Wer Mali die Musik nimmt, reißt dem Land das Herz heraus: Mit seinem neuen Album »Jama Ko« bezieht Bassekou Kouyate Stellung gegen den islamistischen Terror

Schneider, Elektriker, Schulkinder und Marktfrauen aus der Nachbarschaft drängen sich in dem Karree des unverputzten Flachbaus, nehmen mit Hüften und Händen den Puls der Musik auf. Es riecht nach offenem Feuer. Teller mit Lammfleisch und Reis machen die Runde. In Mali sind Tanz und Musik Teil des Alltags. Und doch ist diese Party ungewöhnlich, mitten in Bankoni, einem ärmlichen Zuwandererviertel im Norden der malischen Hauptstadt Bamako. Mit seiner Familienband hat sich Bassekou Kouyate an der Türschwelle seines Hauses aufgebaut. Er und seine drei Söhne schlagen auf ihren Ngonis, traditionellen Lauten, einen harten Rhythmus an, seine Frau Amy schmettert ihre kehligen Bluesgesänge wie Gebete in den Abendhimmel. »Jama Ko, Jama Ko« . Alle stimmen in den Refrain ein, werfen die Hände in die Luft. Jama Ko bedeutet so viel wie »große Versammlung«. Der Groove steckt an. Ein Dutzend Frauen in leuchtenden Boubou-Gewändern bilden einen Tanzkreis, Kinder hüpfen dazwischen. Und selbst die Würdenträger auf den Klappstühlen – Prediger der Nachbarmoschee sowie ein evangelischer und katholischer Priester – klatschen einträchtig mit.

Der Video-Dreh für Kouyates neues Album Jama Ko (Outhere Records) soll der Welt demonstrieren: Wir Malier halten zusammen. Egal, ob aus dem Norden oder dem Süden, dunkel- oder hellhäutig, Muslim oder Christ. Denn auch an diesem schwülen Dezembernachmittag bringt das Radio wieder Schreckensmeldungen aus dem Norden. Auspeitschungen, Hand-Amputationen, das Verbrennen von Musikinstrumenten. Dass radikale Islamisten in einer der musikalisch reichsten Gegenden Afrikas, dem Land von Popstars wie Tinariwen, Ali Farka Touré oder Amadou & Mariam, jede Art von weltlichem Gesang ausmerzen wollen – das hat die Menschen erschüttert.

»Wir haben Differenzen in Mali«, sagt Bassekou Kouyate. »Aber die Musik ist unsere gemeinsame Sprache, über sie finden wir immer wieder zusammen.« Auf der improvisierten Bühne nimmt Kouyate seinen Freund Manny Ansar, einen Tuareg und Organisator des berühmten Festival Au Desert in Timbuktu, in den Arm. Das Festival musste dieses Jahr wegen Anschlagsdrohungen der Islamisten abgesagt werden. Doch Kouyate war es wichtig, Ansar und seine Tuareg-Gefolgschaft auf der Party dabeizuhaben. Denn nachdem Splittergruppen dieser Ethnie Anfang letzten Jahres gegen die Staatsmacht im Norden rebellierten, um später von den Islamisten verdrängt zu werden, gelten sie vielen als Sündenböcke: »Wir sind alle Malier«, betont Kouyate. »Es sind ausländische Banditen, die unseren Konsens zerbrechen wollen.«

Kouyate entstammt einer bekannten Griot-Dynastie aus dem Süden Malis. Griots: So heißen die traditionellen Dorf-Barden und Streitschlichter Westafrikas. Schon als Kind hat Kouyate von seinem Vater die jahrhundertealten Melodien und Geschichten gelernt. In Mali begleiten Griots alle bedeutenden Ereignisse: Geburt, Hochzeit, Tod. Daneben werden sie von den Mächtigen, ob demokratisch oder nicht, für ihre Lobgesänge engagiert. Erst die jüngsten Ereignisse in seinem Land haben Kouyate politisiert. »Als wir anfingen, das Album aufzunehmen«, erzählt er, »stürzte das Militär den Präsidenten Amadou Toumani Touré. Soldaten besetzten die Fernsehstation, dann gingen die Plünderungen los.« Das war im März 2012. Kouyate brachte das Equipment aus dem Studio zu sich nach Hause, um dort die Aufnahmen fortzusetzen. Und während sich die Situation verschlimmerte, ließen er und seine Söhne ihre Musik gegen die Intoleranz der Islamisten aufschreien: Da besingt Sinaly einen berühmten Bamana-König, der sich im 19. Jahrhundert gegen die Zwangs-Islamisierung wehrte. Ne Me Fatigue Pas verdammt den Militärputsch in Bamako. Und in dem Gesangsduett Kele Magni fordern Kouyates Frau und Khaira Arby aus Timbuktu zusammen den Frieden für ihr Land ein.

Für die Aufnahmen war Produzent Howard Bilerman von der gefeierten Indie-Rockband Arcade Fire von Montreal nach Bamako gereist. Gilt Mali doch als neues Mekka westlicher Musik-Hipster, jammten schon Damon Albarn und Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones zusammen mit Kouyate. Das erklärt die illustren Gäste auf Jama Ko: Etwa den kanadischen Elektro-Rocker und Feist-Produzenten Mocky Salole oder Sänger und Gitarrist Taj Mahal, der im Duell mit Kouyates Ngoni erneut die Blutsbrüderschaft von Blues und pentatonischer Griot-Musik beweist. In Kouyates neuen Songs klingt die Ngoni so modern wie nie zuvor: Der Griot hat sie elektrisch verstärkt, mit Wah-Wah-Pedalen aufgerüstet und spinnt mit Bilermans Hilfe einen Soundteppich zwischen dünnem metallischem Pling-Pling, Latin-Riffs und schmutzig-aufreizendem Rock ’n’ Roll. Viel Wut steckt in dieser Musik. Und eine tiefe Spiritualität. »Über 90 Prozent der Malier«, sagt Kouyate, »sind Muslime. Wir singen seit Jahrhunderten Loblieder auf den Propheten. Aber unsere Form von Islam hat nichts mit der radikalen Form der Scharia zu tun. Wer Mali die Musik nimmt, reißt uns das Herz heraus.«
JONATHAN FISCHER
DIE ZEIT 22.2.2013

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