Monatsarchiv: Mai 2015

Gitarre statt Kalaschnikow: Die Tuareg-Band „Terakaft“ aus Mali bringt den Sahara-Blues zum Rocken

Terakaft heißt auf Tamashek, der Sprache der Tuareg, „Karawane“. Für uns Westler mag da viel Romantik mitschwingen: Vorstellungen eines ungebundenen, freien Lebens unter dem weiten Himmel der Sahara, Bilder von stolzen Wüstenkriegern. Zweifellos sind die Tuareg zu einem modernen Mythos aufgestiegen. Man schmückt sich gern mit ihren Indigo-blauen Tüchern – und neuerdings auch mit ihrer Musik. Wer aber die Texte der Tuareg-Musiker übersetzt, der erfährt etwas von einer anderen Wirklichkeit: In vielen nordafrikanischen Ländern werden die Tuareg als Rebellen geächtet und diskriminiert, ihre einstigen Handelskarawanen zwischen Algerien, Mali, Niger und Libyen sind längst zum Erliegen gekommen, viele überleben in Flüchtlingslagern. Da bleibt oft nur die Kultur als Sprachrohr. Wird der Wüsten-Blues zum Überlebensmittel. Dabei rockt kaum eine Tuareg-Band so unerbittlich wie Terakaft.

Nicht zufällig erscheint ihr neues Album „Ténéré“ auf „Outhere Records“, dem Label des Münchner Musikjournalisten Jay Rutledge, der sich auf den Pop des urbanen Afrika spezialisiert hat. „Die Band hat einen unverwechselbaren Gitarren-Sound“, sagt Rutledge. „Man braucht nicht viel Phantasie, um die Nähe zu John Lee Hooker und dem rohen amerikanischen Hill Country Blues herauszuhören.“ Lässig-aufreizend wie trabende Kamele schaukelt der typische Terakaft-Beat. Darüber kreiseln schmutzige Gitarren. Die Band lädt die uralten Trance-Rhythmen und Ruf-und-Antwort-Gesänge mit jeder Menge Energie und westlichem Pop-Appeal auf. Eine Faszination auf Gegenseitigkeit: Zuletzt jammten Black Keys-Mastermind Dan Auerbach, die Brooklyn-Hipster TV on the Radio und selbst Charlie Watts und Keith Richards von den Rolling Stones mit Tuareg-Musikern. Tamashek singende Bands wie Tinariwen, Tamikrest oder Terakaft bespielten im Gegenzug die Festivals in Europa und Amerika.

Für die Musiker ist es eine willkommene Möglichkeit, auf das Schicksal ihres Volkes aufmerksam zu machen. So erzählen Terakaft in ihren Songs von Krieg, sozialen Verwerfungen – aber auch der Bedeutung der Musik. In einigen Ländern wie dem Niger erhielten die Tuareg-Musiker aus Angst vor einem Aufstand ein Auftrittsverbot. Denn sie sind mehr als Entertainer. Ihre Songs halten die Tuareg-Gemeinschaft zusammen und mobilisieren sie, egal über wie viele Länder ihre Mitglieder verstreut sind. Rutledge fasziniert das Spannungsfeld, in dem sich Terakaft bewegen. „Ihre Musik spricht eine junge Generation von Tuareg an. Sie zelebrieren mit ihnen einen von der Globalisierung gefährdeten Lebensstil“. Denn Stadtflucht, der Drogenhandel durch die Sahara und der Import radikaler islamischer Ideen setzten der religiös toleranten Tuareg-Gemeinschaft zu.

Der Gitarrist Diara spielte mit Tinariwen, bevor er 2001 sein eigenes Projekt Terakaft aufzog. Davor lebte er zusammen mit anderen von Gaddafi angeworbenen Tuareg in einem libyschen Militär-Camp in der Sahara, und lernte dort westliche Musik kennen: Bob Marley, die Dire Straits und Jimi Hendrix. Schließlich tauschte er die Kalaschnikow gegen die Gitarre ein. Musik zu schreiben erschien ihm lohnender. Der zweite Frontmann Sanou ist sein Neffe. Er hatte sich als Zehnjähriger eine Gitarre aus einer Blechbüchse und Fahrrad-Draht gebaut, bevor ihn der Onkel offiziell in die Band aufnahm. „Wir Tuareg“, sagt Sanou aus der nordmalischen Stadt Kidal, „durchleben gerade eine unserer größten Krisen: Unsere Verwandten in Südlibyen haben uns früher finanziell unterstützt. Seit dem Sturz Gaddafis ist es damit vorbei. Danach kamen die Islamisten, zerstörten unsere Instrumente und bedrohten uns Musiker mit dem Tod. Aber Musik ist das pure Leben in der Wüste. Wie könnten wir jemals ohne sie leben?“

Auch zwei Jahre nach der Vertreibung der Islamisten aus den großen Städten Nord-Malis, ist es immer noch viel zu riskant, dort Konzerte zu geben. Also touren die Musiker von Terakaft dorthin, wo die Karawane willkommen ist. „Wir wissen, was es bedeutet, zu flüchten“, sagt Diara, der heute mit seinen 120 Kamelen im Exil in Südalgerien lebt. „Deshalb widmen wir unsere Songs nicht nur den Tuareg, sondern allen Vertriebenen auf der Welt“.

JONATHAN FISCHER

SZ 2.3.2015

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Zärtliches Glühen: Der Soul-Sänger Ben E. King, dessen großer Song „Stand By Me“ einer der meistgespielten des 20. Jahrhunderts ist, ist im Alter von 76 Jahren gestorben

Mr. „Stand By Me“ ist tot. Oft wird die Karriere des Soulsängers Ben E. King auf diesen einen großen Hit verkürzt. Und vergessen, dass Ben E. King allen seinen Songs eine Qualität verlieh, die im Soul selten geworden ist: ein zärtliches Glühen in der Stimme. Und Texte die sich nicht scheuen, die eigene Leidenschaft mit persönlicher Verantwortung und Selbstzweifel zu paaren.

King war das Gegenmodell zum schwarzen Macho à la James Brown. Kings Romantik spricht für einen oft übersehenen Teil der schwarzen männlichen Psyche. Das ist die liebeswunde Verletzlichkeit. Heute gehört „Stand By Me“ zu diesen unsterblichen, mit erster Liebe, Engtanz und Teenager-Romantik verbundenen Soulnummern. Auf jedem Nostalgie-Sender wird der Song rauf und runter gespielt; er wurde von vielen gecovert – von Lennon bis Spyder Turner; in neun Versionen erstürmte er die Charts immer wieder aufs Neue – und sowohl im amerikanischen Radio als auch im Fernsehen gehört er zu den vier meistgespielten Songs des 20. Jahrhunderts.

Das ist eine großartige Revanche des Schicksals. Denn Benjamin Earl Nelson hatte seine einstige Band, die Drifters, verlassen, nachdem der Band trotz des von King mitverfassten nationalen Nummer-Zwei-Hits „There Goes My Baby“ von ihrem Manager nur Hungerlöhne ausgezahlt wurden. Ahmet Ertegun, der Boss von Atlantic Records aber ahnte, was dieser Mann mit seiner Stimme wert war: Er spannte ihn mit dem jüdischen Songwriter-Gespann Leiber-Stoller zusammen. „Stand By Me“ war ihre zweite Kooperation. King, der zuvor mit „Spanish Harlem“ punktete und in den 70ern noch einige Alben für Atlantic Records einspielte, wurde seither zum Markenzeichen. Am Donnerstag ist der Soulmann, 76 Jahre alt, gestorben.

JONATHAN FISCHER

SZ 1.5.2015