Die wortlose Liebe: Saleem Haddad erzählt in seinem Roman „Guapa“ vom Leben eines jungen, arabischen Schwulen

Rasa braucht die Guapa-Bar wie ein Gefangener den Freigang. Dem jungen Übersetzer liefert die Großstadtkaschemme einen jener kleinen Freiräume, die das Leben in einer arabischen Diktatur erträglich machen. Hier treffen sich Rasa und seine Freunde, hier planen sie bei einigen kühlen Bieren die nächsten Schritte einer ins Stocken geratenen Revolution, hier lamentieren sie über die Willkür von Polizei und Staat – während im Keller Dragqueens posieren und westliche Touristen nach willigen Jungs Ausschau halten. Das Guapa scheint all die Kräfte zu bündeln, die den Ich-Erzähler Rasa in seinem Inneren zu zerreißen drohen. Nirgends sonst kann er sich entspannen. Nirgends sonst darf er zu seinen widersprüchlichen Identitäten stehen: arabisch, westlich gebildet, gesellschaftskritisch – und ja, schwul.

„Guapa“, der Debütroman des in London lebenden arabischen Autors Saleem Haddad, spielt während des Arabischen Frühlings 2011. Er beschreibt nur einen Tag im Leben Rasas. Aber diese 24 Stunden reichen aus, um das politische Schicksal einer ganzen Generation junger Araber sichtbar zu machen. Rasa ist voller Hoffnung von seinem Studium aus Amerika zurückgekehrt. Mit ein paar Freunden betreibt er ein Übersetzungsbüro in einer arabischen Großstadt, die Kairo, Amman oder auch Damaskus heißen könnte. Westliche Journalisten sind ihre Kunden. Doch die Revolution hat den Falschen in die Hände gespielt, sie scheint sich immer weiter von Rasas Idealen zu entfernen.

Und dann ist da noch seine Großmutter. Teta, in deren Haus Rasa lebt und deren Macht als einzig verbliebenes Familienmitglied so durchdringend und gnadenlos zu sein scheint wie die des Präsidenten, dessen Blick, „einen Schicht für Schicht entblößt, bis man ganz nackt und hilflos ist“, hatte Rasa gelehrt, die Welt durch ihre traditionelle Brille zu sehen. Aber diese Welt ist an diesem Morgen zersprungen. Denn Teta hat durch das Schlüsselloch geschaut. Sie hat Rasas sorgsam gehütetes Geheimnis entdeckt – seine leidenschaftliche Beziehung zu seinem Freund Taymour. Tetas Geschrei, ihre Andeutungen, sie sind für Rasa kaum zu ertragen.

Die größte Triebkraft der Handlung ist die Scham, „Eib“. Dieser schillernde arabische Begriff appelliert – anders als das für religiöse Verbote stehende haram – an das Dekorum, die soziale Verpflichtung des Einzelnen. Eib verleiht Rasas Ringen eine Dramatik, mit der es keine Coming-out-Geschichte in einer westlich-liberalen Gesellschaft aufnehmen kann. Eib schneidet Rasa von der Liebe und Freiheit ab, Eib entfremdet ihn seiner eigenen Familie. Wegen Eib zieht sich Taymour, der versucht, „nach den Regeln zu spielen, einen Fuß drinnen und einen draußen“, von Rasa zurück, der mit seiner Sehnsucht allein bleibt und auf dem Handy Liebesbriefe schreibt, die wie Selbstgespräche klingen.

Rasa tanzt das ganze Buch hindurch einen Tanz um die eigene Scham. Den Gegenpol zu Taymours Haltung bildet sein alter Schulfreund Maj. Dieser wird – als bekennender Schwuler und Menschenrechtsaktivist – nach einer Razzia in einem Schwulen-Kino inhaftiert. Maj, der als Dragqueen mit Marilyn-Monroe-bedrucktem Niqab auftritt, die Zumutungen der Hetero-Normalität zurückweist und westliche exotisierende Zuschreibungen demaskiert, verkörpert die Hoffnung auf ein anderes Leben. Rasas Bemühen, den Freund aus dem Gefängnis zu holen, ist auch ein Kampf um seine eigene Würde. Und dann spielt da noch ein anderes, ziemlich eigenständiges Motiv mit: das Ringen um die richtigen Worte. Rasa erinnert sich an ein Erweckungserlebnis als Teenager. Nachdem sich sein Idol, der amerikanische Popstar George Michael, öffentlich zu seinem Schwulsein bekannte, wollte Rasa es ihm gleichtun, stand stundenlang vor dem Spiegel und formte Worte, suchte nach einem passenden arabischen Begriff für seine sexuelle Orientierung. Aber keiner passte.

So liest sich „Guapa“ auch als Geschichte einer quälenden Desillusionierung. In einer der stärksten Szenen des Buches begleitet Rasa eine amerikanische Journalistin zu Ahmed, einem Islamistenführer. Rasa soll eigentlich nur dolmetschen. Aber dann entwickeln Ahmeds Reden eine ungeahnte Anziehung auf den jungen Landsmann. Der islamistische Visionär will einen neuen Staat rund um Moscheen statt um Klassengrenzen bauen, und er will seinen bei Protesten umgekommenen Sohn rächen: „Wir werden das gesamte Land brennen lassen, damit sein Tod nicht umsonst war.“ Diese Klarheit der Position und „Authentizität“ vermisst Rasa in seinem eigenen Leben. „Wie kann ich ihnen erklären, dass ich wie sie ein Unverstandener bin, vom Regime und den Medien verteufelt?“Aber mit ihrer Solidarität, das ahnt Rasa, kann er als schwuler, westlich orientierter Mann nicht rechnen.

In solchen Momenten liegen die Parallelen zur Biografie des Autors offen, nicht vom Plot her, sondern im Blick auf die inneren Konflikte. Das Gefühl, nirgends dazuzugehören, kennt Saleem Haddad nur zu gut. Er wurde in Kuwait als Sohn einer irakisch-deutschen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters geboren, wuchs als Christ in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft auf, hatte sein eigenes traumatisches Coming-out und lebt heute mit seinem Lebenspartner in London. In den Jahren von 2011 bis 2014, als dieser Roman entstand, arbeitete er unter anderem für Medecins Sans Frontières in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens. Haddad erlebte dort die Post-Depression des Arabischen Frühlings, aber in „Guapa“ bleibt jeder Zynismus außen vor.

Vielmehr nimmt einen der leidenschaftliche, humorvolle Ton des Buches gefangen. Als „Liebesbrief an die arabische Welt“ hat Haddad seine Geschichte bezeichnet. Denn der Plot hat mehr als einen Twist. Während seiner Studienzeit in Amerika kurz nach 9/11 fühlt Rasas sich erstmals als Araber und zitiert Amin Maalouf: „Wir identifizieren uns mit dem Aspekt unserer Persönlichkeit, der am meisten bedroht ist.“ Und hat Eib nicht auch seine guten Seiten? In Amerika entdeckt Rasa, wie der soziale Kontrakt eben auch Gemeinschaft, Respekt und Vertrauen schafft. Saleem Haddad löst die Ambivalenz zum Glück nicht auf. „Die Scham“, sagt er, „ist offen für Subversion. Ich wollte erforschen, wie die Menschen damit spielen können.“

Saleem Haddad: Guapa. Roman. Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, Berlin 2017. 392 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 9,99 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.5.2017

AUF VERLORENEM POSTEN Flüchtlingsheime brauchen Schutz und Sicherheit, aber die Mitarbeiter der Security-Firmen sind schlecht ausgebildet, unterbezahlt und nicht selten gewalttätig. Wachleute erzählen, wie es dort zugeht

Mohammed Sillas Deutsch ist noch ziemlich gebrochen. Erst vor fünf Monaten ist der 26-Jährige aus Sierra Leone in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck angekommen. Aber einen ersten, schmerzhaften Eindruck von Deutschland hat er schon. „Diejenigen, die mich beschützen sollen, können mich zusammenschlagen – einfach so.“ Die Menschen, die Flüchtlinge wie Silla beschützen sollen: Das sind die Mitarbeiter des örtlichen Sicherheitsdienstes. Uniformierte Wachmänner, die für die Ordnung in den Asylunterkünften zuständig sind, bei Konflikten deeskalieren und vermitteln sollen. Glaubt man Mohammed Silla, haben ihn die Wachmänner seiner Unterkunft wie „einen Verbrecher“ behandelt. Es passierte bei der Taschenkontrolle am Eingang. Die Wachmänner hätten seine am Boden geöffnete Tasche mit den Füßen weggekickt. Als Silla sich darüber beschwerte, sei es zu dem Prügel-Exzess gekommen – elf Security-Mitarbeiter hätten sich daran beteiligt oder zugesehen. Silla wurde anschließend ins Krankenhaus eingeliefert.

  Die Polizei wollte Silla aber trotz Augenzeugen, die seine Version bestätigen, nicht glauben. Das Verfahren wurde nach wenigen Wochen von der Staatsanwaltschaft München II eingestellt: „Wir hatten sehr widersprüchliche Aussagen der von uns vernommenen Zeugen“, sagt Andrea Grape, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft. So stehe letztlich eine Geschichte gegen die andere, ein Tatnachweis sei nicht zu führen gewesen. Silla blieb nichts anderes übrig, als um eine Verlegung in ein anderes Haus, nach Bad Tölz, zu bitten. „Viele Heimbewohner“, sagt der Flüchtling, „haben das Gefühl, dass sie nicht von den Security-Männern beschützt werden. Sondern Schutz vor ihnen brauchen.“

  Ein Einzelfall? Oder doch Symptom einer Politik, in der die kostengünstige Abwicklung von Flüchtlingen Vorrang hat vor deren Sicherheit? Dass Wachmänner ausrasten oder gewalttätig werden, gehört offenbar zum Alltag in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

  Die Liste der dokumentierten Vorfälle jedenfalls ist lang: 2014 ging ein Bild durch die Öffentlichkeit, in dem ein Wachmann im siegerländischen Burbach einem am Boden liegenden Flüchtling mit einem Schuh auf den Kopf tritt. Im März 2016 zettelten Wachmänner in Berlin eine Schlägerei an, bei der auch der Heimleiter verletzt wurde. Zwei Monate zuvor hatten Mitarbeiter einer Security-Firma eine Handgranate auf ein Heim in Villingen-Schwenningen geworfen. Sie hatte zum Glück nicht gezündet. Und das sind nur die aufsehenerregendsten Meldungen. Viele der täglichen Übergriffe auf Flüchtlinge durch diejenigen, die sie beschützen sollen, tauchen in keiner Statistik auf, weil sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Wer im Flüchtlingsheim als aufmüpfig gelte, sagt ein Sprecher der Selbsthilfeorganisation „Refugee Struggle for Freedom“, auf den werde von den Security-Leuten regelrecht Jagd gemacht. Darüber hinaus wüssten viele Flüchtlinge nicht über ihre Rechte Bescheid.

  Das ist die eine Seite der Geschichte. Auf der anderen stehen schlecht ausgebildete, miserabel entlohnte, überforderte Wachmänner. Wer diesen Job wählt, muss einiges mitbringen: hohe physische und oft auch psychische Belastbarkeit. Und eine enorme Frustrationstoleranz. Oft dauern die Schichten mehr als zehn Stunden. Die Sicherheitsleute werden von Betrunkenen bedroht oder bekommen bei Streitigkeiten zwischen Ethnien Beschimpfungen oder Schläge ab. Und ja, es gibt Flüchtlinge, die zu Gewalt neigen. Manche haben selbst eine kriminelle Vergangenheit, manche sind durch Erlebnisse auf der Flucht verroht, andere sind es nicht gewohnt, Weisungen von Frauen zu befolgen.

  Der Wachmann-Job ist schlecht bezahlt: 9,57 Euro pro Stunde. Für den Einsatz in Flüchtlingsheimen gibt es noch mal 1,50 Euro Zuschlag, das bedeutet 11,07 Euro die Stunde, gerade genug für zwei Schachteln Zigaretten.

  Charlie, ein stämmiger Typ mit türkischem Migrationshintergrund, hat sich für diesen Minimallohn vier Jahre lang als Wachmann in der Bayernkaserne verdingt. Die Bayernkaserne, das ist Münchens größtes Flüchtlingsheim. Die Arbeit dort, sagt Charlie, habe ihn an den Rand seiner seelischen Kräfte gebracht. „Wenn Flüchtlingsmütter mit ihren Babys ankamen und die Security-Mitarbeiter um Babynahrung und Decken anbetteln mussten, das ging mir schon an die Nieren“, sagt der 32-jährige Familienvater. „Aber das Schlimmste, das waren die Kollegen.“ Wachmänner, die aus Ostdeutschland rekrutiert worden waren.

  In der Bayernkaserne arbeitete Charlie als Subunternehmer der Firma Siba. Sie erledigte im Auftrag der Regierung von Oberbayern die Registrierung und Erstaufnahme der Flüchtlinge. „Die aus dem Osten haben ständig Streit gesucht. Als ich einmal einen betrunkenen Flüchtling am Boden fixierte, nutzte ein Kollege die Chance, dem wehrlosen Mann mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten. Und das kam nicht nur einmal vor.“ Charlie schüttelt den Kopf. Nur unter Zusicherung strikter Anonymität ist er zusammen mit seinem Kollegen Hamid bereit gewesen, sich in einem McDonald’s im Gewerbegebiet mit dem Reporter zu treffen. Beide wollen nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. „Viele Security-Mitarbeiter haben Kontakte in die Unterwelt, das weiß jeder.“

  Hamid nickt zustimmend. Der afghanischstämmige Wachmann hatte mit seiner Arbeit die Hoffnung verbunden, seinen geflüchteten Landsleuten das Leben zumindest etwas erträglicher zu machen. Auf den Ton im Flüchtlingsheim aber war Hamid nicht vorbereitet: Einige Kollegen hätten ständig davon geredet, „dass man die Flüchtlingsweiber für ein paar Euro ficken könne. Und die Afrikaner hießen bei ihnen sowieso nur Affen“. Die Aussagen ehemaliger Wachmänner der Firma Guardian, die 2016 an die Presse gingen, oder Zeugenaussagen im Prozess gegen Wachmänner in Arnsberg lassen vermuten, dass sich ähnliche Szenen auch in anderen Asylheimen abspielen. Sicherheitsleute, die Flüchtlinge beschimpfen und schlagen, Frauen, die sexuell belästigt, Kinder die über Megafon angebrüllt werden: „Würde das im Zoo passieren“, sagt Charlie, „die Tierschützer wären schon längst zur Stelle.“ Charlie und Hamid lachen. Aber hinter dem coolen Tonfall ist der Frust spürbar: Sie hätten immer versucht, Konflikte über freundschaftlichen Kontakt und Gespräche zu lösen. Doch der Schichtleiter habe das nicht gerne gesehen: „Wenn ihr weiter so viel mit den Leuten quatscht, fliegt ihr raus“, habe er gedroht.

  Anruf bei Joachim Feldhaus, dem Geschäftsführer der Wachfirma Siba in Karlsruhe. Hat er Kenntnis von kriminellen oder ausländerfeindlichen Wachleuten in seiner Firma? „Wir ziehen sofort personelle Konsequenzen, wenn uns etwas zur Kenntnis kommt“, sagt er und seufzt. „Aber was sollen wir denn machen, wenn die Regierung von Oberbayern selbst die Führungszeugnisse überprüft und abgenickt hat?“ Feldhaus räumt allerdings ein, dass er schon Mitarbeiter entlassen habe: Etwa wegen fremdenfeindlicher Facebook-Einträge. Ein „Riesen-Imageschaden“ für die Firma sei das gewesen.

  Trotzdem sieht er die Security-Branche als Opfer vieler Pauschalisierungen. Kein Gewerbe werde stärker kontrolliert. Dagegen werde die Leistung seiner Angestellten oft unterschätzt: „Wachmann ist kein ungefährlicher Job. Und wer das macht, kommt nicht unbedingt von der Sonnenseite des Lebens.“ Die Ansprüche seien hoch: Seine Leute sollten deeskalieren, sich wehren können und Menschen anderer Kulturen verstehen. Und das alles nach einer gerade mal einwöchigen Ausbildung. 40 Stunden dauert die Schulung der Wachmänner. Führungskräfte brauchen eine zusätzliche Sachkunde-Prüfung. „Eine bessere Ausbildung ist natürlich wünschenswert“, sagt Feldhaus und erzählt, dass seine Firma seit zwei Jahren freiwillig einen Trainer für interkulturelle Kompetenz beschäftige. Letztlich aber müsse man konkurrenzfähig sein: „Bei den Preisen gibt es nicht viel Luft.“

  Was Feldhaus nicht sagt: Schon länger gibt es Anzeichen dafür, dass die Security-Szene in Deutschland von Rechtsradikalen unterwandert ist. Bereits 2003 hatte das Internet-Magazin Telepolis entsprechende Verbindungen aufgedeckt. Das Sicherheitsgewerbe hatte sich zur sicheren Einkommensquelle vieler Neonazis entwickelt. „Viele der ostdeutschen Kollegen“, sagt Charlie, „machten gar keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Bei einigen konnte man die Hakenkreuz-Tätowierungen noch durch das weiße Hemd durchsehen“, hieß es in dem Beitrag. In ihren Büros und auf den Funkgeräten sei immer wieder Nazi-Musik gelaufen. Und als ein Bus mit Flüchtlingen ankam, habe ein Siba-Wachmann über Funk durchgegeben: „Wir sind voll. Schicken wir die doch gleich zum Vergasen weiter nach Dachau.“ Habe da niemand an eine Anzeige gedacht? So etwas sei in diesem Milieu undenkbar, sagt Charlie. Er habe seine ostdeutschen Kollegen mal gefragt, warum sie als Ausländerfeinde ausgerechnet diesen Job angenommen haben. „Sie sagten, der Action wegen. Um mal ein bisschen draufzuhauen.“

  Dass der Wachmann-Job auch Menschen anzieht, die am sozialen Rand stehen und nun die Möglichkeit bekommen, über noch Schwächere Macht auszuüben, das liegt auf der Hand „Die Ausgrenzungspolitik qua Lager verleiht den Sicherheitsdiensten viel Macht“, sagt Stephan Dünnwald vom Münchner Flüchtlingsrat. „Und dieses Machtgefälle kann zu allen möglichen Formen der Ausbeutung führen.“ So erreichten den Flüchtlingsrat immer wieder Beschwerden von Flüchtlingen über sexuellen Missbrauch – oder die willkürliche Konfiszierung ihrer Habseligkeiten. Aber nur selten ließen sich gerichtsfeste Aussagen erreichen. „Wir erleben da eine Kultur der Angst“, sagt Dünnwald.

  Ein Teil des Problems ist der Arbeitsmarkt. Nachdem in den letzten Jahren Hunderttausende Flüchtlinge Deutschland erreicht hatten und überall Asylbewerberunterkünfte aus dem Boden gestampft wurden, erlebten die Wachdienste einen Boom. In den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl ihrer Mitarbeiter von 183 000 auf 258 000. Derzeit werden laut Bundesagentur für Arbeit 13 800 Wachleute gesucht. Durch die massive Nachfrage sei der Markt total abgegrast, sagt Silke Wollmann vom Bundesverband der Sicherungswirtschaft. So seien im Eilverfahren viele Unqualifizierte angeworben worden. Probleme hat es aber nicht nur mit Rechtsradikalen gegeben. So verweigerten arabischstämmige Wachmänner in mehreren Fällen christlichen Flüchtlingen den Schutz und prügelten mit, als die von muslimischen Mitbewohnern angegriffen wurden. „Die in den deutschen Flüchtlingsheimen eingesetzten Sicherheitsdienste“, wetterte der Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, Anfang letzten Jahres, „sind ein Einfallstor für Kriminelle, Salafisten und Rechtsradikale.“

  Im März 2016 reagierte die Bundesregierung: Sie beschloss schärfere Regeln für Sicherheitsdienste – insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Flüchtlingen. Nun ist außer der vierzigstündigen Unterrichtung auch eine Prüfung für die Zulassung zum Wachdienst vorgeschrieben. Künftig soll es alle drei Jahre eine Zuverlässigkeitsprüfung geben: Dazu gehört eine Abfrage bei der Polizei – und für diejenigen, die in Flüchtlingsheimen arbeiten, auch beim Verfassungsschutz. Ob diese Maßnahmen ausreichen? Wendt bezweifelt das: „Die Achillesferse der privaten Sicherheitsdienste ist nicht beseitigt: Denn noch immer können Subunternehmer eingesetzt werden. Bei ihnen ist die Kontrolle ausgesprochen lückenhaft.“ Die Ausschreibungen setzten leider nur auf Billigangebote. Das Ergebnis: „Es werden Leute beschäftigt, die man nicht kennt.“ Allerdings schiebt Wendt nicht den Wach-Unternehmen die Schuld daran zu. Die meisten in der Branche seien seriös. Vielmehr frage er sich, warum Polizisten eine dreijährige Ausbildung genössen, aber die öffentliche Hand nicht bereit sei, mehr für qualifizierte Wachleute zu bezahlen – und diese mit den Flüchtlingen alleine lasse: „Oft müssen sie sozialpädagogische und psychologische Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind.“

  Stefan Näther, Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes Jonas Better Place, hat die Lücke erkannt: In seinem Unternehmen werden Mitarbeiter in Flüchtlingsheimen geschult, sie sollen lernen, was kulturelle Unterschiede bedeuten. Das sei Pflicht. Seine Firma kann als positives Gegenbeispiel in einer schlecht beleumundeten Branche dienen: „Wir legen einerseits auf multikulturelles Personal Wert. Andererseits müssen bei uns alle Bewerber Persönlichkeitstests absolvieren.“ Sie sollten etwa aufdecken, ob jemand „zu missbräuchlichem Verhalten gegenüber Schwächeren neigt“. Näther, selbst ein studierter Psychologe und Therapeut, hat vorher in der Jugendhilfe gearbeitet. Der Erfolg gibt seinem Unternehmen recht. Nachdem die Regierung von Oberbayern sich zum Jahresende aus den meisten Häusern der Bayernkaserne zurückzogen hatte, übernahm dort Jonas Better Place im Auftrag der Stadt München die Verantwortung. Das Klima hat sich seitdem deutlich verbessert: „Früher kam die Polizei viermal am Tag“, sagt Hamid, der inzwischen für Jonas Better Place arbeitet. „Heute lösen wir das meiste mit Reden. Es gibt sogar Tage ganz ohne Schlägerei.“

JONATHAN FISCHER

SZ 13.5.2017

Sound der Verdrängten – Von Kingston aus haben vor vier Jahrzehnten Bob Marleys Songs die Welt erobert. In der jamaikanischen Hauptstadt selbst muss man heute schon nach live gespieltem Reggae suchen. Aber man kann ihn noch finden

Abends, wenn sich die Lichter von Kingston wie ein glühender Teppich die Bergflanken der Blue Mountains hochziehen, die schwüle Luft ein paar Grad abkühlt und die Menschen in Parks und vor den Hauseingängen zusammensitzen, dann wird die Musik dieser Stadt hörbar: Patois-Rufe, Motorradgehupe und dumpfe Bässe. Aus vorbeifahrenden Autos dringen Dancehall-Hits. Oder ein paar ölige metallisch verzerrte Gesangsfetzen. Nur wo die Andenkenstände Schals und T-Shirts in den Rastafarben rot-grün-gelb verkaufen, ist die Zeit stehen geblieben. „Get Up, Stand Up“, „Buffalo Soldier“, „Lively Up Yourself“. Vier Jahrzehnte ist es her, dass Bob Marleys einschmeichelnde Melodien und synkopierte Bässe von Kingston aus ihre Heilsbotschaften um die Welt trugen. Heute stellen seine Mythen auch einen Wirtschaftsfaktor dar: Welcher Tourist könnte Jamaika besuchen, ohne „One Love“ auf den Lippen zu führen? Das menschheitsumarmende Reggae-Gebet ist allgegenwärtig. Es prangt auf Taxis, auf Bussen, auf Kioskschildern.

  Und doch macht es Kingston den Reggae-Enthusiasten nicht leicht. Kaum eine Stadt hat mehr Heiligenlegenden hervorgebracht. Kaum eine Stadt hat den globalen Pop mehr beeinflusst. Und dennoch scheint diese Stadt oft weit entfernt von der eigenen Vergangenheit zu sein. „Überall auf der Welt“, sagt der Musiker Billy Mystic, „führen Musiker die jamaikanischen Poptraditionen des Ska, des Rocksteady und Reggae weiter. Nur nicht in Kingston. Hier musst du schon zu einem der jährlichen Festivals wie Sumfest kommen, um Live-Musik zu hören.“ Oder am richtigen Tag in Billy Mystics Surf-Camp sein. Mystic, ein drahtiger Mittfünfziger mit Rasta-Dreads, Perlenkette und einem halb verglühten Joint zwischen den Fingern, hat als Teil der Band The Mystic Revelations seit den 1980er-Jahren den Roots-Reggae mit neuem Leben erfüllt. Jetzt entspannt er sich auf einem Liegestuhl im Innenhof seines Wellenreiter-Hostels im Norden von Kingston. Jamnesia heißt es. Jam wie eine spontane Musik-Session, Amnesia wie das Vergessen der Alltagssorgen. Sanfte Reggae-Bässe wummern aus den Lautsprechern, Touristen in Bermudas bevölkern die Bar. „Jeden zweiten Samstag lasse ich hier Nachwuchsmusiker auftreten. Sie bekommen Publikum und Bühnenanlage, ich verkaufe an der Bar Getränke.“ Mystic ist heute als Surfer bekannter denn als Musiker – er spielt in einigen Surffilmen gar die Hauptrolle. Und doch kommen die größten Nachwuchsmusiker Jamaikas zu ihm: Chronixx, Jah9 oder Protoje. „Sie haben hier ihre ersten professionellen Erfahrungen gesammelt.“

  Billy Mystic ist stolz darauf, dass diese Jungstars die Fackel des Roots-Reggae weitertragen. Denn für Dancehall, diese digitalisierte Gangster-Variante jamaikanischen Pops, hat er kaum gute Worte übrig: „Das funktioniert als Partymusik, okay. Aber jamaikanische Musik ist mehr als Anmachsprüche. Viel mehr.“ Und während er ein paar getrocknete Krümel zu einem neuen Joint dreht, erklärt er die Fundamente der Reggae-Musik. Den Glauben der Rastafaris. Marihuana – für die Rastafaris Medizin, um den Blick über die materielle Realität hinaus zu öffnen, gehöre genauso dazu wie das spirituelle Palaver. „Rastafaris haben immer nach der Wahrheit gesucht. 400 Jahre lang indoktrinierten die Sklavenhalter uns mit Lügen, um unser Selbstvertrauen zu unterminieren. So mussten wir in uns gehen und Gott anrufen – um die richtigen Antworten zu bekommen.“ Die richtigen Antworten, das bedeutete die Rückbesinnung auf Afrika, die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen und ein Leben in Einklang mit der Natur.

  Vor fast einem halben Jahrhundert haben Typen wie Bob Marley, Peter Tosh oder auch Jimmy Cliff aus einer spirituellen Haltung eine universelle Botschaft geformt. Sie überhöhten den Widerstand der entlaufenen Sklaven zur universalen Pop-Rebellion. Zur Reggae-Botschaft von Selbstbewusstsein und Widerstand. „Tuff Gong“ steht auf einem Schild über einer Ansammlung länglicher Baracken am Marcus Garvey Drive in Downtown Kingston. Bob Marley übernahm die ehemaligen Federal Studios Mitte der 1970er-Jahre und nahm hier einige seiner größten Hits von „No Woman, No Cry“ bis zu „Trenchtown Rock“ auf. Später sollten auch Gregory Isaacs, Lauryn Hill und zuletzt Snoop Dogg das Studio nutzen. „Das ist hier die Universität des Reggae“, flachst Ricky Chaplin. „Wenn du hier nicht gespielt hast, bekommst du keinen Abschluss.“ Der Mann mit der dicken Rasta-Wollmütze, selbst ein international bekannter Reggae-Sänger, führt Touristen durch die verschiedenen Proberäume, Lounges und holzgetäfelten Studiosäle der Tuff-Gong-Studios. Bob Marleys Pianos und Keyboards stehen noch an Ort und Stelle, das analoge Studiopult aus den 1970er-Jahren, ebenso die aufgeschlagene Bibel, aus der Marley gerne zitierte. Dazu gerahmte Bilder des äthiopischen Kaisers Haile Selassie: Von den Rastafaris als von der Bibel angekündigter „Löwe von Juda“ verehrt, gehört er neben dem radikalen Vordenker Marcus Garvey, der Anfang des 20. Jahrhunderts „Back To Africa“ postulierte, zu den allgegenwärtigen Ikonen Jamaikas. Nirgends auf der Welt blüht ein größerer Afrika-Enthusiasmus als hier. Nirgendwo trägt dieses Wort so viel Sehnsucht in sich.

  Ein paar Kilometer weiter uptown ist die weiß gestrichene Holzvilla, in der Bob Marley zuletzt mit seiner Familie lebte, zum Museum umgewidmet; Bob Marley wird hier wie ein Heiliger verklärt. Barack Obama war auch schon hier. „Lasst eure Sorgen zu Hause“ begrüßt eine junge Dreadlock-Frau die Busladungen japanischer, amerikanischer und europäischer Pilger. „Und erinnert euch dran: One heart, one love.“ Ihr Enthusiasmus wirkt echt. Trotzdem kann man sich als Fan von Marleys Musik diese Zurschaustellung von Bobs Landrover, seiner Fußballhosen, seiner Familienfotos und seines Teegeschirrs getrost sparen.

  Vielleicht lieber nach Trenchtown fahren, um die Armut zu sehen, aus der Marley einst kam? Der Taxifahrer ist nicht begeistert: „Trenchtown? Da steigst du besser nicht aus.“ Entlang der großen Straßen zieren bunte Graffiti von jamaikanischen Musikern die Mauern – das mag den Touristen, die sich mit Bussen zum Geburtshaus Marleys ins Armenviertel Kingstons karren lassen, schöne Fotomotive bieten. Doch die Depression ringsherum ist unübersehbar. Billig-Beton-Häuschen, abblätternde Wohnblöcke, Wellblechhütten. Zwei vollkommen abgebrannte Straßenzüge teilen Trenchtown wie eine große, hässliche Narbe in zwei Teile. Ein Relikt der bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1970er-Jahren, als hier bewaffnete Parteimilizen um die Straßenhoheit kämpften – die eine Seite wurde von Kuba, die andere von den USA mit Waffen beliefert. Heute, so hatte Ricky Chaplin gewarnt, gingen hier Drogen-Gangs ihren Geschäften nach. Und an die vielen Reggae-Songs über „Krieg in Babylon“ erinnert: „Hier findet er Tag für Tag statt. Hier kommt die Gewalt her, die sich in vielen der Dancehall-Texte wiederfindet.“

  Und doch kann man noch zur Verbrüderungs-Botschaft des Reggae tanzen. Eine ganze Nacht lang – vorausgesetzt, man findet den richtigen Hinterhof und das richtige Soundsystem. Ein Soundsystem – das sind eine DJ-Crew, eine Musikanlage und Lautsprechertürme, der Grundstein jeder jamaikanischen Party. „Stone Love“ heißt eines von Kingstons bekanntesten Soundsystemen, jeden Mittwoch zieht es die Nachtmenschen zu der Open-Air-Dancehall. Auf beiden Seiten der Burlington Avenue sind schon Hunderte Meter vorher die Gehsteige zugeparkt. Doch wer dem dumpfen Rollen der Bässe folgt, findet unweigerlich den Einlass. Routiniertes Abtasten durch die Türsteher. Dann darf man das Eisentor durch die Hofmauer passieren, sich im Halbdunkeln seinen Weg zur Tanzfläche suchen.

  Es riecht nach Patties, würzigen jamaikanischen Teigtaschen und Marihuana. Das Essen dampft aus großen Töpfen unter einem Zeltdach, den Rauchernachschub verkaufen Händler: „A lickle weed?“ In ihren Bauchladen haben sie: getrocknete Marihuana-Stengel, Filterzigaretten, Lutscher und Kaugummi – alles wesentlich billiger als der Whiskey, den die meisten Besucher in Plastikbechern konsumieren. Der eigentliche Rausch aber strömt aus den Boxen. Gigantische Basswellen lassen die Hosenbeine flattern. Jede Minute wird eine neue Disco-, Reggae- oder Dancehall-Nummer mit einem launigen Spruch angespielt: „Shell it up man.“ Der Hinterhof füllt sich erst nach Mitternacht. Blondierte Damen in Stretch-Tops, goldbehangene Jungs und Anzugträger nehmen die Bassläufe mit den Hüften auf. Die Tanzfläche aber ist fest im Besitz der Selbstdarsteller, der Akrobaten und Ausdruckstänzer. Auch ein paar ältere Rastamänner in selbstgenähten Sack-Kostümen wirbeln Sägespanwolken auf. „Stone Love“, ruft der DJ ins Mikro, „44 years and still going strong“. Das Soundsystem ist älter als die meisten seiner Gäste.   

  Drei Stunden dauert die Autofahrt von Kingston durch grüne Bergschluchten und Flusstäler, bis man Montego Bay an der gegenüberliegenden Küste erreicht. Hier sind die meisten Hotelanlangen und einige der schönsten Strände Jamaikas. Ein wenig oberhalb der Stadt findet sich aber auch das Rastadorf der Künstlerkommune „Indigenious Initiating Circle of Nature“. An einer Flussbiegung des Montego Rivers wartet ein Guide auf die Besucher. Der hochgewachsene Mann mit dem Weltfriedens-Lächeln im Gesicht stellt sich mit dem Namen Firstman vor. Früher habe er als Bauunternehmer und Hotelmanager gearbeitet. Doch seit er der Kommune beigetreten sei, propagiere er eine andere Art des Tourismus: „Wir wollen das Bewusstsein für unsere Kultur wecken – durch Musik, Poesie und Trommeln. Reggae ist für uns wie ein Impfstoff gegen die Übel der Welt.“ Firstman geht durch eine flache Furt auf die andere Uferseite und dann vorbei an Avocado- und Mangobäumen einen steilen Hügel hinauf. Es riecht nach Holzfeuer. Und dann wirkt auf einmal alles surreal: Die Scheite, die in der Mitte der Lichtung rauchen, nennen sie hier „die ewige Flamme der Weisheit“. Viele der Männer tragen Hemden und Hosen aus selbstgenähtem Sackleinen. Eine junge Frau mit Turban kocht Seife. „Wir stellen unsere Kosmetik nur aus natürlichen Zutaten her“, erklärt Queen B, die in ihrem früheren Leben als Physiotherapeutin ihr Geld verdient hat. „Wenn wir One Love sagen, umfasst das auch die Tiere und Pflanzen.“   Rund zwanzig Personen wohnen ständig hier, einige der bekanntesten Musiker Jamaikas kamen schon mal zum Jammen vorbei. „Es ist ein guter Platz“, sagt National, ein 62-jähriger Trommelbauer mit gelben Zahnstumpen, der die Kommune vor 20 Jahren gegründet hat. „Ich kann hier die Energie unserer Vorfahren spüren.“ Diese spielen auch beim rituellen Nyabinghi-Trommeln eine wichtige Rolle. Während National feierlich einen neuen Joint dreht, schleppen seine jüngeren Mitmusiker ihre Instrumente ins „I-bernacle“, ein rundum offenes Schilfzelt. Ein großes Ölfass gibt den Rhythmus vor. Dumpfe Schläge, die gleichzeitig aufputschen und zurückfallen, Blaupause aller späteren Reggae-Bässe. Zwei Frauen und vier Männer fädeln mit kleineren Djembe-Trommeln und Shakern einen Gegenrhythmus ein. „Congoman shine up!“, ruft ein Typ in Leinenweste mit kehliger Stimme. Der Rest fällt mit feierlichen Gesängen ein. Und je länger der Song, umso intensiver die Stimmen. Wer hier zuhören darf, der braucht kein Museum, um Bob Marley zu verstehen.

JONATHAN FISCHER

SZ 27.4.2017

Mann aus einer lichten Nacht – Der Senegalese Issa Samb, genannt Joe Ouakam, ist tot. Er war Afrikas erster moderner Künstler

Joe Ouakam

V

Keine Tafel markiert dieses Kraftzentrum afrikanischer Kunst. Wer an der Rue Jules Ferry 17 in Dakars Boutiquenviertel Plateau vorbeiflaniert, kann einen bröckelnden Hinterhof und hölzerne Schuppen sehen. Oder man liefert sich einer Energie aus, die man hier, zwischen Hotels, Bankgebäuden und Hochhausbaustellen, kaum vermutet hätte: der Aura märchenhafter Verwünschung. Und das, obwohl aus einem Rekorder wilder Free Jazz schallt. Ein alter weißhaariger Mann wechselt ab und zu die Kassetten. Ansonsten scheint er untätig, zieht an seiner Pfeife, erwidert die Grüße von Passanten mit einem stummen Nicken. Issa Samb alias Joe Ouakam. „Er ist eine Art Kulturminister für uns“, raunt der Schriftsteller Charles Cheikh Sow dem Besucher zu. „Alle Künstler vertrauen ihm.“

Oukam hat seit den Siebzigerjahren Generationen senegalesischer Künstler geprägt. Als „ersten modernen afrikanischen Künstler“ bezeichnet ihn der Kurator Simon Njami. Ouakam habe die Ideen von Beuys, Arte Povera und Fluxus mit der afrikanischen Prämoderne kurzgeschlossen. Mit großen Ausstellungen hatte das kaum zu tun. Denn der Bildhauer, Maler, Filmemacher, Dichter und Philosoph Joe Ouakam gehörte zu den Künstlern, die kein Œuvre im klassischen Sinne brauchen. Zwar war er auch auf der letztjährigen Biennale „Dak’art“ mit Bildern vertreten. Ein Kunstwerk aber war der Mann selbst. Wenn Künstlerkollegen in Oaukams Freiluftatelier eintrudelten, schien ihre Kommunikation nicht über Worte zu laufen. Als vielmehr darüber, dass selbst das Kleinste eine Bedeutung hat. Ouakam etwa stand einmal auf, um ein Blatt, das vom Baum gefallen war, an die „richtige“ Stelle zu legen. Entrückt. Und hyperpräsent.

„Lettre aux morts, lettre aux vivants“ – Brief an die Toten, Brief an die Lebenden, hatte er an die Wand geschrieben. Mit Galerien oder Museen wollte Issa Samb nie arbeiten. Er verstand sein Atelier als Laboratorium für performativ-politische Experimente. Eine Installation zeigte die zu einer Art „Ahnenbaum“ übereinandergestapelten Stühle, auf den Lehnen die Namen senegalesischer Künstler und Politiker. „Die Schönheit der Welt“, hat Ouakam einmal in einem seiner Videos gesagt, „ist Kunst und Kultur. Nun versuchen sogenannte Künstler dieses wunderbare Erbe zu verkaufen, das uns die Vorfahren hinterlassen haben.“

Issa Samb kam am 31. Dezember 1945 im Vorort Ouakam – daher sein Künstlername – als Sohn einer Familie traditioneller Heiler zur Welt. Afrikanische Spiritualität hat hier, bei den Fischern der Lebou, Jahrhunderte des Islam überlebt und drückt sich etwa in rituellen Tieropfern an die Meeresgeister aus. Joe Ouakam erlebte mit 15 Jahren die Unabhängigkeit Senegals. Er studierte an der Cheikh-Anta-DiopUniversität, besuchte die Kunstakademie und politisierte sich bei den Studentenprotesten im Mai 1968. In der Folge gründete er die Künstlerbewegung „Laboratoire Agit-Art“: Es ging ihr um Performance jenseits der Ausrichtung auf den Staat oder den Markt. Folglich kritisierte Ouakam auch die von Senegals erstem Präsidenten Leopold Senghor ausgerufene „Négritude“: Sie galt ihm als Bewegung einer kleinen intellektuellen Elite.

Ouakam wollte die Barriere zwischen Alltag und Kunst aufheben. Jeder in Dakar weiß etwas über den Mann: Über seine Bilderverbrennungen. Über Ouakams Fernsehauftritte, die gelegentlich mit einem minutenlangen Schweigen begannen. Oder von seinen Prozessionen: In einer dieser Video-Performances steigt der Künstler aus einem Sarg, geht mit einem schwarzen Schleier um den Kopf durch die Straßen Dakars und predigt, dass er als „Missionar des lebendigen Geistes der Fischer und des Meeres dienen werde“.

Zuletzt hatte der Bauboom in Dakar auch Joe Ouakams Refugium bedroht. Der drohende Verlust dieses mythischen Ortes traf Ouakam schwer: Er, der nie Wert auf Besitz gelegt hatte, wohnungslos lebte, und seine eigenen Schriften nur als Fotokopien besaß, hatte hier eine Gegenutopie zur durchkommerzialisierten Megametropole geschaffen. Das Atelier ist vorerst gerettet, sein Kraftzentrum aber ist gegangen. Joe Ouakam verstarb letzten Mittwoch in Dakar. Er wurde 71 Jahre alt. „Du kommst aus einem anderen Universum“, hatte der senegalesische Schriftstellerkollege Amadou Lamine Sall über ihn geschrieben. „Aus einer Nacht, die weniger grausam ist als der helllichte Tag.“ Mit Ouakam ist ein Mittler zwischen den Welten gegangen.

JONATHAN FISCHER

SZ 28.4.17

Adieu Europa! „Da werde ich gebraucht“: Die Kulturmanagerin Ken Aicha Sy kehrt in ihre Heimat Senegal zurück

Eines hält Ken Aicha Sy der Stadt Paris bis heute zugute: „Ich war ein großartiges kulturelles Programm gewohnt, jeden Tag konnte ich zwischen Museen, der Oper, Konzerthallen und Kinos wählen. Und dann erst die fantastischen Bibliotheken.“ Vier Jahre lang lebte die junge Senegalesin an der Seine. Dank einer doppelten Staatsbürgerschaft – ihr Vater ist ein senegalesischer Maler, ihre Mutter eine französische Journalistin – brauchte sie dazu nicht mal ein Visum. Sie studierte Kunstgeschichte und Innenarchitektur, verbrachte jedes zweite Semester mit praktischer Arbeit im Kulturmanagement.

  Dass sie einmal freiwillig nach Senegal zurückkehren würde, das war, trotz mancher rassistischer Anfeindungen, lange undenkbar. Bedeutete eine Rückkehr nicht den sozialen Abstieg, finanzielle Einbußen, das Stigma das Scheiterns? So zumindest denken bis heute Tausende senegalesische Jugendliche, die wie Ken Aicha Sy auf der Suche nach besseren Bildungs- und Karriere-Chancen ihr Land verlassen. Migration, sagt die 29-Jährige, sei für Afrikaner viel selbstverständlicher als für Europäer: „Das gehört hier einfach zum Erwachsenwerden. Wer das Geld für ein Busticket hat, sucht sich einen Job in Abidjan. Und die Mittelklasse-Kinder schielen selbstverständlich alle Richtung Europa.“

Wer Ken Aicha Sy in ihrem kleinen Häuschen am Rande des Universitätsviertels von Dakar besuchen will, sollte dem Taxifahrer am besten das Handy geben. Ein energischer Wolof-Wortschwall lotst ihn bis zu einem Trafo-Häuschen am Rande einer Ausfallstraße. Dort wartet sie. Ken Aicha, die Kriegerin. Das markante Gesicht rahmen Kreolen und ein bunter Turban. Wäre da nicht die Spur eines Lächelns, ihre stattliche Erscheinung könnte furchterregend wirken. Sy, die sich den Mohawk-Namen Akacha als Alias zugelegt hat, käme das wohl gar nicht ungelegen: „Ich verstehe mich als Untergrundkämpferin. Denn Kultur hat Innovations-Potenzial. Sie hat politische Sprengkraft“.

  Sys Smartphone vibriert ständig: „Sind die Plakate für das Hip-Hop-Konzert fertig? Habt Ihr auch die Modemacher, Graffiti-Künstler und Tänzer mit drauf?“ Die Kultur-Managerin zündet sich die erste von vielen Zigaretten an, schnippt die Asche lässig auf einen Unterteller. Ihre Wohnung ist eine Mischung aus Künstler-Bibliothek und Museum: An den Wänden hängen afrikanische Plastiken und abstrakte Bilder. Zwischen den Kunstkatalogen auf dem Wohnzimmertisch zeigen Aufkleber den Schattenriss einer Frau mit Irokesen-Frisur. So vermarktet sich Ken Aicha Sy als Akacha – als kunstsinnige Amazone im Stil von Grace Jones.

„Senegal braucht mich mehr als Frankreich“, sagt Akacha Sy. Die Verwandlung der Pariser Kunststudentin zur „Revolutionärin der senegalesischen Kultur“, wie sie das Internet-Magazin Slateafrique betitelte, begann mit dem Besuch des Festival des Art Nègres in Dakar: „Ich sah eine vitale Szene junger Weltklasse-Musiker, Maler, Tänzer, Autoren und Filmemacher. Warum hatte ich noch nie von ihnen gehört? Bei allem Enthusiasmus waren sie weder miteinander vernetzt noch hatten sie eine Ahnung von Vermarktung.“ Das war im Jahr 2010. Sy blieb, sie wollte dieses Kommunikations-Loch stopfen. In Paris hatte sie einen Job in Aussicht, stattdessen entschied sie sich für eine unsichere Existenz, in der sie vier Tage die Woche Büro-Jobs bei einer Werbeagentur erledigt, um ihre Miete zu zahlen. „Senegalesen sind gute Geschäftsleute“, erklärt Akacha Sy ihre Wahl fast entschuldigend. „Sie arbeiten hart, bauen Unternehmen auf, zahlen Steuern, niemand von ihnen geht wegen der Sozialhilfe nach Europa.“ Die Emigranten schickten Millionen zurück in ihre Heimat. Doch noch mehr als Investitionen brauche Senegal ihr Know-how. Dakar strotze vor Kreativität.

Mit Kultur-Management kannte Sy sich aus. Sie gründete den Blog Wakh’art und begriff sich fortan als Entwicklungshelfer. Wakh’art, das heißt auf Wolof „über Kunst sprechen“. In dem Webzine finden sich Kunstkritiken, Künstler-Porträts wie auch ein tägliches Kulturprogramm für Dakar. Ziel ist es, die international beachtete Kunstszene der Stadt endlich systematisch zu kartografieren. Das Ergebnis: Bisher hat sie mehr als 700 Interviews mit Kunstschaffenden hochgeladen, darunter sind Maler, Fotografen, Bildhauer, Tänzer, Filmemacher, Musiker und Rapper. „Ich vernetze sie untereinander und gebe Anstoß für Gemeinschaftsprojekte“, sagt die Kultur-Amazone. Es klingelt an der Haustür. Ein befreundeter Webdesigner kommt für das tägliche Update vorbei. Im Gefolge hat er ein paar Studenten und Künstler, die Material für eine Zeitschrift suchen. Akacha Sy scheint das ständige Kommen und Gehen zu genießen. „In Paris hätte sich mein Leben um meine Arbeit, meine Wohnung, meine persönliche Entwicklung gedreht“, sagt sie. „Hier aber kann ich was für die Evolution der Gesellschaft tun“.

Senegal habe kaum Bodenschätze, resümiert Sy und schenkt von ihrem selbstgemachten Mango-Saft nach. „Unsere wichtigste Ressource ist unsere reiche Kultur.“ Zusammen mit anderen Remigranten hat Sy das Musiklabel Wakh’art Music gegründet, in Senegal lassen sich nämlich viele Künstler noch allzu häufig von Verwandten und Freunden managen. „Die treffen oft impulsive Entscheidungen, anstatt einen langfristigen Karriere-Plan zu verfolgen.“ Doch immer mehr Senegalesen merkten, dass Kunst eine essenzielle Rolle für die Weiterentwicklung der Gesellschaft ihres Landes spiele. Auch die Touristen kämen nicht mehr nur für einen Strandurlaub – sondern weil sie von Musikern und Rappern wie Xuman oder Carlou D, von Fotografen wie Ibrahima Thiam oder Djibril Dramé oder den mystischen Freiluft-Installationen von Joe Ouakam gehört haben.

 Allerdings dürften sich die Kulturschaffenden keine Unterstützung vom Staat erwarten. Sie müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen oder ausländische Sponsoren gewinnen. So haben die Rapper von Africulturban mit Unterstützung der US-Botschaft eine Hip-Hop-Akademie in einem armen Vorort von Dakar aufgebaut, wo Jugendliche Scratchen und Studiotechnik, Event-Management und Buchhaltung lernen. Die Bürgerbewegung Y’en a marre hat in ihre Graswurzel-Kampagnen für ein gerechteres Senegal Künstler mit eingebunden. Sie alle bemühen sich darum, Chancen zu schaffen. Den Jugendlichen, denen der traditionelle Fischfang und Ackerbau nicht mehr genug zum Überleben einbringt, Hoffnung zu geben, ihnen Alternativen aufzuzeigen zur lebensgefährlichen Reise in Richtung Europa.

Akacha Sy differenziert zwischen Migration und Auslandsaufenthalt: Wer es sich leisten könne, sagt sie, solle es ihr nachtun und sich für eine Uni in Europa bewerben. Denn angesichts einer örtlichen Kunsthochschule, in der die Studenten weder Mal-Papier, noch Fotoapparate oder Fachbücher vorfinden, sei ein Auslandsstudium die beste Entwicklungshilfe – inzwischen sei auch die wachsende senegalesische Mittelklasse bereit, Geld für Kultur auszugeben. Deshalb appelliere sie an all die jungen Menschen die für eine Ausbildung nach Europa gehen: „Kommt zurück. Gründet ein Unternehmen in Senegal. Das kann funktionieren.“

Natürlich bedeute zurückzukehren, auch Opfer zu bringen. In Senegal gebe es nun mal keine Stellen, wo ein Master-Abschluss entsprechend entlohnt werde. Andererseits: Warum solle man den Europäern die Abschöpfung der kulturellen Ressourcen überlassen? Dafür sei es notwendig, ein Bewusstsein für den Stellenwert der Kunst zu schaffen. „Die meisten jungen Leute in Senegal können sich schwer vorstellen, dass es sich lohnt, etwas anderes zu studieren als Jura, Medizin oder Management. Viele Kinder hier wachsen auf, ohne jemals mit Kunst in Berührung zu kommen.“ Sy hat deshalb ein städtisches Programm etabliert, mit dem sie Kunstunterricht an die öffentlichen Schulen bringt. „Ich gebe eine Idee an diejenigen weiter, die unsere Zukunft gestalten“, sagt sie. „Ohne Kultur gibt es keinen Wohlstand!“J

JONATHAN FISCHER

SZ 25.3.2017

Tiefe Schnitte – Die amerikanische Sängerin Valerie June vermählt archaische Folk- und Bluesgesänge mit zeitgenössischem R ’n’ B

Ist Valerie June wirklich so alt wie sie klingt? Äußerlich schaut sie ziemlich jung aus, ihr feingeschnittenes, ja fast puppenhaftes Gesicht schmückte kürzlich die Vogue, und wenn jemand mit einem schwarzen Model Werbung für, sagen wir mal Bio-Kosmetik, alternative Mode oder ethisch korrekt produzierte Smartphones machen wollte, gehörte die 35-jährige Schönheit aus Tennessee sicherlich zur ersten Wahl. Andererseits: Kaum einer Sängerin wird heute so oft unterstellt, dass sie aus einer anderen Ära schöpft, dem frühen Soul, dem Vorkriegs-Blues, nein das reicht alles nicht, es müssen die Folkweisen der großen Depression oder die Worksongs Baumwolle erntender Sklaven sein. Und alle haben Recht. Zumindest was die Ahnenlinie von Valerie Junes Gesangsstil betrifft. Jahrhundertealte Mississippi-Melodien und Appalachen-Gesänge kommen durch ihre Musik auf Augenhöhe mit dem globalisierten Rhythm‘n Blues. „Sie schaut aus wie ein Supermodel und singt wie eine 100-jährige Bluesoma“, schrieb der Londoner Standard. Und der Independent schwärmte von „der seit Ewigkeiten betörendsten individuellen Vorstellung“. Das eigentliche Medium aber bleibt ihre Stimme. Zwei Takte aus ihrem neuen Album „The Order Of Time“ reichen – und man ist ihm verfallen: Diesem herben nasalen Flehen, das sich – unbeleckt von allen Popmoden – in den 15 Jahren geformt hat, in denen die junge Frau als Haushaltshilfe, Geschirrwäscherin und Seifenmacherin ihr Geld verdiente, nebenbei Ukulele und Banjo lernte und nach Auftritten in Pubs und Künstlercafes selbstproduzierte CDs aus dem Kofferraum heraus verkaufte.

Ja, sagt, Valerie June, sie habe sich lange für ihre Stimme geschämt. Dann lacht sie ihr kehliges Lachen. Wirft ihr Schlangennest an Dreadlocks in den Nacken. Kokett wirkt das nicht. Eher wie der Stolz, es doch geschafft zu haben. „Wenn ich könnte“, sagt sie zwischen zwei Schluck Ingwer-Tee im Nebenraum einer hippen Berliner Bar, „würde ich so singen wie Robert Johnson oder Maybelle Carter. Aber meine Unzulänglichkeigen kamen mir zum Glück in die Quere: Weil sie mich zwangen, bei mir zu bleiben“. Nein, so eine wie Valerie June würde in keine Casting-Show passen. Ihre einzige Ausbildung, so sagt sie, sei das Singen in der örtlichen Kirche gewesen: „Es gab keinen Chor. Fünfhundert Stimmen sangen gemeinsam, und jeder brachte sich nach seiner Facon ein.“ Im Radio hörte sie vor allem Country. Und sie gibt freimütig zu, dass sie, als sie vor kurzem zusammen mit Nile Rodgers auf der Bühne stehen sollte, erst ihre Bandmitglieder fragen musste, welche Songs der Chic-Gründer und Funk-Gott eigentlich geschrieben hatte. Vielleicht braucht es ja genau diese Unbekümmertheit, um so zu klingen, wie Valerie June nunmal klingt. So befremdlich anders. So aus der Zeit gefallen. Schließlich bezieht sich June auf einige der obskursten Quellen des schwarzen Pop: Worksongs,  also jene afrikanisch inspirierten Arbeitsgesänge von Feldarbeitern und Gefängnisinsassen, in denen ein Vorsänger stets von einem gleichförmigen Chor beantwortet wurde.

Was aber bringt ein junges Mädchen aus Tennessee dazu, eine Welt zum Leben zu erwecken, die seit Alan Lomax Feldaufnahmen und George Mitchells „Anthology of American Folk Music“ scheinbar abgeschlossen in dicken CD-Boxen schlummerte? Wie versöhnt June die Erdigkeit uralter Arbeitsgesänge mit ihrer sehr zeitgenössischen Spiritualität? Und warum klingt das alles so viel frischer als der Rest der sogenannten „Americana“-Szene“?

Ein bisschen erinnert Valerie Junes Geschichte an das Märchen vom Aschenputtel Aufgewachsen als Tochter eines Abriss-Unternehmers in einer Kleinstadt westlich von Nashville, hilft sie ihrem Vater bei der Arbeit, klopft den Mörtel von Ziegelsteinen und sammelt Bauschutt zum Wiederverkauf. Die Musik bleibt zunächst ein Zubrot. Eineinhalb Jahrzehnte lang tingelt June als Straßenmusikerin herum, versucht sich in Memphis vergeblich in einer Soulband („meine Stimme legte sich immer quer“), zieht später nach Brooklyn. Dann wird sie von einem gemeinsamen Bekannten Black Keys-Mastermind Dan Auerbach vorgestellt: „Bei Dan absolvierte ich meine Lehrzeit“, sagt June. “Aber es war ein Kampf, ich wollte mir nicht hineinreden zu lassen“. Ihr Major-Debut „Pushing A Stone“ schlägt 2013 ein wie ein Meteorit in ein Museum. Einerseits trägt das Album – dreckiges Gitarren-Geschepper, harte Drums und ein Schuss melancholischer Country – die Handschrift des Roots-Alchemisten Dan Auerbach. Andererseits befördern Junes knarzende, näselnde, scheinbar aus einem Feldgottesdienst einer schwarzen Dorfgemeinde herübergewehten Seelengesänge das Quäntchen Adrenalin, das Bluesrock-Adepten wie den Black Keys immer fehlen wird. Ein Timbre, das direkt ins Rückenmark fährt. Solche Sounds erwartete man nur noch auf Konserve zu hören. Junes Stimme aber trifft den Hörer wie ein Messer. Und sie schneidet tief unter die Haut. Wann konnte man das zuletzt von einem Pop-Act behaupten?

Der Erfolg überrollt sie fast: Die Rolling Stones laden sie als Opener auf die Bühne, Michelle Obama lässt sie im Weißen Haus auftreten und die britischen Triphop-Veteranen Massive Attack geben bei ihr einen Song in Auftrag . Der bleibt dann zwar bei den Aufnahmen liegen – doch Valerie June hat aus der Melodie eine großartige Single gemacht, einen der lyrischen Höhepunkte ihres neuen Albums „Order Of Time“. In die rauen Bluesakkorde des Vorgänger-Albums mischen sich nun sehr viel weichere und komplexere Jazz- und Ambient-Akzente. Und das ist gut so. Die Sängerin hat zu ihrer Erzählstimme gefunden, nimmt uns mit in ihre Welt, in der das Landmädchen aus Tennessee auf die Mysterien des Cosmic Jazz stößt, sie im „reinigenden Regen“ durch astrale Ebenen tanzt, „gleichzeitig blind und voller Hellsicht“. Ja, so tickt sie, die June: Als ob Country-Urmutter Maybelle Carter auf R‘nB-Esoterikerin Erykah Badu träfe. Dass diese Spracherweiterung so gut funktioniert hat womöglich auch mit Junes Art des Komponierens zu tun. Sie „schreibt“ eigener Erklärung nach keine Songs. Sondern „empfängt“ sie. „Einige Songs kommen mir komplett im Traum. Andere schleichen sich langsam in mein inneres Ohr. Astral Planes etwa habe ich zuerst beim Kochen gehört.“ Mit ihren Begleitmusikern und Produzent Matt Marinelli hat sie „Astral Plane“ dann mit warmen Keyboards, Bläsern und einer melancholisch weinenden Pedal Steel ausgemalt.

Entstanden ist das Album im letzten Winter auf dem Land in Vermont. Das fahle Licht, die karge Landschaft, das alles scheint hier abzufärben: Songs wie „Slip Slide On By“ oder „Love You Once Made“ erinnern mit ihren schwellenden Bläsern an klassische Soulballaden – und vermeiden doch die Erlösungstheatralik dieses Genres. Junes Lamento spielt nicht mit Effekten. Ihr geht es um Zeitordnungen. Um das was bleibt. Wie in „Two Hearts“ rahmt oft eine Orgel ihre zitternde Stimme, und erhebt diese über gedämpften Beats zu hymnischer Intensität. Ein stiller Triumph, allem Verlust zum Trotz. Der Blues, womöglich. Wem würden bei zartbitteren Zeilen wie „take what‘s mine, love can be so unkind“ oder „I‘m bound to leave you wating at the frontdoor“ nicht der alternde Dylan oder die sexy Resignation eines Bobby Blue Bland einfallen? Valerie June aber zitiert lieber Querdenker wie Basquiat oder Bowie – neben Appalachen-Bluegrass und dem klassischem Trance Blues der Mississippi Hills. Und dann bringt sie all das in einem rumpelnden Rocker wie „Shakedown“ zusammen: Gitarren-Riffs, Handclaps und eine Orgel kochen da einen Rockabilly hoch, der sich immer mehr zum Drone steigert, mehr Rauschen als Rhythmus, eine dunkle Soundwolke – die Kehrseite des leisen Abschiednehmens, das das Gros von Junes Album prägt.

Warum aber singt sie gerade jetzt, wo sie Karriere macht, Fernsehsender und Zeitungen bis zur New York Times sich um ihre Geschichten reißen, ja selbst die Superstar-Liga des R‘nB in Reichweite scheint, so besessen von Trennung und Verlust? Valerie June zögert einen Moment, bevor sie von ihrer Familie erzählt: „Nichts hat mich mehr erschüttert als der kürzliche Tod meines Vaters.“ Es sei kein schlimmer Abschied gewesen. Ganz im Gegenteil. Die ganze Familie habe sich um das Sterbebett versammelt und zusammen gesungen. „Danach habe ich die Klagen der alten Blues- und Folksongs noch einmal besser verstanden“. Im Refrain von „Shake Down“ hört man übrigens neben ihren Geschwistern auch ihren Vater singen.

JONATHAN FISCHER

in gekürtzer Fassung in der SZ 28.3.2017

Stolz und Vorurteil – Jugendliche aus Migrantenfamilien sollen ihrer Heimat Deutschland misstrauen und seien deswegen anfällig für Verschwörungstheorien. Das behauptete das Innenministerium. Kann das stimmen?

Kenans Eintrag bei Facebook ist deutlich. Er zeigt eine Zeichnung, in der ein Anhänger des sogenannten Islamischen Staats Dartpfeile auf eine Zielscheibe wirft, die Israel sein soll. Kein einziger Pfeil hat das Ziel getroffen. Stattdessen sieht man links und rechts an den Wänden Pfeile stecken, die auf Ländernamen wie Frankreich, Deutschland, Ägypten, Syrien, Türkei gelandet sind.

Kenan ist ein 22-jähriger muslimischer Mazedonier, der seit seiner Jugend in München lebt und arbeitet. Die Unterstellung ist offensichtlich: Die Medien verschweigen uns etwas, es gibt geheime Drahtzieher des Terrors – und wenn ausgerechnet Israel vom IS verschont bleibt, ist das ein wichtiger Hinweis. Kenan hat darüber viel mit seinen Kumpels aus der Moschee diskutiert. Alle sind sich einig. „Wer Herz und Verstand hat“, sagt Kenan, „der muss das glauben.“ Nur: Auch in Israel gab es Anschläge von IS-Anhängern, wenn auch nicht so spektakuläre wie in Nizza oder Berlin. Und warum gerade Israel der IS-Komplizenschaft verdächtigen und nicht etwa die ideologisch den Terroristen viel nahestehenderen Golfstaaten? Solche Einwände lässt Kenan schlicht nicht gelten: „Es geht doch bei den Terroranschlägen darum, den Islam schlecht zu machen. Und da frage ich mich, wer kann Interesse daran haben? Wer möchte den Muslimen unbedingt schaden?“

Ähnlich argumentiert Mert. Der 19-jährige Lehrling im Einzelhandel ist zwar als Kind türkischer Einwanderer in München geboren. Aber richtig akzeptiert, sagt er, habe er sich von den Deutschen nie gefühlt. „Wir Türken haben immer unsere eigenen Cliquen mit anderen Migrantenjungs gebildet.“ Dazu gehörte auch das geteilte Weltbild, dass man „Opfer“ dunkler Mächte wäre. „Wir haben beschlossen, nicht mehr alles zu glauben“, sekundiert der 16-jährige Ali, ebenfalls Lehrling in einem Supermarkt.

Eines glauben alle in der Clique: dass nicht Angela Merkel oder der amerikanische Präsident die Politik bestimmen, sondern „Zionisten, Illuminaten, Anti-Christen, die Rothschilds und Rockefellers“. Mert sagt das ohne den Deut eines Zweifels. Sein Freund Ali nickt: „Die haben Obama nur an die Macht gebracht, um die Menschen zu täuschen, dass sie angeblich so liberal sind.“ Das wisse er aus einer Youtube-Reportage. Mert, Ali und ihre Clique informieren sich nicht in Tageszeitungen, auch nicht bei den Nachrichtenportalen der großen Medien. Aus Misstrauen.

Die Bundesregierung hat das Problem der Falschnachrichten schon im Blick, die seit dem amerikanischen Wahlkampf Fake News heißen. Das Innenministerium hat Ende Dezember angekündigt, ein Abwehrzentrum gegen Desinformation einzurichten. Die Ankündigung erwähnte ausdrücklich „türkischstämmige Menschen“ als Zielgruppe, neben den für Kreml-Propaganda besonders anfälligen Russlanddeutschen. Man müsse hier die „politische Bildungsarbeit intensivieren“.

Im Gespräch mit migrantischen Jugendlichen fallen immer wieder Sätze wie: „Die Politiker verarschen uns bloß.“ „Wir sind für die Deutschen doch die Sündenböcke.“ Oder auch: „Der Westen möchte uns Muslime nur verunglimpfen.“ Mert, Ali und Kenan jedenfalls stehen exemplarisch für viele muslimische Migrantenjugendliche in Deutschland.

Kenan, der als Türsteher und in der Baufirma seines Vaters jobbt, und dessen Facebook-Timeline hauptsächlich seine Erfolge als Amateurboxer und Familienbilder zeigt, ist ein athletischer junger Mann, dessen nettes Lächeln manchmal noch eine kindliche Schüchternheit offenbart. Zum Islam kam er durch einen Freund, dessen Disziplin und Freundlichkeit ihn in der Schule beeindruckten. Der Glaube, sagt Kenan, sei sein größter Halt. „Nur wenn ich bete, fühle ich diese Dankbarkeit und Liebe.“ Was er auf Facebook teilt, sind keine plumpen Fake News. Aber es gibt deutliche Richtungen: Erdoğan, die Saudis und muslimische Konvertiten spielen da Heldenrollen, ihre westlichen Kritiker werden als vermeintliche Dummköpfe vorgeführt.

Oft sind es „Bauchgefühle“, sagen Mert und Ali, die darüber entscheiden, ob sie eine Nachricht auf Facebook für wahr halten und teilen. Da kann es schon mal zu Widersprüchen kommen. Etwa wenn Mert den Post eines deutsch-russischen Freundes likt, der Putin auf Kosten von Obama feiert, und gleichzeitig flammende Aufrufe zur Rettung der von russischen Jets bombardierten Bevölkerung Aleppos teilt.

Auf den Widerspruch angesprochen, sagt Mert: „Da habe ich aus Reflex gehandelt.“ Das klingt fast entschuldigend. Vorausgegangen waren lange Netzdiskussionen des Autors mit Mert und seinen Facebook-Freunden. Und am Ende blieb oft nur die frustrierende Einsicht: Hier werden vor allem eigene Lebenserfahrungen verteidigt. Es stehen Glaubenssätze gegen Glaubenssätze.

Im direkten Kontakt wirkt Mert überaus einnehmend. Höfliche Umgangsformen, gut gestutzter Bart und seine Vorliebe für moralische Diskurse lassen den 19-Jährigen oft älter wirken als seine gleichaltrigen Arbeitskollegen. Wenn er ein Thema hat, dann: Gerechtigkeit. Daheim, am Arbeitsplatz, in der Weltpolitik. Der junge Deutschtürke stammt aus einer eher weltlich-liberal eingestellten Familie, sein Facebook-Profil zeigte lange das Nebeneinander einer Kirche und einer Moschee. Sein Bekenntnis zum Islam ist relativ neu. Davor haben Gangster-Rap und Fußball die Lücke gefüllt, die mehrere Schulverweise, zwei abgebrochene Lehren und ein Leben als Scheidungskind bei ihm hinterlassen haben.

Auf Merts Facebook-Seite finden sich auch überwiegend versöhnliche Botschaften: dass Muslime die unterschiedlichen Religionen respektieren sollten. Dass er Jesus respektive den Propheten Issa liebe. Und dass der Koran keine Rechtfertigung zum Morden gebe. Dazwischen aber hatte Mert auch Posts der umstrittenen Salafistenorganisation „Die wahre Religion“ verbreitet. Als ihr „Lies!“-Verein, der in den Fußgängerzonen kostenlos Korane verteilte, im letzten Herbst als verfassungswidrig verboten wurde, postete die Webseite wahrheitswidrig: „Der Koran ist in Deutschland verboten.“ Mert wusste, dass das nicht stimmt. Und er war schockiert zu hören, dass der Verein junge Muslime für den Dschihad anwirbt. Warum hat er dennoch die extremen Ansichten von Salafisten geteilt? „Ich hatte das Gefühl, wir Muslime müssen zusammenhalten.“

Es ist der Schulterschluss derjenigen, die sich am Rand der Gesellschaft wähnen. Wie Mert, Ali oder Kenan fühlen sich viele der jungen deutschen Muslime in der Defensive, sind sie auf der Suche nach der Verschwörung, dem Komplott, das die Ablehnung, das Misstrauen, das sie erfahren, erklären würde.

Verschwörungstheorien aber liefern nicht nur ein einfaches und deshalb irgendwie bequemes Bild der Welt. Sie kompensieren auch die Scham, Opfer zu sein. Liefern vermeintliches Geheimwissen, ein Gefühl der Überlegenheit. „Die meisten Menschen“ schreibt der amerikanische Psychologe und Trauma-Therapeut Dr. Laurence Heller, „entwickeln als Reaktion auf die Scham … konträre Gegen-Identifizierungen und Ich-Ideale, die auf Stolz basieren und in denen sich spiegelt, wie sie sich selbst gerne sehen möchten oder von anderen gerne gesehen werden wollen.“

Zusätzlich identifiziert Heller noch einen weiteren Abwehrmechanismus. Menschen, die in ihrer Kindheit traumatisiert wurden, tendieren dazu, ihr Leben lang innerlich ein vages Gefühl der Bedrohung zu verspüren. Ein Gefühl, das sie in der Folge auf ihre Umwelt projizieren.

Die meisten der Facebook-Seiten, die Mert oder Kenan bevorzugt teilen, sind jedenfalls kaum geeignet, das Vertrauen in die westliche Demokratie zu stärken. „Die Wahrheit liegt auf der anderen Seite“, „Killuminati“, „Islamisches Erwachen“, „Anti-Bild“ oder „Türktastisch“ heißen sie. Ihnen gelten Amerika, Israel, die westlichen Machthaber – und natürlich die Medien, die angeblich in deren Diensten stehen – als dauerverdächtig. Muslime kommen fast grundsätzlich nur als Verfolgte vor. Werden missverstanden und beleidigt. Man feiert dafür palästinensische Steinewerfer oder manchmal auch den „Widerstandskämpfer“ Erdoğan.

Typisch sind die Facebook-Kommentare des Erdoğan-Fans und Netz-Demagogen Bilgili Üretmen. Seine auf die Terroranschläge in Berlin gemünzte „Satire“ wurde vor allem von Deutschtürken und jungen Muslimen geteilt. Einige Hunderttausend Mal. Üretmen macht sich darüber lustig, dass islamistische Attentäter, in Nizza oder Berlin, stets ihre Ausweise hinterlassen. Ob das wirklich ein Zufall sein könne?

Die Unterstellung ignoriert erst mal das Leid der Opfer. Und suggeriert, dass der Anschlag nur eine Inszenierung unter Mitwirkung der Polizei sei. Auch der 25-jährige Tarkan M. hat diesen Post zustimmend kommentiert. „Das entzieht sich doch der Logik“, meint er und schreibt: „Leute denkt mal nach: Wie kann der Attentäter über zwei Grenzen ungehindert bis Italien kommen?“

Nun ist Tarkan ein relativ gebildeter und informierter junger Deutschtürke, der als Rechtsanwaltsgehilfe arbeitet und regelmäßig Nachrichtenportale wie spiegel.de und focus.de liest. Dennoch glaubt er an eine Selbstzensur der Journalisten, und dass „die deutsche Regierung Einfluss darauf nimmt, was die Medien berichten“. Das klingt bisweilen nach AfD. Und manchmal kreuzen sich tatsächlich die Ängste der Ausländerhasser mit denen der Migranten.

Seine Freundin, erzählt Tarkan, wohne in einer Kleinstadt 30 Kilometer östlich von München. Weil es dort ein Flüchtlingsheim gebe, bestehe er darauf, sie mit dem Auto heimzufahren. „Seit den Nachrichten über Silvester in Köln habe ich so ein Gefühl, dass die gefährlich sind.“ Er hat auch die Fake News über von Flüchtlingen vergewaltigte Mädchen gelesen. Die nachgeschobenen Dementis schafften es nicht mehr in die Nachrichten-Hits. Und möglicherweise hat die Bundesregierung nicht nur ein Fake-News-Problem. Denn auch Muslime scheinen oft mit Erklärungen dafür zu ringen, warum Angela Merkel und die Bundesregierung die Grenzen für Millionen ihrer geflüchteten Glaubensbrüder geöffnet haben.

„Wir misstrauen ihren Motiven“, sagt Tarkans Freund Emre, ein 28-jähriger Student der Ingenieurswissenschaft. „Politiker sind nun mal verlogen. Wir Türken wissen das besonders gut: Erdoğan etwa hat den IS heimlich unterstützt und beschuldigt jetzt Amerika.“ Emre sagt das so nüchtern, als wäre er ein Protokollbeamter. Er spricht zögerlich, scheint jedes Wort genau abzuwägen. Dass er auch den türkischen Staatschef in sein Misstrauen einschließt, unterscheidet ihn von vielen seiner Bekannten. Viele Deutschtürken, sagt Emre, würden der türkischen Staatspropaganda mehr Glauben schenken als der freien Presse hierzulande. „Jede Verschwörungstheorie ist ihnen recht – solange sie nur von Erdoğan kommt.“ Er hat auch eine Erklärung dafür. Man identifiziere sich mit einem starken Mann, einer starken Partei oder Religion, um die eigene Wunde zu rächen: „Ich habe auch lange alles an Deutschland schlechtgemacht. Weil ich verletzt war. Weil ich als Kind mit ansehen musste, dass meine Mutter wegen ihres Kopftuchs angespuckt wurde.“ Psychologe Heller nennt das „falschen Stolz“, der vor schmerzhaften Erinnerungen schützt.

Emre sagt, er habe inzwischen aufgehört, mit seinen Landsleuten zu diskutieren. Weil Fakten dabei schlichtweg nicht zählten. Das passt zu einer Studie der University of Southern California. Die im Dezember 2016 im Wissenschaftsmagazin Scientific Research veröffentlichten Untersuchungsergebnisse könnten erklären, warum Menschen oft an Fake News festhalten, auch wenn sie mit einer gegenteiligen Beweislage konfrontiert werden: „Politische Überzeugungen ähneln religiösen Überzeugungen“, sagt der federführende Professor Jonas Kaplan, „indem sie definieren, wer man ist und zu welchem sozialen Zirkel man gehört. Um also eine alternative Sichtweise in Betracht zu ziehen, müsste man auch eine alternative Version seiner selbst bedenken.“

Das heißt letztlich: Wer Fake News und Verschwörungstheorien effektiv bekämpfen will, kann sich nicht auf bloße Gegendarstellungen verlassen. Ein gelungenes Beispiel im Kleinen liefert etwa der Berliner Verein ufuq. Mit seinem Projekt „Was postest du?“ schickte er eigens für die Online-Arbeit geschulte junge Muslime dorthin, wo ihre jugendlichen Glaubensgenossen Orientierung suchen: In Facebook-Gruppen mit Titeln wie „Fragen über den Islam“ oder „Probleme und Lösungen im Islam“, die oft mehrere Zehntausend Mitglieder haben. Dabei ging es nicht darum, „richtige“ Antworten auf Glaubensfragen zu geben, sondern Klischees und verzerrte Darstellungen zu hinterfragen und das Meinungsspektrum zu erweitern.

Wenn die Bundesregierung allerdings mit einem Desinformations-Abwehrzentrum politisch intervenieren will, wirft das vor allem Fragen auf: Wie will man auf die tieferen Ursachen hinter dem Misstrauen mancher Bevölkerungskreise reagieren? Was, wenn die „türkischstämmigen Migranten“ nicht deshalb für Fake News empfänglich sind, weil es ihnen an Information oder Urteilskraft fehlt, sondern weil das Misstrauen gegen den „Mainstream“ mit einem Gefühl des Ausgeschlossenseins korreliert? Wir gegen sie. Und sie gegen uns. Wer sich selbst abgewertet fühlt, der mag nicht der Wahrheit der vermeintlich Mächtigen glauben.

JONATHAN FISCHER

SZ 17.2.2017