Monatsarchiv: Januar 2020

Ein Herz für Außenseiter – Die Blues-Kultur ist in Memphis zum Touristen-Klischee verkommen. Aber die echten, verruchten Musikbühnen gibt es noch. Eine Spurensuche am Mississippi

Am Anfang steht eine Ernüchterung: „Ladies and gentleman, clap your hands“ johlt der Sänger einer namenlosen Bluesband, bevor sein Gitarrist routiniert eine dieser Drei-Akkord-Klischees anstimmt, bei der schon die erste Note alles über die nächsten zwölf Takte verrät. Das Publikum des BB King‘s auf Memphis Vergnügungsmeile Beale Street aber liebt es. Seliges Klatschen, die Bierbecher schwappen, rotgesichtige Typen treten auf der Stelle und tätscheln ihrer Begleitung den Hintern. Ja, im Disneyland des Blues darf es auch etwas abgestandener sein – hier vermarktet man T-Shirts, bedruckte Tassen und Wiedererkennungseffekte. Die Resteverwertung einer einst majestätischen Blueskultur. Allein der bunte Haufen jammender Veteranen im Handy-Park erinnert noch ein wenig daran, was diese Straße einmal für Memphis, ja für die Schwarzen des gesamten Südens bedeutete: Wildes, ungezügeltes Leben, ein der Segregation, dem Rassismus abgetrotzter Freiraum. Der Blues tanzte immer auf einem Nagelbrett. Das können auch die glamourösen Vitrinen der nahen Blues Hall of Fame, wo Bobby Blue Blands legendäre Kapitänsmütze, Koko Taylors silbernes Pailletten-Kleid und Muddy Waters erste akustische Gitarre ausgestellt sind, nicht kaschieren. Wo aber lebt sein Geist heute noch? Wo wird er nicht nur reproduziert sondern geatmet, gespielt, gelebt?

Wer sucht, kann auch in Memphis noch den „real deal“ finden. Im Norden der Stadt, genauer gesagt, in der Vollentine Avenue Nummer 1580 leuchtet ein riesiges Graffito über einem kleinen rot gestrichenen Schuppen : „Wild Bill‘s“. Die Tür zum letzten Juke Joint der Stadt. Rote Lichterketten, Stammgäste, die sich an 40 Unzen-Bierdosen und selbst mitgebrachten Whiskeyflaschen festhalten – und eine schmutzig rumpelnde Band in der Ecke. Es riecht nach Parfum und fettigen Chicken Wings.Als die ersten Akkorde von Elmore James 50er Jahre Hit „Dust My Broom“ ertönen, schieben ein paar ältere Afroamerikaner in Anzugjacke und Hut ihre Herzensdamen auf die Tanzfläche. Die Schritte sitzen noch. Die Hüftbewegungen auch. Juke Joints waren in Memphis und dem Delta einst selbstverständlicher Teil des Alltags. Doch Fernsehen, Internet und neue Musikmoden haben den einstigen Bastionen des Live-Blues arg zugesetzt. „Die meisten haben sich nicht mehr rentiert“, sagt Charles Cason, ein Stammgast. „In den 80ern hatten wir noch in jedem Dorf im Delta einen Juke Joint. Aber dann kamen die Casinos. Warum soll ich in einen abgerockten Schuppen gehen, wenn ein paar Meilen weiter ein Luxus- und Glitzer-Ambiente lockt?“

Geblieben sind ein paar großartige Festivals: Etwa Mempho Music, das jeden Oktober im Shelby Farms Parkgelände östlich von Memphis neben großen Pop-Acts auch lokale Blues- und Soul-Legenden auf die Bühne bringt. William Bell und Bobby Rush beschwören, befeuert von Al Greens einstiger Studioband, die goldenen Zeiten des Memphis Soul. Veteran Don Bryant gibt noch mal – zartbitteres Melisma und mollige Bläsersätze – Klassiker wie „A Nickel And A Nail“ zum Besten, während Talibah Safiya eine junge Generation Rhythm‘n Blues-beeinflusster Singer-Songwriter repräsentiert. Und als Lokalmatador Eric Gales die Bühne betritt, ist jedem klar, dass Rassismus, Polizeiübergriffe und Drogenepidemien nicht nur zur Blues-Vergangenheit gehören: „Ich weiß nicht ob ihr meine Geschichte kennt“, predigt der 44-jährige Bluesrock-Gitarrist. „Aber ich bin ein Homeboy der es ganz schön verkackt hat. Jetzt bin ich endlich raus aus dem Knast und die letzten zwei Jahre clean“. Dann legt er einen dieser hyperkinetisch peitschenden Bluesstomps vor, für die die Mississippi Hills berüchtigt sind – und junge Hipster wie afroamerikanische Familienrunden stellen ihre Getränkebecker ins Gras, um den Groove aufzunehmen.

Um den Ursprung dieser Energie näherzukommen muss man sich auf Pilgerreise ins Delta machen. Dort wo alles angefangen hat. Wer von Greenwood den Tallahatchee River Richtung Norden überquert, dem leuchtet eine kleine weißgestrichene Holzkapelle entgegen, die „M.B. Zion Church“. Dahinter versteckt sich im Schatten gewaltiger Baumkronen ein Gräberfeld mit schiefen Tafeln – nur ein Granitblock scheint neueren Datums zu sein: „Robert Johnson, May 8, 1911 – August16, 1938, musician and composer“ besagt die Grab-Inschrift. Der Bluesmusiker, dessen Songs die Rolling Stones bis Eric Clapton posthum verewigten, wurde nur 27 Jahre alt. Die Devotionalien erzählen eine Geschichte für sich: Bunte Plastikketten, ein paar Gitarren-Plektrons, eine halbleere Whiskey-Flasche und zwei japanische Münzen mit einem Zettel: „Lass mich ein besserer Gitarrenspieler werden“. Der britischeRockmusiker Robert Plant soll hier gar eine seiner Schallplatten verbuddelt haben. Alles für den Segen des Bluesmanns, der der Legende nach seine Seele an den Teufel verkaufte: Anders konnten sich manche Zeitgenossen jedenfalls dessen Spiel- und Verführungskünste nicht erklären. Auf der nahegelegenen Three Forks Plantage soll er von einem eifersüchtigen Nebenbuhler vergiftet worden sein. Mit einem Schuss Strychnin im Whiskey. Der Plantagenbesitzer ließ den zu Lebzeiten kommerziell kaum erfolgreichen Sänger von einem Arbeiter verbuddeln. Ohne Markierung – dafür fehlte damals das Geld.

Inmitten der Baumwollfelder auf der anderen Straßenseite ragt neben einem Holzschuppen ein Sendemast gen Himmel. Kennt man dieses Bild nicht? Tatsächlich, es ist der Radiosender, den die Coen Brüder in „Brother Where Art Thou“ verewigten. Heute sendet WBAG, sofern der lokale DJ gerade Lust und Zeit hat, immer noch Bluesmusik – und richtet einmal im Jahr gar ein kleines Open-Air-Festival aus. Eine Meile nördlich führt beim Holzschild „Tallahatchee Flats“ ein Kiesweg zu einem Halbrund von „tenant houses“, Holzschuppen, die von Plantagen in der Umgebung stammen, und in denen einst schwarze Baumwollpflücker lebten. Heute werden sie – ab 85 Dollar die Nacht – an Blues-Nostalgiker vermietet. Knarzendes Gebälk, Antiquitäten, nur die Klimaanlage ist neu. Die Holzveranden mit Schaukelstuhl bieten einen weiten Blick auf Baumwoll- und Sojabohnenfelder – und wer Glück hat, der hört von nebenan die klagende Melodie eines Robert Johnson- oder Son House-Songs. Es ist Ben Payton, ein Bluesmusiker, der Sonntag abend in der angeschlossenen Taverne auftritt und ansonsten die Unterkünfte verwaltet. „Heute spielt kaum mehr jemand den akustischen Folk-Blues“, sagt der glatzköpfige Veteran. Er selbst war in den 60er Jahren wie so viele Afroamerikaner aus dem Delta mit seiner Familie nach Chicago gezogen, wo er in der Band von Howlin‘ Wolf Gitarre spielte. Heute aber sieht er sich als Traditionshüter: „Die Jungen orientieren sich am Rock. Weil du damit Geld auf den Festivals verdienen kannst. Wer aber erinnert sich dann noch, wie hier alles einmal angefangen hat?“

Ja die Erinnerungskultur. Sie hält im Mississippi Delta viele Orte am Leben. Geisterstädte, deren leerstehende Ware Houses ansonsten wie Kulissen eines alten Films wirken würden. Und die allein wegen der Bluestrail-Marker den einen oder anderen Neugierigen zum Halten bringen. Unbedingt empfehlenswert: Das multimediale BB King Museum in Indianola, wie auch das Delta Blues Museum in Clarksdale, in dem es neben Folk-Kunst auch Muddy Waters Holzkabine von der nahen Stovall Plantation zu sehen gibt. Danach sollte man unbedingt Roger Stolles „Cathead Delta Blues und Folk Art“ Laden gleich um die Ecke besuchen: „49 Blues legends, 107 churches, 0 Starbucks“ propagiert ein Clarksdale-T-Shirt, das neben Bluesplatten, Fotobüchern und Konzertpostern zu den lokalen Bestsellern gehört. Ein ganz neues Selbstbewusstsein. Warum auch die Vermarktung des Blues den großen Konzernen überlassen? „Das Red‘s Lounge um die Ecke und das Blue Front Cafe in Bentonia sind die letzten überlebenden Juke Joints im Delta“, erklärt Shop-Betreiber, Plattenproduzent und Buch-Autor Stolle und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Er sehe es als Bürgerpflicht, die alten Gebäude, Clubs und tradtionellen Restaurants zu erhalten, bevor sich die nationalen Ketten ihrer bemächtigen. „Viele der Alteingesessenen hier haben den Blues immer für selbstverständlich gehalten. Erst jetzt merken sie, welcher Reichtum ihnen verloren zu gehen droht“.

Wer bei Stolle eine Platte lokaler Blues-Helden kauft, der bekommt zumindest eine Geschichte mitgeliefert: Über R.L. Burnside etwa , der jemanden im Streit umgebracht hatte, oder T-Model Ford, der als über 90-jähriger nach einem Leben mit 6 Ehefrauen, 26 Kindern, Drogenmissbrauch und zwei Jahren in einer Chain Gang noch einmal ein Gospelalbum aufnahm. „Blues war nie der hübsche, heimelige Stoff, zu dem ihn die Leute heute gerne frisieren“. Ironischerweise sind es weiße Zuzügler wie Stolle, einst Manager einer großen Marketing-Firma in St. Louis, die heute an vorderster Front für die Wiederbelebung der lokalen Szene kämpfen. So haben Robin Colonus und ihre deutsche Partnerin Lena von Machus vor zehn Jahren ein historisches schwarzes Kino renoviert und zu einem Bluesclub umgebaut: „New Roxy“ verkünden die Umrisse einstiger Leuchtbuchstaben. Im Eingangsbereich schaut es noch nach 50er Jahren aus, das Theater selbst aber ist – bis auf die überdachte Bühne – open air. „Wir richten jeden Oktober das Deep Blues Festival aus“, erklärt von Machus. „Um das Leben hierher zurückzubringen. Und einen Ort, wo sich in dieser segregierten Stadt weiß und schwarz treffen“. Vorne schrammt Jimbo Matthus, ein weißer Schlagzeug-Gitarren-Act, seinen rotzige Blues-Punk, während die Besucher auf zusammengewürfelten Plastikstühlen rauchen und selbstmitgebrachten Whiskey trinken. Ein Hauch bvon Blues-Anarchie weht durch die Luft. Und oben funkeln die Sterne.

Am nächsten Tag im „Shack Up Inn“, einer zu Gästehaus und Live-Club umgebauten Baumwollfabrik am Stadtrand von Clarksdale. „Ohne Muddy Waters, ohne John Lee Hooker, Sam Cooke, Ike Turner und all die anderen Bluestypen aus unserer Stadt gäbe es keinen Rock‘n Roll. Denkt mal drüber nach“, predigt Big George von der Bühne und lacht sein dunkles hüstelndes Lachen. Das Schlagzeug rumpelt, die Gitarre fällt mit einem hypnotisch marschierenden Riff ein. „Doctor doctor, tell me what‘s wrong with me“. Brocks Gesang kommt tief aus dem Bauch, einer Region, wo sich Bier, Lust und Wut miteinander mischen. Dutzende Smartphones blitzen auf – und erhellen Totems, Bierreklamen und einen von der Decke hängenden Doppeldecker in dem Fabrik-Gewölbe. „Wir bringen mit dem Deep Blues Festival die Rebellen und Außenseiter auf die Bühne“, erklärt Big Up Shack-Betreiber Chris Johnson und schwärmt von jungen Acts wie Cedric Burnside und ihrer frischen HipHop-kompatiblen Energie. „Hauptsache, sie schläfern niemanden mit Blues-Klischees ein“ Nein, an diesem Abend ist die Gefahr gebannt. Nach seinem Auftritt schüttelt Big Georges Boxer-Pranke viele Hände – von Besuchern aus Chicago, Kanada, ja sogar Indien. „Wir haben immer zum Blues getanzt“, sagt er, tastet nach der Bierdose und nimmt einen großen Schluck Millers Lite. „Aber das geht nur wenn du ihn fühlst. Wenn er deinen Schmerz gleichzeitig spiegelt und lindert“. Dann packt seine Tochter den halb blinden Sänger zärtlich am Arm und führt ihn die paar Stufen bis zum Ausgang hinunter.

JONATHAN FISCHER

gekürzt erschienen in der SZ 9.1.2020

Afroamerikanisches Kultur-Recycling: Der Chicagoer Künstler, Stadtplaner und Musiker Theaster Gates versteht es, kreative Prozesse für das urbane Zusammenleben fruchtbar zu machen. So erneuert er Stadtviertel ebenso wie seelische Verbindungen.

Wer Theaster Gates verstehen will, der muss erstens die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst fallenlassen – und zweitens den Anspruch auf eine simple politische Agenda „Ich habe gar keine Lust ein vergängliches politisches Regime zu kritisieren“, sagt der afroamerikanische Künstler bei der Eröffnung seiner jüngsten Installation „Black Chapel“ im einst von Hitler geweihten Haus der Kunst in München. „Lieber mache ich einen Club aus diesem Raum“. Gates lacht, nimmt seine Hornbrille ab, streicht sich durch den graumelierten Bart. Ein paar Party-Zutaten hat er bereits mitgebracht: Etwa zwei sogenannte „Discorocks“, mit tausenden winzigen Spiegeln beklebte Skulpturen in Felsenform neben einer Vitrine mit afrikanischen Musikinstrumenten. Ein Verweis auf die Club-Geschichte seiner Heimat Chicago. Hier wurde in Schwulenclubs wie dem Warehouse Ende der 70er Jahre Disco reafrikanisiert, die Urform der House-Musik geschmiedet. Und damit ein neuer Baustein schwarzer Musik- und Emanzipationsgeschichte geschaffen, den Theaster Gates nur allzu gerne in seine Medien-übergreifenden Installationen einpasst.

Gates große Leidenschaft gilt der Revitalisierung verwunschener und verkommener Orte: Bekannt wurde er in Europa, als er auf der documenta 13 das marode Kasseler Hugenottenhaus zu einem temporären lebenden Kunstort umgestaltete. Das Material dazu kam aus seinem Heimatviertel, der Southside of Chicago mit ihrer überwiegend armen afroamerikanischen Bewohnerschaft. Gates betreibt dort seit sieben Jahren seine Rebuild Foundation: Um leerstehende Gebäude aufzukaufen und sie zu Kunst- und Gemeinschaftszentren umzubauen. Längst strahlt sein urbaner Aktivismus weit über Chicago hinaus. Gates hält weltweit Vorträge vor Stadtplanern, die Wiederbelebung der Southside mit künstlerischen Mitteln gilt als Leuchtturm-Projekt für andere Städte. „In meiner Ausbildung als Töpfer habe ich schnell gelernt, dass man aus dem Nichts große Dinge erschaffen kann“, sagt Gates. Und: „Es geht nicht um das Material. Sondern unsere Fähigkeit, Dinge zu formen“.

Bevor Gates zum Überflieger der internationalen Kunstwelt avancierte, arbeitete er als Töpfer und Keramik-Künstler. Bis er den Anblick aus seinem Studio in Grand Crossing nicht mehr ertrug: Ob man die vielen aufgegebenen und verfallenden Gebäude dort nicht genauso wie einen Batzen Lehm behandeln konnte? Um Strukturen zu schaffen, die die Abwanderungsbewegung umkehrten? Gates war sich sicher, dass er Architekten, Ingenieure und Immobilienmakler für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. „Stellen Sie sich das vor: Ein Ort an dem eigentlich nie jemand bleiben wollte, wird zu einer wichtigen Attraktion für Besucher aus der ganzen Welt“. Gates Enthusiasmus hat etwas Ansteckendes – und wenn er seine Ideen predigt, kann man ihn auch auf einer Kirchenkanzel vorstellen Lange war die schwarze Kirche sein zweites Zuhause. Er arbeitete als Leiter des Kirchenchores, wollte Priester werden. Am Ende beließ es der Sohn eines Dachdeckers dann doch bei einem Studium der Religionswissenschaften. Spiritualität aber spielt in all seinen Werken eine große Rolle: Ob Black Madonna in Basel, Black Chapel in München, oder Gates Leidenschaft, Reliquien schwarzer Kultur wie die Plattensammlung des Chicagoer House-Pioniers Frankie Knuckles zusammen zu tragen und über sie mit den Geistern der afroamerikanischen Ahnen in Verbindung zu treten.

Auch seine Verbindung mit der Southside kann man als Wiederauferstehungs-Geschichte lesen: Den Anfang machte ein einzelnes Haus, das Gates für 18 000 Dollar erwarb. Damit waren seine finanziellen Mittel ausgeschöpft. Also fing Gates an das Gebäude zu fegen – als kostenfreie Performancekunst und vor Publikum. Später kamen Ausstellungen, Vorträge und Gemeinschaftsdinner dazu. Gates Verbindungen machten sich nun bezahlt – spätestens als Chicagos Bürgermeister Emmanuel Rahm als Verbündeter einstieg. Zu diesem ersten sogenannten Archive House erwarb die Rebuild Foundation Nachbargebäude. Das Listening House etwa beherbergt eine Büchersammlung aus dem Nachlass der örtlichen Johnson Publishing Coporation sowie aufgegebenen schwarzen Bücherläden. Sogar ein einstiges Crack House wurde umgebaut: Es heißt nun Black Cinema House und zeigt für die Nachbarschaft relevante Filme – von Melvin Van Peebles bis hin zu afroamerikanischen Komödien.

Was aber hat das alles mit Kunst zu tun? Gates hat zwar mit seiner Rebuild-Foundation inzwischen über 70 Gebäude zu Wohn- und Gemeinschaftshäusern renoviert, Grünparks dazwischen geschaffen und ein Heer örtlicher Maurer, Steinmetze und Abbruchspezialisten ausgebildet. Aber er betont, dass es ihm nie allein um Immobilien-Aufwertung ging. Sondern um Inhalte. Dass es die Kultur sei, die Verknüpfungen zwischen den Gebäuden, zwischen vereinzelten Nachbarn, ja zwischen dem Viertel und den Besuchern von außerhalb knüpft. Denn spätestens seit der Eröffnung der Stony Island Arts Bank im Jahre 2015 – ein zum Kulturzentrum aufgewertetes ehemaliges Bankgebäude – hat sich die Atmosphäre in der Southside gedreht. Wenn früher alle vor allem die Angst vor Gewalt umtrieb, drehen sich Gespräche heute um das letzte Theaterstück oder das nächste Barbecue. Das behauptet zumindest Gates. Der Schlüssel sei der „Einzug von Schönheit“ in das prekäre Viertel. „Wir müssen die Seelen nähren – nicht nur die physischen Bedürfnisse. Die Menschen fangen an, sich anders zu verhalten, wenn sie Schönheit vorfinden.“

Darauf zielt Gates auch mit seiner „Black Chapel“: Riesige rotierende Leuchtkästen zeigen historische Fotos aus den von Gates erworbenen Archiven der Lifestyle-Magazine Ebony und Jet: Glamouröse Portraits schwarzer Sängerinnen und Schauspielerinnen aus den 60er Jahren. Afroamerikanische Familien, die es geschafft haben. „Diese Bilder sind auch eine Art Gegenwehr“, sagt Gates. „Während Bürgerrechtsaktivisten geschlagen, geprügelt und mit Tränengas bombardiert wurden, präsentierten diese Magazine eine Schönheit, die uns trotzdem Hoffnung gab“.

Gates spricht von Mojos. Magischen Gegenständen. Inmitten der Nazi-Architektur des Haus der Kunst hat er „Fried Chicken King“ und „Rothschild Liquors“ – Neonreklamen gehängt. Bilder von dampfenden Soulfood-Läden und Alkohol-geschwängerten Bars steigen da auf. Und in der Archivgalerie gegenüber steht die Plattensammlung der verstorbenen Leichtathletik-Legende Jesse Owens: 1800 Jazz-, Soul- und Funk-Alben, die DJs in regelmäßigen Listening Sessions zu Gehör bringen. Musikalisch tiefschwarz zelebrierte Gates schon die Eröffnung: Mit seinen Black Monks, einer Truppe hochkarätiger Musiker stimmte er uralte Gospelklagen an, mehrstimmig flehend, klatschend, stampfend. Mal glaubte man sich in einer Baptistenkirche in Mississippi. Dann führten die Beats Richtung House-Club. Dazu intonierten die Monks ihre politisch wie spiriutell aufgeladenen Chants: „We deserve what we need“. Was wir brauchen, haben wir auch verdient.

JONATHAN FISCHER

gekürzt in der NZZ 3.1.2020

Theaster Gates „Black Chapel“ im Haus der Kunst, München bis 19.7.2020

Von den Straßen Abidjans: Afrikanische Popstile wie der Coupé Decalé boomen. Plattenfirmen drängen auf den Zukunftsmarkt, der vielleicht bald ohne den Westen auskommen wird

Wenn einer der größten Popstars der Elfenbeinküste tödlich verunglückt, dann kennt die Trauer dort keine Grenzen: Weinende Frauen auf den Straßen, Tränen-Emojis in den sozialen Netzwerken ganz Westafrikas, Radio- und Fernsehsender, die berichten wie über eine Staatskatastrophe. Eine kollektive Identitäts-Krise? So fühlte es sich zumindest an, als DJ Arafat am 13. August 2019, nach einem nächtlichen Motorradunfall in Abidjan, von einem Regierungssprecher für tot erklärt wurde. Mehrere Minister eilten an das Totenbett des 33-jährigen Sängers. Der ivorianische Präsident Alassana Outtara und Fußballstar Didier Drogba kondolierten – während vor dem Krankenhaus eine aufgewühlte Menschenmenge skandierte: „Arafat kann nicht sterben.“ Abidjan, wo sonst 24 Stunden am Tag flirrende Popanimation aus den Maquis genannten Straßenbars auf die Straßen schallt, wo Bewohner das tägliche Chaos mit einem Triathlon aus Trinken, Tanzen und teuren Modeschauen bekämpfen, schien unter Schock zu stehen – wo doch gerade die Musik seiner hedonistischen Helden wie ein Schutzschild gegen die rauen Realitäten gewirkt hatte.

  DJ Arafat galt als König des „Coupé-Décalé“. Mit Rebellen-Pose und geschickten Anleihen beim modernen R‘n’B hatte er das populäre heimische Dance-Genres dominiert, seine Hits wie „Dosabado“ erreichten über Youtube weltweit ein Millionenpublikum. Für viele afrikanische Jugendliche verkörperte DJ Arafat die Fantasie eines besseren Lebens. Der als Ange Didier Huon geborene Sänger hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet – er sang und tanzte, um wie er einmal erklärte „nicht wie mein Bruder jede Nacht um vier zum Fischen gehen zu müssen“. Und er hatte fast alles erreicht: Die Stars aus Afrika und Frankreich buchten ihn als Dauergast auf ihre Alben, über vier Millionen Facebook-Follower und die Soundsystems auf den Straßen der afrikanischen Metropolen und Emigrantenviertel ließen seine Songs zu Hymnen werden. Nicht zuletzt brachte der Sänger, Tänzer und Sitten-Provokateur den Coupé Décalé in die Clubs des Westens, trugen seine Erfolge dazu bei Major Labels wie Sony und Universal mit eigenen Büros an die Elfenbeinküste zu locken.

  Wörtlich übersetzt heißt Coupé Décalé „schneide und renne“. Im ivorianischen Slang aber bezieht es sich auf die sich mehr oder weniger legal durchschlagenden Exilanten in Paris, die „Geschäfte machen und Geld in die Heimat schicken“. Anfang der Nullerjahre war die Elfenbeinküste in einen blutigen Bürgerkrieg versunken. Nach einem gescheiterten Putschversuch im September 2002 besetzten Rebellen die Nordhälfte des Landes. Allen Friedensbemühungen der UN zum Trotz ließen sich die Kriegsparteien auf keinen Waffenstillstand ein. Die jungen Diaspora-Ivorer in Paris aber wollten sich von den schlechten Nachrichten aus der Heimat nicht demoralisieren lassen. Warum nicht mit Parties dagegenhalten? Extravagant gekleidet, die Zigarre in der einen Hand, das Champagnerglas in der anderen tanzten sie gegen die Krise an und schufen sich eine Parallel-Welt. Ihre Botschaft: Die Politik mag unsere Heimat ruiniert haben, wir aber gehen nicht in die Knie. Coupé Décalé war zunächst eine Tanz-Mode, zu der basslastige kongolesische Instrumentals den Background lieferten. Die dazugehörigen Videos fanden ihren Weg zurück in die Elfenbeinküste: Vor allem eine Gruppe wohlhabender Pariser Exilanten, die sich „La Jet Set“ nannten, wurden zu Volkshelden. Ihre Coupé-Decalé-Tänze dominierten bald die Clubs. Überall zelebrierten junge Männer mit religiöser Inbrunst deren Rituale: Sie verteilten ihren Reichtum, schmissen in den Nachtclubs wortwörtlich mit Geld um sich, gaben Champagner für alle aus.

  Heute ist Ypougon das Zentrum der Szene. Das Vergnügungsviertel von Abidjan, Geburtsort von DJ Arafat, gilt als Brutstätte des ivorianischen Pop, Inkubator für neue Musikstile, die von hier aus ihren Siegeszug nach Bamako, Lagos, Paris antreten. Wer an einem Samstagabend mit dem Taxi duch Ypougon fährt, taucht in ein sinnliches Chaos ein: Der Verkehr stockt, die Luft ist von Bratfett und Diesel geschwängert, Verkäufer wedeln mit Telefonkarten und Taschentüchern vor den Autofenstern. Und überall laute Musik. Riesige Lautsprechertürme säumen die Straßen, Menschen tanzen im Staub, die dazugehörigen Freiluft-Bars bestehen meist nur aus ein paar Bänken unter einem Blechdach. Der Club Internat ist schon von weitem als Basswelle zu orten. Keine Chance, mit dem Taxi ganz heranzufahren, dafür schiebt einen die Menschenmenge einfach mit: Immerhin ist heute der Coupé Décalé-Sänger Ariel Sheney angesagt, die derzeit größte Musikhoffnung der Elfenbeinküste. Das Karree vor der Freiluftbühne ist bis zum Bersten gepackt. Auch auf den umliegenden Mauern und Hausdächern drängen sich die Zuschauer. Eine tausendköpfige perfekt synchronisierte Tanztruppe – die zu jedem Song genau definierte Hand- Fuß- und Hüftbewegungen vollführt, und sich dabei mit ihren Smartphones filmt.

  Ariel Sheney – ein athletischer Typ mit Sonnenbrille und Goldkette – fegt zwischen seinen Begleittänzern über die Bühne, läßt die Beine wie Gummi wackeln, legt sich rhythmisch zappelnd auf die Bretter. Die Band unterfüttert die Show mit galoppierenden Drums, Synthesizern und Gitarrengeklingel. Riffs wie Aufputsch-Drogen. Einige der Zuschauer werfen mit Plastikstühlen. Und doch strahlt die gesamte Szene eine Energie und Schönheit aus, die augenblicklich mit dem Chaos ringsum versöhnt. „Amina“ schmachtet Sheney ins Mikro, „Amina“ donnert es tausendfach verstärkt in den Nachthimmel von Abidjan. „Amina“ ist sein größter Hit. Über zwanzig Millionen mal wurde das Video um eine knapp bekleidete Tänzerin und den Sänger als ihren reichen Galan bereits angeklickt, und jeden Tag kommen 100 000 Klicks dazu: Zahlen, die belegen, dass der Coupé Décalé eineinhalb Jahrzehnte nach „La Jet Set“ boomt wie nie zuvor.

  Wer Pop nach altmodischen Kriterien wie Texte und Arrangements beurteilt, wird das womöglich kaum verstehen. Ist Coupé Décalé nicht nur musikalischer Vorwand für schamlosen Materialismus? Im Club L‘Internat aber wird noch etwas anderes sichtbar: Es geht um Selbstermächtigung. Die Demonstration, dass man – allen Umständen zum Trotz – Teil einer Erfolgsgeschichte ist. Die Parallelen etwa zu der „Sapeurs“-Szene im Kongo, wo sich Menschen in den Armenvierteln mit teurer Markenkleidung und raffinierten Manieren hervortun, sind offensichtlich. „Coupé Décalé bedeutet gesehen zu werden“, sagt Sheney. „Die Texte dagegen bedeuten nicht viel“. Wichtiger seien die Tänze. Mal imitieren sie bestimmte Politiker oder Promis, nehmen Didier Drogbas Dribbelbewegungen auf oder auch eine Zahnputzpantomime. Ebenso essentiell: Das sogenannte „travaillement“, bündelweises Geldausgeben vor Publikum.

Ein junger Mann springt auf die Bühne klatscht Sheney Geldscheine auf den nackten schweißgebadeten Oberkörper – während der Star ungerührt weitersingt. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs 50 Euro-Scheine. Die nächsten Kandidaten wedeln schon mit dicken Geldbündeln in Richtung Bühne. „Diese Menschen sind nicht reich“, wird Sheney später erklären. „Sie verschaffen sich auf diese Weise ein Ansehen in der Szene – und würden dafür lieber auf neue Schuhe oder einen besseren Fernseher verzichten.“ Sheney selbst hat für seine Karriere einen Job als Kirchenmusiker aufgegeben. Jahre lang habe er Schlagzeug und Piano im Gottesdienst gespielt – bis ihn sein erster Auftritt in einem Nachtclub zur Weltlichkeit bekehrte: „Von da an wollte ich nur noch ein Star sein“.

  Wo aber bleiben die Frauen, die einen Großteil des Publikums stellen, auf der Bühne? Warum gockeln in Coupé-Décalé-Videos fast ausschließlich junge Männer vor großen Autos und Motorrädern? „Leider ist das Genre immer noch von Testosteron verseucht“, schimpft Claire Bailly, eine der wenigen weiblichen Sängerinnen, die sich in dem Männergeschäft durchsetzen konnten. Dann lacht sie ihr heiseres Lachen. Hochgewachsen, mit Afro-Perücke und extravaganter Sonnenbrille gibt Mbailly schon äußerlich eine imposante Erscheinung. Für das Interview hat die „Königin des Coupé Decalé“ ein Garten-Restaurant im Stadtteil Marcory mit Blick auf die innerstädtische Lagune gewählt. Später am Abend wird sie im Sportstadion nebenan auftreten – und mit Zeilen wie „Mein Arsch ist klein aber sexy“ das Publikum zum Mittanzen animieren. „Ich habe den üblichen Weg abgelehnt“, sagt Bailly. „Das heißt ich habe niemanden bezahlt und mit keinem Manager geschlafen“. Der Preis dafür war hoch: Bailly, geschieden und beruflich unabhängig, hat viel bösartigen Klatsch ertragen müssen. Frauen, so der gesellschaftliche Konsens, gehörten an den Herd – oder bestenfalls als arschwackelndes Zubehör ins Video. Bailly will das ändern: Gerade sei sie dabei, eine eigene Produktionsfirma zu gründen, um anderen Frauen den Weg ins Showbiz zu erleichtern.

  Inzwischen zieht die Musikmetropole Abidjan auch Investoren aus dem Ausland an. So haben Universal und Sony Music Zweigstellen vor Ort eröffnet. Der Wettbewerb unter den Plattenfirmen ist hart: Wem gelingt es, die besten ivorianischen Künstler unter Vertrag zu nehmen? Wer sichert sich rechtzeitig einen Anteil am Zukunftsmarkt Afrika? Besuch in den Sony-Studios in Cocody, dem grünen Botschaftsviertel auf der anderen Seite der Lagune. José da Silva, ein glatzköpfiger Gentleman, öffnet die Tür der weißgestrichenen Villa. „Oben haben wir unsere Büros“, erklärt der örtliche Sony-Boss, „unten die Studios und Unterkünfte für unsere Künstler.“ Der Blick aus dem Fenster geht auf einen weitläufigen Garten mit Swimming Pool. Ein paar Musiker von Ariel Sheneys Band sitzen rauchend zusammen – Aufnahmepause. Der Deal mit einem Major Label soll den Sänger endgültig in die Fußstapfen von DJ Arafat katapultieren. Und seine Songs in die weltweiten Charts.

  Da Silva glaubt, dass die großen Entertainment-Konzerne bald nicht mehr um Afrika herumkommen werden: „Wir haben jetzt schon 565 Millionen Afrikaner mit Smartphones. Sie alle wollen Musik über das Internet streamen.“ In den letzten Jahren hatten nigerianische Superstars wie Wizkid oder Davido auch ein westliches Rhythm‘n Blues Publikum erreicht. Abidjan aber könnte Lagos bald den Rang ablaufen. Schon jetzt kaufen viele Nigerianer ivorianische Coupé Décalé Beats ein, oder nehmen ganze Alben vor Ort auf. Da Silva zählt zudem ein halbes Dutzend westliche Musiksender auf, die Filialen in Abidjan eröffnen. Die Gewinne kämen nicht mehr durch Plattenverkäufe zustande. Sondern durch Streaming, Werbeverträge, Copyrights und Live-Auftritte – sie seien heute selbstverständlicher Bestandteil jedes Künstlervertrags. „Noch fünf Jahre“, prophezeit da Silva, „dann wird der Markt explodieren: Weil die afrikanische Mittelklasse wächst. Und die Kosten für das Internet sinken. Dann brauchen wir Europa nicht mehr.“

JONATHAN FISCHER

SZ 2.1.2020