Schutz für das Eigentum, nicht für die Menschen: Der New Yorker Black-Panther-Veteran und Filmemacher Jamal Joseph spricht über Polizeigewalt und die Gefängnisindustrie

GetAttachmentThumbnailFast jede Woche entlädt sich das Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß in Amerika in neuer Gewalt. Jamal Joseph kennt das Misstrauen, auch die Gewalt. Anfang der Siebzigerjahre war er einer der jüngsten Führer der Black Panther Party, wurde wegen Beihilfe zu einem Raubüberfall zu zwölf Jahren Haft verurteilt, machte im Gefängnis zwei Hochschulabschlüsse und schrieb dann Theaterstücke. 1999 gründete er das Impact Repertory Theatre für junge Schwarze, schrieb und drehte Kino- und Fernsehfilme, produzierte Hip-Hop-Platten. Er ist heute Dekan an der Filmabteilung der Columbia Universität in New York. Ein Gespräch über die Gewinner und Verlierer des Hasses.

SZ: Dass in Dallas und Baton Rouge afroamerikanische Heckenschützen neun Polizisten erschossen . . .

Jamal Joseph: . . . hat mich überhaupt nicht überrascht. Bei so vielen Waffen im Umlauf und einer Polizei, die sich in vielen schwarzen Vierteln aufführt wie eine Besatzungsarmee, ist es eher erstaunlich, dass es nicht viel eher dazu kam.

Auch die Black Panther trugen Waffen.

Wir haben uns damals zur Selbstverteidigung bewaffnet und haben niemals als erste das Feuer eröffnet. Wir hatten begriffen, dass ein offener Krieg mit der Polizei noch mehr Unterdrückung nach sich ziehen würde. Heute würden die Panther statt mit Gewehren und Gesetzbüchern eher mit Videokameras und Handys die Straßen patrouillieren.

Das scheint nicht zu reichen. Seit Ferguson ist Polizeigewalt ein öffentliches Thema, zuletzt wurden Videos von tödlichen Schüssen auf Schwarze millionenfach geteilt.

Die Medienaufmerksamkeit hat immerhin eine Diskussion entfacht: Über die Aufgabe und die Ausbildung der Polizei. Heute schützt die Polizei Eigentum, aber keine Menschen. Wenn jemand aus einem armen Viertel die Cops wegen eines Einbruchs ruft, lassen sie ihn eine halbe Stunde warten. Ruft jemand aus einem wohlhabenden Viertel oder ein Geschäftsmann an, sind sie schon da, bevor du den Hörer aufgelegt hast. Sie beschützen die Reichen.

Hilft es denn, gewalttätige Polizisten zu entlassen?

Nein, das ganze System ist krank. Vor drei Jahren wurde ein Lastwagen mit schwarzen Männern in New Jersey von Polizisten angehalten und drei von ihnen wurden angeschossen. Hinterher sagten die Cops, sie glaubten, es seien Drogendealer gewesen. Tatsächlich war es ein Basketball-Team auf dem Weg in ein Trainingslager, die angeblichen Drogen stellten sich als Vitamintabletten heraus. Ich machte einen Film daraus: Um zu zeigen, dass das Problem nicht zwei schießwütige Cops sind, sondern deren ausdrückliche Dienstanweisung, Afroamerikaner anzuhalten und auf Drogen zu kontrollieren.

Wie kann Präsident Barack Obama dieses System abschaffen?

Obama sagt, dass Weiße und Schwarze zusammenarbeiten müssen, um die Gewalt zu stoppen. Aber wir verfügen nicht über die gleiche Macht. Eine Gruppe wird vom Staat als Bürger ermächtigt, einer anderen werden die fundamentalen Bürgerrechte abgesprochen.

Daran hat sich nichts geändert?

Wir haben in Amerika seit jeher ein Klassenproblem. Die Angst vor dem schwarzen Mann stammt noch aus der Sklaverei, als Schwarze als eine Art gefährliche Tiere galten. Diese Einstellung wurde von Generation zu Generation weitergegeben, und Amerika fand immer neue Wege, aus dem Leiden schwarzer Menschen ein Geschäft zu machen. Nach der Sklaverei dienten Schwarze als billige Arbeitskräfte. Die moderne Plantage ist die private Gefängnisindustrie – und sie ist hochprofitabel.

Was hat das mit der Polizei zu tun?

Die Polizei dient als Zulieferer dieses Systems. Sie haben Verhaftungsquoten zu erfüllen – und da bedient man sich am leichtesten in der schwarzen Gemeinschaft.

Sind die schwarzen Viertel krimineller?

Nein, wenn die Polizisten genauso viele weiße Teenagerdurchsuchen würden wie schwarze, kämen sie auf dieselbe Zahl an Drogendelikten. Schwarze junge Menschen haben seltener das Geld für gute Anwälte. Für dasselbe Vergehen bekommen sie deshalb höhere Strafen.

Das klingt doch jetzt aber sehr nach einer Verschwörungstheorie.

Wenn mir jemand vor dreißig Jahren gesagt hätte, dass die Gefängnispopulation in Amerika von 500 000 auf das fünffache, also auf die zweieinhalb Millionen Insassen von heute anwachsen würde, hätte ich ihm das niemals geglaubt. Und das ist ja nicht das einzige! Nehmen Sie die steigende Zahl an schwarzen Arbeitslosen und Obdachlosen. Oder die Tatsache, dass heute nicht mehr weiße Schwule, sondern junge schwarze Frauen zwischen 18 und 25 am schwersten von Aids betroffen sind.

Verstanden, die Situation muss sich ändern. Aber wie? Welche Rolle könnten beispielsweise die Politiker spielen?

Immerhin kommen inzwischen Begriffe wie Masseninhaftierung, Polizeibrutalität oder „Black Lives Matter“ nicht nur Obama, sondern sogar republikanischen Politikern über die Lippen. Sie erkennen also zumindest, dass es ein Problem gibt. Um die Lage grundsätzlich zu verbessern, müsste allerdings auch die Wirtschaft mithelfen. Deshalb befürworte ich einen Bürgerboykott aller Unternehmen, die mit Polizei-Organisationen und der Gefängnisindustrie zusammenarbeiten. Googlen sie mal die entsprechende Liste von Firmen:Sie werden sehen, wer da von Telekommunikationsfirmen über die Textil- und Nahrungsmittelindustrie mitmischt.

Ist eine Protest-Bewegung wie „Black Lives Matter“ der richtige Weg, um in einer so komplizierten Situation zur Besserung beizutragen?

Es geht ja bei „Black Lives Matter“ vor allem darum, den vielen schwarzen Menschen, die das Gefühl haben, dass ihr Leben nicht zählt, wieder den Glauben an den eigenen Wert zu schenken. Andererseits könnten die jungen Aktivisten eine Menge von den Black Panthers lernen. Wir begnügten uns nicht mit Protesten, sondern organisierten ein kostenloses Frühstücksprogramm für arme schwarze Schulkinder, politische Abendschulen und Gesundheitsuntersuchungen für Afroamerikaner, die sich keinen Arzt leisten können. Wir brauchen solche Programme wieder: Damit das soziale Engagement nicht mit dem Teilen eines Videos auf facebook endet, sondern die Menschen ihren Wert darüber finden, leibhaftig füreinander einzustehen.

Wie bereiten Sie die jungen schwarzen Menschen, mit denen Sie im Impact Reporty Theatre in Harlem zusammenarbeiten, auf mögliche polizeiliche Übergriffe vor?

Wir predigen ihnen einerseits, dass sie alles erreichen können, wenn sie hart arbeiten und an etwas glauben, dass größer ist als sie selbst – aber dann verschonen wir sie auch nicht vor der anderen Seite der Realität: Dass sie als schwarze junge Menschen ein großes Fadenkreuz auf ihrem Rücken tragen, und deshalb der Polizei unbedingt Folge leisten müssen. Das stimmt mich oft ziemlich traurig. Besonders wenn ich an zwei junge Polizeianwärter denke, die Teil meiner Theatertruppe sind: Sie erzählen mir, welche Angst sie bei jeder Routine-mäßigen Verkehrs-Kontrolle vor ihren weißen Kollegen haben – weil sie nur zu gut wissen, was ein Cop denkt, wenn er einen Schwarzen anhält.

Sie thematisieren mit ihren HipHop-Produktionen wie „Politics“ auch Polizeigewalt und Gefängnissystem. Haben aber nicht gerade Rapper wie ihr Patensohn Tupac mit brutalen Gangster-Lyrics zu der Gewaltspirale beigetragen?

Ich sehe Rapper wie Tupac einfach als Zeitzeugen der Geschichte und der Brutalität auf den Straßen von Amerikas Ghettos. Manche Rapper spielen auch mit den Zuschreibungen ihrer Umwelt. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der Polizistenmörder von Dallas sofort als Terrorist bezeichnet wurde, während weiße Amokläufer, die etwa 30 Kinder einer Schulklasse umbringen, als psychisch verwirrte Einzelgänger durchgehen?

Manche schwarze Jugendliche äußern in sozialen Medien Sympathien für die Polizistenmörder von Dallas und Baton Rouge. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, viele in der schwarzen Community glauben, dass solche Gewalttaten die natürliche Folge der ständigen Polizeibrutalität darstellen. Selbst meine weißen Freunde – und davon war ich überrascht – erklärten, dass so etwas passieren muss, wenn man Menschen unterdrückt, marginalisiert und ihnen nicht zuhört.

Haben Sie selbst Angst vor der Polizei?

Ja, das habe ich. Schaue ich mit meinem Anzug aus wie ein Professor von der Columbia University, dann fühle ich mich sicherer, als wenn ich in T-Shirt und Sneakers unterwegs bin. Mein letzter Zusammenstoß mit der Polizei liegt nur vier Monate zurück. Meine Frau und ich hielten an, als wir sahen, dass ein junger Afroamerikaner, der vermeintlich ein Fahrrad geklaut hatte, von Polizisten auf den Boden geworfen und getreten wurde. Ich filmte die Szene. Daraufhin schubste ein Polizist mich und meine Frau herum. Wenn ich nicht cool geblieben wäre, wäre die Situation wohl eskaliert. Leider gehört das martialische Auftreten der Polizei längst zu unserem Alltag.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung veröffentlicht in der

SZ 22.7.2016

DIE SCHÖNHEIT DES ISLAM: Ein Gespräch mit dem Popstar und ehemaligen Kulturminister des Senegal Youssou N’Dour über die Friedensbotschaft des Koran, den Frust der Politik und warum es kein Problem ist, als Moslem in Nachtclubs zu tanzen und zu feiern.

Youssou N’dour ist der weltweit populärste muslimische Popstar. Er hat mit Peter Gabriel gearbeitet und gemeinsam mit Neneh Cherry mit „7 Seconds“ einen Welthit gelandet. Bei seinem Konzert in der Münchner Muffathalle trat er vergangene Woche mit seiner zwölfköpfigen Band aus Dakar auf, die den westafrikanischen Mbalax-Pop mit einer Präzision und einer Wucht spielte, die selten ist. Dabei geht es N’dour stets auch um Politik, das Bild des Islam und die Vision eines neuen Afrika. Mit dem Song „Immigrés“ veröffentlichte er 1984 eine Art Internationalhymne afrikanischer Flüchtlinge. 2012 wollte er für das Amt des Präsidenten von Senegal kandidieren. Das erlaubte man ihm nicht. Im April 2012 wurde er aber immerhin Kulturminister, auch wenn er das Amt im September 2013 niederlegte.

SZ: Viele der jungen Flüchtlinge bei Ihrem Konzert haben 40 Euro berappt, um ihren ehemaligen Kulturminister optimistische Hymnen über die Zukunft Afrikas singen zu hören. Woher nehmen Sie angesichts von Flüchtlingsströmen, Bürgerkriegen und all den anderen politischen Hiobsbotschaften vom schwarzen Kontinent Ihren Optimismus für Songs wie „New Africa“ her?

Youssou N’dour: Ich will vor allem den Menschen im Westen eine Seite Afrikas zeigen, die sie aus den Nachrichten nicht kennen: Die optimistische Grundhaltung unserer Kultur, die Toleranz unseres Islam, die Menschlichkeit unserer Gesellschaft. Das ist ein Afrika, das uns allen Hoffnung beschert.

Aber Sie singen ihren Klassiker „Immigrés“ in Europa auch immer vor jungen Afrikanern, die ihr Leben riskiert haben um in Pirogen oder Schlauchbooten dorthin zu gelangen. Als Politiker müssten Sie diese Fluchtbewegung doch grundsätzlich verurteilen.

 Die Europäer könnten dem durchaus entgegenwirken. Etwa indem sie afrikanischen Ländern wie Senegal helfen, junge Menschen auszubilden, und ihnen vor Ort Jobs und Zukunftschancen anzubieten. Wenn sie daheim keine Möglichkeiten vorfinden, werden sie weiter fliehen.

Sind die Europäer schuld an der Flüchtlingskrise?

Natürlich liegt die Verantwortung auch bei den Regierungen und der Zivilgesellschaft vor Ort. Aber die jungen Afrikaner haben zu oft ein Trugbild von Europa im Kopf. Sie sehen es als El Dorado und es ist sehr schwer, ihnen ihre falschen Erwartungen auszureden. Darüber hinaus aber tragen die Europäer doch eine historische Verantwortung. Sie haben die Kolonien zwar in die Selbständigkeit entlassen, wirtschaftlich aber hängen wir immer noch am Tropf des Westens.

Sie haben nach der Wahl von Macky Sall zum Präsidenten Senegals im Jahr 2012 für kurze Zeit den Posten des Kultur- und Tourismusministers bekleidet. Hat Sie die praktische Erfahrung in der Politik ernüchtert?

Ganz im Gegenteil. Ich habe dreißig Jahre lang mit meinen Songs an die Machthabenden appelliert, habe geredet und geredet, ohne dass sie mir zugehört hätten. Jetzt konnte ich als Minister wirklich etwas bewegen. Mein Rücktritt hatte andere Gründe. Ich wollte mich wieder mehr meiner Musik widmen. Allerdings diene ich dem Präsidenten immer noch als Berater.

Viele junge Rapper im Senegal fordern mehr Mitbestimmung für die Jugend und kritisieren die Korruption innerhalb der Staatsorgane.

Die Menschen sind nur zu ungeduldig, sie wollen nach einem Regierungswechsel, dass sich alles sofort ändert. Trotzdem ist der Senegal immer noch eines der demokratischsten Länder Afrikas. Wir hatten nie einen Militärputsch, unsere Wahlergebnisse wurden stets respektiert, und der Islam dem über 90 % der Senegalesen angehören, propagiert ein friedliches Miteinander aller.

Allerdings steht der sufistisch orientierte Islam, dem die meisten Westafrikaner folgen, im Kreuzfeuer der Islamisten. Fast jede Woche erleiden Senegals Nachbarländer blutige Anschläge auf Klubs, Hotels und Bars.

Das alles ist kein Ausdruck des Islam. Als Muslime grüßen wir mit „Asalam aleikum“, das bedeutet Frieden für alle, nicht nur für die Muslime. Das Unheil, die ganze Aggression und Radikalität kommt meist mit den Konvertiten, die keine Erfahrung mit der gelebten Kultur des Islam haben. Oft diskutiere ich mit ihnen: Was behauptet ihr für verrückte Sachen? Ich gehöre der gleichen Religion an wie ihr und ich kenne sie seit meiner Geburt! Im Koran steht, Gott hat die Menschen verschieden gemacht, damit sie sich kennenlernen. Nicht, damit sie sich umbringen.

In Paris haben islamistische Attentäter letztes Jahr ein Blutbad im Live-Klub Bataclan angerichtet. Von Mali bis Pakistan fielen Musiker ideologisch motivierten Attentaten zum Opfer, erst vor zwei Wochen wurde der pakistanische Sufi-Sänger und Popstar Amjad Sabri erschossen. Haben Sie als muslimischer Popstar Angst?

Nein ich habe keine Angst. Allah beschützt mich. Ich werde im November übrigens als erster internationaler Popstar im Bataclan auftreten. Natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Aber das soll auch ein Signal sein: Dass es kein Widerspruch ist, wenn wir Muslime Musik hören, tanzen und feiern und gleichzeitig stolz auf unseren Glauben sind.

Sie besitzen ja selbst einen Nachtklub in Dakar, wo sich Männer und Frauen zum Flirten und Tanzen treffen.

Warum nicht? Es ist kein Widerspruch wenn ich einen Abend in die Moschee zum Beten gehe und den nächsten in den Klub zum Tanzen.

Sie gehören den Mouriden an, einer sufistischen Bruderschaft, die im Senegal und Gambia mehr als sechs Millionen Anhänger hat.

Ja, in einem meiner Songs singe ich auch über meinen religiösen Führer Serigne Fallou Mbacke. Zu unserer Lebensphilosophie gehört harte Arbeit für die Gemeinschaft und jährliche Pilgerfahrten in die heilige Stadt Touba im Senegal. Ich bin erst vor vier Tagen von dort zurückgekommen. Millionen Muslime haben dort gemeinsam gesungen und gefeiert.

Ist die Wallfahrt nach Touba eine afrikanische Alternative zu Mekka und dem fundamentalistischen Islam vom arabischen Golf?

Touba liegt zumindest geografisch auf dem fast selben Breitengrad wie Mekka, es hat für uns Mouriden aber auch eine gleichwertige Bedeutung. Sie müssen wissen, dass die Mouriden von Sheikh Ahmadou Bamba gegründet wurden, der den Islam propagierte, während die Franzosen uns kolonisierten. Die Franzosen haben alles getan um Sheikh Bamba zu töten, obwohl er Gewaltlosigkeit predigte. Aber sie konnten ihn nicht besiegen. Wir feiern jedes Jahr den Tag seiner Rückkehr aus dem Exil in den Senegal. Heute kann seine friedliche islamische Botschaft der ganzen Welt helfen.

Ist das Mouridentum ein Vorbild für einen toleranten weltoffenen Islam?

Ja, unbedingt. Es gibt nur einen Islam. Und ich glaube, dass wir Senegalesen seine friedliche Kernbotschaft vorbildlich demonstrieren, weil wir den Glauben in eine Kultur der Arbeit und Nächstenliebe einbetten. Diese Islamisten haben dagegen hegen meist politische Machtansprüche.

Aber auch im Senegal kann der Islam repressiv wirken. Sie selbst hatten das zu spüren bekommen, als sie 2004 das Album „Egypt“ einspielten, eine Sammlung von Lobgesängen auf Allah und die Mouriden, und manche Geschäfte und Radiosender das Werk wegen seiner Vermischung von Religion und weltlichem Pop ablehnten.

Das stimmt, am Anfang gab es selbst unter meinen Mouriden-Brüdern viel Skepsis. Doch dann habe ich einen Grammy gewonnen, sie haben es sich noch mal angehört, und fanden es gut. Sehen Sie, der Senegal hat eine säkulare Verfassung. Jeder darf seinen Glauben leben. Wir respektieren alle gegenseitig unsere Religion, unser erster Präsident Leopold Senghor, war übrigens Katholik. Ich versuche, Gutes zu tun, meinen Mitmenschen zu helfen. Das definiert einen wahren Muslim – und nicht die Äußerlichkeiten.

Im Norden Malis und Nigerias hat die Bedrohung durch Islamisten Live-Musik aber so gut wie unmöglich gemacht. Ist vielleicht doch etwas an der Aussage des nigerianischen Musikers Fela Kuti, der den Islam einmal als Religion der „Sklaventreiber“ bezeichnet hat?

Ich fühle mich jedenfalls nicht vom Islam unterdrückt. Und ich kenne kein besseres Instrument für den gesellschaftlichen Frieden als den Islam. Wenn Menschen behaupten, dieses und jenes sei haram, man sollte der Musik und dem Vergnügen entsagen, dann machen sie Gott kleiner als er ist. Dagegen müssen wir kämpfen. Ich sehe es als unsere Pflicht, das Internet, den Film, die Musik und den Tanz, alles nützen, um für den wahren Islam zu werben. Deshalb werde ich nächstes Jahr auch in ganz Senegal ein Festival für religiöse Musik veranstalten – um die Schönheit islamischer Kultur sichtbar zu machen.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.7.2016680x382

DIE SCHÖNHEIT DES ISLAM: Ein Gespräch mit dem Popstar und ehemaligen Kulturminister des Senegal Youssou N’Dour über die Friedensbotschaft des Koran, den Frust der Politik und warum es kein Problem ist, als Moslem in Nachtclubs zu tanzen und zu feiern.

680x382Youssou N’dour ist der weltweit populärste muslimische Popstar. Er hat mit Peter Gabriel gearbeitet und gemeinsam mit Neneh Cherry mit „7 Seconds“ einen Welthit gelandet. Bei seinem Konzert in der Münchner Muffathalle trat er vergangene Woche mit seiner zwölfköpfigen Band aus Dakar auf, die den westafrikanischen Mbalax-Pop mit einer Präzision und einer Wucht spielte, die selten ist. Dabei geht es N’dour stets auch um Politik, das Bild des Islam und die Vision eines neuen Afrika. Mit dem Song „Immigrés“ veröffentlichte er 1984 eine Art Internationalhymne afrikanischer Flüchtlinge. 2012 wollte er für das Amt des Präsidenten von Senegal kandidieren. Das erlaubte man ihm nicht. Im April 2012 wurde er aber immerhin Kulturminister, auch wenn er das Amt im September 2013 niederlegte.

SZ: Viele der jungen Flüchtlinge bei Ihrem Konzert haben 40 Euro berappt, um ihren ehemaligen Kulturminister optimistische Hymnen über die Zukunft Afrikas singen zu hören. Woher nehmen Sie angesichts von Flüchtlingsströmen, Bürgerkriegen und all den anderen politischen Hiobsbotschaften vom schwarzen Kontinent Ihren Optimismus für Songs wie „New Africa“ her?

Youssou N’dour: Ich will vor allem den Menschen im Westen eine Seite Afrikas zeigen, die sie aus den Nachrichten nicht kennen: Die optimistische Grundhaltung unserer Kultur, die Toleranz unseres Islam, die Menschlichkeit unserer Gesellschaft. Das ist ein Afrika, das uns allen Hoffnung beschert.

Aber Sie singen ihren Klassiker „Immigrés“ in Europa auch immer vor jungen Afrikanern, die ihr Leben riskiert haben um in Pirogen oder Schlauchbooten dorthin zu gelangen. Als Politiker müssten Sie diese Fluchtbewegung doch grundsätzlich verurteilen.

 Die Europäer könnten dem durchaus entgegenwirken. Etwa indem sie afrikanischen Ländern wie Senegal helfen, junge Menschen auszubilden, und ihnen vor Ort Jobs und Zukunftschancen anzubieten. Wenn sie daheim keine Möglichkeiten vorfinden, werden sie weiter fliehen.

Sind die Europäer schuld an der Flüchtlingskrise?

Natürlich liegt die Verantwortung auch bei den Regierungen und der Zivilgesellschaft vor Ort. Aber die jungen Afrikaner haben zu oft ein Trugbild von Europa im Kopf. Sie sehen es als El Dorado und es ist sehr schwer, ihnen ihre falschen Erwartungen auszureden. Darüber hinaus aber tragen die Europäer doch eine historische Verantwortung. Sie haben die Kolonien zwar in die Selbständigkeit entlassen, wirtschaftlich aber hängen wir immer noch am Tropf des Westens.

Sie haben nach der Wahl von Macky Sall zum Präsidenten Senegals im Jahr 2012 für kurze Zeit den Posten des Kultur- und Tourismusministers bekleidet. Hat Sie die praktische Erfahrung in der Politik ernüchtert?

Ganz im Gegenteil. Ich habe dreißig Jahre lang mit meinen Songs an die Machthabenden appelliert, habe geredet und geredet, ohne dass sie mir zugehört hätten. Jetzt konnte ich als Minister wirklich etwas bewegen. Mein Rücktritt hatte andere Gründe. Ich wollte mich wieder mehr meiner Musik widmen. Allerdings diene ich dem Präsidenten immer noch als Berater.

Viele junge Rapper im Senegal fordern mehr Mitbestimmung für die Jugend und kritisieren die Korruption innerhalb der Staatsorgane.

Die Menschen sind nur zu ungeduldig, sie wollen nach einem Regierungswechsel, dass sich alles sofort ändert. Trotzdem ist der Senegal immer noch eines der demokratischsten Länder Afrikas. Wir hatten nie einen Militärputsch, unsere Wahlergebnisse wurden stets respektiert, und der Islam dem über 90 % der Senegalesen angehören, propagiert ein friedliches Miteinander aller.

Allerdings steht der sufistisch orientierte Islam, dem die meisten Westafrikaner folgen, im Kreuzfeuer der Islamisten. Fast jede Woche erleiden Senegals Nachbarländer blutige Anschläge auf Klubs, Hotels und Bars.

Das alles ist kein Ausdruck des Islam. Als Muslime grüßen wir mit „Asalam aleikum“, das bedeutet Frieden für alle, nicht nur für die Muslime. Das Unheil, die ganze Aggression und Radikalität kommt meist mit den Konvertiten, die keine Erfahrung mit der gelebten Kultur des Islam haben. Oft diskutiere ich mit ihnen: Was behauptet ihr für verrückte Sachen? Ich gehöre der gleichen Religion an wie ihr und ich kenne sie seit meiner Geburt! Im Koran steht, Gott hat die Menschen verschieden gemacht, damit sie sich kennenlernen. Nicht, damit sie sich umbringen.

In Paris haben islamistische Attentäter letztes Jahr ein Blutbad im Live-Klub Bataclan angerichtet. Von Mali bis Pakistan fielen Musiker ideologisch motivierten Attentaten zum Opfer, erst vor zwei Wochen wurde der pakistanische Sufi-Sänger und Popstar Amjad Sabri erschossen. Haben Sie als muslimischer Popstar Angst?

Nein ich habe keine Angst. Allah beschützt mich. Ich werde im November übrigens als erster internationaler Popstar im Bataclan auftreten. Natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Aber das soll auch ein Signal sein: Dass es kein Widerspruch ist, wenn wir Muslime Musik hören, tanzen und feiern und gleichzeitig stolz auf unseren Glauben sind.

Sie besitzen ja selbst einen Nachtklub in Dakar, wo sich Männer und Frauen zum Flirten und Tanzen treffen.

Warum nicht? Es ist kein Widerspruch wenn ich einen Abend in die Moschee zum Beten gehe und den nächsten in den Klub zum Tanzen.

Sie gehören den Mouriden an, einer sufistischen Bruderschaft, die im Senegal und Gambia mehr als sechs Millionen Anhänger hat.

Ja, in einem meiner Songs singe ich auch über meinen religiösen Führer Serigne Fallou Mbacke. Zu unserer Lebensphilosophie gehört harte Arbeit für die Gemeinschaft und jährliche Pilgerfahrten in die heilige Stadt Touba im Senegal. Ich bin erst vor vier Tagen von dort zurückgekommen. Millionen Muslime haben dort gemeinsam gesungen und gefeiert.

Ist die Wallfahrt nach Touba eine afrikanische Alternative zu Mekka und dem fundamentalistischen Islam vom arabischen Golf?

Touba liegt zumindest geografisch auf dem fast selben Breitengrad wie Mekka, es hat für uns Mouriden aber auch eine gleichwertige Bedeutung. Sie müssen wissen, dass die Mouriden von Sheikh Ahmadou Bamba gegründet wurden, der den Islam propagierte, während die Franzosen uns kolonisierten. Die Franzosen haben alles getan um Sheikh Bamba zu töten, obwohl er Gewaltlosigkeit predigte. Aber sie konnten ihn nicht besiegen. Wir feiern jedes Jahr den Tag seiner Rückkehr aus dem Exil in den Senegal. Heute kann seine friedliche islamische Botschaft der ganzen Welt helfen.

Ist das Mouridentum ein Vorbild für einen toleranten weltoffenen Islam?

Ja, unbedingt. Es gibt nur einen Islam. Und ich glaube, dass wir Senegalesen seine friedliche Kernbotschaft vorbildlich demonstrieren, weil wir den Glauben in eine Kultur der Arbeit und Nächstenliebe einbetten. Diese Islamisten haben dagegen hegen meist politische Machtansprüche.

Aber auch im Senegal kann der Islam repressiv wirken. Sie selbst hatten das zu spüren bekommen, als sie 2004 das Album „Egypt“ einspielten, eine Sammlung von Lobgesängen auf Allah und die Mouriden, und manche Geschäfte und Radiosender das Werk wegen seiner Vermischung von Religion und weltlichem Pop ablehnten.

Das stimmt, am Anfang gab es selbst unter meinen Mouriden-Brüdern viel Skepsis. Doch dann habe ich einen Grammy gewonnen, sie haben es sich noch mal angehört, und fanden es gut. Sehen Sie, der Senegal hat eine säkulare Verfassung. Jeder darf seinen Glauben leben. Wir respektieren alle gegenseitig unsere Religion, unser erster Präsident Leopold Senghor, war übrigens Katholik. Ich versuche, Gutes zu tun, meinen Mitmenschen zu helfen. Das definiert einen wahren Muslim – und nicht die Äußerlichkeiten.

Im Norden Malis und Nigerias hat die Bedrohung durch Islamisten Live-Musik aber so gut wie unmöglich gemacht. Ist vielleicht doch etwas an der Aussage des nigerianischen Musikers Fela Kuti, der den Islam einmal als Religion der „Sklaventreiber“ bezeichnet hat?

Ich fühle mich jedenfalls nicht vom Islam unterdrückt. Und ich kenne kein besseres Instrument für den gesellschaftlichen Frieden als den Islam. Wenn Menschen behaupten, dieses und jenes sei haram, man sollte der Musik und dem Vergnügen entsagen, dann machen sie Gott kleiner als er ist. Dagegen müssen wir kämpfen. Ich sehe es als unsere Pflicht, das Internet, den Film, die Musik und den Tanz, alles nützen, um für den wahren Islam zu werben. Deshalb werde ich nächstes Jahr auch in ganz Senegal ein Festival für religiöse Musik veranstalten – um die Schönheit islamischer Kultur sichtbar zu machen.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.7.2016

HARTER STOFF Javanisches Design, holländische Batikdrucke, afrikanische Identität: Afrikas Mode- und Textilkultur lebt seit 100 Jahren vom „Real Dutch Wax“ der holländischen Firma Vlisco. Jetzt lassen sich selbst afrikanische Regierungen von ihr beraten

 

Die Taxis in der malischen Haupstadt Bamako sind handbemalte Kunstwerke. Die Motive spiegeln die lokale Popkultur: Islamische Prediger, malische P1100889Chanteusen, Portraits von Che Guevara – oder auch gestapelte Stoffballen mit dem Schriftzug „Vlisco“. Vlisco? Hierzulande haben zuletzt Designer wie Jean Paul Gaultier, Dries van Noten oder Gwen Stefani Modelle mit Vlisco-Stoffen auf den Laufsteg geschickt. Auch Beyoncé und Rihanna ließen sich schon in den knalligen Afrika-Tüchern ablichten. Hipster-Stoff eben. In Afrika aber gelten die teuren Wachsstoffe vor allem als Symbol von Klasse, vergleichbar vielleicht mit der Rolex-Uhr oder der Louis-Vuitton-Tasche im Westen. Jeder Besucher einer afrikanischen Großstadt kennt die Vlisco-Designs: Sie gehören zum farbenfrohen Charme der Straßen von Bamako, Dakar, Lagos oder Kinshasa. Schätzungsweise 80 Prozent aller Muster auf Afrika-Stoffen stammen von dieser einen Firma. Das kann durchaus verwundern: Denn das Unternehmen stammt aus Holland. Seit 160 Jahren hat die Textilfabrik ihren Sitz in der brabantischen Kleinstadt Helmond. Und auch wenn Vlisco 90 Prozent seiner Geschäfte mit dem schwarzen Kontinent abwickelt: Afrikaner sind weder an der Firma beteiligt, noch wird deren Mode von Afrikanern designt. Wie also kommt es dass sich Afrikaner mit diesen Stoffen identifizieren, ja selbst Nelson Mandela demonstrativ seine Hemden daraus fertigen ließ?

Um das komplexe europäisch-afrikanische Ping-Pong zwischen kaufmännischer Mission und afrikanischer Kulturaneignung zu verstehen, muss man schon den Firmensitz in Helmond besuchen. Ein Ort mit einer langen Geschichte der Globalisierung. Und ein Knotenpunkt für die erfolgreiche Fusion europäischer, asiatischer und afrikanischer Ideen. Auf dem Fabrikgelände gelten ich strenge Sicherheitsvorschriften: Kameras und Handys bleiben an der Pforte. Zu groß ist die Gefahr, dass neue Designs an die Konkurrenz in China gelangen – um schließlich als minderwertige Kopien zu einem Zehntel des Vlisco-Preises den afrikanischen Markt zu überschwemmen. „Das passiert leider dauernd, sobald wir eine neue Kollektion auf den Markt bringen“, erklärt Hans Ouwendijk. Der CEO von Vlisco hat deshalb seit der Übernahme von Vlisco durch die Actis Holding vor sechs Jahren das holländische Textilgeschäft auf neuen Kurs gebracht: „Wir wollen nicht nur Stoffe verkaufen. Sondern die führende High-End Modemarke Afrikas werden.“ Allein qualitativ habe Vlisco einen Vorsprung: die Stoffe mit dem „guaranteed Dutch Wax“-Siegel seien schwerer, farbechter und überdauerten mindestens 15 Jahre, während die Raubdrucke nach zwei mal Waschen ausbleichten. Das mag so stimmen. Aber warum will man einem armen Kontinent wie Afrika unbedingt eine Luxus-Marke bescheren? „Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Wirtschaften befinden sich in Afrika“, kontert Ouwerdijk. „Eine breite Mittelschicht entsteht. Und wer dort etwas auf sich hält, trägt Vlisco. Ich habe sogar von Afrikanern gehört, die sich in ihrem Haus einen extra Raum zur Aufbewahrung und Präsentation ihrer Vlisco-Stoffe bauen lassen.“

Vliscos Affinität zu Afrika kam erst auf Umwegen zustande: 1846 hatte der Unternehmer Pieter Fentener von Vlissingen die Produktion indonesischer Batikstoffe mechanisiert. Doch offensichtlich kamen die industriell gefertigten Stoffe bei den Indonesiern nicht so gut an wie die handgemachte lokale Konkurrenz. So verkauften die Frachter ihre Ware zum Teil schon bei den Zwischenstopps in afrikanischen Häfen. Zudem sollen afrikanische Soldaten, die Holland in Indonesien eingesetzt hatte, die Batikstoffe bei ihrer Rückkehr als Geschenke für ihre Familien mitgebracht haben und so einen Markt geschaffen haben. Von der Goldküste, dem heutigen Ghana aus, verbreitete sich die neue Batikdruck-Mode über ganz West- und Zentralafrika. Stoffe spielten hier schon immer immer eine bedeutende Rolle im sozialen Leben. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die holländischen Drucke zu einem authentischen Teil der Kultur und des Selbstausdrucks westafrikanischer Länder wie Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste. Vlisco überlebte dabei alle neue Moden – und gilt seit den 1970er Jahren als Monopolist für „Dutch Wax prints“. Im Gegensatz zur pakistanischen oder chinesischen Billig-Konkurrenz arbeitet Vlisco tatsächlich noch mit Wachs, dessen Bruchlinien die einmalige Struktur der Stoffe prägen. In den Ziegelsteinhallen der Fabrik in Helmond erledigen das 80 Jahre alte Maschinen: Bis zu drei Wochen dauert die Fertigstellung eines mehrfach überdruckten Stoffes. Eines Stoffes, der tatsächlich noch in Holland gefertigt wurde.

Daneben residiert in einem modernen Glasbetonbau die Design-Abteilung: „Unser Erfolg beruht auf unser ständigen Anpassung an den afrikanischen Markt“, sagt Designerin Marjam Degrout. „Wir müssen dazu viel über Symbole wissen. Und daran denken, dass Afrikaner sich anders als wir gerne offensiv in Szene setzen“. Verschiedene Farbspektren bedienen verschiedene lokale Märkte. Die Graphik aber schöpfe aus weltweiten Quellen: Pflanzen- und Tiersymbole, indische Folk-Ästhetik, islamische Geometrie oder äthiopisch-koptische Kirchenkunst. Seit den 70er Jahren spiele auch Technik eine Rolle: Zündkerzen, Ventilatoren oder Computer seien zu populären Motiven geworden. Viele der Stoffe entwickelten allerdings in Afrika ein Eigenleben – wie etwa das von Degrout entworfene und auf dem lokalen Markt „Paracetamol“ getaufte Pillen-Design: „Ohne das wir das beabsichtigen bringen die afrikanischen Frauen bestimmte Muster mit Sprichwörtern und Slogans ihrer Ethnien in Verbindung. Sie erzählen Geschichten zu einem Design. Und afrikanisieren es dadurch“ . Im Vlisco-Archiv – in einem Raum über den Fabrikhallen hängen an langen Schienen über 350 000 Stoffmuster – finden sich dazu viele Beispiele. Etwa der ABC-Stoff, der zu verstehen gibt, dass sein Träger lesen und schreiben kann. „Liebling kehr mir nicht den Rücken zu“ oder „Mein Mann ist fähig“ signalisieren andere Muster. „Die Frauen und Händlerinnen vor Ort“, sagt Degrout, „sind unsere Ko-Kreatoren“.

Eine dieser Händlerinnen ist Madame Neimatou. Auf dem großen Markt von Bamako betreibt die resolute Malierin das lokale Outlet von Vlisco: Ein wenig versteckt im ersten Stock eines nüchternen Geschäftshauses liegen hier die Stoffmuster aus Helmond auf hölzernen Vitrinen aus. „Ich muss meinen Laden nicht groß bewerben“, sagt Neimatou, „denn wer etwas auf sich hält, der trägt ausschließlich Vlisco-Stoffe“. Auch wenn Mali ein relativ kleiner Markt ist, wirft das Geschäft offensichtlich genug für einen großen Geländewagen mit Chauffeur ab. In Togo, wo der Handel mit Vlisco-Produkten matriarchal von der Mutter an die Tochter vererbt wird, war es eine Vlisco-Händlerin die den ersten Mercedes im Land kaufte – seitdem heißen die gesetzlich lizensierten Stoffhändlerinnen dort „Mama Benz“. Vlisco befragt die afrikanischen Geschäftsfrauen regelmäßig, ihre Meinung führt oft zu Korrekturen an den Stoffen. Heute allerdings macht Madame Neimatou wie ihren Kolleginnen die Piraterie zu schaffen. Bei ihr kostet eine Stofflage, also sechs Yards, 60 000 Francs. Das sind knapp 100 Euro. Zehnmal so viel wie eine Lage chinesischer Raubkopien. „Viele meiner Kunden kaufen Vlisco als Wertanlage. Sie sammeln die Stoffe wie andere Leute Goldbarren“. Wenn, dann dürfe nur ihr persönlicher Schneider mit der Schere dran. „Das ist der Unterschied zum europäischen Markt. Wir verkaufen kaum pret-a-porter Kleidung. Vielmehr hat jede Frau ihren Schneider, zu dem sie die Stoffe bringt, und der ihr etwas einzigartiges näht. Jeder hier hat seinen eigenen Stil – niemand will das Gleiche tragen wie der Nachbar“.

Auch die Verkaufskanäle in Afrika unterscheiden sich grundsätzlich: „95 Prozent unserer Stoffe werden auf offenen Märkten verkauft. Die Großhändler beziehen sie von uns und verkaufen sie an Einzelhändler weiter.“ Vlisco habe zwar bereits drei Dutzend aufwendig gestaltete Flagstores in den afrikanischen Metropolen eingerichtet. Doch die hätten vor allem Image-Wert. Genauso wie die fertigen Handtaschen und anderer Chi-Chi, der dort ausliegt. „Unsere Stärke ist der Informationsaustausch mit unseren lokalen Händlern und Mitarbeitern. Sie wissen wo wir einen Laden am besten positionieren und wie wir ihre Attraktivität stärken“. So habe Vlisco etwa die Überdachung und Beleuchtung des offenen Stoffmarktes von Kinshasa finanziert. Und kostenlose Schneiderakademien eingerichtet. Hier bringt man talentierten Schneider nicht nur neue Schnitte und qualitativ hochwertige Arbeitsweisen bei – sondern bindet sie auch an die Geschäftsaktivitäten von Vlisco an. Von 2000 Vlisco-Mitarbeitern, sagt Ouwendijk, seien inzwischen rund 1900 in Afrika beschäftigt. So lasse man drei kleinere Labels in Ghana und der Elfenbeinküste produzieren: Die Marken GTP, Uniwax und Woodin sind preislich günstiger und zielen auf jugendliche Konsumenten. An dieses Klientel adressiert sich Vlisco auch virtuell: Viermal im Jahr entwirft das Team in Helmond neue Kollektionen, die jedesmal einen Sturm auf den Mode-Blogs in Afrika auslösen.

Die Mischung aus Afrika-Hype und westlichem Einfühlungsvermögen zieht. In den letzten fünf Jahren hat Vlisco seinen Umsatz beinahe verdoppelt. Angesichts dieser Erfolgsstory lassen sich die Regierungen in Nigeria und Kongo inzwischen ganz offiziell von Vlisco beim Wiederaufbau ihrer am Boden liegenden Textilindustrie beraten. Für Ouwendijk eine Win-Win-Situaion. Vlisco beziehe inzwischen nicht nur ein Drittel seiner Baumwolle aus Afrika. Das Unternehmen baue etwa in Nigeria auch örtliche Infrastrukturen von den Baumwollbauern über die Fabrikation der Stoffbahnen bis zum eigentlichen Textildruck auf. Dafür verzichteten die Afrikaner auf übertriebene Importzölle. „Sie haben am Ende zu Zoll-Korruption und illegalen Importen geführt, die der heimischen Industrie mehr schadeten als nützten“. Ouwendijk erwartet angesichts der neuen Import-Politik eine „Explosion“ der Umsäze in Nigeria und Kongo. Dass Kritiker Vlisco seines europäischen Firmensitzes wegen des „Neokoloniolismus“ beschuldigen – das findet der CEO „lächerlich“. „Wir haben in Afrika über eine Million Facebook-Fans“, sagt Ouwendijk. „Und wir sammeln dort mehr Likes als Nike, Apple oder jedes andere Unternehmen. Die afrikanischen Konsumenten fühlen, dass ihnen unsere Marke gehört, und nicht umgekehrt“.

JONATHAN FISCHER

In einer gekürzten Version am 15.6.2016 in der SZ

Mensch, Ibo! In der Lehre großartig, im Leben fast gescheitert: Wie ein Jugendlicher alle Hoffnungen enttäuscht und am Ende lernt, seine Wut zu kontrollieren

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Alle hatten Ibo aufgegeben. Der 17-jährige Sohn türkischer Immigranten sammelt Anzeigen wegen Prügeleien und Hausverbote wie andere Fußballbildchen. Er scheint nur einen Weg zu kennen: mit aller Gewalt durch die Mitte. „Du bist ein Scheiß-Pädagoge, von dir habe ich gar nichts gelernt – und außerdem höre ich dir eh nicht zu.“ Ibo sagt das zu mir, seinem vom Verein für Sozialarbeit bestellten Betreuer. Schmeicheln, fluchen, lügen, Gewalt androhen – Ibo scheint zu allem fähig. Manchmal nur, um die Hilflosigkeit zu bekämpfen. Die Ohnmacht, dieses Gefühl ausgeliefert zu sein, das Ibo nur allzu gut kennt, und vor dem er mehr Angst hat als vor physischen Schmerzen, vor Bestrafung oder Einsamkeit. Zugeben würde er das nicht: „Ich habe alles unter Kontrolle“, sagt er. Dann lacht er. Dann beschimpft er irgendjemanden. Wenn das alles nicht hilft, dann hat er immer noch seine Fäuste. Seine Fäuste, die ihm so viel Unglück gebracht haben.

  Ibo, der Kotzbrocken? Nein, im Gegenteil, es fällt schwer, den Jungen mit dem runden Gesicht und den lebhaften Augen nicht zu mögen. „Guten Morgen, die Dame“, „Schönen Tag noch der Herr“. Ibo ist ein großer Charmeur, wenn es ihm gut geht. Er hält älteren Mitmenschen gerne Türen auf. Erkundigt sich höflich nach Gesundheit und Familie. „Das Leben ist doch zum Lachen“, sagt er manchmal. Auch seine Vorgesetzten schätzen Ibos Aufgewecktheit. „Immer pünktlich, schnelle Auffassungsgabe, selbständiges Arbeiten“. Das sind die Worte, mit denen der Chef des Elektrobetriebs, bei dem Ibo in die Lehre geht, seinen Schützling beschreibt. Der Chef hat Ibos Lehrgehalt von sich aus verdoppelt – „damit er mir noch als Meister bei der Stange bleibt“. Würde man Ibos Persönlichkeitsprofil als zwei Konten malen – ein positives für seine Ressourcen, ein negatives für seine Probleme und Ängste: Er wäre wohl weit im Plus. Nur dass sich bei ihm die beiden Konten nicht aufheben. Sondern oft gegenseitig potenzieren: Es ist erstaunlich, wie Ibo es schafft, nach der Arbeit noch als Pizzabäcker zu jobben und um Mitternacht ins Fitnessstudio zu gehen. Seine Verbissenheit aber, der Vorsatz, niemals aufzugeben, wird ihm auf der Beziehungsebene zum Verhängnis.

  Ibo ist deswegen in der Jugendhilfe in München. Das Jugendamt stellt Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen, die von Elternhaus und Schule nicht aufgefangen werden können, einen Pädagogen zur Seite. Er hilft beim Umgang mit Lehrern, Vorgesetzten, Kollegen und beim Aufbau gesunder Beziehungen. In Ibos Fall: gewaltfreier Beziehungen. Manchmal geht es nur noch darum zu retten, was zu retten ist: „Ich schaffe es auch ohne dich“, brüllt Ibo mir zu, als ich ihn beruhigen will, seinen Namen wie ein Mantra wiederhole: „Ibo, wo bist du gerade? Schau mich an!“

  Ibo aber scheint nicht zuzuhören. Er schlägt um sich, springt durch sein Ein-Zimmer-Appartement, wirft Geschirr zu Boden. Dann den Plattenspieler. Ich stehe daneben und versuche so ruhig wie möglich zu bleiben – weil meine Worte Ibo nicht mehr erreichen, und ein Mensch im psychischen Ausnahmezustand das Zehnfache seiner normalen Körperkräfte entwickelt. Eine groteske Szene. Soll ich die Polizei verständigen? Oder probieren, was ich Ibo schon so oft gesagt habe: „Es gibt Dutzende von Antworten auf eine Herausforderung. Und jede ist besser als deine gewohnte Reaktion.“ Das soll blinde Routinen aufbrechen. Oder zum Spielen einladen – auch wenn die Situation todernst scheint: „Magst du nicht noch den Fernseher auf den Boden werfen?“, frage ich. Ibo stutzt. Lässt für einen Moment die Hände sinken.

Dann packt ihn wieder die Angst: Die Angst, dass seine Freundin ihn betrügen oder sitzen lassen könnte.

  Die Angst macht Ibo rasend. Er hämmert gegen die Wand, schreit, er „werde sie umbringen“. Sein Blick ist leer. Er ist nicht mehr da. Man würde ihn jetzt gerne daran erinnern, was in ihm steckt, was er kann. Doch der charmante junge Mann, den sein Meister am liebsten zu seinem Nachfolger ernennen würde – dieser Ibo ist jetzt verschwunden. Er steckt woanders, in einer anderen Zeit. Wer weiß, was gerade in ihm tobt. Vielleicht erlebt er sich gerade als Neunjähriger: Seine Mutter war gerade an Krebs gestorben, der Vater, rauschgiftsüchtig und gewalttätig, saß eine Gefängnisstrafe wegen versuchten Totschlags ab. Vielleicht ist er aber auch nur drei Jahre alt. Damals verteilte die Familie ihre drei kleinen Söhne auf verschiedene Familien. Ibo kommt zur Tante, sieht seine kranke und überforderte Mutter kaum noch.

  Schon damals, sagt Ibo, habe er gelernt, dass „es mir einen Kick gibt, Scheiße zu bauen“. Die Prügel seines Vaters, die Schulbesuche der Eltern, wenn er mal wieder einer alten Frau eine Handtasche entrissen, ein Fahrrad geknackt oder einen Mitschüler geschlagen hat, habe er regelrecht genossen: „Es war meine einzige Art von Zuwendung.“ Seine Stiefeltern versuchen, alles richtig zu machen. Ibo lernt bei ihnen erstmals gemeinsame Familien-Mahlzeiten kennen, seine Tante übt mit ihm Deutsch, schickt ihn zum Boxen. Ibo kann es kaum fassen, dass ihn sein Onkel die ersten Tage sogar auf dem Schulweg begleitet: „So etwas kannte ich nicht.“ Er musste schon als Fünfjähriger allein mit öffentlichen Bussen in den Kindergarten fahren. Dank der Nachhilfe der Stiefeltern schafft Ibo als erster Förderschüler Münchens auf Anhieb seinen Quali. Und doch reicht das alles nicht. Weil er sich niemandem unterordnen will, weil er weder daheim noch in der Schule Regeln einhält. Er ist 16 Jahre alt, als ihn die Stiefeltern in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche geben.

  Wenn Jugendämter in Heime und Betreuer für Jugendliche wie Ibo investieren, dann ist damit eine Hoffnung verbunden: Dass die Weichen noch einmal umgelegt werden können. Ibo geht deshalb zwei Mal die Woche in ein Anti-Gewalt-Training. Der Trainer, selbst ein Türke, ist für ihn zu einer Vaterfigur herangewachsen. Ali Cukur lässt Ibo boxen, er provoziert ihn dabei immer wieder, beobachtet, wie Ibo darauf reagiert. Und er nimmt ihn ernst, spricht mit ihm über seine eigenen Erfahrungen als Immigrantenkind. „Ibo“, sagt Cukur, „könnte ein gutes Leben haben, wenn er nur lernen würde, dass sich Vertrauen auszahlt.“

  Doch wie kann man Jugendlichen helfen, die um keinen Preis der Welt die Kontrolle abgeben wollen? Und für die „Hilfe“ so etwas wie eine Demütigung ist? Ibo erzählt von einem Schlüsselerlebnis: Das war 2010, er besuchte zusammen mit seinen Brüdern den Vater in Istanbul. „Eines morgens war mein Laptop verschwunden. Dafür hatte Papa plötzlich eine Menge Marihuana im Haus. Als ich ihn deswegen zur Rede stellte, schlitzte er sich die Pulsader auf. Ich kann mich genau an die Szene erinnern. Mein Cousin schrie, meine zwei Brüder weinten. Ich war fünfzehn und habe als einziger die Nerven behalten. Zuerst rief ich einen Krankenwagen, dann informierte ich meinen Onkel in Deutschland und tröstete gleichzeitig meine schluchzenden Brüder. Ich wusste: Niemand steht mir bei, ich muss für mich selbst sorgen.“

  „Brauchst Du Hilfe?“ Solche Fragen darf ich Ibo niemals stellen. Dann legt sich eine Stahlmaske über sein weiches Jungengesicht. „Nein, ich brauche keine Hilfe.“ Dieser Selbstschutz hat den kleinen Jungen einmal überleben lassen. Heute aber ist er dysfunktional. Loslassen – das bedeutet für Ibo: Untergang.

  Dazwischen keimt immer wieder die Hoffnung. Als Ibo eines Abends um elf bei mir klingelt und mit verweintem Gesicht vor der Haustür steht und über seine rasende Eifersucht reden will, ist das ein Vertrauensbeweis. Und ich muss aufpassen, dass das Fenster nicht wieder zuschlägt. Wir üben zusammen tief atmen. Und die Feuerkugel im Bauch spüren – ohne sie wegzumachen, ohne etwas zu tun. Vor allem in dem verzweifelten Moment vor dem Zuschlagen. Ibo will es anders machen. Als es ihm am nächsten Tag nach einem Streit mit der Freundin gelingt, einfach wegzugehen, klingelt mein Telefon. „Ich habe es geschafft“, schreit er ins Telefon. Ein paar Tage danach bringt er seinen älteren Bruder mit ins Café. Ibo, der sich als Beschützer seiner Brüder sieht, möchte, dass ich seine Ratschläge bestätige. Was tun, wenn man die Freundin vor Eifersucht schlagen will? Ibo ruft so laut, dass sich die Gäste am Nebentisch umdrehen: „Habe ich dir doch gesagt Alter, musst du atmen, Alter.“

  Aber in den entscheidenden Augenblicken ist kein Anti-Gewalt-Trainer, Betreuer, Vaterersatz da, der Ibo ans Atmen erinnert. Wenn Ibo dann überhaupt noch hören könnte. Es ist der übliche Streit mit der Freundin. Ibo will ihr Handy kontrollieren, er ruft sie bis zu hundertmal täglich an, hat panische Angst, verlassen zu werden. Wie könnte er das überleben? Sie versucht zu gehen, Ibo hält sie mit Gewalt fest. Einen Passanten, der dazwischen geht, bedroht und beleidigt er. Als die Polizei anrückt, hat Ibo den Tunnelblick: Er darf nicht aufgeben. Nie. Verzweifelt kämpft er gegen sechs Uniformierte, selbst als er schon am Boden liegt. Drei Monate später im Gericht hat er seine Fassung zurück. „Den Richter werde ich schon um den Finger wickeln“, scherzt Ibo vor der Verhandlung. Und weil er mal wieder glaubwürdig von „Fortschritten“ und der Reue über sein altes zerstörerisches Ich spricht, belässt es der Richter bei ein paar Dutzend Sozialstunden.

  Ibo glaubt sich in solchen Momenten selbst – auch wenn er weiß, dass er sein eigentliches Problem nicht gelöst hat: „Ich mache das nur, weil ich kein Selbstbewusstsein habe. Weil ich mich selbst nicht mag.“

  Ibos Leben steckt in einer Sackgasse: Eine Trennung von der Freundin? Die Hölle. Über die Gefühle zu seiner verstorbenen Mutter sprechen? Unmöglich. Therapie? Kapitulation. So denkt er. Und konzentriert sich auf den Kampf, den er nicht gewinnen kann. Immer öfter erscheint Ibo nicht zur Arbeit – stattdessen lauert er Tag und Nacht seiner Freundin auf. Er leistet seine Sozialstunden nicht mehr ab, kommt nicht zum Boxen, ist telefonisch kaum noch erreichbar. Treffen lehnt er ab: „Was nützt du mir schon?“ Ein letzter Besuch bei ihm: Ibo liegt auf dem Bett, das sonst so aufgeräumte Zimmer ein Verhau, überall ungewaschene Kleider, schmutziges Geschirr. „Ihr Wichser habt mich verraten“, spuckt er mir voller Verachtung entgegen, während ich das Messer auf der Kommode im Blick behalte. Es tut weh. Nicht die Wörter. Sondern, dass es so sinnlos enden soll.

  War alles umsonst? Ibo verlässt seine Wohnung, seine Lehrstelle, bricht alle Kontakte ab. Erst ein Jahr später erhalte ich ein Lebenszeichen, er ruft aus dem Büro seines Bewährungshelfers an. Er wolle reinen Tisch machen: „Ich musste erst ganz unten ankommen“, sagt er. Seine Freundin hat er aufgegeben, „aus Entkräftung“. Dafür versucht er sich mit Arbeit aufzurichten. Als Messevertreter für die Süddeutsche Zeitung nutzt er seinen Charme, um bis zu 100 Abos am Tag zu verkaufen. Danach macht er sich mit einer Autowaschanlage selbstständig, managt ein mittelständisches Unternehmen mit 70 Mitarbeitern. Ein sattes Monatseinkommen und sein Mercedes überzeugen ihn, „doch etwas wert zu sein“. Ibo traut sich wieder. Er lernt eine neue Frau kennen. Auch mit seinem Ziehvater, seinem Onkel, redet er wieder.

  Fragt man Ibo zwei Jahre später, wie er es geschafft hat, ein Leben ohne Gewalt zu führen, zögert er kurz: „Ich vermeide, die Wunde ständig wieder aufzureißen. Andere Menschen werden mir nie die Anerkennung geben können, nach der ich mich so sehne.“ Vielleicht sei das seine wichtigste Einsicht nach den vielen Jahren Betreuung: nicht so schnell zu reagieren. Den Feuerball erst mal im Bauch zu lassen. Nein, leicht falle ihm das nicht. Ibo tippt auf seinem Smartphone herum, liest eine SMS vor, die ihm sein Onkel geschickt hatte: „Das klingt“, sagt er, „als ob ich und meine ganze Arbeit nichts wert wären.“ Immer wieder hatte er den Impuls, darauf aggressiv zu antworten, immer wieder legte er das Handy zur Seite. Früher hätte Ibo seinen Ziehvater nach so einer Mail verprügelt. Nun sagt er: „Ich entschied, gar nicht zu antworten.“ Am nächsten Tag habe ihn sein Onkel angerufen. Ibo lacht. „Weißt du, was er gesagt hat? Ich solle die SMS vom Vortag nicht persönlich nehmen.“

JONATHAN FISCHER

SZ 28.5.2016

Neue Welle: Mit den Migranten kommen auch neue Popkulturen nach Europa und Deutschland – Hip-Hop aus dem Senegal, Pop aus Kurdistan, Techno aus Syrien. Das könnte viel verändern.

Fresh, also neu, aufregend und unerwartet: So definierte sich mal der Kern des Hip-Hop. Heute aber gilt Hip-Hop – neben Country – als eines der konservativsten Genres überhaupt. Aber war Hip-Hop denn nicht seit den frühen Charterfolgen Anfang der Achtzigerjahre weltweit expandiert? Und war es nicht genau der Clash der Kulturen – genauer gesagt: das Remix-Fieber karibischer Immigranten in der Bronx -, der das Genre zur größten Pop-Revolution der Gegenwart machte?

Nun bringt die Flüchtlingswelle ganz neue Einflüsse nach Europa. Auch nach Deutschland. Und gerade weil Hip-Hop musikalisch auf der Verarbeitung von Material aufbaut, das schon existiert, war er für Einflüsse von außen empfänglicher als jede andere Form der Popmusik. Er veränderte sich bei seiner weltweiten Ausbreitung vor allem inhaltlich in anderen Ländern meist viel aufregender als in Amerika oder auch Europa. Und wenn er dort in den immer gleichen Gangstergeschichten und Konsumprahlereien stagnierte, lag das auch daran, dass viele nicht realisierten, dass die spannendsten Geschichten heute in unmittelbarer Nachbarschaft spielen. Und nicht am Swimmingpool irgendeines Hip-Hop-Stars. Gerade weil jede Welle von Einwanderern neue Geschichten mitbringt. Oder kreiert. In Frankreich kann man das schon hören.

Das sind Geschichten, wie sie MHD erzählt. Ohne Plattenfirma hat der 21-jährige französische Rapper online eine gewaltige Fangemeinde um sich versammelt – ganz einfach, weil er etwas nie Dagewesenes produziert, einen afrikanisch-migrantischen Kontext ins Spiel bringt, aus dem sich Hip-Hop noch einmal ganz neu erfinden lässt.

MHD heißt eigentlich Mohamed Sylla, lebt bei seinen senegalesisch-guineischen Eltern im 19. Arrondissement in Paris, und hat bis vor Kurzem als Pizzalieferant gearbeitet. Seit ein paar Monaten sprengt er mit seinem „Afro-Trap“ – einer Mischung aus Südstaaten-Hip-Hop und afrikanischen Musikstilen – Netzrekorde. Allein sein „Afro-Trap Part 3“ alias „Champions League“ hat schon 34 Millionen Klicks gesammelt. Ein Billigvideo im Selfie-Stil: Zuerst sieht man drei schwarze Teenager auf einem Mofa den Bürgersteig entlangrollen. Dann kommt der Rapper ins Bild. Er tänzelt zusammen mit seinen Freunden daneben her, alle haben Handys in der Hand, tragen Fußball-Jerseys von Bayern München und Paris St. Germain: „Fuck, wenn du nicht zu meinem Team gehörst. Wir schlagen alle in der Champions League.“ MHD unterstreicht jede seiner Zeilen mit einer resoluten Handbewegung. Und alle machen mit. Ein großer übermütiger Straßentanz – Fußball und Hip-Hop als Anlass, das Leben und sich selbst zu feiern.

Mit seinen durchweg genau so schlicht produzierten Videos – der Einfachheit halber einfach „Afro-Trap Part 1“ bis „Afro Trap Part 8“ betitelt – kommt der Immigranten-Sohn aus der Pariser Vorstadt inzwischen auf insgesamt über 100 Millionen Klicks. Damit spielt er in der Liga von amerikanischen Superstars wie Kanye West, Jay-Z und Lil‘ Wayne. Und das obwohl – oder gerade – weil er nicht auf ein herkömmliches Pop-Publikum angewiesen ist. Auch wenn das wohl folgen wird, denn die Plattenfirma Capitol hat ihn gerade unter Vertrag genommen.

Es sind hauptsächlich andere Migranten und Migrantenkinder, die sich in seinen Songs über Fußball, das Leben in der Vorstadt oder neue Tänze finden. Sich selbst beim Rappen filmen, ein paar neue Moves ausprobieren und den Clip für die Freunde im Netz posten, tun sie schließlich alle. Wichtiger noch: Die jungen afrikanischen Migranten, die zu Hause die Musik ihrer Eltern hören, die mit nigerianischem Afropop, Coupé Decalé von der Elfenbeinküste oder kongolesischem Soukous aufgewachsen sind, interessiert die Hip-Hop-Orthodoxie aus Amerika nur noch wenig. So entstehen ganz neue Freiheiten.

In Frankreich wie in Deutschland gehörten Migrantenkinder einst zu den ersten Adepten der neuen Straßenkultur Hip-Hop. Nur dass französische Rapper und Breakdancer dank einer relativ großen afrikanischen Population vor Ort schon früh Brücken zum schwarzen Kontinent bauten. Ein Import-Export-Geschäft: So veröffentlichten Mitte der Achtzigerjahre die Abidjan City Breakers eines der ersten Hip-Hop-Alben Afrikas, andere Pioniere nannten sich die Bamako City Breakers oder die Dakar City Breakers.

Auf der anderen Seite stieg MC Solaar, ein in Senegal geborener Sohn tschadischer Eltern, zum ersten Hip-Hop-Superstar Frankreichs auf. Auch wenn man ihm seine Wurzeln nicht unbedingt anhörte: In seinem Fahrwasser bekam französischer Rap einen multi-ethnischen Anstrich, fanden Jugendliche, deren Familien aus der Karibik, aus Afrika und dem Maghreb emigriert waren, in Hip-Hop-Gruppen zusammen. Von der alten Heimat abgeschnitten, in Frankreich diskriminiert, übersetzten sie den Ghetto-Pessimismus der amerikanischen Kollegen.

Doch die Banlieue-Gangster behielten nicht das letzte Wort. Rapper wie der Malier Mokobe oder der Franco-Kongolese Baloji entwarfen eine Welt jenseits der Wut: optimistischer, lockerer, stolz auf die eigenen Wurzeln. Sie luden Popmusiker aus Afrika für ihre Platten ein und sahen ihre Migrationsgeschichte vor allem als Chance: Wenn Kanye West Otis Redding und Nina Simone verarbeitete, warum sollten sie nicht genauso selbstverständlich Grand Kalle und Bassekou Kouyate sampeln?

430x645Die neue Generation von Migranten-Jugendlichen kreiert aus den Versatzstücken ihrer Familiengeschichte im Do-it-yourself-Verfahren ihren ureigenen Sound: „Es fing letztes Jahr in den Sommerferien an“, erklärt Mohamed, „ich improvisierte einen Rap über einem Instrumental der nigerianischen Band P-Square und filmte mich dabei. Dann lud ich das Ganze auf einige soziale Netzwerke hoch.“ Afro-Trap Part 1: Den Namen habe er gewählt, weil er seine Reime meist über Trap-Beats, eine Hip-Hop-Variante aus dem amerikanischen Süden, schreibe, bevor er sie mit Afro-Samples und Dub-Effekten unterlege.

Mohamed erwartete sich nichts. Fünf Tage später war er eine Berühmtheit. Der Clip gehörte zu den meistgeklickten Videos in Frankreich. Bald machten die Kinder auf der Straße seine Handzeichen nach, französische Schülerdemos gegen das neue Arbeitsgesetz skandierten sein „Fais le mouv“, und selbst die Fußballer von Paris Saint-Germain fingen an, nach jedem Tor MHDs „Moula“ zu tanzen und verbreiteten Bilder davon über ihren offiziellen Twitter-Account. Faszinierend ist dabei der ureigene Slang, den der Rapper mit seiner Crew entwickelt hat. Ein Mix aus Straßen-Französisch, Bambara-Worten aus Mali und beninischen Fongbe-Phrasen.

So ähnlich könnte es bald auch hierzulande klingen. Die jungen Flüchtlinge, die gerade aus afrikanischen Ländern wie Gambia, Nigeria oder Somalia nach Deutschland kommen, bringen aufregende lokale Hip-Hop-Spielarten mit. Und auch die jungen Syrer und Afghanen haben ihre eigenen Sounds im Gepäck: Aus ihren Smartphones tönen mit Saz, Ghichak-Fideln und orientalischen Streichern angereicherte Reggaeton-Rhythmen. Kurdische Rapper sampeln Arabesk-Pop, rüsten dessen Schmachtgesänge für die Hip-Hop-Generation auf, während syrische DJs Techno-Beats mit Nomadentänzen mixen.

Allen gemein ist eine Ästhetik, bei der das gemeinsame Feiern mitsamt den Gruppenritualen im Zentrum steht. Eine malische oder afghanische Party ohne Kreistanz? Undenkbar! Allein schon wegen der jungen Demografie ihrer Herkunftsländer sind diese Migranten Vorboten einer Zukunft, in der Hip-Hop und irgendwann auch der Pop mehr und mehr nichtwestliche Elemente aufnehmen wird. Und das ist gut so. Durch die neue Vielfalt gewinnt auch die europäische und die deutsche Popkultur: Hip-Hop klingt wieder fresh.

JONATHAN FISCHER

SZ 3.6.2016

Selfie mit Thronsessel: Die Biennale in Dakar zeigt Kunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora – und setzt auf die Wiederverzauberung der modernen Welt

Es war ein Fehler, mit der National-Galerie des Senegal anzufangen. In Dakars Regierungsviertel Plateau, zwischen blühenden Bougainville-Bäumen und Kolonial-Architektur trifft man auf ein kurioses Kunstverständnis: Pastorale afrikanische Stilleben, lehmfarbene Akte, Banalitäten für das bourgeoise afrikanische Wohnzimmer. Nein, dann doch lieber ein Besuch beim schmiedeeiserenen Pavillon des benachbarten Kermel-Marktes: Hier erzählen die Stände, die frischen Fisch, aus Europa importierte Äpfel und typisch afrikanische Wachsstoffe anbieten, spannendere Geschichten über das postkoloniale Afrika. Wie überhaupt jeder Spaziergang durch Dakar die unvermeidliche Frage mit sich bringt: Ist das vielleicht Kunst? Oder doch nur ein bizarr zusammgezimmertes Kiosk, ein Zufalls-Arrangement von buntem Plastikmüll? Die afrikanische Großstadt ist eine große sinnliche Verwirrung. Überall die Zurufe fliegender Händler: „Pssst, mon ami“. Gebetsteppiche und Plastikuhren, Mini-Baobabs und Erdnüsse. Viel schwieriger ist es die Ausstellungsorte der Kunstbiennale Dak’Art zu finden. „Nehmen sie doch eines meiner Bilder“, bietet der Verkäufer an und wickelt das Hinterglasbild eines bunt bemalten Busses aus. Wenn nur alles so unkompliziert wäre! Beim Organisationszentrum der Dak’Art bekommt man den angeblich bereitliegenden Journalisten-Pass nicht ausgehändigt, stapft auf Anweisung der Sekretärinnen von einem Büro ins nächste, am Ende ist niemand zuständig. Senegalesische Bürokratie. Sie legt der größten und wichtigsten Schau zeitgenössischer Kunst in Afrika, immer noch Steine in den Weg, hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass Künstler ihre Werke und Kuratoren ihr Gehalt nicht bekamen.

Doch dann tritt unverhofft Simon Njami, der diesjährige Kurator der Biennale, aus einer der Bürotüren. Und gibt zu verstehen, dass er Ausreden wie „wir sind doch hier in Afrika“ schlichtweg nicht akzeptiere: „In vielen afrikanischen Köpfen lebt die Überzeugung, dass bestimmte Dinge für sie nicht erreichbar sind – und dagegen kämpfe ich. Njami, grauer Anzug, schwarze Sonnenbrille, versteht sich als Trickster, Vermittler zwischen den Welten. Es ist nicht seine Schuld, dass die rund 200 über die gesamte Stadt verteilten Off-Ausstellungen nach dem Flohmarktprinzip und ohne Auswahlverfahren laufen. Was er aber in der offiziellen Show in Dakar zeige, sagt er, würde er auch überall sonst auf der Welt zeigen. Als Kind kamerunischer Eltern in Lausanne aufgewachsen, und in Paris studiert, hat Njami einst den ersten Afrika-Pavillon der Biennale in Venedig gestaltet und zuletzt mit Ausstellungen wie „Die göttliche Komödie“ im Frankfurter Museum für moderne Kunst brilliert. Wenn es darum geht aus afrikanischer Perspektive in die eurozentrische Kunstblase zu stechen – dann ist er der richtige.

Für die Hauptausstellung der Dak’Art hat er einen spektakulären Ort gefunden: Die Ruine des alten Justizpalastes. Eine verwunschene Steinkiste, die seit zehn Jahren wie ein gestrandetes Schiff am südlichsten Zipfel Dakars unter einer Schicht dicken roten Staubes vor sich hin rottet. Ein Friedhof der Träume, so scheint es. Rundherum grasen Ziegen. Im Hof eines unverputzten Nachbarhauses rostet ein Cadillac vor sich hin. Nur ein Busbahnhof lockt ab und zu Menschen in diese abgelegene Ecke Dakars. Nun hat Njami das Geisterschloss für die Kunst aufgesperrt, und jede Menge junge und aufregende Gegenwartskünstler aus Afrika und der Diaspora eingeladen. Gut dass es keinen Eintritt kostet: So geht Njamis Konzept auf, die Kunst dem Dunstkreis einer Elite zu entreißen. Taxifahrer, Jugendgruppen, Familien mit Kindern nehmen die Stufen hinauf zu den blau gestrichenen Türen. Darüber prangt eine Gedichtzeile Leopold Senghors. Der erste senegalesische Präsident, Poet und Mitbegründer der „Négritude“ hatte mit der „Stadt im blauen Tageslicht“ den Optimismus des jungen unabhängigen Afrika beschworen.

„Ich sehe die Entzauberung der Welt als den schlimmsten Nebeneffekt des Fortschritts“, erklärt Simon Njami. Das diesjährige Biennale-Motto lautet „Reenchantements“. Wiederverzauberung. „Ursprünglich sollte der Fortschritt einmal den Menschen dienen, aber nun dient er nur noch sich selbst“. Das ist kein platter Kulturpessimismus – sondern spiegelt einen intellektuellen Diskurs, der Afrikas Ernüchterung 60 Jahre nach der Unabhängigkeit auch auf die Unzulänglichkeit westlich-materialistischer Ideen zurückführt. Kann die Konsum-Kultur diesen Kontinent wirklich voranbringen? Oder hat nur die dem Menschen eigene Spiritualität, das gemeinsame Lachen, Reden, Kämpfen die Kraft, den todgeweihten Exodus junger Afrikaner „mit diesen verdammten Booten“ aufzuhalten? Njami sitzt, einen Laptop auf dem Schoß, im spektakulären von Bäumen bestandenen Lichthof des alten Justizpalastes. Um ihn herum gruppieren sich unzählige Zimmer und Säle, deren Aufschriften noch an die frühere Funktion des Gebäudes erinnern: Oberster Gerichtshof. Justizverwaltung. Gefängnis. Staubige Fenster und rissige Kachelwänden geben den Installationen ein geisterhaftes Flair. „Alchemisten“ nennt Njami die Künstler. Sie allein hätten die Gabe, die verborgene Wildheit der Welt, ihre Magie, wie sie Kinder noch erfahren, für alle sichtbar zu machen.

Der Ägypter Nabil Boutros etwa: Seine Wolke aus aufgeblasenen Plastiktüten hängt unter der Decke wie eine Erinnerung an die nebligen Diskursblasen, die zwischen uns und der Erfahrung des direkten Sonnenlichts stehen. Mythisch-subversiv auch Lavar Monroes überlebensgroßer Don Quichotte. Pferd und Reiter bestehen aus Pappe und Holzabfällen. Eine listige Verkörperung des Kampfes gegen die Windmühlen der Kunstproduktion? „Kunst wird im Westen vor allem konsumiert“, sagt Njami. „Der Galerist erklärt dem Künstler aus welcher Richtung der Wind weht, und der hat die Wahl, mitzuspielen oder seinen Geldgeber zu verlassen.“ Spirituelle Kraft aber lasse sich nicht planen. Und erst recht nicht erklären. Und so leben die stärksten Werke von ihrer unmittelbaren Sinnlichkeit: Etwa der Steinschleuderwald des in Frankreich lebenden Immigrantensohns Kader Attia. Die primitiven Waffen wachsen aus verzweigten Baustahl-verstrebungen, Wurzelgeflechte des Widerstands, inspiriert von der Intifada in Palästina und den Aufständen des arabischen Frühlings. In einem anderen Saal gibt ein Thronsessel mit goldenen Schwingen eine Kulisse der Selbstherrlichkeit. Trotz Sperrkordel wird er immer wieder von jungen Senegalesen als Selfie-Motiv genutzt: Gibt es ein besseres Gefühl, als auf die andere Seite der Macht zu wechseln? Nebenan drängen sich auf mehreren Tischen hunderte von Holzfiguren: Die mit Zeitungsausschnitten beklebten Holz-Figuren des Nigerianers Abdulrazaq Awofeso sind nur grob geschnitzt – ein „work in progress“ – und was umfällt, bleibt liegen. Die Großstadt als Gemeinschaft im ständigen Umbruch.

Die Dimension der Gemeinschaft ist auch Njamis ureigenes Anliegen: Wirkt nicht gerade das überlieferte afrikanische Kunstverständnis, in dem Tanz, Theater, visuelle Zeichen und Musik in einem größeren sozialen Kontext zusammenspielen, heute aktueller denn je? Kunst – von Beuys Filz-Installationen bis zum Video einer Blutwaschung der Tunesierin Héla Ammar – verkörpere zwar immer eine universale Spiritualität. Und doch gebe es einen wesentlichen Unterschied zwischen afrikanischen und westlichen Künstlern: Ihre Arbeitsbedingungen. „Niemand kann sich in Afrika seinen familiären Bindungen entziehen. Es geht niemals nur um dich.“ Ein Familienessen absagen, weil man gerade von der Muse geritten wird? Kein Geld spenden, wenn ein Cousin Medizin braucht? Unmöglich! Natürlich stelle das auch eine Barriere dar. Er wolle die Härten eines Künstlerlebens etwa in Dakar nicht romantisieren. „Aber es ist doch viel interessanter zu sehen, wie man um die Barrieren herum manövriert, als einfach ein offenes Feld vor sich zu haben. So hat Kunst gesellschaftliche Konsequenzen: Weil sie sich reibt.“

Emigration, Immigration, das Eigene und das Fremde. Das Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die „Wiederverzauberungen“. So hat Francois-Xavier Gbré eine Leuchttafel, wie sie sonst Restaurants bewirbt, mit chinesischen Schriftzeichen bestückt: „Ich bin Afrikaner“. Ja, das Dakar überragende Monument der afrikanischen Renaissance stammt aus Korea, der Reis auf dem Markt aus Vietnam, viele der kleinen Motorräder aus China. Alexis Peskine zeigt gleich daneben eine Video-Inszenierung, dessen Helden die schwarzen Straßenverkäufer in Paris sind. Emigranten aus Westafrika. Wie Models tragen sie ihre goldenen Eiffelturm-Repliken als Kränze um den Kopf: Dornenkrone oder Anspielung auf die amerikanische Freiheitsstatue? Ziemlich spielerisch geht auch der Nigerianer Folakunle Oshun der Frage nach dem Eigenen an: Seine blaubemalten und an die Helme der UN-Truppen erinnernde Kochtöpfe hat er vor einer Wand von Reissäcken aufgereiht. Ihre Aufschrift: UNJ für United Nations of Jollof . Verschiedene afrikanische Nationalitäten reklamieren das ursprüngliche Rezept für roten Jollof-Reis für sich, in sozialen Netzwerken wird endlos über dessen „richtige“ Zubereitung gestritten.

Solche Diskussionen aber sind Njami zuwider: „Ich verachte die Idee der Authentizität“, erklärt der Kurator. „Sie begrenzt unseren Horizont.“ Ob Deutschland, Frankreich oder irgendein afrikanisches Land: Die Hybridisierung, der Austausch mit anderen Kulturen, sei seit hunderten von Jahren am Werk, schon lange vor der Kolonialzeit. „Wer sich trotzdem gegen die Sichtweise eines Anderen abgrenzt, der hat bloß nicht genug Vertrauen in die eigene Vision“. Ein Blick vor die Türen der Ausstellungshalle bestätigen Njami: Ob Wolof-HipHop aus vorbeifahrenden Taxis, oder die am Strand schwitzenden Jugendlichen, die Musikvideo-Posen und traditionellen Ringkampf trainieren: In Dakar geht es wie überall in Afrika vor allem um den richtigen Mix. Die Rekombination kultureller und spiritueller Kräfte. Ein Besuch im Freiluft- Atelier von Issa Samb alias Joe Ouakam, den Njami als den ersten modernen Künstler Afrikas bezeichnet, verläuft denn auch anders als erwartet: Schriller Free Jazz quäkt aus einem Recorder. Zwischen Baobab und Blätterhaufen wachsen Stühle übereinander zum Himmel. Eine Runde älterer Herren sitzt schweigend zusammen, während Joe Ouakam, weißer Bart, Baskenmütze, die drahtige Figur aufrecht wie ein König, in geraden Linien seinen Hof abschreitet: „Gehe ihm aus dem Weg“, erklärt sein Assistent, und legt den Baobab-Samen zurück, den man gerade mit einer unachtsamen Fußbewegung zur Seite schob. „Er erhält gerade eine Botschaft“. Nebenan rattert der Kran einer der vielen Hochhaus-Baustellen von Dakar.

JONATHAN FISCHER

in einer gekürzten Version in der SZ 27.5.2016P1020405