Die Wahrheit kommt gerapt: Malis junge HipHop-Stars füllen Fußballstadien und betreiben Nachrichtensendungen – im Gegensatz zu Politikern genießen sie den Ruf moralischer Integrität

P1020802Im Kampf für Demokratie und Mitbestimmung: Malis junge HipHop-Stars füllen Fußballstadien und betreiben Nachrichtensendungen – im Gegensatz zu Politikern genießen sie den Ruf moralischer Unkorrumpiertheit

„Ca va Toumbouctou?“ brüllt der Rapper in der modisch-zerschlissenen Jeans. Hunderte jugendlicher Fans hüpfen auf dem Sportplatz der Wüstenstadt im Norden Malis im Rhythmus des Beats, recken ihre Handys wie Leuchtkerzen in den Nachthimmel. Der Rapper spricht Französisch und Bamana – sein Publikum eher Songhay oder Tamaschek. Doch alle kennen seine Songs, haben ein paar der Mylmo-Verse auf ihrem Handy. „Nur die Wahrheit zählt“, rapt er und Jungs in Kapuzenpullis, Turban-bewehrte Tuaregs und Mädchen in bunten Kopftüchern singen jedes Wort mit, als ginge es um ein Glaubensbekenntnis. Besonders lauten Jubel erntet er für den Song „Histoire de Mali“. In fünf Minuten atemloser Raps erzählt Mylmo da die ganze Geschichte seines Landes – vom mächtigen malischen Reich des 15. Jahrhunderts über die Unabhängigkeitseuphorie der 60er Jahre bis zu den immer wieder vom malischen Militär blutig niedergeschlagenen Tuareg-Aufständen, der Besetzung des Norderns durch Dschihadisten im Jahre 2012, dem folgenden Militärputsch und der seitdem anhaltenden Gesetzlosigkeit.

„Natürlich habe ich Angst gehabt“, gesteht der aus Bamako mit einer Militärmaschine angereiste Rapper nach dem Konzert. „Wer weiß schon, ob sich nicht jemand mit Sprengstoffweste ins Publikum mischt“. Ganz abwegig sind solche Befürchtungen nicht. Zwar sichern Soldaten und Panzer der UNO-Schutztruppe MINUSMA das Sportplatz-Gelände, gibt es ausführliche Leibesvisiten am Eingang des „Festival Vivre Ensemble“. Aber erst am Vormittag hatte sich nur ein paar hundert Meter weiter ein dschihadistischer Selbstmordattentäter in einem Sprengstoff-geladenen Auto – zum Glück ohne weitere Opfer – in die Luft gejagt. Doch das hielt Mylmo nicht von seinem Auftritt ab. „In unserem Land sind 70 Prozent Analphabeten, da kann ein Song mehr erreichen als jede Zeitung. Wir Rapper verkörpern eine Hoffnung, die den Politikern niemand mehr abnimmt“. Für Mylmo war es sein erster Auftritt in Timbuktu überhaupt. 2012 hatten Dschihadisten die Stadt besetzt und jede weltliche Musik verboten. Aber auch nach deren Vertreibung durch eine französische Interventionstruppe ein Jahr später, blieb die Unsicherheit. Periodische Anschläge haben das Kulturleben im Norden des Landes beinahe zum Erliegen gebracht, während der Staat sich generell kaum um Schulen, Krankenhäuser oder Jobs kümmert. Eine Situation, die vor allem die Jugendlichen trifft. Und Rapper zu gefeierten Rebellen macht: Wer außer ihnen spricht laut aus, was sonst bestenfalls in Teerunden disktutiert wird? Wer prangert all die gebrochenen Politiker-Versprechen an? Wer wagt es die Alten in witziger und schnörkelloser Sprache zu kritisieren?

„Viele Politiker schimpfen uns Rapper als respektlos“, sagt Amkoullel und tätschelt ein paar der Kinder, die ihn auf einem Schulhof in Bamako umringen. „Aber wir haben nichts gegen die überlieferten Anstandsregeln und schätzen unsere musikalischen Traditionen. Eines aber unterscheidet uns von den Griots: Ihre Aufgabe ist es, Loblieder auf vergangene und gegenwärtige Herrscher zu singen, unsere ist es, korrupte Politiker und ihre Geschäfte anzuklagen“. Amkoullel gehört zu den Pionieren des malischen HipHop. Seit fast zwei Jahrzehnten hat er als Rapper, Fernsehmoderator und Konzertveranstalter der malischen Jugend eine politische Stimme gegeben, 2012 gründete er die Bürgerinitiative „Les Sofas de la Republique“ – und forderte Jugendliche auf, zur Wahl zu gehen. Sein neuestes Projekt ist ein Wettbewerb für Kurzfilme: 25 junge Filmemacher, erklärt er, konkurrierten online um die Gunst des Publikums, beziehungsweise die meisten Likes – und griffen dabei gesellschaftsrelevante Themen auf. Das Team, das er gerade zu einer Schule in einem Armenviertel von Bamako begleitet, filmt die Aufführung eines Tanztheaters junger Mädchen gegen Beschneidung und Zwangsheirat. „Andere Filmer fokussieren den Konflikt zwischen den Peulh und Dogon“, sagt er. „Warum haben sie seit Jahrhunderten friedlich zusammen gelebt, und wer ist daran interessiert sie gegeneinander aufzuhetzen?“ 2019 hatten mehrere Massaker an Zivilisten in der Mitte Malis die Weltöffentlichkeit schockiert. Amkoullel selbst hat dazu einen Rap-Song geschrieben: „Djolikelen“. „Wir teilen das selbe Blut“ chantet er mit der Sängerin Déné Issébéré. Und beschwört die beiden „Brudervölker, nicht zu Protagonisten eines Genozids zu werden.“ Musiker hätten immer der Verständigung zwischen den Ethnien gedient. Die Regierung dagegen würde tatenlos zuschauen. „Unsere Politiker haben fast alle eine Selbstbedienungsmentalität“, schimpft Amkoullel. „Für die Zukunft können wir nur auf die politische Emanzipation der Jungen setzen“.

Natürlich gibt es auch in Mali Rapper, die ziemlich unreflektiert die Gangster-Plattitüden US-amerikanischer Vorbilder übernehmen. Die wie etwa Iba One, Sohn des berühmten Musikers Toumani Diabaté, im Hummer-Jeep über die Lehmpisten Bamakos cruisen, und einen Materialismus feiern, der angesichts der überwältigenden Armut ihrer Fans wie blanker Hohn wirkt. „Ich kritisiere niemand für seine Phantasien“, kommentiert der junge HipHop-Star Master Soumy. „Aber ich fände es fahrlässig, meine Popularität nicht für die Verbesserung unser aller Lebensbedingungen einzusetzen“. Der Rapper mit den Dreadlocks und der Rasta-Mütze hat es zu internationaler Berühmtheit geschafft: Er repräsentiert in Kinofilmen wie „Mali Blues“ die rebellische junge Generation seines Landes, und wird – auch weil er seine Beats mit traditionellen Instrumenten wie Kora und Ngoni aufrüstet – auf europäische Indie-Rock-Festivals geladen. Als der schlaksige Rapper im großen Fussballstadion von Bamako seine Hymne „Commissariat“ anstimmt, fallen Zehntausende in den Refrain ein, brüllen ihre Wut auf die korrupte Polizei heraus. Für Master Soumy ist HipHop die Waffe der Ohnmächtigen: „Zweidrittel unserer Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt. Trotzdem fragt sie niemand nach ihrer Meinung. Wir Rapper sind die einzigen, die zu ihnen in ihrer Sprache sprechen“.

Weil Rapper –mit Ausnahme religiöser Prediger – die einzigen sind, die Fußballstadien füllen, fürchten die Politiker ihre Texte. Manche versuchen sie gar als Religionsfeinde hinzustellen: So erklärte der mächtige Imam Mahmoud Dicko den Anschlag auf das Radisson Blu Hotel in Bamako als Gottes Warnung an alle die „HipHop und Homosexualität propagieren“. Auch Bestechnungsversuche sind an der Tagesordnung. Master Soumy sagt, er hätte enorme Summen verdienen können, wenn er sich auf das Griot-Prinzip „Geld gegen Lobgesänge“ eingelassen hätte. Allerdings sind die malischen Rapper finanziell relativ unabhängig – Exklusiv-Verträge mit lokalen Mobilfunkgesellschaften wie Orange oder Malitel sichern ihnen einen Anteil an jedem Download ihrer Songs. Zum anderen leben sie vom Ruf ihrer Unabhängigkeit: „Wir sind Schiedsrichter. Deshalb dürfen wir keiner politischen Partei folgen, sonst verliert unsere Stimme ihr Gewicht“.

Master Soumy rapt nicht nur über Korruption, fehlende Gesundheitsversorgung, die Migration der Jungen Richtung Europa – er stachelt, wenn nötig, auch zu Demonstrationen an: Als der malische Präsident Ibrahim Boubacar Keita 2017 eine Verfassungsreform anstrebte, die ihm größere Machtbefugnisse garantieren sollte, organisierte Master Soumy die Opposition. Mit dem Song „An Té A Bana“ oder „Rührt unsere Verfassung nicht an!“, und einer gleichnamigen Online-Platform rief er die Jugend auf, beim Referendum mit Nein zu stimmen. Morddrohungen waren die Folge. „Wenn ich für das Wohl Malis mein Leben opfern muss, dann soll es so sein“, erklärte der Rapper in einem Interview. Später ließ das Kabinett das Referendum aufgrund der gewaltigen Straßenproteste auf einen ungenannten Termin verschieben. Ein Sieg für die malische Jugend – und ihre HipHop-Kultur. Seit zwei Jahren hat Master Soumy sogar eine eigene wöchentliche Nachrichtensendung auf „Kunafoni.com“: Dort rappt er zusammen mit Kollegen die aktuellen Nachrichten. In Landessprache. Und rhythmischem Flow. Es gibt, sagt Master Soumy, kaum Kommunikation zwischen Machthabern und Volk, oft gewönnen Falschmeldungen und Gerüchte die Oberhand: „Rap ist die meistgehörte Musik in Mali. Wir stellen auf diese Weise sicher, dass die Jugendlichen in die Angelegenheiten unseres Landes miteinbezogen werden“.

JONATHAN FISCHER

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