„EINE ALLES UMARMENDE LIEBE“ – Voodoo-Priester praktizieren bis heute in New Orleans. Sie kommunizieren mit den Toten, helfen bei psychosomatischen Beschwerden und Beziehungsproblemen. Ein Besuch.

Es riecht nach Räucherstäbchen. Nur ein paar Sonnenstrahlen erleuchten das Halbdunkel. Miriam Chamani, eine ältere Afroamerikanerin mit geschminkten Lippen und gutmütigem Blick, wirkt in ihrem Lehnstuhl wie ein Teil eines größeren Ensembles. Um sie herum sitzen Dutzende Puppen:Hier ein brusthoher Papst Johannes Paul II, dort Lady Di, weiter hinten New Orleans Voodoo-Schutzheilige Marie Laveaux. Dazwischen Marienstatuen, und Repräsentationen der Loa genannten afrikanischen Gottheiten. „Alle diese Puppen haben von selbst ihren Weg zu mir gefunden“, sagt Priestess Miriam. „Klienten und Verehrer haben sie mir geschickt.“ Die 75-jährige Afroamerikanerin lehnt sich sanft lächelnd vor und deutet auf eine Figur mit den Gesichtszügen von Nelson Mandela. „Diese Puppe kam kürzlich in einem Paket aus Südafrika. Das strahlte so viel Energie aus, dass ich es erst zwei Wochen nach Erhalt öffnen konnte“.

Seit fast einem halben Jahrhundert praktiziert Miriam als Voodoo-Priesterin. Im Jahre 1990 eröffnete sie in der North Rampart Street, an der Grenze zwischen dem French Quarter und dem traditionellen Musikerviertel Treme, den Voodoo Spiritual Temple. Ein Ort, der Ratsuchende aus aller Welt anzieht – bis hin zum Schauspieler Nicolas Cage. Der ließ sich 2002 anlässlich seiner Hochzeit mit Elvis‘ Tochter Lisa Marie Presley einen Segen gebe. Die Beziehung hielt allerdings nur vier Monate. 

Angst vor dem Fremden hatte Voodoo nie. Das macht die Vielfältigkeit und Stärke dieses Glaubens aus: Statt Hierarchien zu bilden, nimmt er ganz basisdemokratisch die Elemente verschiedenster Kulturen in sich auf. Wie sehr Voodoo New Orleans geprägt hat, lässt sich an der Küche, an der Architektur, an den Begräbnisparaden ablesen. Und war Mac Rebennack alias Dr. John, einer der weltweit renommiertesten Musiker der Stadt, nicht selbst als ordinierter Voodoo-Priester tätig gewesen?

Ein bisschen Überwindung kostet es dennoch, an der verschlossenen Tür des Voodoo Spiritual Temple zu klingeln. Was erwartet einen an einem Ort, in dessen Fenstern Fotos der Priesterin mit einer um den Hals drapierten Python hängen? „Schlangen verkörpern menschliche Seelen“, glaubt Chamani. Erst die Berührung der Schlangenzunge auf der Wange könne sie in einen für das Orakeln notwendigen Trancezustand versetzen. So will es die Tradition westafrikanischer Schlangenkulte. Miriam lächelt. Und versucht, den Besucher zu beruhigen: „Keine Angst. Wir beschäftigen uns hier nur mit guten Energien.“ Ihr Angebot ist breit: Heilungsgebete, Taufen, Hochzeiten, das Legen von afrikanischen Knochenorakeln. Sie und andere Voodoo-Heiler bieten vor allem bei psychosomatischen Krankheiten Hilfe. In ihrem Tempel erklingen keine Voodoo-Chants, sondern wild improvisierter Jazz. Wobei beides in New Orleans nicht so weit auseinanderliegt.

Dass der Voodookult gerade in der Hafenstadt am Mississippi blüht, hat historische Gründe: Anders als überall sonst in Amerika genossen die schwarzen Sklaven hier seit dem „Louisiana Purchase“, der Einverleibung der einstigen Kolonie durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1803, ungewöhnliche Freiheiten. Jeden Sonntag versammelten sie sich zu Trommelmusik und rituellen Tänzen auf dem Congo Square. Bestärkt wurden sie durch Einwanderer aus der Karibik. Nach einem Sklavenaufstand waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts Hunderttausende Haitianer nach New Orleans geflohen. Um unter den argwöhnischen Augen der weißen Herren zu praktizieren, hatten sich viele von ihnen oberflächlich zum Katholizismus bekehrt. Die katholischen Heiligen bekamen eine geheime Doppelfunktion: Neben ihrer christlichen Bedeutung fungierten sie als Stellvertreter der alten afrikanischen Götter: „Diese aus Afrika kommenden übersinnlichen Heilungstechniken“, sagt Voodoo-Priesterin Chamani, „wurden von den Sklavenhaltern über alles gefürchtet. Um sie zu diskreditieren, dichteten die Weißen Voodoo alles mögliche Gefährliche und Bösartige an, während doch die Sklaverei das eigentliche Verbrechen darstellte.“

Mit ihrem Voodoo Spiritual Temple hat Chamani eine Mission: Einerseits will sie die Heilerpraxis fortführen, die ihr ihre Großmutter als Kind im ländlichen Mississippi vererbt hat. Andererseits will sie die Hollywood-Klischees von Voodoo zurechtrücken. „Immer wieder kommen Filmteams zu mir und wollen sich beraten lassen. Ich sage ihnen, dass wir nichts mit Zombies, Satanismus und grausamen Opferritualen zu tun haben. Am Ende aber geht es ihnen oft gar nicht um die Wahrheit, sondern um die pure Sensationslust.“

Diese wird im French Quarter touristisch ausgeschlachtet: Da kann man leuchtende Totenschädel, Voodoo-Plastikspinnen, Voodoo-Gewürzmischungen und sogar Voodoo-Bier kaufen. Oft ist es schwer, zwischen all dem kommerziellen Hokuspokus noch den Kern des afrikanischen Ahnenglaubens zu erkennen. Eher wird man da auf New Orleans’ pittoresken – wegen des hohen Grundwassers überirdisch angelegten – Friedhöfen fündig. Besucher verschütten da recht fürsorglich Bier und Rum auf die letzten Ruhestätten der Geliebten. Oder hinterlassen, was den Toten von Nutzen sein könnte: Nicht nur Münzen und Zigaretten, sondern auch Handys, Computerbildschirme und Tastaturen schmücken so manches Grab.

Wer aber historische Tatsachen sucht, der kann eine der Touren zum berühmten Cemetery Nr. 1 buchen. Er ist wie eine Kleinstadt weiß gestrichener Grabkammern, mit von Rissen und Putzlöchern geprägten Fassaden. Seit der Friedhofsgründung im Jahr 1789 wurden hier viele berühmte Voodoo-Heiler bestattet, darunter Marie Laveau. Sie lebte von 1794 bis 1881 und gilt als berühmteste Voodoo-Priesterin von New Orleans. Selbst Angehörige der reichen weißen Oberschicht sprachen ihr übernatürliche Fähigkeiten zu. Früher hinterließen Besucher regelmäßig Kreidekreuze auf Marie Laveaus Schrein: „Ein Aberglaube“, sagt der Tourguide, „der angeblich Wünsche erfüllt.“ Heute verbieten Tafeln derartige Beschriftungen. Die Allgegenwärtigkeit von menschlichen Schädeln und Gebeinen in der Bildersprache der Stadt bezeugt dennoch, welche Macht in New Orleans den Toten zugeschrieben wird. „Wir kommunizieren mit den Toten, um eine Tür zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt zu öffnen“, sagt Miriam Chamani. „Wir brauchen sie. Die Gemeinschaft der Ahnen kann uns Energien und gute Gedanken schicken, damit wir unsere irdischen Prüfungen bestehen.“

Wie aber funktioniert das Gebet zu den Loa? Welche Gottheit ruft man zu welchem Zweck an? Und welche Kerze, welche Heiligenfiguren und Kräutermischungen unterstützen ein Anliegen? Das sind Fragen, die ein weißer Voodoo-Priester namens Belfazaar in seinem Laden Voodoo Authentica in der Dumaine Street geduldig beantwortet. Neben einer breiten Auswahl von Esoterika stehen dort auch Altäre der wichtigsten Loas. Jeder ist eingeladen, hier zu beten oder eine Münze, eine Zigarre oder anderes als symbolische Opfergabe zu bringen. „Viele unserer Klienten kommen, weil sie Beziehungsprobleme haben“, sagt Belfazaar, ein bärtiger und zupackender Typ, der früher einmal als katholischer Geistlicher gearbeitet hat. In der Kirche würden die esoterischen und weiblichen Aspekte der Religion zugunsten einer männlichen Rigidität unterdrückt, sagt er. „Voodoo aber bedeutet eine alle umarmende Liebe. Wir sortieren nichts und niemanden nach gut und schlecht.“ Er selbst trägt neben der Kette einer Loa-Gottheit auch einen Rosenkranz. Selbstverständlich stehen auch Jesusstatuen in seinem Altarraum: „Die meisten Praktizierenden sind nach wie vor Christen“, sagt der Voodoo-Priester.

Wie selbstverständlich Voodoo heute zum Alltag der Stadt gehört, zeigt Sally Ann Glassmans „Island of Salvation Botanica“ im einstigen Scherbenviertel Bywater. Glassman, eine weiße Voodoo-Priesterin jüdischer Abstammung und in Haiti ordiniert, verkauft hier nicht nur Kräuter und haitianisches Kunsthandwerk. Sie hat zusammen mit ihrem Mann, einem der führenden Stadtentwickler von New Orleans, den gesamten Gebäudekomplex zu einem Kulturzentrum umgebaut, dem New Orleans Healing Centre. Im Innenhof steht ein Voodoo-Altar mit Kerzen, Blumen, Spielzeug und einer überlebensgroßen Marie-Laveau-Figur, gleich daneben finden sich ein Yogaclub, ein vegetarisches Restaurant, ein Bioladen, die Livebühne Cafe Istanbul und zahlreiche Büros von Bürgerinitiativen, etwa für die Versorgung alternder Musiker. „Unsere lokale Voodoo-Gemeinde“, sagt Glassman mit einer starken Stimme, die ihrer zierlichen Erscheinung trotzt, „hat wesentlichen Anteil daran, dass Bywater nach der Hurrikan-Katrina-Katastrophe zum Leben zurückgefunden hat.“ Dazu gehörte auch ein handfestes Engagement gegen die einst gravierende Drogenkriminalität: „Nachdem Polizei und Stadtverwaltung nichts unternahmen, entschlossen wir uns zum Handeln: Wir trommelten in einer Straßenzeremonie den Beistand der Krieger-Gottheit Ogun herbei. Einen Tag später stand der Anführer des Drogenrings vor meiner Tür und bat mich, den Zauber aufzuheben.“ Weil der Drogenboss angeblich mehr Angst vor dem Zauber als vor der Justiz hatte, kam es zur Aushebung ganzer Lagerhäuser mit Crack. Der Boss und mehrere Polizisten, die in seinem Sold standen, mussten ins Gefängnis. Die Kriminalität im Viertel sank. Seitdem bemühen sich selbst Lokalpolitiker um eine Zusammenarbeit mit der Voodoo-Priesterin.

Heute hat Glassman zu einer „Immersion“ geladen, einer öffentlichen Messe: Vor ihrem Laden intoniert eine Gruppe weiß gewandeter Trommler und Sänger traditionelle Voodoo Chants, das Publikum aus Nachbarn, Yogaschülern und Touristen bekommt kostenlos Bohneneintopf und Rum. Der Vorsänger kündigt ein getrommeltes Gebet für die Toten von Katrina an. Als das Tempo zunimmt, fangen einige an, wild mit Armen und Beinen zu zucken. Selbst zwei Polizisten klopfen mit ihren Taschenlampen den Rhythmus mit. Währenddessen kniet Glassman, die Haare unter einem weißen Tuch zusammengebunden, auf dem Boden: Sorgfältig zieht sie Linien, ein ornamentiertes Kreuz aus schwarzem und weißem Sand. Als es fertig ist, spuckt sie einen Schluck Rum darüber. Die Menge gibt ihre Ausrufe im Chor zurück. Yoruba-Wörter. Silbensalat. Wüsste man nicht, dass die kleine Frau gerade in ihrer Eigenschaft als Voodoo-Priesterin predigt, man könnte das Ganze auch für Straßenkunst halten. „Ohne unseren Glauben“, sagt Glassman später, „hätten wir die vielen Katastrophen niemals überstanden.“ Voodoo als soziales Bindemittel. Miriam Chamani formuliert das sehr zeitgemäß: „Wenn du den afrikanischen Trommelbeat spürst, kannst du dein Ego auch mal für die Gemeinschaft zur Seite schieben.“

JONATHAN FISCHER

SZ 21.2.2019

Tragischer Funk: Die Hot 8 Brass Band verkörpert den Groove und den Überlebenswillen des schwarzen New Orleans

Selbst im notorisch feierwütigen New Orleans kann es keine Party mit der brachialen Wucht einer Second Line Parade aufnehmen: Second Line, das bezeichnet den wilden Zug der Tänzer, der der First Line, meist kostümierten Mitgliedern eines Social Club oder einer Mardi Gras Truppe, auf den Straßen folgt,sich in wilden Verrenkungen übt, und Straßenschilder wie Autodächer als Schlagzeug nutzt. Wichtigste Zutat eines Umzugs aber bleibt: Die Brassband. Das von einer gewaltigen Sousaphon-Basslinie angetriebene Gebläse riffender Posaunen und Blues-Trompeten. Wenn es um diese Sorte Funk geht, eine unwiderstehliche Mischung aus Dreck und Ekstase, dann gehört die Hot 8 Brass Band zu den ungekrönten Königen der Straßen. Jazz, Reggae oder HipHop – die auf der Bühne stets zu acht auftretende, aber aus deutlich mehr Mitgliedern bestehende Bläsertruppe kennt keine Stilgrenzen. Hauptsache, die Rhythmen animieren die Second Line: zu ihren typisch eindeutig-zweideutigen Tänzen, voller Erotik Lebenswut, und, ja, auch Todesverachtung.

Letztere kennt die Hot 8 Brass Band besonders gut. Denn unter der brodelnden Brassversion von Snoop Doggs „What’s My Name“ , Coverversionen von Stevie Wonder- und Bob Marley-Klassikern oder Marvin Gayes „Sexual Healing“ lauert der Blues. Ein tiefschwarzer Blues. Ein Blues mit dem eisernen Willen dennoch zu überleben. Wenn New Orleans schon immer eine von Drogen, Gewalt und Polizeiwillkür gezeichnete Stadt war, dann verkörpert die Hot 8 Brassband nicht nur musikalisch ihre Tragödie. „Ich denke die ganze Zeit daran, aufzuhören“, sagt Pete, der baumstarke Sousaphon-Spieler und Gründer der Hot 8 und zündet sich eine Zigarette an. Das Howlin Wolf, ihre Stammkneipe in New Orleans platzt aus allen Nähten, nach zwei Stunden Non-Stop-Tanzanimation ist die Stimmung so aufgedreht wie nach einem Heimsieg der New Orleans Saints. Benny Pete aber klingt müde.. „Wir haben zu viele junge Menschen hier verloren.Oft haben wir bei ihrer Taufe gespielt, dann bei ihrer Hochzeit und zum Schluß bei ihrer Beerdigung“. Weit über eintausend Jazz Funerals, die von einer Brassband begleiteten zeremoniellen Beerdigungen, habe die Hot 8 in dem Vierteljahrhundert seit ihrer Gründung absolviert. „Jeder hier hat schon mindestens einen Kindheitsfreund beerdigen müssen. Wir selbst haben vier Bandmitglieder verloren“.

Dabei liest sich die Geschichte der Hot 8 erst einmal wie eine dieser New Orleans-typischen „aus der Gosse zu den Sternen“-Märchen. Wie die meisten der jungen Musiker in New Orleans fing Bennie Pete in der Marching Band seiner Schule an. Später gründete er seine eigene Brassband, die Looney Tunes, aus der 1994 wiederum die Hot 8 hervorging. Bald wurde die Band zu einem Fixpunkt der lokalen Musikszene: Familienfeiern, Geschäftseröffnungen und Festivals buchten die Jungs, die sich vorgenommen hatten mit Musik, der Welt der Gangs zu entfliehen. Was die Hot 8 auszeichnete: Eine Straßenattitüde, die sich in wuchtigen HipHop-Rhythmen und halb gerappten, halb gechanteten Lyrics niederschlug. Seit den 80er Jahren hatten Bands wie die Dirty Dozen und die Rebirth Brass Band die bis dahin eher betuliche Brassband-Szene der Stadt zu neuen Ufern geführt. Der Rhythmus wurde verstärkt, die Melodien nahmen die Hits des Tages auf. Vor allem aber: Brassbands galten plötzlich als cool. „Wer sich Hoffnungen auf ein gutes Leben jenseits des organisierten Drogenhandels machte“, sagt Bennie Pete, „der versuchte in eine Band zu kommen.“

Als die Hot 8 Brass Band 2010 von The Wire-Autor David Simons für eine Hauptrolle in seiner die Folgen von Hurrikan Katrina aufarbeitenden Serie „Treme“ angefragt wurde, spielte nicht nur die Musik eine Rolle. Sondern auch die tragische Geschichte der Band: Bereits 1997 war Jacob Johnson, der 17-jährige Hot 8-Trompeter einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Sieben Jahre später verstarb der 28-jährige Posaunist Demond Dorsey an einer Überdosis. Und nur zwei Monate später fiel ein weiterer Posaunist der Band der 22-jährige Joseph Williams gezielten Schüssen von Polizisten zum Opfer, die ihn für einen Autodieb hielten – tatsächlich war Williams in seinem eigenen Wagen gerade auf dem Weg zu einem Begräbnis-Gig. Als Katrina dann noch die Bandmitglieder in alle Winde zerstreute, schien das Schicksal der Hot 8 besiegelt.

Doch dann besann sich Bennie Pete darauf, dass – zumindest in New Orleans – kaum etwas so sehr Heimat bedeutet wie der Sound einer Brassband. Er sammelte die verbliebenen Mitglieder, um in den Lagern der Katrina-Vertriebenen zu spielen, und spontane Second Lines anzustiften. In der Folge wurden nationale Medien wie CNN auf die Hot 8 aufmerksam. Nun ging es Schlag auf Schlag: 2011 tourten die Hot 8 als Begleitband von Lauryn Hill, 2012 erhielt ihr Album „The Life & Times Of“ eine Grammy-Nominierung, während das englische Hipster-Label Tru Thoughts Bennie Pete und seine Mannen um die halbe Welt schickte – ihr Cover von Marvin Gayes „Sexual Healing“ hatte es längst in die Setlists von DJs wie Gilles Peterson geschafft. Trotzdem bleibt für Bennie Pete nichts wichtiger als die Arbeit in der eigenen Community in New Orleans: „Jeden Tag vergeuden so viele junge Menschen sinnlos ihr Leben. Musik bleibt unsere einzige Rettung. Sie macht uns stark. Sie gibt uns die Kraft trotz allem weiter zu leben, weiter zu tanzen“.

JONATHAN FISCHER

SZ 26.1.2019Angola 3

SAMI YUSUF ÜBER ISLAM

05Er ist einer der erfolgreichsten Popstars der islamischen Welt. Doch mit seiner britischen Höflichkeit und der weichen Stimme wirkt er eher wie ein Seelsorger. Alles an Sami Yusuf erscheint gewollt unauffällig: graue Anzughose, grauer Rollkragenpullover, Fünftagebart. Der Blick aus der Hotellobby geht auf den Münchner Marienplatz. Auf dem Tisch liegt ein Bildband über John Lennon. „Hätte ein Song wie ‚Imagine‘ heute bei einer Plattenfirma noch eine Chance?“, fragt Yusuf nachdenklich. Dann ordert er Kaffee für den Gesprächspartner und Wasser für sich.

Herr Yusuf, Sie sind oft in Bayern, weil Ihre Frau aus Augsburg kommt. Deren Familie ist katholisch. Nehmen Sie als Muslim auch Anteil an den christlichen Festen, etwa zu Ostern oder zu Weihnachten?

Sami Yusuf: Sie werden es kaum glauben, aber wenn wir an Weihnachten die Familie meiner Frau besuchen, bin ich der Einzige, den es in den Gottesdienst zieht. Auch wenn er auf Deutsch ist. Ich sitze dann eben als Beobachter im Augsburger Dom und sauge die geheiligte Atmosphäre von Kerzen, Weihrauch und Liturgie ein.

Fühlen Sie sich als Muslim in einer bayerisch-katholischen Kirche akzeptiert?

Nicht unbedingt. Meine Frau stupste mich mal während des Gottesdienstes an: Hast du verstanden, dass der Bischof nur für die Katholiken gebetet hat? Das heißt wohl, alle anderen dürfen zur Hölle fahren.

Sie dagegen wollen, wenn ich Sie richtig verstehe, mit Ihrer Musik Menschen über alle religiösen und nationalen Spaltungen hinwegtragen?

Mir geht es – ähnlich wie in den kreisförmigen Ornamenten, die Sie in jeder Moschee finden werden – um das Zentrum. Das Zu-sich-Kommen. Und die Schönheit des Glaubens, die der Westen den Muslimen oft abspricht und die auch große Teile der islamischen Welt vergessen haben.

Laut Time Magazine sind Sie der größte Popstar der islamischen Welt und gelten mit Ihren persisch-aserbaidschanischen Wurzeln als Vorbild für die Migrantenjugend in Großbritannien. Sehen Sie das auch so?

Mit der gleichen Berechtigung könnte man mich als Beispiel für die Marginalisierung von Migranten sehen. Gut, ich bin erfolgreich: Ich habe weltweit mehr als 34 Millionen CDs verkauft, spiele vor 250 000 Menschen in Istanbul, habe mehr Facebook-Likes als Robbie Williams. Ich bin ein Künstler, der alle seine Songs selbst komponiert, arrangiert, sämtliche Instrumente spielt! Nichtsdestotrotz werde ich kaum als Musiker oder Popstar wahrgenommen, sondern vor allem als vorbildhafter Migrant. Als ich das letzte Mal in Deutschland tourte – bei meinen Konzerten waren immerhin die Grugahalle in Essen oder die Köln-Arena ausverkauft – interessierte sich kein einziger deutscher Journalist für mich. Wahrscheinlich bin ich ihnen zu brav, zu wenig extrem.

Sie sind als Muslim und Kind iranischer Eltern mit drei Jahren nach London gezogen. Akzeptieren die Briten Sie inzwischen als einen der Ihren?

Immerhin unterscheidet sich unsere Definition von Staatsangehörigkeit doch vom deutschen Blutrecht, es gibt kaum Engländer, die sich nicht schon mit Iren, Polen, Juden, karibischen Schwarzen gemischt hätten. Schauen Sie sich den Bürgermeister von London an, er stammt aus Pakistan. Prinz Charles, unser zukünftiger König, hat denn auch erklärt, dass er sich als Beschützer nicht nur der Christen, sondern Angehöriger aller Glaubensrichtungen sehe. Das ist ein großer Segen.

Heißt das, dass Sie nie Rassismus oder Diskriminierung erfahren haben?

Das hatte ich mir lange eingebildet. Als ich am Anfang meiner Karriere in arabischen Ländern als weißer Engländer und vermeintlicher Sohn von Cat Stevens alias Yusuf Islam vorgestellt wurde, ließ ich das weder bestätigen noch dementieren. Warum? Weil ich an einem Minderwertigkeitskomplex litt. Endlich nahm man mich als Briten wahr! Spätestens mit meinem letzten Album aber ist mir klar geworden: Die westliche Popwelt diskriminiert mich …

Dabei ist „Sami“ doch, anders als vergangene Alben mit religiösen Liedern, Ihr erstes säkulares Pop-Album?

Ja, ich habe dafür alle meine Texte ins Englische übersetzen lassen, darunter Gedichte, zum Beispiel von Ibn al-Arab. Songs wie „Call My Name“ kann man metaphysisch oder als Liebeslied lesen. Ich habe das bewusst offengelassen. Auch musikalisch gehe ich Kompromisse ein – obwohl mir westlicher Pop mit seinen drei, vier Akkordwechseln eigentlich viel zu simpel klingt. Warum?

Weil ich auch nicht-muslimische Hörer erreichen will! „Sami“ wurde aus dem Stand zur Nummer eins in vielen arabischen Ländern, stieg in England in die Top 40 ein. Als aber meine Managerin 40 der renommiertesten Zeitungen der westlichen Welt anschrieb, haben nur drei überhaupt reagiert. Sie könnten das Album wenigstens verreißen. Aber ignorieren?

Sie verzichten auf jede Bühnenshow, wollen die Menschen zum Guten, Wahren und Schönen erziehen. Aber handelt Popmusik nicht schon immer von abgründigeren Themen, auch von Sex und Gewalt?

Ich habe von Kindheit an eine traditionelle Weltsicht. Es interessiert mich nicht, ob Mädchen wegen mir austicken. Das erste Mal ist mir das 2006 bei einem Konzert in Utrecht passiert: Ich kam auf die Bühne, dann hörte ich dieses hysterische Mädchengeschrei. Ich bekam davon richtige Gänsehaut – vor lauter Peinlichkeit.

Ihnen folgen Menschenmengen, sobald Sie sich auf die Straßen von Kairo oder Karachi begeben. Dennoch behaupten Sie, am Leben eines Popstars reize Sie nichts.

Schon der Begriff Popstar ist mir, auf mich bezogen, zuwider. Ich lebe mit meiner Frau sehr zurückgezogen im Londoner Stadtteil Mayfair. Und statt tolle Partys und Get-togethers zu besuchen, verbringe ich meine Zeit lieber in meiner Bibliothek.

Sie bezeichnen westliche Hedonisten und Islamisten als Seelenverwandte, weil beide den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren hätten. Ist das nicht komplett überzogen?

Nein. Genau das ist der Punkt: Viele der jungen Migranten, die sich von den Lehren extremistischer Prediger angezogen fühlen, wissen nicht viel über ihre eigene Kultur. Genau da will ich mit meiner Musik nachhelfen: die Hörer mit ihren Wurzeln zu verbinden. Lerne die Schönheit, den Segen der islamischen Kultur kennen! Das wird dir deinen eigenen Wert erschließen.

Oft wird kritisiert, dass sich Migranten in Parallelgesellschaften abkapseln und sich mehr mit ihrer Herkunftskultur als ihrer Wahlheimat identifizieren. Haben Sie die Integrationsdebatte in Deutschland und die Affäre um Mesut Özil mitverfolgt?

Ja, als Özil sich von der deutschen Fußballnationalmannschaft verabschiedete, kritisierte ich ihn auf Instagram als schwache Person. Das brachte mir viele Hass-Mails ein. Hat Özil nicht alles, was er darstellt, Deutschland zu verdanken? Da sollte er ein wenig Haltung zeigen. Immerhin repräsentiert er Millionen Deutschtürken.

Wie erklären Sie sich die Verzerrung des Islam zur bloßen Bedrohung?

Dass die Türken bis nach Wien kamen, ist eine alte psychologische Wunde. Das gesamte goldene Zeitalter des Islam wurde aus der Geschichtsschreibung des Westens gestrichen. Wir lernen über Aristoteles, Sokrates, Platon und dann fast zwei Jahrtausende nichts – bis Nietzsche und Marx. Das angeblich dunkle Zeitalter war die Blütezeit des Islam: Arabische Optiker, Mediziner, Philosophen, Schriftgelehrte prägten die Welt. Wie arrogant zu glauben, dass es nur eine bedeutende, die westliche, Zivilisation gibt. Was ist mit der arabischen, judäischen oder der alten indischen und buddhistischen Zivilisation? Der Westen, der seine Popkultur weltweit exportiert, weiß nichts über eine Religion, der 1,5 Milliarden Menschen angehören. In Deutschland leben Millionen Türkischstämmige und dazu Moslems anderer Herkunft, in England sind es drei Millionen. Es ist eine Schande, dass wir so wenig über diese Minderheiten wissen.

Sie haben schon als Jugendlicher lieber Bücher über alte Wissenschaften und Zivilisationen gelesen, anstatt sich für die Moden des Tages zu begeistern. Sind Sie damit nicht zum Außenseiter geworden?

Ich kenne Gruppendruck. Man hat mich gemobbt, weil ich mich nicht für Popmusik interessierte. Schon als Kind hörte ich mir lieber Bach-Konzerte an. Liebte Komponisten wie Haydn, Schubert und Mozart. Ich war schon ein seltsames Kind. Mich hat es immer zu traditionellen Dingen hingezogen – besonders weil ich eine spirituelle Dimension in ihnen fand. Zwar gestehe ich den Beatles, Elton John oder Prince durchaus zu, große Songwriter zu sein. Aber im Zweifelsfalle würde ich lieber 25 Minuten lang in einen buddhistischen Chant oder in ein klassisches Stück eintauchen. Wer wäre als normaler Mensch nicht angerührt, wenn er die h-Moll-Messe von Bach hört? Ich habe das auf MTV nicht gefunden.

Sie wollten nie ein Popstar sein, oder?

Allen anderen, die mit mir am Konservatorium studierten, ging es um eine Karriere. Ich aber wollte Allah preisen. Im Grunde plante ich, nur dieses eine Album mit religiösen Preisgesängen aufzunehmen. Das war 2003. Dann schlug es ein wie ein Meteor. Und das, obwohl ich alles selbst produziert hatte, keine große Plattenfirma, keine Marketingkampagne hinter mir hatte.

Wie erklären Sie sich denn Ihren Erfolg?

Viele der Songs und Videos, die in der arabischen Welt kursieren, kopieren blindlings die billigsten, schlechtesten Produkte westlicher Popkultur. Aber keiner will diesen Schrott. Außer frustrierten jungen Männern, die noch keine Frau gefunden haben und sich in den Coffeeshops diese jungen Damen anschauen, wie sie Luftküsse verteilen. Die westliche Kultur ist übersexualisiert. Meine Musik setzt dem aufgezwungenen Hedonismus menschliche Würde entgegen. Denn die meisten Menschen in der arabischen Welt suchen verzweifelt nach einer Bedeutung in ihrem Leben.

Sie werden ja von zwei Seiten angegriffen: Von den einen, weil Sie den Islam thematisieren, von den anderen, weil Sie denen nicht fromm genug sind. In einem Interview mit Al Jazeera mussten Sie sich selbst für den Gebrauch von Wind- und Saiteninstrumenten rechtfertigen …

Die schlimmsten Auseinandersetzungen hatte ich in Interviews mit einer britischen Konvertitin, die für die Daily Mail schreibt, und mit einer CNN-Moderatorin. Ich hatte in Amerika in ausverkauften großen Hallen wie dem Shrine-Auditorium in Los Angeles gespielt. Und dann eröffnet die Moderatorin das Interview mit der Frage: Wie empfinden Sie den Vorwurf, dass Sie Ihr Publikum vergiften? Ich war so fassungslos, dass ich nur lachen konnte.

Warum verteufeln islamische Fundamentalisten wie die Salafisten Ihre Musik?

Die islamistischen Fundamentalisten sind besessen von westlicher Technologie. Sie wollen die neuesten iPhones, die technisch fortgeschrittensten Autos. Auf der anderen Seite hassen sie Kultur, insbesondere die mystische Tradition der Sufis. Alle Fundamentalisten teilen meiner Erfahrung nach ein dunkles Geheimnis. Sie verstecken ihre perverse Sexualität, ihren Mangel an Selbstvertrauen oder ihre fehlende Bildung hinter einer extremistischen Fassade. Ihre Art der Religion hat keine Legitimität. Der traditionelle Islam: Das ist die Alhambra in Andalusien, ist die Kalligrafie, die Sultan-Ahmed-Moschee, die Hagia Sophia, in der sie die Deckenbemalung der früheren christlichen Kirche mit Jesus und Mutter Maria trotz eines nominellen Bilderverbots gelassen haben. All das macht die Tradition meiner Religion aus. Sie gründet wie alle anderen Religionen auf Wahrheit und Schönheit. Daraus folgen Güte, Barmherzigkeit und Wärme.

Treten Sie in der muslimischen Welt nicht manchmal vor einem Publikum auf, das die Religion ganz anders auslegt als Sie?

Ja, ich habe auch Fans unter den fundamentalistischen Muslimbrüdern. Selbst die Herrscher des Königshauses von Katar hören meine Musik, ich habe sie schon mehrmals getroffen. Aber die Innerlichkeit, die ich predige, ist ein direkter Widerspruch zu ihrer Ideologie.

Können Sie das erklären?

Die Ideen der Fundamentalisten entstammen Reformern des 19. Jahrhunderts, die ich eher Deformatoren nennen würde. Die Ankunft der Moderne in der muslimischen Welt löste bei vielen ein Gefühl der Unterlegenheit aus: Diese Menschen überrollen uns mit ihren Zügen und Flugzeugen, ihrer Technologie und ihrem Reichtum. Warum passiert uns das? Viele glaubten: Weil wir unsere Religion verraten haben! Damals ist eine besonders strenge Auslegung des Islam entstanden, die vorgibt, zum Fundament des Glaubens zurückzukehren und die Scharia als einzige Grundlage der Religion akzeptiert. Dabei ist die Scharia nur die äußere Manifestation islamischen Glaubens. 1400 Jahre Geistesgeschichte des Islam wurden da zur Seite geschoben.

Sie halten diese Fundamentalisten für gefährliche Fälscher?

Ja, weil sie Gott auf einen Aufpasser und Bestrafer reduzieren. Wissen Sie, was

„Allahu akbar“ im traditionellen Sinn bedeutet? Gott ist größer. Was auch immer du behauptest, er oder sie ist größer. Sobald du versuchst, ihn zu beschreiben, machst du Gott kleiner. Dafür stehe ich mit der Mehrheit der Muslime.

Sie sind auch in Saudi-Arabien aufgetreten, dem wahrscheinlich strengsten islamischen Land. Wie war das?

Man hat mir als einzigem westlichen Popstar überhaupt ein Künstlervisum genehmigt. Und mein Publikum zeigte dann, dass selbst die strengsten Regeln den Enthusiasmus, die menschliche Freude an der Musik nicht ausrotten können. Viele der Männer vor der Bühne tanzten …

Und die Frauen?

Sie waren in einem gesonderten Raum, wo sie das Konzert über eine Videoleinwand verfolgen konnten. Weil sie unter sich waren, nahmen sie ihre Niqabs und Schleier ab und tanzten auf den Stühlen. Warum verbietet ein angeblich islamischer Staat wie Saudi-Arabien jeden öffentlichen Ausdruck von Freude? Das sind die Herrscher, die das Haus des Propheten abgerissen haben. Sie haben die Schönheit der Kaaba entwürdigt, indem sie drumherum lauter Hochhäuser gebaut haben. All das ist Ausdruck ihrer Mentalität, die Geist, Bildung und jede Form von Schönheit ablehnt.

Haben Sie als islamischer Superstar denn Kontakt zu eher weltlichen Popstars?

Nein, eher nicht, Kristiane Backer, die zum Islam übergetretene ehemalige MTV-Moderatorin aus Deutschland, ist meine einzige Verbindung zur säkularen Popwelt. Aber ich bin auch gar nicht scharf darauf. Partys, MTV-Veranstaltungen, Pop-Fernsehen, das ist nicht meine Welt.

Und wie ist Ihre Beziehung zu Cat Stevens alias Yusuf Islam?

Er ist ein Bruder, und ich schätze ihn sehr. Er hatte allerdings erst mal – ohne dass ihm das klar war – einen Salafi-Hintergrund. Was wusste er schon über den Islam? Er war als weißer englischer Konvertit, der durch die Koranlektüre berührt wurde, zu dieser großen Religion gestoßen. Nur dass ihn erst mal die Falschen berieten. Sie erzählten ihm, was alles angeblich sündhaft sei. Also trug er einen Kaftan, ließ sich einen Bart wachsen und wollte die Musik sein lassen. Bis ihn einige Muslime fragten, was das alles solle: Warum würde er als Engländer diese Kleider tragen? Warum geniere er sich seiner eigenen Musik? Wir haben viel miteinander geredet. Und er hat inzwischen durch Gespräche und Lektüre zur wahren Tradition des Islam gefunden. Einer Tradition, in der man gleichermaßen Brite und Muslim sein kann.

Würde es die Konflikte um Integration in Europa lösen, wenn alle diese Überzeugung teilen würden?

Tim Winter, mein Freund und Professor in Cambridge, hat gerade eine Moschee eröffnet, in der er britische Imame darin unterrichtet, was es bedeutet, britisch zu sein. Um ihre Verbindung zur Heimat Großbritannien und diesem ganzen geteilten Erbe zu verstehen. Wir dürfen das Feld nicht den rechten Ideologen überlassen. Sie beanspruchen unsere Wurzeln in einer exklusiven und vergifteten Weise für sich. Wir haben es in Europa mit einer Krise unseres Selbstverständnisses zu tun. Und unsere migrantischen Brüder und Schwestern könnten eine sehr positive Rolle dabei spielen, diese Krise zu lösen.

Zur Person

Sami Yusuf, 1980 in Teheran geboren, kam als Dreijähriger mit seinen Eltern nach London. Sein Vater ist der persisch-aserbaidschanische Musiker Babak Radmanesh. Yusuf interessierte sich früh für Klassik und besuchte nach der Schule das Konservatorium. Doch der Wettbewerbsgeist dort störte ihn. Statt mit klassischer Musik Karriere zu machen, beschloss er 2003, ein Album mit Preisgesängen auf Allah aufzunehmen: „Al-Mu’allim“, übersetzt „Der Lehrer“, wurde ein Überraschungserfolg in der islamischen Welt – und Yusuf zum weltweit gefragten Popstar. Zwischen Kairo und Karachi füllt er die größten Arenen. Vor Kurzem ist „Sami“ erschienen, sein bisher weltlichstes Album , im Sommer soll schon eine Nachfolge-CD mit religiösen Liedern auf den Markt kommen.

Interview: JONATHAN FISCHER

SZ 19.1.2019

GUT GESPRÜHT! Zwischen Graffiti und Gentrifizierung: Kapstadts einstiges Industrieviertel Woodstock inspiriert heute Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt – die Bewohner sehen das mit gemischten Gefühlen

Noch vor zehn Jahren hätte wohl jeder Taxifahrer in Kapstadt entsetzt abgewinkt: Woodstock? Was könnte Touristen schon an dieser heruntergekommenen Vorstadt interessieren? Und wer würde – in einem für Drogenhandel und Straßenkriminalität berüchtigten Viertel – für ihre Sicherheit bürgen?

  Im 19. Jahrhundert als Bade- und Erholungsort Papendorp gegründet, hatte das malerisch am Fuß des Tafelberges gelegene Woodstock später vor allem Glas- und Textilfabriken beherbergt. Als die Industrie Mitte der Siebzigerjahre wegzog, ging es auch mit dem einstigen Arbeiterviertel und seiner Bewohnerschaft bergab. Gangs übernahmen die Straßen. „Wer hier aufwuchs, konnte sich zwischen einer Karriere als Drogendealer, Einbrecher oder Bettler entscheiden.“ Das erzählt Jason Redman, der durch die mit Graffiti geschmückten Straßen und Gassen seines Viertels führt, des ältesten Vororts von Kapstadt. Jason hat für sich selbst einen anderen Weg gefunden: Er lebt von der Straßenkunst. Wenn der hagere junge Mann mit dem gehetzten Blick nicht gerade Touristen erklärt, was etwa der Mensch in der Zebrahaut auf dem riesigen Wandgemälde hinter ihm bedeutet, dann sprüht er selbst – und inzwischen oft im Auftrag von Geschäften, Hausbesitzern und Cafés.

  Zwar sollten Besucher – der nächtlichen Drogenszene wegen – am besten nur tagsüber durch die Gassen von Woodstock streifen. Dennoch hat sich das Image des armen, einst als No-go-Area geltenden Viertels gründlich verändert. Ja, beinahe in sein Gegenteil verkehrt: Vor der hübsch renovierten Backsteinfassade der „Biscuit Mill“ buhlen informelle Parkplatzwächter darum, die Autos der Touristen und Wochenendausflügler für ein paar Münzen bewachen zu dürfen. Wer sich an den Bettlern und schwarzen Security Guards vorbei in das alte Fabrikgebäude hineinschiebt, der betritt eine Hipster-Welt, die mit der Realität ein paar Straßenzüge weiter kaum etwas zu tun hat: Kunstgalerien, Antiquitätenläden, Designerboutiquen, Kleinbrauereien und Biomärkte ziehen vor allem ein weißes, reiches Publikum an. In der Nachbarschaft locken pastellfarben gestrichene Coffeeshops und Deli-Restaurants. Und natürlich haben Künstler und Kreative längst die ehemaligen Industriebaracken als idealen Ort für ihre Studios entdeckt – Shabby Chic ist angesagt.

  Das ist der Schlüssel für die Attraktivität des Viertels. Woodstocks größter Anziehungspunkt aber ist die Straßenkunst. Wer nach Kapstadt kommt, um das weltberühmte Zeitz Museum of Contemporary Art Africa zu besuchen, der sollte sich auch einen halben Tag Zeit für die Künstler von Woodstock nehmen. Mindestens.

  Zwischen Albert Road und Victoria Road leuchten Wandmalereien von Häusern, Ruinen und Parkplatzmauern. Ein schwimmender Elefant vor der Kulisse des Tafelbergs. Schwarze Kinder mit wütend gereckten Fäusten, Häuser umrankende Pflanzen und ein Löwe, der einen Mann anspringt – zusammen eine große, sozial engagierte Bildergeschichte. Die Stilmittel könnten nicht unterschiedlicher sein: Hier abstrakte Schwarz-Weiß-Muster, dort dreidimensionale Giraffen und Gorillas oder auch ironische, an Banksy erinnernde Vignetten. Gemeinsam sind fast allen Künstlern die Anliegen: Umweltschutz, Menschenrechte, Widerstand gegen Rassismus und Ausgrenzung.

  Stadtplaner hätten sich das alles nicht schöner ausdenken können. Die künstlerische Wiederbelebung einer Industriebrache. Am Ende aber waren es Autodidakten wie Jason und seine Freunde, die hier auf eigene Faust ihr Viertel aufgewertet haben. „Wir fragen natürlich die Besitzer der Häuser. Aber in der Regel geben sie grünes Licht.“ So wächst ein kleines Wunder inmitten der Narben der Apartheid. Eine dieser Erfolgsgeschichten des neuen Südafrikas, die daran erinnert, welche transformative Kraft Kunst im öffentlichen Raum entwickeln kann. Und das gilt nicht nur für die von Freddy Sam stammenden fotorealistischen Szenen protestierender wie auch feiernder Südafrikaner. Das Versprechen der „Rainbow Nation“ hat in Woodstock noch Gültigkeit.

  Denn anders als in anderen, von der Apartheid zugrunde gerichteten Vierteln wie dem District Six, wurde die Nachbarschaft von den „Group-Act“-Gesetzen der Apartheid verschont, leben hier traditionell Schwarze, Weiße und Asiaten, Juden, Christen und Muslime zusammen. „Vor 20 Jahren fingen wir damit an, Mauern und alte Fabriken als Leinwand zu nutzen“, sagt Jason Redman, ein Veteran der ersten Stunde. „Dabei stammte unsere Inspiration nicht nur aus New York – wir haben unsere eigene Geschichte, die südafrikanischen Khoi etwa malen seit Hunderten Jahren auf Stein.“ Die Pioniere rekrutierten sich aus der Nachbarschaft. Dann kamen Straßenkünstler aus ganz Afrika und Europa hierher, um mit den Südafrikanern zu arbeiten und ihre Spuren zu hinterlassen.

  Heute ist die Szene bunter denn je – auch Frauen wie Nardstar und die deutsche Graffiti-Künstlerin MadC haben sich einen Namen gemacht. Die Regeln, sagt Jason, seien inzwischen streng. Wer ohne Erlaubnis sprüht, muss mit einer Strafe von bis zu 15 000 Rand rechnen, das sind gut 900 Euro. Andererseits – und zum Glück – ist Woodstock kein abgeschlossenes Museum. Dauernd verändert sich das Straßenbild. Künstler kommentieren, was ihre Vorgänger hinterlassen haben. Alte Gebäude werden abgerissen. Und neue Wände entstehen.

  Die alteingesessenen Bewohner allerdings begegnen der Gentrifizierung ihres Viertels mit gespaltenen Gefühlen. „Wir schätzen, dass Geschäfte und Jobs in unser Viertel kommen“, sagt Jasons Kollege Zacharias. „Die Straßen sind auf jeden Fall sicherer geworden.“ Doch wer kümmert sich um die heruntergekommene Nachbarschaft gleich jenseits der neuen, strahlenden Coffeeshops? Immer wieder kommt es zu Demonstrationen: Die Ärmeren können die Mieten in den renovierten Häusern oft nicht mehr bezahlen, werden von Investoren auf die Straße gesetzt und fordern mit Bürgerinitiativen wie „Reclaim the City“ Gegenmaßnahmen der Stadtverwaltung. „Wer hier keinen Job in der Gastronomie oder im Service findet, kann sich das Viertel nicht mehr leisten.“

  Längst haben die Straßenkünstler darauf reagiert: mit überlebensgroßen Kakerlaken-Stencils gegen die Immobilienspekulation. Ebenso symbolgeladen: „A Minor Refusal“, eine Hauswand, auf der sich zwei stilisierte Hände beim Handschlag verfehlen. Könnte man die gleichzeitige Umarmung und Vertreibung der Bewohner durch Investoren besser fassen?

  Fairerweise muss man einräumen, dass viele der Handwerks- und Kunstgewerbestände rund um das Einkaufszentrum „Woodstock Exchange“ einen Teil ihres Erlöses an soziale Initiativen spenden. Dass neben den Designerläden nun auch Nachbarschaftsinitiativen und Graffiti-Workshops für lokale Jugendliche angeboten werden. „Niemand schämt sich noch für unser Viertel“, erklärt Jason. „Im Gegenteil: Die Menschen sind stolz, ein Teil von Woodstock zu sein!“

JONATHAN FISCHER

SZ 17.1.2019

Wehr dich! Zurückschlagen oder zurückziehen? Viele Kinder leiden unter verbalen Mobbing-Attacken – geahndet wird vor allem die körperliche Gewalt. Zu Unrecht.

Hilflos. So kommt sich Julian jedes Mal vor, wenn sein Mitschüler Max mal wieder vor der versammelten fünften Klasse eines Münchner Gymnasiums einen neuen Spitznamen skandiert, den er sich für sein Opfer ausgedacht hat. Oder ein kleines fäkalisches Schmähgedicht. Oder ganz einfach: „Julian, den man so leicht ärgern kann“. Das trifft den körperlich robusten, aber sensiblen Jungen: Er geht dann schnell hoch, wird wütend, nimmt sich jedes Wort zu Herzen. Täter reizt so etwas.

  Im Kindergarten nahm Julian Herausforderer noch in den Schwitzkasten. Das war einerseits effektiv. Andererseits wurde er dafür von den Erzieherinnen geschimpft: „Kannst du nicht reden?“ Nein, wenn Julian verbal angegriffen wird, bleiben ihm die Worte im Hals stecken. Nicht aus sprachlichem Unvermögen. Sondern weil er unvorbereitet ist, ohne seelische Panzerung, und die geballte Feindseligkeit tief in ihn eindringt. „Wieso hat jemand Spaß daran, einen anderen niederzumachen?“, fragt Julian, der eigentlich anders heißt. Zum Schutz der Kinder sind alle Namen im Text geändert. Er kann dann höchstens heulen – und bietet so noch mehr Angriffsfläche. Und weil er das mit dem Nicht-Schlagen irgendwann verinnerlicht hat, schließt er die Kränkung ein, um erst zu Hause seiner Wut freien Lauf zu lassen.

  Auf der Klassenfahrt eskaliert die Situation: Max, der Mitschüler, unterhält die Zimmergenossen mit Witzen auf Julians Kosten. Viele lachen. Und die, die nicht lachen, wagen es nicht, dem Angreifer in die Parade zu fahren. „Bitte holt mich nach Hause“, bettelt Julian, als er seine Eltern anruft. Die Lehrer wissen zwar von der Mobbing-Vorgeschichte. Aber Kinder hänseln sich nun mal, oder? „Das pegelt sich schon wieder ein“, sagt die Lehrerin. Julians Vater findet dieses Wegschauen fatal. Seinen Sohn aber will er trotzdem nicht abholen. Sonst lerne er, sich in einer schwierigen Situation zu verkriechen. Wie soll er mit so einer Strategie durchs Leben kommen?

  Also gibt der Vater seinem weinenden Sohn eine Absolution: „Nimm den Typ, der dich ärgert, in den Schwitzkasten“, „Gib ihm eine Faust mit“, „Tritt ihn in den Allerwertesten“ – als Notbremse gegen einen unablässig mobbenden Klassenkameraden, als effektives Stoppschild. Er, der Vater, würde die Verantwortung dafür übernehmen – auch vor der Schule.

  Mobbing-Opfer fantasieren genau davon: sich einmal Respekt zu verschaffen. Mit Worten. Und, wenn das nicht klappt, eben mit Taten. Youtube-Filme zurückschlagender Mobbing-Opfer sind im Netz so erfolgreich wie Pophits. Etwa der Clip, in dem Casey Haynes, ein 15-jähriger dicklicher Australier, der schon jahrelang gehänselt wurde, einen ihn anpöbelnden Schulkameraden schließlich einfach schultert und auf den Boden wirft. Er wird daraufhin in Ruhe gelassen. Und zum Internet-Helden.

  Im richtigen Leben aber heißt es: „Ihr könnt doch miteinander reden.“ Dieses Mantra begleitet heute Kinder vom Kindergarten an. Weil sie in Kindergarten und Grundschule vor allem von Frauen betreut und unterrichtet werden, kommen typisch männliche Strategien, sich auch mal unter Körpereinsatz zu wehren, schnell in Verruf. Bestenfalls in Comics und Western feiern wir noch einsame Helden, die sich von Opfern zu Rächern aufschwingen und ihre Peiniger außer Gefecht setzen. Im normalen Miteinander gilt Schlagen und Treten als Zeichen von Ungebildetheit, als Überrest menschlichen Barbarismus. „Du darfst nicht hauen!“, „Geh sofort hin und entschuldige dich!“, mahnen Eltern und Erzieher.

  Oft aber hindern genau solche Sätze ein gemobbtes Kind daran, sich seinen Peinigern entgegenzustellen. Denn die suchen sich mit Vorliebe sprachlich Unterlegene, Stammelnde, Stumme. Nur so erreichen die Mobber – oft Kinder, die selbst daheim Demütigungen erlebt und erlernt haben – ihr Ziel: sich an der Hilflosigkeit ihres Opfers zu weiden.

  Also doch mal zurückhauen? Dem Kind beibringen, wie man gegen das Schienbein tritt, damit es wehtut? Solche elterlichen Erziehungsmethoden sind natürlich riskant: „Kontraproduktiv“ würden die meisten Lehrer urteilen, die Schulordnung steht sowieso dagegen, und Erziehungsratgeber betonen, dass man seinen Kindern ein gewaltfreies Vorbild sein soll. „Sprechen Sie mit dem Klassen- oder Vertrauenslehrer“, heißt es etwa in einem Mobbing-Tutorial eines Online-Magazins für Eltern. „Finden Sie dort kein Gehör, sollten Sie nicht zögern, sich ans zuständige Schulamt oder an den schulpsychologischen Dienst zu wenden.“

  Aber was ist, wenn die Erwachsenen die Kindernot nicht ernst nehmen, oder sie kein Mittel finden, um die Mobber in die Schranken zu weisen?

  Anti-Gewalt-Trainer dürfen Mobbing-Opfern nicht raten, selbst zuzuschlagen, schon weil das – bis auf die Notwehr – nicht legal ist. Dennoch ist nichts wichtiger, als aus der passiven Rolle herauszukommen. Allein das Signalisieren von Gegenwehr, die Bereitschaft, dem Bully entgegenzutreten, verändert die Situation oft entscheidend: „Der Täter soll wissen, dass er einen Preis dafür zahlt, wenn er mit dem Opfer spielt“, schreibt der Erziehungswissenschaftler Jens Weidner, einer der führenden deutschen Fachleute in der Entwicklung von Anti-Aggressions-Programmen. Das bedeutet nicht, dass das Opfer selbst zum Schläger wird. Es bedeutet aber eben doch, dass es sich zu wehren weiß.

  Sich wehren lernen Kinder zum Beispiel bei Ali Cukur. Der Anti-Gewalt- und Box-Trainer betreut im Auftrag des Jugendamts München Kinder, deren Eltern keinen anderen Rat wussten, als sie die Schule wechseln zu lassen, weil sie als angebliche Streber gemobbt oder für ihr Aussehen gehänselt wurden, vor allem aber, weil sie sich nicht wehren konnten. Es trifft viele: Fast jeder zehnte 15-Jährige in Deutschland beklagt, immer wieder Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Das ergab eine 2017 veröffentlichte Sonderauswertung der Pisa-Studie.

  Kinder wie der 14-jährige Juan. Der Schlaks mit den Hängeschultern schaut im Gespräch stets zu Boden. „Ich bin zu schwach“, sagt er oft. Oder: „Das kann ich nicht.“ Juan bekommt wegen seines Aussehens – seine Mutter ist Philippinerin – von den Mitschülern Kommentare wie „Schlitzauge“ oder „Versager“ zu hören. Und so fühlt er sich auch: wertlos, hoffnungslos, nirgends dazugehörig. Erst Juans Morddrohungen gegen seine Peiniger hatten die Schule zum Handeln gebracht. Jetzt nimmt ihn Cukur zweimal die Woche zum Boxen mit. „Wenn er sich sicherer in seinem Körper fühlt“, sagt er, „dann kommt Juan auch wieder auf Augenhöhe mit seinen Mitschülern.“ Juan schlägt – noch etwas halbherzig – gegen den Boxsack. „Du hast es selbst in der Hand“, spornt ihn der Trainer an. „Wenn du daran arbeitest, kannst du es schaffen.“ Was Juan gefällt: Die Sportler-Kameradschaft. Und dass es Regeln gibt. „Wenn es fair zugeht, dann ist es nicht so schlimm, einzustecken.“

  Boxen gegen die Peiniger seiner Kindheit: So geht auch die Geschichte des späteren Schwergewichts-Champions Mike Tyson. Der kleine Mike wurde nämlich erst zum Faustkämpfer, als er das Mobbing nicht mehr ertrug: Als ziemlich uncooles dickliches Kind ohne Freunde musste der spätere Box-Weltmeister ständig Hänseleien zu seinem Aussehen ertragen. Aber erst als ein älterer Jugendlicher einer von seinen geliebten Tauben – Mike züchtete sie auf einem Dach in Brooklyn – vor seinen Augen das Genick brach, ermutigten ihn Zuschauer, sich doch bitte endlich zu wehren. Was Mike dann tat. Mit einem gewaltigen Feuerball im Bauch und Fäusten, von deren Durchschlagskraft er vorher noch nichts ahnte.

  Für Mobbing-Opfer Juan ist das eine Mutmach-Geschichte. Als der Junge zwei Jahre später entlassen wird, ist aus ihm trotzdem kein Wettkampf-Boxer geworden. Aber einer, der sich ganz passabel mit seinen Fäusten wehren könnte. Falls das überhaupt nötig ist. „Juan hat vor allem eine innere Entwicklung durchgemacht“, sagt Cukur. Sieht Juan das auch so? „Ich stehe jetzt drüber“, sagt er und schaut seinem Gegenüber in die Augen. Seine Haltung drückt ein neues Selbstbewusstsein aus: „Wenn jemand mich auslachen will, lache ich noch lauter zurück.“ Wichtiger noch: Juan hat endlich Freunde gefunden. Offensichtlich wurde der einstige „Versager“ in dem Moment interessant, in dem er anfing, an sich selbst zu glauben.

  Und Julian? Hat er Max, seinem Peiniger im Schullandheim, mit väterlicher Erlaubnis eine reingehauen? „Nein“, sagt Julian rückblickend. „Ich hatte nach dem Gespräch gar nicht mehr das Bedürfnis.“ Die Rückendeckung, den Konflikt notfalls mit einer kleinen Rauferei lösen zu dürfen, habe gereicht: „Ich wusste, ich darf mich wehren – und habe ihn fortan ignoriert.“

  Bleibt die Frage, wo Gewalt eigentlich anfängt. Und ob das Tabu, sich körperlich zur Wehr zu setzen, nicht eigentlich nur psychologisch raffinierteren Varianten die Tür öffnet. Jeder weiß, dass ein Schimpfwort, ein Witz auf Kosten eines Schwächeren, ein hämisches Lachen viel schmerzhafter sein können als jede Faust.

  Was kann die Schule also tun? Grenzen ziehen, sagt Erziehungswissenschaftler Weidner: Schon im Kleinen eingreifen, um es gar nicht zu größeren Aggressionen kommen zu lassen. Das mag anstrengend sein. Und es verlangt hohes soziales Engagement. Julian, Moritz und Juan jedenfalls hätten sich klare Regeln gewünscht – statt halbherziger Beschwichtigungen. „Am einsamsten habe ich mich gefühlt“, erinnert sich Julian, „als der Lehrer sagte, wir sollen uns einfach die Hand geben und gut.“

JONATHAN FISCHER

SZ 12.1.2019mobbing sz

Jahrtausende alter Groove: Afropop-Kolumne 1/2019

Wer schlechte Nachrichten aus Afrika hören will, der muss nur den Begriff Mali in die Suchmaske eingeben: Korruption, Analphabetismus, Polizeigewalt und ein halbes Land im Würgegriff von Dschihadisten und Drogendealern. Kulturjournalisten aber sehen das anders: Denn musikalisch gilt das bettelarme Land am Niger immer noch als Weltmacht. Niemand kommt dabei den Westlern weiter entgegen als Salif Keita: Der 69-jährige Weltmusik-Star mit dem honigsüßen Melisma hat sein fünfzehntes Album in einer fünfzigjährigen Karriere vorgelegt, die er als Leadsänger der legendären Rail Band begann und die ihn zuletzt als Lieblings-Duett-Veredeler aller möglichen Pophits von Carlos Santana bis Cesaria Evora in die Charts spülte. Und nun „Un Autre Blanc“ (Naive). Der Titel seines erklärtermaßen letzten Opus Magnum mag sich auf Keitas Pigmentmangel, beziehungsweise seinen Kampf für die bis heute aufgrund von Aberglauben verfolgten Albinos beziehen. Da sind zum einen dezidiert politische Songs wie „Syrie“ oder die Hymne „Were Were“, in der Keita die gegenwärtige politische Klasse an den Volkshelden Afrikas – darunter Nelson Mandela, Mosambiks einstiger Präsident Samora Machel oder, nun ja, Muammar al-Gaddafi – misst. Zum anderen kehrt er noch mal den Fusion-Meister heraus: Sein größtenteils akustischer, mit malischen Traditionsinstrumenten wie Kora und Ngoni aufgerüsteter Afro-Pop geht für ein Duett mit Ladysmith Black Mambazo nach Südafrika, nimmt Alpha Blondys Reggae-Vibes auf und lässt sogar den jungen Pariser Rapper MHD an Bord: Seine Enkel seien alle Fans des Afrotrap-Stars, hat Keita erklärt. Wie könne er sich da ein paar Takten Hip-Hop verschließen?

Harouna Samake, zwei Jahrzehnte lang der Ngoni-Spieler von Salif Keita, hat auf seinem Debut-Album eine ganz andere Richtung eingeschlagen: „Kamale Blues“ will weder mit Pop-Affinitäten, berühmten Gästen oder Internationalität punkten. Nein, hier geht es zurück in die dörfliche Welt von Bougouni, in die Sikasso-Region ganz im Süden Malis. Hier wurde Samake geboren. Hier hat er sich als Teenager aus einem Ast, einer Kalebasse und einer Ziegenhaut, die ihm ein älterer Musiker gegen Hilfe bei der Heuernte überließ, seine erste Ngoni-Laute gebaut. Und hier fing eine dieser Geschichten an, die es so nur in Mali gibt: Froh, dass er nicht mit den anderen Kindern in die Schule ins Nachbardorf musste, sondern den Eltern bei der Feldarbeit helfen und nebenbei sein Instrument üben konnte, entwickelte sich Samake bald zu einem begehrten Live- und Studiomusiker. Ganze fünf Alben von Keita hat er arrangiert, lange Bassekou Kouyaté begleitet – und als Bonnie Raitt Samake nach einer gemeinsam durchgejammten Nacht am Lagerfeuer mit auf Tour nehmen wollte, scheiterte das Projekt lediglich an der Loyalität des Maliers gegenüber den alten Arbeitgebern. Aufgenommen in Bamako und vertrieben vom rührigen dänischen „One World Records“ Label zeigt „Kamale Blues“ die ganze schräge, aufreizende Intensität einer Ngoni-Band. Diese wunderbaren, verschachtelten, von Blues-Riffs getragenen Loops. Psychedelische Tanzmusik, die gerade deshalb funktioniert, weil sie sich ganz auf ihren jahrhundertealten Groove verlässt.

Ganz ähnlich gestimmt, aber ein paar hundert Meilen weiter, im Norden Ghanas aufgenommen, präsentieren sich einige der heimlichen Hits des Philophon-Labels. „Bitteschön, Philophon“ heißt die erste Werkschau des Wahl-Berliner Schlagzeugers und Produzenten Max Weissenfeldt. Vor fünf Jahren hatte er sich auf der Suche nach Percussion-Rhythmen verliebt: In die pentatonische Musik der nordghanaischen Frafra. So bat er den örtlichen Gospelsänger Alogte Oho und Guy One, den Virtuosen des Kologo genannten Ur-Banjos, auf sein Hotelzimmer und ergänzte die dort gemachten Aufnahmen in seinem Berliner Studio. Zusammen mit Roy X, dem rappenden Sohn von Highlife-Legende Ebo Taylor, stellten sie die ersten von einer ganzen Reihe Vinyl-Singles, die das Philophon-Label als Liebhaberprojekt mit ganz eigener Ästhetik auszeichnen. Später verpasste Weissenfeldt auch den Ethio-Jazz-Legenden Hailu Mergia, Alemayehu Eshete oder seinen eigenen Polyversal Souls einen funky Beat mit jazzigen Bläsern und schön schrägen Sun Ra-Arrangements, er reanimierte den „Burger-Highlife“ des in Berlin lebenden Exil-Ghanaers Lee Dodou oder arbeitete mit dem Finnen Jimi Tenor auf dessen jüngstem Afrobeat-Album zusammen. „Bitteschön Philophon“ versammelt seltene Singles und neue Remixe und zeigt, welches Hit-Potenzial gerade in den rhythmisch vertrackteren Spielarten der afrikanischen Rootsmusik liegt. Dankeschön Philophon – für diesen Einblick in das Zukunftslabor des Funk.

JONATHAN FISCHER

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Er braucht nur Whiskey-Cola – Endlich auf deutsch: Larry Browns Trailerpark-Roman „Joe“

Oberflächlich ist Joes Welt schnell abgesteckt: Gewalt, Alkohol, Einsamkeit. Ein Exhäftling, frisch geschieden, der auf sich und andere kaum Rücksicht nimmt. Heimat findet er eher in der Natur als unter Menschen. Larry Brown webt in seinem düsteren, an John Steinbeck erinnernden Realismus lange Passagen, in denen er die üppige, wuchernde Natur des Mississippi Deltas beschreibt, es wimmelt von Schlingpflanzen, Waschbären, Hirschen und Schlangen.

  Wie William Faulkner stammt Brown aus Oxford, Mississippi. Doch bis auf das Lokalkolorit und die Vorliebe für menschliche Abgründe haben die beiden Autoren wenig gemein: Brown, ein ehemaliger Feuerwehrmann, der seinen Stoff aus seiner Lebenserfahrung zog, liebt simple Formulierungen. Eine Sprache so hart und praktisch wie ein Gewehrständer.

  Gnadenlos leuchtet er die dunklen und übel riechenden Verhältnisse eines von Armut, Suff und falschem Stolz zerfressenen White-Trash-Milieus aus. Da ist Wade, ein Familienvater, der mit seiner Familie in einer verlassenen Blockhütte haust. Er schlägt Frau und Kinder, verkauft seine Tochter im Teenageralter als Prostituierte und stiehlt das Geld, das sein 15-jähriger Sohn Gary verdient hat.

  Joe ist ihr Boss. Als Subunternehmer eines Agrarkonzerns lässt er Wade und Gary mit einer Gruppe Arbeiter ein Waldstück roden – indem sie Gift in die Baumstämme spritzen. Der Vater, der Sohn und der Boss sind eine Dreierkonstellation wie gemacht für einen langen und traurigen Countrysong.

  Joe Ransom, der Antiheld aus Larry Browns Roman „Joe“, nimmt selbst Schusswunden hin wie andere einen Schnupfen. Ihn treibt keine Eile, seine Frau zurückzugewinnen, endlich sein Enkelkind kennenzulernen oder offene Rechnungen zu begleichen.

  Joe bewegt sich unter den Menschen des Mississippi Delta, zwischen Mobile Homes, illegalen Spielrunden und Freudenhäusern. Als er sich von einem Konkurrenten eine Ladung Schrot einfängt, weiß er sich zumindest praktisch zu helfen. So grauenhaft genau wie Brown vorher einen tödlichen Kampf unter Hunden oder das Zerlegen eines gewilderten Hirsches beschreibt, verfolgen wir nun, wie Joe sich mit der Rasierklinge vor dem Badezimmerspiegel die Bleikugeln aus dem Muskelgewebe schneidet: „Dann drückte er wie bei einem Pickel, und die schwarze Kugel löste sich aus der Wunde und drängte das Gewebe beiseite, bis sie ganz schlüpfrig und nackt an die Oberfläche glitt, wo er sie wegpflückte und in die Hand nahm.“

  Einer wie Joe geht nun nicht zur Polizei. Eine Menge Whiskey-Cola, das ist alles, was er braucht: „Er rief den Hund ein paar mal, aber er kam nicht. Er hörte jemanden auf der Straße Dreirad fahren und blickte um die Hausecke, um zu sehen wer es war… Er ging in die Küche, machte sich einen Drink und setzte sich hinten auf die Treppe. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte er sich noch zwei gemixt.“

  Bald entdeckt Joe, der Boss, fürsorgliche Gefühle für seinen jungen Arbeiter. Gary hat, was Joe längst verloren gegangen ist: Ehrgeiz und Hoffnung. Er will seinen Geschwistern helfen. Und er spart auf ein Auto, um eine geregelte Arbeit aufzunehmen. Hartnäckig verfolgt er Joe, der ihm einen Job versprochen hat und ihm einen schrottreifen Jeep verkaufen will.

  Garys Familie gehört zu der untersten amerikanischen Gesellschaftsschicht, die sich nicht mal ein Fahrzeug leisten kann. Auch das ist Mississippi: Ein 15-jähriger Analphabet, der weder weiß, was Ampeln bedeuten noch woher die Babys kommen. Garys Verwahrlosung führt zu bizarren Szenen: Etwa wenn Joe in vermeintlich väterlicher Nachhilfe den Jungen mit einer Prostituierten verkuppelt – und diese, angewidert von seinem Mundgeruch, ihm erst mal zeigt, wie man eine Zahnbürste benutzt.

  Joe mag in der Erzählung als grundständig gutherziger Typ erscheinen. Zum rettenden Engel aber taugt er nicht. Sturzbesoffen fährt er durch die Gegend. Pöbelt Polizisten an. Übt – Erbsünde von Amerikas armem Hinterland – bewaffnete Selbstjustiz. Trotzdem spürt man immer wieder Wärme in all der Isoliertheit – was vor allem an der lakonischen Zärtlichkeit liegt, mit der Larry Brown seine Figuren behandelt.

  Der Autor, der im November 2004 an einem Herzinfarkt starb, hat zu Lebzeiten nur mäßigen Erfolg gehabt. Gerade 20 000 mal verkaufte sich der 1991 in Amerika veröffentlichte – und später mit Nicolas Cage verfilmte – Roman „Joe“. Dass das Buch nun, in Zeiten der Faszination für die Welt der weißen, armen und männlichen Trump-Wähler, endlich ins Deutsche übersetzt wurde: Eine überfällige Anerkennung für einen großen Trailerpark-Romantiker.

JONATHAN FISCHER

SZ 9.1.2019larry brown