Monatsarchiv: Dezember 2013

Hits and Misses 2013

Hits (live performances only)

1) Chuck Perkins, Big Chief Kentrell Watson, Mike Measy & Express Brass Band @ Milla
2) Bassekou Kouyate & Ngoni Ba @ his house, Bamako
3) Ben Zabo @ Chez Symphorien, Bamako
4) Antibalas @ Brooklyn Open Air
5) Charles Bradley @ Ampére
6) Kofelgschroa @ Alte Wiesn
7) Trio Bastiao (Forro) @ Jazzclub Ellington
8) Xuman @ Dakar
9) Valerie June @ Prince Charles, Berlin
10) Cumbia Allstars @ Ampère

Misses:
1) Soul Rebels @ Ampère
2) Mos Def @ Muffathalle
3) All HipHop shows that cost more than 30 Euros

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Geld schwingt nicht! Snoop Dogg suchte schon im Gangsta-Rap und im Reggae nach den richtigen Vibrations. Jetzt hat er sie im Funk gefunden – und einen neuen Namen gleich dazu. Eine Begegnung in Amsterdam

Die Möglichkeit, sich jederzeit noch einmal neu zu erfinden: Liegt darin nicht die ganze Strahlkraft Amerikas? Der Grund, warum dieses Land der Nabel der Popwelt ist? Man könnte ein Buch mit fantastisch anmutenden Verwandlungsgeschichten füllen: etwa der des Soulsängers und Bischofs Solomon Burke, der sich abwechselnd als Bestatter, Limousinenverleiher, Inhaber einer Schneeräumkolonne oder auch einer Popcorn-Fabrik durchs Leben schlug. Oder die Metamorphosen des George Foreman, vom Schwergewichtsweltmeister zum Straßenprediger und Vertreiber eines millionenfach verkauften fettfreien Grills.

Von den Popstars der Gegenwart aber beherrscht niemand das „Bäumchen, wechsle dich“ so virtuos wie Calvin Broadus Jr. Zwanzig Jahre nach Erscheinen seines Debütalbums „Doggy Style“ hat er bereits drei Aliasse verbraucht: das des Gangster-Rappers Snoop Doggy Dog, des Pimp-Darstellers Snoop Dogg und zuletzt das des religiös erleuchteten Reggae-Propheten Snoop Lion.

Nun kommt eine weitere Verpuppung: zum Funk-Master Snoopzilla. Das dazugehörige Album „7 Days of Funk“ nimmt uns mit auf eine Reise zurück in die Zukunft. Genauer: Zum tiefergelegten Funk der Achtzigerjahre, dem musikalischen Fundament des Westküsten-Hip-Hop. Albumproduzent Dam Funk und Snoop sind beide Jahrgang 1971, beide in Los Angeles geboren, beide mit der Bass-Musik von Bootsy „Bootzilla“ Collins, Rick James oder Zapp groß geworden. Sie atmen den Funk.

Aus dem Musikstudio in Amsterdam, wo Snoopzilla und Dam Funk Audienz halten, dringen dicke süßliche Schwaden in den Vorraum. Nach drei Stunden Wartezeit öffnet sich die Tür: gedämpftes violettes Licht. Und zwei schwarze Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen in einer Wolke aus Nebel, Sprüchen und Gelächter. Es dauert eine Weile, bis sie sich dem Interviewer zuwenden.

Wie darf man die neue Snoopzilla-Persona in die biografische Erzählung einordnen? „Hip-Hop in den Achtzigern“, dröhnt der Schlaks im übergroßen Trainingsanzug, „war gewalttätig. Wir rappten über all den negativen Mist der Straße. Bloods gegen Crips, Drogen und Koks. Heute ist Hip-Hop dagegen ein einziger Spaß. Weil der Kampf vorbei ist. Als ich Reggae machte, ging es mir um eine Botschaft: um Liebe, Frieden, gute Schwingungen. Und nun will ich eben Funk spielen. Das ist meine Freiheit als Musiker. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt, what the fuck I like.“ – „Sag‘ einfach, wie es ist, Bruder“, sekundiert ihm Dam Funk, ganz die Gemeinde des Baptistenpredigers. Gegenseitiges Abklatschen, sodass die bunt gerahmten, verspiegelten Sonnenbrillen fast von der Nase rutschen. Genüsslich ziehen sie an ihren Joints, blasen weiße Wölkchen in die Luft. „Funk ist Musik, um sich gut zu fühlen, sich zu bewegen, zu tanzen. Funk lässt sich nicht in Worte fassen. Aber wenn er dich erwischt, dann erwischt er dich“, sagt Snoopzilla.

Aber muss er den Funk überhaupt erklären? Sein bassgesättigter Näselton, die blasiert zerdehnten Silben, der geschmeidige Flow, mit dem ihm „when it’s in you, it’s in you“ über die Lippen kommt – das ist doch schon sein ganzes Evangelium. Gerappter Funk, der Snoop zur weltweiten Marke gemacht hat. Bei ihm zählte nie so sehr, was er sagt. Sondern wie er es sagt. Misogyne Gangster-Klischees und Zuhälterunsinn hin oder her: Sex sells. Und Snoops Nuschelraps zielen direkt auf den Unterleib. Das Comic-Cover seines Debütalbums „Doggystyle“ zeigte ihn als Macker-Hund auf seinem Häuschen, aus dem ein nacktes weibliches Hinterteil herausragt. Seitdem balancieren Snoops Raps auf dem schmalen Grat zwischen Schweinkram, Schurkenfantasie und Selbstironie.

„Gangster, hoes, shiznit“ – wie ernst er das alles meinte? „Ich habe nur beschrieben, wo ich herkomme. Ich rappte einen Film. Einen Film aus der Sicht von jemandem, der das genauso gelebt hat und den Schmutz unter der Erfolgsgeschichte hervorkehrt. Warum sollte jemand mit Drogen dealen und denselben Gang-Mist verzapfen wollen wie ich als Jugendlicher? Es gibt bessere Wege zum Erfolg! Deswegen komme ich auch nicht mit erhobenem Zeigefinger und sage: Mach dieses und jenes nicht. Nein, ich lebe heute als positives Vorbild.“

Davon konnte bei Calvin Broadus Jr. lange nicht die Rede sein. 1993 stand er wegen Mordes an einem feindlichen Gangmitglied vor Gericht – und kam nur frei, weil die Jury ihm glaubte, dass er in Notwehr gehandelt habe. Anfangs schlachtete sein Produzent Dr. Dre Snoops Gangster-Ruf entsprechend aus.

Doch das Image passte nicht wirklich: Snoop spielte lieber mit einer Karikatur des Pimp oder Zuhälters. Dichtete Dada-Verse, „shizzle to my nizzle“, nahm komödiantische Filmrollen und trainierte in seiner Freizeit die Footballmannschaft seiner Söhne. Auch lebte er vor, was es heißt, nicht an sich selbst zu kleben. Als ihm nach Superhits wie „Drop It Like It’s Hot“ Mitte der Nullerjahre die Luft auszugehen drohte, machte er Country-Songs mit Willie Nelson, beglückte Katy Perry mit seinem Genuschel – und ließ sich 2012 ein Reggae-Album auf den Leib schneidern. Natürlich belächelten ihn die Kritiker: Snoop Lions Beteuerung, er sei die Reinkarnation Bob Marleys, seine Pilgerfahrt nach Jamaika und sein bekiffter Talk von „der Öffnung seines dritten Auges“ schienen einen grotesken Endpunkt unter seine Karriere zu setzen. Der Funk wurde sein Rettungsanker. Er lässt den Westküsten-Rapper zum Sound seiner Jugend zurückkehren, zu den Songs, zu denen der halbwüchsige Calvin das Kiffen und Tanzen lernte.

Es war eine Zeit, in der die Mutter vergeblich versuchte, ihren Sohn im Gospelchor zu halten. Die Straßen boten mehr Abenteuer, die Drogen mehr Geld. Und doch bereut Snoop seine Zeit als Kirchensänger nicht: „Ich habe den Funk immer als Fortsetzung des Gospel verstanden. Wir kommen alle aus der Kirche, haben das gute Gefühl und das Wissen um richtig und falsch aus dem Gottesdienst mitgenommen.“ Dam Funk nickt: „Funk lässt dich spüren, dass wir Teil der schwarzen Erfahrung sind, einer weltweiten Erfahrung.“ Schon der erste Durchlauf von „7 Days Of Funk“ zeigt die Nebenwirkungen: stresslösend, stimmungsaufhellend, energetisierend.

Funk ist nicht zufällig in der Zeit entstanden, in der die Ghettos in Amerika brannten und die Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung in einer Depression zu ertrinken drohten. Und bis heute hat sich sein Rezept kaum verändert: rollende elektronische Bässe, einfache Synthesizer-Melodien, bekiffte Mitsingchöre. Snoopzillas Schnurren fügt sich organisch in die Beat-Hydraulik. Nur weicher und cooler klingt das als die Vorbilder aus den Achtzigerjahren. Kalifornischer. So muss es sich anfühlen, im gefederten Jeep über die Kuppen des Sunset Boulevard zu gleiten – die Sonne im Gesicht, eine kühle Pazifikbrise im Nacken.

Eine zufällige Partybegegnung hatte Dam Funk und Snoop Dog zusammengebracht: Snoop hörte die Grooves des Indie-Produzenten, sprang spontan auf die Bühne und rappte dazu. Zwei Jahre später war die Idee zum gemeinsamen Album ausgegoren: Dam Funk schickte Snoop nach und nach die Tracks. Und der rappte angeblich impromptu im eigenen Badezimmer dazu. Eine Herzenssache. Sie erscheint auch nicht bei einer großen Plattenfirma, sondern auf dem Indie-Label Stones Throw, der Heimat von Exzentrikern wie Madlib oder Vex Ruffin.

„Dams Sound hat den Funk aus mir herausgekitzelt“, sagt Snoopzilla. In seinen Raps hört man kaum noch etwas von dem alten Zyniker, eher eine lockere Mischung aus Nostalgie, abgeklärtem Genuss – und manchmal gar einem Schuss Lebensweisheit. Da predigt der Rapper harte Arbeitsethik („Niggaz Hit D Pavement“), beschwört er die romantische Liebe („I’ll Be There 4 U“) und hängt einer gescheiterten Beziehung nach („Faden Away“). Gerade mal 34 Minuten dauert das Album. Das ist ungefähr das alte LP-Format.

Funk-Fans dürfen „7 Days of Funk“ also als Nachtrag zu all den Parliament-, Funkadelic- und Atlantic-Starr-Scheiben in den heimischen Plattenschrank sortieren. „Viele denken, es gehe nur noch um Verkaufszahlen“, sagt Snoopzilla. „Aber: Es gibt Wichtigeres. Fuck radioplay. Funk dreht sich um Emotionen. Verkaufen ist gut, aber fühlen ist besser.“ Dann beugt sich Calvin Broadus gewichtig nach vorne. Kinder, sagt er, hätten die Gabe, den wahren Menschen hinter der Maskerade zu spüren. Seinen zwei Söhnen und der Tochter müsse er sich jedenfalls niemals erklären.

Ob er einen Erziehungsratschlag von Vater zu Vater mitgeben dürfe? „Wenn deine Kinder anfangen, Musiktexte zu verstehen, musst du aus deiner Elternrolle schlüpfen und ihr Freund werden. Dann lassen sie dich eher in sich hineinschauen. Lass sie in deiner Gegenwart Spaß haben. Verbiete ihnen nichts. Dann wirst du merken, dass sie meine Texte besser verstehen als du selbst.“ Gelächter. Abklatschen. Und eine Rauchschwade als Ausrufezeichen.
JONATHAN FISCHER
Die Welt 15.12.2013

Sagen Sie doch mal laut: Ich bin weiß! Toleranz schützt nicht vor Rassismus: Ein Abend mit der afrodeutschen Schauspielerin, Sängerin und Bürgerrechtlerin Noah Sow

Im „Pavillon” in Hannover erwartet Noah Sow ein Heimspiel: Das Kulturzentrum schmücken Wandgemälde gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, die Poster kündigen Vorträge zu „Macht und Machenschaften der Markenkonzerne” an und über dem Eingang zum Lesesaal prangt in zwölf Sprachen das Wort „Willkommen”. Zwischen Töpferwerkstatt und afrikanischem Tanzkurs steht man hier fest auf politisch korrektem Boden. Hier kann die aus Hamburg angereiste Moderatorin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin des Buches „Deutschland Schwarz Weiß – der alltägliche Rassismus” eigentlich nur zu den Bekehrten predigen. Und all die Rassisten da draußen geißeln. Denkt man. Bis die zierliche Frau mit der Afrofrisur und den tätowierten Oberarmen jede Unschuldsvermutung vom Tisch fegt: „Viele Linke haben den Rassismus einfach externalisiert. Die Dämonisierung der anderen aber verhindert die Auseinandersetzung mit eigenen Rassismen.”
Oft, sagt Noah Sow, habe sie die Erfahrung gemacht, dass Konservative für ihre Argumente zugänglicher seien. Tatsächlich eckt die Autorin mit ihrem Buch gerade im Gutmenschenmilieu gehörig an. Immerhin lautet ihre These, jeder noch so tolerant tuende Weiße habe einen Rassisten in sich stecken. Davon abweichende Meinungen seien nur Schutzmechanismen.
Afrikanische Völker im Zoo
„Ich kann niemanden bekehren, aber den Leuten ihre Prägung bewusst machen.” Wenn Sow redet, dann hört man unter der schnippischen Oberfläche die Wut. Schlagfertigkeit und verbale Aggression liegen bei ihr nur einen Zungenschlag voneinander entfernt. Und die gerade noch freundliche Gesprächsatmosphäre droht bei jeder „falschen” Frage ins Klamme umzukippen. So verrät Sow zwar, dass ihre weiße deutsche Mutter als Gewerkschaftssekretärin dem linken Milieu entstammte. Weitere Fragen nach ihrem Privatleben aber duldet sie nicht. Der afrikanische Vater? Ihre Familie sei privat. Punkt. Nachhaken zwecklos. Sie sei es gewohnt, in ihren Entscheidungen respektiert zu werden. Entsprechend selbstbewusst bis ungnädig gibt sich die Frau, die sich hierzulande vor allem als Sängerin der afrodeutschen Frauenband Sisters und Radiosprecherin einen Namen machte, auch in ihrem ersten Buch.
Als Noah Sow am Lesepult das Mikrophon ergreift, ist der schummrig-gelb beleuchtete Mehrzwecksaal vollbesetzt – hauptsächlich sind weiße Deutsche aus dem studentischen Umfeld gekommen. „Sie werden auch mal hart angefasst werden”, gibt sie ihrem Publikum zu verstehen. „Nehmen sie es als Erfahrung.” Es geht an diesem Abend weniger um Entertainment als um die Selbstkritik ihrer Zuhörer. Wenn Sow keine dieser gut verkäuflichen persönlichen Leidensgeschichten geschrieben hat, dann weil sie den Fokus weg von sich als Einzelschicksal hin zu den Vorurteilen der Masse lenken will, und sie ihre Objektivität möglichst nicht durch biographische Details in Frage gestellt sehen möchte.
Vielleicht ist es aber doch nicht ganz verkehrt, ein wenig von Noah Sow zu wissen, bevor man ihre 319 Seiten starke Anklageschrift liest. Aufgewachsen in Oberbayern, lebt die Musikerin und Autorin seit zehn Jahren in Hamburg, der Stadt, die ihrer Meinung nach „die einzig normale in Deutschland ist”. Vor allem auf dem Kiez fühlt sie sich zu Hause. Weil die Menschen hier entspannter seien, sie im Millerntorstadion als schwarze Frau ohne dumme Anmache die Fußballspiele ihres Lieblingsvereins FC St. Pauli besuchen kann, und bei Gelegenheit gar der von Noah Sow und ihrer Punkrockband Das Heimlich Manöver eingespielte Song „Es brennt hier drin” durch die Stadionlautsprecher dröhnt. Allerdings erzählt sie auch von einer schweren Enttäuschung. So wurde ihr beim Foto-Shooting für einen FC St. Pauli Merchandising-Katalog beschieden, sie könne unmöglich mit ihrem Afro antanzen, solle erst einmal ihre Frisur glätten. Für die Frau, die einst während der ersten Staffel von „Popstars” als Jury-Mitglied ausstieg, weil sie den von einem „unmöglichen Menschenbild” geprägten Umgang mit den Kandidaten nicht mehr mittragen wollte, der Beweis, dass der Feind gelegentlich in den vermeintlich eigenen Reihen sitzt. Keine Frage: Die Zurückweisung schmerzt dort am meisten, wo man sie am wenigsten erwartet.
Vielleicht ist das der Grund, warum Sow inzwischen als Vorsitzende des Vereins Der Braune Mob am liebsten über rassistische und unfaire Wortwahl in deutschen Medien doziert, sie „braune Karten” etwa an den Zoo in Augsburg verteilt, der mit seiner Veranstaltung „African Village” an die Tradition der sogenannten Völkerschauen des 19. Jahrhunderts erinnert, oder das Wort „Neger” als Beleidigung aus dem Langenscheidt-Wörterbuch zu streichen fordert.
Wo kommst du eigentlich her?
Dabei hat sie persönlich viel handfestere Anfeindungen erlitten: So will man ihr bei einem Fernsehdreh in Rostock das reservierte Zimmer nicht geben, patrouillieren vor dem Hoteleingang gewaltbereite Glatzen, und weigern sich weiße Mitarbeiter aus Angst vor Übergriffen, im selben Auto wie Sow zu sitzen. Doch davon möchte die „Deutschland-Schwarz-Weiß”-Autorin eigentlich nicht mehr reden. So wenig wie von ihrer ICE-Fahrt nach Potsdam, auf der sie von einem Rudel Neonazis physisch und psychisch so malträtiert wurde, dass sie mehrere Wochen arbeitsunfähig war und sich in therapeutische Behandlung begeben musste. Statt den rechten Rand nimmt sie lieber die sublimeren Formen der Misshandlung durch vermeintlich aufgeklärte Mitbürger aufs Korn. Und erzählt etwa, dass sie im Zug nur noch erste Klasse fährt. Da könne sie wenigstens sicher sein, nicht mit ungebetenen Gesprächen à la „Wo kommst du eigentlich ursprünglich her?” oder „Ich hatte auch schon mal eine brasilianische Freundin. . .” belästigt zu werden.
„Sagen Sie doch mal laut: Ich bin weiß”, ruft Sow ihrem Lesungspublikum zu. Plötzliche Stille. „Merken Sie, dass Sie da gar keine Lust darauf haben, mit anderen in einen Topf geworfen zu werden. Dass Sie sich daran klammern, ein Individuum zu sein?” Wenn sie sich nur mal selbst daran halten würde. Zwar hat Noah viel und ausdauernd recherchiert. Sehr präzise und mit vielen Fallbeispielen belegt sie da einen spezifisch deutschen Rassismus, von der hiesigen Kolonialgeschichte bis zum „strukturellen Ignorieren, dass schwarze Menschen ein Teil Deutschland sind”, vom „Racial Profiling” der deutschen Polizei bis zur Rollen-Beschränkung schwarzer Schauspieler auf die immer selben Entertainer-, Dealer- und Hilfsarbeiter-Klischees. Andererseits krankt „Deutschland Schwarz Weiß” selbst an so mancher Kollektiv-Verurteilung. „Deutschland ist ein Club”, heißt es da etwa, „in dem alle Weißen grundsätzlich hochwillkommen und alle Schwarzen grundsätzlich verdächtig sind”. Da riecht Harry Potter als „Halbblut” nach Nazi-Rassenlehre, und auch in einem Spiegel-Titel, der unter der Überschrift „Das Böse im Guten” ein dunkel und hell eingefärbtes Frauengesicht zeigte, vermutet Noah Sow „aggressive weiße Dominanz”.
Wo aber selbst weiße Mütter schwarzer Kinder wegen ihres „Weiß-Seins” eine Gefahr für das korrekte Selbstbild ihres Nachwuchses darstellen, verlieren sich Sows Spitzen bisweilen im Gestrüpp der Political Correctness. Akademisch-besserwisserisch kommt einem da vieles vor. Und ärgerlich: Vor allem wenn die Provokation wichtiger wird als die Kommunikation. Wenn sie postuliert, dass weiße Deutsche grundsätzlich zu Verstocktheit neigen und weniger misstrauisch agierende schwarze Deutsche ganz einfach den Herrschafts-Diskurs bereits internalisiert haben.
Klassische Verhaltensmuster
„Für unsere unterpigmentierten Freunde”, erklärt Noah Sow, „nun ein paar Sprüche, die wir nie wieder hören wollen.” Man hört ihr die Verachtung für die Fragensteller an: Woher kommst du? Wirst du irgendwann wieder zurückgehen? Fühlst du dich eher als Deutsche oder als Afrikanerin? Warum liegst du in der Sonne, du bist doch schon braun? Du kannst bestimmt gut singen? Die ihrer Meinung nach passend „humorvollen” Antworten liefert sie gleich mit: „Und du kannst bestimmt superschnell laufen. Versuch‚s mal. Über die sechsspurige Straße da.”
Die Lesung ist aus, eine Diskussion mit dem Publikum lässt die Autorin ausdrücklich nicht zu. Sie habe kein Problem mit Aggression, sagt sie, aber erfahrungsgemäß würden dann einige „angepiekste” Hörer den ganzen Raum mit ihrer Wut für sich beanspruchen und „die schöne Atmosphäre kaputtmachen”. Lieber sollten sie daheim mit ihren Freunden diskutieren: Warum ärgere ich mich? Wurde ich gerade als Rassist ertappt? „Sie müssen erkennen, dass sie den Schuh, den sie sich nicht anziehen wollen, schon tragen. Erst dann können sie ihn ausziehen.”
Erst recht aber will Sow keine Therapeutin sein: Einer verunsicherten Leserin, die im Amnesty-International-Journal schreibt, sie habe nun das Gefühl, beim Kontakt mit Schwarzen alles falsch zu machen, wirft sie ein „klassisches weißes Verhaltensmuster” vor. „Sobald nicht mehr alles erlaubt ist, wird die eigene Befindlichkeit in den Vordergrund gestellt.” Konsequent ist das zumindest. Und jenseits jeder Opferrolle. Dennoch gibt es einen Moment, wo Noah Sow sich im angeschlossenen Café eine Zigarette anzündet, und so etwas wie Verletzbarkeit zeigt. Es geht um ihren jüngsten Auftritt mit den Sisters. „Es ist versöhnlich, wenn man mit sieben schwarzen Frauen auf der Bühne steht und einem zugehört wird. Mir sind die Tränen gekommen – das schafft kein Sachbuch!” JONATHAN FISCHER

SZ 2008

Kurzmitteilung

Aus dem Magma-Kern des Menschseins Noch Amy Winehouse hat das Wichtigste von ihm gelernt: mit der Stimme direkt in die Seele zu treffen. Eine Werkschau würdigt das vergessene Soulgenie Donny Hathaway.   Zum Audio   Hörprobe: „ The Ghetto – … Weiterlesen

Klänge aus dem Unterleib der Stadt: Kwes ist der König des Elektro-Soul – und legt jetzt sein erstes eigenes Album vor

Seine Unbeholfenheit. Die scheue Art. Das ist das Erste, was an Kwesi Sey alias Kwes auffällt. Der Mann wirkt kaum beeindruckt angesichts seines jungen Ruhms. »Ich bin nur ein Musikliebhaber«, wiegelt er ab, »mir ist es am wichtigsten, neue Dinge zu lernen.« Höflich wirkt er, der schlaksige Typ mit den langen Gliedmaßen und dem Hipsterbart – höflich, aber reserviert. Während er redet, geht sein Blick nach innen. Er zögert, bevor er zu einem neuen Satz ansetzt: »Meine Songs erklären das am besten.« Als ob er seine Musik als Puffer zwischen der eigenen Verletzlichkeit und der Welt brauchte.

Dabei hätte Kwes Grund, mit breiter Brust aufzutreten. Kanye West, Damon Albarn, Bobby Womack, The XX und andere Popgrößen haben seine Dienste als Produzent in Anspruch genommen. Für die englischsprachigen Medien ist die Sache ohnehin klar: Der Londoner Kwes ist der derzeitige Vorreiter des experimentellen Elektro-Soul. Viel Ehre für einen 26-Jährigen. Dem Enkel ghanaischer Immigranten aber ist der Hype peinlich. Vier Jahre hat er gebraucht, um sein Debütalbum ilp fertigzustellen. Der Schritt vom Studiomischpult ins Rampenlicht, zur Präsentation seiner selbst, sei ihm schwergefallen. Dem Klischee eines Soulmans entspricht Kwes nicht. Seine Musik noch weniger.

Das Album beginnt mit einem Spaziergang durch einen Park: Verzerrte Stimmen und metallische Drones mischen sich mit Entengeschnatter und dem Fauchen von Schwänen. Melodiefragmente schweben wie Seifenblasen heran. Erst nach einer Minute findet Purplehands langsam zu einer Songform und einem Beat. Ein verstörender Anfang für eine Popplatte. Und doch kommt das Chaos einem nicht unbekannt vor. Kwes’ körperlose Stimmen, sein Mix aus Melodien, Elektro-Clustern und mäandernden Hip-Hop-Beats ähneln dem Driften kleiner Informationspartikel durch den Datenraum, einem ununterbrochenen Strömen in ständig neuen Formen. »Manche finden Schönheit eher in der Ordnung«, sagt Kwes, »andere in der Schlamperei.« Er selbst neigt zu Letzterem.

Wie Öllachen schillern seine Kompositionen. Hat man nicht gerade eine klassische Soul-Phrasierung gehört? Einen Jazzchor? Eine anmutig funkelnde Melodie? Der Track 36 mit seinem Gummi-Bass und dem melancholischem Pianoriff gehört zu den betörenden Popmomenten eines Albums, das mit Wiedererkennungseffekten spielt, ohne sie je ganz einzulösen: Mal irritiert ein umgekehrtes Echo vor den Vokalen, mal schieben sich windschiefe Keyboardriffs in die Parade, mal versandet der Rhythmus. Anmutig lässt Kwes seine Songs implodieren. Doch selbst der Zerfall bekommt bei ihm etwas Zärtliches, etwa wenn er in Cablecar die Spannung und Verkrampftheit am Anfang einer Beziehung thematisiert. Wenn er metaphorisch Blumen von Zügen überrollen lässt. Oder als Leidensmann in Broke zu verzerrten Wurlitzerklängen und düsterem Rauschen singt: »You’re so beautiful, and I don’t want to destroy you with my desire.«

Mit Marvin Gaye und anderen Größen des Souls ist das nicht zu vergleichen. Soul zielt von seinen Ursprüngen her auf Selbstvergewisserung. Kwes’ Musik hingegen fängt erst an, wenn die Party zu Ende, das Reklamegeschwätz verstummt ist und sich leisere Seelenstimmen regen. Seine Kompositionen haben etwas vorsichtig Tastendes. Immer wieder drohen »verrückte« Geräusche sein Songwriting aus der Bahn zu werfen. Brian Eno hatte schon in den siebziger Jahren mit der Theorie von Musik als Klangfeld gearbeitet und die Vorstellung von fixierten Kompositionen abgelehnt. Kwes übersetzt diese Idee in den Pop von heute. In taoistischer Manier balancieren seine Songs zwischen Form und Auflösung. Er schafft offene Räume, in denen Dinge entstehen und wieder verschwinden.

Das sei kein Konzept, sagt Kwes, es entspreche einfach seiner Persönlichkeit. Kwes mag sich nicht auf eine einzige Geschichte festlegen, ilp ist so vielschichtig und polyfon wie ein elektronisches Palimpsest. Dass er vom Techno-Label Warp unter Vertrag genommen wurde, ist da nur folgerichtig, kommen doch die größten Pop-Innovatoren – von James Blake bis hin zu Flying Lotus – derzeit aus der elektronischen Ecke: Die Schnittstellennerds und Laptopprogrammierer sind in Ausdrucksbereiche vorgestoßen, die man bisher für die Domäne analoger Jazz- und Soulmusiker hielt. Das hängt auch mit einem Paradigmenwechsel zusammen: Musiker wie Kwes nutzen Elektronik nicht mehr als Instrument kalkulierter Körpermobilisierung. Es geht um die Simulation menschlicher Unberechenbarkeit.

Die nötige Abgeschiedenheit findet Kwes in seinem Studio in den Docklands, direkt am Themseufer: einst ein Schiffscontainer, jetzt ein Kasten voller Keyboards. Auch eine Bassgitarre und ein Schlagzeug stehen herum, die einzigen analogen Instrumente auf seinen Kompositionen. Früher habe er im eigenen Schlafzimmer auf dem Laptop herumfrickeln müssen und die knapp bemessene Freizeit genutzt – Kwes studierte Philosophie an der Hull University –, um elektronische Klangforschung zu betreiben und eigene Produktionen auf seine Myspace-Seite hochzuladen. Nachdem Bands wie Hot Chip dort auf ihn aufmerksam wurden, ließ er alle akademischen Ambitionen fahren. Nun gibt ihm die von Künstlern bevölkerte Containersiedlung inmitten der Industriebrache von Trinity Buoy Wharf die Freiheit, »jederzeit herzukommen und so lange zu arbeiten, wie ich will«.

Am liebsten spricht er von Löchern in der Wahrnehmung

Mit seiner ruinenhaften Anmutung ist der Ort wie geschaffen für Kwes’ Arbeitsstil. Besonders nach Mitternacht finde er hier die richtige Stimmung, seinen eigenen somnambulen Flow. Wenn Kwes die Tür seines Containers öffnet, sieht er Stadtautobahnen und die monströse O₂-Arena am anderen Ufer – während sich Möwengeschrei in den gedämpften Verkehrslärm mischt. Zweifellos enthält seine Musik eine Menge London. Die Aura einer schlaftrunkenen, verlassen und verloren wirkenden Metropole – man kann sich gut vorstellen, zu Kwes’ Songs nächtens durch Stadtparks, Industriebrachen oder verlassene Bahnhöfe zu torkeln, sogar zu tanzen. Oder mit ihnen in den Unterleib der Großstadt zu lauschen, wenn in den frühen Morgenstunden die leisen Geräusche laut werden und mit ihnen verstörende Erinnerungen, Déjà-vus und Glücksgefühle aus dem Unbewussten aufsteigen.

Als Produzent nutzt er bewusst den Charme des Zufalls: Es muss stets Platz bleiben für Ungereimtes und Spontanes. Besonders deutlich wird das in den letzten zwei, drei Minuten von Cablecar, wenn Kwes ein per iPhone mitgeschnittenes Gespräch in den Song einfließen lässt. »Ich hatte die ganze Nacht lang an meinem Album gearbeitet und wollte mit der Seilbahn über die Themse nach Hause fahren.« Eigentlich sei er todmüde gewesen. Dann aber grüßte ihn ein Kind immer wieder mit einem freundlichen Hallo, deutete auf Dinge und fragte seine Eltern danach. »Das munterte mich auf – und ich beschloss, das in meinen Track einzubauen: als Gegengewicht zu dessen Düsterkeit.«

Die Methode erinnert an die Prinzipien der Situationisten aus den sechziger Jahren. Ihr führender Theoretiker Guy Debord forderte damals zu dérives auf – zu ungeplanten Streifzügen durch urbane Landschaften. Eigennützige Motive hatten dabei nichts verloren. Vielmehr ging es um Entgrenzung der Umgebung: bei der Erforschung der »Psychogeographie« einer Großstadt sollten einen allein die von der Umgebung ausgelösten Emotionen leiten. Letztlich zielte die Strategie auf die Unmittelbarkeit der Erfahrung – Sekunden wahrer Empfindung im Gegensatz zum spätkapitalistischen Spektakel.

Natürlich hat der ehemalige Philosophiestudent Kwes die Debordschen Schriften gelesen. Er mag es nur nicht, zu viel Wissen vor sich herzutragen. In seiner bescheidenen Art spricht er lieber von Löchern in der Wahrnehmung, Täuschung und Enttäuschung, von Schleifen der Erinnerung, von der Freude an »freiem Pop«. Das Ergebnis sind Songs, die sich in jede Richtung bewegen können – auch auf die Gefahr hin, »falsch« zu klingen.
JONATHAN FISCHER
Die Zeit 28.11.2013