Monatsarchiv: Februar 2013

Wer Mali die Musik nimmt, reißt dem Land das Herz heraus: Mit seinem neuen Album »Jama Ko« bezieht Bassekou Kouyate Stellung gegen den islamistischen Terror

Schneider, Elektriker, Schulkinder und Marktfrauen aus der Nachbarschaft drängen sich in dem Karree des unverputzten Flachbaus, nehmen mit Hüften und Händen den Puls der Musik auf. Es riecht nach offenem Feuer. Teller mit Lammfleisch und Reis machen die Runde. In Mali sind Tanz und Musik Teil des Alltags. Und doch ist diese Party ungewöhnlich, mitten in Bankoni, einem ärmlichen Zuwandererviertel im Norden der malischen Hauptstadt Bamako. Mit seiner Familienband hat sich Bassekou Kouyate an der Türschwelle seines Hauses aufgebaut. Er und seine drei Söhne schlagen auf ihren Ngonis, traditionellen Lauten, einen harten Rhythmus an, seine Frau Amy schmettert ihre kehligen Bluesgesänge wie Gebete in den Abendhimmel. »Jama Ko, Jama Ko« . Alle stimmen in den Refrain ein, werfen die Hände in die Luft. Jama Ko bedeutet so viel wie »große Versammlung«. Der Groove steckt an. Ein Dutzend Frauen in leuchtenden Boubou-Gewändern bilden einen Tanzkreis, Kinder hüpfen dazwischen. Und selbst die Würdenträger auf den Klappstühlen – Prediger der Nachbarmoschee sowie ein evangelischer und katholischer Priester – klatschen einträchtig mit.

Der Video-Dreh für Kouyates neues Album Jama Ko (Outhere Records) soll der Welt demonstrieren: Wir Malier halten zusammen. Egal, ob aus dem Norden oder dem Süden, dunkel- oder hellhäutig, Muslim oder Christ. Denn auch an diesem schwülen Dezembernachmittag bringt das Radio wieder Schreckensmeldungen aus dem Norden. Auspeitschungen, Hand-Amputationen, das Verbrennen von Musikinstrumenten. Dass radikale Islamisten in einer der musikalisch reichsten Gegenden Afrikas, dem Land von Popstars wie Tinariwen, Ali Farka Touré oder Amadou & Mariam, jede Art von weltlichem Gesang ausmerzen wollen – das hat die Menschen erschüttert.

»Wir haben Differenzen in Mali«, sagt Bassekou Kouyate. »Aber die Musik ist unsere gemeinsame Sprache, über sie finden wir immer wieder zusammen.« Auf der improvisierten Bühne nimmt Kouyate seinen Freund Manny Ansar, einen Tuareg und Organisator des berühmten Festival Au Desert in Timbuktu, in den Arm. Das Festival musste dieses Jahr wegen Anschlagsdrohungen der Islamisten abgesagt werden. Doch Kouyate war es wichtig, Ansar und seine Tuareg-Gefolgschaft auf der Party dabeizuhaben. Denn nachdem Splittergruppen dieser Ethnie Anfang letzten Jahres gegen die Staatsmacht im Norden rebellierten, um später von den Islamisten verdrängt zu werden, gelten sie vielen als Sündenböcke: »Wir sind alle Malier«, betont Kouyate. »Es sind ausländische Banditen, die unseren Konsens zerbrechen wollen.«

Kouyate entstammt einer bekannten Griot-Dynastie aus dem Süden Malis. Griots: So heißen die traditionellen Dorf-Barden und Streitschlichter Westafrikas. Schon als Kind hat Kouyate von seinem Vater die jahrhundertealten Melodien und Geschichten gelernt. In Mali begleiten Griots alle bedeutenden Ereignisse: Geburt, Hochzeit, Tod. Daneben werden sie von den Mächtigen, ob demokratisch oder nicht, für ihre Lobgesänge engagiert. Erst die jüngsten Ereignisse in seinem Land haben Kouyate politisiert. »Als wir anfingen, das Album aufzunehmen«, erzählt er, »stürzte das Militär den Präsidenten Amadou Toumani Touré. Soldaten besetzten die Fernsehstation, dann gingen die Plünderungen los.« Das war im März 2012. Kouyate brachte das Equipment aus dem Studio zu sich nach Hause, um dort die Aufnahmen fortzusetzen. Und während sich die Situation verschlimmerte, ließen er und seine Söhne ihre Musik gegen die Intoleranz der Islamisten aufschreien: Da besingt Sinaly einen berühmten Bamana-König, der sich im 19. Jahrhundert gegen die Zwangs-Islamisierung wehrte. Ne Me Fatigue Pas verdammt den Militärputsch in Bamako. Und in dem Gesangsduett Kele Magni fordern Kouyates Frau und Khaira Arby aus Timbuktu zusammen den Frieden für ihr Land ein.

Für die Aufnahmen war Produzent Howard Bilerman von der gefeierten Indie-Rockband Arcade Fire von Montreal nach Bamako gereist. Gilt Mali doch als neues Mekka westlicher Musik-Hipster, jammten schon Damon Albarn und Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones zusammen mit Kouyate. Das erklärt die illustren Gäste auf Jama Ko: Etwa den kanadischen Elektro-Rocker und Feist-Produzenten Mocky Salole oder Sänger und Gitarrist Taj Mahal, der im Duell mit Kouyates Ngoni erneut die Blutsbrüderschaft von Blues und pentatonischer Griot-Musik beweist. In Kouyates neuen Songs klingt die Ngoni so modern wie nie zuvor: Der Griot hat sie elektrisch verstärkt, mit Wah-Wah-Pedalen aufgerüstet und spinnt mit Bilermans Hilfe einen Soundteppich zwischen dünnem metallischem Pling-Pling, Latin-Riffs und schmutzig-aufreizendem Rock ’n’ Roll. Viel Wut steckt in dieser Musik. Und eine tiefe Spiritualität. »Über 90 Prozent der Malier«, sagt Kouyate, »sind Muslime. Wir singen seit Jahrhunderten Loblieder auf den Propheten. Aber unsere Form von Islam hat nichts mit der radikalen Form der Scharia zu tun. Wer Mali die Musik nimmt, reißt uns das Herz heraus.«
JONATHAN FISCHER
DIE ZEIT 22.2.2013

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ASAP Rocky – Grosses Hip-Hop-Kino

Unfassbar! In einer Rap-Ära, in der Zweifel, Selbstreflexion, differenzierte Gefühle von Superstars wie Kanye West oder zuletzt Kendrick Lamar als neue kreative Messlatte ausgerufen werden, kommt der 24-jährige ASAP Rocky auf seinem Major-Debütalbum «Long Live ASAP » so breitbeinig daher, als hätte er hundert Jahre Zuhälterei und ein Dutzend Nummer-eins-Alben im Rücken. Tatsächlich wagte sich seit 50 Cent kein New Yorker Rapper mehr so pfauenhaft auf die Überholspur des Crime-and-Yacht-Genres: «Yeah my mouth is full of gold and I’m a city boy / and my outfit was in Vogue, I’m a pretty boy.» In Rakim Mayers aka ASAP Rockys Raps lebt die alte Hip-Hop-Saga auf: von der Sozialsiedlung zur Elite der «fashion killas». Die Sprache dient ihm weniger für Mitteilungen als zu Vokalgymnastik und Selbstbeweihräucherung. Es gibt bessere Lyriker als ASAP Rocky . Doch vermag der junge Rapper seine Reime mit so viel «swagger» vorzutragen, dass er bereits mit Rihanna auf der Bühne stehen und mit Lana Del Rey kollaborieren durfte. Und bereits zehn Millionen Klicks hat er auf Youtube gesammelt. Obwohl in Harlem aufgewachsen, klingt ASAP Rockys Hip-Hop kaum nach New York. Da mag seine Hitsingle «F**kin‘ Problems» Jay-Z zitieren und «1 Train» an den Wu-Tang-Clan erinnern – sonst bedient sich der Rapper überall. Dabei dominieren Düsternis, Dubstep-Geisterbahnen (von Skrillex), Fahrten durch Industriebrachen; und ersticktes Scharren und Klagen – als ob man die Musiker in einen Bunker gesperrt hätte. Für den Rapper ist das ein ideales Ambiente: Je nebulöser die Beats wabern, umso mehr kommt er in Fahrt. «Hell» heisst ein Song (mit Santigold). Hier wird teuflische Morbidität zu grossem Hip-Hop-Kino!
NZZ 8.2.2013
JONATHAN FISCHER

Ein amerikanisches Nirvana: Südstaaten-Soul als offener Quellcode: Mit „Big Inner“ legt der Sänger Matthew E. White ein fulminantes Debüt vor – eine Reise durch vierzig Jahre Popmusik mit überraschendem Ausgang.

Ja, der Mensch mag verletzlich, unvollkommen und zur Tragik verdammt sein. Aber ist das nicht wunderbar so? Es braucht nur ein paar leise, rollende Akkorde, um sich von Matthew E. White genau das einflüstern zu lassen, ihm willig in seine düstere, melancholiebesoffene Welt zu folgen. Und endlich auszuatmen: Der alte Schmerz, er grüßt nur noch aus der Ferne – nostalgisch verklärt, seiner Spitzen beraubt und stattdessen in wärmende Bläser- und Streicherdecken verpackt. So kann man mit dem Sänger seine Wunden lecken. Wenn schon Eskapismus, dann bitte so: in Multicolor, Breitwand und dem Bewusstsein, dass der Strudel des menschlichen Geworfenseins zu groß ist, um sich ihm nur mit einer Gitarre in der Hand entgegenzustemmen. Ein Orchester muss es mindestens sein.

„Big Inner“, Matthew E. Whites Debütalbum, trägt seinen Titel zu Recht: Hier wird bekannt, zurückgeschaut und bereut – nur ohne die Larmoyanz und die pfauenhaften Leidensposen, die bei so vielen jungen verwundeten Männern rasch nerven. White, mit Hornbrille und Zottelmähne an einen Jazz-Hipster alter Schule erinnernd, strahlt in seiner Musik einen fast mönchischen Gleichmut aus. Er verehrt das Dunkle und Schöne. Und er weiß seine Liebe in elegisch murmelnde Symphonien zu gießen: „I don’t want to live a minute longer than you / So let’s meet the Lord together“. Zusammen sterben, um dem Herrn näher zu kommen. Lässt sich Melancholie noch mehr ins Metaphysische steigern?

Bisher war der Neunundzwanzigjährige aus Richmond in Virginia nur Eingeweihten ein Begriff, und dann auch kaum als Singer/Songwriter. Sondern bestenfalls als Sessionmusiker, Produzent, Arrangeur – und zeitweiliger Bandleader der Avantgarde-Jazz-Formation Fight The Big Bull. Nun aber zeigt Matthew E. White seine wahren Ambitionen: Kreiert er doch mit „Big Inner“ nicht nur ein großes Album, sondern gleich ein ganzes Musikuniversum. „Spacebomb“ nennt er ein sich selbst tragendes Label mit Studio und Hausband, in das White seine ganze musikalische Erfahrung steckt und von dessen opulenten Möglichkeiten das Album einen Vorgeschmack gibt.

An manchen der Songs sind zwanzig bis dreißig Musiker beteiligt. Ihr Markensound soll eine Studioband-Tradition wiederbeleben, von der Labels wie Motown (mit den Funk Brothers) oder Philadelphia International (mit MFSB) einst profitierten. Dabei sind Whites Wahlverwandtschaften gar nicht so leicht zu verorten. Kritiker stellen ihn gerne in eine Reihe mit Bon Iver, Kurt Wagner von Lambchop, Bill Callahan oder Morrissey: alles, was schmerzvoll, sehnsüchtig und melodramatisch klingt. White selbst hat sich dagegen als glühender Verehrer von Randy Newman geoutet. Nur dass er es weniger mit Newmans Literaturvertonungen hält, sondern dessen Geschichten gescheiterter und nach Transzendenz strebender Existenzen überzeugend transformiert: nämlich in psychedelische Soul-Suiten, wie man sie so noch nicht gehört hat.

Soul: Man mag das Wort hier nicht leichtfertig in den Mund nehmen – nicht nur weil Whites Stimme, sein wispernder Bariton, so bescheiden daherkommt, als ob er sich von allem, was Casting-Jurys so lieben, absetzen wollte. Sondern auch wegen seiner sehr eigenwilligen Dramaturgie. Stets scheint die Klimax, ein lautes Aufbäumen, von der Wall of Noise nur einen Takt entfernt. Aber White verweigert sich jeder billigen Erlösung. Stattdessen mäandern seine Songs sanft dahin und entblättern immer neue Klangschichten und Texturen, folgt dem Klagegesang ein tröstender Chor, zärtlich summend wie die Mutter zum schlafenden Kind. Selbst die Bläser, sonst die Kraftmeier-Truppe des Souls, klingen wie in Watte gebettet. Intim, fast scheu. Und dann hört man plötzlich diese bekannte Melodie heranwehen: Joe South? Die Allman Brothers? Allen Toussaint? Die tiefe Liebe Whites zum Southern Soul lässt sich nicht verleugnen, ob er nun den bereits Genannten oder Jorge Ben, Jimmy Cliff und dem Gospelsänger Washington Phillips huldigt. „Big Inner“ erzeugt die Atmosphäre von Liturgie in einer schindelgedeckten Baptistenkirche irgendwo in Mississippi, während von draußen auf dem Feld afrikanische Trommeln herübertönen und gelegentlich atonal ausbrechende Saxophone die Gläubigen aus ihren demütigen Gebeten schrecken. Dr. Johns „Night Tripper“ hatte das ganz ähnlich drauf: spukende Klänge aus dem Nichts ein- und auszufädeln. Den Swamp-Funk zur Seelen-Katharsis aufzurüsten. White aber will nicht den Voodoo-Doktor geben. Vielmehr hat der Missionarssohn eine Biographie, in der die Geborgenheit einer mystischen Gemeinschaft und der Zweifel miteinander ringen.

Der Sänger behält sich allen Tragödien zum Trotz seinen leisen Optimismus, etwa in „Gone Away“, einer Klage um seinen verstorbenen Cousin. Er mahnt („Will You Love Me“), die Dunkelheit nicht mit Dunkelheit zu bekämpfen. Sondern mit Liebe. Am kraftvollsten aber entfaltet sich der hypnotische Sog des Spacebomb-Universums im letzten Song des Albums: „Brazos“. Er beginnt als lasziver und üppig orchestrierter Country-Soul, um sich gegen Ende zu einer fünfminütigen tamburingetriebenen Pfingstkirchen-Trance auszuwachsen, mit einem Chor, der „Jesus Christ is our Lord / Jesus Christ is our friend“ singt. Es ist das unerwartete Ende einer Reise durch 40 Jahre Popmusik. Matthew E. White gehört zu der Sorte Musiker, der man jede Menge Zitate zutraut, ohne dass das Ganze von ihrer eigenen ästhetischen Vision wegführt. Der zottelige Hipster kopiert nichts, sondern hat den Südstaaten-Soul als offenen Quellcode entdeckt. Er schreibt nur das Programm ein wenig um. Wurden in der Studioband des Soul-Pioniers Stax einst schwarze Gesangsgewalt und reduzierte Country-Begleitung zusammengebracht, dann dreht Matthew E. White die Formel um: Er kontrastiert seine verhuschten Vokalparts mit ultraraffiniertem, großorchestralem Soul. Er setzt Weichheit höher als Willenskraft und das Wir über das Ich. Vielleicht ist dieses Album deshalb so betörend: weil uns Whites Spielart der Americana an die Schnittstelle von fernöstlicher Spiritualität, Baptistentum und Pop führt. In das All American Nirvana, dem schon Generationen von Jazz-Mystikern und Beat-Poeten nachspürten.
JONATHAN FISCHER
FAZ, 8.2.2013

Allah spricht nicht nur arabisch: Der Prediger Scheich Haidara ist in Mali ein mächtiger Gegenspieler der Islamisten. Er hat drei Millionen Anhänger und steht für den gemäßigten Islam Afrikas

Scheich Haidara ist ein Gegenspieler der Islamisten in Mali, der im Ausland oft unterschätzt wird: Seine Organisation Ansar Dine hat rund drei Millionen Muslime hinter sich geschart, lange bevor militante Milizen seinen Namen kaperten. Der Prediger ist nicht zu übersehen. Sein Bild prangt in Läden, Restaurants, auf Bussen und Mofas, Jugendliche tragen T-Shirts mit seinem Konterfei, und an den Marktständen werden Hunderte seiner Predigten auf Kassetten und Videos angeboten. Scheich Scherif Madani Haidara stellt auf Bamakos Straßen selbst die allgegenwärtigen Pop-Idole Bob Marley und Che Guevara in den Schatten.

Wer seine Moschee im Norden der Stadt besuchen will, folgt einer Teerstraße, die seinen Namen trägt: Route Haidara. Wie ein Leuchtturm der Urbanität ragt das muslimische Gebetshaus mit den schlanken, grün-weißen Minaretten zwischen den Flachbauten und schäbigen Marktständen von Banconi heraus. Auch die modernen Kuben der Koranschule und des Krankenhauses wirken in dieser Umgebung wie Fremdkörper. Und dann noch die Flotte von Hummer-Jeeps und Porsche Cayennes auf dem Parkplatz.

Wo kommt in einem der ärmsten Länder nur so viel Geld her? „Unsere Organisation“, sagt Scheich Haidara – seine Bassstimme füllt den riesigen, von einem Dutzend Sofas gerahmten Empfangsraum – „finanziert sich ausschließlich über die Spenden unserer Anhänger. Ohne Spenden aus Saudi-Arabien oder Katar.“ Kein Geld aus Arabien. Er wiederholt diesen Satz feierlich. Eine Spitze gegen die Salafisten oder Wahhabiten, wie sie in Mali heißen.

Auch in Bamako sieht man sie gelegentlich: Männer in abgeschnittenen Hosen und schwarz verschleierte Frauen. Wahhabiten, deren Moscheen vor allem aus dem Ausland finanziert werden. „Warum brauchen wir die Araber? Wir leben in Mali doch schon seit Jahrhunderten den Islam.“

Haidara sitzt barfuß in seinem Sessel. Ein groß gewachsener Mann mit weiß gestreifter Kutte und Gebetskappe, der das Charisma eines fürsorglichen, aber strengen Ordensvorstehers ausstrahlt. Er ist der prominenteste Islam-Prediger Malis. Die Islamisten fürchten ihn: Weil er sie nicht mit Waffen und westlichen Ideen bekämpft, sondern mit Koran-Auslegungen und malischem Kulturnationalismus.

Vor der Moschee patrouillieren Polizisten, Wachleute schirmen die Warteräume auf dem Weg zu Scheich Haidara ab. Die Vorsichtsmaßnahmen haben einen guten Grund. Nachdem der Prediger in einem Radiointerview im Dezember lokale Salafisten beschuldigte, mit den islamistischen Milizen in Nordmali zu paktieren, hat er Morddrohungen erhalten. Ohne die Begleitung des populären Griots Bassekou Kouyate, eines persönlichen Freundes Haidaras, wäre die Audienz beim Ansar-Dine-Gründer wohl kaum zustande gekommen.

In Europa assoziiert man den Namen Ansar Dine vor allem mit den militanten Islamisten um Iyad ag-Ghali, die die Bevölkerung in Timbuktu und anderen Städten Nord-Malis terrorisieren, Dieben die Hände abhacken und Frauen zur Vollverschleierung zwingen. „Sie haben unseren Namen geraubt, um die Geister zu verwirren“, erklärt Haidara. „Dabei vergiften sie die Menschen mit ihren Lehren, verdrehen sie alles, was Ansar Dine bedeutet.“

Ansar Dine: Das ist arabisch für Wächter des Glaubens. Sicher war sich Islamistenführer Ag-Ghali bei der Namenswahl der sehr viel populäreren Konkurrenz bewusst. Nur dass in den Räumen von Haidaras Moschee Frauen und Männer unbekümmert miteinander reden. Dass hier viele bunte Kopftücher zu sehen sind, aber kein einziger Schleier.

Wenn Haidara die Islamisten im Norden „verkleidete Banditen“ nennt, kann er sicher sein, dass die Malier zuhören. Keine andere religiöse Autorität hat zwischen Bamako und Gao mehr Gewicht, kann mehr Parteigänger mobilisieren als der aus Segou stammende Prediger. Seine Ansar Dine unterhält im ganzen Land Schulen, Krankenhäuser und Moscheen. Ihr Vertrieb von Predigt-Kassetten hat Haidara zu einer der bekanntesten Stimmen Malis gemacht. „Wulibali“ rufen ihn seine Anhänger fast zärtlich in der regionalen Sprache Bambara: Einer, der die unerschütterliche Wahrheit spricht. Mindestens einmal im Jahr bringt Scheich Haidara das Fußballstadion in Bamako zum Überlaufen. Zuletzt im August 2012: Da rief der Geistliche vor 60 000 Menschen zur Versöhnung auf. Er ermahnte sowohl die Islamisten im Norden als auch die Militärputschisten in Bamako, ihre gewaltsam eroberte Macht wieder abzutreten. Mit einer Gefolgschaft von zwei Millionen Maliern – und noch einmal einer Million Gläubigen in den Nachbarländern – gilt Scheich Haidara als einer der religiösen Power-Broker Westafrikas. Selbst wenn nach dem Kriegseintritt der Franzosen militärische und politische Analysen im Vordergrund der Berichterstattung stehen: Auf lange Sicht spielt sich im Norden Malis wie in dessen Nachbarländern auch ein Kulturkampf ab. Zwischen einem liberalen schwarzafrikanischen Islam und dem Import radikaler Ideen aus Arabien.

Die Malier suchen in Haidaras Predigten spirituellen, moralischen und oft auch praktischen Rat. Und der Prediger gibt sich betont volksnah: Er zitiert gerne malische Sprichwörter und predigt statt auf Arabisch auf Bambara. „Wer sagt, dass Allah nur Arabisch spricht? Gott liebt viele Sprachen. Und wir lieben alle Gott.“ Wie die große Mehrheit der Malier verortet Haidara seine geistige Heimat im Sufismus, auch wenn er keiner der drei Sufi-Brüderschaften explizit verbunden ist.

Dass viele der Muslims neben der Gebetsmatte alte animistische Rituale praktizieren, ist in Mali allseits bekannt. Auf dem Fetischmarkt in Bamako stapeln sich geschrumpfte Affen- und Hyänenköpfe neben Kisten getrockneter Chamäleons – Fetische, die Medizinmännern für Rituale zur Heilung von Krankheiten, seelischen Gebrechen und der Beschwörung von Naturgewalten dienen. Haidara sagt, seine Bewegung stehe allen offen, den Synkretisten, Sufis und Salafisten. Als Prediger gebe er Verhaltensrichtlinien aus. Aber niemand solle missioniert, zu einer fremden Kultur bekehrt werden. „Islam bedeutet nicht Arabisierung.“

Selbst Andersgläubige zollten dem Ansar-Dine-Chef Anerkennung, als er in einer Predigt dazu aufrief, die Lautsprecher der Moscheen leiser zu stellen: Schließlich wolle man niemanden belästigen. Politiker dagegen fürchten Haidaras Kritik. Militärdiktator Moussa Traore verhängte in den Achtzigerjahren sogar ein Predigtverbot gegen ihn. Seit der Rückkehr des Landes zur Demokratie im Jahre 1992 ist Haidara seinen Kernthemen treu geblieben. Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Korruption. Während der Maloud-Feiern im März 2008 forderte er den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Toure auf, nicht nur die reichen Eliten zu fördern: „Eine Gesellschaft, in der ein Einzelner so viel konsumiert wie hundert andere, hat keine Hoffnung auf Entwicklung.“

Haidaras eigener Fuhrpark hin oder her: Seine Anhänger scheinen ihm manche Ungereimtheit nachzusehen, solange der Prediger sich nicht mit den Mächtigen einlässt und er die malische Toleranz verteidigt. „In Mali“, sagt Haidara, „leben auch Christen, Juden und Animisten, mit denen wir in Frieden koexistieren wollen. Wir sind ein laizistisches Land. Wenn Muslime anderen die Hände abhacken, nenne ich das nicht Scharia, sondern Barbarei.“

Seit Anfang der Achtzigerjahre aber pakistanische und arabische Missionare radikal konservative Werte und die notfalls gewaltsame Durchsetzung einer islamischen politischen Ordnung predigten, hört man auch in manchen malischen Moscheen die Verteufelung von Tanz und Musik – und das in einem der musikalisch traditionsreichsten Länder Afrikas. Geschätzte zehn Prozent der Muslime zählen sich zu den Wahhabiten. Lange galten sie nur als verschrobene Sekte, bis religiöse Eiferer 2005 in Bamako mehrere Bars mit Alkoholausschank verwüsteten. Im September 2011 setzte dann ein islamistischer Mob im Viertel Kalaban ein auf Tauffeiern spezialisiertes christliches Hotel-Restaurant in Brand.

„Wir lassen sie nicht eine Jahrhunderte alte Kultur zerstören“, sagt Haidara. Und erzählt von seiner Freundschaft mit Bassekou Kouyate. Sie stammen aus Nachbardörfern, der Vater des einen hat schon für den Vater des anderen gespielt. Habe der Prophet nicht selbst Musiker für seine Frau Aischa bestellt? Und wo bitte stehe im Koran, dass man Instrumente verbrennen oder tanzende Frauen auspeitschen solle? Musik sei doch das Herz Malis. Haidara lacht und klatscht in die offene Hand seines Griot-Freundes. „Bassekou zu hören ist für mich auch eine Art Gottesdienst.“
JONATHAN FISCHER
SZ 4.2.2013