New Orleans Blues: 14 Jahre nach „Katrina“ ist die Stadt am Mississippi schicker und sauberer als je zuvor – doch vor allem Musiker und Künstler müssen nun ums Überleben kämpfen

New Orleanians lieben es, die letzten Ruhestätten ihrer Toten zu besuchen. In afrokaribisch inspirierter Tradition schütten sie Bier auf die Gräber, hinterlassen Plastikketten und Schmuck an den weiß gekalkten Gruften, die als Ensemble oft an eine exotische Miniaturstadt erinnern. Aber auf dem berühmtesten Friedhof der Stadt, dem St. Louis Cemetery No. 1, stehen jetzt Verbotsschilder: Gräber markieren, Gegenstände ablegen unter Strafe verboten. Neuerdings kann man Touristinnen beobachten, die heimlich Lippenstiftspuren an einer drei Meter hohen Pyramide hinterlassen, der zukünftigen Grabstätte von Nicolas Cage.

  Ja, Nicolas Cage, der Schauspieler und Wahl-New-Orleanian. Sein sauberer weißer Neubau mag so gar nicht zu den bröckelnden, wettergezeichneten Gräbern der Umgebung passen. „Die Gentrifizierung macht nicht mal vor den Toten halt“, witzelt Chuck Perkins, ein Musiker und Clubbetreiber. „Seit Katrina werden die Armen und Schwarzen aus den älteren Teilen von New Orleans vertrieben. Die Stadt will sie nicht mehr haben. Lebendig oder tot.“

  Am 29. August 2005 waren infolge des Hurrikans Katrina mehrere Deiche gebrochen, 80 Prozent der Stadt wurden überflutet, Hunderttausende obdachlos. Vierzehn Jahre später sind die Schäden behoben, zieht der Mississippi-Hafen die Touristen an, als wäre nichts gewesen: „New Orleans hat ein Facelifting bekommen“, sagt Chuck Perkins. Der Mann mit dem Batikhemd und der polierten Glatze sitzt mit einem Bier vor seinem Liveclub Cafe Istanbul, nur ein paar Meilen östlich des Touristenviertels French Quarter. Früher standen hier nur blätternde Baracken. Jetzt zieht das einstige Glasscherben- und Drogendealerviertel Bywater Yuppie-Kunden aus der ganzen Stadt an, die eines der frisch gestrichenen Yoga-Studios und veganen Cafés besuchen, im Biomarkt einkaufen oder nach Esoterik-Büchern wühlen wollen. Viele von ihnen, sagt Perkins, seien Helfer, die nach Katrina geblieben sind.

  Sein eigener Musikclub ist Teil eines dreistöckigen, rosa gestrichenen „Healing Centers“ – die Vermieterin, eine weiße Voodoo-Priesterin, hat es so genannt. Ein Name, der sich nicht nur auf ihren eigenen Kräuterladen bezieht, sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang für eine innen und außen kaputte Stadt symbolisiert. „Alle fluchen in dieser Stadt“, wütet Chuck Perkins in seinem Songtext „Everybody Swears“, während „Träume so groß wie Berge zur Größe kleiner geballter Fäuste zerhäckselt werden“. So klingt der New-Orleans-Blues. Eine Hassliebe, die Perkins mit vielen der hier lebenden Musiker und Kulturschaffenden teilt.

  Nun aber geht es um das neue New Orleans. Und darum, wer von der Renovierung und Ausschmückung der einst so ranzigen Viertel um das French Quarter profitieren darf. Und wer dabei auf der Strecke bleibt. Schon seit Generationen lastet der Fluch der Armut auf dieser Stadt. Katrina machte für alle Welt sichtbar, was viele New Orleanians längst wussten: dass der amerikanische Traum sie außen vor gelassen hat.

  Und doch bezaubert dieser mythische Ort nicht nur Touristen: Wo sonst spielt sich so viel vibrierendes Leben, so viel genuine Folk-Tradition auf den Straßen ab? Wo sonst können 16-Jährige mit Gold Grillz jede Zeile von Louis Armstrong zitieren? In einer Walmart-Nation sticht der Mississippi-Hafen als Ansammlung von Straßenmärkten, Gewürzläden, Kaffeeröstereien, Eisständen und – fast am wichtigsten – lokalen Dancehalls heraus. Mit ihrer Melange aus afrikanischer, spanischer, französischer und karibischer Kultur nahm die Stadt die polyglotte Entwicklung der Einwanderernation Amerikas voraus. Rechte Ideologen mögen gerade das Miteinander von Religionen und Ethnien zum Problem hochkochen. New Orleans aber lieferte stets den Gegenbeweis: dass man, allem Rassismus zum Trotz, über Küche, Musik und Tanz zusammenkommt. „Wir waren mit Maskenbällen und Bordell-Orchestern schon multikulturell und sophisticated“, sagt Perkins, „als die meisten amerikanischen Städte noch nicht einmal eine Friseurladen-Combo hatten.“ Klar, dass kein anderer Ort als Wiege des Jazz und Rock ’n’ Roll infrage kam. Der Prozess der Aneignung, des Synkretizismus und der Neuerfindung hält die Stadt bis heute am Laufen: „Wir sind das demokratische schwarze Herz Amerikas. Wer hier lebt, kennt allerdings auch die Risse und Brüche hinter der Partyfassade.“

  Die Risse und Brüche: Das seien, sagt Chuck Perkins, etwa die Liveclubs, die ihre Musiker zumeist miserabel bezahlen, damit sie Klischees für Touristen aufführen. Und die Mietpreise, die sich etwa in Bywater seit Katrina verdoppelt hätten. Oder die gutsituierten Zuzügler, die sich Häuser in traditionell schwarzen Vierteln wie Treme kauften, um sich dann an den vielen Straßenparaden und Bars mit ihrer nächtlichen lauten Musik zu stören. Dabei seien es gerade diese verarmten Nachbarschaften, die seit jeher die wichtigsten Musiker und Künstler hervorgebracht hätten. Die das Netzwerk einer Überlebenskultur am Leben hielten. Die Stadt aber investiere lieber in Casinos, neue Hotels und disneyfizierte Jazz-Themenparks als in erschwingliche Wohnungen. Wer bleibe dann noch vor Ort, um die Traditionen weiterzugeben? Perkins schlägt die Bierdose auf den Tisch: „Kann man sich New Orleans ohne die Umzüge der Brassbands und den Straßenjazz überhaupt vorstellen?“

  Gerade hat Donald Trump den Wahlkreis des schwarzen demokratischen Abgeordneten Elijah Cummings in Baltimore als „widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Drecksloch“ beschimpft – vielen New Orleanians kommt das nur allzu bekannt vor. „Die Rache Gottes“, höhnten nach Katrina christlich-fundamentalistische Prediger über die „Lasterhöhle“ New Orleans. Und einige republikanische Abgeordnete diskutierten gar, ob man die Stadt – eine demokratisch wählende Insel inmitten des erzkonservativen Louisiana – überhaupt wieder aufbauen sollte.

  Wie Baltimore hat New Orleans ein Gewaltproblem. Hier wird man mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Opfer eines Gewaltverbrechens als im Rest der Vereinigten Staaten. Nirgends landen so viele Menschen im Gefängnis wie in Louisiana, nirgends ist die Armut erschreckender. Und wenn der Tourismus das große Zugpferd dieser Stadt darstellt, dann fließt der Profit vor allem an eine kleine exklusive Elite. Die Statistiken sprechen für sich: Obwohl fast zwei Drittel der Einwohner Afroamerikaner sind, gehören ihnen nur wenige Geschäfte in New Orleans. Von den rund acht Milliarden Touristendollar, die in der Stadt jährlich umgesetzt werden, profitieren vor allem alte weiße Männer. Im French Quarter etwa sind gerade mal vier Läden in schwarzer Hand. Viele Afroamerikaner arbeiten dagegen für Mindestlöhne in den großen Hotels. Es hängt also durchaus davon ab, auf welcher Seite man steht, um die Stadt als Goldgrube oder moderne Plantage wahrzunehmen.

  Sean Cummings, Hotelbesitzer und Großinvestor, gehört zu den Gewinnern des neuen New Orleans. Ziegelmauerwerk, riesige Glasfenster und karges Design prägen sein Loft in Bywater. Es ist Teil eines dreistöckigen Ware House aus dem Jahr 1892, das einst die größte Reismühle der Vereinigten Staaten war und heute als Leuchtturmprojekt für die Revitalisierung von Bywater gilt. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das noch vor 15 Jahren aussah“, sagt Cummings. Mit seiner zerschlissenen Jeans wirkt er kaum wie einer der reichsten Männern der Stadt. „In der Ruine hausten Obdachlose und Junkies, die Wände waren vollgeschmiert.“

  Auf eines der Graffiti – er hat es für viel Geld konservieren lassen – ist er aber stolz: Banksy sprühte hier 2008 zwei Uniformierte, die durch ein Fenster Elektrogeräte plündern. Ein Hipster-Eldorado sei hier am Entstehen: Die örtliche Akademie für Nachwuchsmusiker, Nocca, liegt gleich um die Ecke, und Cummings hat mehrere Blocks der Nachbarschaft renoviert: „Die Stadtverwaltung hat uns vorgegeben, einen Teil der Wohnungen für Sozialfälle bereitzustellen. Die Armen sollen sich von der Mittelklasse mitziehen lassen, denn nur so locken wir auch neue Geschäfte und Touristen an.“ Die Kriminalität sei deutlich gesunken, das Durchschnittshaushaltseinkommen gestiegen, die Schulen seien besser geworden. Dass für einige der alten Bewohner dennoch kein Platz bleibt, bestreitet er nicht. Der Markt könne nur denen helfen, die sich selbst helfen.

  Es ist nicht das erste Mal, dass New Orleans um seine Seele ringt: Schon im 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen, die Stadt zu „säubern“ und so Investoren anzulocken: etwa in den 1890erJahren, als man das Rotlichtgewerbe mit seinen zwielichtigen Bars und Musikkneipen in einen Bezirk nördlich des French Quarter verbannte. In diesem Storyville sollten bald wild improvisierte Klänge erschallen, denen der Ruch der Unmoral anhaftete: Jazz. Oder 1917, als bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein amerikanisches Militärcamp in der Stadt eröffnete: Um die als „skandalös“ erachteten sexuellen Kontakte zwischen Schwarz und Weiß zu unterbinden, wurde eine strikte Rassentrennung durchgesetzt und Storyville abgerissen.

  Der Jazz aber ließ sich nicht mehr aufhalten, nicht vom Umbau des French Quarter zum Freizeitpark nach dem Versiegen des Ölbooms in den Achtzigerjahren, nicht durch Polizeigewalt oder Korruption – sein rebellischer Spirit und schmutziger Funk wurde in den schwarzen Nachbarschaften informell weitergegeben. Zuletzt kamen weltweit gefeierte Acts wie Trombone Shorty, Christian Scott, die Rebirth und die Hot 8 Brass Band aus dieser Straßenschule. Musiker, für die der Jazz mehr bedeutet als bequeme Dinner-Unterhaltung. Für sie war diese Musik der Arschtritt, der sie vor der Kleinkriminellen-Karriere bewahrt hat, der sie überleben ließ, der sie selbst dann begleitete, als etwa Trombone Shorty seinen ermordeten Bruder zu Grabe trug, während der Vater Trompete blies und die Mutter auf dem Sargdeckel tanzte.

  Posaunen riffen, trunkene Trompeten jubeln, während Tuba und Becken einen Hip-Hop-Beat pumpen. Die Parade des Single Ladies Social Aid & Pleasure Club ist schon die dritte, die sich an diesem Wochenende ihren Weg durch die Rampart Street bahnt. Der Brass Band und den Ladys mit ihren Schirmen und Perücken folgt die sogenannte Second Line: Ein Pulk von Passanten, die auf mitgebrachte Töpfe trommeln, über Autos tanzen, sich besaufen, mit Wildfremden verbrüdern – und hoffen, dass es dieses Mal nicht wieder in einer Schießerei ausartet.

  Bennie Pete, Bandleader der Hot 8 Brass Band, stellt seine Tuba für einen Schluck Bier ab und erzählt: „Nirgendwo anders kann man so arm sein und sich gleichzeitig so reich fühlen wie in New Orleans. Du brauchst dazu kein Geld. Wenn du einer Second Line folgst, bist du selbst zu jemandem geworden, der die Kultur am Leben erhält.“ Pete ist ein Berg von einem Mann. Sein Blick aber wirkt müde. Bis zu drei Gigs am Tag spiele seine Band. Auf Paraden, Schulfeiern, in Clubs – und bei Beerdigungen für Jugendliche. „Diese Junggestorbenen hatten keine Chance zu leben.“ In den letzten 22 Jahren habe es mindestens tausend solcher „Jazzbegräbnisse“ gegeben.

  Die Hot 8 Brass Band erlangte auch dadurch traurige Berühmtheit. Vier Bandmitglieder hat sie bereits verloren – erschossen unter ungeklärten Umständen, teilweise durch Polizisten. Er denke die ganze Zeit daran aufzuhören, sagt Pete. Aber dann gebe es diese Dinge, die man an New Orleans lieben müsse: „Jeder in deiner Nachbarschaft wird dir jederzeit etwas zu essen anbieten oder ein Bett in seinem Haus. Da ist so viel Liebe. Wir haben kein Geld, um mit unseren Problemen zum Psychiater zu gehen. Aber wir haben die Musik.“

  Überall auf der Welt werde auf Begräbnissen getrauert. In New Orleans dagegen feiere man auch die guten Zeiten, die man mit dem Verstorbenen verbracht habe. „Wir tanzen auf ihn. Das ist ein Lebensstil. Weil wir von vorneherein akzeptieren, dass der Tod zu unserem Leben gehört.“ Dann schnallt sich der Bandleader der Hot 8 wieder seine Tuba um. Bläst einen gewaltigen Basslauf an. Die Tänzer strömen aus den benachbarten Kneipen, folgen ihm mit lautem Gejohle. Nichts fängt den Swing, den Schmerz und die Selbstbehauptung dieser Stadt besser ein als eine Second Line.

  Wer sich an dem Radau störe, sagt Pete, habe New Orleans nicht verstanden: „Wir müssen heute feiern. Weil wir morgen schon tot sein können.“

JONATHAN FISCHER

SZ 17.8.2019Hot 8 brass band

Anwältin menschlicher Seelen – Die Bücher dieser großen, musikalischen Dichterin prägten ganze Generationen schwarzer Autoren. Zum Tod der amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison

Toni Morrison brachte zuvor kaum ausgesprochene Wahrheiten zu Papier. Schon ihr erster Roman „The Bluest Eye“ von 1970 machte deutlich, dass die afroamerikanische Schriftstellerin niemanden schonen würde: Ein junges schwarzes Mädchen namens Pecola Breedlove wird darin von ihrem Vater vergewaltigt – und nimmt sich vor, eine andere zu werden. Ihr schmerzlich unerreichbares Idol: Shirley Temple, der weiße Kinderstar ihrer Zeit. Die Geschichte brachte nicht nur den Schmerz und den unterdrückten Zorn derer, die unter einer rassistischen Gesellschaft leiden, auf den Punkt. Sie ließ auch die Ungeheuerlichkeiten durchscheinen, die schwarze Familien in den USA von innen zerstören konnten.

  Vor allem aber spielten Toni Morrisons Erzählungen immer auch universelle Motive aus. Hier schrieb keine schwarze Schriftstellerin für schwarze Leser über schwarze Menschen. Hier schrieb eine Seelenforscherin und Menschenrechtsanwältin über das menschliche Leiden und die Größe derer es bedurfte, um daran nicht zu zerbrechen.

  Morrison kam 1931 in Lorain, Ohio, als zweites von vier Kindern einer Arbeiterfamilie zur Welt. Ihren Namen Chloe Anthony Wofford änderte sie erst als Studentin der Howard University in Washington, D.C., Toni war einfacher auszusprechen. Den Nachnamen Morrison verdankte sie einer nach sechs Jahren geschiedenen Ehe mit einem jamaikanischen Architekten. Ihre Heimatstadt Lorain, ein ärmlicher, heruntergekommener Industriestandort im Mittleren Westen diente der Schriftstellerin später als Kulisse für mehrere ihrer Bücher. Als Kind erlebte sie eine Welt der physischen und der psychischen Rassentrennung. Ihr Vater habe keiner weißen Person getraut, sagte sie einmal. Sie selbst verdiente sich ein Zubrot als Haushälterin für bessergestellte weiße Familien.

  Erst durch ihre Arbeit in einer öffentlichen Bücherei kam sie mit Literatur in Kontakt. Sie begeisterte sich für die Klassiker von James Joyce bis Leo Tolstoi. Und nahm sich vor, den Namen- und Stimmlosen eine Stimme zu geben. Zunächst aber arbeitete sie Vollzeit als Lektorin beim Verlag Random House. Großartige Romane wie „Sula“ (1973) entstanden in Nachtarbeit. Die zweifache Mutter sah das Schreiben als Berufung, ihre vermeintlich doppelte Stigmatisierung als Schwarze und als Frau empfand sie als Herausforderung: „Wenn du den Blick des weißen Mannes – oder auch der weißen Frau – aus der Welt schaffst, herrscht plötzlich Freiheit“, sagte sie in einem Interview. „Du kannst alles denken, überall hingehen, dir alles vorstellen. Und du musst nicht mehr durch die Augen der Herren sehen“.

  Der weiße männliche Leser jedenfalls spielte für Morrison nicht die erste Geige. Oft porträtierte sie schwierige Frauenbeziehungen. Und brachte eine dezidiert weibliche Schreibweise hervor, die sich in der Rolle der Mutter, der ungeliebten Tochter und sehr oft auch der verstoßenen Frau ausdrückte. Sie griff auf übernatürliche, magische Seelenkräfte zurück, machte den Blues als metaphysisches Beziehungsmuster spürbar. Dabei benutzte sie Motive der schwarzen Folklore ebenso wie Elemente des magischen Realismus der Schule von Gabriel Garcia Marquez.

  Zuletzt in ihrem 2015 erschienenen Roman „God Save The Child“: Diese Leidensgeschichte einer jungen Frau, die sich für ihr Schwarzsein schämt, beziehungsweise von anderen beschämt wird, bleibt gerade heute, im Zeitalter von Bewegungen wie „Black Lives Matter“ und „Me Too“, von großer Bedeutung.

  Das Leben traf die Autorin ähnlich hart wie ihre Figuren. Nach dem Tod ihres Sohnes Slade Morrison, mit dem sie eine Reihe von Kinderbüchern herausgebracht hatte, hörte Toni Morrison beinahe auf zu schreiben. Dann aber, erzählte sie später, „dachte ich, ich würde ihn endgültig auslöschen, wenn ich wegen ihm alles niederlege“. Also schrieb sie weiter: Den Roman „Home“ (deutsch „Heimkehr“, 2012) über den Korea-Veteranen Frank Money, der zurückkommt nach Georgia und eine Welt des Wahnsinns vorfindet: Er verpasst eine Demonstration der gerade aufblühenden Bürgerrechtsbewegung, weil er keine Toilette findet, die Schwarze benutzen dürfen.

  Bei der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 1993, der ihr als erster afro-amerikanischer Autorin zuerkannt worden war, lobte das Komitee ihre „visionäre Kraft und poetische Prägnanz“. Morrison habe ein „unbestechliches Ohr für den Dialog und die überschwänglich expressive Sprache des schwarzen Amerika“.

  Seit fast einem halben Jahrhundert war Morrison aus der amerikanischen und der Weltliteratur nicht wegzudenken. Als Autorin und als moralische Instanz. Mit ihren ergrauenden Dreadlocks, bunten Schals und der respekteinflößenden Aura großer Lebensweisheit wurde sie zur festen Größe von Talkshows und Politdiskussionen. Präsident Barack Obama nannte sie seine persönliche Heldin. Und verlieh ihr die Presidential Medal for Freedom, eine von vielen Auszeichnungen, die Morrison neben dem Nobelpreis für ihr Lebenswerk und den Roman „Beloved“ (deutsch „Menschenkind“) bekam. Dieser Roman bedeutete für sie 1987 den endgültigen Durchbruch. Eine späte Anerkennung – Morrison hatte da bereits fünf Bücher geschrieben, unter anderem „Song Of Solomon“ (1977) und „Tar Baby“ (1981). Bücher, in denen die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus den Hintergrund bildeten und die Fähigkeit des Menschen im Vordergrund stand, allen äußeren Umständen zu trotzen. Ihnen Haltung und Würde entgegenzusetzen. „Bücher haben eine ethische Verantwortung“, sagte Morrison einmal. Es waren Werkzeuge für sie, mit denen sich eine Gesellschaft und Kultur moralisch formen ließ.

  Jetzt ist Toni Morrison nach kurzer Krankheit gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. Der Welt aber bleiben, so formulierte es ihre Freundin Maya Angelou, „die Einsichten einer großen Schamanin“.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.8.2019toni morrison

VOLTAIRE LESEN IN TIMBUKTU Die Wüstenstadt im Norden Malis war einst das Zentrum der afrikanischen Wissenschaften. Dann fielen die Islamisten ein. Die Stadtjugend praktiziert nun den kulturellen Widerstand gegen politische Apathie und repressive Traditionen. Sie liest

Noch ein Selfie bitte! Aisha, Aminata und ihre Freundinnen reichen sich gegenseitig Handys, um Fotos mit den Besuchern zu machen. Nachdem die bunten Hijabs zurechtgezupft sind, stecken die jungen Frauen kichernd ihre Köpfe zusammen. Gäste, erst recht Touristen aus dem Westen, sind in Timbuktu inzwischen eine Seltenheit.

  „Wollen Sie vielleicht auch unsere Bibliothek besichtigen?“ fragt die 16-jährige Mariam. Fast jeden Tag, sagt sie, treffe sie sich hier nach der Schule mit anderen Jugendlichen. Um zu lesen, sich neues Wissen anzueignen, über Romane und ihre Autoren zu reden. An dem flachen Lehmgebäude hängt ein Banner: „Lecture Vivante – Centre de Lecture et de la Promotion de Patrimoine Culturel.“ Zu Deutsch „Lebende Lektüre – Zentrum zur Lektüre und Förderung des kulturellen Erbes“. Wo sonst in Afrika sollte Literatur auch selbstverständlicher sein? 1997 war der afroamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaftler Henry Louis Gates von der Harvard University nach Timbuktu gekommen, um dort angesichts der alten Manuskripte in Tränen auszubrechen. Er hatte sein Leben lang gelehrt, dass Afrika eine mündliche aber keine schriftliche Tradition habe, um nun eines Besseren belehrt zu werden. Anschließend mobilisierte er westliche Geldgeber, die vor Ort ein hochmodernes Literaturarchiv errichteten und viele Millionen in die Erhaltung und Konservierung der historischen Schriften dieser Stadt investierten.

  „Lecture Vivante“ aber zielt auf eine neue Generation. Jugendliche, die sich mit Handys besser auskennen als mit Büchern. Die Brisanz dieses Lesezirkels erschließt sich erst über die jüngste Geschichte Timbuktus. 2012 hatten religiöse Fanatiker die seit dem 11. Jahrhundert als Zentrum von Religion und Wissenschaft bekannte Stadt am nördlichen Bogen des Niger besetzt. Die Dschihadisten führten ein unbarmherziges Regime. Sie verbaten jede weltliche Musik, zwangen die Frauen, sich zu verschleiern, zerstörten Heiligengräber und Bibliotheken. Bei ihrem Abzug verbrannten sie Hunderte von alten Manuskripten. Die traditionelle Toleranz und Weltoffenheit der als „Heimat der 333 Heiligen“ verehrten Stadt war den Dschihadisten ein Dorn im Auge. Zwar hatte eine von Frankreich geleitete Militäroffensive die Stadt nach nur einem Jahr wieder befreit. Doch die Folgen der Besatzung bleiben katastrophal: Entführungen und Attentate gehören seither zum Alltag. Der Tourismus, früher entscheidender Wirtschaftsfaktor der Region, ist verschwunden. Lediglich eine löchrige Buspiste und ein paar Militärflüge pro Woche verbinden die Stadt mit dem Rest der Welt. Während die Ideologen des Dschihad um die arbeits- und hoffnungslosen Jugendlichen werben. Da können Bücher viel bedeuten.

  Der Jugendtreff von „Lecture Vivante“ liegt in einer symbolträchtigen Nachbarschaft. Gleich um die Ecke ragen die ockerbraunen Mauern und Minarette der legendären Djingere-ber-Moschee auf, ein paar Hundert Meter weiter kann man am „Place Heinrich Barth“ die Häuser besichtigen, in denen einst die europäischen „Entdecker“ der Wüstenstadt logierten: Der englische Offizier Alexander Laing hatte Timbuktu im Jahre 1826 nach Jahrzehnten gescheiterter Expeditionen als erster erreicht. Ihm folgte zwei Jahre später – als Muslim verkleidet – der Franzose René Caillié. Letztlich aber war es der Hamburger Forscher Heinrich Barth, der hier in den Jahren 1853 bis 1854 eine ganze Welt der Wissenschaft entdeckte und ausführlich über die literarischen Schätze Timbuktus berichtete. Eine Sensation. Denn die jahrhundertealten Schriften widerlegten alle Vorurteile vom angeblich kultur- und geschichtslosen Kontinent Afrika.

  Timbuktu wirkt heute verschlafen: Eselsgespanne zuckeln durch die Gassen. Ein paar ältere Männer sitzen im Schatten eines Baumes und gießen sich Minztee ein. Nur ab und zu durchbricht das Knattern eines Mofas die Stille. „Dies ist ein Hoffnungsort für unsere Jugendlichen“, erklärt Mahamane Sangaré, der junge Leiter der Organisation „Lecture Vivante“ vor der Pforte seiner Bibliothek. „Wir sitzen auf einem literarischen Schatz. Aber wer bringt den jungen Menschen hier ihre Geschichte bei, lässt sie lesen, vermittelt ihnen den Wert von Büchern an sich?“

  Sangaré spricht mit leiser Stimme, ein weißer Turban rahmt sein rundes, freundliches Gesicht. Knapp 60 Jugendliche hat der gelernte Finanzbuchhalter bisher für seinen Lesezirkel gewonnen, das Gros von ihnen junge Frauen. Besuche der historischen Bibliotheken stehen auf dem Programm. Vor allem aber, erklärt der 31-jährige Gründer von „Lecture Vivante“, gehe

es um die Konfrontation mit einer Welt voller neuer Ideen, wie etwa die gesellschaftliche Mitsprache von Jugendlichen, die Rechte der Kinder und die Selbstverwirklichung der Frauen. „Du bist in aller Welt gefeiert“ zitiert er aus einem Timbuktu-Gedicht einer seiner Schülerinnen, „weil in deinen Mauern der freie Gedanke regiert“.

  Die freien Gedanken. Sie werden heute durch nicht viel mehr als rund hundert Bücher repräsentiert. Stolz zeigt Mariam das schmale Regal im verschatteten Rückraum des Zentrums. Der ganze Reichtum der örtlichen Lesejugend: Sokrates steht auf einem Buchrücken. Auch die französischen Klassiker Molière und Rousseau sind vertreten. Dazu ein paar Bände Paulo Coelho, Lebenshilfe von Dale Carnegie, die Auswahl ist bescheiden. „Das ist unsere schwierigste Aufgabe“, sagt Sangaré. „Bücher zu finden. Vor allem illustrierte Kinderbücher, Sachbücher, Romane, aus denen unsere Jugendliche etwas lernen.“

  Dass jeder Band schon einige Dutzend Leser gehabt hat, ist offensichtlich. Viele von ihnen stammen noch aus der Zeit, als Timbuktu das Mekka westlicher Sahara-Reisender darstellte. Seine eigene Liebe zur Literatur, erinnert sich Sangaré, habe er über seine Onkel entdeckt, die als Guides arbeiteten und die von den Touristen hinterlassenen Bücher mit nach Hause brachten: „Ich fing als Kind an, darin zu lesen. Und fand dabei neue, faszinierende Gedankenwelten. Seitdem möchte ich meine Leidenschaft mit anderen teilen.“ Mariam, Aisha, Aminata nicken. Welche Autoren sie am liebsten lesen? Victor Hugo, Voltaire, Paulo Coelho . „Wir lieben auch die Geschichte unserer Stadt.“ Eines der Mädchen hält ein Buch von Salem Ould El Hadj hoch: „Mystères de Tomboctou“.

  Der Autor, ein örtlicher Historiker, liest heute persönlich vor. „Wir dürfen nicht vergessen, dass dieses Viertel hier, Sankoré, einst das Zentrum der wissenschaftlichen Aktivität unserer Stadt war“, sagt er. „Bis nach Ägypten und Arabien reisten unsere Gelehrten und Forscher. Sie haben Bücher über den Koran, aber auch über Mathematik, Astronomie und Geschichte geschrieben.“ Die Jugendlichen im Bibliotheksraum von „Lecture Vivante“ hängen an den Lippen des alten Mannes.

  „Wer könnte so einfach eine jahrtausendealte Kulturtradition per Verbot erledigen?“ Jeder weiß, dass von den Dschihadisten die Rede ist, und ihrem Versuch, die Geschichte umzuschreiben. „Sie wollten an unserer Stadt ein Exempel statuieren. Weil Timbuktu eine symbolische Bedeutung hat.“ El Hadj erzählt von der Konkurrenz unter Dutzenden örtlicher Koranschulen oder „Universitäten“, von der Pilgerfahrt des legendären malischen Königs Mansa Musa im Jahr 1325, als er eine sechzigtausendköpfige und mit zwei Tonnen Gold beladene Karawane nach Kairo und Mekka führte und auf dem Rückweg Tausende Gelehrte an den Niger brachte. Von den unschätzbar wertvollen Bibliotheken mit illustrierten Schriften zu Fragen nicht nur der Religion, sondern auch der Mathematik, der Astronomie, Geografie, Geschichte, Medizin und Rechtsprechung.

  Es war die politische Apathie seiner jungen Mitbürger, die den damals 25-jährigen Sangaré 2013 motivierte, „Lecture Vivante“ ins Leben zu rufen. Die Dschihadisten waren zwar abgezogen, doch die Einwohner standen noch unter Schock. Musiker, Künstler und Intellektuelle waren in den Süden des Landes oder ins Exil geflohen. Der einst enge soziale Zusammenhalt in der Stadt hatte unter dem Misstrauen zwischen den Ethnien gelitten.

  Was könnte Timbuktu helfen, aus dieser Trance zu erwachen? „Wir haben damals festgestellt“, sagt Sangaré, „dass sich unsere Jugend weder lokal noch national politisch engagiert, und dass das vor allem an einem Mangel an Lektüre und Information liegt.“ Die Organisation „Lecture Vivante“ sollte das ändern. „Wer sich bildet, der fällt nicht so leicht extremen und wissensfeindlichen Ideen zum Opfer“, sagt Sangaré.

  Bezeichnenderweise fand Sangaré gerade in Abdel Kader Haidara, dem weltberühmten Bibliothekar aus Timbuktu, einen potenten Verbündeten. Haidara hatte 2012 während der Besatzung der Stadt die heimliche Evakuierung der Manuskripte nach Bamako organisiert. Nun sollte die von ihm geführte NGO Savama DCI zum Hauptsponsoren der Association Lecture Vivante werden, es ihr ermöglichen, nicht nur das Zentrum in Timbuktu sondern auch Ableger in Bamako und abgelegenen nordmalischen Ortschaften wie Goundam, Tonka, Niafunké oder Diré zu eröffnen. „Wir brauchen junge Menschen, die unsere demokratische Kultur verteidigen.“   Er sagt das aus tiefer Überzeugung: „Lesen stärkt die Jugendlichen in ihrer Fähigkeit zu Empathie, Zuzuhören, zu Verzeihen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.“ Deshalb organisieren Sangaré und seine Mitstreiter an den örtlichen Schulen regelmäßig Debattier- und Lesewettbewerbe. Mit der Initiative „Bibliothèque sans murs“ besuchen die Jugendlichen von „Lecture Vivante“ Familien in ihren Häusern und verteilen auf den Straßen Bücher an interessierte Kinder. Sangarés Begeisterung wirkt ansteckend. So schafft er es immer wieder, auswärtige Autoren – Anschlagsgefahr hin oder her – für Lesungen nach Timbuktu zu bringen.

  Eine davon ist die junge Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Sadya Touré. Sie stammt aus Timbuktu, pendelt in ihrem Berufsleben aber zwischen Bamako, Paris und New York. Sangaré hatte sie zur „Dune Litteraire“ geladen, eine Serie von Lesungen unter freiem Himmel. Gut fünfzig junge Frauen und Männer sitzen im lauen Abendwind auf einer der Sanddünen am Stadtrand von Timbuktu, den Blick auf den Süßwasserkanal, der die Stadt mit dem Niger verbindet. Weiter hinten glänzt die Silhouette der Djingere-ber-Moschee. Eine märchenhaft anmutende Szenerie, wäre da nicht diese erschütternde Geschichte einer jungen Frau namens Alima Touré.

  Sadya Touré liest aus ihrem ersten Roman „Être une Femme Ambitieuse au Mali“ oder „Was es bedeutet, eine ehrgeizige Frau in Mali zu sein“. Als Mädchen gegen den väterlichen Willen von den eigenen Verwandten beschnitten, später im Gegensatz zu ihren Brüdern zu „typisch weiblichen“ Haushaltstätigkeiten angehalten, eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs, die dennoch um den Besuch einer höheren Schule betteln muss, denn: „Es ist wichtiger, dass sie bald heiratet.“

  Es ist ihre kaum fiktionalisierte Autobiografie. „Warum“, fragt Touré, „wollen die Männer, dass die Frauen zu Hause bleiben statt zu lernen? Und wieso bekommen Frauen, die Karriere machen wollen, so wenig Unterstützung? Geschweige denn Heiratsanträge?“ Gelächter hinter vorgehaltener Hand. Jedes der Mädchen hat das eine oder andere, was die Romanheldin durchmacht, selbst erlebt. Am Ende übergibt Touré ihr Buch feierlich an die Bibliothek von „Lecture Vivante“. Kein Zweifel, dass es bald sehr abgegriffen sein wird.

JONATHAN FISCHER

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In der Stadt des Goldes: „Egoli“, das fantastische neue Album von Damon Albarns Afropop-Kollektiv „Africa Express“

Oft ist Ärger die beste Motivation. So war es zumindest bei Damon Albarn, nachdem er 2005 ein gefeiertes Wohltätigkeitskonzert im Londoner Hyde Park besucht hatte. Superstars wie Paul McCartney, U2, Sting oder Snoop Dogg waren da, um Geld für Afrika zu sammeln, bloß vom afrikanischen Kontinent war nur ein einziger Musiker eingeladen worden. War das nicht ein Zeichen westlicher Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber all der großartigen Musik, die Albarn als Oxfam-Botschafter auf etlichen Reisen nach Afrika kennengelernt hatte?

  Bei einem anschließenden Pub-Besuch mit Musikerfreunden und Journalisten nahm eine von Albarns Lieblingsideen Gestalt an: „Africa Express“. Es sollte ein eine Plattform sein, auf der sich westliche und afrikanische Musiker auf Augenhöhe begegnen und austauschen könnten. Der Blur-Kopf wollte nicht nur den Ideenreichtum afrikanischer Musik erkunden und dem westlichen Pop auf die müden Füße steigen, sondern auch ein paar hartnäckige Vorurteile aus der Welt schaffen: Zum Beispiel dass Afrika nur Krieg, Korruption und Hunger bedeutet.

  2006 unternahm Africa Express seinen ersten Mali-Trip. Albarn reiste mit Produzenten und Musikern wie Fatboy Slim, Martha Wainwright oder Jamie T nach Bamako, um dort mit Salif Keita, Bassekou Kouyate und anderen lokalen Größen zu jammen. Im Gegenzug wurden afrikanische Nachwuchsmusiker zu gemeinsamen Konzerten nach Paris, London und auf große Festivals wie Glastonbury und Roskilde eingeladen, und zu Musikvideo-Drehs, Dokumentarfilmauftritten und Plattenaufnahmen.

  Der Einfluss von Africa Express auf die westliche Popkultur ist inzwischen kaum zu überschätzen. Die Musiker brachten von ihren Reisen nicht nur neue Ideen und Instrumente mit, sie bereiteten auch den Weg für bisher kaum denkbare Kooperationen. Etwa die zwischen der britischen Indiepop-Band Franz Ferdinand und dem senegalesischen Popstar Baaba Maal, Björk und Konono Nº1 aus Kinshasa; oder die von Paul Weller und dem englisch-äthiopischen Krar Collective. In den vergangenen Jahren bereiste Albarns bunte Gruppe unter anderem Äthiopien, Nigeria und den Kongo und rieb sich dabei vorzugsweise an traditionellen Spielarten afrikanischer Musik. Nun stand Johannesburg auf dem Plan. Ein Ort, an dem schon lange eigene House- und Techno-Varianten sowohl in den Clubs als auch in den Shebeens genannten Bierbuden von Soweto gespielt werden.

  „Egoli“ heißt das Album, das daraus hervorging. Egoli ist der Zulu-Name für Johannesburg und bedeutet Stadt des Goldes. Fünf Tage lang jammten über drei Dutzend südafrikanische und westliche Musiker im Midrand Distrikt nach dem Prinzip „Bastel dir einen Song mit wem auch immer du willst“. Dazu standen insgesamt 27 Hütten bereit, in denen sich Spiel-, Sing- und Produktionspartner gesucht werden konnten. Am Ende sind 18 dieser Aufnahmen auf dem Album gelandet. Es klingt zugänglicher als alle bisherigen, oft eher an unfertige Demos erinnernden Africa-Express-Veröffentlichungen. Diesmal ist es ein ganz großer Pop-Wurf. Vielleicht auch, weil Albarn – seine Lebensgefährtin kommt aus Südafrika – sich schon sehr lange mit der Clubmusik des Landes beschäftigt. Vielleicht aber auch, weil er Africa-Express-Veteranen wie Nick Zinner von der New Yorker Rockband Yeah Yeah Yeahs oder Gruff Rhys von den Super Furry Animals an Bord hatte. Ganz sicher aber wegen einer musikalischen Querverbindung: südafrikanischer Rhythm’n’Blues, Kwaito oder die House-Variante Gqom variierten stets die afroamerikanischen Vorbilder und entwickelten dabei eine ähnliche eigenständige Dynamik wie die britischen Elektro-Genres Jungle, Dubstep oder Grime.

  Insofern trafen die jungen Londoner in Damon Albarns Gefolge, etwa die Hip-Hop-Soul-Vokalistin Georgia oder Grime-Rapper Ghetts, auf ganz andere und doch geistesverwandte Sound-Welten.

  Ebenso experimentierfreudig zeigten sich die südafrikanischen Musiker. Darunter Moonchild Sanelly, eine zierliche junge Sängerin mit blauer Perücke, die eine der großen Entdeckungen auf „Egoli“ ist. „Sie ist eine Naturgewalt“, schwärmte Albarn nachdem er unter anderem den Song „I Can’t Move“ mit ihr produziert hatte, „ihre Stimme klingt unverwechselbar, und sie hat ein Gespür für kollektives Improvisieren.“ In Südafrika gilt Moonchild Sanelly, die nebenbei eine Modelinie betreibt und sich selbst als „Präsidentin des weiblichen Orgasmus“ bezeichnet, als ein punkiger Paradiesvogel mit den Kernkompetenzen weibliche Selbstermächtigung, weibliche Lust und sexuelle Gesundheit. So zumindest beschreibt sie ihr Blog: „Ein Teil Xhosa-Rap-Rebellin, ein Teil Ghetto-Funk-Star, ein Teil Cookie-Monster“.

  Auf dem minimalistisch pumpenden „Sizi Freaks“ gibt sie dazu passend Ratschläge der Art „bürste die Eier, aber zerdrück sie nicht“. Bemerkenswert auch die elektronischen Beats, mit denen lokale Produzenten wie DJ Sibot, DJ Spoko oder FAKA – zwischen akustischen Balladen, Rhythm’n’Blues-Nummern und Bubblegum-Pop – immer wieder dieses besondere, schmutzig-knisternde Funkeln erzeugen, den Sound des modernen Südafrika.

  Albarn führte bei den Aufnahmen mindestens drei Generationen von Musikern zusammen. Auch die Mahotella Queens sind dabei, es gibt sie seit 1964 gibt. Auf dem Schlusssong „See The World“ singt er mit ihnen. Ihre Harmonien befeuern – mit Georgia, Nick Zinner und dem südafrikanischen Produzenten Otim Alpha – auch „City Lights“. Ein famoser Song, der die Melancholie des südafrikanischen Vokal-Pops mit Synthie-Beats verbindet. Monströs eingängig. Da könnte sich Damon, der sich zugunsten der südafrikanischen Kollegen meist in die zweite Reihe stellt, noch etwas für das nächste Gorillaz-Album abgucken. Auch die meisten seiner westlichen Komplizen halten sich auffällig zurück. Reisen als Raum für neue Begegnungen, Bewusstseinserweiterung, unbezahlbare Ideenbörse – war das nicht von Anfang an die Idee hinter der Non-Profit-Organisation Africa Express?

  Für Unruhe sorgten nur die Social-Media-Posts von zwei britischen Africa-Express-Mitgliedern, die sich über die vertragliche Abtretung ihrer Rechte an der in Johannesburg kreierten Musik beschwerten. „Kolonialismus im 21. Jahrhundert“, schimpfte etwa Yannick Ilunga aka Petite Noir. Ein britisches Boulevardblatt griff die Vorwürfe auf. Und Damon Albarn stand als vermeintlicher Ausbeuter da.

  Africa Express stellte daraufhin öffentlich klar, dass man für westliche Musiker zwar lediglich die Reisekosten übernehme, die afrikanischen Kollegen aber sehr wohl bezahlt würden. Alle Profite gingen „allein an die Künstler und die Förderung afrikanischer Musik“. In einem Interview mit der Boulevardzeitung The Sun erklärte Albarn die Ziele von Africa Express als eine Art musikalisches Gegenprogramm zum Brexit-Populismus: „Was wir heute mehr als je brauchen ist es zu kommunizieren und emotionale Verbindungen herzustellen.“ Man habe angesichts von 54 afrikanischen Ländern mit insgesamt 1,2 Milliarden Menschen erst an der Oberfläche gekratzt. Warum nicht als nächstes nach Angola? Oder Mauretanien? Sein größter Traum aber sei es, afrikanische Musiker auf einem Schaufelraddampfer den Mississippi hochfahren zu lassen: „So könnten sie in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten, die einst den Blues mitbrachten.

JONATHAN FISCHER

SZ 26.7.2019Africa-Express-L-R-Otim-Moonchild-Sanelly-_photo-credit-Denholm-Hewlett-920x584

Löcher im Rhythmus – Architekt des New-Orleans-Funk und Wegbereiter des Hip-Hop: Der Sänger, Keyboarder und Songwriter Art Neville ist tot

Man muss den Namen Art Neville nie gehört haben, um seine Musik zu kennen. Wer hat nicht schon auf die Rare Grooves der Meters, den Down-South-Soul der Neville Brothers oder eine der zahllosen Hip-Hop-Nummern getanzt, die die schmutzigen Synkopen des Sängers und Keyboarders samplen? Wenn die Essenz der Musik aus New Orleans – mit ihrem Backbeat, den subtilen Gegenrhythmen, ja dem ganzen Straßen-Jazz – sich nach Afrika zurückverfolgen lässt, dann waren es Musiker wie Art Neville, die dieses Gefühl Ende der Sechziger in die Hip-Hop-Zukunft katapultierten, indem sie es abspeckten und verlangsamten. Mit seiner Band, den Meters, perfektionierte Neville die Kunst, große Löcher in den Rhythmus zu reißen und Spannungsbögen aufzubauen, die die Tänzer nicht nur anschoben, sondern sie an den Eingeweiden packten. Ins Stammhirn rauschten. Funk eben.

  Wie alle großen Musiker aus New Orleans setzte auch Art Neville weniger auf Technik als auf Gefühl: „Ich spiele technisch gesehen falsch“, bekannte er einmal, „eher suche ich nach einer bestimmten Art von Effekt. Organisierte Freiheit. Nach diesem Prinzip kochen die Meters unterschiedliche rhythmische Ideen zusammen“. Der älteste Spross einer Musikerfamilie – auch Arts Brüder Charles, Aaron und Cyril sollten später berühmt werden – begeisterte sich als Teenager für den Pianisten Professor Longhair. Er kopierte Fats Domino. Und nahm 1954 als Leadsänger und Keyboarder der Hawkettes seinen ersten Hit auf: „Mardi Gras Mambo“. Es folgten Touren mit Ray Charles und Larry Williams und recht konventionelle Solo-Aufnahmen für Allen Toussaint. Auf der Suche nach einem frischen Dreh gründete er Mitte der Sechziger Neville Sound, eine Band, die sich später in The Meters umbenennen sollte. Mit Leo Neocentelli an der Gitarre, Bassist George Porter und Schlagzeuger Joseph „Zigaboo“ Modeliste experimentierte Art in örtlichen Clubs und im Studio. Die Band befeuerte unter anderem Lee Dorsey-Hits wie „Ride Your Pony“ oder „Get Out My Life Woman“. Ihre große Stunde schlug 1969: Der Zeitlupen-Funk von Singles wie „Sophisticated Cissy“, „Cissy Strut“, „Ease Back oder „Look-ka Py Py“ machte die Band über Nacht berühmt. Wenn der Pianist Professor Longhair laut Dr. John als Messias des Funk galt, dann waren Art und seine Jungs dessen Jünger. Das Billboard-Magazin nannte die Meters die „beste Instrumentalgruppe des Rhythm’n’Blues“. Ihre unwiderstehlichen Rhythmen waren auf Hits von Dr. John („Right Place Wrong Time“), Patti Labelle („Lady Marmalade“) und Robert Palmer („Sneakin‘ Sally Through The Alley“) zu hören. Unter eigenem Namen veröffentlichten sie unter anderem das Funk-Album „Rejuvenation“ und eröffneten 1975 und 1976 Tourneen der Rolling Stones. „Die Meters konnten jede Band im ganzen Land von der Bühne fegen“, konstatierte damals ein Kritiker. Kurz danach brach die Band auseinander. Die Meters hatten – typisch New Orleans – kaum etwas an ihren Platten verdient. Erst Mitte der Achtziger gelang der Durchbruch. Als Neville Brothers mischte er mit seinen drei Brüdern Jazz, Soul, Mardi Gras Indian und Funk-Einflüsse und tourte dank Hits wie „Yellow Moon“, „Sister Rosa“ oder „Brother’s Keeper“ fast drei Jahrzehnte lang um die Welt. Am Montag ist „Poppa Funk“ für immer von der Bühne abgetreten. Er wurde 81 Jahre alt. New Orleans hat – nach Dr. John – eine weitere Legende verloren. Art Nevilles Musik aber bleibt: Als Urmeter, körperlich wirksame Essenz, an der Funk für alle Zeiten gemessen werden kann.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.7.2019

Die Prophetin – Ein großes, euphorisches High-Five ans Universum: Das famose neue Album „Vweto II“ der amerikanischen Hip-Hop-Produzentin und Sängerin Georgia Anne Muldrow

Seit gut 15 Jahren, so lange ist sie schon im Musikgeschäft, vertritt Georgia Anne Muldrow ein paar Lieblingsthesen, Sätze die sich womöglich schon ihre Eltern während der Aufbruchstimmung der späten Sechziger zu eigen gemacht haben, und die seit dem Eintritt von Esoterikern wie dem Rapper Kendrick Lamar oder dem Funk-Jazz-Priester Kamasi Washington in die Umlaufbahnen des Pop wieder Konjunktur haben. Erstens: Zuerst mal müssen wir lernen, uns selbst zu lieben. Zweitens: Politische Veränderungen lassen sich nur über persönliche Ehrlichkeit erreichen. Und drittens: Die Kunst ist ein Mittel, um dem Menschen die Entfaltung seiner Potenziale zu ermöglichen.

Ja, selbstverständlich, was könnte Trumps Amerika, was könnte die ganze Welt gerade besser gebrauchen als ein bisschen Introspektion? Nur dass die junge schwarze Frau aus Los Angeles weit davon entfernt ist, jemanden missionieren zu wollen. Selbsterfahrung, okay. Muldrow aber geht es vor allem um ein musikalisches Versprechen. Um das, was in der emotionaleren rechten Gehirnhälfte geschieht, wenn Flow und Bewusstsein aufeinandertreffen.

Offensichtlich fühlt sich Georgia Anne Muldrow dem ursprünglichen, grenzenlosen Geist des Hip-Hop verbunden. Nur: Lassen sich durch Arbeit am Selbst über das seelisches Gleichgewicht hinaus auch die besseren, interessanteren Beats finden? Muldrows neues instrumentales Album „Vweto II“ (Mello Music Group) gibt die Antwort. Vweto heißt Schwerkraft, auf Ki-Kongo. Und klingt wie ein einziges euphorisches, avantgardistisches bis afrikanisch-schräges High-Five ans Universum!

Die gern in Batikhemd und Afrolook posierende Hip-Hop-Produzentin muss hier nicht einmal rappen oder singen, um den Kurzschluss zwischen Beckenboden und Hirn zu schaffen. Sie arbeitet mit Synthesizern und Samples, Disharmonien und minimalen Verschiebungen. Grätscht sich selbst immer wieder in den Groove. Und weiß ganz genau, wie man den Free Jazz von Alice Coltrane und den Funk von George Clinton durch den Zukunftsfilter jagt, der tanzend die Grenzen der Musik-Gesetze auslotet: „Es ist besser schreckliche Musik zu machen als Mittelmaß.“

In Bezug auf „Vweto II“ aber darf man sich zurücklehnen. Fahrig-nervöse Beat-Trümmer, wie sie zuletzt ihr Kollege und Seelenverwandter, der Hip-Hop-Tüftler Flying Lotus auf „Flamagra“ produziert hat, gibt es hier nicht. Muldrow liebt den entspannten G-Funk viel zu sehr, die offenen Jeeps und Late-Night-Sessions mit Kopfhörer und Joint.

Mit anderen Worten: Sie lässt sich von fetten Bassläufen schieben, sucht trancehafte Loops wie auf „Almost Trendy“. Ein trockener Boom-Bap, umzüngelt von sphärischen Dub-Effekten eröffnet eine gut einstündige Odyssee mit himmlischen Glockenspielen und abschüssigen Bass-Piano-Riffs. Man höre auch den abstrakten Elektro-Boogie von „Bronx Skates“. Oder „Mary Lou’s Motherboard“, der klingt als hätte Muldrow einen Haufen alte Casio-Computerspiele in Sun Ras Umlaufbahnen geschossen. Und dann ist da zwischen all den unheimlich gurgelnden Synthesizern und Science-Fiction-Rülpsern noch die rettende Körperlichkeit, der Funk. Oder „fOnk“, wie Muldrow ihre Traumwandlereien zwischen Afrika, Amerika und den Weiten des Weltraums nennt.

Das dazugehörige Album-Cover könnte auch gut ein Cosmic-Jazz-Opus der Siebzigerjahre schmücken: Eine Gestalt mit Blütenkopf hält Afrika in den Armen, Sonne, Mond und Planeten geben die Kulisse für ein paar Trommler und Tänzer, während ein ernstes schwarzes Frauengesicht in die Ferne blickt.

„Ich würde mich gerne bei der Stille bedanken, der Gebärmutter aller Schwingungen“

„Ich würde mich gerne bei der Stille bedanken, der Gebärmutter aller Schwingungen“; wo andere Gott, ihrer Mutter und ihren Kumpels Tribut zollen, verneigt sich Georgia Anne Muldrow vor dem „Wind für seine Freundlichkeit, dem Blues und dem süßen Duft des Regens“. Ja, so ist sie. Eine Verfechterin weiblicher Prinzipien, passionierte Mutter und zusammen mit ihrem ständigen Partner, dem Rapper Dudley Perkins alias Declaime, auch privat ein Paar.

Im Jahre 2006 veröffentlichte sie ihr Debut: „Olesi – Fragments of an Earth“. Eine klanglich ausufernde Melange aus Siebziger-Funk, Jazz und Hip-Hop-Beats, in der Muldrow sowohl sang, sich begleitete und die Beats ausdachte – und die wie ein Meteorit aus völlig anderem Gestein in die Hip-Hop-Landschaft einschlug. „Olesi“ verlangte, ebenso wie das gute Dutzend seiner Nachfolger, dem Hörer einiges ab. Muldrow ignoriert gerne traditionelle Songstrukturen. Sie bastelt bis zu 30 Song-Teile und Sound-Fragmente zusammen. Und spielt sich mit ihrer Kritik der „Mc Donalds Freiheit Amerikas“, und dem Glauben an Erlösung durch inneren Reichtum selbst für die Maßstäbe des Conscious-Hip-Hop ins Abseits. Vorerst.

Von „Master Teacher“ blieb ein trotziger Refrain hängen: „I stay woke!“

Denn als „Musicians‘ Musician“ ist sie bald gefragt, als Musikerin, die vor allem von anderen Musikern verehrt wird. Ein von Muldrow geschriebenes und koproduziertes Duett mit Erykah Badu auf deren Album „New Amerykah Part One (4th World War) “ machte 2008 den Anfang. Von „Master Teacher“ blieb ein trotziger Refrain im kollektiven Gedächtnis Amerikas hängen: „I stay woke!“

Damals, erklärt Muldrow, sei es als Selbstermahnung gedacht gewesen: Lass dich nicht einlullen! Bleib aufmerksam! Ein Jahrzehnt später ist der Begriff „stay woke“ fester Bestandteil des Vokabulars afroamerikanischer Umgangssprache, verwenden ihn Rapper, Jazz-Esoteriker und Umweltschützer wie die Black Lives Matter-Aktivisten. „Woke“, das kann inzwischen alles bedeuten von gesellschaftskritisch bis generell progressiv.

Ein Slogan also als bisher größter Mainstream-Erfolg einer Hip-Hop-Produzentin? Georgia Anne Muldrow kann ganz gut damit leben. „Wir schwarzen Menschen“, erklärte sie in einem Interview mit dem Popmagazin The Fader, „nehmen die Energie, die Inspiration des Unbekannten als Garn und betätigen uns als Nähnadeln. Dann entlassen wir unser Werk in die Welt – und jeder darf es interpretieren.“

JONATHAN FISCHER

SZ 18.7.2019

 

In den Schuhen ihrer Ahnen – In ihrem bewegenden Roman „Die Frauen von Salaga“ erzählt die ghanaische Autorin Ayesha Harruna Attah, wie Afrikaner sich vor der Kolonialisierung gegenseitig zu Sklaven machten

Schon dafür musste dieser Roman geschrieben werden: um unser Bild vom Afrika des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu erschüttern. Und vor allem: die Rollenbilder innerhalb westafrikanischer Familien zu verkomplizieren.

  In ihrem Roman „Die Frauen von Salaga“ lässt die junge ghanaische Schriftstellerin Ayesha Harruna Attah eine Zeit, in der die Geschichtsbücher hauptsächlich von der wirtschaftlichen und politischen Expansion der europäischen Kolonialmächte in Westafrika berichten, in der Perspektive zweier sehr ungleicher afrikanischer Frauen lebendig werden. Herrin und Sklavin einerseits. Aber eben auch Frauen, die sich – der Männerherrschaft und allen Grausamkeiten des Menschenhandels zum Trotz – Freiräume erträumen und erkämpfen. Eine der beiden Figuren, Aminah, hat Attah ihrer eigenen einst mit Gewalt verschleppten und versklavten Ururgroßmutter nachempfunden und stellt ihr eine junge, eigenwillige und nach politischer Mitsprache strebende Häuptlingstochter namens Wurche entgegen, die allerdings selbst Sklavenhalterin ist und zunehmend in Gewissenskonflikte gerät.

  Leicht hätte aus den historischen Kriegswirren zwischen Kolonialisten, Sklavenräubern und sich um die Häuptlingsehre befehdenden Clans eine Heldensage im Stile von „Game of Thrones“ werden können. Oder ein Märchen: Die Geschichte eines Mädchens, das in einen Brunnen fällt und eine Zeitreise zu seiner Ahnin antritt, gehörte zu Attahs ersten Entwürfen. „Fiktion“, sagt Attah, „kann den Leser viel kraftvoller an den Haken nehmen als jedes historische Dokument.“ Aber welche Erzählperspektive ist glaubwürdig? Und wie lassen sich überkommene (Herrschafts-) Diskurse umgehen?

  Attah, die erste journalistische Erfahrungen in der von ihren Eltern herausgegebenen Zeitung Accra Mail sammelte, später in New York Journalismus und kreatives Schreiben studierte und heute in Senegal lebt, hat vor allem im englischsprachigen Afrika einen Namen. Ihr erster Roman „Harmattan Rain“ wurde 2010 für den Commonwealth Writers’ Prize nominiert. Mit „Die Frauen von Salaga“ aber scheint ihr nun auch international der Durchbruch zu gelingen. Der Roman erscheint unter anderem in deutschen, holländischen und türkischen Übersetzungen.

  Im englischen Original heißt das Buch „The Hundred Wells of Salaga“: Eine Anspielung auf die vielen Brunnen, die einst gebaut wurden, um die Sklaven für den Verkauf auf dem Markt im Norden Ghanas zu waschen. Darunter auch Attahs Ururgroßmutter. „Ich wusste nur, dass sie als Kind im heutigen Mali oder Burkina Faso lebte, bis sie Menschenhändler verschleppten“ sagt Attah im Gespräch, „Dennoch bewegte mich ihr Schicksal: In der Schule hatte ich vor allem vom transatlantischen Sklavenhandel gehört, und dann erfuhr ich, dass meine Ururgroßmutter von Menschen mit der selben Hautfarbe wie sie selbst versklavt wurde. Das schockte mich!“

  Um ein besseres Bild ihrer Ahnin zu bekommen, besuchte Attah ihre verbliebenen Familienmitglieder in Salaga. Sie fand dort vor allem die atmosphärische Kulisse für ihren Roman: Einen staubigen Marktplatz, Überreste der Brunnen – und ein verwahrlostes Museum, in dem Fußschellen, Halsketten und Gewehre von der Gewalttätigkeit des Sklavenhandels kündeten. Ihre Verwandten allerdings verstummten, wenn es um die Ururgroßmutter ging.

  Später durchforstete Attah an der Universität von Accra und dem Schomburg Center for Research in Black Culture in Harlem Reiseberichte aus dem Salaga des 19. Jahrhunderts. Sie stieß in der Geschichte des präkolonialen Westafrika auf starke und komplexe Frauenfiguren: Amina Bakwa etwa, eine militärische Anführerin der Hausa im späten 16. Jahrhundert, deren Kampfgeist und Unabhängigkeit – angeblich hielt sie sich viele Liebhaber – Legende sind. Oder Nana Asma‘u: Die streng religiöse Tochter eines einflussreichen Sheikhs lebte von 1793 bis 1864 im Kalifat Sokoto im nördlichen Nigeria und galt als führende Gelehrte des damals einflussreichen islamischen Staates. Asma‘u übersetzte und schrieb nicht nur über 60 Bücher. Sie debattierte auch mit ausländischen Gelehrten und stellte eine Gruppe von Lehrerinnen zusammen, die Frauen in ihren Häusern unterrichteten. Bakwa und Asma’u dienten Attah als Ahnengeister, die das feministische Narrativ des Romans vorantreiben, eine Figur wie die Häuptlings-tochter Wurche inspirieren.

  Der Plot des Romans lebt – Kapitel für Kapitel – von der Gegenüberstellung der Macht- und Ohnmachtsperspektiven der zwei Heldinnen: Da ist Aminah, deren beschauliches Familienleben schlagartig zerstört wird, als Sklavenräuber ihr Dorf überfallen, anzünden und Frauen, Männer und Kinder aneinanderketten und wie Vieh vor sich hertreiben. Sie macht sich schwere Vorwürfe: Wegen ihrer zurückgelassenen und womöglich mit ihrem Baby verbrannten Mutter, der von ihr getrennten Schwester und ihrem kleinen Bruder Issa, dessen Hand Aminah eisern umklammert, bis er irgendwann aus Erschöpfung seinen Geist aufgibt und von den Treibern wie ein Stück Abfall hinter einen Felsen geworfen wird.

  Und das ist erst der Anfang von Aminahs Martyrium: Ein ghanaischer Bauer kauft sie auf dem Sklavenmarkt für die Feldarbeit, schlägt sie, missbraucht sie. Sie fügt sich, zumindest äußerlich: „Licabili“ hatte ihre Großmutter den animistischen Glauben genannt, „dass Otienu bestimmte, was einem zustieß, vorausgesetzt man stellte sich gut mit ihm oder war ein guter Mensch. Doch wer Otienu war, oder wo er sich aufhielt, hätte sie nicht zu sagen gewusst.“ So bleibt nur eine Ahnung davon, welches gewaltige und gewalttätige Trauma hinter Aminahs sanfter Schicksalsergebenheit schwelt.

  Auf der anderen Seite steht Wurche: „Die alten Frauen von Kempbe sagten, aus Wurche hätte eigentlich ein Junge werden müssen: Das Einzige, was ihr dazu noch fehle, sei dieses Ding zwischen den Beinen.“ Als Tochter eines Chiefs denkt sie gar nicht daran, sich in die Frauenrolle zu fügen. Stattdessen kämpft sie um persönliche Freiheit und Mitsprache.

  Wurche reitet und schießt besser als ihre Brüder. Sie hat Spaß daran, die gleichgeschlechtliche Liebe zu erkunden, verweigert sich aber – so gut sie es kann – ihrem Mann, den sie ihrem Vater zuliebe und für ein militärisches Zweckbündnis mit einem Nachbarstamm heiraten musste. Wenn ihr Vater nur auf sie hören würde! Immer wieder versucht sie ihn mit ihren eigenen politischen Ideen zu konfrontieren. Wurches Ehrgeiz und bisweilen an Arroganz grenzendes Selbstvertrauen nehmen eine Entwicklung vorweg, die heute in großen Teilen Westafrika selbstverständlich ist: Frauen, die sich selbst ermächtigen, die hinter der von Männern dominierten Bühne politisch, kulturell und gesellschaftlich die Strippen ziehen. Die Wege von Aminah und Wurche kreuzen sich auf dem Sklavenmarkt in Salaga, zu einer Zeit, als innere Kämpfe das Volk von Wurche entzweien und der Sklavenhandel seine letzte Blüte erlebt: Die Häuptlingstochter kauft das verschleppte Dorfmädchen. Selbstverständlich ist das schon längst nicht mehr. Denn die Engländer, die den Sklavenhandel einst förderten, kommerzialisierten und internationalisierten, wollen ihn nun in ihren afrikanischen Kolonien unterbinden. Für die Herrscherfamilien von Salaga bedeutet das eine wirtschaftliche Bedrohung.

  Dass Angehörige besiegter Stämme als Sklaven gehalten wurden, hat in Westafrika Tradition. Mit der transatlantischen Verschiffung aber wurde daraus ein Geschäftsmodell, an dem sich auch Afrikaner bereicherten. Attahs Roman sticht hier in die dunklen und längst nicht aufgearbeiteten Kapitel innerafrikanischen Menschenhandels. „Wir haben die Tendenz“, sagt die Autorin, „unsere Vergangenheit zu verklären, uns auf ihre Glanzpunkte wie die großen Reiche von Ghana und Mali und deren Königshäuser zu konzentrieren. Dabei vergessen wir zu gerne unsere eigene Verwicklung in den Sklavenhandel“.

  Die Beziehung zwischen Herrin und Sklavin aber ist nicht einfach: Die hübsche Aminah arbeitet als Wurches Haushaltshilfe und Amme für ihren kleinen Sohn, und dient der Häuptlingstochter gleichzeitig als Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte und Fantasien. In die Faszination der beiden Frauen füreinander mischen sich immer wieder Anflüge von Eifersucht und Gewalt. Wurche hat zunehmend Skrupel. Und Aminah will ihrem Sklavenleben entkommen. Beide fühlen sich zudem vom selben Mann angezogen, einem in Salaga berüchtigten Sklavenhändler, ausgerechnet.

  Die Figur des Moro wirft moralische Fragen auf. Der „hochgewachsene Mann mit der dunkelsten Hautfarbe, die sie je gesehen hatte“ interessiert sich offensichtlich für Aminah und wird zum Fokus ihres ungelebten Lebens. Ob sie als Sklavin überhaupt einen Freund haben darf? Und kann sie ihm verzeihen, dass er zu den Menschen gehört, die ihr Leben und das ihrer Familie zerstört hatten? „Wenn er wirklich so freundlich war wie er aussah – ständig bot er ihr Hilfe an –, warum überfiel er dann Dörfer, riss Familien auseinander und verkaufte Menschen?“ Doch auch Moro ist Opfer. Wir erfahren, dass er im Auftrag seines Chiefs arbeitet, zu dem ihn einst seine Eltern als Kindersklave gaben.

  Allein die Liebe scheint die Kraft zu haben, alle Rationalisierungen über den Haufen zu werfen. Warum etwa sollte sich Helmut, Offizier der deutschen Besatzungstruppen, auch ernsthaft für das Schicksal von Wurches Volk interessieren? Die Häuptlingstochter lässt sich auf eine Affäre mit dem Deutschen ein. Keine Frage, dass Helmut politisch einem Ausbeutungsunternehmen dient. Dennoch billigt ihm Attah eine Menschlichkeit zu, die überraschend gegen den Strich des überheblichen Kolonialisten zeichnet. Und Wurche? Sie verfügt über die weibliche Autorität, sich ihre Liebhaber und Verbündeten selbst auszusuchen. Und sei es nur, um den Patriarchen eins auszuwischen.

  „Wir gehen in den Schuhen unserer Ahnen, leben als Erweiterungen derjenigen, die vor uns kamen“ erklärt Attah. Eine sehr afrikanische Weltsicht – die allerdings mit den neuesten Ergebnissen westlicher psychologischer Forschung korrespondiert. Ist es nicht längst erwiesen, dass Traumata über Generationen weitergegeben werden? Während sie den Roman schrieb, registrierte die Autorin viele Echos auf die Ereignisse von damals in der gegenwärtigen Politik – von den Schulmädchen, die die Terror-Organisation Boko Haram im Norden Nigerias entführte, bis zu der in Afrika und Asien verbreiteten Praxis, Kinder als Hausmägde und -knechte arbeiten zu lassen. Die modernen Formen der Sklaverei. Auch deshalb, sagt Attah, habe sie mit Cassava Press aus Nigeria bewusst einen afrikanischen Verlag für ihr Buch gesucht. „Viele der im Westen publizierten Bücher afrikanischer Autoren finden nie ihren Weg zurück nach Afrika. Aber genau diese Leser möchte ich erreichen. Weil wir erst durch die Konfrontation mit unserer Geschichte unsere Wurzeln zurückgewinnen“.

Ayesha Harruna Attah: „Die Frauen von Salaga“. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Burckhardt. Diana Verlag, München 2019. 320 Seiten, 20 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 2.7.2019attah