Ein Herz für Außenseiter – Die Blues-Kultur ist in Memphis zum Touristen-Klischee verkommen. Aber die echten, verruchten Musikbühnen gibt es noch. Eine Spurensuche am Mississippi

Am Anfang steht eine Ernüchterung: „Ladies and gentleman, clap your hands“ johlt der Sänger einer namenlosen Bluesband, bevor sein Gitarrist routiniert eine dieser Drei-Akkord-Klischees anstimmt, bei der schon die erste Note alles über die nächsten zwölf Takte verrät. Das Publikum des BB King‘s auf Memphis Vergnügungsmeile Beale Street aber liebt es. Seliges Klatschen, die Bierbecher schwappen, rotgesichtige Typen treten auf der Stelle und tätscheln ihrer Begleitung den Hintern. Ja, im Disneyland des Blues darf es auch etwas abgestandener sein – hier vermarktet man T-Shirts, bedruckte Tassen und Wiedererkennungseffekte. Die Resteverwertung einer einst majestätischen Blueskultur. Allein der bunte Haufen jammender Veteranen im Handy-Park erinnert noch ein wenig daran, was diese Straße einmal für Memphis, ja für die Schwarzen des gesamten Südens bedeutete: Wildes, ungezügeltes Leben, ein der Segregation, dem Rassismus abgetrotzter Freiraum. Der Blues tanzte immer auf einem Nagelbrett. Das können auch die glamourösen Vitrinen der nahen Blues Hall of Fame, wo Bobby Blue Blands legendäre Kapitänsmütze, Koko Taylors silbernes Pailletten-Kleid und Muddy Waters erste akustische Gitarre ausgestellt sind, nicht kaschieren. Wo aber lebt sein Geist heute noch? Wo wird er nicht nur reproduziert sondern geatmet, gespielt, gelebt?

Wer sucht, kann auch in Memphis noch den „real deal“ finden. Im Norden der Stadt, genauer gesagt, in der Vollentine Avenue Nummer 1580 leuchtet ein riesiges Graffito über einem kleinen rot gestrichenen Schuppen : „Wild Bill‘s“. Die Tür zum letzten Juke Joint der Stadt. Rote Lichterketten, Stammgäste, die sich an 40 Unzen-Bierdosen und selbst mitgebrachten Whiskeyflaschen festhalten – und eine schmutzig rumpelnde Band in der Ecke. Es riecht nach Parfum und fettigen Chicken Wings.Als die ersten Akkorde von Elmore James 50er Jahre Hit „Dust My Broom“ ertönen, schieben ein paar ältere Afroamerikaner in Anzugjacke und Hut ihre Herzensdamen auf die Tanzfläche. Die Schritte sitzen noch. Die Hüftbewegungen auch. Juke Joints waren in Memphis und dem Delta einst selbstverständlicher Teil des Alltags. Doch Fernsehen, Internet und neue Musikmoden haben den einstigen Bastionen des Live-Blues arg zugesetzt. „Die meisten haben sich nicht mehr rentiert“, sagt Charles Cason, ein Stammgast. „In den 80ern hatten wir noch in jedem Dorf im Delta einen Juke Joint. Aber dann kamen die Casinos. Warum soll ich in einen abgerockten Schuppen gehen, wenn ein paar Meilen weiter ein Luxus- und Glitzer-Ambiente lockt?“

Geblieben sind ein paar großartige Festivals: Etwa Mempho Music, das jeden Oktober im Shelby Farms Parkgelände östlich von Memphis neben großen Pop-Acts auch lokale Blues- und Soul-Legenden auf die Bühne bringt. William Bell und Bobby Rush beschwören, befeuert von Al Greens einstiger Studioband, die goldenen Zeiten des Memphis Soul. Veteran Don Bryant gibt noch mal – zartbitteres Melisma und mollige Bläsersätze – Klassiker wie „A Nickel And A Nail“ zum Besten, während Talibah Safiya eine junge Generation Rhythm‘n Blues-beeinflusster Singer-Songwriter repräsentiert. Und als Lokalmatador Eric Gales die Bühne betritt, ist jedem klar, dass Rassismus, Polizeiübergriffe und Drogenepidemien nicht nur zur Blues-Vergangenheit gehören: „Ich weiß nicht ob ihr meine Geschichte kennt“, predigt der 44-jährige Bluesrock-Gitarrist. „Aber ich bin ein Homeboy der es ganz schön verkackt hat. Jetzt bin ich endlich raus aus dem Knast und die letzten zwei Jahre clean“. Dann legt er einen dieser hyperkinetisch peitschenden Bluesstomps vor, für die die Mississippi Hills berüchtigt sind – und junge Hipster wie afroamerikanische Familienrunden stellen ihre Getränkebecker ins Gras, um den Groove aufzunehmen.

Um den Ursprung dieser Energie näherzukommen muss man sich auf Pilgerreise ins Delta machen. Dort wo alles angefangen hat. Wer von Greenwood den Tallahatchee River Richtung Norden überquert, dem leuchtet eine kleine weißgestrichene Holzkapelle entgegen, die „M.B. Zion Church“. Dahinter versteckt sich im Schatten gewaltiger Baumkronen ein Gräberfeld mit schiefen Tafeln – nur ein Granitblock scheint neueren Datums zu sein: „Robert Johnson, May 8, 1911 – August16, 1938, musician and composer“ besagt die Grab-Inschrift. Der Bluesmusiker, dessen Songs die Rolling Stones bis Eric Clapton posthum verewigten, wurde nur 27 Jahre alt. Die Devotionalien erzählen eine Geschichte für sich: Bunte Plastikketten, ein paar Gitarren-Plektrons, eine halbleere Whiskey-Flasche und zwei japanische Münzen mit einem Zettel: „Lass mich ein besserer Gitarrenspieler werden“. Der britischeRockmusiker Robert Plant soll hier gar eine seiner Schallplatten verbuddelt haben. Alles für den Segen des Bluesmanns, der der Legende nach seine Seele an den Teufel verkaufte: Anders konnten sich manche Zeitgenossen jedenfalls dessen Spiel- und Verführungskünste nicht erklären. Auf der nahegelegenen Three Forks Plantage soll er von einem eifersüchtigen Nebenbuhler vergiftet worden sein. Mit einem Schuss Strychnin im Whiskey. Der Plantagenbesitzer ließ den zu Lebzeiten kommerziell kaum erfolgreichen Sänger von einem Arbeiter verbuddeln. Ohne Markierung – dafür fehlte damals das Geld.

Inmitten der Baumwollfelder auf der anderen Straßenseite ragt neben einem Holzschuppen ein Sendemast gen Himmel. Kennt man dieses Bild nicht? Tatsächlich, es ist der Radiosender, den die Coen Brüder in „Brother Where Art Thou“ verewigten. Heute sendet WBAG, sofern der lokale DJ gerade Lust und Zeit hat, immer noch Bluesmusik – und richtet einmal im Jahr gar ein kleines Open-Air-Festival aus. Eine Meile nördlich führt beim Holzschild „Tallahatchee Flats“ ein Kiesweg zu einem Halbrund von „tenant houses“, Holzschuppen, die von Plantagen in der Umgebung stammen, und in denen einst schwarze Baumwollpflücker lebten. Heute werden sie – ab 85 Dollar die Nacht – an Blues-Nostalgiker vermietet. Knarzendes Gebälk, Antiquitäten, nur die Klimaanlage ist neu. Die Holzveranden mit Schaukelstuhl bieten einen weiten Blick auf Baumwoll- und Sojabohnenfelder – und wer Glück hat, der hört von nebenan die klagende Melodie eines Robert Johnson- oder Son House-Songs. Es ist Ben Payton, ein Bluesmusiker, der Sonntag abend in der angeschlossenen Taverne auftritt und ansonsten die Unterkünfte verwaltet. „Heute spielt kaum mehr jemand den akustischen Folk-Blues“, sagt der glatzköpfige Veteran. Er selbst war in den 60er Jahren wie so viele Afroamerikaner aus dem Delta mit seiner Familie nach Chicago gezogen, wo er in der Band von Howlin‘ Wolf Gitarre spielte. Heute aber sieht er sich als Traditionshüter: „Die Jungen orientieren sich am Rock. Weil du damit Geld auf den Festivals verdienen kannst. Wer aber erinnert sich dann noch, wie hier alles einmal angefangen hat?“

Ja die Erinnerungskultur. Sie hält im Mississippi Delta viele Orte am Leben. Geisterstädte, deren leerstehende Ware Houses ansonsten wie Kulissen eines alten Films wirken würden. Und die allein wegen der Bluestrail-Marker den einen oder anderen Neugierigen zum Halten bringen. Unbedingt empfehlenswert: Das multimediale BB King Museum in Indianola, wie auch das Delta Blues Museum in Clarksdale, in dem es neben Folk-Kunst auch Muddy Waters Holzkabine von der nahen Stovall Plantation zu sehen gibt. Danach sollte man unbedingt Roger Stolles „Cathead Delta Blues und Folk Art“ Laden gleich um die Ecke besuchen: „49 Blues legends, 107 churches, 0 Starbucks“ propagiert ein Clarksdale-T-Shirt, das neben Bluesplatten, Fotobüchern und Konzertpostern zu den lokalen Bestsellern gehört. Ein ganz neues Selbstbewusstsein. Warum auch die Vermarktung des Blues den großen Konzernen überlassen? „Das Red‘s Lounge um die Ecke und das Blue Front Cafe in Bentonia sind die letzten überlebenden Juke Joints im Delta“, erklärt Shop-Betreiber, Plattenproduzent und Buch-Autor Stolle und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Er sehe es als Bürgerpflicht, die alten Gebäude, Clubs und tradtionellen Restaurants zu erhalten, bevor sich die nationalen Ketten ihrer bemächtigen. „Viele der Alteingesessenen hier haben den Blues immer für selbstverständlich gehalten. Erst jetzt merken sie, welcher Reichtum ihnen verloren zu gehen droht“.

Wer bei Stolle eine Platte lokaler Blues-Helden kauft, der bekommt zumindest eine Geschichte mitgeliefert: Über R.L. Burnside etwa , der jemanden im Streit umgebracht hatte, oder T-Model Ford, der als über 90-jähriger nach einem Leben mit 6 Ehefrauen, 26 Kindern, Drogenmissbrauch und zwei Jahren in einer Chain Gang noch einmal ein Gospelalbum aufnahm. „Blues war nie der hübsche, heimelige Stoff, zu dem ihn die Leute heute gerne frisieren“. Ironischerweise sind es weiße Zuzügler wie Stolle, einst Manager einer großen Marketing-Firma in St. Louis, die heute an vorderster Front für die Wiederbelebung der lokalen Szene kämpfen. So haben Robin Colonus und ihre deutsche Partnerin Lena von Machus vor zehn Jahren ein historisches schwarzes Kino renoviert und zu einem Bluesclub umgebaut: „New Roxy“ verkünden die Umrisse einstiger Leuchtbuchstaben. Im Eingangsbereich schaut es noch nach 50er Jahren aus, das Theater selbst aber ist – bis auf die überdachte Bühne – open air. „Wir richten jeden Oktober das Deep Blues Festival aus“, erklärt von Machus. „Um das Leben hierher zurückzubringen. Und einen Ort, wo sich in dieser segregierten Stadt weiß und schwarz treffen“. Vorne schrammt Jimbo Matthus, ein weißer Schlagzeug-Gitarren-Act, seinen rotzige Blues-Punk, während die Besucher auf zusammengewürfelten Plastikstühlen rauchen und selbstmitgebrachten Whiskey trinken. Ein Hauch bvon Blues-Anarchie weht durch die Luft. Und oben funkeln die Sterne.

Am nächsten Tag im „Shack Up Inn“, einer zu Gästehaus und Live-Club umgebauten Baumwollfabrik am Stadtrand von Clarksdale. „Ohne Muddy Waters, ohne John Lee Hooker, Sam Cooke, Ike Turner und all die anderen Bluestypen aus unserer Stadt gäbe es keinen Rock‘n Roll. Denkt mal drüber nach“, predigt Big George von der Bühne und lacht sein dunkles hüstelndes Lachen. Das Schlagzeug rumpelt, die Gitarre fällt mit einem hypnotisch marschierenden Riff ein. „Doctor doctor, tell me what‘s wrong with me“. Brocks Gesang kommt tief aus dem Bauch, einer Region, wo sich Bier, Lust und Wut miteinander mischen. Dutzende Smartphones blitzen auf – und erhellen Totems, Bierreklamen und einen von der Decke hängenden Doppeldecker in dem Fabrik-Gewölbe. „Wir bringen mit dem Deep Blues Festival die Rebellen und Außenseiter auf die Bühne“, erklärt Big Up Shack-Betreiber Chris Johnson und schwärmt von jungen Acts wie Cedric Burnside und ihrer frischen HipHop-kompatiblen Energie. „Hauptsache, sie schläfern niemanden mit Blues-Klischees ein“ Nein, an diesem Abend ist die Gefahr gebannt. Nach seinem Auftritt schüttelt Big Georges Boxer-Pranke viele Hände – von Besuchern aus Chicago, Kanada, ja sogar Indien. „Wir haben immer zum Blues getanzt“, sagt er, tastet nach der Bierdose und nimmt einen großen Schluck Millers Lite. „Aber das geht nur wenn du ihn fühlst. Wenn er deinen Schmerz gleichzeitig spiegelt und lindert“. Dann packt seine Tochter den halb blinden Sänger zärtlich am Arm und führt ihn die paar Stufen bis zum Ausgang hinunter.

JONATHAN FISCHER

gekürzt erschienen in der SZ 9.1.2020

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