Monatsarchiv: Oktober 2017

Schnauze voll: Das Hip-Hop-Duo „Keur Gui“ ist Sprachrohr der Jugend Westafrikas

 

Wenn senegalesische Rapper zum Mikrofon greifen, dann werden afrikanische Politiker schnell nervös. Im Kongo etwa warfen Polizisten den Rapper Fou Malade mitsamt Kollegen nach einem Treffen mit lokalen Bürgerrechtsaktivisten ins Gefängnis. Regierungstreue Zeitungen bezeichneten die Hip-Hopper aus dem Senegal anschließend als „Terroristen“. Und ein Auftritt des Duos Keur Gui in Segou in Mali endete mit einer Entschuldigung der Veranstalter an die versammelte Politprominenz für die „unnötige Provokation unserer senegalesischen Gäste“.

  Dabei waren Tausende von Jugendlichen zu den wütenden Slogans der Rapper – „der Präsident ist korrupt“ oder „wir haben die Schnauze voll“ – mit gereckten Armen in die Luft gesprungen, hatten Wort für Wort mitgebrüllt: Endlich jemand, der die Höflichkeitsfloskeln beiseite lässt, und ausspricht was so viele von ihnen denken. „Wir sind die Stimme der Stimmlosen“, sagt Keur-Gui-Frontmann Thiat, ein Energiebündel mit Rastamütze und Baggy-Pants. „Über die Hälfte unserer Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, aber niemand hört auf sie und ihre Sorgen“. Was bleibe da übrig, als diese über Hip-Hop zu mobilisieren? Einer Sprache, die die einfachen Menschen verstehen – und die den Mächtigen gerade deshalb so gefährlich wird.

  Was Hip-Hop ausrichten kann, das haben die senegalesischen Rapper bereits eindrücklich unter Beweis gestellt. Fou Malade wie Keur Gui gehörten zusammen mit ein paar befreundeten Journalisten 2011 zu den Gründern der senegalesischen Graswurzelbewegung Y’en a marre. Y’en a marre, das heißt: Uns reicht’s. Was als Protest gegen die ständigen Stromausfälle begonnen hatte, entwickelte sich bald zur größten Bürgerbewegung in der Geschichte Senegals. Die Rapper mobilisierten für die Präsidentschaftswahl 2012 mehrere Hunderttausend Jugendliche. Angeführt von den Hip-Hoppern zogen Demonstrationen durch die Hauptstadt Dakar, forderten vom Präsidenten die Einhaltung der Verfassung, ein Ende der Korruption und Chancen für die Jugend. Am Ende war nicht nur der umstrittene Präsident Abdoulaye Wade abgewählt. Sondern auch ein nie dagewesenes politisches Bewusstsein etabliert. „Uns ging es nicht darum“, sagt Thiat, „einen korrupten Politiker durch einen anderen zu ersetzen. Wir wollen die Lethargie aufbrechen: Dazu müssen wir endlich anfangen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“.

  Auf dem Weg zur einflussreichsten Hip-Hop-Band Afrikas aber mussten die beiden Keur-Gui-Rapper hart einstecken. Mit 17 Jahren hatten Thiat und Kilifeu angefangen, in ihrer Heimatstadt Kaolack, aufzutreten – nur um kurz danach wegen eines Songs, der sich gegen den Bürgermeister richtete, inhaftiert und geschlagen zu werden. Ihr erstes Album wurde zensiert. Sie erhielten Morddrohungen. Trotzdem gab das Duo nicht auf. Thiat sagt, er verdanke seinen Widerstandsgeist seiner Mutter. Sie habe ihn gelehrt, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen – auch die eigenen. Seine Texte handeln von allen Facetten des Machtmissbrauchs: Mal prangert er die Verquickung von Religion und Politik an, mal den Kindesmissbrauch. Dabei nutzen Keur Gui den Reichtum der Wolof-Sprache. Und kreieren ganz eigene Beats: Zwischen treibenden Funk-Rhythmen hört man das Perlen der Kora oder den bluesigen Lauf einer Ngoni-Laute. Für Thiat eine Geste des Widerstands: „Die Europäer haben unser Land kolonisiert, sie haben uns alles genommen, bis auf eine einzige Sache: Unsere Kultur.“

  Wie aber hat sich die Lage der Jugendlichen in Senegal seit dem Erfolg Macky Salls bei der Präsidentschaftswahl 2012 verändert? Thiat winkt entnervt ab: „Der neue Präsident hat uns alle enttäuscht. Bis heute kann die Regierung ihren Bürgern weder eine vernünftige Bildung noch eine gute Gesundheitsversorgung bieten“. Die Angebote Macky Salls, die Rapper mit Regierungs-Jobs „zu kaufen“, hatten diese dankend abgelehnt. Lieber übe man sich als „Wächter der Demokratie“.

  „Die gleichen Katzen, die gleichen Hunde/ die gleichen Versprechen/ und wir sind schon wieder enttäuscht“ sangen Keur Gui auf ihrem 2014 erschienenen Album „Encyclopedie“. Ob sie da nicht verstehen könnten, wenn viele Jugendliche den letzten Ausweg in einer Flucht nach Europa sähen? „Klar bietet eine Ausbildung im Ausland oft die einzige Chance“, sagt Thiat. Enttäuscht sei man auch vom Westen, der in das Land viel mehr investieren, Anreize durch Fortbildungen und Arbeitsplätze schaffen könne. Trotzdem rufe man die jungen Leute auf, hier zu bleiben. „Wir haben eine Demokratie, wir haben Redefreiheit, wer soll das Land verändern, wenn nicht wir?“

imagesJONATHAN FISCHER

SZ 25.10.17

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Wenn die Schlange aus dem Gras kriecht: Wie amerikanische HipHop-Stars sich mit ihrem Präsidenten befehden – und doch in Trumps „hässlicher Wahrheit“ eine große Chance sehen

 

Eminem, ja ausgerechnet der Rapper aus dem White-Trash-Milieu, das als besonders empfänglich für Trumps Ausgrenzungs-Tiraden gegen alles Fremde gilt, hat nun seine Fans vor die Wahl gestellt: Trump oder ich „An meine Fans, die ihn unterstützen“, rappte er während einer Fernsehübertragung der BET Music Awards,“ ich ziehe hier eine Linie in den Sand/ du kannst nur für oder gegen mich sein/ und wer sich nicht entscheiden kann, innerlich gespalten ist/ nicht weiß auf wessen Seite er steht, dem helfe ich hiermit nach/ Fuck you!“ Vorausgegangen war ein vierminütiger, zorniger Freestyle, in dem Eminem den Präsidenten unter anderem wegen seiner „Kamikaze“-Politik bezüglich Nordkorea und seiner generellen Ignoranz –  gegenüber der leidenden Bevölkerung Puerto Ricos, schärferen Waffengesetzen, die Verurteilung rechter Gewalt und und und – verurteilte. Es war der schärfste und meist beachtete Diss, den Trump je von einem HipHop-Star einstecken musste.

Dabei hatten amerikanische Rap-Stars lange Zeit tatsächlich so etwas wie eine Liebesaffäre mit dem New Yorker Tycoon und Multimilliardär. Vor seiner Zeit als Präsidentschaftskandidat  der Vereinigten Staaten – es ahnte noch niemand, dass der Mann, kaum ins Amt gekommen, Mexikaner und Muslime verteufeln, Rassisten als „very fine people“ entschuldigen und afroamerikanische Football-Spieler als „Hurensöhne“ beschimpfen würde – galt Trump vielen Rappern als eine Art Superheld. HipHop hat ja nie einen Hehl aus seiner kapitalistischen Erfolgsethik gemacht. Und Trump verkörperte im Darwinismus der Businesswelt denjenigen der es ganz nach oben geschafft hatte. Die vergoldeten Wohnzimmer des Moguls im Trump-Tower, seine Protzsucht und Fernseh-Selbstvermarktung sicherten ihm die Verehrung zahlloser HipHop-Aspiranten, sie eiferten Trumps luxuriösem Lebensstil  nach, rapten seinen Namen wie das Mantra eines Heilsversprechens: „Can’t stop until I get a casa up in Trump plaza“ reimte etwa Kool G Rap. Scarface sah den Tycoon -„Rolling hard, stackin‘ paper like Trump“ – als Gangster-Kollegen. Und T:I erhob ihn zum Dollar-Gott: „Used to want dough like Jay-Z, now I’m thinking Donald Trump“.

Über 200 Rap-Verweise auf Donald Trump bis 2014 zählte das Nachrichtenportal ESPN, darunter von HipHop-Schwergewichten wie NAS, Jay-Z, Pharrell oder Kanye West. Diese Zahl wird sich während Trumps Präsidentschaft wohl vervielfachen – aber mit einem gravierenden Unterschied. Fielen die Trump-Vergleiche einst überwiegend schmeichelhaft aus, dann hat sich das Verhältnis radikal gedreht: „Call me Black Trump“ – nein, an solche Zeilen möchte sich niemand erinnern. Trump reimt sich jetzt auf „bum“ – also Penner. So titulierte Basketball-Superstar James LeBron den US-Präsdienten nachdem dieser den Rauswurf politisch unbotmäßiger schwarzer Footballspieler wie Colin Kaepernick forderte. Angefangen hatte alles, als Kaepernick in der letzten Spielsaison während der Nationalhymne kniete  – als Zeichen des Protestes gegen Polizeigewalt. Viele afroamerikanische Spielerkollegen taten es ihm nach.  Trump heizte die Kontroverse vor wenigen Wochen während einer öffentlichen Rede in Alabama an: „Nehmt diesen Hurensohn vom Spielfeld! Feuert ihn!“ forderte er die Club-Besitzer auf. Das Echo kam nicht nur aus den Stadien, wo ganze Mannschaften mit ihren Bossen knieten. Auch die schwarze Popwelt fühlte sich getroffen: Hatte Trump nicht das gesamte Erbe der Bürgerrechtsbewegung verunglimpft? Stevie Wonder, sonst eher zurückhaltend in seinen Gesten, ließ sich in einem Konzert demonstrativ auf die Knie sinken.  Dutzende von HipHop-Stars übernahmen die Kniefall-Geste als symbolisches Update der 1968 von den Sprint-Olympiasiegern Tommie Smith und John Carlos gereckten Black Power Faust. Ihre Twitter-Tiraden in Richtung Trump lassen keinen Zweifel: HipHop ist gerade dabei, sich zu repolitisieren.

Zum letzten Mal war das 2008 geschehen: Als mit Obama erstmals ein Afroamerikaner für das Amt des US-Präsidenten kandidierte, flankierten Dutzende von HipHop-Songs seinen Wahlkampf, Rapper forderten während ihrer Konzerte das Publikum zur Stimmabgabe auf und erinnerten an die lange amerikanische Geschichte des Rassismus. Die Welle hielt nicht lange an. Präsident Obama enttäuschte viele der in ihn gesetzten Erwartungen. Und mit Realpolitik lassen sich nun mal keine griffigen Rapnummern machen. Es sah so aus, als hätte sich bald danach das Gros der Rapper auf ihr Kerngeschäft zurückgezogen: Entertainment – sei es mit Beziehungsdramen, Battle-Raps oder Bikini-Parties. Aber dann knöpfte sich Donald Trump, der Mann der einst in einer Folge seiner Fernseh-Show „The Apprentice“ Snoop Dogg als „the greatest“ anpries,   ausgerechnet das traditionelle Zielpublikum des HipHop vor. Er wetterte im Wahlkampf gegen Latinos, beleidigte Afroamerikaner, die angeblich sowieso „nichts zu verlieren“ hätten, und attackierte Clinton-Unterstützer Jay-Z für seine angeblich „unanständige Sprache“. Kurzum: Trump suchte ganz in HipHop-Manier den Battle. „Ich bringe mehr Menschen zu meinen Veranstaltungen als Jay-Z“, tönte er. Was nicht nur schlichtweg gelogen war, sondern auch die Frage aufwarf, seit wann ein Präsidentschaftskandidat es nötig hat, sich mit HipHop-Stars zu messen. Tatsächlich wähnt  Trump sich in der selben Arena.  Und weckt dadurch erst recht den Kampfgeist der Hiphop-Community. Während der diesjährigen Grammy-Verleihung parodierten  A Tribe Called Quest Trumps Rhetorik mit der Zeile „All you bad folks, you must go“. Auch Kendrick Lamar, Eminem, Big Sean und Common schossen sich in ihren letzten Songs auf den Präsidenten ein. Hier zeigt HipHop seinen ureigenen Humor, wie etwa diese Zeile des New Yorker Duos Run the Jewels beweist: „I went to war with the Devil and Shaytan/ he wore a bad toupee and a spray tan“. Der Teufel also als Typ mit Bräunungs-Spray und schlechtem Toupée.

Erstaunlicher noch: Während die ganze Welt – vergeblich! – auf einen Präsidenten-Tweet zum Anstieg antisemitischer Drohungen und fremdenfeindlicher Angriffe im Land hofft, hat Trump offensichtlich die Zeit, sich HipHop-Künstler vorzuknöpfen.  Besonders ein Video von Snoop Dogg erregte letztes Frühjahr seinen Zorn. Dass er da als Clown namens Ronald Klump eine wenig staatsmännische Figur macht, am Ende gar erschossen wird, ärgerte den Präsidenten so sehr, dass er sich in einem Tweet über die angeblich „scheiternde Karriere“ des Rappers und die ungerechte Behandlung seiner selbst im Vergleich zu Obama ausließ. Doch die Clown-Nummer war nur ein Anfang. Der Protest der HipHop-Szene radikalisierte sich nach dem gewalttätigen Marsch weißer Rassisten im August durch das Städtchen Charlottesville in Virginia. Trump hatte nach dem Tod einer Gegendemonstrantin nicht klar Stellung bezogen, sondern beide Seiten verurteilt. „Fuck him, fuck them“, adressierte der Rapper Q-Tip den Präsidenten und seine „weißen rassistischen Homeboys“. Sein Kollege Questlove forderte Trumps Rücktritt. Und während schwarze Demonstranten in Atlanta Ludacris Song „Move Bitch!“ auf den Präsidenten ummünzten, schickte P Diddy – er hatte Trump noch in den 90er Jahren zu seiner Geburtstagsparty eingeladen – eine klare Nachricht aui seinen Account: „Die rote Linie ist überschritten“.

Was aber kann HipHop ausrichten angesichts einer Politik, die offensichtlich gerade die Polarisierung sucht? Die darauf setzt, dass dumpfer Patriotismus selbst die Liebe der Amerikaner für ihre schwarzen Sport- oder Pop-Idole aussticht? Für Trump mögen afroamerikanische Celebrities  wohlfeile Feindbilder liefern. Vielen HipHop-Aktivisten allerdings kommt dessen Unverblümtheit gerade recht: „Warum sollten wir uns einen anderen Präsidenten wünschen?“, twitterte der Rapper David Banner. „Nur damit die Schlange wieder ins Gras zurück kriechen kann?“. Ihm sei „eine hässliche Wahrheit lieber als eine schöne Lüge“. Schon am Tag nach Trumps Wahl hatte Banner frohlockt, dieser Präsident „könne das Beste sein, das schwarzen Menschen in ihrer ganzen Geschichte widerfährt“. Denn Amerika habe seine falsche Maske fallen lassen. Nun gäbe es keinen Raum mehr für Ausreden. Andere HipHop-Stars folgten Banners Vorlage. „Alle wollen sie (Trump und seine Anhänger) ins Dunkle zurückschieben“, twitterte Killer Mike. „Ich aber bedanke mich für deren Ehrlichkeit“. Offensichtlich hat der Schock etwas bewirkt: Viele Musiker, sagt Rapper Joey Badass, sähen sich nun genötigt, Verantwortung für die von Trump bedrängten Minoritäten zu übernehmen. J. Cole rief gar in einem wahren Tweet-Sturm zum Boykott der NFL Football-Liga auf, bis eine unabhängige Untersuchung kläre, warum Colin Kaepernick keinen Vertrag mehr bekomme.  Den Chicagoer Rap-Veteran Common hofft nun auf die Rückkehr eines breiten Polit-Aktivismus: Es sei gut, dass Trump einige der rassistischen Ideale Amerikas ans Licht bringe. „Nun können wir es nicht länger verleugnen und uns etwas vormachen, nur weil Präsident Obama im Amt war“.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Form erschienen in der NZZ , 20.10.17images

Tropische Beats – Afro-Trap feiert Migration als Chance. Mittendrin: Der 23-jährige französische Rapper MHD

imagesDeutschland rückt immer näher an die Tropen. Nicht nur aufgrund der globalen Erderwärmung, sondern auch wegen der Musik, die junge Migranten in den letzten Jahren aus dem Senegal, aus Gambia, Ghana oder Nigeria nach Europa gebracht haben. Im Hip-Hop ist das gerade stark zu spüren, diesem Genre, das immer schon auf Adaption und Recycling basierte. Auch diesen Sommer regierten wieder infizierende tropische Beats unsere heimischen Charts. Hits wie Nimos Heute mit mir oder RAF Camoras Primo fegten alle bleifüßigen Ghetto-Gockeleien vom Platz – und brachten dafür ein afrikanisch-karibisches Flair ins Spiel. Oder wie RAF Camora rappt: »Plötzlich waren Gangster am Tanzen auf westafrikanischem Sample«.

Dass es so weit kommen konnte, dafür trägt ein junger westafrikanischer Migranten-Sohn aus Paris einen großen Teil der Verantwortung: Mohammed Sylla alias MHD. Der 23-Jährige gilt als Pate eines höchst innovativen Genres namens »Afro-Trap«. So nannte MHD seine Musik bereits Ende 2015, als er noch nicht ahnen konnte, dass seine Videos in den nächsten zwei Jahren über eine halbe Milliarde Klicks einsammeln, seine Spielart des Hip-Hop nicht nur unsere Popkultur, sondern auch das Selbstverständnis einer ganzen Generation afrikanischer Migranten in Europa beeinflussen würde. Die Botschaft: Wir packen unsere Chancen am Schopf. Und feiern uns und unser Leben.

»Mit Marketing«, sagt Mohammed Sylla am Telefon, »hatte ich nie etwas am Hut. Ich war selbst erstaunt, wie viele Menschen sich in meinen Songs wiederfinden.« Seine Stimme klingt viel schüchterner, als es die wilden »Pah, pah, pah«-Rufe in seinen Songs vermuten lassen. Am Anfang stand ein verwackeltes Selfie-Video. Mohammed hatte im Urlaub mit Freunden zu Musik der nigerianischen Band P-Square getanzt und sich dabei gefilmt. Warum nicht etwas dazu rappen? Und das Ganze auf Facebook und Twitter hochladen? Innerhalb weniger Tage wurde das Video zehntausende Male angesehen. Mohammed, dessen familiäre Wurzeln in Guinea und im Senegal liegen und der bis dahin von einem Job als Pizzalieferant lebte, hatte einen Nerv getroffen. Den Rest besorgte die Dynamik des Netzes.

Aus dem Video wird eine Serie: Afro-Trap eins bis neun. Ergänzt um einige romantischere Nummern, in denen er seiner Mutter dankt und den Familienzusammenhalt preist, wird daraus 2016 das selbst betitelte Album MHD. Allerdings hat Afro-Trap kaum etwas mit Trap, dieser aus den Strip-Clubs von Atlanta stammenden Hip-Hop-Mode, zu tun. Vielmehr sind es Anleihen bei der Musik der afrikanischen Eltern, bei Coupé Decalé, Rumba und Afrobeat, die den Afro-Trap-Nummern ihren unverwechselbaren Charme verleihen.

Dazu kommt MHDs unwiderstehlicher jugendlicher Optimismus: Bravo etwa, eines seiner jüngsten Videos, zeigt ihn als Party-Animateur irgendwo auf einem Dorfplatz in Südfrankreich, umringt von einer tanzenden Gruppe weißer und schwarzer Kinder. Meist aber wählt MHD das 19. Arrondissement als Kulisse, ein Pariser Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Gutbürgerliche Architektur stößt hier auf afrikanisches Straßenleben. Die Banlieue und ihre Probleme mögen auch hier spürbar sein. Aber die Hip-Hop-üblichen Gangster-Mythologien interessieren MHD kaum. In seinen Videos tänzelt er in den Trikots seiner Lieblingsclubs Paris St. Germain und Bayern München durch die Straßen, seine Partyparolen spickt er mit den Namen seiner Kumpels, Bambara-Worten aus Mali und beninischen Fongbe-Phrasen. Fais le mouv heißen seine Hip-Hop-Hits oder Champions League . Selbst gebastelte Gruppen-Choreografien geben den Treibstoff, die Themen greifen auf, worüber die Clique eben so spricht. Fußball, Freundschaft und das Mädchen von nebenan. Und als die Fußballstars von St. Germain anfangen, nach jedem Tor MHDs Moula zu tanzen, ist der Rapper endgültig ein Superstar.

Die Zeit scheint reif für Afrika – auch im Hip-Hop. Westliche Major-Plattenfirmen nehmen zum ersten Mal afrikanische Hip-Hop-Stars unter Vertrag. Und MHD wird belohnt mit einem für französischsprachige Rapper seltenen Ritterschlag: eine Tour-Einladung nach Amerika. Die Echos von Afro-Trap sind zudem längst nach Westafrika zurückgehallt, wo MHD dieses Jahr einige der größten Fußballstadien füllte. »Ich fühlte mich«, sagt er, »wie bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes.« Nun eröffnet MHDs Track Faut les wet die erste offizielle Kompilation des boomenden tropischen Hip-Hop-Bastards: Afrotrap Volume 1 versammelt einige der originellsten Stimmen des afrikanischen Hip-Hop in Afrika wie in der europäischen Diaspora. Zwar kann man die Texte von MHD, Sarkodie, Dabs, Eugy oder DJ Arafat kaum politisch nennen. Und doch reicht ihre Mission weiter als bis zur nächsten Party. Wenn sich afrikanischstämmige Migranten selbst repräsentieren, ist das ein politisches Statement. Europa ist bunter geworden. Und hat dank seiner Neubürger eine neue Lässigkeit entdeckt.

JONATHAN FISCHER

Die Zeit, 5.10.2017