Monatsarchiv: November 2018

Sprechende Trommeln und Somali-Funk – Afropopkolumne 11/2018

Vor gut zehn Jahren postete der amerikanische Musikologe John Beadle auf seinem Blog ein paar Songs und titelte „Mystery Somali Funk“. Die Musik entstammte einer Kassette, die ihm einst ein somalischer Student in die Hand gedrückt hatte. Verlässliche Angaben zu den Musikern fehlten, aber Samy Ben Redjeb, Betreiber des Frankfurter Plattenlabels Analog Africa, war sofort elektrisiert und machte sich auf die Suche. Keine leichte Aufgabe. Der Ort, den die Musik feierte, existierte nicht mehr. Mogadischu, einst für seine Einkaufsstraßen, seine italienischen Restaurants und sein Nachtleben berühmt, war seit dem Ausbruch des somalischen Bürgerkriegs Anfang der Neunziger zu einer Ruinenstadt geworden, einer Kriegszone, in der sich Ben Redjeb nur mit bewaffneter Eskorte bewegen konnte. Von der Kassette, die lokale Musiker als Werk der legendären Dur Dur Band identifizierten, existierten nur verrauschte Kopien zweiter oder dritter Generation. Ben Redjeb folgte den Netzwerken der Kassetten-Kopierer, vor dem Internet war das die in Afrika übliche Art, Musik zu verbreiten. Dass er am Ende die verloren geglaubten Masterbänder der Aufnahmen fand, ist ein Glücksfall für alle Fans afrikanischer Musik. „Dur Dur Of Somalia Volume 1 &2“ (Analog Africa) macht die phänomenalen Achtziger-Funk-Fusionen aus Somalia erstmals für alle zugänglich, in bester Soundqualität und kommentiert. Die Bläsersätze erinnern an Ethio-Jazz, die mit Wah-Wah-Gitarren aufgemotzten somalischen Folk-Hits an die Sorte Ethno-Funk, die heute von Hipstern in Brooklyn und London gefeiert wird. Mal entführt die Dur Dur Band mit polychromatischen Orgeln, Gitarren-Ostinatos und zackigen Bläser-Riffs ins schwitzende Gedränge eines örtlichen Nachtclubs, dann wieder lässt sie das zarte Melisma von Sahra Abukar Dawo über entspannte, Reggae-ähnliche Daantho-Rhythmen fließen. Im Booklet erzählen die Musiker selbst: Etwa wie der Manager ihres Hotelclubs sie immer wieder mahnte, bei Disco zu bleiben, mit den traditionell zur Geisterbeschwörung genutzten Saar-Rhythmen könnten sie, so seine Befürchtung, Touristen verhexen.

Wie Somalia befindet sich auch Mali in einem scheinbar endlosen Bürgerkrieg, die Mitte und den Norden kontrollieren Drogenhändler und Dschihadisten, doch in der Hauptstadt Bamako experimentieren die Musiker umso entschlossener mit Fusionen traditioneller und westlicher Popmusik. Samba Tourés drittes Album „Wande“ (Glitterbeat) greift da das Naheliegende auf: den Blues. Finden sich dessen Ursprünge, das Rohmaterial, nicht in der pentatonischen Musik im Norden Malis? Taj Mahal, Robert Plant und Corey Harris pilgerten deswegen schon an den Niger. Nun schmiedet Samba Touré, einst Bandmitglied von Ali Farka Touré (mit dem er nicht verwandt ist), das Eisen weiter und rüstet die Klänge der Songhai aus der Gegend von Timbuktu mit John Lee Hooker und Bo Diddley auf. Oder ist es genau umgekehrt? Man kann jedenfalls nicht genug bekommen von diesen zurückgelehnt-rollenden, hypnotischen Riffs. Touré lässt die Tama genannte Talking Drum und kurze Gitarrensoli wie Flammen um seine Rhythmen züngeln. Und dann diese wunderbar aufgekratzte Fidel („Tribute To Zoumana Tereta“). Ganz aktuell wirkt Tourés wütend zärtlicher Gesang, wenn er etwa junge Menschen mahnt, statt auszuwandern, für ein besseres Mali zu kämpfen („Goy Boyro“). Die Wucht dieses Albums liegt auch in seiner Spontaneität: Fast alles wurde im Studio geschrieben und im ersten Take und ohne Overdubs aufgenommen, und wenn die Aufnahmen am Ende doch ganze zwei Wochen dauerten, dann nur deshalb, weil sich die Musiker an den Wochenenden – wie in Mali üblich – auf Hochzeiten ein Zubrot verdienten.

Und noch mal die sprechenden Trommeln Malis: Deren Großmeister Baba Sissoko teilt sich auf seinem neuen Album „Fasiya“ (Blindfaith Records) die Gesangsparts mit seiner Tochter Djana Sissoko. Den subtilen futuristischen Funk aber liefert der Berliner Max Weissenfeldt am Schlagzeug sowie eine eindrucksvolle Begleitband, in der Bläser, Gitarren und traditionelle Instrumente wie die elektrisch verstärkte Ngoni-Laute Loops weben – und in raffinierten Breaks wieder aufbrechen. Uralte Sahel-Melodien reiben sich an Blues- und Jazz-Riffs. Kein Wunder, dass der experimentierfreudige Malier immer wieder von Jazzern wie Omar Sosa oder Art Ensemble of Chicago engagiert wird. Auch Gilles Peterson schwärmt regelmäßig vom „psychedelischen Afro-Raumschiff“ von Captain Sissoko. Ist dem noch etwas hinzuzufügen? Ja, man sollte sich unbedingt durch die letzten sieben Alben des Mannes seit seinem 2015 erschienenen Meisterwerk „Three Gees“ durchhören.

JONATHAN FISCHER

SZ 21.11.2018

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Die Handy-Hacker von Bamako – In Mali kommunizieren die Menschen ausschließlich mobil, und der Telefonmarkt der Hauptstadt lebt von kaputten Smartphones. Selfmade-Mechaniker reparieren hier fast alles – zu Spottpreisen

Bamako, Hauptstadt von Mali und eine der am schnellsten wachsenden Metropolen von Afrika, kann den Besucher mit ihrem farbenfrohen Chaos überwältigen. Verfallende Kolonialgebäude, wuchernde Straßenmärkte, Mofatrauben und Eselsgespanne, die sich ihren Weg um die größten Schlaglöcher suchen. Fast alles wirkt reparaturbedürftig. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Nur die in den Smog ragenden Handy-Masten zeugen von einer funktionierenden Infrastruktur.

  Die Ära des Festnetzes hat man in Mali – ebenso wie im Großteil Afrikas – übersprungen. Kommuniziert wird ausschließlich mobil. Und auch wenn Mali eines der ärmsten Länder der Welt ist: Das Mobilfunknetz erreicht fast 100 Prozent der Bevölkerung. Längst ist der Mobilfunk zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig in Afrika aufgestiegen. Smartphones sind nicht nur Statussymbole. Wer keines hat, kann auch auf dem Markt nicht mehr konkurrieren. Zudem haben sich in Ländern wie Ghana, Nigeria, Kenia und Südafrika viele vor Ort entwickelte Apps durchgesetzt – etwa für die bargeldlose Zahlungsabwicklung oder um Nachfrage und Dienstleister zusammenzubringen. In Äthiopien lässt ein großer chinesischer Technikkonzern gar auf den lokalen Markt zugeschnittene Smartphones produzieren. So weit ist Mali noch nicht. Und doch schafft der Mobilfunk eine Menge Arbeitsplätze.

  Der „marché des téléphones“ in Bamako ist kaum zu verfehlen. Schon von Weitem leuchten die blauen und orangenen Sonnenschirme der Handy-Verkäufer, Passanten drängen sich vor den Glaskästen, um einen Blick auf die Gebrauchtgeräte – vom neuesten iPhone bis zur chinesischen Billigfälschung – zu werfen. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung von 1,90 Dollar pro Tag lebt, ist selbst das billigste Smartphone ein Schatz. Was aber, wenn es nicht mehr funktioniert? Das Display zerbrochen ist, die Lautsprecher ausfallen, sich die Tastatur nicht mehr bedienen lässt? Pas de problème! Auf dem Markt kann man sich nicht nur die neuesten Apps oder Musiktitel auf sein Handy laden lassen. Hier regiert der Improvisationsgeist. Dutzende von Experten schrauben und löten unter offenem Himmel an Geräten herum, die in Europa ein Fall für den Wertstoffhof wären.

  „Früher“, sagt Dan Fernardin Gondo, „habe ich als Übersetzer an der chinesischen Botschaft gearbeitet. Aber hier verdiene ich besser – genug, um meine Familie zu versorgen.“ Gondo betreibt mit einem Kumpel einen Stand auf dem Telefon-markt. Ursprünglich kommt er von der Elfenbeinküste; er hatte dort auf einer Übersetzerschule Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Mandarin gelernt. Für sein jetziges Geschäft aber habe er keine formelle Ausbildung gebraucht: „Du musst dir alles selber beibringen – und notfalls eine Anleitung auf Youtube suchen.“ Ein Smartphone, bei dem das Mikrofon nicht mehr funktioniert? „Kleinigkeit“, sagt Gondo und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Komm in einer Stunde zurück“. Tatsächlich: Zwei Tassen Minztee später schiebt er das Gerät mit stoischer Miene über den Tisch. Ein Probeanruf: Ja, alles wieder laut und gut verständlich. Und die Rechnung? „Für eine Reparatur zahlt man hier in der Regel zwischen 500 und 10 000 CFA“, also zwischen 80 Cent und 16 Euro, hatte Gondo vorab beschieden. Nun will er 1500 CFA, das sind umgerechnet etwa 2,50 Euro. „Bring das nächste Mal etwas Komplizierteres“, flachst er und tippt an sein Baseball-Käppi.

  Gondo ist mit seinem Hochschuldiplom eine Ausnahme. Viel typischer für den „marché des téléphones“ ist der Junge mit der Rasta-Frisur am Nachbarstand: Boubacar Diaware, 19 Jahre alt, ohne abgeschlossene Schulausbildung, beugt sich gerade über die Eingeweide eines aufgebrochenen Smartphones. Fixiert mit halb zugekniffenen Augen das Gewirr aus Drähten und Platinen. Gießt einen Tropfen Öl auf ein Tuch. Reibt damit den Schmutz weg. „Ein Defekt hat oft mechanische Ursachen“, sagt Diaware, „dann musst du die Verbindungen prüfen …“ Er greift zum Lötkolben. Tippt mit der Spitze vorsichtig, ja fast zärtlich wie ein Akupunkteur, an verschiedene Punkte der Platine, als kenne er eine geheime Landkarte, der er folgen würde. Nein, er habe keine Bücher darüber gelesen. Diaware lächelt verlegen. Er könne ja nicht mal lesen und schreiben. Aber sein Gedächtnis funktioniert offenbar gut. Bevor er anfing, Platinen zu reparieren, hat er monatelang den Handy-Flickern hier über die Schultern geschaut. „Grands frères“ nennt er sie, große Brüder. „Alles, was ich kann, verdanke ich ihnen.“ Jetzt ist er selbst einer von ihnen. Zwei seiner Kumpels gucken Diaware bei der Arbeit zu, sie wollen später einmal dasselbe Gewerbe ausüben. „Die Arbeit ist angesehen – und du bleibst sauberer, als wenn du Mofas oder Fahrräder reparierst.“

  Was aber tun, wenn ein Handy gesperrt ist? Man etwa ein Smartphone aus einem der Elektroschrott-Container aus Europa erworben hat, aber den Entsperrungs-Code nicht kennt? Dann ist Ibrahim Diallo der richtige Mann: Dessen Stand auf dem Telefonmarkt mutet fast schon wie High-tech an. Auf dem Blechtischchen vor ihm blinkt ein kleiner schwarzer Kasten, den er an seinen Laptop angeschlossen hat. „Das Gerät kommt aus China“, sagt der Mann, den hier die Aura eines Gelehrten umweht. „Damit bekomme ich fast jedes Handy geknackt.“ Er wisse oft selbst nicht, was greife, arbeite nach dem Prinzip „trial and error“. Auf dem Computerbildschirm leuchten immer neue Textbandwürmer auf. Routiniert gibt Diallo Steuerbefehle ein. Klickt sich weiter. Noch mehr Buchstabenketten. Noch mehr Befehle. „Man braucht Zeit dafür“, meint der Software-Spezialist, aber an Zeit herrscht in Mali kein Mangel.

  Und dann sind da noch Stände, die so nur in einem Land mit Millionen Smartphones, aber teuren und nur für wenige verfügbare Internet-Verbindungen existieren können. Stände wie der von Traore Cheikh Oumar. Der 23-Jährige trägt polierte Schuhe und ein sauber gebügeltes Hemd. Im Gegensatz zu all den Lötkolben-Mechanikern um ihn herum wirkt Oumar wie ein Büromensch – die Augen auf den Bildschirm seines Laptops gerichtet, einen Haufen Handys auf der Tischplatte daneben. „Ich verkaufe Musik“, erklärt er. „Die Kunden nennen mir ihre Lieblingskünstler und sagen, wie viel Geld sie ausgeben wollen. Den Rest erledige ich“. Der Rest: Das bedeutet für Oumar daheim, wo er einen Internet-Anschluss hat, die gewünschten Titel hochladen. 50 CFA, umgerechnet etwa acht Cent, berechne er pro Musiktitel. Seine Bestseller? Heimische Stars wie Salif Keita, Oumou Sangare oder DJ Arafat, ein französisch-arabischer Dancepop-Produzent. Auch Bob Marley und Tupac seien gefragt.

  Ein Junge bringt einen Rucksack voller Smartphones an den Stand. Er hat sie in seinem Viertel eingesammelt. Morgen wird er wiederkommen und die reparierten und mit Musik aufgerüsteten Geräte zurück zu ihren Besitzern bringen. Auch er verdient indirekt an den Smartphones. Und wenn der Markt für Mobiltelefone weiter so wächst wie in den vergangenen zehn Jahren – laut einer Statistik des Online-Portals Africa-Business legt er auf dem Kontinent jährlich um 30 Prozent zu – dann wird das weitere Arbeitsplätze schaffen. Neben Tausenden Geschäften zum Kauf von Telefonguthaben leben auch die Händler auf dem „marché des téléphones“ von dem Boom. „Wir haben hier jede Menge Jugendliche“, sagt Boubacar Diaware, „die Schlange stehen, um bei uns in die Lehre zu gehen“. Handy-Hacker: Das ist in Bamako ein Beruf mit glänzender Zukunft.

JONATHAN FISCHER

SZ 13.11.2018

Wachablösung – Funk-Pionier George Clinton legt noch einmal ein genialisches Album und eine letzte Tour hin, dann soll die nächste Generation seinen P-Funk übernehmen

P1180556Sein typischer Groove“, heißt es im Lexikoneintrag über den Musikstil Funk, „betont den Downbeat.“ Mit dem Gewicht auf dem ersten Schlag, swingenden Sechzehnteln, vielen Synkopen. Aber reicht musikalische Analyse aus, um das Phänomen Funk zu erklären? Seine Frivolitäten, antiautoritären Provokationen, das ganze Arsenal an quietschbunten Fantasiefiguren?

„Du brauchst immer einen Gegner, der den Funk in dir provoziert“, hat George Clinton einmal erklärt. Der Mann, der Anfang der Siebzigerjahre den Afrofuturismus prägte, bevor der Begriff en vogue war, hat den Funk weit über die Musik hinausgetragen. Ein George-Clinton-Konzert ist eine Mischung aus Musik-Comic und aus dem Ruder laufendem Kindergeburtstag. So rätselte sein Publikum vor dem Auftritt des 77-Jährigen mit seiner Band Parliament beim Mempho Festival in Memphis vor allem über die zu erwartenden Show-Einlagen. Würde Clinton grün-violette Haare tragen, noch mal einen nur mit einer Windel bekleideten Gitarristen auf die Bühne jagen, oder gar das „Mothership“ mitbringen, ein aus 1200 Pfund Aluminium und Tausenden Blinklichtern bestehendes Raumschiff, das bei seinen Konzerten Ende der Siebzigerjahre auf den Bühnen landete? Damals, als er die besten Bühnenbildner vom Broadway engagierte und sich mit seinen Materialschlachten buchstäblich ruinierte.

An diesem Abend kam kein Metallmonstrum herabgeschwebt. Das „Mothership“ steht als Teil der ständigen Sammlung zur afroamerikanischen Geschichte und Kultur seit 2011 im Smithsonian Nationalmuseum in Washington. Und doch wirkt die „Mothership Connection“ aktueller denn je, die ein afrozentrisches Leben im All versprach, ähnlich wie das auch der Jazzpianist Sun Ra versprochen hatte. Wann, wenn nicht in dieser Zeit des Anti-Bürgerrechts-Populismus, kommt diesem Symbol für die Entfremdung afroamerikanischer Sklavennachfahren mehr Bedeutung zu?

Aber auch ohne Raumschiff lässt Parliament diese kosmologische Nabelschnur leuchten. Das Dutzend Musiker gleicht einer aus der Zeit-und-Raum-Kontinuität gefallenen Zirkusfamilie: Übergroße Sternenbrillen, Hippie-Patchwork, außerirdische Plateaustiefel. Dazu ein paar Inkarnationen der Kunstfiguren, die seit Jahrzehnten Clintons Funk-Universum bevölkern. Pinocchio alias Sir Nose wirbelt mit langer Gumminase, freiem Oberkörper und Fellhose über die Bühne. Eine Katzenfrau in Striptease-Wäsche rekelt sich zwischen den Boxen. Der Meister selbst sitzt mit Bowler-Hut und weißem Staubmantel auf einem Hocker. Bis ihn eine brutale Rhythmus-Walze auf die Beine reißt: Minutenlang springt er auf und ab, ballt die Fäuste und brüllt keuchend den Refrain ins Mikrophon – „fuck, motherfuckers get up“. Fuck, ja, da geht die Menge mit. Den gestreckten Zeigefinger in Richtung Rassismus, religiöse Doppelmoral, ja dem ganzen diskursiven Ballast der Gegenwart.

„One Nation Under A Groove“, eine Nation im Groove vereint, postulierte ein legendäres Clinton-Album aus dem Jahre 1978 frei nach dem Treueschwur, den in den USA jedes Kind schon in der Schule lernt und der die Nation unter Gott vereint. Das Mythen-Universum teilte sich Clinton damals mit Sun Ra, Jimi Hendrix und den kosmischen Jazzern. Aber er war es, der mit seinen Bands Parliament und Funkadelic eine Gemeinschaftsekstase mobilisierte, bei der jeder Einzelne in einer Gemeinde der Tänzer aufging. Clintons „P-Funk“ (kurz für „pure“, also für „reinen Funk“) stellte das Ideal der individualistischen Leistungsgesellschaft auf den Kopf.

Was George Clinton da Anfang der Siebzigerjahre mit Synthesizer-Bässen, Bläserriffs, ekstatischen E-Gitarren und unsinnigen Chören produzierte, war wegweisend. Prince und die Red Hot Chili Peppers wären ohne diese Fusion kaum denkbar. Der gesamte West-Coast-Hip-Hop von Dr. Dre über Snoop Dogg bis zu Ice Cube baute seine Hits auf Parliament- und Funkadelic-Samples auf. Frisch klingt das auch heute noch. Zuletzt lud Kendrick Lamar George Clinton als Gast auf sein Grammy-gekröntes Album „To Pimp A Butterfly“, holte ihn der junge Avantgarde-Elektroniker Flying ins Studio. Was Björk dem Pop, das liefert Clinton dem Funk: Ein mythologisch überhöhtes Gesamtkunstwerk.

Wenn jüngere Popkonsumenten Clinton vor allem wegen Cameos in Filmen oder Fernsehserien („How I Met Your Mother“) kennen, dann bringt er sich mit seinem neuen Album noch einmal als Revolutionär in Erinnerung. „Medicaid Fraud Dogg“ (C Kunspyruhzy Records) mit seinen 21 Songs und 106 Minuten ist das erste Parliament-Album seit 38 Jahren. In der Pop-Zeitrechnung (auch wenn man das Album der Zwillings-Band Funkadelic von 2014 mitzählt) ist das wie die Rückkehr einer seltenen Sonnfinsternis. Nur – kann der 77-Jährige noch so sprudeln wie früher? Damals, als er die Blaupausen des Funk lieferte, was ihn nach James Brown zum meist gesampelte Musiker der Welt machte?

Kann er. Auf dem Album katapultiert er den Funk einmal mehr in nicht vorhersehbare Richtungen. So hält er es schon seit Ende der Fünfzigerjahre: Damals probte er noch mit seiner Doo-Wop-Truppe The Parliaments im Hinterzimmer seines Friseursalons in Plainfield, New Jersey. Ein Jahrzehnt später hatte er sie zu diesem psychedelischen Funk-Rock-Zirkus aufgerüstet, mit bis zu dreißig wechselnden Musikern, als schwarzes Gegenstück zum Bühnenbombast von Pink Floyd. Ebenso legendär seine Studio-Sessions, aus der anarchische Funk-Rock-Manifeste wie „Free Your Mind and Your Ass Will Follow“ hervorgingen.

„Medicaid Fraud Dogg“ soll nun das Abschiedsalbum sein. Clinton hat angekündigt, nach der laufenden Tournee aufzuhören. Bis Ende Dezember ist er noch durch die USA unterwegs. Im Frühjahr gibt es noch ein paar Shows in Hawaii und Australien. Dann soll die junge Garde übernehmen. Endgültig. Das Neue im Alten kündigt sich schon auf dem Album an. Einerseits immer noch dieselbe Parliament-Signatur, die auf direktem Weg vom 1974er „Up For The Down Stroke“ zur neuen Single „I’m Gonna Make U Sick O’ Me“ führt. Wuchtige synthetische Bassläufe, quengelnde Keyboards, riffendes Blech. Allein die kraftprotzende Bläsersektion mit den James-Brown-Veteranen Fred Wesley und Pee Wee Ellis schiebt kräftig, während eine junge Generation von Musikern den Parliament-Groove immer wieder neu interpretiert. Zugegeben, streckenweise wirkt das noch skizzenhaft, dünn gestrickt, zumindest im Vergleich mit den Parliament-Klassikern. Eines aber muss man „Loodie Poo Da Pimp“, „Mama Told Me“, oder „All In“ lassen. Niemand würde diese Songs in den Siebzigerjahren verorten. Eher machen sie hörbar, wie viel den P-Funk-Kosmos mit heutigem Rhythm ’n’ Blues und den neuesten Hip-Hop-Spielarten verbindet. Und dabei oft um einiges dadaistischer und origineller daherkommt. „Hump until you hiccup/ pump until the pussy poop“ – das lässt sich beim besten Willen nicht ins Deutsche übersetzen.

Der „Medicaid Fraud“ aber, der Gesundheitsfürsorge-Betrug im Titel, ist nicht als Witz gemeint. Clinton zielt auf all die Auf- putsch und Beruhigungsmittel, mit denen die Pharmaindustrie Millionen Amerikaner abhängig macht, legal und mit Riesenprofit. „Sie machen uns erst krank, um uns dann die Medizin zu verkaufen“ schimpft Clinton und reimt „one nation under sedation“, „eine Nation vereint in der Betäubung“.

Die Alternative liegt auf der Hand: Löst der Funk nicht viele Ängste, weckt Widerstandskräfte – mit leichter Euphorie als Nebenwirkung? Und macht seine verschwenderische Körperlichkeit nicht erst eine Welt erträglich, in der Menschen zur Erhaltung ihrer Existenz meist nur zweckrational funktionieren? Wenn sich der Parliament-Boss über Social-Media-hörige Zombies, Pillenschlucker und zwanghafte Selbstoptimierer mokiert, klingt das weniger belehrend als aus schlechter Erfahrung geboren. Tatsächlich croont die Soulsängerin Tra’zae in „Medicated Creep“ über die Gefahr medikamentös bedingter Persönlichkeitsveränderungen. Und Clinton selbst fordert: „learn to deal with it“, also „lerne mit dem Schmerz zu leben“.

Wer außer ihm könnte geriatrische Themen und Drogenepidemie mit der Adrenalin-Brause des Funk in den Griff kriegen? „Blamier dich ruhig“, beschied er einem Reporter auf die Frage nach seinem Patentrezept für den Funk: „Fahr das Niveau mal runter. Auch wenn du jede Menge weißt, brauchst du das nicht zu zeigen. Der Funk sorgt für sich selbst.“