Von den Straßen Abidjans: Afrikanische Popstile wie der Coupé Decalé boomen. Plattenfirmen drängen auf den Zukunftsmarkt, der vielleicht bald ohne den Westen auskommen wird

Wenn einer der größten Popstars der Elfenbeinküste tödlich verunglückt, dann kennt die Trauer dort keine Grenzen: Weinende Frauen auf den Straßen, Tränen-Emojis in den sozialen Netzwerken ganz Westafrikas, Radio- und Fernsehsender, die berichten wie über eine Staatskatastrophe. Eine kollektive Identitäts-Krise? So fühlte es sich zumindest an, als DJ Arafat am 13. August 2019, nach einem nächtlichen Motorradunfall in Abidjan, von einem Regierungssprecher für tot erklärt wurde. Mehrere Minister eilten an das Totenbett des 33-jährigen Sängers. Der ivorianische Präsident Alassana Outtara und Fußballstar Didier Drogba kondolierten – während vor dem Krankenhaus eine aufgewühlte Menschenmenge skandierte: „Arafat kann nicht sterben.“ Abidjan, wo sonst 24 Stunden am Tag flirrende Popanimation aus den Maquis genannten Straßenbars auf die Straßen schallt, wo Bewohner das tägliche Chaos mit einem Triathlon aus Trinken, Tanzen und teuren Modeschauen bekämpfen, schien unter Schock zu stehen – wo doch gerade die Musik seiner hedonistischen Helden wie ein Schutzschild gegen die rauen Realitäten gewirkt hatte.

  DJ Arafat galt als König des „Coupé-Décalé“. Mit Rebellen-Pose und geschickten Anleihen beim modernen R‘n’B hatte er das populäre heimische Dance-Genres dominiert, seine Hits wie „Dosabado“ erreichten über Youtube weltweit ein Millionenpublikum. Für viele afrikanische Jugendliche verkörperte DJ Arafat die Fantasie eines besseren Lebens. Der als Ange Didier Huon geborene Sänger hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet – er sang und tanzte, um wie er einmal erklärte „nicht wie mein Bruder jede Nacht um vier zum Fischen gehen zu müssen“. Und er hatte fast alles erreicht: Die Stars aus Afrika und Frankreich buchten ihn als Dauergast auf ihre Alben, über vier Millionen Facebook-Follower und die Soundsystems auf den Straßen der afrikanischen Metropolen und Emigrantenviertel ließen seine Songs zu Hymnen werden. Nicht zuletzt brachte der Sänger, Tänzer und Sitten-Provokateur den Coupé Décalé in die Clubs des Westens, trugen seine Erfolge dazu bei Major Labels wie Sony und Universal mit eigenen Büros an die Elfenbeinküste zu locken.

  Wörtlich übersetzt heißt Coupé Décalé „schneide und renne“. Im ivorianischen Slang aber bezieht es sich auf die sich mehr oder weniger legal durchschlagenden Exilanten in Paris, die „Geschäfte machen und Geld in die Heimat schicken“. Anfang der Nullerjahre war die Elfenbeinküste in einen blutigen Bürgerkrieg versunken. Nach einem gescheiterten Putschversuch im September 2002 besetzten Rebellen die Nordhälfte des Landes. Allen Friedensbemühungen der UN zum Trotz ließen sich die Kriegsparteien auf keinen Waffenstillstand ein. Die jungen Diaspora-Ivorer in Paris aber wollten sich von den schlechten Nachrichten aus der Heimat nicht demoralisieren lassen. Warum nicht mit Parties dagegenhalten? Extravagant gekleidet, die Zigarre in der einen Hand, das Champagnerglas in der anderen tanzten sie gegen die Krise an und schufen sich eine Parallel-Welt. Ihre Botschaft: Die Politik mag unsere Heimat ruiniert haben, wir aber gehen nicht in die Knie. Coupé Décalé war zunächst eine Tanz-Mode, zu der basslastige kongolesische Instrumentals den Background lieferten. Die dazugehörigen Videos fanden ihren Weg zurück in die Elfenbeinküste: Vor allem eine Gruppe wohlhabender Pariser Exilanten, die sich „La Jet Set“ nannten, wurden zu Volkshelden. Ihre Coupé-Decalé-Tänze dominierten bald die Clubs. Überall zelebrierten junge Männer mit religiöser Inbrunst deren Rituale: Sie verteilten ihren Reichtum, schmissen in den Nachtclubs wortwörtlich mit Geld um sich, gaben Champagner für alle aus.

  Heute ist Ypougon das Zentrum der Szene. Das Vergnügungsviertel von Abidjan, Geburtsort von DJ Arafat, gilt als Brutstätte des ivorianischen Pop, Inkubator für neue Musikstile, die von hier aus ihren Siegeszug nach Bamako, Lagos, Paris antreten. Wer an einem Samstagabend mit dem Taxi duch Ypougon fährt, taucht in ein sinnliches Chaos ein: Der Verkehr stockt, die Luft ist von Bratfett und Diesel geschwängert, Verkäufer wedeln mit Telefonkarten und Taschentüchern vor den Autofenstern. Und überall laute Musik. Riesige Lautsprechertürme säumen die Straßen, Menschen tanzen im Staub, die dazugehörigen Freiluft-Bars bestehen meist nur aus ein paar Bänken unter einem Blechdach. Der Club Internat ist schon von weitem als Basswelle zu orten. Keine Chance, mit dem Taxi ganz heranzufahren, dafür schiebt einen die Menschenmenge einfach mit: Immerhin ist heute der Coupé Décalé-Sänger Ariel Sheney angesagt, die derzeit größte Musikhoffnung der Elfenbeinküste. Das Karree vor der Freiluftbühne ist bis zum Bersten gepackt. Auch auf den umliegenden Mauern und Hausdächern drängen sich die Zuschauer. Eine tausendköpfige perfekt synchronisierte Tanztruppe – die zu jedem Song genau definierte Hand- Fuß- und Hüftbewegungen vollführt, und sich dabei mit ihren Smartphones filmt.

  Ariel Sheney – ein athletischer Typ mit Sonnenbrille und Goldkette – fegt zwischen seinen Begleittänzern über die Bühne, läßt die Beine wie Gummi wackeln, legt sich rhythmisch zappelnd auf die Bretter. Die Band unterfüttert die Show mit galoppierenden Drums, Synthesizern und Gitarrengeklingel. Riffs wie Aufputsch-Drogen. Einige der Zuschauer werfen mit Plastikstühlen. Und doch strahlt die gesamte Szene eine Energie und Schönheit aus, die augenblicklich mit dem Chaos ringsum versöhnt. „Amina“ schmachtet Sheney ins Mikro, „Amina“ donnert es tausendfach verstärkt in den Nachthimmel von Abidjan. „Amina“ ist sein größter Hit. Über zwanzig Millionen mal wurde das Video um eine knapp bekleidete Tänzerin und den Sänger als ihren reichen Galan bereits angeklickt, und jeden Tag kommen 100 000 Klicks dazu: Zahlen, die belegen, dass der Coupé Décalé eineinhalb Jahrzehnte nach „La Jet Set“ boomt wie nie zuvor.

  Wer Pop nach altmodischen Kriterien wie Texte und Arrangements beurteilt, wird das womöglich kaum verstehen. Ist Coupé Décalé nicht nur musikalischer Vorwand für schamlosen Materialismus? Im Club L‘Internat aber wird noch etwas anderes sichtbar: Es geht um Selbstermächtigung. Die Demonstration, dass man – allen Umständen zum Trotz – Teil einer Erfolgsgeschichte ist. Die Parallelen etwa zu der „Sapeurs“-Szene im Kongo, wo sich Menschen in den Armenvierteln mit teurer Markenkleidung und raffinierten Manieren hervortun, sind offensichtlich. „Coupé Décalé bedeutet gesehen zu werden“, sagt Sheney. „Die Texte dagegen bedeuten nicht viel“. Wichtiger seien die Tänze. Mal imitieren sie bestimmte Politiker oder Promis, nehmen Didier Drogbas Dribbelbewegungen auf oder auch eine Zahnputzpantomime. Ebenso essentiell: Das sogenannte „travaillement“, bündelweises Geldausgeben vor Publikum.

Ein junger Mann springt auf die Bühne klatscht Sheney Geldscheine auf den nackten schweißgebadeten Oberkörper – während der Star ungerührt weitersingt. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs 50 Euro-Scheine. Die nächsten Kandidaten wedeln schon mit dicken Geldbündeln in Richtung Bühne. „Diese Menschen sind nicht reich“, wird Sheney später erklären. „Sie verschaffen sich auf diese Weise ein Ansehen in der Szene – und würden dafür lieber auf neue Schuhe oder einen besseren Fernseher verzichten.“ Sheney selbst hat für seine Karriere einen Job als Kirchenmusiker aufgegeben. Jahre lang habe er Schlagzeug und Piano im Gottesdienst gespielt – bis ihn sein erster Auftritt in einem Nachtclub zur Weltlichkeit bekehrte: „Von da an wollte ich nur noch ein Star sein“.

  Wo aber bleiben die Frauen, die einen Großteil des Publikums stellen, auf der Bühne? Warum gockeln in Coupé-Décalé-Videos fast ausschließlich junge Männer vor großen Autos und Motorrädern? „Leider ist das Genre immer noch von Testosteron verseucht“, schimpft Claire Bailly, eine der wenigen weiblichen Sängerinnen, die sich in dem Männergeschäft durchsetzen konnten. Dann lacht sie ihr heiseres Lachen. Hochgewachsen, mit Afro-Perücke und extravaganter Sonnenbrille gibt Mbailly schon äußerlich eine imposante Erscheinung. Für das Interview hat die „Königin des Coupé Decalé“ ein Garten-Restaurant im Stadtteil Marcory mit Blick auf die innerstädtische Lagune gewählt. Später am Abend wird sie im Sportstadion nebenan auftreten – und mit Zeilen wie „Mein Arsch ist klein aber sexy“ das Publikum zum Mittanzen animieren. „Ich habe den üblichen Weg abgelehnt“, sagt Bailly. „Das heißt ich habe niemanden bezahlt und mit keinem Manager geschlafen“. Der Preis dafür war hoch: Bailly, geschieden und beruflich unabhängig, hat viel bösartigen Klatsch ertragen müssen. Frauen, so der gesellschaftliche Konsens, gehörten an den Herd – oder bestenfalls als arschwackelndes Zubehör ins Video. Bailly will das ändern: Gerade sei sie dabei, eine eigene Produktionsfirma zu gründen, um anderen Frauen den Weg ins Showbiz zu erleichtern.

  Inzwischen zieht die Musikmetropole Abidjan auch Investoren aus dem Ausland an. So haben Universal und Sony Music Zweigstellen vor Ort eröffnet. Der Wettbewerb unter den Plattenfirmen ist hart: Wem gelingt es, die besten ivorianischen Künstler unter Vertrag zu nehmen? Wer sichert sich rechtzeitig einen Anteil am Zukunftsmarkt Afrika? Besuch in den Sony-Studios in Cocody, dem grünen Botschaftsviertel auf der anderen Seite der Lagune. José da Silva, ein glatzköpfiger Gentleman, öffnet die Tür der weißgestrichenen Villa. „Oben haben wir unsere Büros“, erklärt der örtliche Sony-Boss, „unten die Studios und Unterkünfte für unsere Künstler.“ Der Blick aus dem Fenster geht auf einen weitläufigen Garten mit Swimming Pool. Ein paar Musiker von Ariel Sheneys Band sitzen rauchend zusammen – Aufnahmepause. Der Deal mit einem Major Label soll den Sänger endgültig in die Fußstapfen von DJ Arafat katapultieren. Und seine Songs in die weltweiten Charts.

  Da Silva glaubt, dass die großen Entertainment-Konzerne bald nicht mehr um Afrika herumkommen werden: „Wir haben jetzt schon 565 Millionen Afrikaner mit Smartphones. Sie alle wollen Musik über das Internet streamen.“ In den letzten Jahren hatten nigerianische Superstars wie Wizkid oder Davido auch ein westliches Rhythm‘n Blues Publikum erreicht. Abidjan aber könnte Lagos bald den Rang ablaufen. Schon jetzt kaufen viele Nigerianer ivorianische Coupé Décalé Beats ein, oder nehmen ganze Alben vor Ort auf. Da Silva zählt zudem ein halbes Dutzend westliche Musiksender auf, die Filialen in Abidjan eröffnen. Die Gewinne kämen nicht mehr durch Plattenverkäufe zustande. Sondern durch Streaming, Werbeverträge, Copyrights und Live-Auftritte – sie seien heute selbstverständlicher Bestandteil jedes Künstlervertrags. „Noch fünf Jahre“, prophezeit da Silva, „dann wird der Markt explodieren: Weil die afrikanische Mittelklasse wächst. Und die Kosten für das Internet sinken. Dann brauchen wir Europa nicht mehr.“

JONATHAN FISCHER

SZ 2.1.2020

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