Verletzung.» Er seufzt. Als sei er es müde, der Welt zu erklären, was im 9th Ward jedes Kind wisse: «In New Orleans hat ein Grossteil der schwarzen Bevölkerung niemals gelebt. Wir kennen nur das Überleben. Wann dürfen wir endlich leben?»

NZZ 1.9.2015

JONATHAN FISCHER

Früchte des Sturms: Zehn Jahre nach dem Hurrikan „Katrina“ profitiert die Golfküste von Mississippi vom Wiederaufbau. Manche Häuser sind schöner als zuvor. Und die Menschen haben den Wert der Gemeinschaft schätzen gelernt

In der Kapitänskajüte ist es drückend schwül. Captain Buck nimmt die P1070047verspiegelte Sonnenbrille aus dem gebräunten Gesicht, wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn, bevor er antwortet. „Wie wir unsere Schiffe vor dem Hurrikan gerettet haben? Da war nicht nur seemännische Erfahrung im Spiel. Sondern Gottes Hand. Sonst wären unsere drei Dampfer heute Altmetall.“

  Am Hafen von Gulfport, Mississippi, erinnert bestenfalls ein neu erbauter Leuchtturm an die größte Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Draußen strömen die Passagiere an Bord: Ausflügler in Badelatschen, Eisboxen und Klappstühle schleppende Familien. Captain Buck wird sie für einen Tagesausflug zum zwölf Meilen entfernten Ship Island fahren, einer von Vögeln bevölkerten Sandbank, die zu den als Naturschutzgebiet deklarierten Gulf Islands gehört. Nach Katrina war die Insel zeitweilig im Meer verschwunden. „Nur das 150 Jahre alte Fort Massachusetts blieb stehen“, erklärt Captain Buck, der eigentlich Joseph William Buckley heißt. „Die haben das einst so massiv gebaut, um die Küste gegen spanische Kriegsschiffe zu verteidigen. Einen Hurrikan wie Katrina aber konnte sich damals wohl niemand vorstellen.“

  Bucks Großvater hatte 1926 die Fährlinie nach Ship Island gegründet. Heute zieht nicht nur das im amerikanischen Bürgerkrieg von den afroamerikanischen Louisiana Native Guards bewachte Fort die Touristen an. Vor allem die weißen Sandstrände locken. Während Kapitän Bucks Schiff in einer markierten Fahrrinne nach Süden dampft, deutet er auf vorbeifahrende Tanker und Frachtschiffe: „Achten Sie auf die Bugwelle.“ Springende Delfine. Auch am Strand von Ship Island spielen die Meeressäuger vor den Liegestuhlreihen, als wären sie eigens dorthin bestellt worden, während Pelikanschwärme über sie hinwegziehen. „Zuerst kamen die Waschbären, die Beutelratten und Schildkröten auf die Insel zurück“, sagt Buck. „Und ab 2007 auch die Touristen. Aber vor zehn Jahren hat kaum jemand daran geglaubt.“

  Damals, am Morgen des 29. August 2005, als Hurrikan Katrina auf die Golfküste traf, gehörten Captain Buck und seine Crew zu denjenigen, die sich den Evakuierungsbefehlen widersetzten. Sie wollten die drei Dampfer und drei Yachten ihrer Familiengesellschaft nicht tatenlos der Sturmflut überlassen.Also fuhren sie die Flotte in einen Bayou, einen Meeresarm, hinter Biloxi. „Wir waren zu acht. Zuerst spannten wir die Schiffe in eine Art Spinnennetz, das sie nach allen Richtungen an Bäumen, Masten, Ankern fixierte. Dann ließen wir die Motoren laufen – auf Vollgas gegen die Flutwelle.“ Zwölf Stunden später sah Kapitän Louis nur noch die Baumwipfel der Pinien, an die die Schiffe gebunden waren. Die Flutwelle hatte alle Häuser am Ufer weggespült. „Wir retteten viele Menschen, die mit ihren Booten bei uns anlegten. Zum Glück hatten wir genug Wasser, Lebensmittel und Treibstoff gebunkert.“ Als der Wind nachließ, war Biloxi unter einem Haufen Schwemmholz und Trümmern begraben. „Alles war gerissen. Und nur noch zwei Seile hielten unsere sechs Boote zusammen.“

  64 000 zerstörte Wohnhäuser, 235 Tote: Trotz dieser verheerenden Bilanz an der Mississippi-Golfküste scheint die Katastrophe hier weniger Narben hinterlassen zu haben als in der nahen Metropole New Orleans. Vielleicht, weil die Spannungen zwischen den Ethnien hier weniger ausgeprägt sind. Vielleicht auch, weil die örtlichen Behörden schneller reagiert haben. „Wir sind hier alle zusammengerückt“, sagt Karen Conner vom Fremdenverkehrsverband Biloxi. „Schwarze und weiße Nachbarn saßen plötzlich gemeinsam im Boot. Die Katastrophe hat tiefe Verbindungen gestiftet. So hat unsere Presbyterianer-Kirche ihre Räume für Gottesdienste der obdachlos gewordenen jüdischen Gemeinde geöffnet.“

  Wer heute nach äußeren Hinweisen auf Katrina sucht, der muss schon genau hinsehen. Auf dem Highway 90 zwischen Gulfport und Biloxi erinnern nur noch ein paar Palmstümpfe an die Katastrophe. Und die vielen „Sales“-Schilder. Oft sind die Betonfundamente der einstigen Villen auf den grasüberwachsenen Grundstücken zu erkennen. Warum gerade hier, in Küsten-Bestlage, niemand neue Häuser baut? „Die Beiträge für die Sturm-Versicherung haben sich nach Katrina verfünffacht“, sagt Karen Conner vom Fremdenverkehrsbüro in Biloxi. „Das macht Grundstücke in den ersten Reihen unrentabel.“ Erstaunlicherweise haben aber gerade die historischen Häuser den Sturm am besten überstanden. Manche Besitzer nahmen den Sturm gar zum Anlass, ihre Anwesen nach Original-Bauplänen wiederherzustellen. Das White House Hotel etwa stand jahrzehntelang leer. Erst 2007 hat das hochherrschaftliche Gebäude mit seinen weißen Säulen und Balkonen wieder eröffnet, nun knüpft es an die Geschichte des ersten Luxushotels vor Ort an und bringt mit Palmen-Park, Swimmingpool und eigenem Badesteg einen Hauch von Riviera nach Biloxi.

  Mit der alten Architektur scheint eine gewisse Beschaulichkeit einherzugehen. Eine Form von frommem Stoizismus, wie es sie nur im tiefen Süden gibt: „Von unserer Töpferei fanden wir nur noch ein paar bunte Scherben“, erinnert sich Jim Anderson. „Aber jeder Mensch hat nun mal seine Aufgabe. Was blieb uns also übrig, als die Arbeit wieder aufzunehmen?“ Der weißhaarige Mann dreht routiniert an einer Töpferscheibe. Aus dem Fenster der wiederaufgebauten Werkstatt geht der Blick auf den Hafen von Ocean Springs. Dass das verträumte, von Eichen-Alleen, hölzernen Cottages und bonbonfarbenen Boutiquen geprägte Küstenstädtchen als Refugium für Künstler und Bohemiens gilt, hat auch mit Andersons Familie zu tun. Alle sind sie Töpfer und Maler gewesen. Ein ganzes Museum ist Jims exzentrischem, auf Bäumen lebendem Großonkel gewidmet: das Walter Anderson Museum. Dank seiner Hügellage blieb es wie der historische Kern von Ocean Springs vom Hochwasser verschont: Der Besuch lohnt sich schon wegen der Wandgemälde. „Man’s harmony with nature“ heißt das größte. „Viele Bürger wollten die angeblichen Schmierereien im ehemaligen Gemeindesaal am liebsten übertünchen lassen“, sagt Jim, „bis die Stadt das Haus 1994 zum Museum erklärte. Katrina hat Pete letztlich recht gegeben. Wir müssen die Umwelt respektieren.“ Heute lockt das Haus Kunstliebhaber nach Ocean Springs – und neugierige Besucher in den Töpferladen von Pete Andersons Enkel.

  Wie aber sieht es am einstigen Zentrum des Hurrikans aus? Dort, wo Katrina in Form einer bis zu neun Meter hohen Wasserwand auf das Festland traf? Wer die Meeresbucht nahe der Grenze zwischen Mississippi und Louisiana überquert, dem leuchten erst mal weiße Yachten und aus Naturstein gebaute Hafenmauern entgegen – erst seit 2007 hat Bay St. Louis, eine Kleinstadt mit 10 000 Einwohnern und traditionell die Sommerfrische für betuchte Einwohner von New Orleans, überhaupt einen eigenen Hafen. Als Nächstes fallen einem diese merkwürdigen Bäume auf: Engelskulpturen. Aus abgestorbenen Eichenstümpfen heraus wachsen Tiere und Geistwesen. „Niemand hat das offiziell beauftragt“, erklärt Sally Dicharry, Betreiberin des historischen Aunt Dot’s Bed & Breakfast am Hafen. „Aber nach Katrina kamen hier einige Künstler mit der Motorsäge angereist, um dem Ganzen einen Sinn zu geben. Und uns ein paar Schutzengel zu hinterlassen.“ Im Geäst einer der Eichen hätten sich ihre Nachbarn eine Nacht lang festgeklammert, nachdem ihr Haus vom Sturm weggerissen wurde. „Da war Gottes Hand im Spiel!“

Es ist nicht die einzige Wiederauferstehungsgeschichte von Bay St. Louis. Quert man die Gleise hinter dem historischen Bahnhofsgebäude, hört man aus einer Halle gedämpfte Bluesmusik: „100 Men Hall – Mississippi Blues Trail“ verkündet eine Bronzeplakette an dem weit ausladenden Holzschuppen. „Dieses Gebäude war nach Katrina so beschädigt, dass bereits der Abriss beschlossen war“, erzählt Jesse Loya, der zusammen mit seiner Frau, der Bluessängerin Kerry Loya im ehemaligen Küchentrakt der Blueshall wohnt. „Aber wie kann man eine Bühne, in der schon Joe Tex, Little Richard, Etta James, B. B. King und James Brown gespielt haben, einfach verschwinden lassen? Solche Orte gibt es doch heute kaum noch.“ Loya, selbst Gitarrist einer Bluesband, sperrt die großen Flügeltüren auf: Es riecht etwas modrig. Alte Konzert-Pappen schmücken eine Wand. Ansonsten wirken Tische, Stühle, Bar und Bühne wie anno 1894, als die örtliche afroamerikanische „100 Man Society“ hier den ersten von vielen rauschenden Blues-Bällen feierte. Das aus Kalifornien stammende Ehepaar Loya kaufte die zuletzt für Bingo-Veranstaltungen genutzte Halle und richtete sie drei Jahre lang nach Originalvorlagen her. „Als wir die ersten Konzerte veranstalteten, blieb das Publikum aus – und wir waren verzweifelt.“ Das änderte sich erst 2011, als die Halle offiziell als „Living Blues Monument“ ausgezeichnet wurde. Seitdem kommen Besucher aus aller Welt, tanzt man wieder den Blues in Bay St. Louis. „Der Blues hier war noch nie Trauermusik“, erklärt Jesse Loya, „sondern die Feier des nackten Lebens gegen alle Widrigkeiten. Seit Katrina kennen wir das alle.“

SZ 6.8.2015

JONATHAN FISCHER