Ein Herz für Außenseiter – Die Blues-Kultur ist in Memphis zum Touristen-Klischee verkommen. Aber die echten, verruchten Musikbühnen gibt es noch. Eine Spurensuche am Mississippi

Am Anfang steht eine Ernüchterung: „Ladies and gentleman, clap your hands“ johlt der Sänger einer namenlosen Bluesband, bevor sein Gitarrist routiniert eine dieser Drei-Akkord-Klischees anstimmt, bei der schon die erste Note alles über die nächsten zwölf Takte verrät. Das Publikum des BB King‘s auf Memphis Vergnügungsmeile Beale Street aber liebt es. Seliges Klatschen, die Bierbecher schwappen, rotgesichtige Typen treten auf der Stelle und tätscheln ihrer Begleitung den Hintern. Ja, im Disneyland des Blues darf es auch etwas abgestandener sein – hier vermarktet man T-Shirts, bedruckte Tassen und Wiedererkennungseffekte. Die Resteverwertung einer einst majestätischen Blueskultur. Allein der bunte Haufen jammender Veteranen im Handy-Park erinnert noch ein wenig daran, was diese Straße einmal für Memphis, ja für die Schwarzen des gesamten Südens bedeutete: Wildes, ungezügeltes Leben, ein der Segregation, dem Rassismus abgetrotzter Freiraum. Der Blues tanzte immer auf einem Nagelbrett. Das können auch die glamourösen Vitrinen der nahen Blues Hall of Fame, wo Bobby Blue Blands legendäre Kapitänsmütze, Koko Taylors silbernes Pailletten-Kleid und Muddy Waters erste akustische Gitarre ausgestellt sind, nicht kaschieren. Wo aber lebt sein Geist heute noch? Wo wird er nicht nur reproduziert sondern geatmet, gespielt, gelebt?

Wer sucht, kann auch in Memphis noch den „real deal“ finden. Im Norden der Stadt, genauer gesagt, in der Vollentine Avenue Nummer 1580 leuchtet ein riesiges Graffito über einem kleinen rot gestrichenen Schuppen : „Wild Bill‘s“. Die Tür zum letzten Juke Joint der Stadt. Rote Lichterketten, Stammgäste, die sich an 40 Unzen-Bierdosen und selbst mitgebrachten Whiskeyflaschen festhalten – und eine schmutzig rumpelnde Band in der Ecke. Es riecht nach Parfum und fettigen Chicken Wings.Als die ersten Akkorde von Elmore James 50er Jahre Hit „Dust My Broom“ ertönen, schieben ein paar ältere Afroamerikaner in Anzugjacke und Hut ihre Herzensdamen auf die Tanzfläche. Die Schritte sitzen noch. Die Hüftbewegungen auch. Juke Joints waren in Memphis und dem Delta einst selbstverständlicher Teil des Alltags. Doch Fernsehen, Internet und neue Musikmoden haben den einstigen Bastionen des Live-Blues arg zugesetzt. „Die meisten haben sich nicht mehr rentiert“, sagt Charles Cason, ein Stammgast. „In den 80ern hatten wir noch in jedem Dorf im Delta einen Juke Joint. Aber dann kamen die Casinos. Warum soll ich in einen abgerockten Schuppen gehen, wenn ein paar Meilen weiter ein Luxus- und Glitzer-Ambiente lockt?“

Geblieben sind ein paar großartige Festivals: Etwa Mempho Music, das jeden Oktober im Shelby Farms Parkgelände östlich von Memphis neben großen Pop-Acts auch lokale Blues- und Soul-Legenden auf die Bühne bringt. William Bell und Bobby Rush beschwören, befeuert von Al Greens einstiger Studioband, die goldenen Zeiten des Memphis Soul. Veteran Don Bryant gibt noch mal – zartbitteres Melisma und mollige Bläsersätze – Klassiker wie „A Nickel And A Nail“ zum Besten, während Talibah Safiya eine junge Generation Rhythm‘n Blues-beeinflusster Singer-Songwriter repräsentiert. Und als Lokalmatador Eric Gales die Bühne betritt, ist jedem klar, dass Rassismus, Polizeiübergriffe und Drogenepidemien nicht nur zur Blues-Vergangenheit gehören: „Ich weiß nicht ob ihr meine Geschichte kennt“, predigt der 44-jährige Bluesrock-Gitarrist. „Aber ich bin ein Homeboy der es ganz schön verkackt hat. Jetzt bin ich endlich raus aus dem Knast und die letzten zwei Jahre clean“. Dann legt er einen dieser hyperkinetisch peitschenden Bluesstomps vor, für die die Mississippi Hills berüchtigt sind – und junge Hipster wie afroamerikanische Familienrunden stellen ihre Getränkebecker ins Gras, um den Groove aufzunehmen.

Um den Ursprung dieser Energie näherzukommen muss man sich auf Pilgerreise ins Delta machen. Dort wo alles angefangen hat. Wer von Greenwood den Tallahatchee River Richtung Norden überquert, dem leuchtet eine kleine weißgestrichene Holzkapelle entgegen, die „M.B. Zion Church“. Dahinter versteckt sich im Schatten gewaltiger Baumkronen ein Gräberfeld mit schiefen Tafeln – nur ein Granitblock scheint neueren Datums zu sein: „Robert Johnson, May 8, 1911 – August16, 1938, musician and composer“ besagt die Grab-Inschrift. Der Bluesmusiker, dessen Songs die Rolling Stones bis Eric Clapton posthum verewigten, wurde nur 27 Jahre alt. Die Devotionalien erzählen eine Geschichte für sich: Bunte Plastikketten, ein paar Gitarren-Plektrons, eine halbleere Whiskey-Flasche und zwei japanische Münzen mit einem Zettel: „Lass mich ein besserer Gitarrenspieler werden“. Der britischeRockmusiker Robert Plant soll hier gar eine seiner Schallplatten verbuddelt haben. Alles für den Segen des Bluesmanns, der der Legende nach seine Seele an den Teufel verkaufte: Anders konnten sich manche Zeitgenossen jedenfalls dessen Spiel- und Verführungskünste nicht erklären. Auf der nahegelegenen Three Forks Plantage soll er von einem eifersüchtigen Nebenbuhler vergiftet worden sein. Mit einem Schuss Strychnin im Whiskey. Der Plantagenbesitzer ließ den zu Lebzeiten kommerziell kaum erfolgreichen Sänger von einem Arbeiter verbuddeln. Ohne Markierung – dafür fehlte damals das Geld.

Inmitten der Baumwollfelder auf der anderen Straßenseite ragt neben einem Holzschuppen ein Sendemast gen Himmel. Kennt man dieses Bild nicht? Tatsächlich, es ist der Radiosender, den die Coen Brüder in „Brother Where Art Thou“ verewigten. Heute sendet WBAG, sofern der lokale DJ gerade Lust und Zeit hat, immer noch Bluesmusik – und richtet einmal im Jahr gar ein kleines Open-Air-Festival aus. Eine Meile nördlich führt beim Holzschild „Tallahatchee Flats“ ein Kiesweg zu einem Halbrund von „tenant houses“, Holzschuppen, die von Plantagen in der Umgebung stammen, und in denen einst schwarze Baumwollpflücker lebten. Heute werden sie – ab 85 Dollar die Nacht – an Blues-Nostalgiker vermietet. Knarzendes Gebälk, Antiquitäten, nur die Klimaanlage ist neu. Die Holzveranden mit Schaukelstuhl bieten einen weiten Blick auf Baumwoll- und Sojabohnenfelder – und wer Glück hat, der hört von nebenan die klagende Melodie eines Robert Johnson- oder Son House-Songs. Es ist Ben Payton, ein Bluesmusiker, der Sonntag abend in der angeschlossenen Taverne auftritt und ansonsten die Unterkünfte verwaltet. „Heute spielt kaum mehr jemand den akustischen Folk-Blues“, sagt der glatzköpfige Veteran. Er selbst war in den 60er Jahren wie so viele Afroamerikaner aus dem Delta mit seiner Familie nach Chicago gezogen, wo er in der Band von Howlin‘ Wolf Gitarre spielte. Heute aber sieht er sich als Traditionshüter: „Die Jungen orientieren sich am Rock. Weil du damit Geld auf den Festivals verdienen kannst. Wer aber erinnert sich dann noch, wie hier alles einmal angefangen hat?“

Ja die Erinnerungskultur. Sie hält im Mississippi Delta viele Orte am Leben. Geisterstädte, deren leerstehende Ware Houses ansonsten wie Kulissen eines alten Films wirken würden. Und die allein wegen der Bluestrail-Marker den einen oder anderen Neugierigen zum Halten bringen. Unbedingt empfehlenswert: Das multimediale BB King Museum in Indianola, wie auch das Delta Blues Museum in Clarksdale, in dem es neben Folk-Kunst auch Muddy Waters Holzkabine von der nahen Stovall Plantation zu sehen gibt. Danach sollte man unbedingt Roger Stolles „Cathead Delta Blues und Folk Art“ Laden gleich um die Ecke besuchen: „49 Blues legends, 107 churches, 0 Starbucks“ propagiert ein Clarksdale-T-Shirt, das neben Bluesplatten, Fotobüchern und Konzertpostern zu den lokalen Bestsellern gehört. Ein ganz neues Selbstbewusstsein. Warum auch die Vermarktung des Blues den großen Konzernen überlassen? „Das Red‘s Lounge um die Ecke und das Blue Front Cafe in Bentonia sind die letzten überlebenden Juke Joints im Delta“, erklärt Shop-Betreiber, Plattenproduzent und Buch-Autor Stolle und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Er sehe es als Bürgerpflicht, die alten Gebäude, Clubs und tradtionellen Restaurants zu erhalten, bevor sich die nationalen Ketten ihrer bemächtigen. „Viele der Alteingesessenen hier haben den Blues immer für selbstverständlich gehalten. Erst jetzt merken sie, welcher Reichtum ihnen verloren zu gehen droht“.

Wer bei Stolle eine Platte lokaler Blues-Helden kauft, der bekommt zumindest eine Geschichte mitgeliefert: Über R.L. Burnside etwa , der jemanden im Streit umgebracht hatte, oder T-Model Ford, der als über 90-jähriger nach einem Leben mit 6 Ehefrauen, 26 Kindern, Drogenmissbrauch und zwei Jahren in einer Chain Gang noch einmal ein Gospelalbum aufnahm. „Blues war nie der hübsche, heimelige Stoff, zu dem ihn die Leute heute gerne frisieren“. Ironischerweise sind es weiße Zuzügler wie Stolle, einst Manager einer großen Marketing-Firma in St. Louis, die heute an vorderster Front für die Wiederbelebung der lokalen Szene kämpfen. So haben Robin Colonus und ihre deutsche Partnerin Lena von Machus vor zehn Jahren ein historisches schwarzes Kino renoviert und zu einem Bluesclub umgebaut: „New Roxy“ verkünden die Umrisse einstiger Leuchtbuchstaben. Im Eingangsbereich schaut es noch nach 50er Jahren aus, das Theater selbst aber ist – bis auf die überdachte Bühne – open air. „Wir richten jeden Oktober das Deep Blues Festival aus“, erklärt von Machus. „Um das Leben hierher zurückzubringen. Und einen Ort, wo sich in dieser segregierten Stadt weiß und schwarz treffen“. Vorne schrammt Jimbo Matthus, ein weißer Schlagzeug-Gitarren-Act, seinen rotzige Blues-Punk, während die Besucher auf zusammengewürfelten Plastikstühlen rauchen und selbstmitgebrachten Whiskey trinken. Ein Hauch bvon Blues-Anarchie weht durch die Luft. Und oben funkeln die Sterne.

Am nächsten Tag im „Shack Up Inn“, einer zu Gästehaus und Live-Club umgebauten Baumwollfabrik am Stadtrand von Clarksdale. „Ohne Muddy Waters, ohne John Lee Hooker, Sam Cooke, Ike Turner und all die anderen Bluestypen aus unserer Stadt gäbe es keinen Rock‘n Roll. Denkt mal drüber nach“, predigt Big George von der Bühne und lacht sein dunkles hüstelndes Lachen. Das Schlagzeug rumpelt, die Gitarre fällt mit einem hypnotisch marschierenden Riff ein. „Doctor doctor, tell me what‘s wrong with me“. Brocks Gesang kommt tief aus dem Bauch, einer Region, wo sich Bier, Lust und Wut miteinander mischen. Dutzende Smartphones blitzen auf – und erhellen Totems, Bierreklamen und einen von der Decke hängenden Doppeldecker in dem Fabrik-Gewölbe. „Wir bringen mit dem Deep Blues Festival die Rebellen und Außenseiter auf die Bühne“, erklärt Big Up Shack-Betreiber Chris Johnson und schwärmt von jungen Acts wie Cedric Burnside und ihrer frischen HipHop-kompatiblen Energie. „Hauptsache, sie schläfern niemanden mit Blues-Klischees ein“ Nein, an diesem Abend ist die Gefahr gebannt. Nach seinem Auftritt schüttelt Big Georges Boxer-Pranke viele Hände – von Besuchern aus Chicago, Kanada, ja sogar Indien. „Wir haben immer zum Blues getanzt“, sagt er, tastet nach der Bierdose und nimmt einen großen Schluck Millers Lite. „Aber das geht nur wenn du ihn fühlst. Wenn er deinen Schmerz gleichzeitig spiegelt und lindert“. Dann packt seine Tochter den halb blinden Sänger zärtlich am Arm und führt ihn die paar Stufen bis zum Ausgang hinunter.

JONATHAN FISCHER

gekürzt erschienen in der SZ 9.1.2020

Afroamerikanisches Kultur-Recycling: Der Chicagoer Künstler, Stadtplaner und Musiker Theaster Gates versteht es, kreative Prozesse für das urbane Zusammenleben fruchtbar zu machen. So erneuert er Stadtviertel ebenso wie seelische Verbindungen.

Wer Theaster Gates verstehen will, der muss erstens die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst fallenlassen – und zweitens den Anspruch auf eine simple politische Agenda „Ich habe gar keine Lust ein vergängliches politisches Regime zu kritisieren“, sagt der afroamerikanische Künstler bei der Eröffnung seiner jüngsten Installation „Black Chapel“ im einst von Hitler geweihten Haus der Kunst in München. „Lieber mache ich einen Club aus diesem Raum“. Gates lacht, nimmt seine Hornbrille ab, streicht sich durch den graumelierten Bart. Ein paar Party-Zutaten hat er bereits mitgebracht: Etwa zwei sogenannte „Discorocks“, mit tausenden winzigen Spiegeln beklebte Skulpturen in Felsenform neben einer Vitrine mit afrikanischen Musikinstrumenten. Ein Verweis auf die Club-Geschichte seiner Heimat Chicago. Hier wurde in Schwulenclubs wie dem Warehouse Ende der 70er Jahre Disco reafrikanisiert, die Urform der House-Musik geschmiedet. Und damit ein neuer Baustein schwarzer Musik- und Emanzipationsgeschichte geschaffen, den Theaster Gates nur allzu gerne in seine Medien-übergreifenden Installationen einpasst.

Gates große Leidenschaft gilt der Revitalisierung verwunschener und verkommener Orte: Bekannt wurde er in Europa, als er auf der documenta 13 das marode Kasseler Hugenottenhaus zu einem temporären lebenden Kunstort umgestaltete. Das Material dazu kam aus seinem Heimatviertel, der Southside of Chicago mit ihrer überwiegend armen afroamerikanischen Bewohnerschaft. Gates betreibt dort seit sieben Jahren seine Rebuild Foundation: Um leerstehende Gebäude aufzukaufen und sie zu Kunst- und Gemeinschaftszentren umzubauen. Längst strahlt sein urbaner Aktivismus weit über Chicago hinaus. Gates hält weltweit Vorträge vor Stadtplanern, die Wiederbelebung der Southside mit künstlerischen Mitteln gilt als Leuchtturm-Projekt für andere Städte. „In meiner Ausbildung als Töpfer habe ich schnell gelernt, dass man aus dem Nichts große Dinge erschaffen kann“, sagt Gates. Und: „Es geht nicht um das Material. Sondern unsere Fähigkeit, Dinge zu formen“.

Bevor Gates zum Überflieger der internationalen Kunstwelt avancierte, arbeitete er als Töpfer und Keramik-Künstler. Bis er den Anblick aus seinem Studio in Grand Crossing nicht mehr ertrug: Ob man die vielen aufgegebenen und verfallenden Gebäude dort nicht genauso wie einen Batzen Lehm behandeln konnte? Um Strukturen zu schaffen, die die Abwanderungsbewegung umkehrten? Gates war sich sicher, dass er Architekten, Ingenieure und Immobilienmakler für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. „Stellen Sie sich das vor: Ein Ort an dem eigentlich nie jemand bleiben wollte, wird zu einer wichtigen Attraktion für Besucher aus der ganzen Welt“. Gates Enthusiasmus hat etwas Ansteckendes – und wenn er seine Ideen predigt, kann man ihn auch auf einer Kirchenkanzel vorstellen Lange war die schwarze Kirche sein zweites Zuhause. Er arbeitete als Leiter des Kirchenchores, wollte Priester werden. Am Ende beließ es der Sohn eines Dachdeckers dann doch bei einem Studium der Religionswissenschaften. Spiritualität aber spielt in all seinen Werken eine große Rolle: Ob Black Madonna in Basel, Black Chapel in München, oder Gates Leidenschaft, Reliquien schwarzer Kultur wie die Plattensammlung des Chicagoer House-Pioniers Frankie Knuckles zusammen zu tragen und über sie mit den Geistern der afroamerikanischen Ahnen in Verbindung zu treten.

Auch seine Verbindung mit der Southside kann man als Wiederauferstehungs-Geschichte lesen: Den Anfang machte ein einzelnes Haus, das Gates für 18 000 Dollar erwarb. Damit waren seine finanziellen Mittel ausgeschöpft. Also fing Gates an das Gebäude zu fegen – als kostenfreie Performancekunst und vor Publikum. Später kamen Ausstellungen, Vorträge und Gemeinschaftsdinner dazu. Gates Verbindungen machten sich nun bezahlt – spätestens als Chicagos Bürgermeister Emmanuel Rahm als Verbündeter einstieg. Zu diesem ersten sogenannten Archive House erwarb die Rebuild Foundation Nachbargebäude. Das Listening House etwa beherbergt eine Büchersammlung aus dem Nachlass der örtlichen Johnson Publishing Coporation sowie aufgegebenen schwarzen Bücherläden. Sogar ein einstiges Crack House wurde umgebaut: Es heißt nun Black Cinema House und zeigt für die Nachbarschaft relevante Filme – von Melvin Van Peebles bis hin zu afroamerikanischen Komödien.

Was aber hat das alles mit Kunst zu tun? Gates hat zwar mit seiner Rebuild-Foundation inzwischen über 70 Gebäude zu Wohn- und Gemeinschaftshäusern renoviert, Grünparks dazwischen geschaffen und ein Heer örtlicher Maurer, Steinmetze und Abbruchspezialisten ausgebildet. Aber er betont, dass es ihm nie allein um Immobilien-Aufwertung ging. Sondern um Inhalte. Dass es die Kultur sei, die Verknüpfungen zwischen den Gebäuden, zwischen vereinzelten Nachbarn, ja zwischen dem Viertel und den Besuchern von außerhalb knüpft. Denn spätestens seit der Eröffnung der Stony Island Arts Bank im Jahre 2015 – ein zum Kulturzentrum aufgewertetes ehemaliges Bankgebäude – hat sich die Atmosphäre in der Southside gedreht. Wenn früher alle vor allem die Angst vor Gewalt umtrieb, drehen sich Gespräche heute um das letzte Theaterstück oder das nächste Barbecue. Das behauptet zumindest Gates. Der Schlüssel sei der „Einzug von Schönheit“ in das prekäre Viertel. „Wir müssen die Seelen nähren – nicht nur die physischen Bedürfnisse. Die Menschen fangen an, sich anders zu verhalten, wenn sie Schönheit vorfinden.“

Darauf zielt Gates auch mit seiner „Black Chapel“: Riesige rotierende Leuchtkästen zeigen historische Fotos aus den von Gates erworbenen Archiven der Lifestyle-Magazine Ebony und Jet: Glamouröse Portraits schwarzer Sängerinnen und Schauspielerinnen aus den 60er Jahren. Afroamerikanische Familien, die es geschafft haben. „Diese Bilder sind auch eine Art Gegenwehr“, sagt Gates. „Während Bürgerrechtsaktivisten geschlagen, geprügelt und mit Tränengas bombardiert wurden, präsentierten diese Magazine eine Schönheit, die uns trotzdem Hoffnung gab“.

Gates spricht von Mojos. Magischen Gegenständen. Inmitten der Nazi-Architektur des Haus der Kunst hat er „Fried Chicken King“ und „Rothschild Liquors“ – Neonreklamen gehängt. Bilder von dampfenden Soulfood-Läden und Alkohol-geschwängerten Bars steigen da auf. Und in der Archivgalerie gegenüber steht die Plattensammlung der verstorbenen Leichtathletik-Legende Jesse Owens: 1800 Jazz-, Soul- und Funk-Alben, die DJs in regelmäßigen Listening Sessions zu Gehör bringen. Musikalisch tiefschwarz zelebrierte Gates schon die Eröffnung: Mit seinen Black Monks, einer Truppe hochkarätiger Musiker stimmte er uralte Gospelklagen an, mehrstimmig flehend, klatschend, stampfend. Mal glaubte man sich in einer Baptistenkirche in Mississippi. Dann führten die Beats Richtung House-Club. Dazu intonierten die Monks ihre politisch wie spiriutell aufgeladenen Chants: „We deserve what we need“. Was wir brauchen, haben wir auch verdient.

JONATHAN FISCHER

gekürzt in der NZZ 3.1.2020

Theaster Gates „Black Chapel“ im Haus der Kunst, München bis 19.7.2020

Von den Straßen Abidjans: Afrikanische Popstile wie der Coupé Decalé boomen. Plattenfirmen drängen auf den Zukunftsmarkt, der vielleicht bald ohne den Westen auskommen wird

Wenn einer der größten Popstars der Elfenbeinküste tödlich verunglückt, dann kennt die Trauer dort keine Grenzen: Weinende Frauen auf den Straßen, Tränen-Emojis in den sozialen Netzwerken ganz Westafrikas, Radio- und Fernsehsender, die berichten wie über eine Staatskatastrophe. Eine kollektive Identitäts-Krise? So fühlte es sich zumindest an, als DJ Arafat am 13. August 2019, nach einem nächtlichen Motorradunfall in Abidjan, von einem Regierungssprecher für tot erklärt wurde. Mehrere Minister eilten an das Totenbett des 33-jährigen Sängers. Der ivorianische Präsident Alassana Outtara und Fußballstar Didier Drogba kondolierten – während vor dem Krankenhaus eine aufgewühlte Menschenmenge skandierte: „Arafat kann nicht sterben.“ Abidjan, wo sonst 24 Stunden am Tag flirrende Popanimation aus den Maquis genannten Straßenbars auf die Straßen schallt, wo Bewohner das tägliche Chaos mit einem Triathlon aus Trinken, Tanzen und teuren Modeschauen bekämpfen, schien unter Schock zu stehen – wo doch gerade die Musik seiner hedonistischen Helden wie ein Schutzschild gegen die rauen Realitäten gewirkt hatte.

  DJ Arafat galt als König des „Coupé-Décalé“. Mit Rebellen-Pose und geschickten Anleihen beim modernen R‘n’B hatte er das populäre heimische Dance-Genres dominiert, seine Hits wie „Dosabado“ erreichten über Youtube weltweit ein Millionenpublikum. Für viele afrikanische Jugendliche verkörperte DJ Arafat die Fantasie eines besseren Lebens. Der als Ange Didier Huon geborene Sänger hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet – er sang und tanzte, um wie er einmal erklärte „nicht wie mein Bruder jede Nacht um vier zum Fischen gehen zu müssen“. Und er hatte fast alles erreicht: Die Stars aus Afrika und Frankreich buchten ihn als Dauergast auf ihre Alben, über vier Millionen Facebook-Follower und die Soundsystems auf den Straßen der afrikanischen Metropolen und Emigrantenviertel ließen seine Songs zu Hymnen werden. Nicht zuletzt brachte der Sänger, Tänzer und Sitten-Provokateur den Coupé Décalé in die Clubs des Westens, trugen seine Erfolge dazu bei Major Labels wie Sony und Universal mit eigenen Büros an die Elfenbeinküste zu locken.

  Wörtlich übersetzt heißt Coupé Décalé „schneide und renne“. Im ivorianischen Slang aber bezieht es sich auf die sich mehr oder weniger legal durchschlagenden Exilanten in Paris, die „Geschäfte machen und Geld in die Heimat schicken“. Anfang der Nullerjahre war die Elfenbeinküste in einen blutigen Bürgerkrieg versunken. Nach einem gescheiterten Putschversuch im September 2002 besetzten Rebellen die Nordhälfte des Landes. Allen Friedensbemühungen der UN zum Trotz ließen sich die Kriegsparteien auf keinen Waffenstillstand ein. Die jungen Diaspora-Ivorer in Paris aber wollten sich von den schlechten Nachrichten aus der Heimat nicht demoralisieren lassen. Warum nicht mit Parties dagegenhalten? Extravagant gekleidet, die Zigarre in der einen Hand, das Champagnerglas in der anderen tanzten sie gegen die Krise an und schufen sich eine Parallel-Welt. Ihre Botschaft: Die Politik mag unsere Heimat ruiniert haben, wir aber gehen nicht in die Knie. Coupé Décalé war zunächst eine Tanz-Mode, zu der basslastige kongolesische Instrumentals den Background lieferten. Die dazugehörigen Videos fanden ihren Weg zurück in die Elfenbeinküste: Vor allem eine Gruppe wohlhabender Pariser Exilanten, die sich „La Jet Set“ nannten, wurden zu Volkshelden. Ihre Coupé-Decalé-Tänze dominierten bald die Clubs. Überall zelebrierten junge Männer mit religiöser Inbrunst deren Rituale: Sie verteilten ihren Reichtum, schmissen in den Nachtclubs wortwörtlich mit Geld um sich, gaben Champagner für alle aus.

  Heute ist Ypougon das Zentrum der Szene. Das Vergnügungsviertel von Abidjan, Geburtsort von DJ Arafat, gilt als Brutstätte des ivorianischen Pop, Inkubator für neue Musikstile, die von hier aus ihren Siegeszug nach Bamako, Lagos, Paris antreten. Wer an einem Samstagabend mit dem Taxi duch Ypougon fährt, taucht in ein sinnliches Chaos ein: Der Verkehr stockt, die Luft ist von Bratfett und Diesel geschwängert, Verkäufer wedeln mit Telefonkarten und Taschentüchern vor den Autofenstern. Und überall laute Musik. Riesige Lautsprechertürme säumen die Straßen, Menschen tanzen im Staub, die dazugehörigen Freiluft-Bars bestehen meist nur aus ein paar Bänken unter einem Blechdach. Der Club Internat ist schon von weitem als Basswelle zu orten. Keine Chance, mit dem Taxi ganz heranzufahren, dafür schiebt einen die Menschenmenge einfach mit: Immerhin ist heute der Coupé Décalé-Sänger Ariel Sheney angesagt, die derzeit größte Musikhoffnung der Elfenbeinküste. Das Karree vor der Freiluftbühne ist bis zum Bersten gepackt. Auch auf den umliegenden Mauern und Hausdächern drängen sich die Zuschauer. Eine tausendköpfige perfekt synchronisierte Tanztruppe – die zu jedem Song genau definierte Hand- Fuß- und Hüftbewegungen vollführt, und sich dabei mit ihren Smartphones filmt.

  Ariel Sheney – ein athletischer Typ mit Sonnenbrille und Goldkette – fegt zwischen seinen Begleittänzern über die Bühne, läßt die Beine wie Gummi wackeln, legt sich rhythmisch zappelnd auf die Bretter. Die Band unterfüttert die Show mit galoppierenden Drums, Synthesizern und Gitarrengeklingel. Riffs wie Aufputsch-Drogen. Einige der Zuschauer werfen mit Plastikstühlen. Und doch strahlt die gesamte Szene eine Energie und Schönheit aus, die augenblicklich mit dem Chaos ringsum versöhnt. „Amina“ schmachtet Sheney ins Mikro, „Amina“ donnert es tausendfach verstärkt in den Nachthimmel von Abidjan. „Amina“ ist sein größter Hit. Über zwanzig Millionen mal wurde das Video um eine knapp bekleidete Tänzerin und den Sänger als ihren reichen Galan bereits angeklickt, und jeden Tag kommen 100 000 Klicks dazu: Zahlen, die belegen, dass der Coupé Décalé eineinhalb Jahrzehnte nach „La Jet Set“ boomt wie nie zuvor.

  Wer Pop nach altmodischen Kriterien wie Texte und Arrangements beurteilt, wird das womöglich kaum verstehen. Ist Coupé Décalé nicht nur musikalischer Vorwand für schamlosen Materialismus? Im Club L‘Internat aber wird noch etwas anderes sichtbar: Es geht um Selbstermächtigung. Die Demonstration, dass man – allen Umständen zum Trotz – Teil einer Erfolgsgeschichte ist. Die Parallelen etwa zu der „Sapeurs“-Szene im Kongo, wo sich Menschen in den Armenvierteln mit teurer Markenkleidung und raffinierten Manieren hervortun, sind offensichtlich. „Coupé Décalé bedeutet gesehen zu werden“, sagt Sheney. „Die Texte dagegen bedeuten nicht viel“. Wichtiger seien die Tänze. Mal imitieren sie bestimmte Politiker oder Promis, nehmen Didier Drogbas Dribbelbewegungen auf oder auch eine Zahnputzpantomime. Ebenso essentiell: Das sogenannte „travaillement“, bündelweises Geldausgeben vor Publikum.

Ein junger Mann springt auf die Bühne klatscht Sheney Geldscheine auf den nackten schweißgebadeten Oberkörper – während der Star ungerührt weitersingt. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs 50 Euro-Scheine. Die nächsten Kandidaten wedeln schon mit dicken Geldbündeln in Richtung Bühne. „Diese Menschen sind nicht reich“, wird Sheney später erklären. „Sie verschaffen sich auf diese Weise ein Ansehen in der Szene – und würden dafür lieber auf neue Schuhe oder einen besseren Fernseher verzichten.“ Sheney selbst hat für seine Karriere einen Job als Kirchenmusiker aufgegeben. Jahre lang habe er Schlagzeug und Piano im Gottesdienst gespielt – bis ihn sein erster Auftritt in einem Nachtclub zur Weltlichkeit bekehrte: „Von da an wollte ich nur noch ein Star sein“.

  Wo aber bleiben die Frauen, die einen Großteil des Publikums stellen, auf der Bühne? Warum gockeln in Coupé-Décalé-Videos fast ausschließlich junge Männer vor großen Autos und Motorrädern? „Leider ist das Genre immer noch von Testosteron verseucht“, schimpft Claire Bailly, eine der wenigen weiblichen Sängerinnen, die sich in dem Männergeschäft durchsetzen konnten. Dann lacht sie ihr heiseres Lachen. Hochgewachsen, mit Afro-Perücke und extravaganter Sonnenbrille gibt Mbailly schon äußerlich eine imposante Erscheinung. Für das Interview hat die „Königin des Coupé Decalé“ ein Garten-Restaurant im Stadtteil Marcory mit Blick auf die innerstädtische Lagune gewählt. Später am Abend wird sie im Sportstadion nebenan auftreten – und mit Zeilen wie „Mein Arsch ist klein aber sexy“ das Publikum zum Mittanzen animieren. „Ich habe den üblichen Weg abgelehnt“, sagt Bailly. „Das heißt ich habe niemanden bezahlt und mit keinem Manager geschlafen“. Der Preis dafür war hoch: Bailly, geschieden und beruflich unabhängig, hat viel bösartigen Klatsch ertragen müssen. Frauen, so der gesellschaftliche Konsens, gehörten an den Herd – oder bestenfalls als arschwackelndes Zubehör ins Video. Bailly will das ändern: Gerade sei sie dabei, eine eigene Produktionsfirma zu gründen, um anderen Frauen den Weg ins Showbiz zu erleichtern.

  Inzwischen zieht die Musikmetropole Abidjan auch Investoren aus dem Ausland an. So haben Universal und Sony Music Zweigstellen vor Ort eröffnet. Der Wettbewerb unter den Plattenfirmen ist hart: Wem gelingt es, die besten ivorianischen Künstler unter Vertrag zu nehmen? Wer sichert sich rechtzeitig einen Anteil am Zukunftsmarkt Afrika? Besuch in den Sony-Studios in Cocody, dem grünen Botschaftsviertel auf der anderen Seite der Lagune. José da Silva, ein glatzköpfiger Gentleman, öffnet die Tür der weißgestrichenen Villa. „Oben haben wir unsere Büros“, erklärt der örtliche Sony-Boss, „unten die Studios und Unterkünfte für unsere Künstler.“ Der Blick aus dem Fenster geht auf einen weitläufigen Garten mit Swimming Pool. Ein paar Musiker von Ariel Sheneys Band sitzen rauchend zusammen – Aufnahmepause. Der Deal mit einem Major Label soll den Sänger endgültig in die Fußstapfen von DJ Arafat katapultieren. Und seine Songs in die weltweiten Charts.

  Da Silva glaubt, dass die großen Entertainment-Konzerne bald nicht mehr um Afrika herumkommen werden: „Wir haben jetzt schon 565 Millionen Afrikaner mit Smartphones. Sie alle wollen Musik über das Internet streamen.“ In den letzten Jahren hatten nigerianische Superstars wie Wizkid oder Davido auch ein westliches Rhythm‘n Blues Publikum erreicht. Abidjan aber könnte Lagos bald den Rang ablaufen. Schon jetzt kaufen viele Nigerianer ivorianische Coupé Décalé Beats ein, oder nehmen ganze Alben vor Ort auf. Da Silva zählt zudem ein halbes Dutzend westliche Musiksender auf, die Filialen in Abidjan eröffnen. Die Gewinne kämen nicht mehr durch Plattenverkäufe zustande. Sondern durch Streaming, Werbeverträge, Copyrights und Live-Auftritte – sie seien heute selbstverständlicher Bestandteil jedes Künstlervertrags. „Noch fünf Jahre“, prophezeit da Silva, „dann wird der Markt explodieren: Weil die afrikanische Mittelklasse wächst. Und die Kosten für das Internet sinken. Dann brauchen wir Europa nicht mehr.“

JONATHAN FISCHER

SZ 2.1.2020

Panafrikanischer Kampfgeist: Auf Afrikas wichtigster Fotografie-Biennale rückt der Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung die Diaspora und die Frauen in den Fokus

Es war vielleicht die anrührendste Geste dieser zwölften „Rencontres de Bamako“, der wichtigsten Fotografie-Biennale Afrikas: Chef-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und sein Team hatten drei Familien im historischen Stadtzentrum von Bamako dazu überredet, Besucher in ihre Anwesen zu lassen um die klassischen Porträt-Fotografien von Seydou Keïta und Malick Sidibé einmal nicht als hochversichertes und perfekt ausgeleuchtetes Exponat in einem Museum für moderne Kunst zu erleben, sondern als alltägliches Familienalbum: Aufgehängt an Lehmwänden, unter billigem Glas, zusammengeworfen in groben Holzkisten. In dem großen Innenhof von Moussa Falls Anwesen säubern Frauen die Bohnen, rühren in großen Aluminiumkesseln, hängen Wäsche auf und beaufsichtigen spielende Kinder, während der Hausherr, ein Zollangestellter, nicht ohne Stolz die Verwandtschaftsbeziehungen zu den Porträtierten erklärt: „meine Tante“, „meine Mutter“, „die Familie eines Onkels“. Es sind feierlich dreinblickende und vornehm gekleidete Männer und Frauen. Ihre Selbstinszenierungen entfalten eine Würde, die aller äußeren Armut trotzt.

  Die Verneigung vor den Studiofotografen, die jahrzehntelang das Gesicht der afrikanischen Fotografie geprägt hatten, diente allerdings als Sprungbrett für eine radikale Umorientierung: „Streams Of Consciousness“ hatte Ndikung als Motto dieser Jubiläumsausgabe, 25 Jahre nach ihrem Debüt 1994 in Bamako, ausgegeben. Und er bezog sich dabei weniger auf Literatur denn Musik. Genauer gesagt auf ein Album, das der afroamerikanische Schlagzeuger Max Roach und der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim 1977 eingespielt hatten. „Ich will weg von der Fotografie als Objekt, wie sie so lange auf dem afrikanischen Kontinent praktiziert wurde. Vielmehr interessiert mich, wie Bilder von der Straße einen Raum eröffnen, Erfahrungen und Klänge wachrufen.“ Ndikung, der in seiner Berliner Savvy-Contemporary-Galerie postkoloniale Diskurse multimedial aufbereitet und zuletzt den finnischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielte, will das Afrika-Bild verflüssigen und mit den alten Exotismen aufräumen.

Der Geist des Panafrikanismus liefert den Herzschlag dieser Biennale. In den über ganz Bamako verteilten Ausstellungsorten stellen Fotografen der verschiedenen afrikanischen Diaspora-Kulturen von Peru über Brasilien und Nordamerika bis nach Indien aus. Verwirrend nur, dass deren Nationalitäten auf den Begleittafeln konsequent ausgespart bleiben. Dabei hatte die Biennale selbst mit ihrer Abnabelung von der einstigen Kolonialmacht Frankreich zu kämpfen. Zwar übernahm das Institut Français wieder die Hälfte des Budgets von 500 000 Euro, doch zum ersten Mal lag die gesamte Organisation in Afrika, genauer gesagt beim malischen Kultusministerium. Wenn Bamako als die Fotografie-Hauptstadt Afrikas gelten möchte, warum sollte man dann die 1500 Abzüge nicht auch vor Ort machen? Das Kuratorenteam hatte allerdings mit den Bedingungen zu kämpfen. Einige angereiste Fotografen fanden kein Hotelzimmer, man suchte vergeblich nach Namenstafeln oder schaute wegen der täglichen Stromausfälle auf schwarze Videoschirme.

Mali, das musste man sich in dieser friedlichen Hauptstadt-Oase immer wieder ins Gedächtnis rufen, steckt seit 2012 in der Krise. Dschihadistische Gruppen haben weite Teile des Landes unzugänglich gemacht, bis vor zwei Monaten galt nicht zuletzt wegen ethnisch motivierter Massaker im Zentrum Malis der Ausnahmezustand.

  Da bedurfte es starker Bilder. Bilder, die eine Gegenerzählung zum bloßen Überlebenskampf der Menschen auf der Straße entwickeln. Bilder, die spirituelle Sphären öffnen. In diesem Sinne lassen sich die geballten Fäuste des Maliers Fototala King Massassy als Widerstandsakte lesen, Fäuste, deren Talismanringe den Trägern Unverletzlichkeit oder zumindest Schutz versprechen. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit traditionellen animistischen Glaubenssystemen. So ruft Kitso Lynn Lelliott aus Botswana in ihrem Video die über die Diaspora verstreuten Ahnen an: Der Gegenschnitt brasilianischer Candomblé-Riten, afrikanischer Savannen, Meeresküsten und Geisterfiguren zu einer einsamen schwarzen Frau in einem bayerischen Schloss des 19. Jahrhunderts entwickelt einen ganz eigenen Sog.

  In der Krise zählt die Solidarität. In diesem Sinn hat Ndikung neben 85 Einzelkünstlern auch ein halbes Dutzend Fotografen-Kollektive von beiden Seiten des Atlantiks geladen: Etwa die seit den Sechzigerjahren politisch emanzipatorische Gruppe „Kamoinge“ aus den Vereinigten Staaten. Oder „Invisible Borders“ aus Lagos. Die jungen nigerianischen Fotografen, Videofilmer und Autoren bereisen regelmäßig per Bus den Kontinent und erforschen über Installationen, die wie Reisetagebücher funktionieren, die Straßen als Metapher. Migration, sagt ihr Gründer Emeka Okereke, sei eine urafrikanische Lebensform. Eindrucksvoll auch das Kollektiv 2d aus Haiti, dessen Fotoserie an ein vergessenes Massaker während der Diktatur von Jean-Claude Duvalier erinnert. Überhaupt dreht sich in Bamako vieles um Archive, die Bergung verdrängter Historien, die Neubewertung von (Kolonial-)Geschichte: Kodwo Eshuns Gruppe „Otolith“ zeigt im etwas heruntergekommenen Musee du District Hunderte unbekannter Bilder, die der afroamerikanische Schriftsteller Richard Wright im Jahre 1953 gemacht hatte, als er für die Recherchen zu seinem Buch „Black Power“ die Rallyes der sozialistischen Unabhängigkeitsbewegung des späteren ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah begleitete. Gleich daneben fokussiert eine Videoarbeit eine andere fast vergessene Revolution: Historisches Filmmaterial und Veteranen-Interviews erinnern an die afro-kubanischen Milizionäre, die in den Sechzigerjahren für die panafrikanische Sache im Kongo kämpften.

Immer wieder geht es bei dieser Biennale um die Ränder der offiziellen Geschichte, die Sichtbarmachung der Übersehenen: So hat Yvon Ngassam den harten und gefährlichen Alltag der Zemidjan genannten Taxi-Moped-Fahrer in Benin dokumentiert. In „I Have A Dream“ erzählen sie per Video von ihrer Arbeit, ihren Hoffnungen und Träumen – während der Fotograf ihnen eine Serie von umgerüsteten Helmen widmet, die mit ihren Metallhörnern und Ornamenten an traditionelle Gelede-Masken erinnern. Vor allem aber zeigt diese Biennale zumindest zur Hälfte die Werke von Frauen: Denjenigen, die gegen alle Widerstände den traditionellen Männerberuf Fotograf ergriffen haben, und Geschichten von den Schattenseiten einer patriarchalen, restriktiven Gesellschaft erzählen.

  Fatoumata Diabate, die Präsidentin der Vereinigung malischer Fotografinnen widmet die Gruppenausstellung „A contre courant“ angesichts eines aktuellen Mordfalls „allen Frauen, die durch die Schläge ihrer Partner ermordet wurden“. Die starke Schau im „Lycee des jeunes filles“ erzählt einiges über weibliche Verletzlichkeit und Widerstandskraft – und die Rollen, die Frauen für sich imaginieren. Kichernd und mit ihren Handys im Anschlag streifen Hijab-tragende Mädchen des angrenzenden Gymnasiums durch die Ausstellung.

„Alle meine malischen Kolleginnen müssen sich mit Fotografien von Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen über Wasser halten“, sagt Diabate. Sie war die erste Fotografin, die nach dem Abschluss an der Fotografenschule CFP in Bamako zu weltweitem Renommee kam. Stolz präsentiert sie bei der Eröffnung ihrer Off-Ausstellung im Hotel Tamana ihren Vater, einen pensionierten Polizisten, der „zum ersten Mal meine Bilder anschaut“. Fatoumata hatte sich erfolgreich gegen dessen Berufswunsch, wie auch gegen die traditionelle Ansicht, dass man nach der Heirat dem Gatten den Broterwerb überlässt, durchgesetzt. Selbstverständlich sei das aber noch immer nicht. Was sie noch mehr bedrückt: Dass ihre einstige Schule CFP, jahrzehntelang die fotografische Talentschmiede Malis schlechthin, 2017 wegen des Ausfalls westlicher Sponsoren schließen musste. Wer würde die vielen ambitionierten Frauen nun ausbilden? Fatoumata Diabates Aufnahmen von malischen Bauern, die sich dem Umweltschutz und der Aufforstung widmen, hat sie vom Niederländer Marc Decoux im Stil afrikanischer Schulbücher überzeichnen lassen. „Das führt die Leute dazu, genauer hinzugucken. Wir haben immer auch einen gesellschaftlichen Auftrag.“

Wie aber erreicht man die Bevölkerung von Bamako? Während man bei den offiziellen Anlässen nur immer wieder derselben In-Crowd an Fotografen, Kuratoren und Journalisten begegnet, öffnet die Ausstellung der Gruppe Yamarou ein Fenster zum malischen Alltag. Hier in einer Lehmstraße im Viertel Medina haben die lokalen Nachwuchs-Fotografen ihre Abzüge an Hauswänden aufgehängt. Ein Soundsystem bringt die Kinder aus der Nachbarschaft mit lokalen Hits zum Tanzen, zwei Marionettenspieler sorgen für zusätzlichen Auflauf. Straßenhändler, Schulkinder und Hausfrauen bleiben an den Mauern stehen, zeigen mit Fingern auf Szenen, die ihnen bekannt vorkommen oder Geschichten auslösen.

  Im Schatten eines Vordachs hocken einige der Yamarou-Mitglieder um ein Stövchen mit Minztee. „Ich habe die Händler fotografiert, die sich auf den Schienen der Bahntrasse Dakar – Bamako niederlassen“, sagt Sidiki Haidara, „weil dieser Ort der Spielplatz meiner Jugend war.“ Der renommierte malische Fotograf Seydou Camara leitet die Gruppe: Nach der Schließung der CFP wollte er wenigstens informell Unterricht anbieten. „Wir sprechen nicht nur über Fotografie, sondern auch über die Entwicklung der Persönlichkeit.“ Man dürfe sich als Fotograf nicht auf die von westlichen Medien vorgegebenen Themen Krieg, Armut und Gewalt konzentrieren. „Um weiterzukommen, müssen wir unsere Gegenwart durch die Kunst denken“, erklärt Camara. Eines strahlen die von seinen Schülern beklebten Lehmwände jedenfalls aus: Den unerschütterlichen Optimismus derjenigen, die an eine bessere Zukunft glauben.

Rencontres de Bamako. Biennale Africaine de la Photographie. Bis 31. Januar.

JONATHAN FISCHER

SZ 30.12.2019IMG_4909

Gemetzel in Wakanda: Marlon James neues Fantasy-Epos will ein „schwarzes Game of Thrones“ sein, verirrt sich aber in einem Dschungel aus Mythologie, Sex- und Gewaltexzessen

Seit seinem letzten Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ gilt Marlon James als eine Art literarischer Quentin Tarantino. Ein Autor, der die große Geste des Pop versteht: sexy Gewalt trifft auf gewaltigen Sex. Beides würzt er mit dunklem Humor und einer Sprache, die so basslastig, soulful und rhythmisch versiert auftritt wie der Reggae seiner Heimat Jamaika. Beziehungsweise wie das Straßen-Patois von Kingston.

  Das jamaikanische Kreolisch lieferte James das ideale Medium für seine sinnlich gesättigte Semi-Fiktion um Bob Marleys versuchte Ermordung im Jahre 1976 sowie die resultierenden Politpossen und Gang-Kriege. So wahnwitzig seine Figuren auch schillern mögen: Der historische Boden erdet die Geschichte, verleiht ihr seelische Tiefe, macht selbst die Gewaltorgien in seinen Romanen zu mehr als einer grausamen literarischen Fingerübung. James brillierte jedenfalls in diesem aus wechselnden Perspektiven erzählten Gesellschaftsroman darin, moralische und sexuelle Konventionen, wie auch die Machtspiele und Manipulationen zwischen erster und dritter Welt zu demaskieren. Keine Frage: Auf seinem Hometurf ist dieser Mann unschlagbar. 2015 wurde der Roman mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

  Nach drei in der Geschichte der Karibikinsel verankerten Romanen hatte der Jamaikaner etwas flapsig eine Art „afrikanisches Games Of Thrones“ angekündigt. Nicht nur ein einzelnes Buch. Eine Mammut-Trilogie sollte es werden, ein „Dark Star“ genanntes Opus Magnum der fantastischen Literatur, in dem jeder Band die selbe Geschichte aus dem Blickwinkel eines anderen Protagonisten erzählt. Der Zeitgeist steht auf James’ Seite: Wakanda ist das neue Eichmeter schwarzer Kultur und ein wiederentflammter Afrofuturismus befeuert Bücher, Jazzplatten, Modeschauen und Beyoncés Musikvideos.

  „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ könnte nun die epische Krönung dieser Bewegung sein. Dick wie eine Hausbibel, in der deutschen Übersetzung 832 Seiten lang und mit einem Register ausgestattet, das über 80 Charaktere in sechs Fantasiekönigreichen aufzählt. Ein Neil-Gaiman-Zitat auf dem Cover verspricht „ein gefährliches, halluzinatorisches, vergangenes Afrika als Fantasiewelt auf Tolkien-Niveau, geschrieben mit der Sprachgewalt einer Angela Carter“. Auch die Rezensenten der großen amerikanischen Medien vom New Yorker über die Washington Post bis zum National Public Radio schwärmten allesamt für diesen „Klassiker der fantastischen Literatur“.

  Drastisch ist schon der Einstieg. Sucher, der Anti-Held und für den Roman namensgebende „Rote Wolf“, erklärt aus dem Gefängnis heraus seinem Inquisitor: „Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen. Ich höre, im Süden gebe es eine Königin, die denjenigen tötet, der ihr schlechte Kunde bringt. Besiegle ich also mein eigenes Todesurteil, wenn ich ihr den Tod des Jungen melde?“ Das ist das vorweggenommene Ende der Geschichte. Der Rest des Buches behandelt die Fahndung nach diesem möglicherweise königlichen Kind, mit der Sucher aufgrund seiner außergewöhnlichen Nase – er kann Gifte wie auch Lebewesen über viele Meilen hinweg erschnüffeln – beauftragt ist. Eine Suche, die zunehmend zur Gewaltorgie ausartet. Gleich zu Anfang schildert Sucher dem Inquisitor, wie er die anderen fünf Zellen-Insassen erledigt hat: „Das Messer – ich rammte es ihm zwischen die Rippen und hörte sein Herz platzen.“ Erst danach erfahren wir etwas über Suchers Geschichte: Seine Vertreibung durch den grausamen Vater, seine Entwicklung zum zynischen Einzelgänger, für den Liebe nur eine Illusion ist, sein Herumirren zwischen den Welten.

  Doch Sucher ist nicht der Einzige auf der Fährte des Kindes: Mit ihm pirscht eine schillernde Schar durch den Urwald, irrt durch Städte aus Türmen, Baumhäusern oder Tunneln, Bibliotheken und Zonen des Zeitstillstands.

  Da ist eine Mondhexe, die von unsichtbaren Feinden bedrängt wird. Eine kleine Flussgöttin. Ein geschwätziger Riese. Und ein Büffel mit der Intelligenz eines Menschen. Die einzigen Wesen allerdings, die Sucher etwas bedeuten, sind der schwarze Leopard, sein homoerotisch aufgeladener Gegenpart, dessen Gestalt zwischen Mensch und Raubkatze oszilliert. Und eine Schar von Kindern mit übersinnlichen Kräften. Sucher nimmt sich dieser von der Gesellschaft todgeweihten Außenseiter an, die bei einer Anti-Hexe Zuflucht gefunden hatten – es sind die wenigen Momente, in denen man glaubt, eine menschliche Seelenbewegung in dem verhärmten Söldner-Charakter auszumachen. Dafür wimmelt es nur so von Kampfszenen: Gegen Vampire, fledermausgeflügelte Kannibalen und Omoluzu, eine Art Deckengeister, die sich aus Schatten unter Dächern formen. Doch je mehr Informationen Sucher sammelt, desto mehr schwindet die Gewissheit. Nicht nur wegen der komplexen politischen Spannungen zwischen den verschiedenen Königreichen, sondern auch, weil seine Begleiter oft nicht die sind, als die sie sich ausgeben.

  Sicher ist nur der unvermeidliche Zirkel der Rache und des Blutvergießens. James entwirft hier eine afrikanische Dystopie, die mal an die westafrikanischen Märchen von der durchtriebenen Spinne Anansi erinnert, mal an die chaotischen Grausamkeiten der jüngsten Bürgerkriege im Ostkongo, Somalia, dem Südsudan. Man ist versucht, „Schwarzer Leopard, Roter Wolf“ als magisch überhöhte „Herz der Finsternis“-Replik zu lesen, als grimmig aufgeladenes Panoptikum menschlicher Seelenabgründe. Doch dann bremst James den eigenen Flow immer wieder aus – mit einer Sprache, die wohl Fake-Mittelerde-Lingo sein soll, und ungeschlachten Dialogen wie diesem: „‚Warum du mich treten, Sohn einer herumhurenden Halbkatze?‘ ‚Ich hinter dir, du Narr. Was wenn ich dich tret in den …‘ Ich schwang das Beil, versenkte es tief in Egberes Stirn, zog es heraus und versenkte es in seinem Hals. Ich schwang es wieder und wieder, bis sein Kopf fiel, Ewele schrie und schrie, der Wind töte seinen Bruder… ‚Verschließe dein Gesicht. In sieben Tagen wird sein Kopf nachgewachsen sein. Es sei denn, er entzündet sich, dann wächst ihm nur eine dicke Eiterbeule.‘ ‚Zeig dich, ich will dich totschlagen.‘ ‚Du schlägst meine Zeit tot, Troll.‘“ So geht das oft seitenlang.

  Natürlich versteht James es, auf der Klaviatur des Fantasy-Genres zu spielen: Er sät strategisch dunkle Vorahnungen und verleiht seinen Figuren so alptraumhaft-fantasievolle Eigenschaften, dass man vor dem Einschlafen die Decke schon mal ängstlich nach Omoluzu-Geistern absucht. Mit fortschreitender Lektüre aber droht der Leser sich wie der Held Sucher im Dschungel von Namen und Orten zu verlieren. Erschlagen von zu viel Mythenhuberei. Abgestumpft von einer Überdosis ausgerissener Augäpfel.

  Gewalt- und Sexszenen sind James Paradedisziplin. Aber ihre comicartige Massierung geht auf Kosten des Plots. Wo bleibt zwischen all den gefickten Gestaltwandlern und geschlachteten Geistwesen noch Platz für Subtilität? Womöglich würde die Aufeinanderfolge aus Waffengängen und einfachen Dialogen als Videospiel ganz gut funktionieren. Oder auch als Fernsehserie. Dann könnte der Nebel aus Action und Verwandlungen eine ganz andere visuelle Ordnung und Eindrücklichkeit erhalten und als Afro-Gegenstück zu „Herr der Ringe“ seine popkulturelle Kraft entfachen. Man würde es vielen der brillant geschriebenen Einzelszenen wünschen. Black-Panther-Star Michael B. Jordan jedenfalls hat schon die Verfilmungsrechte erworben.

JONATHAN FISCHER

SZ 13.12.2019Marlon James

Ungerührt wie ein Herzchirurg – Ernest J. Gaines schrieb über den Alltag der Schwarzen in den Südstaaten

Wie bewahrt man seine Würde in einer feindseligen, rassistischen Umgebung? Und was lässt einen Mann trotz aller Demütigungen aufrecht gehen? Das sind einige der wiederkehrenden Themen im Werk des afroamerikanischen Schriftstellers Ernest J. Gaines.

Sie befeuern auch sein wohl berühmtestes Buch, den 1993 erschienenen Roman „A Lesson Before Dying“: Jefferson, ein jugendlicher Afroamerikaner sitzt im Louisana der 40er Jahre unschuldig in der Todeszelle. Es gibt keine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Doch ein junger schwarzer Lehrer besucht den Todeskandidaten regelmäßig im Gefängnis: Um ihm zu zeigen, dass er eine Wahl hat. Dass er in der Lage ist der Verurteilung durch die Gesellschaft zu trotzen – wenn er nur seinen anfänglichen Zorn überwindet, der ihn wie das Tier handeln lässt, das die Weißen in ihm sehen. Jeffersons Heldentum ist ein innerliches: Es geht um eine spirituelle Haltung im Angesicht eines Urteils, das ihn auch wegen seiner Hautfarbe trifft. Geschickt spielt der Autor dabei immer wieder auf die Kreuzigung Jesu an. Gaines Roman gewann 1993 den Book Critics Circle Award, wurde erfolgreich verfilmt – und in deutschen Schulen als Unterrichtslektüre aufbereitet.

„Unser Leben wurde oft so erzählt, als ob wir keine Geschichte hätten“, sagte Gaines. Aber der 1933 auf der River Lake Plantation in der Kleinstadt Oscar, Louisiana, geborene Schriftsteller sollte das ändern: In seinen Romanen und Essays beschrieb er aus einer schwarzen Perspektive den Alltag der Menschen, mit denen er aufgewachsen war. Darunter seine körperlich verkrüppelte aber moralisch starke Großtante und Ersatzmutter Augusteen, die ihn zu seinem 1971erschienenen Roman „The Autobiogragphy of Miss Jane Pittman“ inspirierte. Gaines setzte seine Worte im kargen Blues-Rhythmus der Umgangssprache des ländlichen Südens. Als Jugendlicher hatte er für 50 Cent am Tag auf den heimischen Baumwollfeldern gearbeitet. Eine höhere Schule, die ihn als Schwarzen aufgenommen hätte, gab es nicht und so folgte er 1948 seiner Mutter nach Kalifornien. Aber auch von San Francisco aus blieb er seiner als „Bayonne“ fiktionalisierten Heimatstadt treu. Black Power-Aktivisten kritisierten den Autor später, er sei „nicht militant genug“. Gaines aber sah seine Aufgabe eher im Beobachten: „Ein Schriftsteller sollte so ungerührt bleiben wie ein Herzchirurg bei seiner Arbeit“.

Als Chronist einer Generation von Südstaaten-Schwarzen schwangen bei ihm stets universale Menschheitsthemen mit. „Ohne Liebe für meine Mitmenschen und Respekt für die Natur wäre das Leben obszön“.

Seit 1981 arbeitete Gaines als Writer in Residence und Professor an der University of Louisiana in Laffayette. Am Dienstag kam die Nachricht, der 86-jährige sei zu Hause gestorben. Zu Hause: Das war am Lebensende wieder die River Like Plantation, wohin Gaines mit seiner Frau gezogen war, um den Gräbern seiner Vorfahren und deren Geschichten näher zu sein.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.11.2019Ernest J. Gaines

Die Männer werden folgen: Die Psychologin und Bloggerin Fatouma Harber hat den Islamisten und dem malischen Staat die Stirn geboten – jetzt bildet sie in Timbuktu Frauen zu digitalen Aktivistinnen aus

IMG_1529Als Fatouma Harber in der Auberge du Desert eintrifft, nicken die Wachmänner mit den umgehängten Maschinengewehren der kleinen Frau fast ehrfürchtig zu. Jeder kennt sie in Timbuktu. Und jeder weiß, dass die 40-jährige Psychologin, Lehrerin und Bloggerin mit dafür verantwortlich ist, dass die „Mysteriöse“ und „Stadt der 333 Heiligen“, wie die Einwohner sie gerne nennen, heute nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen wird. Vielleicht hatte man sich eine militante Menschenrechts-Aktivistin anders vorgestellt. Irgendwie westlicher gekleidet. Weniger traditionell: Dass Harber – Hornbrille, schwarzer Hijab, bis zu den Knöcheln reichende Kleider – ihre strenge islamische Religiösität auch nach außen demonstriert, hat ihr in Timbuktu jedenfalls nicht zum Nachteil gereicht. Wer hätte gerade sie verdächtigt, während der Besatzung der Stadt durch Dschihadisten in den Jahren 2012 bis 2013 unter dem Pseudonym Fatittystar brisante Nachrichten aus der abgeschnittenen Stadt in die Welt zu schicken? Wer hätte hinter ihrer bewusst nüchternen Fassade den rebellischen Geist einer der bekanntesten Blogerinnen Malis vermutet?

„Als die bewaffneten Gruppen in unser Gebiet kamen, waren alle Ausländer, alle Journalisten geflohen. Wir waren uns selbst überlassen. Da fing ich an, den ganzen Tag darüber zu twittern, was hier vor sich geht: Über die ständigen Kleiderkontrollen, die Frauen, die von den Dschihadisten wegen angeblicher Sittenverstöße in der Polizeistation gefangen gehalten wurden, das Verbot, Musik zu hören oder auch nur an den Gräbern der Sufi-Heiligen zu beten…“ . Später als ausländische Medien ihre Berichte aufnahmen und Harbers Blog für einen Preis nominiert wurde, musste sie aus der Stadt nach Bamako fliehen. Aber sie kam zurück. Weil der Kampf nach der Befreiung der Stadt durch eine französisch-malische Interventionstruppe noch längst nicht gewonnen war. Auch heute noch gelte die Region um Timbuktu weitgehend als rechtsfreies Gebiet und Selbstbedienungsladen für militante Gruppen. Niemand sei hier sicher, sagt sie. Und nicht einmal die heimische Presse berichte darüber, wenn in einem abgelegenen Dorf geplündert und gemordet werde. „Heute sind wir immer noch Opfer, nur dass die Übergriffe nun auch von den Milizen und der malischen Armee kommen, die die Regierung angeblich hierherschickt, um uns zu beschützen.“

Dass Fatouma Harber das offen anspricht, macht sie verwundbar. Sie und ihre Familienmitglieder hätten Morddrohungen erhalten: „Die bewaffneten Gruppen betrachten meine Arbeit als Einmischung in ihre Geschäfte.“ Geschäfte, die oft illegal sind und auch den lukrativen Handel mit Kokain und Marihuana einschließen, der Transport der Rauschgift-Ladungen aus Kolumbien über die Wüste Nord-Malis und das Mittelmeer Richtung Europa ist ein Milliarden-Geschäft. Allerdings lässt sich Harber nicht einschüchtern: Seit einigen Jahren schon bildet sie heimische Frauen in digitaler Technik und ihrer politischen Nutzung aus. Sie hat so Dutzende von Bloggerinnen und Journalistinnen hervorgebracht. Ihr Bildungszentrum Sankoré-Labs – benannt nach dem Stadtteil Sankoré, wo vor 900 Jahren, zu einer Zeit also als Berlin noch ein Dorf war, in Koranschulen und Universitäten Gelehrte aus ganz Arabien lehrten – will den alten demokratischen Geist Timbuktus im Zeichen der Digitalisierung erneuern.

Doch bevor es um Menschenrechte, staatliche Korruption und die Rolle des Islam geht, will sie erst mal über einen ihrer ehemaligen Schüler reden: Mohammed Ag Khaedy. Er war während der Besatzung einer der lokalen Anführer der Dschihadistengruppe Ansar Dine gewesen. Heute morgen hatte sich ein Selbstmordattentäter dieser inzwischen als JNIM firmierenden Bewegung dem einzig verbliebenen Hotel der ehemaligen Touristen-Attraktion Timbuktus genähert. Die Auberge du Desert, das selbe Hotel, in dessen neon-beleuchtetem Speisesaal wir nun das Interview führen. Harber kennt einige der Dschihadisten nur allzugut Mohammed Ag Khaedy etwa sah sie im Fernsehen, als er zusammen mit anderen mit Spitzhacke bewaffeneten Dschihadisten ein Grabmal eines Sufi-Heiligen zerstörte. „Er war ein wohlerzogener Tuareg-Junge“, sagt Harber, die mal seine Lehrerin war. „Zwar hat Ag Khaedy aufgrund seiner religiösen Erziehung schon damals Frauen nicht die Hand gegeben – aber das war nicht bösartig. Oft hat er mir aus seinem Dorf handgefertigten Schmuck aus Kamelleder mitgebracht“.

Ein Kommuniqué der Ansar Dine Nachfolgeorganisation JNIM verkündet am nächsten Tag, „einer unserer Märtyrer“ habe seine Mission erfolgreich abgeschlossen und fünf ungläubige Franzosen in den Tod befördert. Eine Falschmeldung. Tatsächlich hatte sich der Attentäter nur selbst in die Luft gejagt. Die Hotelgäste, ein paar malische Musiker, Fotografen und Frauenaktivistinnen kommen mit dem Schrecken davon. Angereist waren sie für ein Kulturfestival mit Konzerten, Lesungen und Führungs-Workshops für Frauen. Der Bürgermeister der Stadt hatte die Besucher in seiner Eröffnungsansprache als „Zeichen der Normalisierung“ gefeiert. Nun lassen die Gastgeber mich nur noch streng bewacht, verkleidet in Tuareg-Gewänder und Turban mit Sehschlitz außer Haus. Harber aber gibt sich unerschrocken: „Klar, dass wir das Festival nicht abbrechen. Sonst lassen wir sie gewinnen – und bleiben frustriert zurück.“ Auf ihrem Twitter-Account meldet sie in den letzten Wochen: Vier Entführungen oder Entführungsversuche lokaler Amtsträger und Geschäftsmanner. Schüsse auf fahrende Autos. Und die gewaltsame Entwendung eines Krankenwagens.

Dennoch denkt Harber nicht daran, fortzugehen: „Mich treibt vor allem eine Frage um: Wie können wir den Frauen helfen, wieder auf die Beine zu kommen?“ Diese seien einerseits die Hauptleidtragenden der Besatzung und nachfolgenden Krise. Andererseits könne sie auf die Tatkraft der Frauen zählen: „Frauen haben schon immer die Führerschaft in Timbuktu übernommen. Wenn sie vorangehen folgen die Männer nach“. Harber selbst steht für diese weibliche Unbeirrbarkeit. Als der Staat 2012 die Order ausgab, an eine Schule nach Bamako zu wechseln, blieb sie trotzdem da. Sie absolvierte dank einer holländischen NGO eine Ausbildung als Bloggerin. Und als die Organisation 2015 beschloss, Mali zu verlassen, machte sie einfach auf eigene Faust weiter. Sie übernahm das Mobiliar und die 15 Computer, rekrutierte ein Team von Freiwilligen und nannte das ganze Sankoré Labs: Ein Ort, an dem sie vor allem Frauen und Jugendliche in digitaler Technik und ihrer journalistischen Nutzung unterrichtet. Harber selbst gründete einen Verband malischer Blogger. Als deren Präsidentin achtet sie vor allem auf journalistische Standards. Und strikte Unabhängigkeit: „Die traditionellen Presseorgane und Radiosender haben allesamt politische Sponsoren. Ohne deren Unterstützung könnten sie gar nicht ihre Rechnungen zahlen. Und dieser Einfluss färbt auch auf die Berichterstattung. Deswegen sind wir Blogger wichtig: Man kann uns nicht so einfach kaufen.“

Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie erzählt von Selbsthilfe-Initiativen, die man sich vor der Krise kaum habe vorstellen können: Etwa der Aufräumaktion, in der Freiwillige jeden siebten Sonntag die Straßen entmüllen und reparieren. Sie unterstützt auch die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von „Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits“ . Und hat mit Sankoré-Labs Debattier-Clubs ins Leben gerufen. Schüler aller höheren Bildungseinrichtungen studieren dafür die politischen Nachrichten und Journale, um sich schließlich in einem preisgekrönten Debattier-Wettbewerb zu messen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche, sagt Harber, der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften. „Warum glauben Sie, haben die Dschihadisten sich ausgerechnet Timbuktu als Zielscheibe gewählt? Weil wir hier Toleranz leben.“ Die Gotteskrieger hätten ein Exempel an der für ihre Wissenschafts-Tradition berühmten Stadt statuieren wollen. Nur die wenigsten Dschihadisten seien aus Timbuktu selbst gekommen. Vielmehr hätten in Saudiarabien geschulte Prediger seit den Achtzigerjahren die Stadt aufgesucht – und mangels Zuspruch der Bevölkerung, Gläubige mit Essen und Geldgeschenken in ihre Moscheen am Stadtrand und auf den Dörfern gelockt. Auch ihr Schüler Ag Ghaly habe sich dort radikalisiert. Harber sagt: „Wir hatten aufgrund unserer Religion den Dschihadisten gegenüber eine Haltung der Passivität. Heute würden sie uns nicht mehr so leicht unterkriegen.“

Trotzdem sieht Harber die Zukunftsperspektiven Timbuktus skeptisch. Nicht die Islamisten seien das größte Problem. Sondern die Gleichgültigkeit des malischen Staates. Alle sozialen Initiativen vor Ort würden ausschließlich von ONGs getragen. Und dann erst der Zustand des Straßennetzes! Harber hat in den letzten Wochen auf Twitter den Kampf der Einwohner für die Instandsetzung der Überlandstraße vom Süden nach Timbuktu dokumentiert. Eine Schlammpiste, die zur Regenzeit oft unpassierbar wird. Seit Jahrzehnten schon dauere dieser Zustand an – während Milliarden Francs an Entwicklungsgeldern rund um die Hauptstadt Bamako versickerten. „Dritte Nacht der Blockade des Militär-Flughafens durch Demonstranten“, meldet Harber am 8.9. unter dem Hashtag „Tombouctouveutuneroute“. Dazu ein Bizeps-Emoji. Drei Tage später kommen tatsächlich drei Minister aus Bamako und unterschreiben ein Abkommen über die Fertigstellung einer Überlandstraße und der Sanierung des maroden Krankenhauses. Ein Etappensieg für Harber und ihre Verbündeten. Das nächste Projekt: Eine Kampagne zur Senkung der horrenden Online-Gebühren durch die zwei malischen Monopol-Telefongesellschaften – damit mehr Bürger sich im Netz informieren und austauschen können. „Ein Parlamentsabgeordneter“, sagt Harber, „hat uns Blogger als Drogenabhängige geschimpft. Aber sie können uns nicht stoppen. Wenn sie die sozialen Netzwerke blockieren, finden wir einen Umweg“. Harber nestelt an ihrer Brille – und lächelt zum ersten mal vorsichtig. „Vielleicht sind wir wirklich berauscht. Berauscht von Demokratie.“

JONATHAN FISCHER