Monatsarchiv: Oktober 2014

Fahrten zum Himmel und zur Hölle: Das neue Album «Emma Jean» des amerikanischen Soulsängers Lee Fields

Der amerikanische Soul-Veteran Lee Fields ist tief in der Tradition verwurzelt. Zusammen mit seiner jungen Hipster-Band The Expressions aus Brooklyn katapultiert er die Schmerzenslust des Deep Soul in die Gegenwart.

Lee Fields auf der Bühne zu erleben, das bedeutet jedes Mal eine Überrumpelung. Man würde diesem freundlichen, kleinen Mann, dessen schlichter Anzug so gar nichts von der glamourösen Sex-Machine seines einstigen Soul-Genossen James Brown ausstrahlt, der sich gestisch auf ein paar fahrige Handbewegungen beschränkt und dem bereits im Stehen die Schweissperlen wie Tränen über das zerfurchte Gesicht laufen, wohl kaum dieses Gewaltaubruchs verdächtigen. Dieser Himmel-und-Höllen-Fahrt. Bis er den Mund aufmacht.

«Fields‘ Stimme», schrieb ein Kritiker, «hat die entsetzliche Wucht eines Ledergürtels in der Hand eines gewalttätigen Vaters und gleichzeitig die Verletzlichkeit der Kinderärmchen, die sich zum Schutz vor den Schlägen erheben.» Keine Übertreibung. Denn der alte Mann brennt es den Nachgeborenen geradezu ins Nervensystem, dass Soul ein Abgrund aus Schmerz, Leiden und Enttäuschung ist, dem sich allerdings dank menschlicher Seelenkraft eine unbedingte Bejahung des Lebens abtrotzen lässt. Schrecklich. Schrecklich schön.

Fields liefert den harten Stoff, von dem man auch nach drei Alben auf dem Brooklyner Truth-And-Soul-Label nicht genug bekommt. Nach der 2009 veröffentlichten CD «My World» und «Faithful Man» aus dem Jahr 2012 haben Lee Fields & The Expressions nun ein neues Set herausgebracht: «Emma Jean» gräbt noch einmal tiefer als die Vorgänger, wagt sich an eine mit den 1960er Jahren assoziierte, Blues-gesättigte Funkiness, ohne jemals ins Nostalgische abzurutschen. Songs wie «Talk To Somebody», «Eye To Eye», «Paralyzed» triefen geradezu vor Gefühlen der Verlassenheit und Entfremdung. Und doch schafft Lee Fields stets den Umschwung zur Katharsis, stets boxt er sich, angefeuert von Soul-Bläsern, stechenden Gitarren-Riffs und präzisen Funk-Rhythmen, aus der Misere, um das Blatt elegant zu wenden – wie einst Muhammad Ali gegen George Foreman.

Vergleiche mit Soul-Legenden tun Fields Unrecht. Er singt in einer Klasse für sich: altmeisterlich-geschmeidig, aber nie abgeklärt. Da hört man ihn bald tief und kehlig grollen, bald lustvoll schmachten, das Flehen eines Mannes, der zu reif ist, um an das billige Glück zu glauben. Sei es die Lässigkeit, mit der er JJ Cales Ballade «Magnolia» zum Brennen bringt, oder die Paarung von Melancholie und Leichtfüssigkeit in «Just Can’t Win»: Selten kam Soul so mühelos dahergetanzt. Dabei sah es lange so aus, als würde Lee Fields eine Fussnote im Soul-Lexikon bleiben. Einer der Helden, von denen nur ein paar Sammler raunen. Möglich, dass man einen guten Mann nicht ewig unten halten kann – wie es so viele Soul-Songs beschwören – und dass Fields‘ Durchhaltevermögen letztlich den Ausschlag gab. Denn wo andere längst das Handtuch warfen, hat der Soul-Veteran immer gesungen – ob jemand zuhörte oder nicht. Bereits seit 1969 steht er auf der Bühne, er liess sich einst vom Deep-Soul-Grossmeister O. V. Wright in der Zelebrierung des Unglücks anlernen, nahm ein Dutzend erfolglose Singles auf, veröffentlichte 1979 ein obskures und seitdem teuer gehandeltes Debütalbum und tingelte durch die Südstaaten – mit einem Sound, der zum Rohesten des Rohen gehörte, James Brown in die Kirche zurückholte und Otis Redding in den Beichtstuhl. Jahrzehntelang waren Lee Fields‘ Soul-Dramen dem sogenannten Chitlin‘ Circuit, einer unterhalb des Mainstream-Radars existierenden schwarzen Lokal-Szene, vorbehalten. Bis 2002 ein paar Soul-fanatische Hipster aus Brooklyn ihn ins Studio zerrten. Das Album «Problems» brachte Fields‘ zweite Karriere in Schwung und machte ihn zusammen mit ähnlich tragisch erfolglosen Veteranen wie Sharon Jones und Charles Bradley zum Fackelträger eines Revivals, das wohl selbst Fans kaum zu erträumen wagten: Südstaaten-Soul mit Hipster-Bonus. Der Sound der 1960er Jahre mit der Dringlichkeit des Hier und Jetzt.

Was aber macht die Aktualität dieses einst von Ray Charles und Little Richard revolutionierten Vokalstils aus? Warum entdeckt die Generation iPod einen vermeintlich historischen Schmirgel-und-Schmutz-Sound? Wohl gerade deswegen: weil sich hier Texte und Arrangements noch aneinander reiben und der Gesang als quasireligiöses Ritual im Vordergrund steht. Gewichtungen also, die dem modernen Produzenten-Rhythm’n’Blues und dessen Arrangements diametral entgegenlaufen. Es wäre aber zu einfach, das Alte gegen das Neue auszuspielen. Lee Fields‘ Musik ist nicht retro. Sondern quasi eine postmoderne Konstruktion: Seine junge Brooklyner Band zitiert und montiert Versatzstücke der schwarzen Musikgeschichte, plündert die eigene Plattensammlung mit der Do-it-yourself-Attitüde des Hip-Hop, motzt Riffs auf, schneidet Überliefertes zurecht. Damit daraus Soul wird, braucht sie vom Schicksal gezeichnete Stimmen des Alten. Umgekehrt würde Lee Fields ohne seine weisse Begleittruppe noch immer im Ghetto des Südstaaten-Soul verharren, auf Mother’s Day Picnics, in Kasinos und Kaschemmen zwischen Alabama und Texas auftreten und seine mit billigem Keyboard-Sound selbstproduzierten Alben lokalen Blues-Sendern andienen.

Auf «Emma Jean» treffen sich beide Welten: der schwarze Blues-Klub und die Speerspitze des alternativen Soul. Und obwohl hier alles – vom harten Snare-Sound bis zur molligen Bläser-Interpunktion – perfekt sitzt, hat die Musik eine entspannte, ja fast träumerische Qualität. Lee Fields scheint seine Songs nicht bloss zu intonieren, er lebt förmlich in ihnen. Deshalb ist «Emma Jean» das überzeugendste Soul-Album der letzten Jahre.

Lee Fields & The Expressions: Emma Jean (Truth and Soul)

JONATHAN FISCHER

NZZ 24.10.2014

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„Ich muss niemandem mehr etwas beweisen“: Vor fast einem halben Jahrhundert hat Aretha Franklin ihr „Respect“ in die Welt geschmettert. Seither hat sich viel getan, sagt die 72-jährige „Königin des Soul“: für Afroamerikaner, für Frauen, für Minderheiten. Die jungen Menschen von heute tun ihr trotzdem leid

Soul: Es gibt wenige Musiker, die diesen Begriff so geprägt haben wie Aretha Franklin. Die Sängerin und Pianistin aus Memphis, Tennessee, hat den afroamerikanischen Pop vor einem halben Jahrhundert nicht nur populär gemacht. Sie ist ihm ihr Leben lang treu geblieben, hat bei Bill Clintons und Barack Obamas Amtseinführungen gesungen und nun, mit 72 Jahren, noch einmal ein Album veröffentlicht: „Aretha Franklin Sings The Great Diva Classics“. Es ist eine Sammlung von Coversongs, die der Soul-Königin am Herzen liegen (von Etta James’ „At Last“ bis Gloria Gaynors „I Will Survive“).

SZ: Bevor wir über Ihre Musik sprechen, würde ich gerne kurz über ein ganz anderes Thema reden, Mrs. Franklin. Sie sind in den vergangenen Jahren besonders wegen Ihrer wechselnden Diäten und dem damit einhergehenden Gewichtsverlust in die Schlagzeilen geraten. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Aretha Franklin: Danke, mir geht es gut. Aber ich musste mein Leben wegen Diabetes umstellen: keine Cola, keine Schokolade, halbe Portionen. Seitdem habe ich 80 Pfund verloren. Und ich mache viermal die Woche mein Fitnessprogramm.

Wie sieht das aus?

Ich mache alle meine Einkäufe zu Fuß, laufe durch den Supermarkt, bis zu dreimal durch alle Gänge . . .

. . . und niemand erkennt Sie?

Oft kann ich ungestört durch den gesamten Laden marschieren. Nur an der Kasse kommen ab und zu Fans, die Autogramme und Fotos wollen.

Vor vier Jahren wurden Sie ins Krankenhaus gebracht. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson eilte zu Ihnen ans Bett, und weltweit bangten die Fans um Ihr Leben. Es hieß, sie hätten Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Wollen Sie in meiner Krankheitsgeschichte rumwühlen, oder interessieren Sie sich für meine Musik?

Gut, sprechen wir von Ihrem neuen Album. Neben Klassikern haben Sie auch Songs wie „Rolling In The Deep“ von Ihrer jungen britischen Kollegin Adele neu aufgenommen. Wollten Sie dem Nachwuchs Nachhilfe in Soul erteilen?

Nein, nein! Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Aber lassen Sie mich etwas zu Adele sagen: Ich respektiere sie als großartige Songwriterin – und ich bewundere ihre unverwechselbare Stimme. Zugegeben, zuerst habe ich sie gar nicht mitbekommen. Dann hörte ich ein, zwei Songs im Radio: Das gefiel mir so gut, dass ich sofort jemanden losschickte, um die CD zu besorgen.

Ist Adele die Kronprinzessin des Soul?

Sie sind ein bisschen vorschnell mit Ihren Vorschlägen. Aber gut, in die engere Auswahl würde ich sie durchaus nehmen. Ich möchte nächstes Jahr mit ihr, Alicia Keys und Stevie Wonder ins Studio gehen.

Das Wort Soul wird heute inflationär gebraucht, so gut wie jedes Sternchen einer Castingshow beansprucht es für sich. Wie definieren Sie diese Musik?

Soul ist eine Qualität, die sich einerseits auf herausragende vokale Fähigkeiten bezieht, andererseits bezeichnet sie auch einen spirituellen Zustand.

Einen Zustand, in den Sie hineingeboren wurden – wie in die Kirche Ihres Vaters?

Hineingeboren nicht. Aber ich habe als zwölfjähriges Mädchen angefangen, Gospel zu singen. Das hat meinen Stil geprägt. Die große Gospelsängerin Clara Ward war damals mein Vorbild, oft saß ich auch neben James Cleveland am Klavier.

Ihr Vater, Reverend C. L. Franklin, ebnete Ihnen den Weg zu einer professionellen Karriere.

Oh ja, ich begleitete meinen Vater jedes Wochenende. Er hatte damals schon drei Dutzend Bestseller mit Predigtplatten und füllte große Stadthallen und Arenen. Und ich sang, bevor er predigte. Hinterher gab er mir jeweils 50 Dollar. Viel Geld.

Nach ein paar Alben mit Pop- und Jazz-Covern für Columbia nahm Sie 1967 Atlantic Records unter Vertrag. Ihr Produzent Jerry Wexler soll den Musikern die Anweisung gegeben haben, alles nur noch um Ihre tolle Stimme herum zu arrangieren.

Es hat offensichtlich funktioniert. Meine Begleitmusiker verstanden meine Herkunft aus der Gospelmusik, und wir spielten in kürzester Zeit eine Menge Hits ein: „I Never Loved A Man“, „Think“, „Chain of Fools“. Und „Respect“, das eine Art Hymne der Bürgerrechtsbewegung wurde.

Neben Bürgerrechtlern haben auch Feministen und Schwule „Respect“ für sich beansprucht. Für wen haben Sie den Song ursprünglich gesungen?

Für die ganze Menschheit. Jeder wünscht sich Respekt, selbst kleine Kinder wollen auf ihre Art gesehen werden. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn die Feministen den Song als Mantra kapern.

Weil Sie sich selbst als Frau Respekt erkämpfen mussten?

Ich werde nicht vor Ihnen mein Privatleben enthüllen. Aber wir Frauen haben seit 1967, dem Jahr, in dem „Respect“ erschien, einiges erreicht. Wir sind nicht nur in Wissenschaft, Medien und Wirtschaft durch eine unsichtbare Mauer gebrochen. In nicht allzu ferner Zukunft könnte es auch die erste amerikanische Präsidentin geben.

Sprechen Sie von Hillary Clinton?

Ja. Ich werde sie auf jeden Fall unterstützen. Sie ist sehr intelligent, hat einen scharfen Verstand und ein großes Herz.

Barack Obamas Popularität ist in den USA momentan im Keller. Glauben Sie, Hillary Clinton kann es besser machen?

Die Frage erscheint mir unangemessen. Ich bin Musikerin, nicht Politikerin.

Obama könnte Ihr „Respect“ gerade ganz gut gebrauchen.

Mir tut es leid, wie viele Menschen schlecht über ihn reden. Er hat es nicht verdient. Ich erinnere mich, wie wir bei seiner Inaugurationsfeier kurz geplaudert haben. Er kennt alle meine Songs. Dass er es zwei Mal ins Weiße Haus geschafft hat, ist eine Botschaft an unsere jungen schwarzen Menschen.

Haben Sie auch eine Botschaft?

Meine Songs sprechen für sich. Jeder junge Mensch sollte versuchen, sein Talent zu entfalten. Aber genauso wichtig ist es, Bücher zu lesen, Filme anzuschauen, die eigene Geschichte zu studieren.

Glauben Sie, dass es junge Menschen heute schwerer haben?

Auf jeden Fall. In den Nachrichten sehe ich nur Verbrechen, in Amerika und überall auf der Welt. Menschen, die andere abschlachten und das auch noch filmen: So etwas gab es zu meiner Schulzeit nicht. Wie soll man da Zuversicht entwickeln?

War es für Sie nicht auch schrecklich zu erleben, wie damals viele Ihrer Mitstreiter von Rassisten ermordet wurden?

Diese Nachrichten waren schrecklich. Aber mein Vater brachte mir bei, mich nicht um Dinge zu sorgen, die außerhalb meiner Kontrolle sind. Martin Luther King war ein Freund unserer Familie. Er saß oft mit uns am Essenstisch und hat uns angesteckt mit seiner Begeisterung für ein neues, gerechteres Amerika. Sein Traum hat etwas bewegt: Zumindest Amerika ist heute gerechter als damals.

Sprechen wir noch kurz über Ihre zweite Leidenschaft, Mrs. Franklin. Sie sind auch als Soulfood-Köchin bekannt. Wo verbringen Sie mehr Zeit, im Aufnahmestudio oder in der Küche?

In der Küche natürlich! Da werkle ich jeden Tag herum – und singe dabei.

Was sind Ihre Lieblingsgerichte?

Gebackenes Hühnchen im Teigmantel, Käse-Makkaroni und Omeletts. Und wenn ich für meine Kirchengemeinde koche, mache ich Ochsenschwanzsuppe.

Besteht die Chance, das mal zu probieren?

Stellen Sie mir eine Küche zur Verfügung, wenn ich nach Deutschland komme, dann sehen wir weiter. Aber ich habe noch eine bessere Idee: Besorgen Sie sich das Aretha-Franklin-Kochbuch. Ich schreibe gerade noch daran.

Sie arbeiten außerdem an einer Verfilmung Ihrer Lebensgeschichte. Das Projekt läuft nun schon seit acht Jahren.

Ich hoffe, bald zu einer Einigung mit dem Kabelsender zu kommen. Sehen Sie, ich muss die kreative Kontrolle behalten. Sonst würden Sie mich und mein Leben nicht wiedererkennen. Auf jeden Fall soll Denzel Washington meinen Vater spielen. Und ich muss noch prüfen, wie weit sich Audra McDonald in meiner Rolle zurechtfindet. Ich habe da einen guten Geschmack.

Welche Musik läuft bei Ihnen daheim?

Country, Opern, alte Aufnahmen von Curtis Mayfield oder Pharrell Williams’ „Happy“. Am liebsten aber höre ich meinen Enkeln Jordan und Victory zu. Die zwei haben bei einer Ehrung im Fernsehen für mich gesungen. Jetzt produziere ich ihre Musik.

Letzte Frage: Was muss man außer einer Gesangsausbildung mitbringen, um zur Königin des Soul zu werden?

Junger Mann, ich kann Ihnen nicht all meine Geheimnisse verraten. Nur so viel: Es hat etwas mit Gottvertrauen zu tun. Man muss sich verlieren können an eine Sache, die größer ist als man selbst.

JONATHAN FISCHER

SZ 21.10.2014

Überlebt! Durch die Wüste, übers Mittelmeer, ins Gefängnis, in die Schule: Moha kam als 15-jähriger Flüchtling von Somalia nach München. Deutschland braucht Menschen wie ihn.

„Beim Freitagsgebet in der Moschee musterten die Kämpfer unter den Wollmasken uns Jugendliche. Alle, die stark genug zum Kämpfen schienen, mussten mitkommen. Sogar 14-Jährige wie ich. Zum Glück war ich für mein Alter sehr klein und dünn geraten. Niemand von uns Jugendlichen wollte zum Töten ausziehen. Wir wollten lieber Fußball spielen und Filme schauen, so wie früher, bevor die islamistischen Shabaab-Milizen unsere Stadt besetzten und Kämpfer aus Afghanistan, Arabien und Nordamerika durch die Straßen patrouillierten. Sie verboten uns das Fernsehen und die Musik. Alle Frauen mussten sich verschleiern. Und Fußball spielen durften wir nur noch in langen Hosen.

Am nächsten Freitag ließ mich meine Mutter nicht mehr zur Moschee gehen. Doch die Milizen durchkämmten alle Häuser: „Seid ihr gläubige Muslime? Dann müsst ihr eure Kinder mit uns gegen die Christen kämpfen lassen!“ Wer nicht folgte, bekam eine Waffe an den Kopf gehalten. Meine Mutter flehte um mein Leben. Ich sei ihr Ältester. Wie solle sie ohne mich und meinen Vater, der als LKW-Fahrer bei einer Minenexplosion ums Leben gekommen war, meine vier Geschwister großziehen? Außerdem hätte ich noch zu schwache Arme, um ein Maschinengewehr zu halten. So handelte sie einen Aufschub heraus. Beim nächsten Mal nutzte ihr Bitten nichts mehr: Die Milizionäre erklärten, dann müsse ich eben mit einer Pistole kämpfen. Sie würden in der Nacht wiederkommen und mich mitnehmen. Meine Mutter sagte mir, ich müsse die Stadt verlassen. In ein anderes Land flüchten. Ohne sie. Da habe ich geweint: „Mama, mit dir gehe ich überall hin. Aber wie soll ich ganz alleine durch die Fremde kommen?““

München-Giesing, eine helle, karg möblierte Altbauwohnung. Mohamed öffnet die Tür, reicht höflich und fast etwas schüchtern die Hand und bietet ein Glas Wasser an. „Ich bin gerade am Kochen. Möchten Sie mitessen?“ Ein Lächeln huscht über sein rundes Gesicht. Man merkt dem etwas pummeligen Jungen in Sandalen und kurzer Hose die Genugtuung an, Gastgeber zu sein. Einzuladen. Zu einem Essen, das er sich vom eigenen Geld leistet, in einer Wohnung, die er selbständig in Schuss hält. In der Küche duftet es nach Kreuzkümmel und Curry. Mohamed, den seine Freunde nur Moha nennen, sagt, er habe das Kochen von seiner Mutter gelernt. So wie das Putzen. Die Wohnung wirkt erstaunlich aufgeräumt – zumindest für einen Jugendlichen, dessen Kontrolle sich auf ein, zwei wöchentliche Treffen mit seinem Betreuer beschränkt. Als ob die Ordnung das vergangene Chaos, die Wunden der Flucht, die Gedanken an die Zurückgebliebenen in Schach halten könnte.

Seit drei Jahren wohnt Mohamed in einer Wohngemeinschaft für Jugendliche. 19 Jahre ist er inzwischen alt, auch wenn er mit seinen Pausbacken und dem unbefangenen Blick oft jünger geschätzt wird. Obergiesing, der Bolzplatz um die Ecke, die sommerlichen Isarauen: Sie sind längst zur Heimat geworden. Als Moha, so wie Tausende anderer somalischer Kinder, auf die Flucht geschickt wurde, hatte er keine Ahnung von Deutschland. Sicherheit sollte es dort geben, eine Chance auf ein besseres Leben. Und ja, natürlich, Fußball: „In Somalia haben wir über Satellitenfernsehen die Spiele der Bundesliga verfolgt. Ich kannte die Spieler von Bayern München. Wir haben das nur anders ausgesprochen: Baia Munk.“ Baia Munk! Moha und sein somalischer Mitbewohner müssen laut lachen. Ansonsten, sagt Moha, würden sie vermeiden, über die Vergangenheit zu sprechen.

„Wenn ich an Somalia denke, erinnere ich mich vor allem an den Krieg. Gewehrsalven Tag und Nacht. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen die Bomber aus Äthiopien über unsere Stadt geflogen, und wir hörten Detonationen und sahen Feuer. Viele Nächte lang konnte ich deshalb nicht schlafen. Meine Mutter stellte mir Gurey, einen 35-jährigen Mann, vor, der ebenfalls der Rekrutierung durch al Shabaab entfliehen wollte. Er würde mich mitnehmen. Um meine Flucht zu finanzieren, verkaufte meine Mutter die Hälfte unserer kleinen Kuhherde. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich Mamas kleiner Junge. Nichts hatte mich darauf vorbereitet, was ich die nächsten Monate erleben sollte. Die endlosen Nachtfahrten in vollkommen überfüllten Kleinlastern, die Enge von 30, 40 Personen, die sich auf der Ladefläche zusammenkauerten. Das ständige Sich-Verstecken. Der Hunger – und die Unsicherheit, wann einem die Schleuser wieder ein bisschen Wasser und ein paar Salzkekse geben würden. Wenn wir keinen Transport fanden, sind wir manchmal nächtelang zu Fuß gegangen. Tagsüber schliefen wir am Straßenrand. Vor Menschen in Uniformen lernte ich mich zu fürchten – egal ob in Äthiopien, Sudan oder Libyen. Gurey musste dauernd für uns Schmiergeld zahlen, sich demütigen lassen. Manchmal haben sie uns geschlagen. Einfach so. Weil wir für sie Freiwild waren.“

Moha serviert Reis mit Hühnchen und Kartoffeln. Auf seinem Handy laufen somalische Schlager. Sein Freund Hussein stößt dazu. Er braucht Mohas Rat: Ob er die Lehre als Lagerist beim Baumarkt empfehlen kann? „Ich sortiere Kisten“, erklärt Moha. „Mein Chef sagt, er kann sich auf mich verlassen. Wenn ich so weitermache, darf ich bald Gabelstapler fahren.“ Mohas Enthusiasmus ist mit Händen zu greifen. Sein Vater, der Lastwagenfahrer, hätte ihn so sehen sollen! Und auch seine Arbeitgeber können froh sein, denn Lageristen-Lehrlinge sind hierzulande schwer gesucht. Genauso wie Elektriker, Heizungsbauer, Bäcker. Die deutsche Wirtschaft kann sich angesichts geburtenschwacher Jahrgänge und der hohen Ansprüche heimischer Jugendlicher Zuwanderer wie Moha nur wünschen. „Das Schönste für mich ist es“, sagt Moha, „wieder zur Schule zu gehen. In Somalia mussten wir zu Hause bleiben – aus Angst, dass uns eine Granate treffen könnte.“ Seinen Quali hat Moha bestanden. Ohne Probleme. Und dass sich in sein Schulbuch-Deutsch manchmal ein „krass“ einschleicht, er seinem Mitbewohner im Streit auch mal ein „Wichser“ an den Kopf wirft, kann man wohl als Teil einer gelungenen Integration verbuchen. Denn in letzter Zeit hört Moha auch deutschen Rap. „Am besten gefällt mir Bushido“, erklärt Moha. „In der Schule habe ich ein Referat über seine Raps gehalten. Was seine Texte sagen.“ Hat er selbst Ambitionen als Rapper? Moha schaut amüsiert: „Die schimpfen immer. Aber was soll ich schimpfen? Mir gefällt mein Leben.“

„Die Schlepper haben uns all unser Geld abgenommen, dann verfrachteten sie uns versteckt unter Lastwagenplanen durch die Wüste. Wochenlang. Die Hitze und der ständige Durst führte dazu, dass wir bald nur noch kraftlos dahinvegetierten. Und es waren nicht nur Jugendliche auf dem LKW, sondern auch Mütter mit ihren Babys. Die Schlepper nahmen auf niemanden Rücksicht. Ob du krank warst, Bauchschmerzen oder Durchfall hattest. Egal! Nach fünf Monaten erreichten wir Tripoli. Dort pferchten uns die Schlepper in einen Verschlag am Stadtrand. Wir durften das Haus nicht verlassen, weil die libysche Polizei jeden aufgegriffenen Flüchtling ins Gefängnis steckt. Eines Nachts wurden wir an den Strand gekarrt. Zu einem Holzkutter für vielleicht zwanzig Personen. Aber wir waren mehr als siebzig. Die Schlepper fragten, wer von uns einen Außenbordmotor bedienen könne. Dann schickten sie uns los. Alleine. Sie gaben uns lediglich ein paar Kanister Treibstoff und Trinkwasser mit – und die Anweisung, immer geradeaus zu fahren. Kompass? Navigationsgeräte? Rettungswesten? Gab es nicht. Niemand wusste, wann wir ankommen würden. Oder ob überhaupt. So fuhren wir drei Tage und drei Nächte lang. Das Meer machte mir Angst. Und von den großen Wellen wurde mir schwindlig. Hoch und runter. Hoch und runter. Tag und Nacht. Normalerweise würde es bei einer so großen Gruppe von Somalis lebhaft zugehen. Aber es war ganz still an Bord. Niemand hatte die Kraft zum Reden. Niemand wagte es, zu schlafen. Ich klammerte mich fest, um nicht aus dem Boot zu fallen. Dann wäre ich verloren gewesen, denn ich konnte wie die meisten anderen nicht schwimmen.“

„Du hast Glück gehabt“, sagt der Sozialpädagoge mit dem graumelierten Pferdeschwanz, „du bist als Letzter noch auf die Liste gekommen.“ Heinz schaut Moha erwartungsvoll an. Wie ein Vater, der seinem Sohn ein überraschendes Erbe eröffnet. Die Liste: Sie bezieht sich auf die Antragsstellung beim städtischen Wohnprojekt „Wohnraum für Flüchtlinge“, denn auf dem normalen Wohnungsmarkt besteht wenig Hoffnung für junge Lehrlinge wie Moha. Erst recht solche mit nichtdeutschen Nachnamen. Auf dem Tisch zwischen Heinz und seinem 19-jährigen Schützling zwei dampfende Kaffeetassen – und ein Packen Behördenschreiben. Mohas Post der letzten Tage. Im verglasten Büroraum der Jugendhilfe München in Schwabing lernt er die Ordnung eines deutschen Erwachsenenlebens. Behördenanrufe, Arztbesuche organisieren, Anträge ausfüllen. Zweimal die Woche trifft Moha seinen Betreuer. „Er hört mir immer zu. Und er hilft, wenn es Probleme mit der Schule oder der Lehre gibt.“ Heinz verbessert den Jugendlichen geduldig beim Vorlesen der Vordrucke: „Haus-halts-an-gehörige“ – „Sind das mein Bett und Schrank?“ – „Nein, deine Frau. Oder bist du noch ledig?“ Gelächter. „Ich hätte dich schon auf meine Hochzeit eingeladen“, sagt Moha. „Und was bedeutet eigentlich Seniorenwohngruppe?“

„In der vierten Nacht sahen wir dann die Lichter einer Küstenstadt. Ein Schiff der maltesischen Küstenwache nahm uns ins Schlepptau. An Land bekamen wir alle warme Decken umgelegt. Wir waren in Europa. Aber wir waren noch längst nicht frei. Die Polizei hatte uns in verschiedene Gruppen eingeteilt. Wir Jugendliche sollten in ein anderes Gefängnis als die Erwachsenen. Aber ich wollte mich nicht von Gurey trennen lassen. Wie sollte ich allein zurechtkommen? Ich konnte weder Englisch noch eine andere europäische Sprache. Ich protestierte so lange, bis sie mich zu Gurey ließen. Wir waren 50 Leute in einem kleinen Raum. Zum Schlafen mussten wir uns Kopf an Fuß aneinanderdrängen. Es fühlte sich fast so eng an wie zuvor auf dem Fischerboot. Aber ich war zumindest bei Gurey. Ein Jahr lang blieb ich in dieser Zelle. Im Gegensatz zu den anderen Gefangenen gewährten mir die Wärter Ausgang. So lernte ich auf Malta andere somalische Flüchtlinge kennen. Sie klärten mich auf: Man würde mich als Jugendlichen ziehen lassen. Ich würde Papiere bekommen. Und dann könnte ich ein Flugzeug nach Deutschland oder Dänemark besteigen. Ein somalischer Flüchtling, der schon ein paar Jahre auf Malta arbeitete, kaufte mir ein Flugticket. Vielleicht hatte er Mitleid, weil ich so jung war. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Und auch von Gurey weiß ich nicht, ob er noch im Gefängnis in Malta sitzt.“

Auf dem Bolzplatz ist Moha wie ausgewechselt. Er dribbelt geschickt, lässt ein, zwei Gegenspieler aussteigen, hält kurz inne, bevor er flankt: „Geh vor!“, ruft er und „Doppelpass!“ Heinz steht an der Linie und schaut so zufrieden wie ein Trainer nach einer taktisch gelungenen Einwechslung. „Moha hat es faustdick hinter den Ohren.“ Dem hilfsbedürftigen, verloren wirkenden Flüchtlingskind von einst trauert er nicht nach. „Sobald er eine eigene Wohnung findet, können wir ihn guten Gewissens entlassen.“ Wenn der Sozialpädagoge die Somalis daheim besucht, dann meist nur noch zum gemeinsamen Fußballschauen. Dass der einstige Analphabet Moha den Hauptschulabschluss geschafft hat, aus einem mittellosen Flüchtling ein deutscher Steuerzahler heranwächst – das ist auch der Jugendhilfe zu verdanken. In Deutschland gewährleistet sie für minderjährige Flüchtlinge besonderen Schutz. Sie dürfen nicht abgeschoben werden. Und haben das Recht auf Betreuung. So erhielt Moha von Anfang an Deutschunterricht, bekam später einen Platz in der auf Flüchtlinge spezialisierten Schlauschule. Pädagogen wie Heinz brachten ihm bei, vernünftig zu wirtschaften. Und klärten ab, ob er eine Traumatherapie braucht. „Ich habe Glück gehabt“, sagt Moha. „Die meisten haben auf der Flucht Freunde sterben sehen. Andere wurden von den Schleppern gefoltert, um Geld von den Familien daheim zu erpressen.“ Das Wort zynisch gehört nicht zu Mohas Wortschatz. Aber seine Geschichte zeigt, wie europäische Flüchtlingspolitik funktioniert: Menschenverachtend nach außen, sehr sozial nach innen. Erst wer alle Schikanen überlebt – die kriminellen Schlepperbanden, willkürliche Gefängnisaufenthalte, die tödlichen Überfahrten, aber auch nordafrikanische Grenzpolizisten, die, von EU-Geldern zur Flüchtlingsabwehr angespornt, Migranten in Verliese sperren oder gleich in die Wüste aussetzen -, der darf mit unserer Hilfe rechnen. Wiedergutmachung? Oder einfach die Auslagerung des schlechten Gewissens?

„Ich bin dann mit ein paar anderen jungen Somaliern in ein Flugzeug Richtung Dänemark gestiegen Von dort nahmen wir den erstbesten Zug Richtung Deutschland. An der Grenze kam die Polizei. Sie fragten mich: ,What is your name? How old are you? Where do you go?‘ Ich war erstaunt, dass sie ganz normal mit uns geredet haben. So eine Polizei kannte ich nicht. Sie sagten, man darf nicht ohne gültige Papiere einfach so einreisen. Dann brachte man mich in einem Polizeibus nach München.

Ungefähr einmal im Monat rufe ich meine Mutter an. Ich habe sie jetzt seit fünf Jahren nicht gesehen, und sie behandelt mich immer noch wie einen 14-Jährigen. Sie redet sehr streng mit mir: ,Lernst du auch genügend für die Schule? Trinkst du Alkohol? Rauchst du?‘ Ich kann spüren, dass sie stolz auf mich ist. Aber sie glaubt mir nicht, was ich auf der Flucht durchgemacht habe. Ich will ihr das Schlimme nicht so genau erzählen. Manchmal sagt sie: ,Ich werde deinen Bruder nachschicken.‘ Aber ich versuche, ihr das auszureden. Zu viele sterben auf der Flucht. Mein Bruder soll nicht all das erleben, was ich erleben musste. Auf keinen Fall.“

JONATHAN FISCHER

FAZ 12.10.2014

Das Versprechen: Der Brite Sami Yusuf ist der größte muslimische Popsänger unserer Zeit. Auch in Deutschland verkauft sich seine Musik millionenfach – doch westliche Medien interessieren sich nicht für ihn. Begegnung mit einem unbekannten Star.

In der stuckverzierten Lobby der Cadogan Hall – die ehemalige Kirche am Sloane Square ist seit einigen Jahren Heimat des Royal Philharmonic Orchestra – erinnert heute wenig an das übliche Londoner Premierenpublikum. Die Sekt- und Weinflaschen an der Bar bleiben zu, die Kleiderordnung spiegelt vor allem die Vielfalt muslimischer Lebensweisen in England. Einige Frauen tragen bunt gemusterte Hijabs, andere zeigen Frisuren und Goldschmuck, aber selbst die paar hochhackig dahertrippelnden Schönheiten wahren eine gewisse Langärmeligkeit. Dazwischen bärtige Männer in dunklen Anzügen. Das „British Muslim TV“ und die Partnerbörse „Muslim & Single“ haben Werbestände aufgebaut. Das türkische Fernsehen berichtet live. Und nur ein paar Jungs in Trainingsanzug, Camouflage-Jacke und Hip-Hop-Kappen lassen den Schluss zu, auf einem Popkonzert gelandet zu sein.

Genauer gesagt: Der Albumpräsentation des größten Popstars der islamischen Welt. An der Kasse liegt seine neue CD: „The Centre“. Das Cover schmückt das Konterfei eines etwas unrasiert wirkenden, ernsten jungen Mannes. Hierzulande würde ihn wohl niemand erkennen. Doch die vielen Selfie-Knipser vor dem Konzertplakat lassen erahnen, was der Name Sami Yusuf bedeutet: 31 Millionen verkaufte CDs weltweit (plus ein Mehrfaches an illegalen Kopien). Menschenaufläufe, wenn er sich zwischen Karachi und Kairo auf der Straße zeigt. Und ausverkaufte Arenen, zuletzt ein Konzert vor 250 000 Fans auf dem Istanbuler Taksimplatz.

Keine übertriebenen Gesten, kein Bühnengezappel, null Show

Dass der in Teheran geborene und in London aufgewachsene Popstar in einer kleinen Halle wie dem Cadogan auftritt, ist also vor allem der Symbolwirkung geschuldet: Seht her, wir bekennen uns zu Großbritannien! Und wir sind – wie die Londoner Philharmoniker – Teil der britischen Kultur. Sobald der 34-jährige Musiker die Bühne betritt, leuchten Hunderte Smartphones auf. Stürmischer Applaus, doch niemand, der auf die stoffbezogenen Sitzbänke springt. Das wäre Yusuf auch nicht recht: Denn der Mann in Anzughose und bescheidenem Pulli vermeidet alles, womit Popstars sonst punkten. Keine übertriebenen Gesten, kein Bühnengezappel, null Show. Der Hocker am Flügel reicht ihm.

Zwei Musiker begleiten ihn, einer spielt Gitarre, der andere hat eine Tar genannte persische Langhals-Laute auf dem Schoß. Das ganze Drama liegt in dem von einer riesigen Video-Leinwand übertragenen Gesicht Sami Yusufs, während er die „Mitte aller Dinge im Hier und Jetzt“ beschwört, sein „Allahu akbar“ in leidenschaftlichen Arabesken moduliert. Zu Melodien und Männerstimmen-Harmonien, deren Pop-Appeal an die besten Momente von Simon & Garfunkel erinnern: „Singt ruhig mit. Nehmt das Booklet aus euren CDs, da stehen die Texte drin.“ Freundliches Zwinkern aus großen Augen.

„Ich wollte nie ein Popstar sein“, wird Yusuf anderntags in einem Café in Chelsea erklären. „Meine Fans lieben mich doch gerade, weil ich sie wie Brüder und Schwestern behandle.“ Demonstrative Bescheidenheit. Ist das der Grund, warum der größte Musikexport Englands der vergangenen Jahre in westlichen Medien kaum wahrgenommen wird?

Deutschland betrachtet Yusuf als zweite Heimat

„Auf meiner Deutschlandtour“, sagt Yusuf „habe ich die Grugahalle in Essen, die Köln-Arena und die Max-Schmeling-Halle in Berlin ausverkauft. Aber kein einziger deutscher Journalist wollte mich sprechen.“ Und das, obwohl Yusuf – seine Frau ist Münchnerin – Deutschland als eine Art zweite Heimat betrachtet. Offensichtlich gebe es viele Mainstreams auf dieser Welt: Einen arabischen, ägyptischen, türkischen oder indischen, in denen er als Star gehandelt werde, und einen westlichen, für den er unsichtbar bleibe.

Es ist unbestreitbar, dass Yusuf ein hervorragender Musiker, Songwriter und Arrangeur ist, mit einem sehr guten Händchen für Hooklines. Aber eben auch allzu brav. Ein Rock-’n‘-Roll-Spielverderber. Eine Rolle spielt der britische Muslim vor allem als „Beispiel eines gut integrierten Migranten“. Oder als Verteidiger des Mainstream-Islam. So auch in einem BBC-Interview am Tag vor seinem Konzert, in dem es weniger um Musik ging als um die Enthauptung eines Briten durch britische IS-Kämpfer in Syrien: „Natürlich ist es dämonisch, was die IS-Jünger anrichten. Aber was haben diese sexuell frustrierten, politisch verwirrten Menschen mit dem traditionellen Islam gemein? Warum wird von uns Muslimen erwartet, dass wir uns für sie entschuldigen? Genauso gut könnte ich von Ihnen eine Entschuldigung für die Verbrechen fundamentalistischer Christen in Amerika erwarten!“

Schönheit und Wahrheit als Kern aller Religionen

Die Islam-Unkenntnis des Westens bringt den sanften Musiker in Rage: „Drei Millionen Muslime leben in England, vier Millionen in Frankreich, fünf Millionen in Deutschland. Und sie wissen nichts über uns.“ Er hält die aktuelle Daily Mail , eine englische Boulevardzeitung, in die Höhe. „Taxifahrer von Dschihadisten bedroht“. Sei das wirklich eine fette Titelzeile wert? Und dann dieser Generalverdacht gegen Muslime! Gerade seine Musik setze die intellektuelle und spirituelle Tiefe islamischer Tradition gegen die „Wahnsinnigen“. Diejenigen also, die sich daran stören, dass Yusuf Zehntausende Kopftuchmädchen zujubeln oder dass er angeblich „unislamische“ Blas- und Saiteninstrumente spiele. „Alles Schwätzer“, schimpft der Musiker, „sie haben doch gar keine traditionelle Legitimation.“

Während des Konzerts weist er immer wieder auf die Quellen seiner Songtexte hin: Viele entstammen – egal ob er sie auf Englisch, Farsi, Türkisch, Arabisch oder gar Hindi singt – den mystischen Sufi-Überlieferungen Irans und Afghanistans. Einmal verweist er gar auf die Inspiration durch einen buddhistischen Chant.

Warum auch nicht? Der traditionelle Islam teile den Kern der Schönheit und Wahrheit mit allen Religionen: „Ich möchte diesen Teil des islamischen Erbes predigen“, verkündet er, „statt mich auf den Müll zu konzentrieren, den die Medien über uns verbreiten“. Es folgt sein Song „Corazon Send Me Home“: Wer die Schätze draußen in der Welt suche, müsse scheitern, denn sie seien nur inwendig zu finden. Spontaner Applaus. Das Publikum versteht Yusufs Spitze gegen islamische Kalifatsphantasien.

Lieber Bachs h-Moll-Messe als Popmusik

Unter dem Eindruck täglicher Dschihad-Schlagzeilen ähnelt auch das Bühneninterview nach dem Konzert einer PR-Maßnahme: Dafür, dass Muslime eben ganz normal seien. Gute Mitbürger, oft für das Wohl der Allgemeinheit engagiert. Kristiane Backer, eine zum Islam konvertierte ehemalige MTV-Moderatorin aus Hamburg, sitzt, das blonde Haar offen, der Tonfall freundschaftlich-vertraulich, dem Superstar auf einem Hocker gegenüber: „Sami, wie bist du zu einem Vorbild für junge Muslime geworden?“ – „Oh, ich bin viel kleiner, als du mich aussehen lässt.“ Verschämtes Lachen. „Immerhin hast du mehrere 100 Millionen Alben verkauft, ohne dich zu verbiegen oder deine Tradition zu verraten.“ – „Alles was ich kann, habe ich von meinem Vater und bei uns zu Hause spielenden Meistermusikern wie Ravi Shankar gelernt. Ich hatte Hunderte Ausreden parat, die Schule abzubrechen, aber dann habe ich, inschallah, dem Gruppendruck widerstanden. Ich musste nicht cool sein. Ich stand dazu, Bachs H-Moll-Messe lieber zu hören als aktuelle Popmusik. Mich hat es immer zu traditionellen Dingen gezogen – weil sie mich spirituell anzogen. Das ist es, was ich euch sagen will: Bewahrt euch eure Identität. Seid ihr selbst!“ Ja, es sei besser, als „weirdo“ zu gelten, als die Wahrheit zu verraten.

Er erzählt von seiner Popkarriere wie einer göttlichen Fügung: Nach einem Konservatoriumsstudium wollte er als 23-Jähriger eigentlich nur dieses eine Album mit religiösen Preisgesängen aufnehmen. Er spielte alle Instrumente selbst ein. Produzierte daheim. Stellte die CD ohne große Marketingkampagne ins Netz. Das war 2003. Am Ende beschäftigten sich selbst Kairoer Think-Tanks mit der Frage, warum sich Yusufs Album aus dem Stand millionenfach verkaufte, welches Versprechen er der muslimischen Pophörerschaft bot, das die Billigkopien westlicher Hits nicht leisten konnten.

Mehr Facebook-Likes als Robbie Williams

Ob der Musiker etwas dagegen habe, etwa mit Robbie Williams – Yusuf hat längst viel mehr Facebook-Likes als Williams – die Bühne zu teilen? Mmmh. Irritiertes Lächeln. Es sind Fragen, die den belesenen, Nietzsche bis Rumi zitierenden Star ein wenig aus der Fassung bringen. Nun gut, eine MTV-Einladung würde er nicht ausschlagen. Schon weil es ihm eine Plattform böte, noch mehr Spenden als bisher für die Welthungerhilfe der UNO zu sammeln. Andererseits: laute Partys, Ausschweifungen, das öffentliche Zelebrieren von Sex? Nein, das sei, inschallah, noch nie seine Welt gewesen. „Mich interessiert die Zuneigung von Groupies nicht. Ihr Gekreische ist mir peinlich. Für mich ist jedes Liebeslied eine Reflexion der göttlichen Liebe.“

Der Mann hegt tiefes Misstrauen gegenüber Äußerlichkeiten. Von den Exzessen des westlichen Hedonismus sei es – so sieht es Yusuf – nur ein kurzer Weg zur Ideologie der Islamisten. Weil beide gleichermaßen Allmachtsphantasien bedienten. Primitive Belohnungen versprächen. Und eine Kultur predigten, der die spirituelle Dimension und damit jede menschliche Würde abhanden gekommen sei.

Nicht die Freude unterdrücken

Yusuf glaubt, dass tief im Islam verwurzelte Menschen kaum Propaganda folgen: „Sie fangen Menschen, die sich nicht gesehen und nicht geachtet fühlen. Und die meisten Menschen in der arabischen Welt suchen verzweifelt nach einer Bedeutung in ihrem Leben.“

Yusufs Musik scheint da wie ein Schlüssel zu Toleranz und spiritueller Größe. Als einziger westlicher Popstar habe er ein Konzert in Saudi-Arabien geben dürfen. An der Kultur dieses Landes lässt er kein gutes Haar. Die prägen die Wahabiten, die Anhänger einer puritanisch-traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islams.

Die Freude an der Schönheit aber lasse sich nur künstlich unterdrücken. Bei Sami Yusufs Konzert in Saudi-Arabien jedenfalls sei das Publikum allen Vorschriften zum Trotz in Wallung geraten. Zuerst die Männer vor der Bühne. Dann auch die Frauen, die seinen Auftritt in einem gesonderten Saal per Video-Leinwand verfolgen mussten, sich ihrer Kopftücher und Schuhe entledigten und auf den Stühlen tanzten. Yusuf will niemanden missionieren. Seine Musik aber vermag wohl zumindest das Allahu akbar zu transzendieren – jenseits bloßer Gesetzeshüterei.

Auch in Großbritannien sei das nötig, besonders bei den Konvertiten. Der Musiker erzählt von seinen Begegnungen mit dem anderen großen britischen Islam-Barden, Yusuf Islam, der als Cat Stevens berühmt wurde. Stevens habe sich über das Koran-Studium dem Islam zugewandt. Leider aber hätten ihn, ahnungslos wie er war, anfangs Salafisten beraten. „Wir haben dann viel miteinander geredet: Warum sollte er als Engländer deren Kleider tragen? Warum sich seiner Musik genieren?“

Inschallah habe der Musikerkollege inzwischen zur wahren, normativen, orthodoxen Tradition des Islam gefunden. Die Jugendlichen aber, die mit einem „Islam for Dummies“-Handbuch im Gepäck ins IS-Kalifat reisen, könne er nicht umstimmen. Sie seien aus einem spirituellen Vakuum erwachsene Monster: „Ihr Deutschen müsstest es doch wissen: Warum so viele von euch einst allzu gern einem Mordregime dienten. Das Problem ist nicht die Religion, sondern deren Verlust.“

JONATHAN FISCHER

SZ 2.10.2014

Tüftlers Erweckung – Flying Lotus verstört den HipHop, und das ist gut so

Gäbe es einen Wettbewerb für ein möglichst vermarktungsfeindliches Hip-Hop-Album, der Gewinner hätte es sich nicht besser ausdenken können: Frequenzgefiepe und Sphärenrauschen, zusammengenietet mit Jazz-Breaks und Beats, die immer wieder mal über sich selbst stolpern und zusammenbrechen. Dazu ein maximal spaßfreier Titel: You’re Dead.

Das neue Konzeptalbum des in Los Angeles lebenden Soundtüftlers Flying Lotus will die Seelen-Wirrnis und den Neuanfang nach dem Tod musikalisch einfangen. Der Verlust geliebter Personen, eigene außerkörperliche Erfahrungen und buddhistisches Gedankengut liefern ihm die Startrampe, die interstellare Jazz-Fusion der sechziger und siebziger Jahre das Rohmaterial – zum Samplen, Zersägen, Neuverleimen. Er wolle diesmal »ganz ohne Kompromisse seinem Innenleben folgen«. So hatte John Coltranes Großneffe es angekündigt. Oder vielmehr angedroht.

Zugegeben, Titel wie Dead Man’s Tetris, Turkey Dog Coma oder Descent Into Madness lassen schweren musikalischen Seegang erwarten. Doch es lohnt sich, die ersten Minuten durchzuhalten. Wer mit Steve Ellison alias Flying Lotus durch eine Wellenwand atonaler Gitarren, zerhackter Beats und direkt in die Magengrube fahrender Bässe geschritten ist, den erwartet eine Klanglandschaft von überraschender Zartheit. Und ein subtiler Flow, der – sofern Neugier und Abenteuerlust noch als Pop-Qualitäten zählen – berauscht.

Flying Lotus, der im Aschram seiner Tante, der Jazz-Pianistin Alice Coltrane, aufwuchs und eigenen Angaben nach jeden Morgen eine Stunde meditiert, bevor er den Rechner hochfährt, hatte bereits mit den zwei Vorgänger-Alben Cosmogramma und Until The Quiet Comes Hip-Hop und Spiritualität in seltenen Gleichklang gebracht. Mit You’re Dead legt er die Latte noch mal höher. Er lässt den Jazz-Veteranen Herbie Hancock seine Ideen am Fender Rhodes übersetzen, während er verzerrte Sounds, ätherische Soulchöre und Glockenteppiche aus dem Laptop beisteuert. Nur die beiden Rapper Kendrick Lamar und Snoop Dogg werfen bisweilen Rettungsleinen ins Vertraute. Ziel sei es gewesen, »ein Album zu machen, das Miles Davis die Sprache verschlagen hätte«, sagt Flying Lotus. Die Meinung des Altmeisters lässt sich leider nicht mehr einholen. Sicher ist: So markerschütternd experimentell hat zeitgenössischer Hip-Hop lange nicht mehr geklungen.

JONATHAN FISCHER

Die Zeit 1.10.2014