Allah spricht nicht nur arabisch: Der Prediger Scheich Haidara ist in Mali ein mächtiger Gegenspieler der Islamisten. Er hat drei Millionen Anhänger und steht für den gemäßigten Islam Afrikas

Scheich Haidara ist ein Gegenspieler der Islamisten in Mali, der im Ausland oft unterschätzt wird: Seine Organisation Ansar Dine hat rund drei Millionen Muslime hinter sich geschart, lange bevor militante Milizen seinen Namen kaperten. Der Prediger ist nicht zu übersehen. Sein Bild prangt in Läden, Restaurants, auf Bussen und Mofas, Jugendliche tragen T-Shirts mit seinem Konterfei, und an den Marktständen werden Hunderte seiner Predigten auf Kassetten und Videos angeboten. Scheich Scherif Madani Haidara stellt auf Bamakos Straßen selbst die allgegenwärtigen Pop-Idole Bob Marley und Che Guevara in den Schatten.

Wer seine Moschee im Norden der Stadt besuchen will, folgt einer Teerstraße, die seinen Namen trägt: Route Haidara. Wie ein Leuchtturm der Urbanität ragt das muslimische Gebetshaus mit den schlanken, grün-weißen Minaretten zwischen den Flachbauten und schäbigen Marktständen von Banconi heraus. Auch die modernen Kuben der Koranschule und des Krankenhauses wirken in dieser Umgebung wie Fremdkörper. Und dann noch die Flotte von Hummer-Jeeps und Porsche Cayennes auf dem Parkplatz.

Wo kommt in einem der ärmsten Länder nur so viel Geld her? „Unsere Organisation“, sagt Scheich Haidara – seine Bassstimme füllt den riesigen, von einem Dutzend Sofas gerahmten Empfangsraum – „finanziert sich ausschließlich über die Spenden unserer Anhänger. Ohne Spenden aus Saudi-Arabien oder Katar.“ Kein Geld aus Arabien. Er wiederholt diesen Satz feierlich. Eine Spitze gegen die Salafisten oder Wahhabiten, wie sie in Mali heißen.

Auch in Bamako sieht man sie gelegentlich: Männer in abgeschnittenen Hosen und schwarz verschleierte Frauen. Wahhabiten, deren Moscheen vor allem aus dem Ausland finanziert werden. „Warum brauchen wir die Araber? Wir leben in Mali doch schon seit Jahrhunderten den Islam.“

Haidara sitzt barfuß in seinem Sessel. Ein groß gewachsener Mann mit weiß gestreifter Kutte und Gebetskappe, der das Charisma eines fürsorglichen, aber strengen Ordensvorstehers ausstrahlt. Er ist der prominenteste Islam-Prediger Malis. Die Islamisten fürchten ihn: Weil er sie nicht mit Waffen und westlichen Ideen bekämpft, sondern mit Koran-Auslegungen und malischem Kulturnationalismus.

Vor der Moschee patrouillieren Polizisten, Wachleute schirmen die Warteräume auf dem Weg zu Scheich Haidara ab. Die Vorsichtsmaßnahmen haben einen guten Grund. Nachdem der Prediger in einem Radiointerview im Dezember lokale Salafisten beschuldigte, mit den islamistischen Milizen in Nordmali zu paktieren, hat er Morddrohungen erhalten. Ohne die Begleitung des populären Griots Bassekou Kouyate, eines persönlichen Freundes Haidaras, wäre die Audienz beim Ansar-Dine-Gründer wohl kaum zustande gekommen.

In Europa assoziiert man den Namen Ansar Dine vor allem mit den militanten Islamisten um Iyad ag-Ghali, die die Bevölkerung in Timbuktu und anderen Städten Nord-Malis terrorisieren, Dieben die Hände abhacken und Frauen zur Vollverschleierung zwingen. „Sie haben unseren Namen geraubt, um die Geister zu verwirren“, erklärt Haidara. „Dabei vergiften sie die Menschen mit ihren Lehren, verdrehen sie alles, was Ansar Dine bedeutet.“

Ansar Dine: Das ist arabisch für Wächter des Glaubens. Sicher war sich Islamistenführer Ag-Ghali bei der Namenswahl der sehr viel populäreren Konkurrenz bewusst. Nur dass in den Räumen von Haidaras Moschee Frauen und Männer unbekümmert miteinander reden. Dass hier viele bunte Kopftücher zu sehen sind, aber kein einziger Schleier.

Wenn Haidara die Islamisten im Norden „verkleidete Banditen“ nennt, kann er sicher sein, dass die Malier zuhören. Keine andere religiöse Autorität hat zwischen Bamako und Gao mehr Gewicht, kann mehr Parteigänger mobilisieren als der aus Segou stammende Prediger. Seine Ansar Dine unterhält im ganzen Land Schulen, Krankenhäuser und Moscheen. Ihr Vertrieb von Predigt-Kassetten hat Haidara zu einer der bekanntesten Stimmen Malis gemacht. „Wulibali“ rufen ihn seine Anhänger fast zärtlich in der regionalen Sprache Bambara: Einer, der die unerschütterliche Wahrheit spricht. Mindestens einmal im Jahr bringt Scheich Haidara das Fußballstadion in Bamako zum Überlaufen. Zuletzt im August 2012: Da rief der Geistliche vor 60 000 Menschen zur Versöhnung auf. Er ermahnte sowohl die Islamisten im Norden als auch die Militärputschisten in Bamako, ihre gewaltsam eroberte Macht wieder abzutreten. Mit einer Gefolgschaft von zwei Millionen Maliern – und noch einmal einer Million Gläubigen in den Nachbarländern – gilt Scheich Haidara als einer der religiösen Power-Broker Westafrikas. Selbst wenn nach dem Kriegseintritt der Franzosen militärische und politische Analysen im Vordergrund der Berichterstattung stehen: Auf lange Sicht spielt sich im Norden Malis wie in dessen Nachbarländern auch ein Kulturkampf ab. Zwischen einem liberalen schwarzafrikanischen Islam und dem Import radikaler Ideen aus Arabien.

Die Malier suchen in Haidaras Predigten spirituellen, moralischen und oft auch praktischen Rat. Und der Prediger gibt sich betont volksnah: Er zitiert gerne malische Sprichwörter und predigt statt auf Arabisch auf Bambara. „Wer sagt, dass Allah nur Arabisch spricht? Gott liebt viele Sprachen. Und wir lieben alle Gott.“ Wie die große Mehrheit der Malier verortet Haidara seine geistige Heimat im Sufismus, auch wenn er keiner der drei Sufi-Brüderschaften explizit verbunden ist.

Dass viele der Muslims neben der Gebetsmatte alte animistische Rituale praktizieren, ist in Mali allseits bekannt. Auf dem Fetischmarkt in Bamako stapeln sich geschrumpfte Affen- und Hyänenköpfe neben Kisten getrockneter Chamäleons – Fetische, die Medizinmännern für Rituale zur Heilung von Krankheiten, seelischen Gebrechen und der Beschwörung von Naturgewalten dienen. Haidara sagt, seine Bewegung stehe allen offen, den Synkretisten, Sufis und Salafisten. Als Prediger gebe er Verhaltensrichtlinien aus. Aber niemand solle missioniert, zu einer fremden Kultur bekehrt werden. „Islam bedeutet nicht Arabisierung.“

Selbst Andersgläubige zollten dem Ansar-Dine-Chef Anerkennung, als er in einer Predigt dazu aufrief, die Lautsprecher der Moscheen leiser zu stellen: Schließlich wolle man niemanden belästigen. Politiker dagegen fürchten Haidaras Kritik. Militärdiktator Moussa Traore verhängte in den Achtzigerjahren sogar ein Predigtverbot gegen ihn. Seit der Rückkehr des Landes zur Demokratie im Jahre 1992 ist Haidara seinen Kernthemen treu geblieben. Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Korruption. Während der Maloud-Feiern im März 2008 forderte er den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Toure auf, nicht nur die reichen Eliten zu fördern: „Eine Gesellschaft, in der ein Einzelner so viel konsumiert wie hundert andere, hat keine Hoffnung auf Entwicklung.“

Haidaras eigener Fuhrpark hin oder her: Seine Anhänger scheinen ihm manche Ungereimtheit nachzusehen, solange der Prediger sich nicht mit den Mächtigen einlässt und er die malische Toleranz verteidigt. „In Mali“, sagt Haidara, „leben auch Christen, Juden und Animisten, mit denen wir in Frieden koexistieren wollen. Wir sind ein laizistisches Land. Wenn Muslime anderen die Hände abhacken, nenne ich das nicht Scharia, sondern Barbarei.“

Seit Anfang der Achtzigerjahre aber pakistanische und arabische Missionare radikal konservative Werte und die notfalls gewaltsame Durchsetzung einer islamischen politischen Ordnung predigten, hört man auch in manchen malischen Moscheen die Verteufelung von Tanz und Musik – und das in einem der musikalisch traditionsreichsten Länder Afrikas. Geschätzte zehn Prozent der Muslime zählen sich zu den Wahhabiten. Lange galten sie nur als verschrobene Sekte, bis religiöse Eiferer 2005 in Bamako mehrere Bars mit Alkoholausschank verwüsteten. Im September 2011 setzte dann ein islamistischer Mob im Viertel Kalaban ein auf Tauffeiern spezialisiertes christliches Hotel-Restaurant in Brand.

„Wir lassen sie nicht eine Jahrhunderte alte Kultur zerstören“, sagt Haidara. Und erzählt von seiner Freundschaft mit Bassekou Kouyate. Sie stammen aus Nachbardörfern, der Vater des einen hat schon für den Vater des anderen gespielt. Habe der Prophet nicht selbst Musiker für seine Frau Aischa bestellt? Und wo bitte stehe im Koran, dass man Instrumente verbrennen oder tanzende Frauen auspeitschen solle? Musik sei doch das Herz Malis. Haidara lacht und klatscht in die offene Hand seines Griot-Freundes. „Bassekou zu hören ist für mich auch eine Art Gottesdienst.“
JONATHAN FISCHER
SZ 4.2.2013

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