Monatsarchiv: Januar 2013

Mali ins Bild setzen: Trotz des Kriegs arbeiten die Fotografen in der Hauptstadt Bamako am optimistischen Selbstbildnis der Afrikaner. Sie verfolgen mit ihrer Arbeit einen didaktischen Auftrag: Fotografie könne beitragen, gesellschaftliche Konflikte zu lösen.

Von Jonathan Fischer, Bamako
Bamakos Fotoläden sind schon von weitem
zu erkennen: Handgepinselte Tableaus
und grelle Wandmalereien zeigen
riesige Kameras, Porträtköpfe, Brautpaare.
Von manchen leuchten aufgemalte
gelbe Kodak-Zeichen. Andere nutzen
lebensgrosse Silhouetten weiblicher
Schönheiten zum Kundenfang. Hier
aber, wo man eine Steigerung all dessen
erwartete: nur ein simples, schwarz und
weiss gemaltes Schild. Malick Sidibe.
Alles an dem ungestrichenen, eingeschossigen
Betongebäude in Bagadadji
im Zentrum Bamakos wirkt wie eine
Baustelle: Aus dem Flachdach ragen
Eisenstäbe, neben der Eingangstür lagern
rote Sandhaufen und Zementblöcke.
Ein paar Jugendliche dösen auf Plastikstühlen
im Schatten des Dachvorsprungs.
Der Duft von Röstspiessen und
billigem Parfüm liegt in der Luft. Kann
das hier wirklich das Studio von Malick
Sidibe sein? Der Ort, an dem dieser afrikanische
Meisterfotograf seine weltweit
berühmten Porträts aufnahm? An dem
Bilder entstanden, die in Galerien und
Museen in New York und Paris gezeigt
wurden und Mali in die Sphäre der zeitgenössischen
Kunst katapultierten? Die
die Ikonografie des modernen Afrika so
nachhaltig prägten?
Digitaler Seitensprung
«Ihr Europäer habt den Wert des Handwerks
meines Vaters und seiner Silberbromid-
Abzüge begriffen», sagt Karim
Sidibe mit einem warmen Lächeln.
«Mehr als wir selbst.» Der schmale junge
Mann mit der Ballonmütze sitzt draussen
vor dem Studio und beugt sich über ein
Handtuch, auf dem die Einzelteile einiger
defekter Kameras aufgereiht sind:
Objektive, Schräubchen, Platinen, Gehäuse.
Vor zwei Jahren hat Karim Sidibe
das Geschäft seines Vaters übernommen,
«er kommt zwar immer noch täglich
zum Plaudern vorbei, aber ansonsten
hat er sich zur Ruhe gesetzt». Und ja,
auch er mache immer noch Schwarzweissbilder.
Silberbromid-Abzüge, wie
es ihm sein Vater beigebracht habe. Aber
auf Kundenwunsch und wegen der
Schwierigkeit, die Chemikalien für das
Fotolabor zu besorgen, fotografiere er
nebenbei auch digital, «numérique». Er
lacht dabei verschämt, als ob er ein
moralisches
Vergehen beichten würde.
Einen Seitensprung. «Viele Leute geben
nicht mehr so viel Geld für Fotos aus.
Wegen der Krise.»
Die Krise: Das ist die Zusammenfassung
von Bürgerkrieg, Staatsputsch und
all der anderen Katastrophen, die Mali
in den Schlagzeilen halten – und die sich
nun in der militärischen Intervention
der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich
zuspitzt. Im Frühjahr 2011 besetzten
Islamisten die nördliche Hälfte Malis,
danach putschte das frustrierte Militär
die demokratisch gewählte Regierung
weg. Seitdem stehen die Hotels
leer, liegt die Wirtschaft am Boden,
droht Mali – einst eine Art afrikanischer
Musterdemokratie – eine Zukunft als
Malistan.
Und Karim Sidibe hat viel Zeit,
um alte Kameras zu reparieren.
Bis zum letzten Frühjahr, sagt er, sei
noch ein verlässlicher Strom von Touristen
in sein Studio gepilgert, um sich im
Stil Malick Sidibes ablichten zu lassen.
Dessen klassische Porträts aus den 60erund
70er-Jahren haben bis heute nichts
von ihrer Anziehung verloren. Dieser
Optimismus. Diese Eleganz. Diese unglaubliche
afrikanische Coolness. Das
Poster an der blauen Innenwand des Ladens
zeigt eines von Malicks berühmtesten
Aufnahmen: ein junges Paar, das
ausgelassen den Mali-Twist tanzt. «Die
Bilder meines Vaters fingen eine Gesellschaft
im Aufbruch ein», sagt Karim.
«Wir waren damals mehr in Harmonie,
mehr im Rhythmus als heute.»
Malick Sidibe fotografierte viel in
Tanzlokalen und auf Partys. Als Dienstleister:
Am nächsten Tag hängte er die
Abzüge in sein Studio – und die Abgebildeten
konnten sie kaufen. Erst später
entdeckten westliche Betrachter die Intensität
dieser Fotos: malische Jugendliche,
die sich voller Naivität und Stolz in
Pose setzen, selbstbewusst die Signaturen
der Moderne feiern, die schrillen
Farben, Formen und Schnitte der zeitgenössischen
Popmode mit urafrikanischen
Sujets kombinieren.
Das Studio als Rumpelkammer
«Wollen Sie einen Blick ins Studio werfen?
», fragt Karim Sidibe. Ein bescheidener,
nicht allzu grosser Raum. An der
Türschwelle steht eine Wasserkanne für
die rituelle Waschung vor den täglichen
Gebeten. Dahinter Regale, in denen
Dutzende
alter Rollei- und Canon- und
Yashica-
Spiegelreflexkameras lagern.
Wandposter erinnern an vergangene
Ausstellungen. Eine Bretterwand trennt
das eigentliche Studio ab: Ja, man kennt
die Szenerie von den berühmten Porträtfotos.
Der schwarz-weiss karierte Linoleumboden.
Ein grün-braun gestreifter
Stoffvorhang. Und in der Mitte ein
simpler Holzstuhl. In der Ecke liegen ein
paar Belichtungsschirme. Ansonsten
wirkt das Ganze mehr wie eine Rumpelkammer
als ein Museum: Schmutzstreifen,
Wasserflecken, aufgepinnte Handabzüge
und Kalenderabrisse bedecken
eine Wand, gegenüber stapeln sich Reissäcke
und gelbliche Pappkartons: das
Pappkartonarchiv, man mag es kaum
glauben, für die historischen Abzüge
Malick Sidibes.
«Ein Foto schickt immer eine Botschaft
», erklärt Karim auf Französisch.
«Man muss als Fotograf lernen, diese
Botschaft richtig zu verpacken.» Wenn
er spricht, fliegen seine Hände aufgeregt
durch die Luft. Viele seiner Kunden
wünschten – wie überall sonst in Afrika
– mit den Insignien des Wohlstands und
der Weltläufigkeit abgebildet zu werden,
etwa vor einer westlichen Wohnzimmereinrichtung
oder einer Eiffelturm- oder
Manhattan-Kulisse. Warum auch nicht?
«Derjenige kann sich vielleicht nicht leisten,
jemals dorthin zu fahren. Aber ich
bestelle die entsprechende Fototapete
in Dubai. Und der Kunde ist mit der Illusion
zufrieden.»
Der neue Trend seien Lehmhütten
und Felder. Karim Sidibe glaubt, dass
das an der allgemeinen gesellschaftlichen
Verunsicherung liege: «Wir befinden
uns im Zeitalter der Nostalgie. Die
jungen Menschen
besinnen sich auf ihre
Wurzeln und lassen sich lieber im ländlichen
Ambiente ihrer Väter und Grossväter
ablichten.»
Er nestelt eines seiner aktuellen Porträts
aus einer Tasche. Es zeigt einen aus
Sikasso im Süden stammenden jungen
Studenten, der mit traditioneller Jägermütze
vor grünen Feldern posiert. «Ich
verbringe viel Zeit damit, Requisiten aus
entfernten Regionen zu studieren. Weil
meine Kunden sie auf dem Foto wünschen.
» Warum auch den Versprechungen
der Moderne nachhängen? Wenn
Mali, gut ein halbes Jahrhundert nach
seiner enthusiastisch gefeierten Unabhängigkeit,
immer noch zu den ärmsten
Ländern der Welt gehöre, Korruption
und politische Intrigen das Land lahmlegten,
müsse eben die Kultur der Vorfahren
moralische Kraft spenden.
Kulturminister im Nebenberuf
Ein paar Strassenecken weiter, im polyglotten
Stadtviertel Hippodrome: das
Fotostudio von Abdoulaye Baby. Statt
Hochzeitspaare pflastern Porträts berühmter
malischer Musiker seine Schaufenster:
Oumou Sangaré, Ali Farka
Touré, Ami Koita, Salif Keïta oder Bassekou
Kouyaté. «Das sind alles Freunde»,
sagt der Ladeninhaber, ein älterer weisshaariger
Herr, der an seinem Schreibtisch
Papiere sortiert. «Ich begleite ihre
Karrieren, und das schon von Anfang
an.» Monsieur Baby hat etwas von einem
gutmütigen
Geschichtenonkel. «Setzen
Sie sich doch», beantwortet er die Frage
nach einem Interview. «Sie sehen doch,
dass meine Tür offen steht.»
Die nächsten zwei Stunden wird er
erzählen und diverse Fotoalben mit Musikern
in knallblauen, gelben, violetten
und grünen Boubou-Gewändern durchblättern.
Dass er als Haus- und Hoffotograf
jederzeit Zugang zu den grössten
Popstars des Landes hat: Das verdankt
er auch seinem «Nebenberuf» als malischer
Kulturminister. Anfang der 80er-
Jahre machte Baby seinen Abschluss an
der nationalen Kunstakademie in Bamako,
lernte anschliessend mit einem
Stipendium in Frankreich Licht- und
Tonregie und machte sich, zurück in
Mali, einen Namen als Porträtfotograf.
Die Wichtigkeit des Wassers
«Malick Sidibe selbst verlieh mir den
Meistertitel», sagt Baby. Aber er wollte
sich nicht – wie die meisten malischen
Fotografen – als Dienstleister für Hochzeiten
und Privatfeiern verdingen. Er
blättert ein neues Album auf. Ein Fotozyklus,
der den Niger zu verschiedenen
Jahreszeiten zeigt. «Ich habe dieses Sujet
seit einem Jahrzehnt verfolgt. Wasser
ist überlebenswichtig für uns. Jeder Malier
weiss das.»
Leider gebe es in Bamako nur wenige
Orte, wo man moderne Fotografie betrachten
könne: etwa im Maison Africaine
de la Photographie, das jedes Jahr
zwölf malische Fotografen ausbildet. In
verschiedenen europäischen Kulturinstituten.
Oder auch auf der Fotobiennale,
dem wichtigsten Fotografentreffen Afrikas,
an dem Baby zweimal teilgenommen
hat. Das andere Steckenpferd des
aus Timbuktu stammenden Fotografen
ist die Dokumentation malischer
Architektur:
jahrhundertealte Lehmmoscheen,
Kirchen und Sufi-Grabmäler,
wie sie gerade die Islamisten in seiner
Heimatstadt im Norden zerstört haben.
«Barbaren», schimpft Baby, «ausländische
Banditen.» Seine Fotozyklen belegten,
dass Mali eine sehr alte islamische
Kultur der Toleranz habe. Fremde seien
in seinem Land immer willkommen gewesen.
Christen, Animisten und Muslime
aller Couleur arrangierten sich miteinander,
jeder erlaube dem anderen,
nach seiner Façon zu beten und zu leben.
Einerseits. Andererseits dürfe man
Toleranz nicht mit Schamlosigkeit gleichsetzen.
Denn auch die «Alles ist erlaubt»-
Mentalität der europäischen Kollegen
störe ihn: «Wir Malier bestellen Fotos
beim Fotografen, um uns von unserer
besten Seite zu zeigen. Viele Europäer
dagegen fotografieren die Menschen ungefragt
bei alltäglichen Verrichtungen,
wie sie sich betrinken, ja selbst bei Intimitäten.
Bei uns gehört das nicht zum
guten Ton. Das Bild besitzt für Afrikaner
einen hohen Wert – auch moralisch.»
Ob man Monsieur Baby um ein Porträt
bitten dürfe? Der malische Meisterfotograf
winkt in den Hinterraum, wo
man zwischen einer beigen Wand und
einem Alpen-Fantasie-Panorama mit
Wasserfällen wählen darf. Während er
an seiner Digitalkamera nestelt, rezitiert
er Kinderreime – ein Lachen soll später
auf den Fotos zu sehen sein. 1000 Franc
kostet schliesslich das Porträt, weniger
als 2 Schweizer Franken.
Das «wahre Bild» von Afrika
Ein zweistöckiger weiss getünchter Kasten
im Regierungsviertel von Bamako:
«AMAP» prangt an der Fassade. Die malische
Presseagentur. Auf den Türstufen
fläzen sich einige Angestellte, blättern in
Zeitungen oder spielen mit iPhones. «Ist
Amadou Sow zu sprechen?» Ein ernst
dreinblickender Mann in Anzug und
Krawatte erhebt sich von seinem Plastikstuhl.
«Kommen Sie in mein Büro.» In
dem kahlen Zimmer – Sows Arbeitsplatz
als Chefredaktor der staatlichen Zeitung
«L’Essor» – spürt man dank Klimaanlage
nichts von der Mittagshitze.
Allerdings scheint die Krise auch die
Arbeit der Presse entschleunigt zu haben:
Die Redaktion ist wie leer gefegt.
Und Sow hat Zeit und räsoniert mit leiser,
aber bestimmter Stimme über die
Bedeutung der Fotografie in Mali. «Malick
Sidibe und die alte Fotografen-Garde
waren alle Porträtisten, die in ihren Studios
mit vorgefertigten Kulissen gearbeitet
haben. Heute müssen die Fotografen
ins Feld ziehen, um ein wahres Bild von
Afrika zu zeigen.»
Sow selbst gehört zu den bekanntesten
malischen Fotografen der Gegenwart:
Bis 2002 studierte er an der Kunsthochschule
in Bamako. Anschliessend
arbeitete er als Fotograf bei der Schweizer
Zeitung «24 Heures», stellte seine
Fotos im Mudac Museum in Lausanne
und der Galerie Magasin du Monde in
Vevey aus – ein Zyklus, in dem er das Alltagsleben
der Malier und der Schweizer
verglich – und präsentierte auf der Fotobiennale
in Bamako Arbeiten zum Thema
Wasser und Müll. In einem Land mit
über 70 Prozent Analphabeten, sagt Sow,
hätten Fotos eine didaktische Aufgabe.
«Wir Fotografen können dazu beitragen,
gesellschaftliche Konflikte zu lösen.»
Die Botschaft im Foto
Für Sow ist die Fotografie eine politische
Kunst. Westliche Fotografen kämen mit
ihren vorgefertigten Meinungen, um
über Afrika zu berichten. «Meistens sind
das sehr negative Ideen. Wir als Akteure
der Situation können mit einer ganz anderen
Vision daherkommen, die es uns
erlaubt, unsere eigene Lage zu verändern.
» Auf seinem Tisch liegt die aktuelle
Nummer seiner Zeitung «L’Essor».
Sow hat das Titelbild ausgewählt: Es
zeigt malische Bauern bei der Ernte auf
üppigen grünen Feldern. «Unsere Botschaft?
Wir können wieder zusammenfinden
und uns gegenseitig helfen, denn
Mali war immer eine Familie.»
Als Fotograf habe man immer eine
Wahl: Man könne den Krieg und die damit
verbundene Vertreibung und Not
abbilden. Oder hinter die Ereignisse
schauen. «Dort habe ich eine sehr positive
Seite entdeckt. Und die hat mit Hilfsbereitschaft
und Gastfreundschaft für
die Flüchtlinge aus dem Norden zu tun.
Die Menschen aus dem Norden werden
hier aufgenommen, als wären sie unsere
Brüder. Wir Malier sehen – im Gegensatz
zu westlichen Fotografen – diesen Aspekt.
» Das Thema der Fotoausstellung,
die er gerade mit malischen Kollegen
vorbereitet: «Zusammenhalt».
Tagesanzeiger 15.1.2013

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Funk für alle Sinne: Sammler, Partymacher, Kulturmissionar: Der Münchner Florian Keller gilt weltweit als DJ-Institution

München – Andere DJs berichten gerne von der außergewöhnlichsten, unerhörtesten Scheibe, die sie sich aufzulegen trauen. Bei Florian Keller ist es umgekehrt. In dem Hotelclub in Dubai, der ihn jüngst für eine Silvesterfeier buchte, gesteht der Münchner Funk-Experte, habe er es einfach nicht lassen können: Angesichts von hundert Dollar Eintritt und der königlichen Familie auf dem Dancefloor gab er dem Affen Zucker und hievte zwischen all den raren Singles und exquisiten Vinyl-Sammlerstücken, tja, eine allbekannte Michael-Jackson-Nummer auf den Plattenspieler. Der 44-jährige DJ erzählt das wie ein Zen-Mönch, der eine Völlerei beichtet. Einen Verstoß gegen die selbst auferlegte Disziplin. Denn bei Kellers Club-Gigs gilt Pop-Konfektionsware üblicherweise als tabu, geht es nicht darum, die iPod-Listen des Publikums laut abzuspielen. Sondern um: Forschergeist. Die Aha-Blicke der von einem Sample kalt Erwischten. Oder wie es der glatzköpfige Enthusiast selbst formuliert „die ständige Ausdehnung des Funk-Universums“.

Der Mann, den eine amerikanische Internetseite zu den drei wichtigsten Funk-DJs weltweit zählte, empfängt in seiner Atelierwohnung in der Au. Keller hat das ehemalige Ladenlokal zum bewohnten Museum umgestaltet, überall – an den Wänden, in Regalen und Sitzkisten – lagern Platten: Gut 45 Meter Vinyl, rechnet Keller vor. Dazu kommt eine großes Archiv von Blaxploitation-Filmen aus den 70er Jahren, sowie Stapel antiquarischer Nummern afroamerikanischer Promi-Magazine wie Ebony oder Jet. Gut, Sammler mag es viele geben. Aber wer kann, wie Keller, behaupten, alle 120 Alben und gut 300 Singles, die James Brown jemals eingespielt oder auch für andere Künstler produziert hat, zu besitzen? „So wie andere ihre Fußballbildchen komplettieren wollen, bin ich jahrelang jeder fehlenden Scheibe hinterhergerannt.“

Das hat – man dachte sich’s fast – nicht nur mit der immensen Bedeutung James Browns für die Musik zu tun, sondern auch mit einer Jugendliebe Kellers. Besser: mit seiner Funk-Initiation. Der elfjährige Florian hatte schon lange die Beatles-Platten seiner Mutter rauf und runter gehört, als deren amerikanischer Freund einen Sampler ins Haus brachte. „James Brown, Curtis Mayfield: Ich war sofort angefixt und fing an, mich ganze Nachmittage durch den damals einzigen Secondhand-Plattenladen Münchens zu wühlen.“

Acht Jahre später steht Florian Keller als Resident-DJ der Wunderbar hinter den Plattenspielern. Das war 1986. Und was der Funk-Adept in dem hippen Keller auflegt, hat man so noch kaum gehört: James Brown, Dub-Reggae, Rap; aber auch Jazzer wie Pharoah Sanders oder Roy Ayers, alles nach Hip-Hop-Manier auf den Beat gemixt und in einem Flow ohne Anfang und Ende die informelle Geschichte Afroamerikas erzählend. Kellers beliebtes Spiel: Seine Gäste mit Stücken zum Tanzen zu bringen, die sie nur die ersten Sekunden zu kennen glauben. Sie in unbekannte Territorien zu jagen. Und die „Schrebergartenmentalität von neu, alt, retro oder hip auszuhebeln“. Ob solo oder seit 1991 mit Michael Reinboth und Theo Thönessen als Teil des Into Somethin’-DJ Team: Kellers Ehrgeiz war es stets, die schrägsten Stücke zusammenzumischen. Etwa eine Jazznummer aus den 40er Jahren mit einem Hip-Hop-Stück zu kontern. Eine Freiheit, die der Münchner in der aktuellen Club-Kultur schwer vermisst: „Die meisten Club-Betreiber glauben, allein Elektro tauge als Ausweis ihrer Hipness. So spielen alle Läden diese inzwischen auch schon ein Vierteljahrhundert alte Musik, als ob man jungen Menschen nichts anderes zumuten dürfe.“ Ein großes Missverständnis, glaubt der Funk-Missionar. Dass immer mehr junge Bands den Groove ihrer Vorväter aufgriffen und rekombinierten, beweise genau das Gegenteil: „Überall suchen vom Mainstream angewiderte Menschen nach etwas Eigenem.“ Florian Keller hat schon viele auf seinem Weg mitgenommen. Als DJ, Radiomoderator und Herausgeber der legendären Party-Keller-Kompilationen wird er weltweit zu den Tastemakern der Szene gezählt. Und das, trotz – oder gerade wegen seines bewusst bescheidenen Auftretens.

Den ursprünglich erlernten Beruf als Industriedesigner jedenfalls hängte der Münchner an den Nagel, „als ich merkte, dass ich die Kunden blenden musste, die große Klappe fast noch wichtiger war als mein Produkt“. Als DJ laufe es genau andersherum: Da zählten allein seine im Internet kursierenden Mixe. Funk-Collagen, die offensichtlich Hipster rund um die Welt begeistern. So legte er zuletzt in São Paolo, Tokio, Lausanne, Brüssel, Jekaterinburg und Beirut auf, ja selbst an so unwahrscheinliche Orte wie das rumänische Timosoara oder Vossevangen in Norwegen buchen ihn Partyveranstalter. „Überall, wo ich hinkomme, schwärmen die Menschen von München als Funk-Hochburg“, erzählt Keller. „Innovative Bands wie die Poets Of Rhythm, Karl Hector & The Malcouns, die Boogoos oder Plattenfirmen wie Tramp Records erwecken den Eindruck, dass an der Isar ein Riesen-Biotop für diese Musik existiert.“ Und dann? Sind sie verwundert, dass ein international renommierter Funk-DJ nicht jedes Wochenende die hipsten Diskotheken der Stadt zum Platzen bringt, sondern immer noch als Underground gilt.

Keller hat sich mit diesem Status inzwischen angefreundet. Und legt dort auf, wo sich die Münchner Subkultur trifft: in der Glockenbachwerkstatt, dem Import-Export oder auch dem Muffat-Café. Wobei auflegen bei Keller doch ein etwas zu schaler Begriff ist. Denn seine Partys funktionieren eher als: Funk für alle Sinne. Die Flyer zeichnet er stets selbst – im bewusst amateurhaften Design der ersten Hip-Hop-Poster aus den 70er Jahren. Und dann kocht er auch noch. Etwa beim Soulfood-Allnighter, bei dem Keller in der Küche der Glockenbachwerkstatt frittiertes Hühnchen, Yams, Reis und Bohnen zubereitet, während befreundete DJs entsprechende Songs vom Plattenteller lassen. „Kochen ist meine zweite Leidenschaft“, gesteht er. Wie könne man auch schwarze Musik und Essen voneinander trennen? Viermal die Woche brutzelt Keller in einer Kunstwerkstatt in Haidhausen; und von einer gelungenen Sauce schwärmt er fast so ausgiebig wie von einer gerade auf Ebay entdeckten Soulsingle. Der Mix muss stimmen.

Als DJ gehört Keller nicht zu jener Spezies, die sich selbst mit großen Gesten in Szene setzen. Sein Credo: Die Botschaft kommt aus der Rille. Weil er aber ausschließlich Vinyl auflegt und zu fast jeder seiner Platten eine kleine Geschichte zu erzählen hat, drängt sich stets eine Menschentraube um sein DJ-Pult: Tänzer, die mit ihrem iPhone die gerade laufende Single abfotografieren. Funk-Veteranen mit ähnlicher Sammlung. Aber auch Teenager, die gerade zum ersten mal dem James-Brown-Groove verfallen. „Viele merken erst bei meinen Sets“, schwärmt Keller alias „Superflo“, „wie sehr die Musik aus den 60er und 70er Jahren bis heute die Grundlage aller Clubmusik bildet. Ob Hip-Hop, Drum’n’ Bass oder Dubstep. Ohne Funk wäre alles anders gekommen!“ James Brown hat diesen Satz vermutlich mit einem doppelten Split, Slide und Camel Walk quittiert. Und von seiner Funkwolke gütig auf die Isar herabgeschaut: Ausgerechnet in München findet er Deejay-Brother Number One!
JONATHAN FISCHER
SZ 8.1.2013