ASAP Rocky – Grosses Hip-Hop-Kino

Unfassbar! In einer Rap-Ära, in der Zweifel, Selbstreflexion, differenzierte Gefühle von Superstars wie Kanye West oder zuletzt Kendrick Lamar als neue kreative Messlatte ausgerufen werden, kommt der 24-jährige ASAP Rocky auf seinem Major-Debütalbum «Long Live ASAP » so breitbeinig daher, als hätte er hundert Jahre Zuhälterei und ein Dutzend Nummer-eins-Alben im Rücken. Tatsächlich wagte sich seit 50 Cent kein New Yorker Rapper mehr so pfauenhaft auf die Überholspur des Crime-and-Yacht-Genres: «Yeah my mouth is full of gold and I’m a city boy / and my outfit was in Vogue, I’m a pretty boy.» In Rakim Mayers aka ASAP Rockys Raps lebt die alte Hip-Hop-Saga auf: von der Sozialsiedlung zur Elite der «fashion killas». Die Sprache dient ihm weniger für Mitteilungen als zu Vokalgymnastik und Selbstbeweihräucherung. Es gibt bessere Lyriker als ASAP Rocky . Doch vermag der junge Rapper seine Reime mit so viel «swagger» vorzutragen, dass er bereits mit Rihanna auf der Bühne stehen und mit Lana Del Rey kollaborieren durfte. Und bereits zehn Millionen Klicks hat er auf Youtube gesammelt. Obwohl in Harlem aufgewachsen, klingt ASAP Rockys Hip-Hop kaum nach New York. Da mag seine Hitsingle «F**kin‘ Problems» Jay-Z zitieren und «1 Train» an den Wu-Tang-Clan erinnern – sonst bedient sich der Rapper überall. Dabei dominieren Düsternis, Dubstep-Geisterbahnen (von Skrillex), Fahrten durch Industriebrachen; und ersticktes Scharren und Klagen – als ob man die Musiker in einen Bunker gesperrt hätte. Für den Rapper ist das ein ideales Ambiente: Je nebulöser die Beats wabern, umso mehr kommt er in Fahrt. «Hell» heisst ein Song (mit Santigold). Hier wird teuflische Morbidität zu grossem Hip-Hop-Kino!
NZZ 8.2.2013
JONATHAN FISCHER

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.