Wir können von den Rechten lernen

Alicia Garza, die Mitbegründerin von Black Lives Matter erklärt, wie die Linken sich selbst im Weg stehen und warum die Bewegung heute keinen Martin Luther King mehr braucht.

Alizia Garza hatte bereits jahrzehntelang für verschiedene Gesundheits-, Bürgerrechts- und Antidiskriminierungs-Organisationen gearbeitet, als sie 2013 nach dem Mord an Trayvon Martin und dem Freispurch des Täters, den Hashtag „Black Lives Matter“ absetzte. Ihr leidenschaftlicher Facebook-Post wurde hunderttausendfach geteilt. Zusammen mit Opal Tometi und Patrisse Cullors entwickelte sie daraus das Konzept einer Massenmobilisierung gegen Polizeigewalt, die Gefängnisindustrie und die Ungerechtigkeiten des US-Justizsystems. Zwei Jahre später gehörte sie zu den Mitorganisatorinnen des Freedom Ride nach Ferguson, der Black Lives Matter weltweit popularisierte. Nun veröffentlich die 39-jährige „Die Kraft des Handelns“

In Ihrem Buch schreiben Sie: „In Amerika sind schwarze Menschen Kriminelle, ob wir nun 8 oder 80 Jahre alt sind, ob wir Anzug und Krawatte tragen oder ob wir unsere Hosen herunterhängen lassen“ . Ist das nicht etwas sehr polemisch?

Nein, die gesamte schwarze Bevölkerung leidet darunter, wegen ihrer Hautfarbe kriminalisiert zu werden. Oft heißt es, dass Schwarze, die von der Polizei umgebracht werden, Ausnahmefälle sind, dass sie nicht die Regel darstellen. Wir halten die Verantwortlichen dann für vereinzelte Bösewichte. Dabei geht es um gezinkte Regeln, die seit langer Zeit gegen Minderheiten-Communities angewendet – und über soziale und kulturelle Praktiken normalisiert werden. Es ist dabei egal, ob du einen Uni-Abschluss hast, oder CEO einer Firma bist: Selbst Oprah Winfrey, eine der reichsten Frauen Amerikas hat schon racial profiling erlebt – also dass man ihr ihrer Hautfarbe wegen unterstellte, ein potentieller Ladendieb zu sein. Und der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten musste sich wahlweise als Lügner, Terrorist, Muslim und Sozialist beschimpfen lassen.

Anders als die Führer der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre sind Sie eher Kamera-scheu, wirken im Hintergrund und setzen auf eine dezentrale Organisation. Warum?

Viele Menschen hängen noch der Idee an, dass ein Retter wie Martin Luther King vom Himmel schwebt und unsere Probleme löst. Aber wir brauchen keine Promi-Aktivisten. Spätestens bei den Protesten in Ferguson 2014 (Redaktion: nach der Ermordung von Michael Brown durch einen weißen Polizisten) wurde deutlich, das sich viele nicht mehr von den alten Führern wie Jesse Jackson oder Al Sharpton vertreten fühlen. Deren Idee war immer: Wenn du nur beweist, dass du Respekt verdienst, dann bekommst du ihn auch. Aber wir haben gesehen, dass das nicht funktionert. Es ist uns egal, wie „würdig“ das Opfer von Polizeigewalt sich verhalten haben mag, ob man wie im Falle von George Floyd seine Vorstrafen in den Medien ausbreitet oder nicht. Jeder hat ein Recht auf Leben und menschenwürdige Behandlung, …

Was hat das millionenfach geteilte Video, in dem ein weißer Polizist acht Minuten lang auf dem Hals des um sein Leben flehenden Floyd kniete, für die Black Lives Matter Bewegung bedeutet?

Die weltweiten Massenproteste, die darauf folgten, sind ein Fortschritt: Noch vor vier Jahren wollte man auf dem Parteitag der Demokraten die Black Lives Matter Bewegung mit symbolischen Forderungen wie dem verpflichtenden Tragen von Kameras für Polizisten, abspeisen. Dieses Jahr konnte kein Redner mehr vor den Kernforderungen von BLM ausweichen. Sie sind inzwischen im kollektiven Gedächtnis verankert: Schwarze Menschen wollen nicht länger als Kriminelle, Monster und Tiere gesehen und behandelt werden.

Sie sind mit einem weißen jüdischen Stiefvater und einer schwarzen Mutter in Marin County, einem Mittelklasseviertel von San Francisco aufgewachsen. Wann haben Sie zum ersten mal erlebt, dass Ihre Hautfarbe Sie zur Zielscheibe macht?

Die Schule schrieb meine Eltern an, ich hätte angeblich auf der Schultoilette Marihuana geraucht. Ich hatte als damals 12-jährige noch nie an einem Joint gezogen. Aber ich war eine von sehr wenigen schwarzen Schülerinnen – und dann man wohl an, dass ich wegen meiner Hautfarbe auch zu bestimmten Verhaltensweisen neigen würde. Das hätte einen Schulausschluss oder gar Arrest nach sich ziehen können. Für schwarze Jugendliche ist das leider allzuoft Alltag. Wegen des Rassismus in unserer Gesellschaft können wir keine normale Kindheit genießen.

Haben solche Ausschluss-Erfahrungen dazu geführt, dass Sie BLM von Anfang an als inklusive Bewegung für Gruppen aller ethnischen Hintergründe und sexueller Orientierungen entwarfen?

Als eine queere schwarze Frau wollte ich natürlich Bewegungen aufbauen, die für Menschen wie mich offenstehen. Warum nur über schwarze Männer reden? Dann lassen wir bestimmte Gruppen zurück. Deshalb kämpfen wir gegen die ungleichen Lebensbedingungen für schwarze Frauen, queere Schwarze, Migranten…. Wir dürfen nicht das System kopieren, das wir bekämpfen, sondern müssen, um es zu transformieren, auch an unseren eigenen Vorurteilen arbeiten. Denn je breitangelegter eine Bewegung ist, umso mächtiger wird sie.

Sie schreiben, dass in den Bürgerrechtsbewegungen der Vergangenheit zwar schwarze Frauen das Gros der Basisarbeit leisteten, sich aber stets Männer an deren Spitze setzten. Ist es späte Gerechtigkeit, dass BLM von drei schwarzen Frauen aufgebaut wurde?

Mir gefällt die Idee, dass Bürgerrechts-Pionierinnen wie Fanny Lou Hamer, Ella Baker und Rosa Parks auf uns niederschauen und sagen: Danke, wurde auch Zeit. Heute wissen wir, dass Frauen aus der Geschichte unserer eigenen Freiheitskämpfe herausgeschrieben wurden. Wir wissen alles über Martin Luther King und Malcolm X, aber was wissen wir über Rosa Parks, Dianne Nash und Fanny Lou Hamer? Frauen fungierten in all diesen Bewegungen als Planerinnen, Organisatorinnen, Lehrerinnen, Konflikt-Mediatorinnen. Auf ihren Schultern ruhte die gesamte Infrastruktur.

Bekommen Sie aufgrund Ihrer Frauen- und LGBT-freundlichen Politik nicht auch Gegenwind – selbst aus den eigenen Reihen?

(Lacht) Natürlich gibt es Beschwerden, unsere Bewegung würde sich zu sehr um Frauen oder um queere Menschen kümmern. Wann gab es das schon mal in der Geschichte? Für mich ist solcher Widerstand ein guter Indikator, dass sich wirklich etwas ändert, dass Menschen, die von der Gesellschaft zurückgelassen wurden, im Mittelpunkt stehen dürfen. Das gilt im Übrigen auch für die Politik: Bei den Kongresswahlen vor zwei Jahren haben wir mehr schwarze Frauen gewählt als je zuvor, darunter die erste Muslima, die erste Native American-Angehörige und die erste Transfrau überhaupt. So viel Fortschritt geht natürlich immer mit einem gewaltigen backlash konservativer Kreise einher.

Sie bezeichnen Ihre Mutter und Madonna als Ihre größten weiblichen Vorbilder. Das ist angesichts von afroamerikanischen Aktivistinnen wie Assata Shakur, Kathleen Cleaver bis Angela Davis doch etwas überraschend….

Angela Davis ist eine Nachbarin und gute Freundin. Aber es war meine Mutter, die mir beibrachte, mich in einer sexistischen Männerwelt durchzusetzen. Und Madonna? Sie hat mir geholfen, mir vorzustellen, wie es wäre als Frau, ganz zu mir zu stehen. Madonna sprach offen über den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche, sie prangerte Rassismus und Homophobie an und adressierte auch Themen wie Sex, Lust und Intimität. Ihre Videos auf MTV waren meine feministische Erziehung bevor ich überhaupt eine Sprache dafür hatte.

Sie treten gegen eine rechte Strömung in Amerika an, die seit Jahrzehnten schwarze, schwule oder immigrierte Menschen ausgrenzt. Dennoch wird BLM oft auf den Protest gegen Polizeigewalt reduziert….

Polizeigewalt aktiviert Menschen, weil sie so schockierende, tragische Bilder liefert. Aber sie ist nur die Spitze des Eisbergs, das Ergebnis von Jahrhunderten der gewalttätigen Unterwerfung und Ausgrenzung schwarzer Communities. Daraus folgt, dass unsere Leben nichts zählen, man uns ungestraft töten kann, niemand zur Veranwortung gezogen wird. Dafür gibt es leider viele Beispiele: Etwa Kenneth Harding, der in San Francisco am helllichten Tag von hinten erschossen wurde, weil er ohne Fahrkarte fuhr – die Polizei erfand nachträglich die Geschichte, er hätte eine Waffe getragen und es deshalb verdient. Oder die Ermordung von Mario Woods, der eine psychische Krise hatte und angeblich ein Messer mit sich führte. All das sind Symptome eines größeren Problems: Dem Fehlen von ausreichender Gesundheitsfürsorge, von Bildung, menschenwürdiger Arbeit und politischer Repräsentanz der schwarzen Community. Schwarze Menschen dürfen nicht mehr die Schuld für das Versagen der Politik zugechoben bekommen. Das ist, wie wenn man einen Armen dafür beschimpft, dass er keinen Job findet.

Ihre Bewegung hat mit einem Twitter Hashtag angefangen. Haben die sozialen Medien Ihrer Bewegung eher geholfen oder geschadet?

Die sozialen Medien sind Segen und Fluch zugleich. Das Problem ist, dass viele die digitale Bühne mit der tatsächlichen Organisation einer Bewegung verwechseln. Es gibt Politiker, die geglaubt haben, sie könnten eine Wahl aufgrund ihrer Millionen Twitter-Follower gewinnen – und dann krachend verloren haben. Wir sind nach der Ermordung von Michael Brown in Ferguson von Haustür zu Haustür gezogen, um die örtliche Bevölkerung zu mobilisieren. Nur über das persönliche Gespräch lassen sich aus Followern langfristig engagierte Aktivisten machen. Was ich dabei gelernt habe: Es ist fundamental für Bewegungen: Menschen von ihrer eigenen Macht zu überzeugen.

Die Rechte in Amerika hat seit der Reagan-Regierung ziemlich erfolgreich an einer kulturellen Hegemonie gearbeitet, die von den Kirchen bis zu den Waffenbesitzerverbänden reicht. Haben Sie sich in ihren Taktiken etwas von ihren Gegnern abgeschaut?

Ja, wir können von den Rechten lernen, Koalitionen zu bilden. Sie haben zwar verschiedene Fraktionen. Aber wenn es um die Macht geht, dann vergessen sie ihre Unterschiede. So war es auch mit Donald Trump. Zunächst haben ihn eine Menge Republikaner gemieden. Sie hielten ihn für einen Clown. Aber als sie erkannten, dass er eine politisch potente Anhängerschaft hat, waren sie bereit, seinen Sexismus und Rassismus zu übersehen. Wir sollten zwar nicht ähnlich unmoralisch handeln. Aber wir müssen die traditionelle Spaltung der Linken überwinden. Die Rechte etwa umwirbt erfolgreich all die Menschen, die sich verloren und verängstigt fühlen: Wir geben dir eine Heimat, sagen sie. Und: Wir wissen, was wir für dich tun können. Solange wir uns scheuen, diese Menschen zu adressieren, können wir Progressiven nicht gewinnen.

Haben Sie denn Verständnis für die Menschen die aus Frustration mit dem System nicht mehr wählen gehen?

Nein, Wählen ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um etwas in diesem Land zu verändern. Viele linke Bewegungen hatten ein Problem damit, institutionelle Macht auszuüben. Donald Trump hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, in einer Position zu sein, aus der heraus man die Regeln machen kann. Denn: Alles was du auf dem Tisch stehen lässt, wird jemand anderes essen. Wählen heißt, Politikern die Konsequenzen zu zeigen, wenn sie dich enttäuschen. Sie müssen lernen, unsere Community genauso zu fürchten wie die Wirtschaftslobbyisten. Und wir müssen lernen, die Macht zu lieben. Deswegen bilden wir Anführer in unseren Communities aus, um sie in die Lage zu versetzen, in Städten und Staaten neue Gesetze zu schreiben, durchzusetzen und anzuwenden.

Seit 2017 arbeiten Sie vorwiegend an Ihrem neuen Projekt, dem Black Futures Lab. Um was geht es da?

Wir errichten eine Infrastruktur in den schwarzen Communities. Zum Beispiel hören wir uns um, was schwarze Menschen selbst wünschen und brauchen. Das Black Census Projekt ist seit 15 Jahren die größte derartige Umfrage unter Afroamerikanern. Wir haben etwa herausgefunden, dass 85 % der Befragten eine Anhebung des Mindestlohnes auf 15 Dollar befürworten. Ein weiteres Anliegen ist die Reduzierung der Polizeipräsenz an den Schulen, um diesen Automatismus, mit dem schwarze Jugendliche von der Schule ins Gefängnis wandern, zu unterbrechen. Außerdem versuchen wir mit der Black Agenda politische Bildung für alle zu fördern, damit mündige Wähler BLM-affine Kandidaten vom Stadtrat bis in den Kongress bringen.Mit gutem Willen allein lässt sich nichts ausrichten.

Sie wirken so fröhlich und entspannt. Schlägt Ihnen die ständige Beschäftigung mit Polizeigewalt und rassistischen motivierten Morden nicht irgendwann aufs Gemüt?

In den schwersten Zeiten meines Lebens war es der Zusammenhalt der Community, der mich getragen hat. In meinem Buch schreibe ich wie Trauer, Drama und Trauma dich vergiften können, wenn du dich nicht um dich selbst kümmert. Unsere gemeinsame Arbeit nenne ich: Hospizpflege, für das was stirbt. Und pränatale Pflege für das noch Ungeborene. Wir sehen dieses Embryo einer besserenWelt ansatzweise in BLM oder auch den weltweiten Bewegungen für Klimagerechtigkeit.

Interview: Jonathan Fischer

SZ 2.11.2020 in gekürzter Form

«Die Schwarzen haben Amerika gross gemacht»

Er zählt zu den bedeutendsten Stimmen des amerikanischen Hip-Hop: Nasir Jones alias Nas. Im Interview spricht der 47-jährige Rapper über sein neues Album, die soziale und historische Bedeutung des Hip-Hop und die USA im Zeichen Donald Trumps.  

Nasir Jones alias Nas gilt seit seinem 1994 erschienenen Debütalbum «Illmatic» als der Hip-Hop-Lyriker schlechthin. Als einer, der in seinem Rap die Realität der Strasse mit Sozialkritik und mit dem Surrealismus des Blues zusammenbringt. Nun, zwei Jahre nach einer künstlerisch durchzogenen Zusammenarbeit mit Kanye West zeigt das neue, 13. Album «King’s Disease» den Rapper und Geschichtenerzähler in Höchstform. Zu Soul- und Jazz-lastigen Beats schaut Nas hier auf seine Anfänge zurück. Angesichts von Polizeigewalt und der Black-Live-Matters-Proteste appelliert er auch an den Stolz seiner Landsleute.

Sie haben ihr neues Album «King’s Disease» während der Corona-Pandemie aufgenommen. Kann man den Titel als Anspielung auf die Seuche verstehen?

Nein, er bezieht sich eher auf einen psychologischen Erreger. Den Hass, der uns alle krank macht. Wir sehen das gerade jeden Tag in Trumps Wahlkampf. Was ich sagen will: Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen und vertraut euch selbst.

Mit ihrem neuen Titel «Ultrablack» feiern Sie die afroamerikanische Musik und Community: «Rhythm’n’Blues, Pop, Rock to Soul to Jazz … how I look being told I’m not supposed to brag». Genügt es angesichts täglicher Schlagzeilen über Polizeigewalt und Rassismus mit schwarzer Musikgeschichte zu prahlen? 

Es gibt schon genug Songs über Polizeibrutalität, die unter die Haut gehen. Ich wollte mit «Ultrablack» die andere Seite Afroamerikasfeiern. Die Freude und den Stolz, den unsere Kultur ausstrahlt. Unsere Überlebenskunst, die darauf beruht, dass man sich wohl fühlt in der eigenen Haut – gerade auch in dunklen Zeiten. Das ist das Erbe des Blues in aller schwarzen Musik.

Das klingt ja wie ein Hip-Hop-Update von James Browns «I‘m Black And I’m Proud».

Das fasse ich als grosses Kompliment auf! Hip-Hop als gesellschaftliche Kraft steht in James Browns Tradition. Als er «I‘m Black And I’m Proud» Ende der 60er Jahre veröffentlichte, schenkte er den Menschen inmitten brennender Ghettos und den düsteren Nachwehen der Bürgerrechtsbewegung eine Botschaft der Selbstliebe. Genau dasselbe will ich mit «Ultrablack». Uns wurde jahrhundertelang suggeriert, dass wir unserer Hautfarbe wegen Tiere und Monster seien – viele Probleme in der Black Community resultieren aus diesem Erbe.

Im US-amerikanischen Wahlkampf geht es auch um den neu grassierenden Rassismus. Wieweit spüren Sie diesen als Hip-Hop-Superstar?

Egal wie prominent du bist: Du kannst dem Rassismus und dem racial profiling nie entkommen. Ob ich Tennis spiele oder shoppen gehe – ich bin immer wieder mit hässlichen kleinen Bemerkungen konfrontiert. Manchmal schnappe ich diese Herablassung auch zwischen den Zeilen auf.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Was mich persönlich am meisten beleidigt hat: Donald Trumps Ausspruch, er sei für uns Afroamerikaner der beste Präsident aller Zeiten – wahrscheinlich meinte er seit Abraham Lincoln. Wenn er zeigen will, dass er uns Afroamerikaner respektiert, dann sollte er seine Worte überdenken. Oder glaubt er, er kann uns für so dumm verkaufen? Es sind solch ignorante Sprüche, die das Feuer des Rassismus anfachen.

Dennoch gibt es gerade unter den HipHop-Millionären Figuren wie Ice Cube oder Kanye West, die öffentlich ihre Sympathien für Donald Trump geäußert haben. West hatte sogar – zum Ärger vieler Demokraten, die den Verlust schwarzer Wählerstimmen fürchteten – angekündigt. selbst als Präsident kandidieren zu wollen….

Ich habe bereits öfter gesagt, dass ich das für keine gute Idee halte. Wir sind HipHop-Stars aber keine Politiker. Als Rapper kannst du lustige, wütende, mitfühlende oder gewalttätige Lyrics bringen. Wenn ich die übergreifende Botschaft des HipHop auf einen Punkt bringen müsste, dann würde sie lauten: Du kannst etwas erreichen – mach was aus deinem Leben!

Gerade weil er als erfolgreicher Geschäftsmann gilt, wurde Donald Trump in der Zeit vor seiner Präsidentschaft in vielen Rap-Texten zitiert….

Es ist okay, nach Reichtum zu streben. Dafür schäme ich mich nicht. Aber deswegen einen aus einer reichen Familie stammenden weißen Unternehmer bewundern? Das zeigt doch nur, dass wir nicht wissen, dass die Latte für uns viel höher hängt. Dass wir nicht mal wissen, warum so viele Schwarze im Elend stecken. Wir vergessen die Sklaverei und ihre Auswirkungen bis heute – und richten stattdessen unsere Wut und Verzweiflung gegen uns selbst.

Sind Sie wütend über die aktuelle politische Situation?

Nein, ich bin nicht wütend, eher frustriert und verwirrt, was 2020 aus Amerika geworden ist.

Sie haben zum aktuellen Remix von Public Enemys Polit-Hymne «Fight The Power» ein paar Verse über «Feiglinge, die schwarze Männer jagen» beigetragen: «They say suicide when dead bodies are swinging / cowards are hunting black men». Das klingt sehr wütend.

Ich sehe, wie sich immer wieder der selbe Egoismus, die selbe Feigheit durchsetzt. Diese ständige Treibjagd der Polizei auf Schwarze. Das ist das Böse schlechthin. Ich weiss nicht mehr, was ich von einem Land halten soll, in dem ein Teil der Bevölkerung auch noch die schwarzen Opfer von Polizeigewalt als die vermeintlich Schuldigen beschimpft.

Können sie sich noch mit Amerika identifizieren?

Ich bin immer noch stolz, Amerikaner zu sein, weil ich weiss, wie grossartig Amerika sein könnte. Abgesehen davon: Die Schwarzen haben Amerika gross gemacht. Es war kein weisser Präsident, sondern unsere unbezahlte Arbeit, unsere Musik und Kultur, die die Nation aufgebaut und Amerika gross gemacht haben.

Sie erwähnen in «Fight The Power» auch die Sklavenaufstände Ende des späten 18. Jahrhunderts in Haiti, als die Schwarzen unter General Toussaint Louverture die französischen Herren verjagten. Was hat das mit der Situation heute zu tun?

Die Gewalt ist ständig präsent. Der Bürgerkrieg in Amerika hat nie geendet. Der Süden bleibt immer noch der Süden – nur, dass der Krieg lange im Verborgenen ausgetragen wurde. Erst unter Donald Trump sind die Schleier gefallen. Jetzt ist es für alle erkennbar: Die Rassentrennung lebt weiter.

Auf Ihrem Album ist nie wirklich die Rede von «Black Lives Matter». War das Absicht?

Diese Bewegung bedeutet mir sehr viel, und ich glaube, man kann das aus meinen Lyrics und meiner Musik heraushören. Mein Album hat allerdings nicht den Anspruch, aktuelle politische Nachrichten zu kommentieren. Eher zeichne ich noch einmal die Entwicklung von Hip-Hop als einer gesellschaftlichen Kraft nach, von 1990 bis heute.

So zeichnen Sie auch die eigene Karriere nach – von Ihren ersten Versen als 18-jähriger Rapper auf «Live At The Barbecue» von Main Source bis zu ihrem heutigen Status als gefeierte Legende, als Unternehmer und Plattenfirmenboss.

Damals war es viel schwerer, ins Hip-Hop-Business einzusteigen, sich einen Namen zu machen. Meine Generation hatte weder Internet noch Social Media. Heute hast du es als junges Rap-Talent viel leichter: Es gibt unzählige Vermarktungs-Plattformen, die Musikindustrie bietet dir mehr Möglichkeiten als je zuvor. Keine Frage: Minderheiten haben heute mehr Möglichkeiten in den USA. Viele Angehörige von Minderheiten haben es geschafft, sich als Selfmade-Unternehmer zu profilieren. Trotzdem müssen wir als Nation noch einen weiten Weg zurücklegen, bis wir ein Land haben, in dem sich Schwarze, Weisse, Juden, Muslime, Christen, Männer, Frauen nicht nur gegenseitig tolerieren, sondern auch menschlich respektieren.

In verschiedenen Stücken erzählen Sie aus Ihrer Jugend und zeichnen das Leben im New York der 90er Jahre nach. Ist diese Form von Nostalgie eine Reaktion auf die immer komplexere, unübersichtliche Hip-Hop-Gegenwart?

Mir geht es einfach um ein Stück Geschichte. Wenn ich nicht über die Erfahrungen von damals spreche, werden jüngere Generationen niemals davon erfahren, welche Freiheit, welche mächtige Stimme Hip-Hop den Jugendlichen am Rande der Gesellschaft geschenkt hat.

Ist überhaupt heute nicht längst von einer Straßenmode zu einer gewaltigen profitgesteuerten Industrie verkommen?

Es stimmt natürlich: Die Zeiten, als sich Graffiti-Künstler, DJs und Breakdancer in den Parks in der Bronx trafen, sind vorbei. Stattdessen hat die Kommerzialisierung zum selben musikalischen Verschleiß geführt wie etwa im Country. Es gibt da Erfolgsformeln, und Plattenfirmen, die darüber wachen, dass sie bis zum Überdruss ausgewalzt werden. Andererseits: Welche andere Bewegung hat das Aussehen unserer Welt so radikal verändert wie HipHop? Du siehst es daran, wie Autos und Musikanlagen designt werden, du siehst es an den Kleidern und Turnschuhen, die Jugendliche überall auf der Welt tragen, du siehst es an einer Sprache, die Schwarze, Weiße und Latinos miteinander teilen…

Seit ihrem Debütalbum «Illmatic» haben Sie mit Ihrer sozialkritischen Poesie stilbildend gewirkt. Hat Hip-Hop im Vergleich zu damals nicht an gesellschaftlicher Relevanz verloren?

Heute gibt es eine viel grössere Bandbreite an Hip-Hop-Spielarten. Warum also sollten Rapper die Parolen ihrer Vorgänger wiederholen? Die Botschaften von «Illmatic» sind zwar immer noch gültig. Dennoch wollte ich mich nicht wiederholen sondern mit meinem Produzenten Hitboy einen Sound und einen Stil abbilden, der mich heute repräsentiert.

Haben Sie kein Problem mit all den jungen Trap-Rappern, deren Lyrics oft eher wie stammelnde Lautmalereien denn Geschichten wirken?

Nein, es gibt keine Regeln, wie man rappen darf oder nicht. Zudem entdecke ich auch heute Rapper, die mich mit ihrer Lyrik begeistern: Zuletzt Cordae. Ein Typ Anfang zwanzig, der alte und neue Schule mischt und anders klingt als alle anderen.

Trotz ihrem kritischen Blick auf das heutige Amerika klingt «King’s Disease» weniger düster als Ihre frühen Klassiker. Was verleiht Ihnen trotz allem Hoffnung?

Mit meinem 11-jährigen Sohn und meiner 26-jährigen Tochter rede ich viel über Politik. Darüber, dass es eine Balance zwischen dem Guten und dem Bösen gibt. Es ist wichtig, sich an das Schöne auf der Welt zu erinnern. Daran, dass wir Teil einer grösseren menschlichen Gemeinschaft sind. Ich habe gesehen, dass selbst in England oder Deutschland viele junge Menschen für Black Lives Matter auf die Strassen gehen. Das gibt mir Hoffnung. Hoffnung auf eine vielfältigere, liebevollere Welt.

Interview: JONATHAN FISCHER

erschienen in NZZ 2.11.2020

Energielieferant für Krisengebiete

Torsten und Aida Schreiber versorgen mit ihrer Firma Africa Greentec Dörfer in der Sahelzone mit Strom. Das Ehepaar sieht darin auch ein Mittel, um Armut und Flucht zu bekämpfen.

Fernsehbilder von Africa Greentecs Arbeit zeigen schwer beladene Sattelschlepper über eine Lehmpiste rollen – rötliche Staubfahnen wirbeln auf, der rot-gelb-grün lackierte Container reflektiert die Sonne. Eine sogenannter „Solartainer“ auf dem Weg durch die Halbwüste Westafrikas. In der tonnenschweren Metallkiste befindet sich eine Menge deutscher Solar-Technik, die ein abgelegenes Dorf in der Sahelzone elektrifizieren wird. Auf den Weg geschickt hat sie Torsten Schreiber, dessen Unternehmen Africa Greentec in den letzten vier Jahren bereits mehr als 100 000 Menschen in der Sahelzone Licht und Strom gebracht hat.

Singende Frauen erwarten bereits den Konvoi. Die Dorfältesten haben Verträge mit Africa Greentec unterschrieben, auf dem örtlichen Markt werden zusätzliche Kunden angeworben. Etwa Händler, die mit einem Kühlschrank Lebensmittel oder Medikamente frisch halten wollen, ein Restaurant, das eine Nachtbeleuchtung braucht oder ein Schmied, der einen Dynamo betreiben will. Nur 24 Stunden später – nach Montage, Wartung und Ausklappen der Sonnenpaneele – kommt endlich der große Moment. Der örtliche Techniker legt den Sicherungsschalter um. Gleißendes Licht erhellt den gerade noch stockfinsteren Dorfplatz. Hunderte Dorfbewohner tanzen ausgelassen um das Ehepaar Torsten und Aida Schreiber, die Gründer von Africa Greentec. 

„Es sind diese Momente, die uns motivieren, weiterzumachen“. sagt Schreiber, bullige Figur, schulterlanges Haar, sauber gestutzter Bart.  Der hessische Unternehmer spricht per Videokonferenz aus seinem Büro in einer Fabrikhalle in Hainburg – gleich nebenan montieren Techniker von Africa Greentec Prototypen der Solaranlagen. Auf seinem schwarzen T-Shirt steht „Unfuck The World“. Tatsächlich versteht er sich weniger als Techniker denn Motivationsexperte. „Man darf angesichts des Klimawandels nicht nur jammern. Sondern muss etwas tun. Deshalb unser Hashtag Nixblabla#“. Verschmitztes Lächeln, Schreibers rundes Gesicht leuchtet.  Man ahnt, dass der 48-jährige andere Menschen mitzureißen vermag.

21 Dörfer hat Schreibers deutsch-malische Unternehmen im Niger und Mali bereits elektrifiziert. 50 weitere Solartainer sind bereits in Auftrag. Immerhin hat der Sahel Sonne im Überfluss. Dennoch ist Schreibers Solarstrom-Firma der einzige deutsche Investor in einem Gebiet von der Größe halb Europas. Zu arm die Region, zu instabil, zu gefährlich. Seit Jahren machen Ableger von Al Quaida und IS den Sahel unsicher, Sprengfallen und dschihadistische Attentate sind an der Tagesordnung. Ein No-Go-Gebiet für Unternehmer und Banken – eigentlich. Aber Schreiber denkt als Unternehmer nicht in konventionellen Risikomaßstäben. „Die Elektrifizierung ist für uns nur Mittel zum Zweck. Letztlich geht es darum, den Menschen Freiheit und Selbstbestimmung zu ermöglichen“. Große Worte. Denen der Unternehmer ein leidenschaftliches Plädoyer nachschiebt: Deutschland schicke 800 Soldaten der Bundeswehr zur Friedenssicherung nach Mali. Aber was nütze das schon, wenn gleichzeitig keine wirtschaftlichen Anreize für eine perspektivlose Jugend geschaffen würden? Wenn immer noch 99 Prozent der Dorfbewohner ohne Strom bleiben?

Die Probleme sind bekannt: Armut und Hoffnungslosigkeit treiben junge Männer in die Arme der Schlepper und Dschihadisten. Dürreperioden verschärfen die Konflikte zwischen Bauern und Hirten um das knappe Weideland. „Wir wollen mit Africa Greentec dazu beitragen, diesen Teufelskreis aufzubrechen“, sagt Schreiber, „und Fluchtursachen an der Wurzel bekämpfen“.

Das heißt vor allem: Die Stärkung örtlicher Märkte und Handwerksbetriebe – und damit den Anreiz, zu bleiben und in das eigene Dorf zu investieren. Deswegen will Schreiber zum Strom auch die Infrastruktur entwickeln. Zu seinem Service-Angebot gehören unter anderem die Trinkwasseraufbereitung, Kühlketten, Internetanschluss, energieeffiziente Endgeräte und Biogas-Herde. Zudem bildet Africa Greentec jeweils zwei Techniker vor Ort aus, die die Wartung der Anlagen garantieren. Schreibers Ziel für die nächsten 10 Jahre:  3 Millionen Menschen an seine mobilen Mini-Grids anzuschließen. 

Dazu braucht er vor allem Investoren. Investoren, die Schreibers Vision einer nachhaltigeren Form von Entwicklungshilfe teilen. Africa Greentec versteht sich zwar als Profit-orientiertes Unternehmen, ausschlaggebend aber sind nicht die Gewinnmargen sondern, wie Schreiber formuliert, „die Optimierung des gesellschaftlichen Nutzens“. Praktisch bedeutet das: Alle Gewinne werden reinvestiert. Für die bisherigen Anleihen von 6 Millionen Euro zahlt  Africa Greentec satte 6,5 Prozent Zinsen. Ein Dorf, das auf Kredit einen 150 000 Euro teuren Solartainer bekommt, muss genügend Abnehmer stellen, damit die Rechnung für das deutsche Unternehmen aufgeht: 30 Cent pro Kilowattstunde zahlen die Endverbraucher im Durchschnitt. In 15 Jahren, so der Plan, hat sich das Solarkraftwerk amortisiert. Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, zahlen Torsten und Aida Schreiber sich und ihren Mitarbeitern lediglich so viel aus, wie sie zur eigenen Lebenssicherung brauchen: „Wir halten uns an den Gehaltsreport für Sozialunternehmer“, sagt Schreiber, „und verdienen damit ungefähr die Hälfte dessen, was Branchen-üblich ist“.

Nun rührt der Unternehmer die Trommel für Crowdfunding. An Überzeugungskraft fehlt es ihm nicht: Allein eine Million Menschen folgen der Facebook-Seite von Africa Greentec, fast 400 haben sich bisher als Privatinvestoren verpflichtet. Dabei ist die Unterstützung durch Nobelpreisträger und Mikrofinanz-Pionier Mohammad Yunus nicht ganz unwesentlich. Er steht dem Unternehmer-Ehepaar Schreiber als Mentor zur Seite, lädt sie regelmäßig zu Weltwirtschafts-Podien  – und bezeichnet ihre Arbeit als „persönliche Inspiration“. 

Dabei kam Torsten Schreiber, der von sich selbst sagt, sein „Erscheinungsbild sei für den  Politikbetrieb immer ein Hindernis gewesen“, einst aus der Modebranche. Als gelernter Verlagskaufmann wühlte er sich in die Welt des E-commerce und der sozialen Netzwerke. Schreiber baute die Piratenpartei mit auf. Gründete die Energieplattform „Bettervest“. Begeisterte sich für „Faktor Fünf“ von Ernst Ulrich von Weizsäcker, eine Öko-Bibel, die die Beibehaltung des gleichen Lebensstandards bei Einsparung von 80 Prozent der Energie für möglich erklärt.

Von der Schwarmpolitik über die Schwarmfinanzierung kam Schreiber so zum Schwarmstrom. „Hätte ich nicht meine Firma für Solarstrom gegründet, würde ich vermutlich für eine Klimarettungs-Initiative wie Extinction Rebellion arbeiten“. Heute sehe er sich als „sustainable entrepreneur“  oder Sozialunternehmer.  „Um die Welt strukturell besser zu machen, reicht es einfach nicht, ein paar Leuten eine Solarlampe in die Hütte zu bringen.“ 

Schreiber erläutert das am Beispiel einer seiner Kunden: Fode Diakite. Der Malier hatte seine Flucht nach Europa bereits geplant und vorbereitet. Als er davon erfuhr, dass ein Team von Africa Greentec anrücken wird, um sein Dorf Dakane zu elektrifizieren, hat er sich umentschieden. Er gründete einen Dorfladen, wo er alle Dinge des täglichen Bedarfs von Milch über Gemüse bis zu Waschpulver verkauft – und nebenbei eine Ladestation für Mobiltelefone betreibt.

Seine Erfolgsgeschichte ist durchaus typisch. Über 500 Mikrounternehmen haben in den bisher 20 elektrifizierten Dörfern in Mali Arbeitsplätze und wirtschaftliche Perspektiven geschaffen. Schulkinder müssen nicht mehr im Qualm von Kerosinlampen lernen. Elektrische Pumpen und Filteranlagen garantieren sauberes Wasser. Auch wenn das Aufstellen eines „Solartainer“ mitsamt seiner 67 KW Lithiumbatterien ein unternehmerisches Risiko darstellt: Die Zahlungsmoral der Kunden sei gut, die Nachfrage so groß, dass man mancherorts einen zweiten Solartainer ankoppeln müsse. Die KW-Stunde kostet dennoch nur die Hälfte des Stroms aus Dieselgeneratoren, Schreiber nennt sie „Dreckschleudern“.  Daneben gäbe es in Mali zwar ein paar mit Entwicklungshilfe subventionierte Solarkraftanlagen, aber deren Bleibatterien würden nur ein Jahr lang halten und Menschen sich immer wieder beim unsachgemäßen Recycling vergiften. 

„Anfangs begegnen uns viele Menschen mit Misstrauen, weil ihre Erwartungen schon zu oft enttäuscht wurden.“   Als Beispiel nennt er ein Programm der Weltbank: Um die Jahrtausendwende wollte sie einige hundert malische Dörfer elektrifizieren – mit Dieselgeneratoren. Bis die Stromnetze und Generatorenhäuschen gebaut waren, hatte sich der Dieselpreis verdoppelt. Einige der Dörfer wurden nach Ende der Subventionen sich selbst überlassen. In anderen wurden die nagelneuen Dieselgeneratoren erst gar nicht angeworfen. Die bereits gelegten Leitungsnetze aber kommen nun Africa Greentec zu Gute: Mit Billigung der malischen Regierung stellt sie Solartainer in diese Dörfer, die Renovierung des Netzes wird zur Hälfte von der Deutschen Entwicklungs Gesellschaft getragen. Ansonsten aber bekäme Africa Greentec keinen Cent von der staatlichen deutschen Entwicklungshilfe – als privatwirtschaftliches Unternehmen sei es de jure davon ausgeschlossen.  

Schreiber hat dafür einen unschätzbaren Heimvorteil: seine  Frau Aida Schreiber. „Ich bin Greentec, sie ist Afrika“ scherzt der Firmengründer. Die Arbeitsteilung zwischen beiden – auch ihre drei gemeinsamen Kinder nehmen sie oft nach Mali mit – beruht auf afrikanischen Prinzipien. Aida Schreiber erklärt es so: „Ich vermittle den Frauen in den malischen Dörfern unser Konzept, stelle sicher, dass sie gleichberechtigt vom Strom profitieren und organisiere zusätzliche Bildungsprogramme.“ Als Firmenschefs aber, versichert die Co-Chefin, träten sie immer gemeinsam vor den Ältestenrat. So viel weibliche Selbstermächtigung habe schon einige Irritationen ausgelöst. Einerseits. Andererseits gelte sie vielen malischen Dorffrauen als Rollenvorbild: „Frauen und Mütter können als Unternehmerinnen erfolgreich sein. Und warum nicht mit dem Geld, das man dank dem neuen Kühlschrank verdient, auch die Mädchen zur Schule schicken?“

Forscher der HTW Dresden, TU München und FU Berlin begleiten Africa Greentec und messen die ökonomischen und soziologischen Auswirkungen der Dorf-Elektrifizierung. Ihre Forschungsergebnisse bestärken den hessischen Unternehmer: „Unsere Arbeit spart nicht nur viele Tonnen CO2 ein. Sie wirkt nachweisbar positiv auf die meisten Nachhaltigkeitsziele, auf die sich die Vereinten Nationen in der Agenda 2030 geeinigt haben.“ Was Schreiber allerdings wütend macht: Dass Deutschland und die EU so wenig zur Bekämpfung der Fluchtursachen im Sahel beitragen, während sie bis zu 40 000 Euro für die Rückführung eines Flüchtlings bezahlen. Die von der Bundeswehr gestützten UN- und EU-Friedensmissionen in Mali kosten 1,2 Milliarden im Jahr – und dennoch habe sich die Sicherheitslage der Bevölkerung seitdem noch verschlechtert. Wäre es nicht sinnvoller, fragt Schreiber, dieses Geld stattdessen für mehr Beschäftigung und Nahrungsmittelsicherheit einsetzen? Mit dem Zwei-Jahres-Etat der Minusma könne man ganz Mali bis ins letzte Hirtendorf elektrifizieren: „Ich mache das für 100 Euro pro Kunde und das Geld ist nicht weg. Es ist investiert in Menschen, die etwas bewegen wollen“

Man mag das als Illusion eines unbeirrbaren Weltverbesserers abtun. Schreiber aber meint es ernst: Er expandiert mitten im Krisengebiet, auch wenn er Dorfbesuche nur noch mit militärischem Geleit unternimmt. Die Auftragslage unterfüttert seinen Optimismus. Das Unternehmen, das im Gründungsjahr 2016 nur aus Aida und Torsten Schreiber sowie einem malischen Techniker bestand, beschäftigt inzwischen 30 Angestellte in Deutschland und über 100 in Mali, Niger und Senegal. Die neuesten Anfragen kommen aus Togo, Äthiopien, Madagaskar und Namibia, Schreiber steht nach eigenen Angaben in direktem Kontakt mit deren Staatspräsidenten. Die Idee von Africa Greentec mit dem Strom auch sozialen Wandel anzustoßen, stößt dort auf offene Ohren: „Noch wichtiger als der Strom ist uns der Glauben der Menschen“ sagt der Sozialunternehmer, „der Glauben an die eigene Zukunft“.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung am 20.10.2020 in der Süddeutschen Zeitung

Das Atelier der Idealisten

Am Rand der malischen Hauptstadt Bamako arbeitet das Künstler-Kollektiv Sanou’Arts. Es spürt der Seele seines Landes nach

Ein Künstleratelier ist vielleicht das Letzte, was man hier erwartet hätte: In einem Vorort der malischen Hauptstadt Bamako umfährt das Taxi mühsam Schlaglöcher und Maultiergespanne, um vor einem staubigen Fußballfeld anzuhalten. Dort wartet Ibrahim Bemba Kébé, ein schlaksiger Typ, Trainingshose, T-Shirt, Wollmütze. „Ganz schön ab vom Schuss hier“, sagt er und lacht. „So haben wir wenigstens unsere Ruhe zum Arbeiten.“

  Kébé ist Bildhauer, und das mit der Ruhe ist nicht wörtlich zu verstehen. Auf dem Fußballplatz wird gekickt, die Sportler schreien viel und das auf- und abbrandende Jubeln hallt als nachmittägliche Geräuschkulisse in den ersten Stock des schlichten Kastenbaus. Dort teilen sich 15 junge malische Künstler und Künstlerinnen dreieinhalb Räume. Man arbeite in Schichten, sagt Kébé, anders wäre die Miete von 100 000 Francs – umgerechnet ungefähr 180 Euro – nicht zu stemmen. Alle sind sie Abgänger oder Studenten des örtlichen Konservatoriums.

  Ein Drittel davon sind Frauen. Das ist in einem Land, in dem sich bestimmte Berufe, Stände und selbst die Künste immer noch als männliche Domäne verstehen, nicht selbstverständlich.

  Kébé hatte Sanou’Arts nach seinem Abschluss im Jahr 2017 gegründet. Am Konservatorium habe man in einer akademischen Blase gelebt. Doch jetzt bräuchten sie als Künstler materielle und ideelle Unterstützung, und die geben sie sich gegenseitig. „Nur als Gemeinschaft können wir abheben“, sagt er. Ein sehr malischer Gedanke: „La cohésion sociale“, der gesellschaftliche Zusammenhalt – trotz oder gerade wegen der Dauerkrise, in die Mali durch Korruption, fehlende staatliche Strukturen und dschihadistische Bedrohung geschlittert ist. Cohésion, das ist auch für Bamakos Kunstszene Überlebensgebot.

  In keiner anderen afrikanischen Hauptstadt organisieren sich Künstler verschiedener Metiers wie hier in unabhängigen Kollektiven. Neben Pionieren wie der Gruppe Atelier Badialan gehört Sanou’Arts zu den jüngsten und experimentierfreudigsten: „Jeder zieht hier den anderen mit“, sagt die Fotografin Mariam Niaré. „Egal ob wir Fotografen, Maler oder Bildhauer sind. Wir bemühen uns über das Internet gemeinsam um Kontakte zu Galeristen, Ausstellungen, Stipendien.“ Es gebe in Mali kaum Galerien und Kunstsammler, die nächsten Messen spielten in Dakar, Senegal, oder im ivorischen Abidjan. Unterstützung bei den laufenden Kosten erhalte man vor allem von „Donko Ni Maaya“, dem Kulturförderungsfonds der deutschen Entwicklungshilfe.

  Und der malische Staat? Die Frage nötigt Kébé ein schiefes Grinsen ab. „Es gibt ein Gesetz, wonach bei öffentlichen Bauprojekten ein Prozent der Bausumme für Kunst investiert werden muss. Aber das ist noch niemals zur Anwendung gekommen.“

  Für den auswärtigen Besucher haben die jungen Künstler ihre Werke im ausgeräumten Atelier aufgehängt. Einige sitzen auf Plastikstühlen um ein Tee-Stövchen im offenen Treppenhaus. Andere ordnen Stoffreste, mischen Farbe aus Erden an, denn das teure Acryl ist rar. Wie kamen sie dazu, in einem der ärmsten Länder der Welt ausgerechnet Kunst zu studieren? „Als ich ein Kind war“, sagt Kébé, „hat ein älterer Herr uns Jungen Pferde und Reiter aus Plastik geschnitzt. Damit haben wir Pferderennen gespielt. Das hat mich auf den Geschmack gebracht.“

  Die Malerin Habitatou Yaye Keita dagegen fing damit an, für ihre Schulklasse Afrikakarten zu entwerfen. Heute gehört Keita zu den vielversprechendsten jungen Künstlerinnen Westafrikas. Ihre Ikonen-artigen Frauengesichter sind von voluminösen Frisuren gerahmt, die sie aus Wollfäden geflochten hat. „Mir geht es in meinen Bildern um weibliche Identität. Und kaum etwas drückt das stärker aus als unsere Haare“, sagt sie.

  Was für Prachtfrisuren! Keitas Frauenfiguren strahlen eine sehr afrikanische Sinnlichkeit aus, geerdet und im vollen Bewusstsein ihrer Kraft. Auch die Fotografin Mariam Niaré transportiert eine Botschaft der Selbstbejahung: Sie porträtiert Albino-Frauen. Gesellschaftlich stoßen sie oft immer noch auf Ablehnung, von Niaré aber werden sie abgelichtet wie Models. Ihre in Weißtönen gehaltenen Fotografien strahlen eine zerbrechliche Aura der Würde aus.

  Ein wiederkehrendes Thema ist die illegale Migration. Die Malereien von Dramane Diarra etwa spielen im Zwischenreich von Magritte und afrikanischer Magie, er lässt seinen Migrantenfiguren Blumen aus dem Kopf wachsen oder sie Fischgestalt annehmen.

  Den jungen Maliern ist die Selbstreferenzialität vieler Akademieabgänger in Europa fremd, alle arbeiten nebenbei als Hochzeitsfotografen, Visitenkartendesigner, Kostümschneider oder Schildermaler. Der Alltag ihrer Familien bleibt ständig präsent, und natürlich müssen sie sich der Frage stellen, was ihre Kunst der Gesellschaft zu geben hat. „Unsere Eltern“, sagt Kébé, „waren alle skeptisch, als wir Kunst studierten. Sie übersehen, dass wir in einer wichtigen Tradition stehen.“

  Ibrahim Bemba Kébé bezieht sich in seinem bildhauerischen Schaffen auf malische Bräuche, die älter sind als die Islamisierung des Landes. Vor allem inspirieren ihn die Geheimgesellschaften der Manding. Koredouga nennen sich diese an Hofnarren erinnernden Bünde, die etwa zu Erntezeiten um spirituellen Beistand angerufen werden und wo Männer und Frauen in den Kleidern des jeweils anderen Geschlechts tanzen. „Hier gab es immer eine Gleichstellung und Wertschätzung der Frau“, sagt Kébé, „um die wir heute wieder mühsam ringen müssen.“ Mindestens ebenso wichtig für ihn ist das traditionelle Gesetz, nach dem die Koredouga weggeworfene Materialien wiederverwerten müssen: Bis heute sind ihre Kleider aus Abfällen zusammengenäht.

  Kébé fertigt in diesem Geist seine Figuren aus Draht und den in Bamako allgegenwärtigen schwarzen Plastiktüten. Dazu kommen Fundstücke von der Straße: Plastikdosen etwa, Schraubdeckel, entsorgte Mobiltelefone. Daraus entstehen schwarze, ausschreitende, drahtig tanzende Figuren. „So wie die Koredouga richte ich mich gegen den Zeitgeist“, erklärt Kébé. „Wir müssen nicht noch mehr konsumieren.“ Die Unesco erklärte die Geheimbünde der Manding vor vier Jahren zum Weltkulturerbe. Kébé betrachtet sie als ethisches und spirituelles Erbe. „Mich faszinieren sie wegen ihrer starken gesellschaftlichen Botschaft: Die Seele zählt mehr als materieller Reichtum.“

  Afrikanische Spiritualität als Hilfestellung für die Krisen der Gegenwart? Kébé glaubt, dass gerade die Künstler mit ihrem holistischen, aus der Geschichte schöpfenden Ansatz neue Räume eröffnen können, wo Politiker immer wieder versagen und der viel gepriesene Zusammenhalt an Korruption und religiösen Dogmen scheitert.

  Sein Kollege Mohamed Bomboly Keita beschäftigt sich mit traditionellen Masken. Affen- und Tiermasken, die die Älteren einst bei rituellen Feiern trugen. „Sie sind einzigartig, und doch im Verschwinden begriffen, weil religiöse Kräfte uns drängen, solche säkularen überlieferten Praktiken aufzugeben.“ Niemand traue sich mehr, diese Rituale und die traditionelle Medizin auszuüben, was dazu führe, dass sie nur noch im Verborgenen weiterlebten – und in der Kunst.

  Ibrahim Bemba Kébé, der Gründer von Sanou’Arts, macht eine bedeutungsvolle Pause. Nein, niemand brauche eine Rettung von außen. Im Gegenteil: „Wir müssen endlich begreifen, wie reich wir sind – und schon immer waren.“ Zum Abschied drückt er dem Besucher ein violettes Stück Plastik in die Hand. Er hatte die ganze Zeit nebenbei an einer Tellerscherbe rumgeschnitzt. Jetzt ist etwas Neues aus ihr geworden. Gestreckte Beine. Fliegende Mähne. Ein Rennpferd.

JONATHAN FISCHER

SZ 21.10.2020

Friedensstifter

In Mali ist der Blues mehr als das Fundament des Pop: Afel Bocoums meisterhaftes Album „Lindé“ ist ein Appell an seine Nation

Die Geschichte hinter der Geschichte ist oft die eigentlich interessante. Etwa wenn Akteure in zweiter Reihe sich mit selbstlosem Enthusiasmus für ein musikalisches Werk aufarbeiten, und am Ende nur das Kleingeschriebene im Booklet darauf hinweist. So auch im Fall des großartigen neuen Albums „Lindé“ des malischen Veteranen Afel Bocoum. Kritiker feiern die geniale Produktion. Die ist von Damon Albarn, Rockstar bei Blur und den Gorillaz, und Nick Gold, Weltmusik-Entdecker vom World-Circuit-Label, der Ry Cooder zum Buena Vista Social Club brachte und immer wieder afrikanische Stars in Amerika groß machte. Die vermischten für Bocoum den lässig schaukelnden Groove traditioneller Songhoy-Klänge mit Soul- und Reggae-Elementen.

  Dann ist da aber noch der Mann ohne den dieses Album nie zustande gekommen wäre: Paul Chandler. Ein Amerikaner, der seit über eineinhalb Jahrzehnten von Bamako aus nicht nur Afel Bocoum und dessen Band betreut sondern als Musiker, Produzent und Gründer der Hilfsorganisation „Instruments 4 Africa“ die traditionelle Musik Malis dokumentiert, Filme produziert und Festivals organisiert. Chandler erzählt, dass er in den Neunzigerjahren, zu seiner Zeit als Musikschullehrer in Amerika regelmäßig unter Panik-Attacken litt. Kein Arzt, kein Psychiater konnte ihm helfen. Bis er die malische Musik entdeckte.   1999 hatte er ein Konzert von Ali Farka Touré in New York besucht. Mehr noch als dieser Star des malischen Wüstenblues aber beeindruckte Chandler die Vorband um Tourés Gitarristen Afel Bocoum. Dessen Sound wirkte wie Medizin für den Großstädter. Eine Proto-Blues-Ästhetik, in der Schmerz und Freude in rollenden Rhythmen zusammenfinden. „Nachdem ich Afels Show gesehen hatte, war ich entschlossen, nach Afrika auszuwandern“.

  Chandler rief auf gut Glück bei der amerikanischen Schule in Bamako an. Wie schnell er denn kommen könne, fragte man ihn. Denn die Stelle des Musiklehrers sei gerade verwaist. Wenig später zog Chandler nach Mali. Sein musikalisches Idol Afel Bocoum war nun ständiger Besuch bei ihm.

  Bocoum war seinem Onkel Ali Farka Touré bereits als Kind auf Schritt und Tritt gefolgt. Er trug die Gitarre, machte Botengänge, besorgte Geld. Später wurde er in die Band der malischen Musiklegende aufgenommen. Als Sänger, Gitarrist und Songwriter entwickelte er seine eigene Variante des aufreizend bluesigen, wellenartig und in funkelnden Brechungen dahinströmenden Sounds, den man mit dem Städtchen Niafunké am Ufer des Niger assoziiert.   Doch erst 1999 nahm Bocoum, inzwischen 44 Jahre alt, sein Debütalbum auf. „Alkibar“ hieß es, und überzeugte Damon Albarn auf der Stelle. Der nahm Bocoum in sein „Mali Music“-Projekt auf, holte ihn für die Africa Express-Jams nach London und vor über 65 000 Zuschauern auf die Hauptbühne des Roskilde-Festivals. Wie Salif Keita oder Tinariwen hatte Bocoum keine Berührungsängste mit dem Pop.

  Nach dem Tod Ali Farka Tourés im Jahre 2006 galt der Neffe als natürlicher Nachfolger. Doch Bocoums Bescheidenheit stand ihm im Weg. Und als halb Mali 2012 durch Dschihadisten besetzt wurde, seine Heimat zwischen Nord und Süd zerrissen schien, ein Militärputsch zu einer anhaltenden Krise führte, legte er die Gitarre zeitweise ganz zur Seite. Hatten die malischen Musiker hier noch etwas auszurichten? Es war Chandler, der den alten Mann aus dem inneren Exil holte. Nach dem gemeinsamen Projekt „Alkibar Junior“ mit jüngeren Musikerkollegen aus Niafunké, produzierte der Amerikaner den Film „It Must Make Peace“, eine eindrückliche Dokumentation der bedrohten malischen Musiktraditionen, dem Afel Bocoum als Erzähler und Hauptdarsteller diente.

  Chandler ließ Bocoum versprechen, dass er sich melde, wenn er neue Songs hätte. 2017 war es dann soweit. Auf gemeinsamen Trips durch ganz Mali hatte Bocoum die Ideen gesammelt, die nun das Grundgerüst von „Lindé“ bilden. Etwa als eine Gruppe Jugendlicher in einer Kleinstadt an der Grenze zu Mauretanien Gesang aufführten, wie sie bei Beschneidungszeremonien aufgeführt werden. Bocoum war von der Melodie elektrisiert. Er summte sie in sein Smartphone und machte daraus die aktuelle Single „Dakhamana“. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist unsere Sozialversicherung“, singt der Songhoy-Musiker, und mahnt seine Landsleute, sich ihrer ethnischen Unterschiede zum Trotz als Angehörige einer Nation zu begreifen. An anderer Stelle warnt die Jugend vor der Illusion, sie würden als Migranten in Europa ein Paradies vorfinden. „Lasst uns in unser Land zurückzukehren, um zu arbeiten.“

  Man merkt Bocoum seine Vergangenheit als Landwirt in Niafunké an. Schon damals nutzte er seine Musik dazu, die Vorzüge gemeinschaftlichen Wirtschaftens zu preisen, nun hat er dem Gründer des landwirtschaftlichen Kollektivs den Song „Djougal“ gewidmet. Musik und Moral gehören in Mali schon immer zusammen. Und Bocoum lässt keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern.

  In der aktuellen Situation bekommen Bocoums Friedens-Appelle eine ganz neue Dringlichkeit. Mitte August putschte sich in Bamako das Militär wieder an die Macht geputscht. Hunger droht. „Die Malier sind erschöpft“, sagt Bocoum. „Viele glauben nicht mehr an die Zukunft unseres Landes. um so mehr müssen wir uns bemühen, Hand in Hand zusammenzuarbeiten“.

  „Lindé“, benannt nach dem Landstrich im Zentrum Malis, wo Bocoum aufwuchs, ist ein pazifistisches Statement. Die Rhythmen rollen eher als zu rocken. Der vom Chor beantwortete Gesang fleht im Stile eines langen Gebets. Afel Bocoum hat die Songs mit seiner Band komplett in Paul Chandlers Haus in Bamako eingespielt.

  Anschließend flog der amerikanische Freund nach London, um es zusammen mit Nick Gold und Damon Albarn in dessen Studio abzumischen. Von Albarn stammt auch die Idee, den erkrankten Geigenspieler Bocoums durch Joan Wasser aka Joan As Police Woman zu ersetzen, die mit trockenen, gezupften Violinentöne den Blues herauskehrt. Und den jamaikanischen Skatalites-Posaunisten Vin Gordon zu holen, dessen Bläser-Overdubs wie selbstverständlich mit dem jahrtausendealten Groove fließen.

  Fast scheint es, als hielte angesichts des Zusammenbruchs der Regierungs und der zivilen Strukturen in Mali nur noch die Kultur das Land zusammen. Musik als letztes Bindemittel? Afel Bocoum bestätigt diesen Eindruck. „Wir Musiker erinnern die Menschen an unsere große gemeinsame Geschichte – und an die Kraft der Versöhnung“. Eine musikalische Naturgewalt, die offensichtlich genauso in der Lehmhütte am Niger funktioniert wie in der Lehrerwohnung in New York.

JONATHAN FISCHER

RÜCKKEHR DER SANFTEN REBELLEN

Die Legenden des Reggae sterben – doch junge jamaikanische Musikerinnen entdecken deren Musik wieder für sich.

Als im September die Reggaelegende Toots Hibbert verstarb, markierte das das Ende einer Aera. Er gehörte noch zu den Selfmade-Men, die – ohne jede Musikausbildung aber mit umsomehr Sendungsbewusstsein – sich bei den Studios in Kingston vorstellten, ihre zwei, drei Nummern mit der Hausband durchzogen, und wenn sie Glück hatten, mit ein paar Dollars entlohnt wurden. Oder wie Toots auch nur mit einem Patty, einer gefüllten Teigtasche. Den hatte er von Studio One-Betreiber Clement Coxsone Dodd für seine allererste Komposition bekommen. Die Investition sollte sich lohnen. Toots alias Frederick Nathaniel Hibbert, der nach dem Tod der Eltern vom ländlichen May Pen zu seinem Bruder nach Kingston gezogen war, sollte mit seiner Band The Maytals den jamaikanischen Pop fast sechs Jahrzehnte lang befeuern. Dem Reggae eine Note von Gottesdienst, Schweiß und ekstatischer Bandmusik verleihen. Zwei Jahre nach „Bam Bam“ – einem Song, der als Sample und Zitat bis in den Dancehall und HipHop-Nummern von Lauryn Hill bis Jay-Z weiterlebt, sollte 1968 eine weitere Toots-Komposition dem ganzen Genre seinen Namen verpassen: „Do The Reggay“.

Toots hatte nicht nur den Übergang vom rasanten Stakkato des Ska über den Rocksteady zu den extrem zerdehnten basslastigen Rhythmen des Reggae geprägt – sondern auch Funk, Afropop oder sogar Country experimentiert. Seine missionarische Kraft aber aber rührte vor allem von seiner Stimme: Einem Gospel-Timbre, das mal an Otis Redding oder Ray Charles erinnerte, und jedem Hörer klarmachte, dass es um nichts weniger als das Göttliche in mir, dir und uns allen geht. Oder um es mit einem seiner Hits zu sagen: “Reggae Got Soul“. Wie auch Marley hatte sich Toots eine Menge seiner Melodien und den Erweckungs-Drive aus der Kirche abgeschaut, als Sohn zweier Adventistenprediger lag ihm das Predigen schon im Blut. Nicht so radikal wie die Rastas, aber doch stets aus der Lebenserfahrung der Mehrheit armer Jamaikaner schöpfend forderten Toots Songs Gerechtigkeit ein. Besangen sie wie „Pressure Drop“ oder „54-46 Thats My Number“ Armut, Gefängnis und Widerstand. Oder auch spirituellen Trost. Reggae: Zu der Zeit als Chris Blackwells Island Records Künstler wie Bob Marley, Jimmy Cliff, Peter Tosh oder Toots & The Maytals für ein weltweites Publikum aufbereitete, lieferte Jamaika noch den Soundtrack einer weltweiten schwarzen Emanzipationsbewegung.

Bis Anfang der 80er Jahre der Traum von „One Love“ in sich zusammenfiel. Der Tod Bob Marleys, die Heimsuchung der Karibikinsel durch Drogenhandel und wahlweise von der CIA oder Kuba bewaffneten Gangs, die als Statthalter der zwei großen politischen Parteien agierten, ließ auch vom einstigen Verbrüderungs-Opimismus des Reggae nicht viel üblich. Kingston rutschte zur Bürgerkriegszone ab. Digital produzierte, von Gangsterposen und Obszönitäten geprägte Dancehall-Tunes beherrschten das Musikgeschäft. Toots fand wie viele der alternden Reggaelegenden seine treueste Anhängerschaft in Amerika und Europa, tourte dort auf Festivals und durch Clubs, spielte mit Fans wie Keith Richards, The Roots oder Bonnie Raitt seine alten Songs neu ein. Im Westen wurden die Traditionen Jamaikas nach wie vor gefeiert.

Was aber war aus dem Reggae in seinem Geburtsland Jamaika geworden?

Lange sah es so aus, als ob das ganze Genre der Geschichte angehörte. Unter synthetischen Drums, billigen Rhythmen und Autotune-Gesängen begraben. Einer Dancehall-Mode geopfert, die bei allen musikalischen Verdiensten die Solidarität des Reggae egomanischen, frauenfeindlichen und homophoben Selbstdarstellern geopfert hatte. „Überall auf der Welt führen Musiker die jamaikanischen Pop Traditionen des Ska, Rocksteady und Reggae fort“, beklagt Billy Mystic, ein drahtiger Rasta in der Open-Air-Bar seines „Jamnesia“-Surfcamps am Stadtrand von Kingston.“Nur auf unserer Insel drohen sie in Vergessenheit zu geraten.“

Mystic sang einst mit den Mystic Revelations, heute verdient er sein Geld als Surflehrer.

Und doch hat er wesentlich dazu beigetragen, eine Art Reggae-Revival zu forcieren. In Kingston sind Live-Konzerte eine Selteneheit. Mystic aber stellte einer Generation, die weitgehend digital aufgewachsen war, Instrumente und Bühnentechnik zur Verfügung und lud zu samstäglichen Live-Sessions. Unter anderem der weltweit gefeierte Nachwuchs-Star Chronixx absolvierte auf der „Jamnesia“-Bühne seine ersten Auftritte: „Jetzt schlägt das Pendel wieder zurück“, sagt Mystic. „Denn die Kraft des Reggae lag schon immer darin, dass er nicht nur Musik bietet, sondern eine komplette Identität.“ Dazu gehörten die Prophezeiungen der Bibel, der Bezug auf das Mutterland Afrika, die Naturverbundenheit der Rastafari-Bewegung sowie die Möglichkeit gesellschaftlichen Widerstands. Heute entdeckt eine junge Generation die sanfte Rebellion des Reggae wieder für sich.

Spätestens als im Jahre 2014 Vybz Kartel, der größte Star des an Sex- und Drogen-Klischees überfütterten Dancehall, wegen Mordes verurteilt wurde, schien die Zeit für einen Neuanfang gekommen. Und weil Popmusik auch in Jamaika zyklisch funktioniert, bedeutete das eine Rückbesinnung: Auf eine vergessene Spiritualität. Auf das Musizieren in einer Band. „Ich hörte mir Bänder von den Studio Sessions meiner Mutter in den 70er Jahren an“, erzählt Protoje, Sohn der Reggae-Sängerin Lorna Bennett „und die Sounds packten mich. Danach wollte ich mehr wissen: Ich wühlte mich also durch die lokale Musikproduktion dieser Zeit und entdeckte eine ganze Welt“. Protoje, schmales Gesicht, Filzlocken, ernsthafte Stimme, gehört zu den jungen Stars, die Roots Reggae-Botschaften und Dancehall-Elemente kombinieren. Akustische Gitarre, ein Marley-Poster, ein Satz Hanteln. Das ist die ganze Ausstattung des Arbeitszimmers seiner Villa, von der aus er auf die tiefergelegenen Teile von Kingston, den Hafen und die karibische See blicken kann. „Ich habe grundsätzlich nichts gegen Dancehall und Party. Aber es muss doch eine Art Balance geben mit Musik, die auch unsere Realität abbildet.“

Protojes Songs appellieren an den Respekt vor der Natur, vor den Frauen, vor der eigenen Göttlichkeit. Er ist damit nicht nur international erfolgreich – sondern inspirierte auch viele junge Talente des Reggae Revivals: Chronixx, Jesse Royal, Kabaka Pyramid, Jahnine oder Koffee um nur einige der Bekanntesten zu nennen. Selbst Chris Blackwell hat sich noch einmal begeistern lassen: Er bescheinigt Chronixx „einen Flow und eine Autorität“, die er erst selten gehört habe – und nahm ihn als Songwriter unter Vertrag. Chronixx schätzt seine Wegbereiter: „Jeder Song, der im Rahmen des Reggae Revivals entsteht, ist schon einmal auf ähnliche Weise aufgenommen worden. Die selben Rhythmen, ähnliche Lyrics. Aber ist das schlecht? Ich verherrliche nicht das Neue um des Neuen willen. Viel wichtiger ist mir Kontinuität“. Was Chronixx (selbst Sohn des Dancehallmusikers Chronicle) und seine Kollegen von ihren 70er Jahre-Vorbildern allerdings unterscheidet: Sie haben meist eine musikalische Ausbildung genossen und entwickeln ihre Songs über „Suffering“ und „Justice“ aus einer privilegierten Mittelklasse-Situation heraus.

Erstaunlicher noch: Viele von ihnen sind Frauen – in einem Genre, das traditionell außer Rita Marley nur wenige weibliche Stars vorzuweisen hatte. Die Sängerin Lila Iké etwa. Protoje nahm sie mit auf Tournee und besorgte ihr einen Plattenvertrag. Ikés Debut EP „ExPerience“ erschien dieses Jahr, das Video zur Hitsingle „Where I‘m Coming From“ lässt ihre alleinerziehende Mutter zu Wort kommen und zeigt, ganz unglamourös, ihre Ursprünge in der ländlichen Region Manchester. Oder die als neue Reggae-Sensation gehandelte Koffee: „Ich möchte den positiven Vibe von Bob Marley in meiner Musik aufgreifen“, bekennt die zierliche 20-jährige, die gerade mit ihrer millionenfach gestreamten Single „Toast“ eine moderne Reggae-Fusion vorantreibt, wie sie auch Rihanna oder Major Lazer zuletzt in die Charts brachten. Ihre Botschaft aber ist so oldschool wie Bob Marleys „Get Up Stand Up“ oder Toots Hibberts „Pressure Drop“. „Die Parlamentarier wälzen nur Papiere“, singt sie auf „Ragamuffin“. „Um die Ghettojugend aber kümmern sie sich nicht/ deshalb wird das Land auch nicht sicherer“. Neu ist das kaum. Aber musikalisch stark. Und als Botschaft so dringlich wie eh und je.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung in der NZZ vom 30.9.2020

Neue Sounds in Sansibar

Kulturförderung ohne kolonialen Dünkel? Auf dem ostafrikanischen Archipel arbeiten Deutsche und Einheimische gemeinsam an einer Musik, die Tradition mit Pop verbindet. Ein Besuch in der Szene.

Wer Sansibar hört, denkt an weiße Strände, an hölzerne Dhaus, die mit Dreieckssegeln durch türkisfarbenes Wasser gleiten, an arabische Architektur und Gewürzplantagen. Vielleicht erinnert man sich auch noch an die dazugehörige Musik: Taarab-Orchester, deren Streichinstrumente in leierndem Auf und Ab melodramatische Gesangs-Arabesken verschleierter Sängerinnen unterfüttern. Für exotische Klischees ist die Insel immer noch gut. Aber Sansibar und „Street Credibility“? Taraab und Tiefstbässe? Das scheinen kaum verträgliche Begriffspaare. Doch sie liefern einem jungen, deutschen HipHop-Musiker mit seinem Sansibari-Partner das Rezept, die Insel aus ihrem musikalischen Dornröschen-Schlaf zu holen. Um den Sound des jungen Sansibar zu formen. Was ganz nebenbei einen heiklen Diskurs provoziert: Wann ist kulturelle Aneignung eine beidseitige Bereicherung? Wo fangen die Missverständnisse an?

Das „Stone Town Studio“ liegt etwas abseits des Souvenirgeschäft- und Touristenviertels. Bis man es in den engen labyrinthischen Gassen der Altstadt findet, hat man einige ehrenamtliche Guides in Messi- und Tupac-T-Shirts im Schlepptau. Zenji Boy wäre ihnen natürlich lieber, sagen die Jugendlichen, doch ihr lokaler Rapheld spielt noch nicht in der Fanartikel-Liga.

Keine Musik, keine Namenstafel, nicht einmal ein Klingelschild verrät das Studio im ersten Stock eines der typischen Souk-Häuser. Nur die vielen Schuhe an der Holztreppe deuten auf den Betrieb im ersten Stock hin. Oben winkt Kassim Omar alias Mash Marley, ein hagerer Rasta-Typ mit geschäftiger Miene, in den mit schweren Teppichen ausgelegten Aufnahmeraum. Die traditionellen arabischen Holzfenster sind zugemauert. Dafür schmückt ein Gemälde seines Helden Bob Marley die mit Stoffbahnen abgehängten Wände

Lange hat der populärste Hip-Hop-Star der Insel in einem Flughafenshop gearbeitet

„In meiner Jugend“ sagt Mash Marley, während er an seinem Mischpult hantiert, „galt Taraab als Musik für alte Menschen. Wir Jungen wollten damit nichts zu tun haben. Lieber imitierten wir amerikanischen HipHop.“ Aus Monitor Boxen dröhnt: Klassischer Boom-Bap, dazu bollernde Tiefst-Bässe und eine Taraab-Geige. Das klingt ein bisschen schräg. Aber auch nicht schräger als Kanye Wests Ethio-Jazz oder Jay-Zs Samples klassischer arabischer Musk. Zenji Boy nickt mit, er spielt Luftgeige dazu. Der Rapper ist Marleys und Herrmanns große Hoffnung. „Ich mache den Sound meiner Großeltern für eine neue Generation hip“, sagt er. Und diese Geige? „Die spiele ich selbstverständlich selber!“

Lange hatte der populärste HipHop-Star der Insel in einem Flughafenshop gearbeitet, seine Suaheli-Raps über Trap-Beats wollten nicht so richtig zünden. Bis ihm Herrmann und Marley, die beiden Betreiber der „Stone Town Studios“, mit einer Idee kamen. Warum nicht die klassischen Taarab-Instrumente Ganon, Violine und Oud für seine Musik verwenden? Er könne als Zenji Boy – Zenji wie Zenjibar, also Sansibar – den eigenen Kiez und dessen Kultur repräsentieren.

Zenji Boy nahm die Herausforderung an: Er studierte drei Jahre lang klassische Violine an der örtlichen „Dhow Country Music Academy“. Schrieb Lyrics, die Korruption und Machtmissbrauch der Eliten kritisieren („Mazabe“), oder mit Samples berühmter Taraab-Sängerinnen Kinderarbeit anprangern („Sikitiko“). Seitdem laufen seine Hits neben Jay-Z und Kanye West in den Pop-Radios. Demnächst steht die Veröffentlichung eines Taraab-Albums an und eine wegen Corona verschobene Tour durch Afrika.

Junge Hip-Hopper, die ihre traditionelle Musik wiederentdecken: Das passiert gerade auch in anderen Ländern Afrikas. Aber dass ihnen dabei ein deutscher Produzent unter die Arme greift, der selbst in der lokalen HipHop-Szene reüssierte? Das dürfte doch einmalig sein. Und wirft ein paar Schlaglichter auf die oft aggressiv geführte Diskussion um cultural appropriation.

„Vor fünf Jahren war ich in Ostafrika ein Popstar“, sagt Lorenz Herrmann mit leichtem Berliner Akzent. Kantiges Gesicht, verfilzte Afro-Frisur, Batikhose. Man könnte sich den einstigen Studenten der postkolonialen Ethnologie auch als Singer-Songwriter in einem alternativen Szene-Lokal in Kreuzberg vorstellen. Lorenz aber blieb nach einem Austausch-Jahr mit der Uni in Daressalam in der tansanischen Popszene hängen. Er studierte Posaune, besuchte lokale HipHop-Events und fing an, auf Kisuaheli zu rappen.

2015 feierte ganz Tansania seinen Hit „Shika Bomba“. Der sozialkritische Song dreht sich um die Dala-Dalas, die überfüllten Kleinbusse des öffentlichen Nahverkehrs. „Die Leute liebten mich dafür, dass ich als Deutscher auf Swahili rappe“, sagt Herrmann, der unter dem Alias Badani Poa, „Cooler Beduine“, firmierte. In einigen Radiosendern hätten die Hörer gar diskutiert, ob der Coole Beduine nicht doch Tansanier sei, der sich als vermeintlich Deutscher interessant machen wolle – bis sie ihn dann sahen. Lorenz zieht amüsiert einen Mundwinkel nach oben. Ja eine lehrreiche Zeit war das für ihn. Unerlaubte kulturelle Aneignung hätten ihm einige vorgeworfen. Oder Kolonialismus. Als ob er sich auf Kosten anderer bereichert hätte.

Dabei hatte der britische Soziologe Paul Gilroy diese Diskussion schon vor über 20 Jahren abgehakt. Schwarze Kultur schreibt er, sei eine Art Open Source Programm, an dem jeder mitschreiben könne. Produzent Mash Marley jedenfalls nahm Lorenz als Partner mit an Bord. Zusammen betreiben sie das Stone Town Studio mit dem Ziel, Strukturen zu schaffen, professionelles Management anzubieten. Die Rollenteilung: Marley hat die musikalische Vision und produziert. Sein deutscher Partner kümmert sich um internationale Kontakte, Finanzakquise und Management. Die künstlerische Kontrolle aber, das ist Lorenz gerade angesichts des Diskurses um „kulturelle Aneignung“ wichtig, bleibt bei den einheimischen Musikern. Zu ihnen gehört die Sängerin Siti Amina. Als gebürtige Sansibari hat sie es geschafft, ihren Platz irgendwo zwischen Beyoncé und traditionsbewusster Muslima zu finden. Sie trägt auf der Bühne lange Kleider zu Lippenstift und Diadem.

Amina spielt als einzige Frau das „Männerinstrument“ Oud

Für das Interview in einem Café in Stonetown ist sie ungeschminkt und ohne Schleier gekommen. Amina gilt seit einigen Jahren als Aushängeschild der revitalisierten Taraab-Szene. Ihr Funk-lastiger Sound zielt auf eine jüngere Zuhörerschaft. Wie ihr Vorbild Bi Kidude vor 100 Jahren verkörpert sie die selbstbewusste Rebellin: „Kidude war eine große, ungehemmte Frau“, sagt Siti Amina, „sie sang barfuß und rauchte Zigaretten“. Amina geht noch weiter: Sie spielt als einzige Frau das „Männerinstrument“ Oud.

Ihr Handwerk hat sie an der Dhow Country Music Academy gelernt, die Institution, aus der die gesamte junge Popszene der Insel hervorgegangen ist. Geleitet wird sie von einer Italienerin, die auf Sansibar in einer der großen historische Kolonialvillen in Hafennähe die erste Musikschule Ostafrikas mit Schwerpunkt auf den Erhalt örtlicher Traditionen betreibt. Sie lebt allein von Crowdfunding. Und von der Unterstützung durch westliche Besucher.https://tpc.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

Zuletzt hatte hier die britisch-ghanaische Band Onipa kurz vor dem Corona-Lockdown mit Siti Amina und anderen heimischen Musikern einen zweiwöchigen Workshop abgehalten. Der Austausch hat Aminas missionarischen Geist beflügelt: „Warum“, sagt sie, „sollten wir Jungen nicht Sessions in den Schulen abhalten? Wir könnten auf diese Weise die Gesellschaft Sansibars verändern.“ Früher hätten ihr Produzenten in Tansania geraten, ihren Sound doch bitte westlichen Formaten anzupassen. „Ich habe mich geweigert. Und nun bin ich zum Rollenmodell einer jungen Generation herangewachsen, die ihre Traditionen gerade wiederentdeckt.“

Lorenz Herrmann, nebenbei auch Manager von Siti Amina, schätzt die Sängerin nicht nur als Musikerin. Amina sei auch emanzipiertes Vorbild für junge Mädchen und Frauen. Schon länger laufen in den Stonetown Studios Workshops nur für weibliche DJs – unter dem Namen „Stonetown Sisterhood“. Gerade planen Herrmann und Amina eine „Empowerment-Kampagne“, für die sie mit anderen weiblichen Künstlern durch die Dörfer Sansibars ziehen soll, um mit ihren Auftritten Aufklärungsarbeit zu leisten.

Die Zukunft seines Studios aber sieht er international: Die Berliner Global Bass Band Symbiz, die ugandische DJane Atim Catu, aber auch die amerikanischen HipHop-Größen Reallionaire und Akua Naru haben bereits bei ihm mit lokalen Künstlern aufgenommen, um anschließend Masterklassen für den Sansibari Nachwuchs zu geben.

Dieses Modell will Lorenz nun unbedingt ausweiten. Und in Zukunft gezielt auch deutsche Musiker dazu bewegen, in mehrwöchigen Workshops und Gastdozenturen Kulturförderung zu betreiben. Natürlich nur in einer politisch unbedenklichen Form: „Am Ende profitieren immer beide Seiten“, sagt Herrmann. „Gäste geben ihre Skills an lokale Künstler weiter – dafür bringen sie etwas vom Taraab-Flavor aus Sansibar zurück

JONATHAN FISCHER

SZ 23.9.2020

„Na, biste am Händchenhalten?“

Der Autor und Streetworker JJ Bola erklärt, dass die Idee des dominanten Mannes ein Hindernis für Nähe ist, wie Männer unter überholten Klischees leiden – und warum Gangsta Rap ein Teil des Problems ist.

Interview von Jonathan Fischer

In Zeiten von Trump, „Me Too“ und der von männlichen Machtfantasien getriebenen Attentäter wird der Begriff „Männlichkeit“ oft mit Adjektiven wie „toxisch“, „fragil“ und „überholt“ verbunden. Das verunsichert viele Männer. Der in London lebende Autor und Sozialarbeiter JJ Bola flüchtete im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus dem Kongo, wuchs in Tottenham auf, studierte Psychologie und Kreatives Schreiben. In seinem Buch „Sei kein Mann“ untersucht er, wie Männer alte, von populären Mythen gespeiste Formen der „Männlichkeit“ verlernen können.

Herr Bola, Jahrzehnte des Feminismus haben alte Männerklischees längst aufgeweicht, denkt man. Warum sie jetzt noch einmal ins Gespräch bringen?

JJ Bola: Der feministische Diskurs hat Erfolge für Frauen gezeitigt, das zeigt schon das öffentliche Interesse an der „Me Too“-Debatte. Wir müssen aber einmal darüber sprechen, dass Männer nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer ihrer Selbstbilder sind. Wenn man ihnen die alten Rollen nimmt und keine neuen anbietet, dann bleibt vor allem Verunsicherung, Wut, Leiden. Ich arbeite seit vielen Jahren in London in der Sozialarbeit für Männer mit psychischen Problemen. Da erlebe ich, dass wir Männer viel verletzlicher sind, als wir zugeben. Unsere Selbstbilder verursachen enormes Leiden.

In welcher Hinsicht?

Schauen Sie nur, wieviele Männer unter Depressionen und anderen seelischen Krankheiten leiden. Männer werden mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit als Frauen obdachlos, drogenabhängig, gewalttätig oder bringen sich um. Und das alles weil sie es nicht schaffen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Weil sie glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Weil sie in ein Bild passen wollen, dass sie und andere Männer für sich geschaffen haben. Ich selbst habe das als Jugendlicher praktiziert: Nach außen gab ich stets den gutgelaunten Sonnyboy – und ließ mir um keinen Preis anmerken, unter welchen inneren Qualen ich wirklich litt.

Sie haben eine Rolle gespielt, die Sie von sich selbst abgeschnitten hat?

Pausenlos. Das kostete eine Menge Kraft: Immer auf der Hut zu sein, vor dem vermeintlichen Rollen-Versagen. Dabei war ich ein sportlicher Typ, spielte Basketball in der nationalen Liga, und wusste, welche coolen Codes und Gesten ich als Mann zu benutzen hatte, um den Respekt der anderen Jugendlichen in meinem Brennpunkt-Viertel zu gewinnen. Ich hatte keine Ahnung, dass Männlichkeit in verschiedenen Kulturen und Kontexten auch ganz anders aussehen könnte….

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Situation, wo ihre kongolesischen Männer-Freunde ihr Rollenbild unabsichtlich ins Wanken brachten…

Ja, das war eine extrem peinliche Situation für mich. Eine Gruppe älterer kongolesischer Männer aus unserer Kirchengruppe hatte mich eingeladen, mit ihnen zu einem dieser „Onkel“ daheim essen zu gehen. Ich freute mich außerordentlich. Bis wir in die Hauptstraße in Tottenham einbogen, wo ich sonst mit Jugendlichen aus einem komplett anderen sozialen Umfeld abhing. Ich hatte wie immer Hoodie, Sporthose und Nike Air Force 1 Schuhe an. Meine Begleiter aber waren nach kongolesischer Mode in farbenfrohe und exzentrische Designs gekleidet, und zogen durch ihre lauten Gespräche und Gelächter viel Aufmerksamkeit auf unsere Gruppe. Schon aus der Ferne starrten uns Passanten an und zeigten auf uns. Was für mich noch schlimmer war: Wir gingen in Zweierpaaren, so wie das unter kongolesischen Männern üblich ist, Hand in Hand. Ich bemerkte die verwirrten bis von Ekel geprägten Gesichtsausdrücke einiger Jugendlicher aus der Siedlung, die besonders mich und meinen Begleiter musterten. Am liebsten hätte ich mich unter meiner Kapuze versteckt. Und dann rief einer von ihnen in meine Richtung: „Na biste am Händchenhalten?“

Es war als ob in diesem Moment all der Respekt, den ich mir als großer, muskulöser Mann verdient hatte, all die Stärke, die ich immer nach außen demonstriert hatte, in Luft auflöste…

Weil Sie gegen das ungeschriebene Gesetz der Straße verstoßen hatten, als Mann keine Weichheit zeigen zu dürfen?

Ich hatte damals noch nicht das Selbstbewusstsein von heute. Und ich war wie so viele Jugendliche in dem Glauben aufgewachsen, dass bestimmte Verhaltensweisen für heterosexuelle Männer tabu seien. Mein Ideal war der coole, dominante und distanzierte Macker. Das ging so weit, dass ich nicht nur keine Tränen oder emotionale Rührung zeigen durfte. Es war auch unmöglich, mich zu entschuldigen – selbst wenn ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht habe. Das Erstaunliche dabei: Ich war von meinen Eltern überhaupt nicht auf diese Weise erzogen worden…

Sie haben dann aber doch im Geheimen Strategien entwickelt, um mit ihren Anteilen, die nicht in dieses Macker-Muster passten, klar zu kommen….

Ich fühlte als junger Mann eine Depression, die auch daher rührte, dass ich meine weichere Seite nicht ausdrücken konnte, niemanden zum Reden hatte. Mein Eindruck war: Als Mann musst du das alles mit dir selbst ausmachen. In dieser Situation war es meine Rettung, ein Tagebuch zu schreiben. Und dadurch meine eigenen Gefühle zu verstehen….

Später haben Sie angefangen, auch Gedichte zu schreiben. Bis heute haben sie drei Bände mit Lyrik veröffentlicht…

Diese Gedichte waren meine Art, mich zu zeigen. Wenn ich bei einer Lesung meine Männer-Fassade mit meinen Selbstzweifeln, meinem Liebeskummer oder meinen Empfindlichkeiten kontrastierte, kamen anschließend Männer zu mir und bedankten sich: Du hast genau ausgedrückt, wie wir uns fühlen. Wir hatten bisher nur noch keine Worte dafür gefunden…

Was hat Sie motiviert statt noch mehr Gedichten, ein Selbsthilfe-Buch für Männer zu schreiben?

„Sei Kein Mann“ bringt verschiedene Fäden meines Lebens zusammen: Ich hatte Psychologie studiert, arbeitete an der Schule mit pubertierenden Jungs, und kannte als Spieler einer hochklassigen Basketballmannchaft auch all diese Männer-Gespräche, die man in der Kabine oder im Tourbus miteinander führt. Da wusste ich: Wir Männer sehnen uns nach Intimität, echtem Austausch.

Und das ausgerechnet im Basketball-Team? Ist der Leistungssport denn nicht die Arena für Macho-Gehabe schlechthin?

Nein, ganz im Gegenteil: Ich habe hier mit anderen Männern über Bücher oder Filme reden können, die uns etwas bedeuten. Gerade weil wir uns gegenseitig nichts beweisen mussten, schien da oft eine sehr sensible Seite durch. Man braucht als Junge immer andere Männer außerhalb der eigenen vier Wände, an denen man sich als Vorbild orientiert.

Wo haben sie diese Vorbilder gefunden?

Eine der ersten Stolpersteine für mein Straßen-Ideal von Männlichkeit war ein Song von Tupac, den ja viele nur als Gangster-Rapper kennen….

… der aber, bevor er sich sein hyper-maskulines Image zulegte, eine Kunst-Akademie besucht und Ballett getanzt hatte….

Ja, die meisten seiner Fans wissen das nicht, aber wahrscheinlich macht ihn gerade diese Ahnung einer Ambivalenz bis heute so attraktiv. Mich jedenfalls erwischte als Jugendlicher sein Song „Keep Your Head Up“ wie eine Erleuchtung. Da mahnt Tupac, Frauen mit Respekt zu behandeln, fragt er, warum Jungs, die einst von einer Frau geboren und großgezogen wurden später andere Frauen vergewaltigen, misshandeln, ihnen Babys machen und die jungen Mütter alleine lassen… So etwas hatte ich im Mainstream-HipHop noch nicht gehört. Sonst begegneten mir da eher zynische, misogyne Songs. Wie etwa „Mask Off“ von Future, das mir als Titel für die englische Orginalausgabe meines Buches diente.

Sie sagen, man müsse als Junge Glück haben, um in seiner Umgebung auf starke Männer zu stoßen, die andere Männlichkeits-Ideale als die der Populärkultur vorleben…

Ich hatte wirklich Glück mit meinem Basketballtrainer. Ein Zwei-Meter-Hüne von Mann, mit noch breiterem Rücken wie ich und einer durchdringen Bass-Stimme. Aber so streng er auch im Training war, so sanft und zugewandt zeigte er sich als Mensch. Du konntest ihm mit jedem Problem kommen – er nahm dich dann zur Seite, um mit dir zu reden. Vor allem aber lebte er uns vor, was Respekt bedeutet, Respekt auch vor Frauen. Heute dient mir mein ehemaliger Trainer als Vorbild für meine eigene Arbeit als Basketball-Coach: Denn du kannst junge Menschen über eine persönliche Bindung nachhaltig beeindrucken.

Sie schreiben, dass Männlichkeit an vielen Orten viel fluider und vielschichtiger gelebt wird, als das binäre System, das uns unsere Kultur aufzwingt. Haben Sie da von ihrer Migrationsgeschichte profitiert?

Auch wenn ich als Jugendlicher noch nicht dazu stehen konnte: In der kongolesischen Kultur gelten tatsächlich etwas andere Männlichkeits-Ideale: So ist es selbstverständlich, dass Jungs ihre Kleider waschen und flicken und alles dafür tun, um sauber und ordentlich auszusehen, gepflegte Mode gehört zu unserer Kultur… Du hast als Mann auch Kochen und viele der Haushaltsarbeiten gelernt, die anderswo als Frauensache gelten. Bis heute liebe ich es, zu Bügeln. Ich kann das stundenlang zelebrieren….

Mindestens ebenso vermint ist das Feld der Sexualität zwischen Männern und Frauen. Sie schreiben von diesem enormen Druck, als Mann, erlernten Vorstellungen folgend „richtig zu performen“….

Diesen Druck sieht man ja schon daran, dass sexuelle Auschweifungen von Männern meist von ihresgleichen bewundert wird, während Frauen mit ähnlichem Benehmen als „Schlampen“ und „Huren“ gelten. Immer noch wird der sexuelle Trieb als männlich konnotiert. Dabei haben Frauen sicherlich nicht weniger Lust, aber vielleicht andere Vorstellungen, wie sie gelebt werden sollte. Die Idee des „dominanten Mannes“ jedenfalls habe ich immer wieder als Hindernis für wahre Intimität erlebt. Viele Männer erlauben sich nur über Sex eine gewisse Intimität zu erleben. Warum aber gilt ein Mann als schwach, wenn er gerade nicht auf Sex steht? Warum darf er nicht andere Arten der Verbindung eingehen? Wir Männer habe da eine toxische, fast pornographische Erwartungshaltung an uns selbst….

Ist diese Angst vor Nähe nicht noch größer wenn es um Intimität oder Offenheit zwischen Männern geht?

Die group pressure ist in dieser Hinsicht gewaltig. Oft hängen junge Männer, die ihresgleichen Komplimente machen, zur Sicherheit den Nachsatz an: „Ist jetzt nicht schwul gemeint“. Als ob man als heterosexueller Mann keine Form von Weichheit oder Liebe zeigen dürfte. Ständig ist da diese Angst: Wer bin ich, wenn ich mit meinen eher femininen Anteilen in Berührung komme?

Diese Unsicherheit hat zusammen mit dem Einfluss der Religion zur Ablehnung und Verfolgung von schwulen oder Bi-Männern beigetragen. Das beinhaltet auch: Die Verteufelung jeder freundschaftlichen Berührung unter Männern.

Sie schreiben von panischen Gefühlen, als der kongolesische Onkel sie damals an der Hand nahm.Wie würden Sie heute in der selben Situation reagieren?

Inzwischen habe ich ein ganz anderes Standing. Ich muss nicht mehr vor anderen Männern eine Vorstellung geben, meine Männlichkeit beweisen. Aber es gehört eben, gerade als Jugendlicher, ein enormes Selbstbewusstsein dazu, nicht mehr in diese Norm passen zu wollen.

Was raten Sie jungen Männern, um dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln?

Schreibt Tagebuch! Haltet eure Erfahrungen fest, um euch selbst besser zu verstehen, dann verlieren die stereotypen Rollenbilder von selbst an Anziehungskraft. Seid bereit, in Therapie zu gehen, um Eure traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten. Und hört endlich mit der Schauspielerei auf. Es gibt einen Satz, den ich Männern immer wieder mitgebe: Wenn ein Freund dich nicht so akzeptiert wie du bist, dann ist er nicht dein Freund. Wenn jemand dich aber als Menschen wirklich schätzt, bedeutet das : Du darfst du selbst sein.

Das klingt so einfach. Verdrängen Sie da nicht den Einfluss der sozialen Medien, die uns konstant mit ihren Männlichkeits-Idealen bombardieren?

Die sozialen Medien wecken besonders bei meinen jüngeren Klienten riesige Erwartungshaltungen und gleichzeitig riesige Ängste. Auch was das Äußere betrifft. Da werden Körperbilder propagiert, die bestenfalls Berufsathleten hinbekommen, die aber für die Mehrheit unerreichbar sind. Das ist Gift für das eigene Selbstbewusstsein. Bei vielen Männern, die sowieso schon Probleme mit sich haben, verstärken sie das Leiden noch.

Gibt es einen Unterschied wie Sie als schwarzer Mann – im Gegensatz zu Weißen – solchen Stereotypen begegnen?

Schwarze Männer werden in westlichen Medien oft als aggressiver, wütender und sexuell getriebener dargestellt – ein Bild, das so gar nicht in die kongolesische Kultur passt, aus der meine Familie kommt. Manchmal gestehen mir Menschen, dass sie Angst vor mir hatten, bevor sie mich angesprochen haben. Gangsta Rap ist ein Teil des Problems. Aber auch populäre Figuren aus Mafiafilmen, die manche jungen Männer als Vorbilder für ihr privates Beziehungsverhalten missverstehen. Die Mainstreamkultur verkauft männliche Gewalt. Das wäre kein Problem, wenn sie gleichzeitig auch Gegenmodelle anbieten würde…

An welche Modelle denken Sie?

Jazz zum Beispiel ist genauso sehr ein Teil schwarzer maskuliner Kultur wie HipHop, aber mit etwas anderen Männlichkeits-Idealen. Auch die Sänger im K-Pop mit ihren geschminkten Gesichtern stellen unsere binären Stereotypen in Frage. Ich habe gelernt, dass in anderen Kulturen so viel mehr Schattierungen der Männlichkeit existieren, als wir glauben. Da hat das Internet dann wieder sein Gutes: Du findest heute auf Youtube alle möglichen Kanäle von jungen Menschen, die Plattformen für verschiedene Formen von Männlichkeit kreieren. So muss sich niemand mehr so ausgesondert fühlen wie früher.

Haben Sie nicht trotzdem die Befürchtung, dass das Wortspiel im Titel Ihres Buches „Sei Kein Mann“ auf verunsicherte junge Männer abschreckend wirken könnte?

Letztlich geht es doch darum: Diese ganze „Sei ein Mann“-Nummer als unnötige Quälerei zu entlarven. Warum sich nicht einfach mit sich selbst entspannen? Da kommt doch erst die wirkliche Stärke eines Mannes zum Tragen.

In gekürzter Form erschienen in SZ vom 8.9.2020

MUSIK FÜR DEN GLOBALEN KAMPF Von Soweto nach London: Das Projekt „Keleketla!“ spannt das DJ-Duo „Coldcut“ mit südafrikanischen Musikern und Veteranen der Protestmusik zusammen

Keleketla! bedeutet in der südafrikanischen Sepedi-Sprache so viel wie „ich höre“. „Keleketla!“ antworten die Zuhörer den Eröffnungen eines traditionellen Geschichtenerzählers, eine Beschwörungsformel, die über das Spiel von Ruf und Antwort eine Gemeinschaft herstellt. Wenn nun das für elektronischen Flow berüchtigte britische DJ-Duo Coldcut ein Projekt auf diesen unhandlichen Namen tauft, dann muss einige Ruf-und-Antwort-Energie zwischen Mikrofonen, Mixer und Laptops geflossen sein. Und zwar dort, wo das Wort herkommt: In Südafrika, genauer gesagt im Laden einer Kunst- und Bürgerinitiative in Soweto, an einem Ort also, der gemeinhin mit einem der größten und konfliktbeladensten Ghettos des globalen Südens gleichgesetzt wird.

  Tatsächlich waren es die südafrikanischen Aktivisten, die sich die Londoner Musiker holten und nicht umgekehrt. Die Keleketla Arts Initiative aus Johannesburg hatte die beiden britischen DJs als Wunschpartner auserkoren, um ein Album für die britische Charity „In Place of War“ einzuspielen. Und Coldcut ergriffen ihre Chance. Schließlich hat sich das Verhältnis zwischen westlichem Pop und afrikanischer Musik längst gedreht. Nicht die Afrikaner brauchen Nachhilfe aus dem Westen. Die Stars aus Europa und Amerika suchen hier ihren Jungbrunnen. Da befinden sich Coldcut mit Damon Albarn, Robert Plant oder Doctor L in guter Gesellschaft.

  Was die kommerzielle Zugkraft solcher Projekte betrifft, sind die Namen aus dem Westen dann doch wichtig. Coldcut hatten bereits seit den Achtzigerjahren mit Sample-Orgien und Remixen Furore gemacht. Afrodiasporische Musik zwischen Reggae, Funk, Hip-Hop und Jungle lieferte die Zutaten. Vor allem aber hatten die beiden DJs immer ein Ohr für genreübergreifende Synergien. Da gab es bezaubernde Flöten und arabische Gesangssamples auf ihrem Remix von Eric B und Rakims „Paid In Full“. Oder Verschneidungen von jamaikanischen Bässen, technoiden Rhythmen und Soul-Vocals, die sie auf ihrem ureigenen Ninjatune-Label pflegen.

  Die Gastgeber aus Soweto wussten, warum sie sich Coldcut ins Boot holten. Südafrika hat einen Reichtum musikalischer Traditionen zu bieten, von warmen Chorgesängen über melodischen Jazz bis zu lokalen House- und Elektro-Versionen. Und die Briten würden nicht als Kolonisierer kommen. Vielmehr atmet das ganze Projekt den Geist einer aufrichtigen Kollaboration. Bei der Musikerauswahl berieten die südafrikanischen Avantgarde-Label-Betreiber Mushroom Hour Half Hour. Und niemals drängen sich elektronische Ego-Trips in den Vordergrund. Nein, es sind die Stimmen der afrikanischen und afrodiasporischen Musiker, die die Musik wesentlich prägen. Sie singen in ihren Muttersprachen und teilen sich die Songwriting-Credits. Einen ähnlichen Ansatz hatte bereits Damon Albarn mit seinem Africa-Express-Projekt in Johannesburg verfolgt. Nur holt Keleketla! noch weiter aus. Auf die Ursprungsaufnahmen in Soweto im Jahre 2017 folgten zwei Jahre lang weitere Sessions in London, bis 2020 endlich der letzte Beat, der letzte Overdub abgemischt war.

  Überlang mutet auch die Liste der Gastmusiker an. Doch wenn man das Album Song für Song durchhört, stimmt die Besetzung punktgenau. Und zwar nicht nur was die musikalischen Einzelteile angeht. Sondern auch für die alles überwölbende Keleketla!-Botschaft. Coldcut haben da politisches Gespür bewiesen. So luden sie einige Veteranen der Message Music hinzu, unter anderem Fela Kutis einstigen Keyboarder Dele Sosimi und dessen Schlagzeuger und Bandleader Tony Allen. Auf fünf von neun Tracks bringt der im April verstorbene Allen seinen unwiderstehlich synkopierten Afrobeat ins Spiel. Dazu rappen die Hip-Hop-Urahnen der Watts Prophets befeuert von den Bläsern von Antibalas aus Brooklyn. „Freedom Groove“, das könnte alternativ auch der Name des ganzen Projektes sein. Dazu kommen südafrikanische Legenden wie Bassist Thabang Tabane, der neben dem Kapstädter Elektro-DJ Mabheko die Grundlage für die Improvisationen junger Londoner Jazzer von Joe Armon-Jones bis Shabaka Hutchings legt.

  Ebenso historisch aufgeladen sind einige der Songtitel: „Future Toyi Toyi“ bezieht sich auf einen gestampften Tanz, der einst als Zeichen des Widerstands die Anti-Apartheids-Proteste befeuerte. Tony Allens gummiballartige Beats wirbeln da Flöten- und Gitarren-Sprengsel mit sich, während das südafrikanische Hip-Hop-Kollektiv Soundz of the South traditionelle Kampfslogans chantet: „Forward with the struggle!“ Immer wieder sind es Allens rollende, schnurrende, von Synkope zu Synkope federnde und dabei immer leicht variierende Perkussionsschleifen, die zusammenbinden, was sonst in ein halbes Dutzend Genres und Erdteile auseinanderfallen würde. Etwa in „Papua Merdeka“. Michael Kiwanukas Gitarrist Miles James untermalt da neben der südafrikanischen Kernband die klagenden Stimmen der Lani Singers und die Spoken Word Einlagen des Politaktivisten Benny Wenda zur Befreiung des von Indonesien annektierten West-Papua.

  Die Kanten aber setzt die Elektronik von Coldcut. Die Briten verstehen es, die akustischen Parts raffiniert mit ihren elektronischen Tiefstbässen zu konterkarieren, unschuldig klingende Folkgesänge mit technoiden Dub-Effekten aufzurüsten.

  Könnte „Keleketla!“ die Blaupause für zukünftige Nord-Süd-Kooperationen abgeben? Wenn man so viel Soul und Leidenschaft investiert wie Coldcut: Unbedingt! Drei Jahre des Zuhörens, Bewertens, Umschichtens und Kombinierens stecken in dem Projekt. Manchmal erstickt so viel Sorgfalt die Spontaneität. „Keleketla!“ aber hat zwischen den staubigen Straßen Sowetos und dem Londoner Studio nichts von seiner Frische eingebüßt. Weltmusik ist ja als Begriff schon länger diskreditiert. Coldcut allerdings sind von jeder Wohlfühl-Exotik weit entfernt. Im Gegenteil: „Keleketla!“ liefert die bisher raffinierteste Kampfmusik für unsere Gegenwart.

JONATHAN FISCHER

SZ 3.8.2020Coldcut_x_Keleketla_Press_Shot_B_W_WEB

KLIMA-KAMPF DER UNSICHTBAREN Kein Kontinent leidet unter der Erderwärmung so wie Afrika. Die Umweltaktivisten dort fühlen sich allerdings von ihren Regierungen und vom Westen im Stich gelassen

Vergangener Herbst am Rande einer Staubpiste in Bamako: Fousseny Traoré reckt ein selbstgemaltes Schild in die Höhe. Man muss nahe herangehen, um die dünne Handschrift zu entziffern: „Handelt endlich, sonst nehmen wir Jungen das auf unsere Weise in die Hand!“

  Ein paar Dutzend Schüler und Studenten in Warnwesten begleiten ihn, drängen sich zwischen überladenen Kleinbussen, Mofa-Trauben und Lastenträgern. „Unsere Generation. Unser Planet. Unsere Zukunft!“, ruft Traoré in sein Megafon. Und: „Stoppt den Klimawandel jetzt.“ Parolen also, die an diesem Tag auch viele Millionen Menschen so oder so ähnlich in München, Paris oder Sydney skandieren, wo Rundfunk, Fernsehen und Zeitungsreporter breit über den globalen Klimastreit der Aktivisten von „Fridays for Future“ berichten. Während in westlichen Großstädten allerdings Soundanlage, Bühne und Ordner selbstverständlicher Teil eines solchen Medienereignisses sind, müssen sich Traoré und seine Mitstreiter mühsam gegen das tägliche Hupkonzert, die Konkurrenz der Marktschreier und Wasserverkäufer durchsetzen. Keine Popband greift ihnen unter die Arme. Ja nicht einmal Flyer oder Aufkleber haben sie zu verteilen. Nur der Wille, endlich etwas zu verändern, treibt die jungen Malier an.

  Wer allerdings westliche Medien verfolgt, erfährt kaum etwas von den Fousseny Traorés dieser Welt. Die Berichterstattung über die globalen Klimastreiks zeigt fast ausschließlich weiße Gesichter. Fast könnte man glauben, der Klimaschutz sei ein Anliegen des privilegierten Bürgertums im Westen. Wo aber bleibt Afrika? Wo die Sahelzone, deren Länder zwar für nur 0,25 Prozent der weltweiten Treibhausemissionen verantwortlich sind, deren Bewohner aber jetzt schon am meisten unter dem Klimawandel leiden?

  Schnell entsteht der Eindruck, der Westen müsse mehr oder weniger im Alleingang die Welt retten – während Afrikanern die „Fridays for Future“-Parolen egal seien. „Viele Leute haben schon Probleme genug, sie sind einfach entnervt“, sagt Traoré in einem Café in Bamakos Stadtteil Hippodrome. Er spricht leise. Fast wirkt es, als ob der schmale Mann im gebügelten Hemd sich hinter seinem Anliegen zurückstellen würde. Die Einladung zur Cola jedenfalls lehnt er ab. Niemand soll denken, er sei als Bittsteller gekommen. Immerhin kennt er den Verdacht mancher Landsleute, er und seine Umweltschützer-Kollegen würden das Geschäft der Westler betreiben: „Sie sagen: Wir haben eine schlechte Gesundheitsversorgung, die Schulen funktionieren nicht, im Norden herrscht Krieg – und dann kommt ihr noch mit der Klimakrise! Überlassen wir das doch den Europäern!“

  Traoré ist 26 Jahre alt, hat mal Apotheker gelernt und muss sich wie die meisten Malier seiner Generation mit kleinen Jobs über Wasser halten. Die Umwelt- und Klimaschutzinitiative „Ensemble pour le Climat Bamako“ hat er vor drei Jahren gegründet. Weil er die Menschen leiden sah, aber kaum jemand über die Zusammenhänge Bescheid wusste. „Ich bin bei meinem Onkel, einem Bauern und Lehrer, in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt aufgewachsen. Und ich habe dort gesehen, wie sich die Umwelt verändert, wie es auf den Feldern jedes Jahr trockener wird.“ 2010 hätten sie noch 100 Säcke mit Hirse geerntet. 2012 seien es nicht mal 70 gewesen. „Gleichzeitig sehe ich, wie unsere Landwirtschaft die Böden zerstört. Es fehlt an Informationen über nachhaltige Anbaumethoden.“

Weitere Lieblingsthemen Traorés sind die Wertschätzung der Bäume und der Kampf gegen den Plastikmüll. In Bamako ist er allgegenwärtig: Knäuel von Plastiktüten säumen jeden Straßenrand, jede Brachfläche, hängen als Fetzen in jedem Strauch. An den Marktstraßen häufen sie sich zu meterhohen Müllbergen, der beißende Geruch brennenden Plastiks weht überall durch die Stadt. Und zur Regenzeit gibt es wegen der mit Plastik verstopften Abwasserkanäle sogar tödliche Überschwemmungen. Wenn Traoré regelmäßig mit einem Dutzend Mitstreiter ausrückt, um den Straßenmüll zusammenzukehren oder Abwasserkanäle zu reinigen, dann habe das vor allem erzieherischen Wert: „Irgendjemand muss damit anfangen. Sonst schiebt nur einer die Verantwortung auf den anderen.“

  Eine Facebook-Seite für „Ensemble pour le Climat“ hat Traoré inzwischen eingerichtet. Aber gedruckte Poster? Broschüren? Geld gar für ein eigenes Büro? Fehlanzeige. Traoré arbeitet von seinem Schlafzimmer aus, sein Laptop ist die einzige Verbindung zur großen Welt da draußen und all den Klimaaktivisten aus Frankreich, Amerika, Deutschland, mit denen er – notfalls per Google Translator – Kontakt aufnimmt. Eine französische Umweltgruppe hat ein Interview mit ihm online gestellt. Eine australische Umweltwissenschaftlerin sich auf Facebook für seine Arbeit begeistert. Dauerhaftere Partnerschaften aber haben sich bisher nicht ergeben. Traoré und seine Mitstreiter sind denn auch hin- und hergerissen: Zwischen dem Wunsch, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, und dem Gefühl, am Rande zu stehen. So wie die ugandische Klimaschutzaktivistin Vanessa Nakate beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein Fotograf der Agentur Associated Press hatte aus einem Gruppenbild von Greta Thunberg und ihren jugendlichen Mitstreitern aus aller Welt ausgerechnet das einzige schwarze Gesicht herausgeschnitten.

  Klimaaktivisten aus Afrika haben es doppelt schwer: Sowohl im Ausland als auch daheim kämpfen sie oft vergeblich um Sichtbarkeit. Umso bewegender ist es zu sehen, mit welcher Unermüdlichkeit und trotziger Hoffnung das Grüppchen Klima-Aktivisten um Traoré agiert. An jedem der weltweiten Klimastreik-Freitage stehen sie an einer Straßenkreuzung in Bamako: „Stoppt die Umweltzerstörung durch die Minenkonzerne“, haben sie mit Filzmarker auf eine der Wellpappen geschrieben. „Fridays for Future Mali“ auf eine andere. Oder auch einfach: „Merci Greta!“

  In der afrikanischen Metropole voll von Gerüchen, Farben und Lärm kann man die Demonstranten leicht übersehen. Und dennoch: Traoré und seine Mitstreiter – es sind zur Hälfte Frauen – haben am Ende einige der Umstehenden überzeugt. Im persönlichen Gespräch. Der einzigen Methode, die den mittellosen Aktivisten zur Verfügung steht. „Bei jeder Demonstration“, sagt der „Ensemble pour le Climat“-Präsident, „gewinnen wir in der Regel ein paar Dutzend neue Mitglieder“.

  Das ist an sich schon ein Erfolg. Denn nicht einmal die örtlichen Radio- und Fernsehsender berichten über „Ensemble pour le Climat“. Was wohl nicht nur daran liegt, dass die zwei Hundertschaften an „Fridays for Future“-Aktivisten in Bamako rein zahlenmäßig nicht mit ihren westlichen Pendants konkurrieren können. Sondern auch an der Ignoranz der Politik: „Wir können von unserem Umweltministerium keine Unterstützung erwarten. Es bleibt privaten Initiativen überlassen, etwas zu bewegen.“

  Etwa der Stiftung Santé Environnement, die zusammen mit dem Bürgermeister der Gemeinde VI des Distrikts Bamako im Juni 2019 das Pilotprojekt „Bamako ohne Plastikmüll“ ins Leben gerufen hat, und seitdem in zehn Kiosken aus Haushalten, Straßen und Rinnen gesammeltes Plastik gegen eine Zahlung von umgerechnet 30 Cent pro Kilo annimmt. Anschließend werden die gesammelten Kunststoffe Recyclingunternehmen zugeführt und wieder für den lokalen Markt aufbereitet. Traoré aber geht das noch nicht weit genug: In Ruanda, Kenia und Tansania etwa seien Plastikverpackungen von den Märkten verbannt. Auch in Mali gebe es bereits seit 2012 ein Gesetz gegen den Import, Verkauf und die Verwendung von Plastiktüten. Nur interessiere das niemanden. Die Verordnung werde nicht durchgesetzt, es fehlten jegliche Sanktionen. Genauso verhalte es sich mit einem Gesetz gegen das illegale Abholzen. Viele junge Menschen sähen keinen anderen Weg zum Überleben, als wahllos Bäume zu fällen und als Feuerholz zu verkaufen. Der Staat müsse ihnen Alternativen bieten.

  „Die Alten klauen uns unsere Zukunft“, sagt Traore, „aber wenn wir sie ansprechen, sagen sie uns: Du bist jung, du musst dich unterordnen.“ Gerade weil die Altershierarchien in Afrika so erdrückend seien, sei er froh „um die Ehrlichkeit und Respektlosigkeit unserer Schwester Greta“. Bei jeder Demonstration rede er über den Vorbildcharakter der 17-Jährigen aus Schweden. Dabei mutet der Kampf der malischen Klimaschützer ebenso heldenhaft an. Mindestens. Um gehört zu werden, müssen sie sich nicht nur gegen die Ablenkungen der Selfie-Kultur, die Klimaleugner, eine apathische Regierung und den täglichen Überlebensstress durchsetzen. Sondern auch gegen einen latenten Rassismus.

  „Wir jungen afrikanischen Umweltaktivisten“, sagt Traoré, „kämpfen denselben Kampf wie unsere Brüder und Schwestern im Westen, aber wer gibt uns eine Bühne? Wer lädt uns zu den großen internationalen Gipfeln ein?“ Er selbst habe schon zahlreiche Schreiben an internationale Organisationen wie etwa Greenpeace Afrika verfasst. Um Kooperation gebeten. Gemeinsame Aktionen angeregt, etwa eine Aufklärungskarawane, die durch die malischen Dörfer zieht, um die Menschen dort über Naturschutz, Klimawandel und eine daran angepasste Landwirtschaft zu informieren. Eine Antwort aber sei nie gekommen.

  „Der Planet braucht es, dass wir alle Hand in Hand zusammenarbeiten. Am Ende aber werden nur medial hochgehandelte Partner zu den Konferenzen eingeladen – und die afrikanische Jugend bleibt unsichtbar.“ Es ist das erste Mal, dass in Fousseny Traorés Augen so etwas wie Wut aufleuchtet. Auch später schickt er regelmäßig Mails über die Aktivitäten seiner Umweltgruppe. Während in Bamako gerade Barrikaden brennen und die Opposition fast täglich Demonstrationen gegen das als korrupt und unfähig geltende Regime organisiert, schreibt Traoré, das Problem sei durch einen neuen Präsidenten für ihn noch nicht gelöst. Weil kaum ein Politiker langfristige Umweltziele verfolge. Das Bewusstsein für Klimapolitik sei bisher kaum wahlentscheidend. Noch.

  Traorés Gruppe hatte die Covid-19-Krise genutzt, um die Bevölkerung über die Zusammenhänge von Seuchen und Umweltzerstörung aufzuklären. „Die Leute hören zu, wenn sie sehen, dass du auf ihrer Seite stehst.“ So verteilten die Umweltaktivisten von ihrem Spendengeld Seifen, Säcke mit Reis und halfen bei verschiedenen kommunalen Gemüseanbauprojekten. Die Notsituation hat zu panafrikanischer Solidarität geführt. Gerade hat Traoré mit Gesinnungsgenossen aus Togo, Niger, Burkina Faso, Senegal und der Elfenbeinküste die Koalition „Sauvons le Sahel“ (Lasst uns den Sahel retten) gegründet. Eine ihrer ersten medialen Aktionen: ein Kettenbrief, der gerade von Tausenden Afrikanern an die Afrikanische Union, deren Parlamentsmitglieder und den Vorsitzenden, den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa geschickt wird. Er zählt die wachsenden Umweltprobleme – Heuschreckenplage, Waldbrände, Trockenheit und Überschwemmungen – auf und mahnt: „Afrika ist den Klimawandel betreffend der verwundbarste Kontinent.“ Traoré weiß, dass es noch lange nicht sein letzter Brief sein wird.

JONATHAN FISCHER

SZ 12.8.2020fousseny