Neue Sounds in Sansibar

Kulturförderung ohne kolonialen Dünkel? Auf dem ostafrikanischen Archipel arbeiten Deutsche und Einheimische gemeinsam an einer Musik, die Tradition mit Pop verbindet. Ein Besuch in der Szene.

Wer Sansibar hört, denkt an weiße Strände, an hölzerne Dhaus, die mit Dreieckssegeln durch türkisfarbenes Wasser gleiten, an arabische Architektur und Gewürzplantagen. Vielleicht erinnert man sich auch noch an die dazugehörige Musik: Taarab-Orchester, deren Streichinstrumente in leierndem Auf und Ab melodramatische Gesangs-Arabesken verschleierter Sängerinnen unterfüttern. Für exotische Klischees ist die Insel immer noch gut. Aber Sansibar und „Street Credibility“? Taraab und Tiefstbässe? Das scheinen kaum verträgliche Begriffspaare. Doch sie liefern einem jungen, deutschen HipHop-Musiker mit seinem Sansibari-Partner das Rezept, die Insel aus ihrem musikalischen Dornröschen-Schlaf zu holen. Um den Sound des jungen Sansibar zu formen. Was ganz nebenbei einen heiklen Diskurs provoziert: Wann ist kulturelle Aneignung eine beidseitige Bereicherung? Wo fangen die Missverständnisse an?

Das „Stone Town Studio“ liegt etwas abseits des Souvenirgeschäft- und Touristenviertels. Bis man es in den engen labyrinthischen Gassen der Altstadt findet, hat man einige ehrenamtliche Guides in Messi- und Tupac-T-Shirts im Schlepptau. Zenji Boy wäre ihnen natürlich lieber, sagen die Jugendlichen, doch ihr lokaler Rapheld spielt noch nicht in der Fanartikel-Liga.

Keine Musik, keine Namenstafel, nicht einmal ein Klingelschild verrät das Studio im ersten Stock eines der typischen Souk-Häuser. Nur die vielen Schuhe an der Holztreppe deuten auf den Betrieb im ersten Stock hin. Oben winkt Kassim Omar alias Mash Marley, ein hagerer Rasta-Typ mit geschäftiger Miene, in den mit schweren Teppichen ausgelegten Aufnahmeraum. Die traditionellen arabischen Holzfenster sind zugemauert. Dafür schmückt ein Gemälde seines Helden Bob Marley die mit Stoffbahnen abgehängten Wände

Lange hat der populärste Hip-Hop-Star der Insel in einem Flughafenshop gearbeitet

„In meiner Jugend“ sagt Mash Marley, während er an seinem Mischpult hantiert, „galt Taraab als Musik für alte Menschen. Wir Jungen wollten damit nichts zu tun haben. Lieber imitierten wir amerikanischen HipHop.“ Aus Monitor Boxen dröhnt: Klassischer Boom-Bap, dazu bollernde Tiefst-Bässe und eine Taraab-Geige. Das klingt ein bisschen schräg. Aber auch nicht schräger als Kanye Wests Ethio-Jazz oder Jay-Zs Samples klassischer arabischer Musk. Zenji Boy nickt mit, er spielt Luftgeige dazu. Der Rapper ist Marleys und Herrmanns große Hoffnung. „Ich mache den Sound meiner Großeltern für eine neue Generation hip“, sagt er. Und diese Geige? „Die spiele ich selbstverständlich selber!“

Lange hatte der populärste HipHop-Star der Insel in einem Flughafenshop gearbeitet, seine Suaheli-Raps über Trap-Beats wollten nicht so richtig zünden. Bis ihm Herrmann und Marley, die beiden Betreiber der „Stone Town Studios“, mit einer Idee kamen. Warum nicht die klassischen Taarab-Instrumente Ganon, Violine und Oud für seine Musik verwenden? Er könne als Zenji Boy – Zenji wie Zenjibar, also Sansibar – den eigenen Kiez und dessen Kultur repräsentieren.

Zenji Boy nahm die Herausforderung an: Er studierte drei Jahre lang klassische Violine an der örtlichen „Dhow Country Music Academy“. Schrieb Lyrics, die Korruption und Machtmissbrauch der Eliten kritisieren („Mazabe“), oder mit Samples berühmter Taraab-Sängerinnen Kinderarbeit anprangern („Sikitiko“). Seitdem laufen seine Hits neben Jay-Z und Kanye West in den Pop-Radios. Demnächst steht die Veröffentlichung eines Taraab-Albums an und eine wegen Corona verschobene Tour durch Afrika.

Junge Hip-Hopper, die ihre traditionelle Musik wiederentdecken: Das passiert gerade auch in anderen Ländern Afrikas. Aber dass ihnen dabei ein deutscher Produzent unter die Arme greift, der selbst in der lokalen HipHop-Szene reüssierte? Das dürfte doch einmalig sein. Und wirft ein paar Schlaglichter auf die oft aggressiv geführte Diskussion um cultural appropriation.

„Vor fünf Jahren war ich in Ostafrika ein Popstar“, sagt Lorenz Herrmann mit leichtem Berliner Akzent. Kantiges Gesicht, verfilzte Afro-Frisur, Batikhose. Man könnte sich den einstigen Studenten der postkolonialen Ethnologie auch als Singer-Songwriter in einem alternativen Szene-Lokal in Kreuzberg vorstellen. Lorenz aber blieb nach einem Austausch-Jahr mit der Uni in Daressalam in der tansanischen Popszene hängen. Er studierte Posaune, besuchte lokale HipHop-Events und fing an, auf Kisuaheli zu rappen.

2015 feierte ganz Tansania seinen Hit „Shika Bomba“. Der sozialkritische Song dreht sich um die Dala-Dalas, die überfüllten Kleinbusse des öffentlichen Nahverkehrs. „Die Leute liebten mich dafür, dass ich als Deutscher auf Swahili rappe“, sagt Herrmann, der unter dem Alias Badani Poa, „Cooler Beduine“, firmierte. In einigen Radiosendern hätten die Hörer gar diskutiert, ob der Coole Beduine nicht doch Tansanier sei, der sich als vermeintlich Deutscher interessant machen wolle – bis sie ihn dann sahen. Lorenz zieht amüsiert einen Mundwinkel nach oben. Ja eine lehrreiche Zeit war das für ihn. Unerlaubte kulturelle Aneignung hätten ihm einige vorgeworfen. Oder Kolonialismus. Als ob er sich auf Kosten anderer bereichert hätte.

Dabei hatte der britische Soziologe Paul Gilroy diese Diskussion schon vor über 20 Jahren abgehakt. Schwarze Kultur schreibt er, sei eine Art Open Source Programm, an dem jeder mitschreiben könne. Produzent Mash Marley jedenfalls nahm Lorenz als Partner mit an Bord. Zusammen betreiben sie das Stone Town Studio mit dem Ziel, Strukturen zu schaffen, professionelles Management anzubieten. Die Rollenteilung: Marley hat die musikalische Vision und produziert. Sein deutscher Partner kümmert sich um internationale Kontakte, Finanzakquise und Management. Die künstlerische Kontrolle aber, das ist Lorenz gerade angesichts des Diskurses um „kulturelle Aneignung“ wichtig, bleibt bei den einheimischen Musikern. Zu ihnen gehört die Sängerin Siti Amina. Als gebürtige Sansibari hat sie es geschafft, ihren Platz irgendwo zwischen Beyoncé und traditionsbewusster Muslima zu finden. Sie trägt auf der Bühne lange Kleider zu Lippenstift und Diadem.

Amina spielt als einzige Frau das „Männerinstrument“ Oud

Für das Interview in einem Café in Stonetown ist sie ungeschminkt und ohne Schleier gekommen. Amina gilt seit einigen Jahren als Aushängeschild der revitalisierten Taraab-Szene. Ihr Funk-lastiger Sound zielt auf eine jüngere Zuhörerschaft. Wie ihr Vorbild Bi Kidude vor 100 Jahren verkörpert sie die selbstbewusste Rebellin: „Kidude war eine große, ungehemmte Frau“, sagt Siti Amina, „sie sang barfuß und rauchte Zigaretten“. Amina geht noch weiter: Sie spielt als einzige Frau das „Männerinstrument“ Oud.

Ihr Handwerk hat sie an der Dhow Country Music Academy gelernt, die Institution, aus der die gesamte junge Popszene der Insel hervorgegangen ist. Geleitet wird sie von einer Italienerin, die auf Sansibar in einer der großen historische Kolonialvillen in Hafennähe die erste Musikschule Ostafrikas mit Schwerpunkt auf den Erhalt örtlicher Traditionen betreibt. Sie lebt allein von Crowdfunding. Und von der Unterstützung durch westliche Besucher.https://tpc.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

Zuletzt hatte hier die britisch-ghanaische Band Onipa kurz vor dem Corona-Lockdown mit Siti Amina und anderen heimischen Musikern einen zweiwöchigen Workshop abgehalten. Der Austausch hat Aminas missionarischen Geist beflügelt: „Warum“, sagt sie, „sollten wir Jungen nicht Sessions in den Schulen abhalten? Wir könnten auf diese Weise die Gesellschaft Sansibars verändern.“ Früher hätten ihr Produzenten in Tansania geraten, ihren Sound doch bitte westlichen Formaten anzupassen. „Ich habe mich geweigert. Und nun bin ich zum Rollenmodell einer jungen Generation herangewachsen, die ihre Traditionen gerade wiederentdeckt.“

Lorenz Herrmann, nebenbei auch Manager von Siti Amina, schätzt die Sängerin nicht nur als Musikerin. Amina sei auch emanzipiertes Vorbild für junge Mädchen und Frauen. Schon länger laufen in den Stonetown Studios Workshops nur für weibliche DJs – unter dem Namen „Stonetown Sisterhood“. Gerade planen Herrmann und Amina eine „Empowerment-Kampagne“, für die sie mit anderen weiblichen Künstlern durch die Dörfer Sansibars ziehen soll, um mit ihren Auftritten Aufklärungsarbeit zu leisten.

Die Zukunft seines Studios aber sieht er international: Die Berliner Global Bass Band Symbiz, die ugandische DJane Atim Catu, aber auch die amerikanischen HipHop-Größen Reallionaire und Akua Naru haben bereits bei ihm mit lokalen Künstlern aufgenommen, um anschließend Masterklassen für den Sansibari Nachwuchs zu geben.

Dieses Modell will Lorenz nun unbedingt ausweiten. Und in Zukunft gezielt auch deutsche Musiker dazu bewegen, in mehrwöchigen Workshops und Gastdozenturen Kulturförderung zu betreiben. Natürlich nur in einer politisch unbedenklichen Form: „Am Ende profitieren immer beide Seiten“, sagt Herrmann. „Gäste geben ihre Skills an lokale Künstler weiter – dafür bringen sie etwas vom Taraab-Flavor aus Sansibar zurück

JONATHAN FISCHER

SZ 23.9.2020

„Na, biste am Händchenhalten?“

Der Autor und Streetworker JJ Bola erklärt, dass die Idee des dominanten Mannes ein Hindernis für Nähe ist, wie Männer unter überholten Klischees leiden – und warum Gangsta Rap ein Teil des Problems ist.

Interview von Jonathan Fischer

In Zeiten von Trump, „Me Too“ und der von männlichen Machtfantasien getriebenen Attentäter wird der Begriff „Männlichkeit“ oft mit Adjektiven wie „toxisch“, „fragil“ und „überholt“ verbunden. Das verunsichert viele Männer. Der in London lebende Autor und Sozialarbeiter JJ Bola flüchtete im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus dem Kongo, wuchs in Tottenham auf, studierte Psychologie und Kreatives Schreiben. In seinem Buch „Sei kein Mann“ untersucht er, wie Männer alte, von populären Mythen gespeiste Formen der „Männlichkeit“ verlernen können.

Herr Bola, Jahrzehnte des Feminismus haben alte Männerklischees längst aufgeweicht, denkt man. Warum sie jetzt noch einmal ins Gespräch bringen?

JJ Bola: Der feministische Diskurs hat Erfolge für Frauen gezeitigt, das zeigt schon das öffentliche Interesse an der „Me Too“-Debatte. Wir müssen aber einmal darüber sprechen, dass Männer nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer ihrer Selbstbilder sind. Wenn man ihnen die alten Rollen nimmt und keine neuen anbietet, dann bleibt vor allem Verunsicherung, Wut, Leiden. Ich arbeite seit vielen Jahren in London in der Sozialarbeit für Männer mit psychischen Problemen. Da erlebe ich, dass wir Männer viel verletzlicher sind, als wir zugeben. Unsere Selbstbilder verursachen enormes Leiden.

In welcher Hinsicht?

Schauen Sie nur, wieviele Männer unter Depressionen und anderen seelischen Krankheiten leiden. Männer werden mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit als Frauen obdachlos, drogenabhängig, gewalttätig oder bringen sich um. Und das alles weil sie es nicht schaffen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Weil sie glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Weil sie in ein Bild passen wollen, dass sie und andere Männer für sich geschaffen haben. Ich selbst habe das als Jugendlicher praktiziert: Nach außen gab ich stets den gutgelaunten Sonnyboy – und ließ mir um keinen Preis anmerken, unter welchen inneren Qualen ich wirklich litt.

Sie haben eine Rolle gespielt, die Sie von sich selbst abgeschnitten hat?

Pausenlos. Das kostete eine Menge Kraft: Immer auf der Hut zu sein, vor dem vermeintlichen Rollen-Versagen. Dabei war ich ein sportlicher Typ, spielte Basketball in der nationalen Liga, und wusste, welche coolen Codes und Gesten ich als Mann zu benutzen hatte, um den Respekt der anderen Jugendlichen in meinem Brennpunkt-Viertel zu gewinnen. Ich hatte keine Ahnung, dass Männlichkeit in verschiedenen Kulturen und Kontexten auch ganz anders aussehen könnte….

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Situation, wo ihre kongolesischen Männer-Freunde ihr Rollenbild unabsichtlich ins Wanken brachten…

Ja, das war eine extrem peinliche Situation für mich. Eine Gruppe älterer kongolesischer Männer aus unserer Kirchengruppe hatte mich eingeladen, mit ihnen zu einem dieser „Onkel“ daheim essen zu gehen. Ich freute mich außerordentlich. Bis wir in die Hauptstraße in Tottenham einbogen, wo ich sonst mit Jugendlichen aus einem komplett anderen sozialen Umfeld abhing. Ich hatte wie immer Hoodie, Sporthose und Nike Air Force 1 Schuhe an. Meine Begleiter aber waren nach kongolesischer Mode in farbenfrohe und exzentrische Designs gekleidet, und zogen durch ihre lauten Gespräche und Gelächter viel Aufmerksamkeit auf unsere Gruppe. Schon aus der Ferne starrten uns Passanten an und zeigten auf uns. Was für mich noch schlimmer war: Wir gingen in Zweierpaaren, so wie das unter kongolesischen Männern üblich ist, Hand in Hand. Ich bemerkte die verwirrten bis von Ekel geprägten Gesichtsausdrücke einiger Jugendlicher aus der Siedlung, die besonders mich und meinen Begleiter musterten. Am liebsten hätte ich mich unter meiner Kapuze versteckt. Und dann rief einer von ihnen in meine Richtung: „Na biste am Händchenhalten?“

Es war als ob in diesem Moment all der Respekt, den ich mir als großer, muskulöser Mann verdient hatte, all die Stärke, die ich immer nach außen demonstriert hatte, in Luft auflöste…

Weil Sie gegen das ungeschriebene Gesetz der Straße verstoßen hatten, als Mann keine Weichheit zeigen zu dürfen?

Ich hatte damals noch nicht das Selbstbewusstsein von heute. Und ich war wie so viele Jugendliche in dem Glauben aufgewachsen, dass bestimmte Verhaltensweisen für heterosexuelle Männer tabu seien. Mein Ideal war der coole, dominante und distanzierte Macker. Das ging so weit, dass ich nicht nur keine Tränen oder emotionale Rührung zeigen durfte. Es war auch unmöglich, mich zu entschuldigen – selbst wenn ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht habe. Das Erstaunliche dabei: Ich war von meinen Eltern überhaupt nicht auf diese Weise erzogen worden…

Sie haben dann aber doch im Geheimen Strategien entwickelt, um mit ihren Anteilen, die nicht in dieses Macker-Muster passten, klar zu kommen….

Ich fühlte als junger Mann eine Depression, die auch daher rührte, dass ich meine weichere Seite nicht ausdrücken konnte, niemanden zum Reden hatte. Mein Eindruck war: Als Mann musst du das alles mit dir selbst ausmachen. In dieser Situation war es meine Rettung, ein Tagebuch zu schreiben. Und dadurch meine eigenen Gefühle zu verstehen….

Später haben Sie angefangen, auch Gedichte zu schreiben. Bis heute haben sie drei Bände mit Lyrik veröffentlicht…

Diese Gedichte waren meine Art, mich zu zeigen. Wenn ich bei einer Lesung meine Männer-Fassade mit meinen Selbstzweifeln, meinem Liebeskummer oder meinen Empfindlichkeiten kontrastierte, kamen anschließend Männer zu mir und bedankten sich: Du hast genau ausgedrückt, wie wir uns fühlen. Wir hatten bisher nur noch keine Worte dafür gefunden…

Was hat Sie motiviert statt noch mehr Gedichten, ein Selbsthilfe-Buch für Männer zu schreiben?

„Sei Kein Mann“ bringt verschiedene Fäden meines Lebens zusammen: Ich hatte Psychologie studiert, arbeitete an der Schule mit pubertierenden Jungs, und kannte als Spieler einer hochklassigen Basketballmannchaft auch all diese Männer-Gespräche, die man in der Kabine oder im Tourbus miteinander führt. Da wusste ich: Wir Männer sehnen uns nach Intimität, echtem Austausch.

Und das ausgerechnet im Basketball-Team? Ist der Leistungssport denn nicht die Arena für Macho-Gehabe schlechthin?

Nein, ganz im Gegenteil: Ich habe hier mit anderen Männern über Bücher oder Filme reden können, die uns etwas bedeuten. Gerade weil wir uns gegenseitig nichts beweisen mussten, schien da oft eine sehr sensible Seite durch. Man braucht als Junge immer andere Männer außerhalb der eigenen vier Wände, an denen man sich als Vorbild orientiert.

Wo haben sie diese Vorbilder gefunden?

Eine der ersten Stolpersteine für mein Straßen-Ideal von Männlichkeit war ein Song von Tupac, den ja viele nur als Gangster-Rapper kennen….

… der aber, bevor er sich sein hyper-maskulines Image zulegte, eine Kunst-Akademie besucht und Ballett getanzt hatte….

Ja, die meisten seiner Fans wissen das nicht, aber wahrscheinlich macht ihn gerade diese Ahnung einer Ambivalenz bis heute so attraktiv. Mich jedenfalls erwischte als Jugendlicher sein Song „Keep Your Head Up“ wie eine Erleuchtung. Da mahnt Tupac, Frauen mit Respekt zu behandeln, fragt er, warum Jungs, die einst von einer Frau geboren und großgezogen wurden später andere Frauen vergewaltigen, misshandeln, ihnen Babys machen und die jungen Mütter alleine lassen… So etwas hatte ich im Mainstream-HipHop noch nicht gehört. Sonst begegneten mir da eher zynische, misogyne Songs. Wie etwa „Mask Off“ von Future, das mir als Titel für die englische Orginalausgabe meines Buches diente.

Sie sagen, man müsse als Junge Glück haben, um in seiner Umgebung auf starke Männer zu stoßen, die andere Männlichkeits-Ideale als die der Populärkultur vorleben…

Ich hatte wirklich Glück mit meinem Basketballtrainer. Ein Zwei-Meter-Hüne von Mann, mit noch breiterem Rücken wie ich und einer durchdringen Bass-Stimme. Aber so streng er auch im Training war, so sanft und zugewandt zeigte er sich als Mensch. Du konntest ihm mit jedem Problem kommen – er nahm dich dann zur Seite, um mit dir zu reden. Vor allem aber lebte er uns vor, was Respekt bedeutet, Respekt auch vor Frauen. Heute dient mir mein ehemaliger Trainer als Vorbild für meine eigene Arbeit als Basketball-Coach: Denn du kannst junge Menschen über eine persönliche Bindung nachhaltig beeindrucken.

Sie schreiben, dass Männlichkeit an vielen Orten viel fluider und vielschichtiger gelebt wird, als das binäre System, das uns unsere Kultur aufzwingt. Haben Sie da von ihrer Migrationsgeschichte profitiert?

Auch wenn ich als Jugendlicher noch nicht dazu stehen konnte: In der kongolesischen Kultur gelten tatsächlich etwas andere Männlichkeits-Ideale: So ist es selbstverständlich, dass Jungs ihre Kleider waschen und flicken und alles dafür tun, um sauber und ordentlich auszusehen, gepflegte Mode gehört zu unserer Kultur… Du hast als Mann auch Kochen und viele der Haushaltsarbeiten gelernt, die anderswo als Frauensache gelten. Bis heute liebe ich es, zu Bügeln. Ich kann das stundenlang zelebrieren….

Mindestens ebenso vermint ist das Feld der Sexualität zwischen Männern und Frauen. Sie schreiben von diesem enormen Druck, als Mann, erlernten Vorstellungen folgend „richtig zu performen“….

Diesen Druck sieht man ja schon daran, dass sexuelle Auschweifungen von Männern meist von ihresgleichen bewundert wird, während Frauen mit ähnlichem Benehmen als „Schlampen“ und „Huren“ gelten. Immer noch wird der sexuelle Trieb als männlich konnotiert. Dabei haben Frauen sicherlich nicht weniger Lust, aber vielleicht andere Vorstellungen, wie sie gelebt werden sollte. Die Idee des „dominanten Mannes“ jedenfalls habe ich immer wieder als Hindernis für wahre Intimität erlebt. Viele Männer erlauben sich nur über Sex eine gewisse Intimität zu erleben. Warum aber gilt ein Mann als schwach, wenn er gerade nicht auf Sex steht? Warum darf er nicht andere Arten der Verbindung eingehen? Wir Männer habe da eine toxische, fast pornographische Erwartungshaltung an uns selbst….

Ist diese Angst vor Nähe nicht noch größer wenn es um Intimität oder Offenheit zwischen Männern geht?

Die group pressure ist in dieser Hinsicht gewaltig. Oft hängen junge Männer, die ihresgleichen Komplimente machen, zur Sicherheit den Nachsatz an: „Ist jetzt nicht schwul gemeint“. Als ob man als heterosexueller Mann keine Form von Weichheit oder Liebe zeigen dürfte. Ständig ist da diese Angst: Wer bin ich, wenn ich mit meinen eher femininen Anteilen in Berührung komme?

Diese Unsicherheit hat zusammen mit dem Einfluss der Religion zur Ablehnung und Verfolgung von schwulen oder Bi-Männern beigetragen. Das beinhaltet auch: Die Verteufelung jeder freundschaftlichen Berührung unter Männern.

Sie schreiben von panischen Gefühlen, als der kongolesische Onkel sie damals an der Hand nahm.Wie würden Sie heute in der selben Situation reagieren?

Inzwischen habe ich ein ganz anderes Standing. Ich muss nicht mehr vor anderen Männern eine Vorstellung geben, meine Männlichkeit beweisen. Aber es gehört eben, gerade als Jugendlicher, ein enormes Selbstbewusstsein dazu, nicht mehr in diese Norm passen zu wollen.

Was raten Sie jungen Männern, um dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln?

Schreibt Tagebuch! Haltet eure Erfahrungen fest, um euch selbst besser zu verstehen, dann verlieren die stereotypen Rollenbilder von selbst an Anziehungskraft. Seid bereit, in Therapie zu gehen, um Eure traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten. Und hört endlich mit der Schauspielerei auf. Es gibt einen Satz, den ich Männern immer wieder mitgebe: Wenn ein Freund dich nicht so akzeptiert wie du bist, dann ist er nicht dein Freund. Wenn jemand dich aber als Menschen wirklich schätzt, bedeutet das : Du darfst du selbst sein.

Das klingt so einfach. Verdrängen Sie da nicht den Einfluss der sozialen Medien, die uns konstant mit ihren Männlichkeits-Idealen bombardieren?

Die sozialen Medien wecken besonders bei meinen jüngeren Klienten riesige Erwartungshaltungen und gleichzeitig riesige Ängste. Auch was das Äußere betrifft. Da werden Körperbilder propagiert, die bestenfalls Berufsathleten hinbekommen, die aber für die Mehrheit unerreichbar sind. Das ist Gift für das eigene Selbstbewusstsein. Bei vielen Männern, die sowieso schon Probleme mit sich haben, verstärken sie das Leiden noch.

Gibt es einen Unterschied wie Sie als schwarzer Mann – im Gegensatz zu Weißen – solchen Stereotypen begegnen?

Schwarze Männer werden in westlichen Medien oft als aggressiver, wütender und sexuell getriebener dargestellt – ein Bild, das so gar nicht in die kongolesische Kultur passt, aus der meine Familie kommt. Manchmal gestehen mir Menschen, dass sie Angst vor mir hatten, bevor sie mich angesprochen haben. Gangsta Rap ist ein Teil des Problems. Aber auch populäre Figuren aus Mafiafilmen, die manche jungen Männer als Vorbilder für ihr privates Beziehungsverhalten missverstehen. Die Mainstreamkultur verkauft männliche Gewalt. Das wäre kein Problem, wenn sie gleichzeitig auch Gegenmodelle anbieten würde…

An welche Modelle denken Sie?

Jazz zum Beispiel ist genauso sehr ein Teil schwarzer maskuliner Kultur wie HipHop, aber mit etwas anderen Männlichkeits-Idealen. Auch die Sänger im K-Pop mit ihren geschminkten Gesichtern stellen unsere binären Stereotypen in Frage. Ich habe gelernt, dass in anderen Kulturen so viel mehr Schattierungen der Männlichkeit existieren, als wir glauben. Da hat das Internet dann wieder sein Gutes: Du findest heute auf Youtube alle möglichen Kanäle von jungen Menschen, die Plattformen für verschiedene Formen von Männlichkeit kreieren. So muss sich niemand mehr so ausgesondert fühlen wie früher.

Haben Sie nicht trotzdem die Befürchtung, dass das Wortspiel im Titel Ihres Buches „Sei Kein Mann“ auf verunsicherte junge Männer abschreckend wirken könnte?

Letztlich geht es doch darum: Diese ganze „Sei ein Mann“-Nummer als unnötige Quälerei zu entlarven. Warum sich nicht einfach mit sich selbst entspannen? Da kommt doch erst die wirkliche Stärke eines Mannes zum Tragen.

In gekürzter Form erschienen in SZ vom 8.9.2020

MUSIK FÜR DEN GLOBALEN KAMPF Von Soweto nach London: Das Projekt „Keleketla!“ spannt das DJ-Duo „Coldcut“ mit südafrikanischen Musikern und Veteranen der Protestmusik zusammen

Keleketla! bedeutet in der südafrikanischen Sepedi-Sprache so viel wie „ich höre“. „Keleketla!“ antworten die Zuhörer den Eröffnungen eines traditionellen Geschichtenerzählers, eine Beschwörungsformel, die über das Spiel von Ruf und Antwort eine Gemeinschaft herstellt. Wenn nun das für elektronischen Flow berüchtigte britische DJ-Duo Coldcut ein Projekt auf diesen unhandlichen Namen tauft, dann muss einige Ruf-und-Antwort-Energie zwischen Mikrofonen, Mixer und Laptops geflossen sein. Und zwar dort, wo das Wort herkommt: In Südafrika, genauer gesagt im Laden einer Kunst- und Bürgerinitiative in Soweto, an einem Ort also, der gemeinhin mit einem der größten und konfliktbeladensten Ghettos des globalen Südens gleichgesetzt wird.

  Tatsächlich waren es die südafrikanischen Aktivisten, die sich die Londoner Musiker holten und nicht umgekehrt. Die Keleketla Arts Initiative aus Johannesburg hatte die beiden britischen DJs als Wunschpartner auserkoren, um ein Album für die britische Charity „In Place of War“ einzuspielen. Und Coldcut ergriffen ihre Chance. Schließlich hat sich das Verhältnis zwischen westlichem Pop und afrikanischer Musik längst gedreht. Nicht die Afrikaner brauchen Nachhilfe aus dem Westen. Die Stars aus Europa und Amerika suchen hier ihren Jungbrunnen. Da befinden sich Coldcut mit Damon Albarn, Robert Plant oder Doctor L in guter Gesellschaft.

  Was die kommerzielle Zugkraft solcher Projekte betrifft, sind die Namen aus dem Westen dann doch wichtig. Coldcut hatten bereits seit den Achtzigerjahren mit Sample-Orgien und Remixen Furore gemacht. Afrodiasporische Musik zwischen Reggae, Funk, Hip-Hop und Jungle lieferte die Zutaten. Vor allem aber hatten die beiden DJs immer ein Ohr für genreübergreifende Synergien. Da gab es bezaubernde Flöten und arabische Gesangssamples auf ihrem Remix von Eric B und Rakims „Paid In Full“. Oder Verschneidungen von jamaikanischen Bässen, technoiden Rhythmen und Soul-Vocals, die sie auf ihrem ureigenen Ninjatune-Label pflegen.

  Die Gastgeber aus Soweto wussten, warum sie sich Coldcut ins Boot holten. Südafrika hat einen Reichtum musikalischer Traditionen zu bieten, von warmen Chorgesängen über melodischen Jazz bis zu lokalen House- und Elektro-Versionen. Und die Briten würden nicht als Kolonisierer kommen. Vielmehr atmet das ganze Projekt den Geist einer aufrichtigen Kollaboration. Bei der Musikerauswahl berieten die südafrikanischen Avantgarde-Label-Betreiber Mushroom Hour Half Hour. Und niemals drängen sich elektronische Ego-Trips in den Vordergrund. Nein, es sind die Stimmen der afrikanischen und afrodiasporischen Musiker, die die Musik wesentlich prägen. Sie singen in ihren Muttersprachen und teilen sich die Songwriting-Credits. Einen ähnlichen Ansatz hatte bereits Damon Albarn mit seinem Africa-Express-Projekt in Johannesburg verfolgt. Nur holt Keleketla! noch weiter aus. Auf die Ursprungsaufnahmen in Soweto im Jahre 2017 folgten zwei Jahre lang weitere Sessions in London, bis 2020 endlich der letzte Beat, der letzte Overdub abgemischt war.

  Überlang mutet auch die Liste der Gastmusiker an. Doch wenn man das Album Song für Song durchhört, stimmt die Besetzung punktgenau. Und zwar nicht nur was die musikalischen Einzelteile angeht. Sondern auch für die alles überwölbende Keleketla!-Botschaft. Coldcut haben da politisches Gespür bewiesen. So luden sie einige Veteranen der Message Music hinzu, unter anderem Fela Kutis einstigen Keyboarder Dele Sosimi und dessen Schlagzeuger und Bandleader Tony Allen. Auf fünf von neun Tracks bringt der im April verstorbene Allen seinen unwiderstehlich synkopierten Afrobeat ins Spiel. Dazu rappen die Hip-Hop-Urahnen der Watts Prophets befeuert von den Bläsern von Antibalas aus Brooklyn. „Freedom Groove“, das könnte alternativ auch der Name des ganzen Projektes sein. Dazu kommen südafrikanische Legenden wie Bassist Thabang Tabane, der neben dem Kapstädter Elektro-DJ Mabheko die Grundlage für die Improvisationen junger Londoner Jazzer von Joe Armon-Jones bis Shabaka Hutchings legt.

  Ebenso historisch aufgeladen sind einige der Songtitel: „Future Toyi Toyi“ bezieht sich auf einen gestampften Tanz, der einst als Zeichen des Widerstands die Anti-Apartheids-Proteste befeuerte. Tony Allens gummiballartige Beats wirbeln da Flöten- und Gitarren-Sprengsel mit sich, während das südafrikanische Hip-Hop-Kollektiv Soundz of the South traditionelle Kampfslogans chantet: „Forward with the struggle!“ Immer wieder sind es Allens rollende, schnurrende, von Synkope zu Synkope federnde und dabei immer leicht variierende Perkussionsschleifen, die zusammenbinden, was sonst in ein halbes Dutzend Genres und Erdteile auseinanderfallen würde. Etwa in „Papua Merdeka“. Michael Kiwanukas Gitarrist Miles James untermalt da neben der südafrikanischen Kernband die klagenden Stimmen der Lani Singers und die Spoken Word Einlagen des Politaktivisten Benny Wenda zur Befreiung des von Indonesien annektierten West-Papua.

  Die Kanten aber setzt die Elektronik von Coldcut. Die Briten verstehen es, die akustischen Parts raffiniert mit ihren elektronischen Tiefstbässen zu konterkarieren, unschuldig klingende Folkgesänge mit technoiden Dub-Effekten aufzurüsten.

  Könnte „Keleketla!“ die Blaupause für zukünftige Nord-Süd-Kooperationen abgeben? Wenn man so viel Soul und Leidenschaft investiert wie Coldcut: Unbedingt! Drei Jahre des Zuhörens, Bewertens, Umschichtens und Kombinierens stecken in dem Projekt. Manchmal erstickt so viel Sorgfalt die Spontaneität. „Keleketla!“ aber hat zwischen den staubigen Straßen Sowetos und dem Londoner Studio nichts von seiner Frische eingebüßt. Weltmusik ist ja als Begriff schon länger diskreditiert. Coldcut allerdings sind von jeder Wohlfühl-Exotik weit entfernt. Im Gegenteil: „Keleketla!“ liefert die bisher raffinierteste Kampfmusik für unsere Gegenwart.

JONATHAN FISCHER

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KLIMA-KAMPF DER UNSICHTBAREN Kein Kontinent leidet unter der Erderwärmung so wie Afrika. Die Umweltaktivisten dort fühlen sich allerdings von ihren Regierungen und vom Westen im Stich gelassen

Vergangener Herbst am Rande einer Staubpiste in Bamako: Fousseny Traoré reckt ein selbstgemaltes Schild in die Höhe. Man muss nahe herangehen, um die dünne Handschrift zu entziffern: „Handelt endlich, sonst nehmen wir Jungen das auf unsere Weise in die Hand!“

  Ein paar Dutzend Schüler und Studenten in Warnwesten begleiten ihn, drängen sich zwischen überladenen Kleinbussen, Mofa-Trauben und Lastenträgern. „Unsere Generation. Unser Planet. Unsere Zukunft!“, ruft Traoré in sein Megafon. Und: „Stoppt den Klimawandel jetzt.“ Parolen also, die an diesem Tag auch viele Millionen Menschen so oder so ähnlich in München, Paris oder Sydney skandieren, wo Rundfunk, Fernsehen und Zeitungsreporter breit über den globalen Klimastreit der Aktivisten von „Fridays for Future“ berichten. Während in westlichen Großstädten allerdings Soundanlage, Bühne und Ordner selbstverständlicher Teil eines solchen Medienereignisses sind, müssen sich Traoré und seine Mitstreiter mühsam gegen das tägliche Hupkonzert, die Konkurrenz der Marktschreier und Wasserverkäufer durchsetzen. Keine Popband greift ihnen unter die Arme. Ja nicht einmal Flyer oder Aufkleber haben sie zu verteilen. Nur der Wille, endlich etwas zu verändern, treibt die jungen Malier an.

  Wer allerdings westliche Medien verfolgt, erfährt kaum etwas von den Fousseny Traorés dieser Welt. Die Berichterstattung über die globalen Klimastreiks zeigt fast ausschließlich weiße Gesichter. Fast könnte man glauben, der Klimaschutz sei ein Anliegen des privilegierten Bürgertums im Westen. Wo aber bleibt Afrika? Wo die Sahelzone, deren Länder zwar für nur 0,25 Prozent der weltweiten Treibhausemissionen verantwortlich sind, deren Bewohner aber jetzt schon am meisten unter dem Klimawandel leiden?

  Schnell entsteht der Eindruck, der Westen müsse mehr oder weniger im Alleingang die Welt retten – während Afrikanern die „Fridays for Future“-Parolen egal seien. „Viele Leute haben schon Probleme genug, sie sind einfach entnervt“, sagt Traoré in einem Café in Bamakos Stadtteil Hippodrome. Er spricht leise. Fast wirkt es, als ob der schmale Mann im gebügelten Hemd sich hinter seinem Anliegen zurückstellen würde. Die Einladung zur Cola jedenfalls lehnt er ab. Niemand soll denken, er sei als Bittsteller gekommen. Immerhin kennt er den Verdacht mancher Landsleute, er und seine Umweltschützer-Kollegen würden das Geschäft der Westler betreiben: „Sie sagen: Wir haben eine schlechte Gesundheitsversorgung, die Schulen funktionieren nicht, im Norden herrscht Krieg – und dann kommt ihr noch mit der Klimakrise! Überlassen wir das doch den Europäern!“

  Traoré ist 26 Jahre alt, hat mal Apotheker gelernt und muss sich wie die meisten Malier seiner Generation mit kleinen Jobs über Wasser halten. Die Umwelt- und Klimaschutzinitiative „Ensemble pour le Climat Bamako“ hat er vor drei Jahren gegründet. Weil er die Menschen leiden sah, aber kaum jemand über die Zusammenhänge Bescheid wusste. „Ich bin bei meinem Onkel, einem Bauern und Lehrer, in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt aufgewachsen. Und ich habe dort gesehen, wie sich die Umwelt verändert, wie es auf den Feldern jedes Jahr trockener wird.“ 2010 hätten sie noch 100 Säcke mit Hirse geerntet. 2012 seien es nicht mal 70 gewesen. „Gleichzeitig sehe ich, wie unsere Landwirtschaft die Böden zerstört. Es fehlt an Informationen über nachhaltige Anbaumethoden.“

Weitere Lieblingsthemen Traorés sind die Wertschätzung der Bäume und der Kampf gegen den Plastikmüll. In Bamako ist er allgegenwärtig: Knäuel von Plastiktüten säumen jeden Straßenrand, jede Brachfläche, hängen als Fetzen in jedem Strauch. An den Marktstraßen häufen sie sich zu meterhohen Müllbergen, der beißende Geruch brennenden Plastiks weht überall durch die Stadt. Und zur Regenzeit gibt es wegen der mit Plastik verstopften Abwasserkanäle sogar tödliche Überschwemmungen. Wenn Traoré regelmäßig mit einem Dutzend Mitstreiter ausrückt, um den Straßenmüll zusammenzukehren oder Abwasserkanäle zu reinigen, dann habe das vor allem erzieherischen Wert: „Irgendjemand muss damit anfangen. Sonst schiebt nur einer die Verantwortung auf den anderen.“

  Eine Facebook-Seite für „Ensemble pour le Climat“ hat Traoré inzwischen eingerichtet. Aber gedruckte Poster? Broschüren? Geld gar für ein eigenes Büro? Fehlanzeige. Traoré arbeitet von seinem Schlafzimmer aus, sein Laptop ist die einzige Verbindung zur großen Welt da draußen und all den Klimaaktivisten aus Frankreich, Amerika, Deutschland, mit denen er – notfalls per Google Translator – Kontakt aufnimmt. Eine französische Umweltgruppe hat ein Interview mit ihm online gestellt. Eine australische Umweltwissenschaftlerin sich auf Facebook für seine Arbeit begeistert. Dauerhaftere Partnerschaften aber haben sich bisher nicht ergeben. Traoré und seine Mitstreiter sind denn auch hin- und hergerissen: Zwischen dem Wunsch, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, und dem Gefühl, am Rande zu stehen. So wie die ugandische Klimaschutzaktivistin Vanessa Nakate beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein Fotograf der Agentur Associated Press hatte aus einem Gruppenbild von Greta Thunberg und ihren jugendlichen Mitstreitern aus aller Welt ausgerechnet das einzige schwarze Gesicht herausgeschnitten.

  Klimaaktivisten aus Afrika haben es doppelt schwer: Sowohl im Ausland als auch daheim kämpfen sie oft vergeblich um Sichtbarkeit. Umso bewegender ist es zu sehen, mit welcher Unermüdlichkeit und trotziger Hoffnung das Grüppchen Klima-Aktivisten um Traoré agiert. An jedem der weltweiten Klimastreik-Freitage stehen sie an einer Straßenkreuzung in Bamako: „Stoppt die Umweltzerstörung durch die Minenkonzerne“, haben sie mit Filzmarker auf eine der Wellpappen geschrieben. „Fridays for Future Mali“ auf eine andere. Oder auch einfach: „Merci Greta!“

  In der afrikanischen Metropole voll von Gerüchen, Farben und Lärm kann man die Demonstranten leicht übersehen. Und dennoch: Traoré und seine Mitstreiter – es sind zur Hälfte Frauen – haben am Ende einige der Umstehenden überzeugt. Im persönlichen Gespräch. Der einzigen Methode, die den mittellosen Aktivisten zur Verfügung steht. „Bei jeder Demonstration“, sagt der „Ensemble pour le Climat“-Präsident, „gewinnen wir in der Regel ein paar Dutzend neue Mitglieder“.

  Das ist an sich schon ein Erfolg. Denn nicht einmal die örtlichen Radio- und Fernsehsender berichten über „Ensemble pour le Climat“. Was wohl nicht nur daran liegt, dass die zwei Hundertschaften an „Fridays for Future“-Aktivisten in Bamako rein zahlenmäßig nicht mit ihren westlichen Pendants konkurrieren können. Sondern auch an der Ignoranz der Politik: „Wir können von unserem Umweltministerium keine Unterstützung erwarten. Es bleibt privaten Initiativen überlassen, etwas zu bewegen.“

  Etwa der Stiftung Santé Environnement, die zusammen mit dem Bürgermeister der Gemeinde VI des Distrikts Bamako im Juni 2019 das Pilotprojekt „Bamako ohne Plastikmüll“ ins Leben gerufen hat, und seitdem in zehn Kiosken aus Haushalten, Straßen und Rinnen gesammeltes Plastik gegen eine Zahlung von umgerechnet 30 Cent pro Kilo annimmt. Anschließend werden die gesammelten Kunststoffe Recyclingunternehmen zugeführt und wieder für den lokalen Markt aufbereitet. Traoré aber geht das noch nicht weit genug: In Ruanda, Kenia und Tansania etwa seien Plastikverpackungen von den Märkten verbannt. Auch in Mali gebe es bereits seit 2012 ein Gesetz gegen den Import, Verkauf und die Verwendung von Plastiktüten. Nur interessiere das niemanden. Die Verordnung werde nicht durchgesetzt, es fehlten jegliche Sanktionen. Genauso verhalte es sich mit einem Gesetz gegen das illegale Abholzen. Viele junge Menschen sähen keinen anderen Weg zum Überleben, als wahllos Bäume zu fällen und als Feuerholz zu verkaufen. Der Staat müsse ihnen Alternativen bieten.

  „Die Alten klauen uns unsere Zukunft“, sagt Traore, „aber wenn wir sie ansprechen, sagen sie uns: Du bist jung, du musst dich unterordnen.“ Gerade weil die Altershierarchien in Afrika so erdrückend seien, sei er froh „um die Ehrlichkeit und Respektlosigkeit unserer Schwester Greta“. Bei jeder Demonstration rede er über den Vorbildcharakter der 17-Jährigen aus Schweden. Dabei mutet der Kampf der malischen Klimaschützer ebenso heldenhaft an. Mindestens. Um gehört zu werden, müssen sie sich nicht nur gegen die Ablenkungen der Selfie-Kultur, die Klimaleugner, eine apathische Regierung und den täglichen Überlebensstress durchsetzen. Sondern auch gegen einen latenten Rassismus.

  „Wir jungen afrikanischen Umweltaktivisten“, sagt Traoré, „kämpfen denselben Kampf wie unsere Brüder und Schwestern im Westen, aber wer gibt uns eine Bühne? Wer lädt uns zu den großen internationalen Gipfeln ein?“ Er selbst habe schon zahlreiche Schreiben an internationale Organisationen wie etwa Greenpeace Afrika verfasst. Um Kooperation gebeten. Gemeinsame Aktionen angeregt, etwa eine Aufklärungskarawane, die durch die malischen Dörfer zieht, um die Menschen dort über Naturschutz, Klimawandel und eine daran angepasste Landwirtschaft zu informieren. Eine Antwort aber sei nie gekommen.

  „Der Planet braucht es, dass wir alle Hand in Hand zusammenarbeiten. Am Ende aber werden nur medial hochgehandelte Partner zu den Konferenzen eingeladen – und die afrikanische Jugend bleibt unsichtbar.“ Es ist das erste Mal, dass in Fousseny Traorés Augen so etwas wie Wut aufleuchtet. Auch später schickt er regelmäßig Mails über die Aktivitäten seiner Umweltgruppe. Während in Bamako gerade Barrikaden brennen und die Opposition fast täglich Demonstrationen gegen das als korrupt und unfähig geltende Regime organisiert, schreibt Traoré, das Problem sei durch einen neuen Präsidenten für ihn noch nicht gelöst. Weil kaum ein Politiker langfristige Umweltziele verfolge. Das Bewusstsein für Klimapolitik sei bisher kaum wahlentscheidend. Noch.

  Traorés Gruppe hatte die Covid-19-Krise genutzt, um die Bevölkerung über die Zusammenhänge von Seuchen und Umweltzerstörung aufzuklären. „Die Leute hören zu, wenn sie sehen, dass du auf ihrer Seite stehst.“ So verteilten die Umweltaktivisten von ihrem Spendengeld Seifen, Säcke mit Reis und halfen bei verschiedenen kommunalen Gemüseanbauprojekten. Die Notsituation hat zu panafrikanischer Solidarität geführt. Gerade hat Traoré mit Gesinnungsgenossen aus Togo, Niger, Burkina Faso, Senegal und der Elfenbeinküste die Koalition „Sauvons le Sahel“ (Lasst uns den Sahel retten) gegründet. Eine ihrer ersten medialen Aktionen: ein Kettenbrief, der gerade von Tausenden Afrikanern an die Afrikanische Union, deren Parlamentsmitglieder und den Vorsitzenden, den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa geschickt wird. Er zählt die wachsenden Umweltprobleme – Heuschreckenplage, Waldbrände, Trockenheit und Überschwemmungen – auf und mahnt: „Afrika ist den Klimawandel betreffend der verwundbarste Kontinent.“ Traoré weiß, dass es noch lange nicht sein letzter Brief sein wird.

JONATHAN FISCHER

SZ 12.8.2020fousseny

 

AGENTEN DES WANDELS Deradikalisierung durch Kultur: Das Auswärtige Amt setzt mit dem Förderprojekt „Donko Ni Maaya“ auf die Jugendlichen in Mali

Diallakorodji am Stadtrand von Bamako ist alles andere als chic: Löchrige Lehmpisten, geflickte Hütten, Ziegen und Eselskarren neben improvisierten Marktständen. Junge Malier aber kennen dieses Armenviertel abseits des mondänen Zentrums der malischen Hauptstadt vor allem wegen seines berühmten Hip-Hop-Festivals: „Rapou Dogokun“. In den letzten beiden Jahren strömten Zehntausende Jugendliche aus dem ganzen Land der Musik wegen hierher. Und sobald das malische Kulturministerium die Corona-Beschränkungen aufhebt, soll auch die diesjährige Ausgabe nachgeholt werden – als Förderprojekt des Auswärtigen Amtes. Und Teil einer kulturellen Initiative, die mit deutschem Geld und malischer Kreativität Alternativen zu dem teuflischen Kreislauf sucht, in dem malische Jugendliche so oft feststecken: Aufgerieben zwischen Armut, schlechten Schulen und staatlicher Vernachlässigung auf der einen und dem Ruf radikaler Prediger auf der anderen.

  Master Soumy, ein schlaksiger Typ mit Rasta-Häkelmütze, einer der bekanntesten Rapper Malis, kauert unter einem schattenspendenden Schilfdach mit Blick auf den Niger. „Hip-Hop ist die Zeitung der malischen Jugendlichen. Von den Politikern fühlen sich die meisten nicht ernst genommen, aber wir sprechen ihre Sprache.“ Man sieht Master Soumy nicht an, dass er vor seiner Hip-Hop-Karriere Jura studiert hat. Aber man spürt die intellektuelle Klarheit. Warum er als Initiator von „Rapou Dogokun“ einen so unglamourösen Ort gewählt hat? „Wir müssen“, sagt er, „die Jugendlichen bei sich in ihrer Realität abholen.“ Dann zählt er Fakten auf: Zwei Drittel der malischen Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre, ihre Zukunftsaussichten angesichts von Schulausfällen, Arbeitslosigkeit und der prekären Sicherheitslage in großen Teilen des Landes alles andere als rosig. Diese Jugendlichen müsse man für die Demokratie gewinnen. Schließlich sind in Mali Hip-Hop-Stars – abgesehen von religiösen Predigern – die einzigen, die Menschenmassen mobilisieren können. Master Soumy hat da einen Ruf: Seine Songs gegen Polizeiwillkür, Vetternwirtschaft und die Ignoranz „der da oben“ kennen die Jugendlichen hier auswendig. Den „Anwalt der Straßen“ nennen sie ihn. Als Präsident Ibrahim Boubacar Keïta 2017 eine Verfassungsänderung anstrebte, die seine Machtbefugnisse erweitern sollte, organisierte Master Soumy mit seiner Plattform „An Té A Bana“ (Rührt unsere Verfassung nicht an) Demonstrationen Tausender Jugendlicher und brachte das Kabinett dazu, das umstrittene Vorhaben aufzuschieben. Auch bei den aktuellen Protesten gegen den als unfähig beschuldigten Präsidenten IBK mobilisiert er seine Fans.

  Bei der letzten Auflage von „Rapou Dogokun“ waren 150 Rapper aus ganz Mali angereist. Selbst aus Orten wie Mopti und Gao kamen sie – Gegenden, in denen Dschihadisten und Drogenschmuggler arbeitslosen und desillusionierten Jugendlichen oft die einzigen greifbaren Perspektiven bieten. „Deradikalisierung“ und „demokratische Teilhabe“ waren deshalb die Themen, die vier Tage lang in Workshops und auf der Bühne behandelt wurden – mit Beteiligung der Freiburger Rapper Zweierpasch und dem senegalesischen Hip-Hop-Star Xuman. „Der Optimismus der Jugendlichen war mit Händen zu greifen“, erklärt Magali Moussa, die die Finanzierung und Durchführung des Projektes mit Mitteln des Auswärtigen Amts vor Ort betreut. „Am Ende erklärte ein junger Peulh-Rapper aus Gao gar, er werde fortan das Maschinengewehr gegen ein Mikro eintauschen.“ Hoffnung schien da auf. Und bekräftigte Moussas Arbeitsthese, dass kritische Kulturarbeit die Jugend für demokratische Prozesse gewinnen könne. Die Deutsche leitet seit Anfang 2019 das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit initiierte Pilotprojekt „Donko Ni Maaya“. Aus dem Bamana übersetzt bedeutet das soviel wie: „Kultur im Dienste der Gemeinschaft“. „Wir suchen gezielt nach change agents“, erklärt Moussa. Nach Erneuerern, die der Jugend zeigen, wie sie ihren Anliegen Gehör verschaffen können.

  „Deradikalisierung“ durch Kultur: hatten das die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auch dem einstigen Nazi-Deutschland verschrieben, etwa durch die Propagierung westlich-libertärer Kultur und die Förderung entsprechend ausgerichteter Zeitschriften? Und war nicht damals der CIA-finanzierte Pariser „Kongress für kulturelle Freiheit“ gegründet worden, um in westlichen Künstlerkreisen autoritär-kommunistischen Ideen entgegenzuwirken? Die Parallelen enden hier aber auch wieder. Denn „Donko Ni Maaya“ agiert nicht im Geheimen, sondern auf Einladung des malischen Staates. Auf der einen Seite steht die Beratung des heimischen Kultusministeriums sowie die Förderung bestehender Kulturzentren und -initiativen. Auf der anderen die Förderung junger Künstler mit ihren Projekten – um Toleranz und Vielfalt zu propagieren. Ein „zunehmender radikalislamistischer Einfluss“, konstatiert die Homepage des Projekts, „bedroht den traditionellen Zusammenhalt der malischen Gesellschaft und die kulturelle Ausdrucksfreiheit.“

  Tatsache ist, dass radikalislamistische Prediger in Mali – auch nach der militärischen Vertreibung der Dschihadisten aus den Städten im Norden Malis durch eine französische Intervention Anfang 2013 – in eine Lücke stoßen, die die Abwesenheit staatlicher Strukturen gerissen hat. Sie nutzen die Unzufriedenheit der Jugend über die Korruption von Polizei, Justiz und Politik. Sie instrumentalisieren die Kultur für eigene Zwecke. Und präsentieren sich für diejenigen, die ihr Heil nicht in der illegalen Migration suchen, als einzige Alternative. Ein „failed state“ wie Mali jedenfalls scheint den perfekten Nährboden für gewaltbereiten Extremismus zu bieten.

  Wer nach Gegenkräften sucht, der findet sie besonders in den jugendlichen Subkulturen der Städte: Hip-Hop, Poetry Slams, moderner Tanz und Theater blühen trotz Krise. Sie bieten Ausdrucksmittel und Orientierung. Und stehen für die Perspektive, dass der einst für sein friedliches Miteinander gepriesene Vielvölkerstaat Mali Lösungen in der eigenen Kultur findet. „Kultur und Kunst gelten in Mali seit jeher als einende gesellschaftliche Kräfte“, erklärt Randa Kourieh, die Leiterin der GIZ in Mali. „Wir müssen alles tun, damit dieses Gewebe nicht zerreißt.“

  „Donko Ni Mayaa“ ist in Mali mit seinem Zwei-Jahres-Etat von 2,5 Millionen Euro der größte Kulturfonds einer einzelnen Nation. Warum sich gerade Deutschland so engagiert? Das hat auch mit der Einsicht zu tun, dass rein militärische Lösungen nicht funktionieren. In den Medien wird meist im Zusammenhang mit Mali nur über den Bundeswehr-Einsatz berichtet: Bisher hat die Bundesregierung bis zu 1100 Soldaten im Rahmen der Uno-Mission zur Stabilisierung Malis und als Ausbilder in das westafrikanische Land entsandt. Die gerade debattierte Ausweitung dieses Einsatzes aber hält etwa Gerd Müller, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, für den falschen Ansatz: „Nur wenn die Menschen eine Lebensperspektive haben, können wir Radikalisierung, Terror, Flucht und Schleppertum wirksam begegnen.“ Die dahinter stehenden Konflikte schwelen schon lange: Bauern und Hirten rivalisieren um immer weniger Wasser und Weideland, die Jugend hat kaum Aussicht auf geregelte Arbeit, einstige Einnahmequellen wie der Tourismus sind längst versiegt. In den ländlichen Regionen hält die GIZ mit einer Modernisierung der Landwirtschaft und der Wasserversorgung dagegen. Schwerpunkt von „Donko Ni Maaya“ aber ist explizit die Kreativität der vernachlässigten urbanen Jugend.

  Ein staubiger Schulhof in Bamakos heruntergekommenen Banconi-Viertel. Fatoumata Bagoyo gibt ihrer Tanztruppe letzte Anweisungen. Hunderte von Schulkindern haben sich um die Tänzerinnen und die begleitende Trommeltruppe versammelt, folgen gebannt den pantomimischen Bewegungen der Mädchen mit den ernsten Gesichtern. Nein, um Tanzästhetik geht es hier nur in zweiter Linie. Fatoumata Bagoyo, eine energische kleine Frau, hat für ihr Tanztheater ausgerissene und in Heimen lebende Mädchen rekrutiert. Sie tanzen ihre eigene Lebensgeschichte. Wenn sich eine von ihnen im Sackgewand im Staub wälzt, gegen Dämonen spiegelfechtet und schließlich von der Gruppe weggetragen wird – dann verstehen selbst die Minderjährigen, um was es geht: um Gewalt gegen Frauen. Angefangen von der Beschneidung, einer Praktik, der hier noch immer das Gros der Mädchen unterzogen wird, bis zur späteren Zwangsheirat. Fatoumata Bagoyos Tanztheater hat bereits mehrere Tourneen in den Westen unternommen. Dank der Unterstützung durch „Donko Ni Maaya“ aber kann sie ihrer eigentlichen Mission vor Ort nachkommen: „Wir müssen Traditionen infrage stellen. Unser Theater sensibilisiert die Menschen für die mit der Beschneidung verbundenen Traumata.“ So tourt sie mit den Mädchen von Dorf zu Dorf, von Schule zu Schule, lässt Experten den Kindern erklären, an wen sie sich im Fall sexueller Gewalt wenden können. Und erklärt, was Frauenrechte mit Demokratie zu tun haben: „Wenn die Mädchen respektiert werden, dann bedeutet das einen Gewinn für die ganze Gemeinschaft.“

  Diesmal ist auch ein Filmteam bei Bagoyos Aufführung dabei. Amkoullel, ein bekannter Polit-Rapper leitet die Aufnahmen. Er selbst veranstaltet einen von „Donko Ni Maaya“ finanzierten Wettbewerb für Kurzfilme: 25 Teams nehmen aktuelle gesellschaftliche Themen auf und konkurrieren um die Likes des Publikums. Viele beschäftigen sich mit den Auseinandersetzungen zwischen Peulh-Hirten und Dogon-Bauern: Sie hatten in den letzten Monaten zu blutigen Massakern im Zentrum Malis geführt. Auch andere Förderprojekte fokussieren direkt oder indirekt ethnische Konflikte: etwa ein Theaterstück über Versöhnung mit offenem, vom Publikum mitgestalteten Ende. Oder eine Modeschau im Palais de la Culture, in dem traditionelle malische Flechtfrisuren präsentiert werden – und bei der eine Peulh-Frau auch mal eine Dogon-Frisur tragen kann. „Donko Ni Maaya“ gilt nach nur eineinhalb Jahren als eine der wichtigsten Anlaufstellen für die heimische Kulturszene, ob Graffitikünstler eine Schulmauer bemalen oder Slam-Poetry-Künstlerinnen einen Auftritt organisieren wollen. Die deutsche Organisation biete in diesen Fällen auch eine Beratung durch Experten an.

  „Malische Künstler“, erklärt Moussa, „stehen bei allen politischen Diskussionen stets in der ersten Reihe. Das hat sich gerade jetzt während der Corona-Krise wieder gezeigt.“ Sie waren die ersten, die Corona-Sensibilisierungs-Kampagnen starteten, mit Musik und Kunst die Bevölkerung informierten. Andererseits hat es sie selbst schwer getroffen. Auftrittsverbote und abgesagte Tourneen und Festivals brachten viele Künstler in existenzielle Nöte. „Donko Ni Maaya“ reagierte darauf mit der Schaffung digitaler Strukturen. Dazu gehört das Streaming-Format „Café de la Paix“, das regelmäßig live auf Facebook stattfindet. Aber auch der Aufbau von Online-Boutiquen, die Produktion von Videos und die digitale Aufrüstung von Kulturzentren.

  Für die Zeit nach Corona sollen sich auch wieder deutsche und malische Künstler begegnen: Zuletzt hatte das Berliner Omniversal Earkestra in Bamako ein Album zusammen mit Veteranen von Ali Farka Tourés Band und einem Dutzend jungen malischen Bläsern aufgenommen. Viele westliche Popstars pilgern seit Jahren nach Mali. Und dann ist da noch eine Hoffnungsbotschaft: „Donko Ni Maaya“ soll noch in diesem Jahr ausgeweitet werden. Von Bamako nach Gao und den Norden Malis. Die jungen agents of change dort warten schon lange auf ihre Chance.

JONATHAN FISCHER

SZ 29.7.2020

DIE DIEBE SIND IMMER NOCH FREI – John Burl Smith kämpfte schon in den Sechzigern für die Rechte der Schwarzen in den USA und tut es heute noch immer. Jetzt hat er ein Buch über 400 Jahre afroamerikanischen Widerstand geschrieben

John Burl Smith gründete 1967, nach seiner Rückkehr aus Vietnam, zusammen mit Charles Cabbage in Memphis die Invaders, eine Black-Power-Organisation. Er rief zu politischem Ungehorsam auf und organisierte Demonstrationen. Nunhat der 77-Jährige eine Geschichte des afroamerikanischen Widerstands von der Sklaverei bis zur Gegenwart geschrieben, die im August erscheint: „The 400th: From Slavery to Hip Hop“.

SZ: Mr. Smith, was hat Sie zu Ihrem Buch motiviert?

John Burl Smith: Ich habe vier Jahre lang meine Familiengeschichte zusammengetragen und all die historischen Ereignisse, die das Leben der Afroamerikaner seit Anfang der Sklaverei vor 400 Jahren geprägt haben. Die jungen Menschen heute sollen wissen, dass sie auf eine lange Geschichte des Widerstands zurückblicken können. Ich bin jedenfalls stolz auf die „Black Lives Matter“-Bewegung und sehe sie als Fortführung meiner eigenen Geschichte als Black-Power-Aktivist in den Sechzigern.

Wie begann Ihr Interesse für die Politik?

Das hatte in meiner Familie Tradition: Mein Ururgroßvater war als Sklave von seiner Plantage weggelaufen. Seinen Sohn trieb er an, Pfarrer zu werden. Denn das bedeutete, lesen und schreiben zu lernen, die Bibel und die Verfassung aus erster Hand zu verstehen. Als „rider“ tauschte er zwischen den schwarzen Siedlungen Nachrichten über neue Gesetze oder aber drohende Angriffe des Ku-Klux-Klan aus. Diese „rider“ waren die Keimzelle aller späteren Widerstandsbewegungen.

Dennoch waren Sie Mitte der Sechziger, nach Ihrer Rückkehr aus Vietnam, überzeugt, als Afroamerikaner endlich den amerikanischen Traum leben zu dürfen.

Ich glaubte an Amerika, an die Freiheit, an unsere Demokratie. Zum Militär war ich vor allem gegangen, weil das den schnellsten Weg zu Wohlstand und Karriere versprach. Ich hatte also einen gut bezahlten Job beim Staat, ein schönes Auto und ein Apartment – und ich war entschlossen, das Leben eines Playboys zu leben. Bis ich merkte, dass ich einer Illusion aufsaß.

Wann wurde Ihnen das bewusst?

Das war 1967. Der weiße Besitzer einer Tankstelle in Memphis wollte mir einen Tankdeckel verkaufen, nachdem er diesen zuvor von meinem Auto gestohlen hatte. Er versuchte nicht mal, das zu verheimlichen. Okay, wir sind im Süden, und er ist weiß. Ich aber hatte von meiner Zeit im Militär gelernt, gleichberechtigt mit Weißen umzugehen. Also rief ich die Polizei. Die Polizisten hörten mir nicht zu. Als dann noch mein Kumpel Charles Cabbage, ein Black-Power-Aktivist mit Riesen-Afro, aus meinem Volkswagen stieg, richteten alle ihre Waffen auf uns und drückten uns gegen die Wand. Am Ende brachten sie uns beide ins Gefängnis.

Und der weiße Tankstellenbesitzer kam ungestraft davon?

Ja. Dieser Zwischenfall mit dem Tankdeckel erschütterte meinen Glauben an Amerika. Er war der Dieb, aber ich kam hinter Gitter. Zuvor hatte ich oft mit Charles gestritten: Ich verteidigte Amerikas Demokratie, unsere Verfassung und den Vietnamkrieg. Jetzt aber musste ich einigen seiner Thesen recht geben: „Dieses Land liebt dich nicht. Dieses Land schert sich einen Dreck um dich, wenn du schwarz bist.“

Anschließend gründeten Sie zusammen mit Charles Cabbage und Coby Smith die Black Invaders, eine Organisation mit ähnlichen Zielen und Vorstellungen wie die Black Panthers, aber ohne deren martialisches Auftreten.

Die Black Panthers konnten in Kalifornien mit ihren Waffen in das State House marschieren und lebendig wieder rauskommen. Im Süden war das undenkbar. Stattdessen kümmerten wir uns um die Nöte der schwarzen Community und unterstützten etwa 1968 den Streik der Müllarbeiter in Memphis. Anders als ihre weißen Kollegen hatten sie keine Gewerkschaft, keinen Urlaub, kein Krankengeld, keine soziale Fürsorge.

Wie sah Ihre Kooperation mit den schwarzen Arbeitern aus?

Wir mussten sie erst mal politisch organisieren. Bisher hatten immer die schwarzen Kirchen die Vermittlungsrolle zwischen Bürgermeister und schwarzer Community gespielt. Aber deren Mittelklasse-Anführer arrangierten sich mit dem weißen Establishment, sofern sie selbst von Zugeständnissen profitierten. Die Arbeiter gingen dabei leer aus. Deshalb setzten wir auf die Politik der Straße und griffen zu Guerilla-Taktiken, die ich bei der Armee gelernt hatte: Wir zündeten Müllhaufen an, blockierten abwechselnd Hauptverkehrsstraßen und hielten die Polizeikräfte rund um die Uhr im Einsatz, um Druck auf die Stadtverwaltung aufzubauen.

Als Martin Luther King sich an die Spitze des Protestmarschs der Müllarbeiter setzte, gingen die Bilder um die Welt: von Demonstranten mit Schildern, auf denen „I Am a Man“ stand, und Polizisten, die auf Unbewaffnete, Frauen und Kinder einprügelten. Für Sie waren die Proteste dennoch ein Erfolg. Warum?

Martin Luther King suchte mit seiner „Poor People’s Campaign“ lange vergeblich nach Verbündeten. Als er sah, dass die Invaders für seinen Protestmarsch 50 000 junge Menschen aus dem ganzen Süden mobilisiert hatten, so viele wie nie zuvor, beraumte er ein Strategiegespräch mit den Invaders an.

Es war Martin Luther Kings letztes Treffen überhaupt, wenige Stunden vor seiner Ermordung im Lorraine Hotel. 

Er wollte seinen Kurs ändern, für die Armen kämpfen, statt nur für Mittelklasse-Anliegen wie gute Jobs, die Öffnung weißer Schulen für schwarze Kinder und das Recht, sich Häuser in weißen Gegenden zu kaufen. Er erzählte uns von seinem Plan, mit unserer Hilfe Black-Power-Organisationen im ganzen Land zusammenzubringen, um einen Marsch der Millionen in Washington zu organisieren. Es sollte der Höhepunkt seiner „Poor People’s Campaign“ werden, mit der er die Ausbeutung armer Schwarzer als Grundlage des amerikanischen Kapitalismus anprangern wollte. FBI-Chef Edgar Hoover nannte Martin Luther King daraufhin den „gefährlichsten Mann Amerikas“. Ich bin überzeugt, dass es Kings Radikalisierung zugunsten der Armen war, die zu seiner Ermordung führte.

Die Rolle der Invaders wurde erst Jahrzehnte später bekannt, als der Kongress bei einem Hearing zu Martin Luther Kings Ermordung geheime FBI-Akten freigab.

Die etablierten Bürgerrechtsanwälte wollten den Strategie-Schwenk Martin Luther Kings am liebsten verleugnen. Zusammen mit den weißen Medien zeichneten sie das Bild eines christlichen Pazifisten – aber am Ende war King zu denselben Ansichten wie Malcolm X gekommen.

Sehen Sie heute ein Wiedererstarken eines offiziell längst zur Vergangenheit erklärten Rassismus?

Donald Trump ist für mich ein Klon von Präsident Woodrow Wilson. Als Wilson 1913 an die Macht kam, hat er zusammen mit FBI-Direktor Hoover alle Fortschritte, die die Afroamerikaner seit Beendigung der Sklaverei 1866 gemacht hatten, mit einem Streich annulliert. Lincoln hatte den ehemaligen Sklaven Land und Bildung verschafft. Woodrow Wilson führte die Rassentrennung selbst in Regierungsbehörden wieder ein. Nach der Verfassung hatten wir Afroamerikaner seit 1866 die Rechte von Bürgern erster Klasse – aber bis heute ersinnen die Regierung, die Bundesstaaten und die Stadtverwaltungen immer neue Tricks, um uns unser Recht vorzuenthalten. Etwa durch die Neuziehung von Wahlkreisen oder gezielte Versuche, Leute am Wählen zu hindern.

Wie viele andere Aktivisten brachte Hoovers FBI auch Sie Anfang der Siebziger für mehrere Jahre ins Gefängnis. Was machte dem Establishment derart Angst an der Black-Power-Bewegung?

Wir wollten Amerika vor den Pranger der ganzen Welt stellen. Hoovers FBI hatte in den Zwanzigerjahren Marcus Garvey aus dem Land gejagt, der mit seiner Organisation UNIA die schwarzen Arbeiter vereinigen wollte. Und bestimmt ist es kein Zufall, dass Malcolm X gerade zu einem Zeitpunkt ermordet wurde, als er sich darauf vorbereitete, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen: Amerika sollte dort wegen Verbrechen gegen seine afroamerikanischen Bürger angeklagt werden. Und diesmal hätte Amerika das nicht verhindern können, wie zuvor bei „We Charge Genocide“.

Worauf spielen Sie an?

Das Anliegen war nicht neu. Paul Robeson und William Patterson wollten bereits 1951 eine Petition bei den Vereinten Nationen einreichen. Sie hieß „We Charge Genocide“ und war eine Abrechnung mit der systematischen Misshandlung und Ermordung von Afroamerikanern. Aber Amerika hat nie darüber diskutiert. Warum? Das State Department hatte jede Berichterstattung darüber verboten. Damals drohte James Strom Thurmond, ein Senator aus South Carolina, gar mit dem Austritt der Vereinigten Staaten aus den UN – ein Schachzug, um ein Hearing mit Paul Robeson und William Patterson um jeden Preis zu verhindern. „Black Lives Matter“ hat es heute geschafft, die Weltöffentlichkeit zu sensibilisieren, es gibt Solidaritäts-Demonstrationen überall auf der Welt. Und ich warte immer noch darauf, dass Amerika endlich wegen Völkermordes angeklagt wird – auch deswegen habe ich „The 400th“ geschrieben.

Erkennen Sie denn nicht an, dass sich die Situation der Afroamerikaner seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren entscheidend gebessert hat?

Im Grunde hätten wir die sogenannte Civil Rights Bill von 1954 oder den Voting Rights Act gar nicht gebraucht – denn die selben Rechte waren den schwarzen Amerikanern schon 1866 zugesprochen worden. Die Einzelstaaten hatten sie nur nicht umgesetzt. So kämpfen wir bis heute um die Anwendung von Gesetzen, die bereits seit 150 Jahren gültig sind.

Nach Ihrer Zeit im Gefängnis studierten Sie Psychologie. Sie wollten verstehen, welche psychologischen Mechanismen dazu führen, dass schwarze Menschen gesellschaftlich nicht aufsteigen, dass ihr Widerstand so oft ins Leere läuft. Was haben Sie herausgefunden?

Menschen verlernen, sich zu wehren, wenn sie durch brutale Strafen dazu konditioniert werden. Man nennt das in der Verhaltenspsychologie „erlernte Hilflosigkeit“. Das war der Zweck der regelmäßigen Lynchmorde im Süden. Zwischen 1912 und 1946 wurden über 5000 Afroamerikaner gelyncht. Das waren oft richtige Volksfeste, zu denen die weißen Zuschauer ihre Kinder mitbrachten und bei denen sie Erinnerungs-Postkarten oder gar Reliquien des Ermordeten erwerben konnten. Als Harry Truman 1946 als erster Politiker öffentlich Anti-Lynching-Gesetze forderte, weigerte sich der Kongress, diese zu ratifizieren. Die Polizei benutzt diese Strategie bis heute: Sie schüchtern die armen Schwarzen durch Einsatz übermäßiger Gewalt ein. Und wenn Trump wie kürzlich geschehen „Black Lives Matter“-Aktivisten mit „Gangstern“ und „Unruhestiftern“ gleichsetzt, liefert er der Polizei auch noch eine Rechtfertigung.

Trump schrieb in einem Tweet: „When the looting starts, the shooting starts“ – ein Rekurs auf eine rassistische Parole aus den Sechzigern. Er spielt die Plünderungen, die einige der BLM-Proteste begleiteten, zu einer nationalen Gefahr hoch.

Das ist verkehrte Welt: Bestenfalls haben sich Afroamerikaner das Plündern von den Weißen abgeschaut. Waren nicht sie es, die zuerst den amerikanischen Ureinwohnern und dann den Sklaven alles genommen haben? Bis in die Vierzigerjahre galt das Verjagen Schwarzer als legal. Am bekanntesten ist das „Black Wall Street“-Massaker in Tulsa von 1921: Weiße Nachbarn zündeten über tausend Häuser der wohlhabenden schwarzen Community an, vertrieben die afroamerikanischen Geschäftsleute und nahmen deren Eigentum in Besitz. Die Polizei und die Nationalgarde stellten sich auf die Seite der Angreifer. Heute laufen die Enteignungen subtiler.

Wie meinen Sie das?

Starke Kräfte in unserer Gesellschaft rechtfertigen die moderne Sklaverei – ich meine damit die miese Bezahlung schwarzer Arbeiter, die Gefängnisindustrie und das marode Wohlfahrtssystem. Bis heute beruht unser kapitalistisches System auf der Ausbeutung schwarzer Menschen. Trump und seine Freunde sehen den gedeckten Tisch von oben. Wir aber mussten uns immer mit dem Blick von unten zufriedengeben und – schlimmer noch – unseren Kindern beibringen, ihr Leben vor uniformierten Menschen zu schützen, die von unseren Steuern bezahlt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Landes?

Ich glaube immer noch an Amerika. Wir schwarzen Amerikaner haben diese Nation buchstäblich mit unseren Händen aufgebaut. Wir haben zu viel Blut für dieses Land vergossen, haben zu lange Amerikas Werte verteidigt, dafür gekämpft, dieses Land zu einer Heimat für uns alle zu machen, um jetzt aufzugeben. Mein Buch ist die Geschichte einer lang geprüften Liebe.

Haben Sie als Veteran einen Ratschlag für die jungen Leute, die heute für „Black Lives Matter“ auf die Straße gehen?

Sie sollten ihren Protest in Politik ummünzen. Und endlich die Greise im Kongress und Senat ablösen, die immer noch in den Vierzigern und Fünfzigern leben. Wenn sie es schaffen, so viele Stimmen in die Urnen zu bekommen wie sie Menschen auf der Straße mobilisieren, dann werden die Politiker ihnen zwangsläufig zuhören.

„The 400th – From Slavery To HipHop“ (River City Publishing, Memphis)

Interview: JONATHAN FISCHER

SZ 15.7.2020john burl smith

 

 

Aufklärung, Vernunft und Liebe: Afropop-Kolumne

Eigentlich kommt der Berliner Schlagzeuger und einstige Mitgründer der Münchner Retro-Funk-Combo Poets Of Rhythm ja vom Jazz. Jetzt aber trägt Max Weissenfeldt die jamaikanische Basskultur nach Afrika. Und revolutioniert aus seinem neugebauten Studio in Kumasi, Ghana, heraus den Afropop. Nachzuhören etwa auf dem Album „Nsie Nsie“ (Philophon“). Y-Bayani & Baby Naa and The Band Of Enlightenment, Reason & Love lautet der Projektname, der dann doch ganz gut zum afrofuturistischen Gestus des Ganzen passt. Hinter Y-Bayani steckt der Sänger Yusef Hussain, den Weissenfeldt bei Aufnahmen mit Jimmy Taylor, Sohn der Highlife-Legende Ebo Taylor, kennenlernte. Der Mann hielt sich mit Uhrenreparaturen über Wasser und hatte nur diesen einen Song „Asembi Ara Ambe“ im Repertoire. Aber wie würde dessen flehentlicher Gesang wohl in Kombination mit einem der schlingernden Reggae-Riddims klingen, die Weissenfeldt zusammen mit Josie Coppola, dem Schlagzeuger von Gentleman, eingespielt hatte? Das Stück mit seinem polyrhythmischen Shuffle, den mollig-mäandernden Melodien und infektiösen Chants gab die Blaupause für ein ganzes Album. Y-Bayanis Duettpartnerin fand sich in der Kirchensängerin Naomi Addy alias Baby Naa. Deren Soul befördert Weissenfeldt mit Hilfe quengelnder und gurgelnder Sci-Fi-Keyboards und jazzigem Vibraphon ins Kosmische. An einen Ort, wo Fela Kuti, Herbie Hancock und Rita Marley in einer ghanaischen Kirche tanzen. Vollanalog natürlich. Und im Dienst einer höheren Art von Aufklärung, Vernunft und Liebe.

Ähnlich unwahrscheinlich klingt die Konstellation eines der stärksten Ethio-Jazz-Alben seit langem: „To Know Without Knowing“ (Agogo Records), eingespielt von Mulatu Astatke & The Black Jesus Experience. Mulatu Astatke hatte in den 60er Jahren während seines Studiums in London und New York Jazz gespielt, und den afroamerikanischen Swing und Soul bei seiner Rückkehr nach Addis Abeba mit traditionellen Klängen fusioniert. Seine Musik müsste jedem Popkonsumenten im Westen längst ein Begriff sein: Sei es durch den melancholischen Soundtrack zu Jim Jarmuschs „Broken Flowers“, sei es durch Samples von Kanye West bis Damian Marley. „The Black Jesus Experience“ aus Melbourne, Australien, aber nutzt Astatkes Musik nicht nur als exotischen Geschmacksverstärker. Peter Harper, der Gründer und Saxophonist des achtköpfigen Kollektivs hat die Liebe zum Ethio-Jazz von seinem Vater, einem Musiklehrer des äthiopischen Marine-Orchesters in den 60er Jahren, übernommen. Zusammen mit der 1992 aus Äthiopien emigrierten Sängerin Enushu Taye versteht er „The Black Jesus Experience“ als globales Funk-Experiment: Karibisch angehauchte Bigband-Bläser, Afrobeat-Rhythmen, Reggae und Gnawa unterfüttern Astatkes lässige Vibraphon-Kaskaden. Lediglich „Kulun Mankwaleshi“ bleibt dabei dem traditionellen Ethiojazz-Format verhaftet. Ansonsten wechseln die melismatischen Vocals von Enushu Taye mit den politisch-kritischen Raps des zimbabwisch-australischen MC Mr. Monk, der etwa in dem zehnminütigen „Living On Stolen Land“ über die Rechte der Aborigines rapt. Für den 77-jährigen Astatke ist es bereits sein zweites Album mit den Freunden aus Melbourne. Und egal wieviel Zutaten hier zusammenkommen: Seine pentatonischen Skalen vermögen nach wie vor zu hypnotisieren.

Oumou Sangaré verzichtet diesmal auf Funk-Experimente. Hatte die große Dame des malischen Pop ihr letztes Album „Mogoya“ noch mit Schlagzeuger Tony Allen und allen möglichen Dub-Effekten Soundsystem-tauglich aufgerüstet, spielt sie nun die selben Songs nochmal in abgespeckten Versionen ein. Das muss kein Verlust sein. Im Gegenteil: Oumou Sangaré zeigt auf „Acoustic“ (No Format!), warum sie überall in Westafrika verehrt wird, eine Pop-Heilige, deren Konterfei auf den Kleinbussen in Bamako neben denen von Bob Marley, Che Guevara und Koran-Gelehrten prangt. Es ist die Kombination aus Haltung und Stimme! Um ihren schneidend-nasalen Sirenengesang zur Geltung zu bringen, genügen ihr ein Background-Chor, akustische Gitarre und eine dreckig-bluesige Ngoni-Laute. Atmosphärisch und intim klingt das. An zwei Tagen hat Sangaré alle elf Songs live in einem Pariser Studio eingespielt – ohne Verstärker oder Overdubs. Das Ergebnis strahlt mit der archaischen Wucht früher Bluesaufnahmen, wo die Magie allein auf der Präsenz der Musiker ruht. Oumou Sangarés Songs prangern Polygamie, Zwangsheirat und die Verstümmelung weiblicher Genitalien an. In „Yere Faga“ warnt sie vor den leeren Versprechungen der Männer – und wenn Sangaré, eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Hotel-Besitzerin, in „Mali Niale“ ihre emigrierten Landsleute dazu aufruft, am Wiederaufbau der Kriegs- und Krisen-geplagten Heimat mitzuwirken, hat das wohl mehr Gewicht als ein Wort des Präsidenten.

JONATHAN FISCHER

SZ 14.7.2020Y-Bayani

Gruß vom Ende der Welt – Arbeitslose Reiseführer aus Timbuktu verschicken auf Bestellung handgeschriebene Postkarten. Da keine Touristen mehr in die sagenumwobene Stadt kommen, haben sie dadurch ein kleines Einkommen

Ein amerikanisch-malisches Gemeinschaftsprojekt verschafft arbeitslosen Reiseführern in der von Krisen gebeutelten Wüstenstadt Timbuktu in Mali ein Einkommen – und Menschen aus aller Welt exotische Post. Auf der Website postcardsfromtimbuktu.com, die ein amerikanisch-malisches Paar betreibt, kann man sich für zehn Dollar eine handgeschriebene Postkarte bestellen. Verschickt wird sie von Ali Nialy, der lange in Timbuktu als Reiseführer gearbeitet hat. Seit einigen Jahren war das nicht mehr möglich, weil Tuareg-Nationalisten und Islamisten seine Heimatstadt besetzt hatten. Auch nach der Befreiung Timbuktus durch eine französische Interventionstruppe bleibt die Sicherheitslage prekär – nun kommt auch noch Corona dazu. Die einst von Touristen frequentierte „Perle der Sahara“ durchlebt schwere Zeiten.

SZ: Herr Nialy, wie erleben Sie die Corona-Krise in Timbuktu? Haben Sie dort auch Ausgangssperren gehabt?

Ali Nialy: Wir hatten einschließlich der ersten Maiwoche eine Ausgangssperre, jeweils von sechs Uhr abends bis zum nächsten Morgen. Covid-19-Fälle gab es in Timbuktu zunächst nur bei den hier zur Friedenssicherung stationierten Uno-Truppen. Nun gibt es etwa 40 akut Erkrankte unter den Einheimischen. Aber wir saßen natürlich alle vor dem Fernseher und haben gesehen, wie schlimm es China, Amerika und Länder in Europa erwischt hat.

Und jetzt geht das Leben wieder ganz normal weiter?

Nein, wir dürfen nur mit Masken an öffentliche Orte wie etwa auf den Markt. Die Menschen meiden auch größere Versammlungen. Am meisten hat uns Corona jedoch wirtschaftlich getroffen. Wenn die Wirtschaft hier eh schon kränkelte, hat die Ausgangssperre sie noch zusätzlich geschwächt.

Was hat Sie dazu gebracht, Menschen aus aller Welt Postkarten zu schreiben?

Früher kamen viele Touristen, um unsere berühmten Lehmmoscheen, Märkte und Manuskript-Sammlungen einmal mit eigenen Augen zu sehen. Als das nicht mehr möglich war, fragten mich Phil und Bintou, ein befreundetes amerikanisch-malisches Paar: Könnten wir nicht wenigstens Postkarten aus der Stadt verschicken? Phil gründete die Website postcardsfromtimbuktu.com. Zusammen mit ein paar Freunden fingen wir an, die dort eingegangenen Aufträge zu bearbeiten. Für mich war das ein großer Glücksfall. Denn die Postkarten erlauben mir, meine Familie zu ernähren.

Was reizt Menschen daran, eine Postkarte ausgerechnet aus Timbuktu verschicken zu lassen?

Viele finden es wohl originell, Post aus so einem entlegenen Ort zu bekommen. Timbuktu gilt ja im Westen als Ende der Welt. Ein Ort, der vor allem in Sagen und Legenden existiert.

Haben Sie das selbst auch jemals so empfunden?

Nun gut, Timbuktu ist tatsächlich abgeschnitten, weil es von der Sahara umgeben ist. Europäische Expeditionen und Forscher versuchten bis Mitte des 19. Jahrhunderts vergeblich, unsere Stadt zu erreichen. Aber während meiner 21 Jahre als Tourguide kamen jährlich viele Tausend Touristen zu uns.

Was sicher auch mit der mysteriösen Geschichte Ihrer Heimatstadt zu tun hat.

Unsere Geschichte ist unser größter Schatz: Wir waren jahrhundertelang ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. All die Karawanen von und nach Marokko oder Mekka passierten Timbuktu, es wurde in der Stadt mit Gold und Salz gehandelt. Hier entstanden bereits im 14. Jahrhundert die ersten Universitäten Afrikas, die Gelehrte aus ganz Nordafrika und Arabien anzogen. Damals galt die Stadt mit ihren vielen Bibliotheken als Zentrum der Wissenschaft und als sagenhaft reich – es hieß in Europa sogar, unsere Straßen seien mit Gold gepflastert.

Heute kommen keine Touristen mehr nach Timbuktu. Was machen die vielen ehemaligen Reiseleiter?

Wir Tourguides sprechen alle fließend Französisch und Englisch, manche auch noch andere europäische Sprachen. Deswegen arbeiten einige von uns heute als Übersetzer bei den Uno-Truppen. Aber das sind vielleicht nur fünf Prozent. Der Rest von uns bleibt arbeitslos.

Wie funktioniert das Postkarten-Geschäft ganz praktisch?

Eine Postkarte mit einer handgeschriebenen Nachricht im Internet zu bestellen, kostet zehn Dollar. Ein Teil davon geht in die Organisation, den Druck der Ansichtskarten, das Porto. Am Ende bleiben mir ungefähr sechs Dollar übrig. Das ist gutes Geld. Ich kaufe davon Essen für die Familie, bezahle die Telefonkarten und den täglichen Tee. Der Durchschnittsverdienst liegt in Mali unter 100 Dollar im Monat. So kann ich mit einem Schwung Postkarten eine Zeit der Flaute überstehen. Wenn es für mich Arbeit in unserer Hauptstadt Bamako oder in Mauretanien gäbe, wäre ich längst weggezogen. Aber so kann ich hierbleiben und habe wenigstens meine Familie um mich.

Gibt es überhaupt eine funktionierende Post in Timbuktu?

Sie war lange nicht in Betrieb. Als ich vor fünf Jahren das erste Mal mit meinen Postkarten kam, musste ich den Postamtsleiter zu Hause aufsuchen. Er hatte keine Briefmarken. Also ließen wir welche aus Bamako kommen. Heute bin ich sein wichtigster Kunde. Oft sperrt er sein Amt nur wegen mir auf.

Welche Botschaften schreiben Sie denn üblicherweise für Ihre Auftraggeber?

Es sind meistens Glückwunschkarten zu einem Fest oder zum Geburtstag. Oder auch Grüße an eine Person, die früher einmal unsere Stadt besucht hat oder davon träumt, es zu tun. Ich habe gelernt, auf Spanisch, Italienisch und Deutsch zu schreiben. Selbst japanische Schriftzeichen sind mir inzwischen geläufig. Am häufigsten gehen die Karten in die USA.

Und wie kommen die Postkarten von Timbuktu in die ganze Welt?

Früher haben wir sie in wasserdichten Säcken mit unseren Booten, den Pinassen, auf dem Niger verschickt. Aber das hat sehr lange gedauert. Heute bringt sie der Postmann mit dem Moped an den Flughafen: Dort geht jeden Tag ein Flug der Uno-Truppen in die Hauptstadt Bamako. Die Karten erreichen die Absender in etwa ein bis zwei Wochen.

Wenn Timbuktu heute in einer Nachrichtensendung vorkommt, dann meist im Zusammenhang mit Terrorgefahr. Wie ist Sicherheitslage?

In letzter Zeit hat sich die Lage etwas entspannt. Davor gab es so gut wie jede Woche Entführungen von Geschäftsleuten oder Autoraub durch bewaffnete Banditen. Ob die Touristen jemals zurückkommen werden? Ich hoffe es. Jedenfalls beten wir, dass es mit unserer Stadt weiter aufwärtsgeht – inschallah.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER

Anschnallen? Allah hält besser als jeder Gurt! Wenn Fundamentalisten in Norwegen Auto fahren – Nuruddin Farahs neuer Roman über die großen Konflikte im kleinen Familienalltag

nurrudin farahNuruddin Farah ist ein Kosmopolit alter Schule. Er hat unter anderem in Delhi, London, Kapstadt, Lagos und New York studiert, geschrieben und unterrichtet. Am Ende aber drehen sich seine Romane seit fünf Jahrzehnten immer wieder um ein Thema: Das Leiden seiner somalischen Landsleute an einer religiös fundierten Gewalt. Um eine kriegsvernarbte Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte der Weltoffenheit, Dichtung und Kultur zu vergessen droht. Diesmal siedelt Farah seine Romanhandlung in Europa an. Genauer gesagt in Norwegen, wo Mugdi und Gacalo, ein älteres somalisches Ehepaar, ein beschauliches, gut integriertes Leben führen – bis der eigene Sohn sich gegen die Ideale seiner Eltern wendet.

  Obwohl Dhaquaneh in Norwegen aufgewachsen ist, zieht es ihn zurück nach Somalia, wo er sich den Dschihadisten anschließt und bei einem Selbstmordattentat stirbt. Das alles erfährt der Leser im Rückblick. Nun aber entzweit sich das Paar über der Frage, ob es Dhaquanehs Witwe samt den zwei Stiefenkeln aus einem kenianischen Flüchtlingslager zu sich holen soll. Gacalo möchte damit ein Versprechen an ihren Sohn einlösen. Ihr Mann Mugdi ist skeptisch. Was, wenn seine Schwiegertochter radikalen, terroristischen Ideen anhängt? Es verstößt gegen seine Prinzipien, auch als ehemaliger Diplomat, die Gesetze Norwegens zu verletzen, „des Landes, das ihn freundlich aufnahm, als er nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte“.

  Vieles was die Romanfigur Mugdi an der Dysfunktionalität Somalias und dem religiösen Extremismus seiner Landsleute verbittert, mag realen Erfahrungen Nurrudin Farahs entspringen. Der Autor hatte Mitte der Siebzigerjahre nach Haftandrohungen wegen eines gesellschaftskritischen Romans Somalia den Rücken gekehrt. In seinen Büchern wendet er sich seitdem gegen politische Willkür, Frauenunterdrückung und den aus Saudi-Arabien importierten Fundamentalismus, der das einst so westlich-kosmopolitische Mogadischu in eine kulturelle Wüste verwandelt hat.

  2014 verlor Farah bei einem Anschlag der Taliban auf ein Restaurant in Kabul seine für die Unicef arbeitende Schwester. Sein Alter Ego Mugdi wirkt angesichts dieser Trümmerwelt leicht depressiv: Als kultureller Muslim berührt ihn der Ruf des Muezzins noch immer, Trost aber findet er vor allem in der Literatur. In seiner Freizeit übersetzt er O. E. Rølvaags „Giants Of The Earth“, seinen norwegischen Lieblingsroman aus dem Jahr 1927, ins Somalische. Die Geschichte der norwegischen Auswanderer, die in Nord-Dakota mit ihrer Angst vor den indianischen Ureinwohnern, ihrem Misstrauen und ganz realen Überlebensnöten zu kämpfen haben, liefert eine raffinierte Verfremdungsfolie für die eigene Migrationsgeschichte. Mugdi braucht diese Historisierung, um Abstand zu schaffen. Um dem eigenen emotionalen Aufruhr zu entkommen.

  Die ganze Geschichte wird von zwei markanten Attentaten abgesteckt: Daquanehs Selbstmord einerseits und dem Massaker des norwegischen Fremdenhassers Anders Breivik andererseits, bei dem ein somalisch-norwegisches Mädchen zu den Opfern gehörte. Fremdenhasser und Fundamentalisten scheinen einander gegenseitig in ihren Feindbildern zu brauchen. Während sich die Extremisten aber ihrer Sache todsicher sind, muss Mugdi permanent mit seinem Vertrauen in Werte wie Demokratie, Toleranz und Integration ringen. Wie soll er selbst noch denen vergeben, die anderen nur den Tod wünschen? Schließlich hatte ihm sein eigener Sohn einst entgegnet, er könne die besten norwegischen Freunde seiner Eltern, wenn es darauf ankommt, „ausmerzen“, weil sie als Nichtmuslime keine „vollwertigen Menschen“ seien.

  Mugdi will und kann nicht um Maquaneh trauern. Als sich seine Frau dennoch mit dem Wunsch durchsetzt, dessen hinterbliebene Familie aufzunehmen, wird es für ihn noch komplizierter: Wem schuldet er Loyalität? Und wie kann er, der ansonsten so viel Verständnis für die Traumata der Migration aufbringt, das religiöse Eiferertum seiner Schwiegertochter erdulden? Das Unheil bahnt sich schon bei der Abholung am Flughafen in Oslo an. Waliya und ihre Tochter Saafi tragen Gesichtsschleier, der Sohn Naciim ist der einzige, der Mugdi zur Begrüßung die Hand reicht. Unmöglich als Mann, die beiden Frauen direkt anzusprechen – das verlangen die „neuen Umgangsformen unter Islamisten in Somalia heutzutage“. Mugdi muss sich also der Vermittlerdienste des Stiefenkels bedienen: „Er sagt Naciim, dass er seine Mutter und Schwester noch einmal darauf hinweisen soll, den Gurt anzulegen, das sei in Norwegen Pflicht. ‚Wir werden an dem Tag sterben, den Allah für uns bestimmt hat‘, erwidert Waliya. ‚Egal ob wir diese Dinger anschnallen oder nicht‘.“

  Waliya wird sich auch in der Folge nicht anpassen. Sie möchte weder die norwegische Sprache noch einen Beruf erlernen, spielt ständig Korangesänge ab und lehnt jeden Umgang mit Fremden ab – mit Ausnahme eines radikalen Imams und dessen zwielichtigen Gehilfen. Als eine Anti-Terror-Einheit Waliya deshalb ins Verhör nimmt, gerät selbst Gacalo ins Zweifeln: Vielleicht reicht guter Wille alleine doch nicht aus.

  Allerdings zeigt Farahs Roman nicht nur die unkittbaren Brüche der somalischen Exil-Gesellschaft. Er hat auch Mut- Momente: So können sich Waliyas Kinder Naciim und Saafi nach anfänglichen Schwierigkeiten an die neuen Verhältnisse akklimatisieren, norwegische Freunde finden, eine Ausbildung beginnen. Beide lieben ihre Großeltern. Und wachsen bei ihnen im Licht einer nie gekannten Geborgenheit auf. Besonders Naciim, einst unfreiwillig in die Rolle des männlichen Familienoberhaupts gedrängt, schätzt die neuen Freiheiten – und fängt an, die starren Vorschriften seiner Mutter zu kritisieren. Warum soll er keine Popmusik hören dürfen? Warum keine Fußballspiele im Fernsehen anschauen, nur weil es dort möglicherweise Alkoholwerbung oder halbnackte Frauen auf den Rängen zu sehen gäbe? „Wir sind in Norwegen, Mama, nicht in Saudiarabien“.

  Die Familie als symbolisches Schlachtfeld: Nur vordergründig geht es hier um Eltern-Kind-Loyalitäten, denn letztlich trägt Waliyas Verwandtschaft im Kleinen die selben Konflikte aus, die im geopolitischen Maßstab ganze Länder wie Somalia zerlegt haben. Und doch bleibt am Ende eine Hoffnung: Dass Jugendliche wie Naciim und Saafi sowohl islamistischer Bevormundung als auch Fremdenhass widerstehen können. Dass sie ihre somalischen und norwegischen Anteile leben können – als Bereicherung, nicht als Widerspruch.

JONATHAN FISCHER

SZ 22.6.2020

Die Seuche der Armen: Der Musiker Seun Kuti über Corona in Afrika, die Gleichgültigkeit des Westens und seine Hoffnungen

Seun Anikulapo Kuti ist der jüngste Sohn des nigerianischen Musikers und Bürgerrechtlers Fela Kuti. Dieser hatte Anfang der Siebzigerjahre Highlife, Funk und politische Texte zum neuen musikalischen Genre Afrobeat zusammengemischt und wurde für seine Kritik an Nigerias Militärdiktatoren eingesperrt. Seit dem Tod des Vaters 1997 setzen Felas Söhne Femi und Seun dessen musikalische Mission fort. Seun Anikulapo Kuti hat als Bandleader von Felas einstiger Band Egypt 80 zum weltweiten Revival des Afrobeat beigetragen. Zuletzt hat der 37-Jährige das Grammy-nominierte Album „Black Times“ veröffentlicht.

  Während der Ausgangssperren seit Ende März saß er wie alle anderen Bewohner seiner Heimatstadt Lagos zu Hause fest. Der Lockdown wurde vor sechs Wochen gelockert, jetzt gibt es ähnlich wie in anderen Ländern Maskenpflicht und Abstandsregeln. Moscheen, Kirchen und viele Geschäfte bleiben geschlossen. Die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in Afrika beschleunigt sich nach anfänglicher Stagnation.   Diese Woche waren nach Angaben der Johns Hopkins University 255 000 Fälle Infizierter offiziell bestätigt, die tatsächliche Anzahl dürfte weit höher liegen. Nigeria ist nach Südafrika und Ägypten ein Brennpunkt der Pandemie. Knapp 9 000 Infizierte zählt allein der Bundesstaat Lagos.

SZ: Wie verbringen Sie die Zeit während der Corona-Maßnahmen?

Seun Kuti: Ich kann leider meine zehnköpfige Band nicht mehr zum Üben versammeln. Aber dafür lese ich viel und lade Freunde ein, um darüber zu diskutieren. Wissen ist für mich das Wichtigste. Gerade begeistert mich ein Buch von Marimba Ani: „Yurugu – An African-centered critique of European cultural thought and behaviour“. Schauen Sie mal hier (hält Buch in Laptop-Kamera): alle wichtigen Zitate mit Leuchtstift markiert, als ob ich mich auf eine Schulprüfung vorbereiten würde.

Sie kritisieren Ausgangssperren. Warum soll das Social Distancing nicht auch Afrikaner schützen?

Die westlichen Rezepte funktionieren nicht in Afrika. Über die Hälfte der Nigerianer lebt von weniger als zwei Dollar am Tag. Wie viele von denen können zwei Wochen daheimbleiben, ohne sich durch Straßengeschäfte ihr tägliches Essen zu sichern? Erst recht, wenn sie in einem Slum wohnen, kein fließendes Wasser haben, sich ihre Großfamilie auf 50 Quadratmeter zusammenpferchen muss? Bei vielen richtet sich der Hunger und die Aggression gegen die eigene Familie, der häusliche Missbrauch von Frauen und Kindern steigt …

Sie sagen, die Corona-Krise würde die tiefe Kluft zwischen den sozialen Klassen in Nigeria und Afrika sichtbar machen. Wie meinen Sie das?

Diese Krise ist nicht nur ein Gesundheitskrieg, sondern auch ein Klassenkrieg. Wir bräuchten Massentests, um das Virus in den Griff zu bekommen. Und diese Tests müssten kostenlos sein, sodass sich auch die Armen auf eine mögliche Infizierung untersuchen lassen können. Tatsächlich aber werden lediglich die Reichen getestet. Die WHO hat in den ersten Wochen gerade mal 15 000 Tests für alle Länder Afrikas zusammen zur Verfügung gestellt

Für einen ganzen Kontinent?

Wir Afrikaner haben das Gefühl, dass wir nicht dieselbe Sorge verdienen wie die Menschen im Westen. Letztendlich läuft alles auf eine Klassendistanzierung hinaus. Man rät den Reichen mit Villen und westlichem Lebensstil, sich von den Armen fernzuhalten. Weil alle, die täglich hinaus auf die Märkte und in überfüllte Busse müssen, ein höheres Risiko haben, sich anzustecken. Auf lange Sicht werden also mehr Arme als Reiche am Virus erkranken. Und das ist eine Schande.

Welche Maßnahmen könnten den Armen helfen?

Die afrikanischen Regierungen müssen die Pandemie zum Anlass nehmen, endlich in ihr Gesundheitssystem und sanitäre Technik für alle zu investieren. Statt nur ein paar improvisierte Quarantäne-Zentren zu errichten, sollten sie all die privaten Krankenhäuser für die Allgemeinheit zugänglich machen. Und das gesetzlich festschreiben. Zu viele Kranke werden von Hospitälern abgewiesen, weil sie nicht zahlen können. Es kommt jetzt alles darauf an, was wir aus der Krise machen. Im Moment gibt es in meinem Land nur einen Arzt auf 3 500 Einwohner. Wenn Nigeria nach der Covid-19-Pandemie auf demselben Level bleibt, war alles eine vergeudete Chance. Aber wenn wir mit einem verbesserten Gesundheitssystem, medizinischen Zentren für die Landbevölkerung und mehr und besseren Ärzten daraus hervorgehen, dann haben wir dazugelernt.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass der Westen sich diesmal verstärkt um Afrika sorgt? Es ist doch längst klar, dass Pandemien weltweite Auswirkungen haben.

Wir Afrikaner sind, lange bevor es den Covid-19-Erreger gab, an vermeidbaren Krankheiten gestorben. 8 000 Menschen sterben täglich allein an Hunger. In Nigeria wüten gerade auch noch die Cholera und Polio. Schert sich der Westen darum? Die Wahrheit ist: Wenn nur arme Schwarze an Covid-19 stürben, würde das kaum jemanden interessieren. Aber Covid-19 bringt eben alle um.

Seit den Unruhen in den USA ist viel von der Polizeigewalt Weißer gegen Schwarze die Rede. In den sozialen Netzwerken Afrikas kursieren nun Videos, in denen afrikanische Polizisten in Kenia, Senegal, Nigeria und anderen Ländern diejenigen verprügeln, die es während der Ausgangssperre nicht rechtzeitig nach Hause schaffen. Beängstigt Sie das?

Glauben Sie mir, die Polizeibrutalität unterscheidet sich während der Ausgangssperren und Kontaktverbote nicht von derjenigen, der Afrikaner auch sonst jeden Tag ausgesetzt sind. Die Kolonialherren hatten die Polizei einst nach Afrika gebracht. Als Instrument, um die Armen in Schach zu halten. Das ist bis heute so geblieben. Und seid es nicht ihr Europäer, die unseren Diktatoren und ihren Ordnungskräften auch noch die Waffen liefern?

Hunderte afrikanische Musiker haben zu Beginn der Krise Händewasch-Songs aufgenommen. Von Ihnen hat man noch nichts Entsprechendes gehört.

Ich habe nichts gegen Hygiene-Songs. Aber das reicht nicht. Sobald ich meine Band wieder um mich versammeln kann, werde ich die Krise in meiner Musik thematisieren. Ich habe bereits eine Vision für die Nach-Corona-Zeit entwickelt: Einen großen Club und ein Gelände drum herum aufzubauen, eine Community, wo alle meine Musikerfreunde mit ihren Familien zusammen leben und musizieren können.

Sie träumen von einer Kommune nach dem Vorbild der Kalakuta Republic Ihres Vaters Fela Kuti ?

Mein Vater hat in ähnlichen Krisenzeiten eine ähnliche Idee gehabt. Der Rückhalt in dieser Gemeinschaft hat ihm erlaubt, schonungslos über die Realität der Nigerianer zu singen und dabei nicht an der Brutalität des Regimes zu zerbrechen.

Der nigerianische Pop von heute nennt sich etwas irreführend Afrobeats, also wie die Musik Ihres Vaters, aber mit einem angehängten s, während er im Gegensatz zu dessen politischen Botschaften eher die Freuden des Luxuslebens predigt. Fühlen Sie sich da mit Ihrer Musik nicht wie ein einsamer Widerstandskämpfer?

Es gibt eine Menge junger Musiker in ganz Afrika, die die Mächtigen kritisieren, wie etwa Ambasa Mandela in Kenia oder Master Soumy in Mali. Aber du bekommst von vielen im Mainstream kaum etwas mit, weil das System sie nicht unterstützt. Zeit also für die Konsumenten, endlich aufzuwachen: Wollt ihr positive Musik oder nur Mucke zum Einlullen?

Andererseits beschäftigen sich gerade mehr Menschen als je zuvor mit Politik. Ist die Krise da eine Chance?

Natürlich ist das politische Interesse der Bürger gerade gewachsen. Aber wenn sie das nur aus Angst tun, werden sie letztlich untätig bleiben. Das Engagement muss von einem Ort der Liebe kommen. Wir können nichts ändern, wenn uns nur die Angst antreibt. Wir müssen handeln – nicht weil wir die Corona-Pandemie fürchten, sondern weil wir die Menschheit lieben. Aus diesem Grund müssen wir auch aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor Covid-19 langfristig unsere Bewegungs- und Versammlungsfreiheit aufgeben. Sonst macht die Regierung, was sie will, und wir können nicht einmal dagegen demonstrieren.

Viele staatliche und religiöse Anführer in Afrika haben Gebete und Gottesfürchtigkeit als Schutz gegen das Coronavirus propagiert. Welche Rolle spielen die Kirchen in Nigeria?

Viele Kirchen behaupten, sie könnten die Kranken mit Gebeten und geweihten Ölen heilen. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, endlich Beweise dafür zu erbringen? Aber ich habe noch keinen Pfarrer oder Imam gesehen, der zum Heilen in die Quarantäne-Zentren gekommen wäre. Nicht mal in Italien, wo der Papst residiert, haben sie ein Gegenmittel. Der Vatikan hat geschlossen. Aber manche Afrikaner sind christlicher als der Papst und wollen sich immer noch zu Gottesdiensten treffen.

Sie fordern in den sozialen Medien „afrikanische Lösungen“ für die Corona-Krise. Was verstehen Sie darunter?

Ich habe eine Botschaft an all die afrikanischen Doktoren, Mikrobiologen und medizinisch Berufstätigen auf der ganzen Welt. Ich verstehe, dass sie vor einem kaputten System nach Europa, Amerika oder in den Nahen Osten geflohen sind – und rein ökonomisch gesehen haben sie dazu auch jedes Recht. Aber jetzt brauchen wir ihre Fähigkeiten, um unseren Kontinent zu retten. Ich darf das sagen. Immerhin verdiene ich auch nicht, was ich verdienen könnte, weil ich mich entschieden habe, mit meiner Musik lieber für die Anliegen meiner Leute zu sprechen. Und jetzt fordere ich dasselbe Opfer von den medizinisch Berufstätigen: Kommt zurück, um für eine bessere Gesundheitsversorgung in Afrika zu kämpfen.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.6.2020seun kuti