Monatsarchiv: April 2010

Der Absturz nach dem Absturz

Sängerin Whitney Houston muss ihre Welttournee wegen Krankheit unterbrechen

Von Jonathan Fischer

Die Gerüchte um den Gesundheitszustand der Sängerin Whitney Houston reißen seit Monaten nicht ab, und so kam die Meldung am Dienstag nicht völlig überraschend: chronische Atemwegserkrankung, Absage des Konzerts in Paris und zweier weiterer Auftritte in Großbritannien, die Diva liegt in einem Pariser Krankenhaus und kann derzeit offenbar tatsächlich nicht singen. Houston sei nach ihrer Ankunft am Montag so krank gewesen, dass sie „nicht einmal mehr ihre Suite verlassen” konnte, hat ihre Produzentin Jackie Lombard am Dienstag erklärt. „Sie hat sich anscheinend im Flugzeug erkältet.” Andere, namentlich nicht genannte Quellen, klingen drastischer: Whitney Houston sei dem Druck dieser Tournee körperlich und psychisch nicht gewachsen, alles deute auf einen Rückfall in die Drogenhölle hin. „Am schwierigsten ist es, sich wieder daran zu gewöhnen, an den Kopf geschlagen zu werden”, hat Ex-Schwergewichts-Weltmeister George Foreman einst sein Alters-Comeback kommentiert. Nun gelten im Boxen zwar andere Umgangsformen als im Musik-Business. Dennoch dürfte sich Whitney Houston ähnlich gefühlt haben, als sie Ende Februar im australischen Brisbane ihre erste Welttournee nach elf Jahren eröffnete. Der Knock-out kam bei ihrer berühmtesten Ballade „I Will Always Love You”: Die Souldiva konnte das „You” nicht halten, griff stattdessen zur Wasserflasche und wechselte in eine Art Sprechgesang. Lange Pausen, Hustenanfälle, vom Backgroundchor übernommene Refrains: Die 46-Jährige schien dem Bühnenstress kaum gewachsen zu sein und zog einen Hagel verbaler Tiefschläge auf sich: „Eine Schande”, „der schlimmste Auftritt, den ich je gesehen habe”, zeterten entnervte Fans in die Fernsehkameras. Häme, die per YouTube rund um die Welt ging. Und von den Medien genüsslich aufgegriffen wurde: „Houston we have a problem!”, witzelte der englische Guardian. Aus einem Problem aber wurden Dutzende: Zuschauer forderten ihr Eintrittsgeld zurück. Und plötzlich erschienen selbst die beiden von Michael Jacksons ausgefallener „This Is It”- Tour übernommenen Tänzer wie ein böses Omen. Hat die Achtziger-Jahre-Ikone nichts aus dessen Todesfall gelernt? Kann Houston wie der überehrgeizige King of Pop einfach nicht aufhören? Ist sie am Ende gar wieder auf Drogen? Fragen, die Whitney Houston wie Faustschläge treffen dürften. Sollte doch diese Tournee den für sieben Jahre untergetauchten Superstar zurück in den Pop-Olymp heben. Houstons Comeback war generalstabsmäßig geplant: Zuerst hatte sie im Fernsehinterview bei Oprah Winfrey reinen Tisch mit ihrer Vergangenheit gemacht. Dann veröffentlichte sie im Herbst ihr Album „I Look To You” und schoss damit in vielen Ländern der Welt an die Spitze der Charts. Die „Nothing But Love” getaufte Welttournee sollte die Reinthronisation besiegeln: eine leidgeprüfte Frau als gereifte Sängerin und Soul Survivor. Nun aber ruft die Tournee Bilder aus der dunkelsten Phase von Whitney Houstons Leben in Erinnerung: Bis Anfang der Neunziger hatte die Sängerin mit 100 Millionen verkauften Alben eine Karriere der Superlative hingelegt. Bis sie die Ehe mit dem unsteten R’n’B-Sänger Bobby Brown aus dem Gleichgewicht brachte: Drogenexzesse, Entziehungskuren, eheliche Gewaltszenen. „Wir konsumierten täglich Kokain”, gestand sie, „und horteten das Zeug kiloweise.” Wird Houston am Ende dem angeblichen Ratschlag ihrer Mutter folgen und die Welttournee, die sie im Mai nach Deutschland bringen soll, abbrechen? Der Tourneeablauf sowie die Deutschland-Konzerte seien von keinen Änderungen betroffen, hat die Karsten Jahnke Konzertdirektion am Mittwoch mitgeteilt. Der Europa-Tourauftakt werde nun am 8. April in Manchester stattfinden. Auch in Houstons Umgebung bemüht man sich um Schadensbegrenzung: „Whitney ist so mutig, auf die Bühne zu gehen, und sich mit all ihren Warzen und Schönheitsfehlern der Welt zu präsentieren”, sagte der Tourmanager. Und: „Sie trifft die meisten Noten.” Fans aber, die die Whitney von vor 20 Jahren hören wollten, rät er, „doch lieber eine CD zu kaufen”. Klingt so Werbung für einen zu entsprechenden Preisen gehandelten Superstar-Auftritt? Und rechtfertigt ein exzessives Leben eine schwache künstlerische Leistung? Wohl kaum. Die reifen Alterswerke von Johnny Cash, Solomon Burke oder Tina Turner beweisen das Gegenteil.

Süddeutsche Zeitung, 8. April 2010

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Das dreckige Dutzend: Zauberpriester

Neues aus dem inspirierten amerikanischen Hip-Hop

Das Jenseitige, Spirituelle zieht gerade mit Macht in den schwarzen Pop – und bringt im Idealfall nicht nur die Seele sondern auch die Beats in ein neues Gleichgewicht. Nein, hier soll weder von Tina Turner und ihrem buddhistische Gebete rezitierenden Album „Beyond” (Decca/Universal) die Rede sein, noch von Amy Winehouse, die sich mit entsprechenden Chants von ihrer Drogensucht erholt. Und erst recht nicht vom spiritual chic Akons, der auf einem seiner jüngsten Videos halbnackte Go-Go Girls um eine Buddha-Statue tanzen lässt und deshalb kein Visum für Sri Lanka erhielt.

Vielmehr geht es um die Verbindung von westlichem Hip-Hop und östlicher Mystik. Dem Schamanentum von Beat-Produzenten wie Flying Lotus, Madlib, Georgia Ann Muldrow,Just Blaze oder Sa-Ra Creative Partners . Der Reim-Mystik von Jay Electronica, Declaime und Shafiq Husayn. Wer sich nur mit Chart-Hip-Hop beschäftigt hat diese Namen vielleicht noch nie gehört. Doch sie alle gehören einer wachsenden Szene an, die ständig miteinander kollaboriert und oft mehr im Internet als auf regulären CD-Alben veröffentlicht. Mit Ausnahme von Erykah Badu . Sie gibt die inoffizielle Botschafterin dieser Szene, denn mit ihrem neuen Album „New Amerykah Part Two: The Return Of The Ankh” (Motown/Universal) bringt sie viele dieser Hip-Hop-Esoteriker erstmals einem größeren Publikum zu Ohren. Ziehen sie doch zum Großteil die Fäden auf ihrem Album: Passend zu Badus Rückzug ins Private, ihrer Feier des altägyptischen Ankh-Stabs als Symbol der kosmischen Balance zwischen männlichen und weiblichen Energien, fallen auch ihre Beats sphärischer und weicher aus als auf dem Vorgänger „New Amerykah Part One: 4th World War” (2008). Das bedeutet über weite Strecken Räucherstäbchen-Funk und Mitsing-Melodien.

Wem das zu leichte Kost ist, der muss auf die Solo-Alben ihrer Kollaborateure zurückgreifen: Etwa Georgia Ann Muldrows und Declaimes „SomeOthaShip“ (Mello Music). Muldrow, Tochter eines Jazzgitarristen und einer Sängerin aus der Band von Pharoah Sanders, führt die Free-Jazz-Kosmologie ihrer Eltern in den Hip-Hop ein: Ihr Ehemann Dudley Perkins alias Declaime rappt mit bluesigem Timbre über spirituelle Kriege und eine Freiheit, die im eigenen Kopf anfängt. Und überrumpelt dabei immer wieder alte Hörgewohnheiten: Selten trifft er die erwarteten Noten und Rhythmen, während Georgia Ann Muldrow in mal schräger, mal super-cooler Harmonie einfällt. Einen der besten Tracks hat Flying Lotus beigesteuert.

Auf seinem eigenen Album „Cosmogramma” (Warp) hebt der Beat-Tüftler und Alice-Coltrane-Großneffe aus seiner Heimatstadt Los Angeles ab und stößt mit Hilfe von Ravi Coltrane oder Radiohead-Sänger Thom Yorke in Räume vor, die dem Hip-Hop bisher verschlossen blieben. Allerhand sphärische Störgeräusche, gebrochene Beats, Streicherflächen und schwirrende Harfen formen eine Art Klangmeditation. Steve Ellison alias Flying Lotus meditiert täglich und wenn er etwas aus dem Ashram seiner Tante Alice mitgenommen hat, dann den Ehrgeiz, den Hip-Hop weiterzuentwickeln. Gerade hat er dem Jazzvokalisten Jose James für dessen Lounge-Album „Black Magic” (Brownswood) einen Hip-Hop-Beat geliefert, demnächst wird er mit Jay Electronica zusammenarbeiten. Der Rapper und Lebenspartner Erykah Badus ist berüchtigt dafür lieber in Jugendherbergen als Luxushotels zu übernachten. Und seine Musik lieber ins Netz zu stellen als millionenschwere Vertragsangebote anzunehmen. Mit „Exhibit C” hat er nun seinen Geniestreich vollbracht.

Über einem schwebenden Track von Produzent Just Blaze erzählt Jay Electronica autobiographisch von Obdachlosigkeit, den mystischen Lehren der islamischen Five Percenter und der Balance, die Hip-Hop leider so oft fehlt: „When you talk that tough talk, I never feel ya / (. . .) / We need something realer”. Diese echteren Inhalte sucht auch Shafiq Husayn . Das Mitglied von Sa-Ra Creative Partners ( laut Erykah Badu ist er die einzige Person, der sie erlaubt, Texte für sie zu schreiben) beschwört auf seinem Solodebüt „En A-Free-Ka” (Rapster) Gerechtigkeit, Liebe und eine Überwindung der Spätfolgen der Sklaverei. Dazu mischt er psychedelischen Jazz und Rock über sehr lose Hip-Hop-Beats. Der Name seines Albums ist übrigens altägyptisch für „Grenzenlosigkeit”. Eine Grenzenlosigkeit, die Madlibauf seiner Albenserie „Medicine Show” (Stones Throw) ganz praktisch umsetzt. Während er auf „Before The Verdict” noch relativ konventionelle Beats für Gastrapper Guilty Simpson schrieb, drehen sich die im monatlichen Rhythmus erscheinenden Nachfolger um obskurste Samples afrikanischer, indischer und brasilianischer Herkunft. Wer weiß, vielleicht muss man gar nicht ins Jenseits vorstoßen, um Hip-Hop seine Seele zurückzugeben. JONATHAN FISCHER

Süddeutsche Zeitung, 6. April 2010

Mrs. Heel & the Hunting High Heads

TRIKONT präsentiert zwei neue Compilations!

LIVE auf der Bühne: MRS. HEEL & the Hunting High Heads ROLLING SPIDERS feat. G.RAG

DJs: Renate Heilmeier, Jonathan Fischer, Richie Oehmann, Cowlick Lee

DRESSCODE: Damen in High Heels, Herren in Blue Suede Shoes

Dienstag 6. April, 20.30 Uhr, Theater im Fraunhofer / KULISSE, Fraunhoferstraße 9, München
Unkostenbeitrag: 8 Euro