Afroamerikanisches Kultur-Recycling: Der Chicagoer Künstler, Stadtplaner und Musiker Theaster Gates versteht es, kreative Prozesse für das urbane Zusammenleben fruchtbar zu machen. So erneuert er Stadtviertel ebenso wie seelische Verbindungen.

Wer Theaster Gates verstehen will, der muss erstens die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst fallenlassen – und zweitens den Anspruch auf eine simple politische Agenda „Ich habe gar keine Lust ein vergängliches politisches Regime zu kritisieren“, sagt der afroamerikanische Künstler bei der Eröffnung seiner jüngsten Installation „Black Chapel“ im einst von Hitler geweihten Haus der Kunst in München. „Lieber mache ich einen Club aus diesem Raum“. Gates lacht, nimmt seine Hornbrille ab, streicht sich durch den graumelierten Bart. Ein paar Party-Zutaten hat er bereits mitgebracht: Etwa zwei sogenannte „Discorocks“, mit tausenden winzigen Spiegeln beklebte Skulpturen in Felsenform neben einer Vitrine mit afrikanischen Musikinstrumenten. Ein Verweis auf die Club-Geschichte seiner Heimat Chicago. Hier wurde in Schwulenclubs wie dem Warehouse Ende der 70er Jahre Disco reafrikanisiert, die Urform der House-Musik geschmiedet. Und damit ein neuer Baustein schwarzer Musik- und Emanzipationsgeschichte geschaffen, den Theaster Gates nur allzu gerne in seine Medien-übergreifenden Installationen einpasst.

Gates große Leidenschaft gilt der Revitalisierung verwunschener und verkommener Orte: Bekannt wurde er in Europa, als er auf der documenta 13 das marode Kasseler Hugenottenhaus zu einem temporären lebenden Kunstort umgestaltete. Das Material dazu kam aus seinem Heimatviertel, der Southside of Chicago mit ihrer überwiegend armen afroamerikanischen Bewohnerschaft. Gates betreibt dort seit sieben Jahren seine Rebuild Foundation: Um leerstehende Gebäude aufzukaufen und sie zu Kunst- und Gemeinschaftszentren umzubauen. Längst strahlt sein urbaner Aktivismus weit über Chicago hinaus. Gates hält weltweit Vorträge vor Stadtplanern, die Wiederbelebung der Southside mit künstlerischen Mitteln gilt als Leuchtturm-Projekt für andere Städte. „In meiner Ausbildung als Töpfer habe ich schnell gelernt, dass man aus dem Nichts große Dinge erschaffen kann“, sagt Gates. Und: „Es geht nicht um das Material. Sondern unsere Fähigkeit, Dinge zu formen“.

Bevor Gates zum Überflieger der internationalen Kunstwelt avancierte, arbeitete er als Töpfer und Keramik-Künstler. Bis er den Anblick aus seinem Studio in Grand Crossing nicht mehr ertrug: Ob man die vielen aufgegebenen und verfallenden Gebäude dort nicht genauso wie einen Batzen Lehm behandeln konnte? Um Strukturen zu schaffen, die die Abwanderungsbewegung umkehrten? Gates war sich sicher, dass er Architekten, Ingenieure und Immobilienmakler für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. „Stellen Sie sich das vor: Ein Ort an dem eigentlich nie jemand bleiben wollte, wird zu einer wichtigen Attraktion für Besucher aus der ganzen Welt“. Gates Enthusiasmus hat etwas Ansteckendes – und wenn er seine Ideen predigt, kann man ihn auch auf einer Kirchenkanzel vorstellen Lange war die schwarze Kirche sein zweites Zuhause. Er arbeitete als Leiter des Kirchenchores, wollte Priester werden. Am Ende beließ es der Sohn eines Dachdeckers dann doch bei einem Studium der Religionswissenschaften. Spiritualität aber spielt in all seinen Werken eine große Rolle: Ob Black Madonna in Basel, Black Chapel in München, oder Gates Leidenschaft, Reliquien schwarzer Kultur wie die Plattensammlung des Chicagoer House-Pioniers Frankie Knuckles zusammen zu tragen und über sie mit den Geistern der afroamerikanischen Ahnen in Verbindung zu treten.

Auch seine Verbindung mit der Southside kann man als Wiederauferstehungs-Geschichte lesen: Den Anfang machte ein einzelnes Haus, das Gates für 18 000 Dollar erwarb. Damit waren seine finanziellen Mittel ausgeschöpft. Also fing Gates an das Gebäude zu fegen – als kostenfreie Performancekunst und vor Publikum. Später kamen Ausstellungen, Vorträge und Gemeinschaftsdinner dazu. Gates Verbindungen machten sich nun bezahlt – spätestens als Chicagos Bürgermeister Emmanuel Rahm als Verbündeter einstieg. Zu diesem ersten sogenannten Archive House erwarb die Rebuild Foundation Nachbargebäude. Das Listening House etwa beherbergt eine Büchersammlung aus dem Nachlass der örtlichen Johnson Publishing Coporation sowie aufgegebenen schwarzen Bücherläden. Sogar ein einstiges Crack House wurde umgebaut: Es heißt nun Black Cinema House und zeigt für die Nachbarschaft relevante Filme – von Melvin Van Peebles bis hin zu afroamerikanischen Komödien.

Was aber hat das alles mit Kunst zu tun? Gates hat zwar mit seiner Rebuild-Foundation inzwischen über 70 Gebäude zu Wohn- und Gemeinschaftshäusern renoviert, Grünparks dazwischen geschaffen und ein Heer örtlicher Maurer, Steinmetze und Abbruchspezialisten ausgebildet. Aber er betont, dass es ihm nie allein um Immobilien-Aufwertung ging. Sondern um Inhalte. Dass es die Kultur sei, die Verknüpfungen zwischen den Gebäuden, zwischen vereinzelten Nachbarn, ja zwischen dem Viertel und den Besuchern von außerhalb knüpft. Denn spätestens seit der Eröffnung der Stony Island Arts Bank im Jahre 2015 – ein zum Kulturzentrum aufgewertetes ehemaliges Bankgebäude – hat sich die Atmosphäre in der Southside gedreht. Wenn früher alle vor allem die Angst vor Gewalt umtrieb, drehen sich Gespräche heute um das letzte Theaterstück oder das nächste Barbecue. Das behauptet zumindest Gates. Der Schlüssel sei der „Einzug von Schönheit“ in das prekäre Viertel. „Wir müssen die Seelen nähren – nicht nur die physischen Bedürfnisse. Die Menschen fangen an, sich anders zu verhalten, wenn sie Schönheit vorfinden.“

Darauf zielt Gates auch mit seiner „Black Chapel“: Riesige rotierende Leuchtkästen zeigen historische Fotos aus den von Gates erworbenen Archiven der Lifestyle-Magazine Ebony und Jet: Glamouröse Portraits schwarzer Sängerinnen und Schauspielerinnen aus den 60er Jahren. Afroamerikanische Familien, die es geschafft haben. „Diese Bilder sind auch eine Art Gegenwehr“, sagt Gates. „Während Bürgerrechtsaktivisten geschlagen, geprügelt und mit Tränengas bombardiert wurden, präsentierten diese Magazine eine Schönheit, die uns trotzdem Hoffnung gab“.

Gates spricht von Mojos. Magischen Gegenständen. Inmitten der Nazi-Architektur des Haus der Kunst hat er „Fried Chicken King“ und „Rothschild Liquors“ – Neonreklamen gehängt. Bilder von dampfenden Soulfood-Läden und Alkohol-geschwängerten Bars steigen da auf. Und in der Archivgalerie gegenüber steht die Plattensammlung der verstorbenen Leichtathletik-Legende Jesse Owens: 1800 Jazz-, Soul- und Funk-Alben, die DJs in regelmäßigen Listening Sessions zu Gehör bringen. Musikalisch tiefschwarz zelebrierte Gates schon die Eröffnung: Mit seinen Black Monks, einer Truppe hochkarätiger Musiker stimmte er uralte Gospelklagen an, mehrstimmig flehend, klatschend, stampfend. Mal glaubte man sich in einer Baptistenkirche in Mississippi. Dann führten die Beats Richtung House-Club. Dazu intonierten die Monks ihre politisch wie spiriutell aufgeladenen Chants: „We deserve what we need“. Was wir brauchen, haben wir auch verdient.

JONATHAN FISCHER

gekürzt in der NZZ 3.1.2020

Theaster Gates „Black Chapel“ im Haus der Kunst, München bis 19.7.2020

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