Das dreckige Dutzend: Zauberpriester

Neues aus dem inspirierten amerikanischen Hip-Hop

Das Jenseitige, Spirituelle zieht gerade mit Macht in den schwarzen Pop – und bringt im Idealfall nicht nur die Seele sondern auch die Beats in ein neues Gleichgewicht. Nein, hier soll weder von Tina Turner und ihrem buddhistische Gebete rezitierenden Album „Beyond” (Decca/Universal) die Rede sein, noch von Amy Winehouse, die sich mit entsprechenden Chants von ihrer Drogensucht erholt. Und erst recht nicht vom spiritual chic Akons, der auf einem seiner jüngsten Videos halbnackte Go-Go Girls um eine Buddha-Statue tanzen lässt und deshalb kein Visum für Sri Lanka erhielt.

Vielmehr geht es um die Verbindung von westlichem Hip-Hop und östlicher Mystik. Dem Schamanentum von Beat-Produzenten wie Flying Lotus, Madlib, Georgia Ann Muldrow,Just Blaze oder Sa-Ra Creative Partners . Der Reim-Mystik von Jay Electronica, Declaime und Shafiq Husayn. Wer sich nur mit Chart-Hip-Hop beschäftigt hat diese Namen vielleicht noch nie gehört. Doch sie alle gehören einer wachsenden Szene an, die ständig miteinander kollaboriert und oft mehr im Internet als auf regulären CD-Alben veröffentlicht. Mit Ausnahme von Erykah Badu . Sie gibt die inoffizielle Botschafterin dieser Szene, denn mit ihrem neuen Album „New Amerykah Part Two: The Return Of The Ankh” (Motown/Universal) bringt sie viele dieser Hip-Hop-Esoteriker erstmals einem größeren Publikum zu Ohren. Ziehen sie doch zum Großteil die Fäden auf ihrem Album: Passend zu Badus Rückzug ins Private, ihrer Feier des altägyptischen Ankh-Stabs als Symbol der kosmischen Balance zwischen männlichen und weiblichen Energien, fallen auch ihre Beats sphärischer und weicher aus als auf dem Vorgänger „New Amerykah Part One: 4th World War” (2008). Das bedeutet über weite Strecken Räucherstäbchen-Funk und Mitsing-Melodien.

Wem das zu leichte Kost ist, der muss auf die Solo-Alben ihrer Kollaborateure zurückgreifen: Etwa Georgia Ann Muldrows und Declaimes „SomeOthaShip“ (Mello Music). Muldrow, Tochter eines Jazzgitarristen und einer Sängerin aus der Band von Pharoah Sanders, führt die Free-Jazz-Kosmologie ihrer Eltern in den Hip-Hop ein: Ihr Ehemann Dudley Perkins alias Declaime rappt mit bluesigem Timbre über spirituelle Kriege und eine Freiheit, die im eigenen Kopf anfängt. Und überrumpelt dabei immer wieder alte Hörgewohnheiten: Selten trifft er die erwarteten Noten und Rhythmen, während Georgia Ann Muldrow in mal schräger, mal super-cooler Harmonie einfällt. Einen der besten Tracks hat Flying Lotus beigesteuert.

Auf seinem eigenen Album „Cosmogramma” (Warp) hebt der Beat-Tüftler und Alice-Coltrane-Großneffe aus seiner Heimatstadt Los Angeles ab und stößt mit Hilfe von Ravi Coltrane oder Radiohead-Sänger Thom Yorke in Räume vor, die dem Hip-Hop bisher verschlossen blieben. Allerhand sphärische Störgeräusche, gebrochene Beats, Streicherflächen und schwirrende Harfen formen eine Art Klangmeditation. Steve Ellison alias Flying Lotus meditiert täglich und wenn er etwas aus dem Ashram seiner Tante Alice mitgenommen hat, dann den Ehrgeiz, den Hip-Hop weiterzuentwickeln. Gerade hat er dem Jazzvokalisten Jose James für dessen Lounge-Album „Black Magic” (Brownswood) einen Hip-Hop-Beat geliefert, demnächst wird er mit Jay Electronica zusammenarbeiten. Der Rapper und Lebenspartner Erykah Badus ist berüchtigt dafür lieber in Jugendherbergen als Luxushotels zu übernachten. Und seine Musik lieber ins Netz zu stellen als millionenschwere Vertragsangebote anzunehmen. Mit „Exhibit C” hat er nun seinen Geniestreich vollbracht.

Über einem schwebenden Track von Produzent Just Blaze erzählt Jay Electronica autobiographisch von Obdachlosigkeit, den mystischen Lehren der islamischen Five Percenter und der Balance, die Hip-Hop leider so oft fehlt: „When you talk that tough talk, I never feel ya / (. . .) / We need something realer”. Diese echteren Inhalte sucht auch Shafiq Husayn . Das Mitglied von Sa-Ra Creative Partners ( laut Erykah Badu ist er die einzige Person, der sie erlaubt, Texte für sie zu schreiben) beschwört auf seinem Solodebüt „En A-Free-Ka” (Rapster) Gerechtigkeit, Liebe und eine Überwindung der Spätfolgen der Sklaverei. Dazu mischt er psychedelischen Jazz und Rock über sehr lose Hip-Hop-Beats. Der Name seines Albums ist übrigens altägyptisch für „Grenzenlosigkeit”. Eine Grenzenlosigkeit, die Madlibauf seiner Albenserie „Medicine Show” (Stones Throw) ganz praktisch umsetzt. Während er auf „Before The Verdict” noch relativ konventionelle Beats für Gastrapper Guilty Simpson schrieb, drehen sich die im monatlichen Rhythmus erscheinenden Nachfolger um obskurste Samples afrikanischer, indischer und brasilianischer Herkunft. Wer weiß, vielleicht muss man gar nicht ins Jenseits vorstoßen, um Hip-Hop seine Seele zurückzugeben. JONATHAN FISCHER

Süddeutsche Zeitung, 6. April 2010

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