Monatsarchiv: Oktober 2019

Die Männer werden folgen: Die Psychologin und Bloggerin Fatouma Harber hat den Islamisten und dem malischen Staat die Stirn geboten – jetzt bildet sie in Timbuktu Frauen zu digitalen Aktivistinnen aus

IMG_1529Als Fatouma Harber in der Auberge du Desert eintrifft, nicken die Wachmänner mit den umgehängten Maschinengewehren der kleinen Frau fast ehrfürchtig zu. Jeder kennt sie in Timbuktu. Und jeder weiß, dass die 40-jährige Psychologin, Lehrerin und Bloggerin mit dafür verantwortlich ist, dass die „Mysteriöse“ und „Stadt der 333 Heiligen“, wie die Einwohner sie gerne nennen, heute nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen wird. Vielleicht hatte man sich eine militante Menschenrechts-Aktivistin anders vorgestellt. Irgendwie westlicher gekleidet. Weniger traditionell: Dass Harber – Hornbrille, schwarzer Hijab, bis zu den Knöcheln reichende Kleider – ihre strenge islamische Religiösität auch nach außen demonstriert, hat ihr in Timbuktu jedenfalls nicht zum Nachteil gereicht. Wer hätte gerade sie verdächtigt, während der Besatzung der Stadt durch Dschihadisten in den Jahren 2012 bis 2013 unter dem Pseudonym Fatittystar brisante Nachrichten aus der abgeschnittenen Stadt in die Welt zu schicken? Wer hätte hinter ihrer bewusst nüchternen Fassade den rebellischen Geist einer der bekanntesten Blogerinnen Malis vermutet?

„Als die bewaffneten Gruppen in unser Gebiet kamen, waren alle Ausländer, alle Journalisten geflohen. Wir waren uns selbst überlassen. Da fing ich an, den ganzen Tag darüber zu twittern, was hier vor sich geht: Über die ständigen Kleiderkontrollen, die Frauen, die von den Dschihadisten wegen angeblicher Sittenverstöße in der Polizeistation gefangen gehalten wurden, das Verbot, Musik zu hören oder auch nur an den Gräbern der Sufi-Heiligen zu beten…“ . Später als ausländische Medien ihre Berichte aufnahmen und Harbers Blog für einen Preis nominiert wurde, musste sie aus der Stadt nach Bamako fliehen. Aber sie kam zurück. Weil der Kampf nach der Befreiung der Stadt durch eine französisch-malische Interventionstruppe noch längst nicht gewonnen war. Auch heute noch gelte die Region um Timbuktu weitgehend als rechtsfreies Gebiet und Selbstbedienungsladen für militante Gruppen. Niemand sei hier sicher, sagt sie. Und nicht einmal die heimische Presse berichte darüber, wenn in einem abgelegenen Dorf geplündert und gemordet werde. „Heute sind wir immer noch Opfer, nur dass die Übergriffe nun auch von den Milizen und der malischen Armee kommen, die die Regierung angeblich hierherschickt, um uns zu beschützen.“

Dass Fatouma Harber das offen anspricht, macht sie verwundbar. Sie und ihre Familienmitglieder hätten Morddrohungen erhalten: „Die bewaffneten Gruppen betrachten meine Arbeit als Einmischung in ihre Geschäfte.“ Geschäfte, die oft illegal sind und auch den lukrativen Handel mit Kokain und Marihuana einschließen, der Transport der Rauschgift-Ladungen aus Kolumbien über die Wüste Nord-Malis und das Mittelmeer Richtung Europa ist ein Milliarden-Geschäft. Allerdings lässt sich Harber nicht einschüchtern: Seit einigen Jahren schon bildet sie heimische Frauen in digitaler Technik und ihrer politischen Nutzung aus. Sie hat so Dutzende von Bloggerinnen und Journalistinnen hervorgebracht. Ihr Bildungszentrum Sankoré-Labs – benannt nach dem Stadtteil Sankoré, wo vor 900 Jahren, zu einer Zeit also als Berlin noch ein Dorf war, in Koranschulen und Universitäten Gelehrte aus ganz Arabien lehrten – will den alten demokratischen Geist Timbuktus im Zeichen der Digitalisierung erneuern.

Doch bevor es um Menschenrechte, staatliche Korruption und die Rolle des Islam geht, will sie erst mal über einen ihrer ehemaligen Schüler reden: Mohammed Ag Khaedy. Er war während der Besatzung einer der lokalen Anführer der Dschihadistengruppe Ansar Dine gewesen. Heute morgen hatte sich ein Selbstmordattentäter dieser inzwischen als JNIM firmierenden Bewegung dem einzig verbliebenen Hotel der ehemaligen Touristen-Attraktion Timbuktus genähert. Die Auberge du Desert, das selbe Hotel, in dessen neon-beleuchtetem Speisesaal wir nun das Interview führen. Harber kennt einige der Dschihadisten nur allzugut Mohammed Ag Khaedy etwa sah sie im Fernsehen, als er zusammen mit anderen mit Spitzhacke bewaffeneten Dschihadisten ein Grabmal eines Sufi-Heiligen zerstörte. „Er war ein wohlerzogener Tuareg-Junge“, sagt Harber, die mal seine Lehrerin war. „Zwar hat Ag Khaedy aufgrund seiner religiösen Erziehung schon damals Frauen nicht die Hand gegeben – aber das war nicht bösartig. Oft hat er mir aus seinem Dorf handgefertigten Schmuck aus Kamelleder mitgebracht“.

Ein Kommuniqué der Ansar Dine Nachfolgeorganisation JNIM verkündet am nächsten Tag, „einer unserer Märtyrer“ habe seine Mission erfolgreich abgeschlossen und fünf ungläubige Franzosen in den Tod befördert. Eine Falschmeldung. Tatsächlich hatte sich der Attentäter nur selbst in die Luft gejagt. Die Hotelgäste, ein paar malische Musiker, Fotografen und Frauenaktivistinnen kommen mit dem Schrecken davon. Angereist waren sie für ein Kulturfestival mit Konzerten, Lesungen und Führungs-Workshops für Frauen. Der Bürgermeister der Stadt hatte die Besucher in seiner Eröffnungsansprache als „Zeichen der Normalisierung“ gefeiert. Nun lassen die Gastgeber mich nur noch streng bewacht, verkleidet in Tuareg-Gewänder und Turban mit Sehschlitz außer Haus. Harber aber gibt sich unerschrocken: „Klar, dass wir das Festival nicht abbrechen. Sonst lassen wir sie gewinnen – und bleiben frustriert zurück.“ Auf ihrem Twitter-Account meldet sie in den letzten Wochen: Vier Entführungen oder Entführungsversuche lokaler Amtsträger und Geschäftsmanner. Schüsse auf fahrende Autos. Und die gewaltsame Entwendung eines Krankenwagens.

Dennoch denkt Harber nicht daran, fortzugehen: „Mich treibt vor allem eine Frage um: Wie können wir den Frauen helfen, wieder auf die Beine zu kommen?“ Diese seien einerseits die Hauptleidtragenden der Besatzung und nachfolgenden Krise. Andererseits könne sie auf die Tatkraft der Frauen zählen: „Frauen haben schon immer die Führerschaft in Timbuktu übernommen. Wenn sie vorangehen folgen die Männer nach“. Harber selbst steht für diese weibliche Unbeirrbarkeit. Als der Staat 2012 die Order ausgab, an eine Schule nach Bamako zu wechseln, blieb sie trotzdem da. Sie absolvierte dank einer holländischen NGO eine Ausbildung als Bloggerin. Und als die Organisation 2015 beschloss, Mali zu verlassen, machte sie einfach auf eigene Faust weiter. Sie übernahm das Mobiliar und die 15 Computer, rekrutierte ein Team von Freiwilligen und nannte das ganze Sankoré Labs: Ein Ort, an dem sie vor allem Frauen und Jugendliche in digitaler Technik und ihrer journalistischen Nutzung unterrichtet. Harber selbst gründete einen Verband malischer Blogger. Als deren Präsidentin achtet sie vor allem auf journalistische Standards. Und strikte Unabhängigkeit: „Die traditionellen Presseorgane und Radiosender haben allesamt politische Sponsoren. Ohne deren Unterstützung könnten sie gar nicht ihre Rechnungen zahlen. Und dieser Einfluss färbt auch auf die Berichterstattung. Deswegen sind wir Blogger wichtig: Man kann uns nicht so einfach kaufen.“

Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie erzählt von Selbsthilfe-Initiativen, die man sich vor der Krise kaum habe vorstellen können: Etwa der Aufräumaktion, in der Freiwillige jeden siebten Sonntag die Straßen entmüllen und reparieren. Sie unterstützt auch die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von „Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits“ . Und hat mit Sankoré-Labs Debattier-Clubs ins Leben gerufen. Schüler aller höheren Bildungseinrichtungen studieren dafür die politischen Nachrichten und Journale, um sich schließlich in einem preisgekrönten Debattier-Wettbewerb zu messen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche, sagt Harber, der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften. „Warum glauben Sie, haben die Dschihadisten sich ausgerechnet Timbuktu als Zielscheibe gewählt? Weil wir hier Toleranz leben.“ Die Gotteskrieger hätten ein Exempel an der für ihre Wissenschafts-Tradition berühmten Stadt statuieren wollen. Nur die wenigsten Dschihadisten seien aus Timbuktu selbst gekommen. Vielmehr hätten in Saudiarabien geschulte Prediger seit den Achtzigerjahren die Stadt aufgesucht – und mangels Zuspruch der Bevölkerung, Gläubige mit Essen und Geldgeschenken in ihre Moscheen am Stadtrand und auf den Dörfern gelockt. Auch ihr Schüler Ag Ghaly habe sich dort radikalisiert. Harber sagt: „Wir hatten aufgrund unserer Religion den Dschihadisten gegenüber eine Haltung der Passivität. Heute würden sie uns nicht mehr so leicht unterkriegen.“

Trotzdem sieht Harber die Zukunftsperspektiven Timbuktus skeptisch. Nicht die Islamisten seien das größte Problem. Sondern die Gleichgültigkeit des malischen Staates. Alle sozialen Initiativen vor Ort würden ausschließlich von ONGs getragen. Und dann erst der Zustand des Straßennetzes! Harber hat in den letzten Wochen auf Twitter den Kampf der Einwohner für die Instandsetzung der Überlandstraße vom Süden nach Timbuktu dokumentiert. Eine Schlammpiste, die zur Regenzeit oft unpassierbar wird. Seit Jahrzehnten schon dauere dieser Zustand an – während Milliarden Francs an Entwicklungsgeldern rund um die Hauptstadt Bamako versickerten. „Dritte Nacht der Blockade des Militär-Flughafens durch Demonstranten“, meldet Harber am 8.9. unter dem Hashtag „Tombouctouveutuneroute“. Dazu ein Bizeps-Emoji. Drei Tage später kommen tatsächlich drei Minister aus Bamako und unterschreiben ein Abkommen über die Fertigstellung einer Überlandstraße und der Sanierung des maroden Krankenhauses. Ein Etappensieg für Harber und ihre Verbündeten. Das nächste Projekt: Eine Kampagne zur Senkung der horrenden Online-Gebühren durch die zwei malischen Monopol-Telefongesellschaften – damit mehr Bürger sich im Netz informieren und austauschen können. „Ein Parlamentsabgeordneter“, sagt Harber, „hat uns Blogger als Drogenabhängige geschimpft. Aber sie können uns nicht stoppen. Wenn sie die sozialen Netzwerke blockieren, finden wir einen Umweg“. Harber nestelt an ihrer Brille – und lächelt zum ersten mal vorsichtig. „Vielleicht sind wir wirklich berauscht. Berauscht von Demokratie.“

JONATHAN FISCHER

Ohne die Regeln der Jazz-Polizei – Das Londoner Afrobeat-Kollektiv „Kokoroko“

Die Jazz-Welt hat ein Problem. So viel Freiheit diese Musik auch ausstrahlen mag, so elitär und geschlossen wirkt oft der Club ihrer Liebhaber. „Lange Zeit“, sagt Sheila Maurice-Grey, eine Londoner Jazz-Trompeterin mit westafrikanischen Wurzeln, „war unser Publikum vorwiegend älter, weiß und kam aus der Mittel- und Oberschicht. Nichts gegen Senioren, aber wir haben ein anderes Ziel: junge Menschen zu erreichen, die so aussehen wie wir.“ Maurice-Grey ist Teil einer Szene, die inzwischen genau das erreicht hat: Jazz wieder hip zu machen. Die Avantgarde zurück auf die Straße und in die Clubs zu bringen.

  Ihre amerikanischen Kollegen Kamasi Washington und Thundercat hatten auf der anderen Seite des Atlantiks vorgearbeitet: Seit Gastauftritten auf Kendrick Lamars Album „To Pimp A Butterfly“, 2015, begeisterten sie eine neue Generation für ein vermeintlich verstaubtes Genre. Gleichzeitig zündelte in London eine Szene junger Revolutionäre. Musiker wie Zara McFarlane, Shabaka Hutchings, Moses Boyd oder das Ezra Collective orientieren sich nicht mehr an den Standards, die Jazz in der Vergangenheit gesetzt hatte. Ja, sie müssen überhaupt keinem Genre mehr gehorchen. Stattdessen werfen sie zusammen, was sie am polyglotten Straßenleben Londons schätzen: gebrochene Beats, afrikanische und karibische Sounds, Funk und Punk – oder auch stundenlange Tuba-Schlagzeug-Duelle. Why not?

„Schwarz, britisch und jung“, sagt Maurice-Grey, das reiche als Definition. Mit einigen schwarzen Musikerkolleginnen hat sie das weibliche Jazz-Kollektiv Nérija ins Leben gerufen. Berühmter noch ist ihre zweite Band, das experimentelle Afrobeat-Outfit Kokoroko, dessen Name im westafrikanischen Orobo „bleib stark“ bedeutet und das beweist, dass Qualität, Originalität und Pop-Appeal sich nicht ausschließen müssen. 34 Millionen Klicks hat ihr verträumt-melancholisches Stück „Abusey Junction“ bereits gesammelt – Zahlen, von denen selbst die Superstars des Genres kaum zu träumen wagen. Afro-Folk plus Jazz-Ambiente hoch Inner-City-Coolness. So etwa könnte die Formel für den Kokoroko-Sound lauten. Fünf der zur Hälfte weiblichen Bandmitglieder haben nigerianische Wurzeln. Das hört man. Offensichtlich sind gerade die Bläser tief in die Plattensammlung ihrer Eltern und Großeltern eingetaucht. Highlife und Afrobeat-Stilistiken, selbst schon jazzbeeinflusste Hybride treffen da auf die unakademische Coolness des jungen migrantischen London.

  „Alle bringen ihre Kultur und ihre Wahrheit ein“, erklärt Maurice Grey, „und machen das zu einem britischen Ding.“ Das klingt angesichts der Brexit-Debatte wie eine heilsame Wahrheit. Was wäre der britische Pop ohne diese Offenheit? Und wer schert sich um die Jazz-Polizei, wenn es gelingt, abseits der Major Labels und renommierten Konzerthallen junge Menschen wieder für Jamsessions und Improvisationsabenteuer zu begeistern?

  Angefangen hatte Maurice Grey als Mitglied eines Jugendprojekts, der Straßen-Karneval-Truppe Kinetica Bloco, wo sie den späteren Kokoroko-Schlagzeuger Onome Edgeworth kennenlernte. Wichtiger noch für ihre musikalische Entwicklung: Die „Tomorrow’s Warriors“, eine von Veteran Gary Crosby gegründete Talentschmiede, die vor allem schwarze und weibliche Musiker adressierte und ihnen die Möglichkeit gab, mit arrivierten Jazzern zu jammen und sich zu professionalisieren. Auch Zara McFarlane, Moses Boyd, Shabaka Hutchings oder die Kokoroko 2Saxofonistin Nubya Garcia durchliefen diese Schule.

  2018 sollte Gilles Petersons Label Brownswood auf der Kompilation „We Out Here“ einige der Stars dieser Szene vorstellen. Kokorokos „Abusey Junction“ lieferte dabei den heimlichen Hit. Wer konnte dieser von harmonischen Bläserriffs getragenen Gitarrenlyrik widerstehen? Auf einer im März 2019 veröffentlichten EP zeigte das Kollektiv seine ganze Bandbreite. Vom zurückgenommenen afrikanischen Walzer „Ti-de“ bis zum rhythmisch anschwellenden Afrobeat von „Uman“, einer Hymne an den Kampf schwarzer Frauen. Am stärksten aber kommt der Gemeinschaftsgeist von Kokoroko immer noch live rüber – vor einem Publikum, das immer öfter so aussieht wie sie.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.10.2019

Dem Unkraut eine Chance – Alain Mabanckous Roman „Petit Piment“

Schon der Name des Jungen fühlt sich an wie ein Auftrag, dem er niemals gerecht werden kann. Der Schüler eines Waisenhauses, der von den Respektlosen einfach Mose gerufen wird, heißt eigentlich „Tokumisa Nzambe po Mose yamoyindo abotami namboka ya Bakoko“, was aus dem Lingala übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie: „Wir wollen Gott dafür danken, dass der schwarze Moses im Land seiner Vorfahren geboren wurde“.

  Zu verdanken hat Mose alias Petit Piment seinen Bandwurmnamen einem katholischen Pater. Papa Moupon ist die einzige Vaterfigur im Leben der Kinder des Waisenhauses von Loango, einem Vorort der kongolesischen Hafenstadt Ponte Noire. Sein zweiwöchentlicher Besuch wird von allen sehnsüchtig erwartet: „Während der zwei Stunden vergaßen wir, wer wir waren und wo wir uns befanden. Wenn Papa Moupelo richtig in Fahrt kam und die Sprünge eines Frosches nachahmte, um uns den berühmten Pygmäentanz aus seinem Heimatland Zaire vorzuführen, drang unser Gelächter bis nach draußen vor das Waisenhaus“. Später sollten die Jungen tagelang dieses Erlebnis kommentieren, in ihrem Schlafsaal die Schrittfolgen nachahmen, „bis die sechs Männer von der Aufsicht in ihrer Eifersucht auf den Einfluss, den der Gottesdiener auf uns hatte, ihre Peitsche schwangen“.

  So beginnt „Petit Piment“ von Alain Mabanckou. Der kongolesische Schriftsteller, Essayist und Dichter hat seinen neuen Roman den „Herumtreibern der Cote Sauvage“ gewidmet, die ihm während eines Aufenthalts in seiner Geburtsstadt Pointe Noire „einige Kapitel aus ihrem Leben erzählten“. So besagt es die Widmung zu Beginn des Buches. Mabanckou, der zur Zeit eine Professur an der Universität in Los Angeles inne hat, gehört spätestens seit seinem 2005 erschienenen Roman „Zerbrochenes Glas“ zu den großen zeitgenössischen Geschichtenerzählern Afrikas.

  Ende der Achtzigerjahre war er für ein Jura-Studium nach Paris gekommen. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als juristischer Berater für einen Wirtschaftskonzern, um nebenbei zu schreiben. Seine Themen lieferte ihm seine eigene Geschichte: Mit wütendem Witz und viel Folklore porträtierte er die Lebenswelten der schwarzen Communities von Paris wie auch des Kongo-Brazzaville seiner Jugend. Für sein Gesamtwerk – zu dem Romane wie „Black Bazar“ und „Stachelschweins Memoiren“ gehören – gewann Mabanckou den französischen Grand Prix de Littérature.

  Als der Schriftsteller 2012 zum ersten Mal nach 23 Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrte, schrieb er „Die Lichter von Pointe-Noire“, eine bittersüße Spurensuche nach der eigenen Familie. „Petit Piment“ nimmt das Thema Heimat noch einmal auf. Nur dass die Romanhelden nun junge Waisen wie Mose sind. Oft sind diese Kinder von ihren Familien, die damit überfordert waren, noch einen Mund zu stopfen, ins Waisenhaus abgeschoben worden – wo sie ein Leben voller Grausamkeiten, Gewalt und Willkür-Herrschaft erwartet. Ein Abbild der kongolesischen Überlebens-Hierarchie der 70er und 80er Jahre im Kleinen.

  Wo aber können diese jungen Seelen Heimat oder gar Geborgenheit finden? Mabanckou bedient sich wie viele der Klassiker der afrikanischen Literatur der kindlichen Perspektive. Petit Piment erzählt uns seine Welt. Und erst sein unschuldiger Blick entlarvt die Verlogenheit der Erwachsenen, ihre Korruption, die sich auch im Alltag des vom Kinderhasser Dieudonné Ngoulmoumako regierten Waisenhauses manifestiert: Mütter leisten ihm ihren Schützlingen zuliebe sexuell Gefälligkeiten. Seine Aufseher hat er allesamt aus der eigenen Verwandtschaft rekrutiert. Das schillernde Personal reicht vom Prügel-Junkie bis zum Leichenschänder. Petit Piment und seine Kameraden aber haben lediglich zu folgen – und dürfen auf keinen Fall kritische Fragen stellen.

  Auch dann nicht, als Papa Moupelo eines Tages nicht mehr kommt. Seine Lieder und Tänze – so der kleine Mose – hatten „zu einem für jeden erschwinglichen Preis Hoffnung auf ein besseres Leben“ gemacht. Nun aber gilt der alte Glaube nicht mehr. Der „wissenschaftliche Sozialismus“ wird ausgerufen. Eine neue, durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Regierung erklärt Papa Moupelo wie alle Kirchenmänner zu „Handlangern des Imperialismus“. Und Direktor Dieudonné, der einer im Machtkampf unterlegenen Ethnie angehört, hält seine Stellung vor allem durch Speichelleckerei. Er lässt öffentliche Anschläge mit den Reden und Heldentaten des neuen sozialistischen Präsident anbringen – und alle Schüler bestrafen, die diese nicht fehlerfrei aufsagen können. Doch auch wenn die „Revolution über uns kam wie ein Regen, den selbst unsere ruhmreichsten Fetischeure nicht hatten kommen sehen“, dann entfaltet sie doch eine ganz unfreiwillige Komik. Der neue Präsident soll bereits als Kind ein Krokodil am Schwanz gepackt, mit einer Ohrfeige betäubt und lebendig bei seiner Großmutter abgeliefert haben, damit sie Fleisch für das ganze Dorf kocht? „Laut Dieudonné war der neue Präsident ein Pendant zu Jesus Christus“. Und: „Mit der Schaffung der Kongolesischen Arbeiterpartei, der Vereinigung der sozialistischen kongolesischen Jugend und der nationalen Pionierbewegung hatte er lediglich das befolgt, was ihm unsere Ahnen im Schlaf eingegeben hatten“. Eine Groteske, die allerdings für Kenner der politischen Realitäten der beiden Kongos kaum übertrieben wirkt.

Wen wundert es, dass die Schüler rasch vom Opportunismus ihrer Vorgesetzten lernen? Mose steigt zu „Petit Piment“ auf, der kleine Pfeffer, nachdem er in einer Racheaktion für seinen besten Freund den als Schrecken des Schlafsaals agierenden Zwillingsbrüdern Songi-Songi und Tala-Tala heimlich Pfeffer in ihr Trinkwasser gemischt hatte. Sie machen ihn darauf zu ihrem Kumpel und Handlanger. Doch als die drei gemeinsam aus dem Waisenhaus türmen, erwartet sie auf den Straßen von Pointe Noire kaum ein besseres Leben. Der Bürgermeister führt seinen Wahlkampf mit einer Kampagne gegen die „Stechmücken“. Gemeint sind die Straßenkinder. Er lässt sie vom Markt vertreiben, wo sie mit Diebstahl und Bettelei ein Auskommen hatten. Nun treiben sie sich an der Cote Sauvage herum, lassen sich von den Zwillingsbrüdern ihre Einkünfte abpressen und – zum Grauen von Petit Piment – auch mal einen Hund oder eine Katze den Kochtopf wandern. Er sieht die Welt immer noch durch staunende Kinderaugen: Warum misstrauen sich in seiner Bande die Lahmen und die Blinden, wenn sie sich doch gegenseitig helfen und gemeinsam stärker sein könnten?   

  Die Begegnung mit einer zairischen Prostituierten namens Fiat 500 beschert Petit Piments Leben eine Wende: Die großherzige Puffmutter nimmt ihn unter ihre Fittiche. Sie lässt den Straßenjungen Besorgungen für ihre Mädchen machen, und diese ziehen in als Gesprächspartner ins Vertrauen. Zum ersten mal fühlt sich Petit Piment daheim. Ausgerechnet bei den Bordell-Mädchen. Fiat 500 findet über ihre Beziehungen sogar einen Job als Hafenarbeiter für ihren Schützling. Doch das Happy-End bleibt aus. Petit Piment, der schon seine Eltern, Papa Moupelo und die von ihm geliebte Internats-Schwester Sabine verloren hat, wird auch dieser Familie beraubt. Vom einen Tag auf den anderen verschwinden Mama Fiat 500 und ihre Mädchen spurlos. Diesmal hatte es der Wahlkampf des Bürgermeisters auf die Prostituierten aus Zaire abgesehen – vom einstigen Bordell ist nur noch ein Trümmerfeld geblieben. Für Petit Piment ist das zuviel. Er verliert den Verstand. Beklagt sich über bösartige Zwerge und verlorene Adverbien und trudelt einem ebenso tragischen wie überraschenden Ende zu.

  „Wir müssen unsere Vorstellung tropikalisieren“, hat Mabanckou, der als Schulkind noch Marcel Proust lesen musste, von der afrikanischen Literatur gefordert. Dafür hat er einen ganz eigenen, üppig wuchernden Erzählstil gefunden: Mal mäandert er in die afrikanische Mythologie, erzählt von Ahnenverehrung und Aberglauben – oder schildert ironisch die Rituale der Bordell-Kunden wie auch die Selbstbeweihräucherungen aller möglichen Autoritäten vom Psychiater bis zum traditionellen Heiler. Das kann urkomisch sein. Und trägt doch immer auch eine gewisse Wut und Trauer mit sich. Kann es sein, dass seine Landsleute bei allem Optimismus in die immer gleichen Korruptionsfallen tappen? In zahlreichen Anekdoten verflicht Mabanckou die Geschichte des Kongo mit der Biografie seiner Figuren. Mal geht es um die 5 000 kubanischen Soldaten, die Fidel Castro für die Revolution über den Kongo nach Angola schickte, mal um die irren Machtspiele von Zaires Diktator Mobutu.

  Und dann sind da noch die post-kolonialen Reflexe, etwa wenn der Waisenhaus-Direktor Dieudonné einer Parteikommission, die die Misstände in seiner Anstalt untersucht, entgegnet, man solle „nicht alle Waisenhäuser verdächtigen Orte der Pädaphilie zu sein. Das gibt es nur in Europa. Nicht bei uns“. Dass die Geschichte dennoch ein menschliches Gesicht behält, das verdankt sich vor allem den Frauenfiguren: Sie sind es, die obwohl immer auch Opfer, Stärke und Mitgefühl zeigen. Sie wollen zumindest ihre Kinder retten.

  Und stellen sich wie etwa Schwester Sabine schützend vor Petit Piment, verarzten die Wunden, die ihm die Peitschen der Aufseher zugefügt haben. Vor allem aber bringen sie einen lebensrettenden Pragmatismus ins Spiel: „Ich bin Unkraut“, erklärt Fiat 500 ihrem Schützling einmal, „aber ich bin auch das Glück einiger Männer in diesem Viertel, nicht mehr und nicht weniger“. Und Petit Piment weiß, dass allein das zum Leben reicht. Dass im Reich der Verwüstung manchmal nur das Unkraut eine Chance hat.

Alain Mabanckou: Petit Piment. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag, 2019. 239 Seiten, 20 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 14.10.2019Mabanckou

Kinshasa Punk, Nouakchott Blues – Afropop Kolumne

Tinariwen waren die ersten, die ihre Gitarren elektrifizierten. Die ersten auch, die vor knapp zwei Jahrzehnten den Westen für den Tuareg-Rock begeisterten. Nie aber schlurfte der Sahara-Blues lässiger als auf „Amadjar“ (Wedge). Verzerrte Gitarren folgen subtil verschnörkelten Schaukel-Rhythmen. Pentatonische Riffs perlen in aufreizender Trägheit aus den Verstärkern. Dazu singen Baritonstimmen in eine gefühlt endlose Weite hinein. „Verloren in der Nacht hat mich mein Durst geweckt/ meine Seele ist verwirrt, ich glaube keinem mehr…/ ich bin der Sohn von Gazellen geworden, die durch die Wüste streifen…“ So wie „Tenere Maloulat“ dreht sich das ganze Album um den politischen und persönlichen Verrat, die korrumpierende Macht des Geldes – und die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die von Bürgerkriegs-Wirren gebeutelte Heimat Nord-Mali. Alles natürlich in der bildhaften Poesie des Tamashek. Einige der Bandmitglieder hatten einst mit der Waffe für einen Tuareg-Staat gekämpft, um in den 90er Jahren ihre Kalaschnikows gegen E-Gitarren einzutauschen. Der Rebellen-Mythos schmückt sie noch immer – und verstärkt die Anziehungskraft ihres epischen Wüstenblues im Westen. Wie aber lässt sich die raue Magie ihrer Live-Auftritte bei Hochzeiten und Festen im Studio einfangen? So tourten Tinariwen diesmal in einem zum mobilen Aufnahmestudio umgebauten Kleinbus durch die West-Sahara. Abends beim Lagerfeuer auf den Dünen wurde mitgeschnitten. Um schließlich im Studio in Mauretaniens Hauptstadt Nuakchott die wunderbar schneidenden Sirenen-Gesänge von Mouria Mint Seymali in den Mix zu werfen. Erst im Nachgang kamen auch noch westliche Gäste dazu: Da liefern etwa Gitarrist Micah Nelson, der Sohn von Willie Nelson, oder Nick Caves exztenrischer Soundtüftler Warren Ellis ganz wunderbare Country-Blues-Färbungen. Letzterer spielt Violine und setzt gekonnt elektronische Effekte ein, die mal wieder deutlich machen, wie nah sich Mississippi und Niger kommen.

Dass eine der besten Afrojazz-Bands der Welt ausgerechnet aus Kopenhagen kommt – das kann in dieser globalisierten Welt schon passieren. Doch wenn The Kuti Mangoes auf ihrem letzten Album vor allem die Impressionen aus einem Feldtrip nach Mali und Burkina Faso in verarbeiteten, verschieben sie auf „Afrotropism“ den Akzent: Weniger Retro-Highlife, mehr nordischer Jazz und Experiment. So fordern bereits die ersten Takte des Openers „Stretch Towards The Sun“ mit sirrenden Synthesizer-Riffs heraus. Inspiriert ist das angegblich von den polyrhythmischen Riffs eines afrikanischen Balafons – das Ergebnis erinnert in seinen besten Momenten an eine Afro-Version von Joe Zawinul und seinem Syndicate. In seinen schlechteren bleibt es einfach eine Nervenprobe. Jedenfalls riskieren die Dänen einiges, wenn sie etwa auf „A Snake Is Just A String“ den malischen Gitarren-Blues eines Ali Farka Touré mit synthetischen Sounds nachbilden, sie in „Call Of The BulBul Bird“ Afro-Rock, elektronische Percussion und Samba zusammenbringen. Nach den ersten Schreckminuten landen sie dann doch in akustischem Groove-Gelände. Und da funktioniert sowohl die Afrobeat-Message von „Money Is The Curse“ auch als auch die von einem Ngoni-Sample getriebene Jam „Sand to Soul“ ganz hervorragend.

Vorbei die Zeit, als der Kongo noch verlässlich für süßliche Rumba-Klänge stand. Zwischen Paris und Kinshasa brauen sich stattdessen dunkle Gewitterwoken zusammen, treffen gebrochene Beats, Tiefstbässe und ekstatische Chants aufeinander, gelten Genres nichts mehr und die Energie alles. Das zumindest suggeriert „No Romance“ (Glitterbeat) Es ist die erste EP vom Bantou Mentale und Vorbote eines Ende Oktober erscheinenden Debut-Albums. Dahinter stecken drei kongolesische Veteranen. Plus Liam Farrell alias Doctor L. Der irischstämmige und in Paris aufgewachsene Musiker und Produzent hatte im letzten Jahrzehnt schon einige afrofuturistische Projekte angestoßen: Unter anderem die Amazones d‘ Afrique oder die aus Teilen von Staff Benda Bilili hervorgegangene Band Mbongwana Star. Letztere schoss den kongolesischen Pop in ein elektronisches Universum zwischen Ambient und frühem Chicago House. Bantou Mentale aber zielt noch weiter. Kracht, Funkt. Und schrammt an den Grenzen eines düsteren afrikanischen Blade Runner Soundtracks. Aber: „Der Kongo ist ein Land von großer spiritueller Sanftheit“. Das sagt Drummer und Songwriter Cubain Kabeya. Und tatsächlich kann man Sanftheit inmitten des Lärms spüren. Immer wenn das Hexen-Gebräu droht, zu artifizell zu werden, werfen sich ein paar klingelnde Gitarren-Riffs dazwischen, hieven ätherische Chor-Gesänge die Songs in anderweltliche Sphären irgendwo zwischen Traum und Alptraum. Es ist genau der Punk, auf den man angesichts der rohen, überlebenswütigen Straßenkultur Kinshasas immer gehofft hatte.

JONATHAN FISCHER

SZ 8.10.2019Bantou Mentale EP