Monatsarchiv: Februar 2017

„Übernehmt endlich die Kontrolle über euer Leben!“ Der amerikanische Rapper und Polit-Aktivist Killer Mike über Hip-Hop, die Unterdrückung der Massen und Rezepte gegen den alltäglichen Trump-Irrsinn

Run The Jewels gelten seit ihrer Gründung im Jahre 2013 als eine der beste Hip-Hop-Bands der Welt. Michael Render alias Killer Mike und sein Partner Jaime Meline alias El-P rappen zu düster rumpelnden Oldschool-Beats über Paranoia und Politik und klingen dabei, obwohl schon jenseits der 40, meist wie zwei jugendlich-übermütige Revolutionäre. So auch auf ihrem gerade erschienenen dritten Album „RTJ 3“. Die beiden Rapper und Produzenten stellten es wie immer kostenlos online, schließlich bleibt es ihr Kernanliegen, die „sprachlosen Massen Amerikas“ zu mobilisieren.

Mr. Render, auf Ihrem neuen Album fordern Sie mit Ihrem Partner El-P nicht nur politischen Widerstand, Sie geben zwischendurch auch den Schweinepriester oder schwadronieren von Paralleluniversen. Wie passt das zusammen?

Killer Mike: Der größte Vorteil des Alterns liegt darin, endlich zu wissen, wer man ist. Und auch das Urkomische im Schrecklich-Ernsten zu sehen. Außerdem lieben Jaime und ich schrägen Humor: Warum also sollen wir nicht mal zwischendurch die fucking Idioten geben? Wir haben zulange diese Superhelden-Charaktere im HipHop gefeiert – und das allzu Menschliche abgesondert..

Bringen El-P mit seiner jüdisch-irischen Abstammung und Sie als Afroamerikaner da jeweils Ihre ganz eigenen Traditionen von Humor mit ein?

Der jüdische und der afroamerikanische Humor haben Comedy zu einer subversiven Waffe gemacht. Ja, die Analogie gefällt mir, Wir könnten statt Run The Jewels auch unter dem Namen Bruce und Pryor laufen. Schließlich führen wir unsere Ahnenlinie auf 60er Jahre Comediens wie Lenny Bruce, Dick Gregory und Richard Pryor zurück.

Sie konfrontieren in Ihrer Single „Talk To Me“ einen Teufel mit „Spray-gebräuntem Teint und schlecht sitzendem Toupet“. Ihre Art, die Präsidentschaft von Donald Trump zu überstehen?

Ja wir brauchen die Fähigkeit, der Ignoranz und dem Hass ein Lachen entgegenzusetzen. Unsere jetzige Regierung schert sich einen Dreck um Werte. Aber wir und unsere Fans glauben immer noch an die allgemeine Redefreiheit, an Gemeinschaft, Stil und diesen ganzen dopen HipHop-Shit.

Sie wehren sich dagegen, als politische HipHop-Band bezeichnet zu werden. Warum?

So ein Label spielt einen doch nur ins Abseits. Wir sind mit der Philosophie von Martin Luther King und Malcolm X aufgewachsen, haben aber auch unseren Spaß an dem Schweinekram von (Porno-Verleger) Larry Flynt oder (2 Live Crew-Rapper) Luther Campbell. Wer sich wie wir als ganzheitliche Menschen mit allen Hoffnungen, Leidenschaften und Schwächen präsentiert, der kann seine Mitmenschen leichter gegen die Herrschaft der regierenden Klasse mobilisieren….

Reicht es aber wie einst die gestrandete Occupy-Bewegung nur gemeinsam gegen etwas zu demonstrieren? Gelungene Revolutionen zeichneten sich in der Vergangenheit durch die Formulierung positiver Ziele aus…

Genau davon spreche ich. Gestern habe ich eine Ausstellungseröffnung besucht. Sie hieß „50 Jahre Black Panther Party“ und dokumentierte deren Forderungen, die schwarzen Communities wirtschaftlich und politisch zu ermächtigen, Afroamerikanern ordentliche Wohnungen und Jobs bereitzustellen, schwarze Geschichte in den Schulunterricht einzubinden und die Polizeigewalt zu beenden. Wissen Sie, wen ich dort getroffen habe? Ich schaute mich um, und sah Weiße, Asiaten, Latinos und Schwarze, Schwule und Heteros, einfach alle Typen von Menschen . Offensichtlich stellte die Black Panther Party weniger eine schwarze Partei dar, als eine Volksbewegung jenseits aller Hautfarben und Unterschiede. Deswegen hat die Regierung sie gefürchtet. Und deswegen sind sie unser Vorbild.

Auf Ihrem neuen Track „Thieves! (Screamed The Ghost)“ fordern Sie nachdrücklich, endlich die Polizisten, die unbewaffnete Schwarze wie Eric Garner oder Michael Brown umbrachten, zur Verantwortung zu ziehen. Befürchten Sie nicht, dass die Menschen wegen neuer Kontroversen wie Trumps Mauerbau oder seiner Immigrationspolitik langsam abstumpfen?

Nein, ganz im Gegenteil. Wenn ich mit meiner 9-jährigen Tochter und meinem 14-jährigen Sohn vor dem Fernseher sitze und gefühlt jede Woche neue Nachrichten über einen von der Polizei erschossenen unbewaffneten Schwarzen höre: ich werde mich wie alle Betroffenen nie daran gewöhnen können. Auch eine Menge andere Leute wachen gerade auf. Mehr noch als die fragmentierten Bürgerrechtsbewegungen der 60er und 70er Jahren rücken die Menschen heute zusammen. Weil sie merken, dass sie gegen ein und denselben Unterdrücker kämpfen. Wir werden in Zukunft viel breitere Allianzen bilden

Und was bitte kann HipHop dazu beitragen?

Ich will jetzt nicht sagen, dass HipHop die Schule ersetzt: Aber wenn du gut zuhörst, kann es deine Terminologie erweitern, du kannst dich in die Lebenssituation und die Psyche anderer hineinversetzen. So ging es mir mit dem letzten Kendrick Lamar Album: Danach konnte ich mir zum ersten mal vorstellen wie es sich anfühlt als sensibler Junge im Gangland von Compton aufzuwachsen.

Sie sind im Wahlkampf zusammen mit Bernie Sanders aufgetreten und bekamen dafür viel Gegenwind. Haben Sie sich an der großen Politik die Finger verbrannt?

Nein, es war ja nicht das erste mal, dass ich mich politisch engagierte. Das Aktivistentum liegt in meiner Familie. Meine Großmutter ist für die Bürgerrechte marschiert, während meine Ururgroßeltern noch Sklaven waren. Ich habe auch schon Wahlkampf für den gegenwärtigen Bürgermeister von Atlanta gemacht – und ich werde auch in Zukunft jedem meine Stimme leihen, der eine gute und gerechte Sache vertritt. Auf der Grassroots-Ebene kann jeder etwas bewirken. Wenn ich regelmäßig meinen Bürgermeister, meinen Stadtrats-Abgeordneten und meinen Schulrat kontaktiere, dann fordere ich das auch von meinen Fans: Übernehmt endlich die Kontrolle über euer Leben!

In Ihren letzten Interviews weigerten Sie sich, über Donald Trump zu sprechen, weil es sie krank mache, „immer wieder in derselben Scheiße zu rühren“. Wie schützen Sie sich angesichts des täglichen Polit-Irrsinns vor Depressionen?

Am wichtigsten ist es, sich seinen Enthusiasmus zu bewahren. Sonst kannst du als Künstler aufhören. Ich konzentriere mich deshalb nicht auf die großen Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Sondern erfreue mich an den kleinen alltäglichen Dingen, der Zeit mit meinen Kindern, dem gemeinsamen Kochen mit meiner Frau. Wenn wir trotz allem unser Leben feiern, haben uns die Unterdrücker nicht klein gekriegt.

Diese Art von Trotz verlieh schon dem Blues seine subversive Stärke…

Ich kenne diesen Blues-Talk von meiner Großmutter. Sie sagte immer: Wir sollten lachen, wenn wir weinen wollen….

Sie haben deshalb auch zuletzt das Album „Meow The Jewels“ aufgenommen, in dem Sie ihre Raps mit Katzen-Miaus ersetzten?

Als El-P im Internet verbreitete, dass wir für 40 000 USD das ganze Album „RTJ2“ als Katzengesang neu abmischen würden, sollte das eigentlich ein Witz sein. Und dann sammelten die Fans überraschend das Geld zusammen: Wir überlegten, hey, wir können uns doch für etwas Gutes zum Affen machen. Also beschlossen wir, die ganzen Einnahmen des Albums den Familien von Eric Garner und Michael Brown zu vermachen.

Bei Ihren Auftritten in Fernseh Talkshows müssen Sie regelmäßig den HipHop rechtfertigen. Wie kommt es, dass diese Kultur fast vier Jahrzehnte nach ihrer Entsteheung immer noch als asozialer Schund und gesellschaftliche Gefahr beschimpft wird?

Ich musste mich einmal sogar fragen lassen, ob ich meines Namens wegen nicht jemanden umgebracht hätte. Dahinter steckt mehr als Ignoranz. Die Verteufelung von HipHop geschieht vielmehr aus machtpolitischem Kalkül. Aus der Sicht der regierenden Klasse sind Entertainer, Popstars und berühmte Schauspieler doch vor allem dazu da, um die Massen einzulullen, sie davon abzulenken, wie sie gerade politisch verraten und verschaukelt werden.

Ein Teil von HipHop bietet doch genau diese apolitische Unterhaltung.

Das System hebt diese Seite hervor, und möchte die andere am liebsten totschweigen. Solange Knowles etwa hatte vor kurzem ein politisch revolutionäres Album veröffentlicht. Und was höre ich auf Kanälen wie Fox News? Dass sie „groovy“ ist. Wenn die Black Panthers einst die Ambition hatten, alle Hautfarben für ihr Anliegen zu vereinen, dann hat HipHop genau das geschafft: Run The Jewels und immer mehr Rapper reden von Klasse statt Rasse. Wir nehmen Amerika und seine Versprechungen beim Wort. Und deshalb fürchten sie uns.

Interview: JONATHAN FISCHER

gekürzt veröffentlicht in SZ 16.2.2017images

 

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