Monatsarchiv: März 2014

Widerstandsmusik am Niger – Tanzen gegen den Fundamentalismus: Mali, seine Musik und seine animistischen Mythen feiern Wiederauferstehung beim „Festival sur le Niger“ in Segou

Horden von Jungen und Mädchen tanzen durch den Staub, bejubeln am Einlass zum Festivaldorf jedes Sammeltaxi wie die Ankunft eines Rettungsbootes auf einer Insel voller Schiffbrüchiger. „Nous voulons la paix!“ Wir wollen den Frieden. Seit über zwei Jahren waren kaum noch Touristen ins Land gekommen. Die zehnte Auflage des „Festival sur le Niger“ in Segou sollte nun alles ändern. Ein Jahr nach der Vertreibung der Islamisten aus den großen Städten des Nordens und der Wiederherstellung einer demokratischen Regierung versprach es einen Testfall: Konnte man die Sicherheit der Gäste garantieren? Würden Touristen und Malier aller Ethnien wieder gemeinsam tanzen und feiern wie in den Zeiten vor dem Krieg? Hatte sich gar ein neues kulturelles Selbstbewusstsein im Post-Krisenstaat Mali herausgebildet? Die Handvoll Europäer und Amerikaner, die sich trotz Reisewarnungen ihrer Botschaften und sechsstündiger Busfahrten über Schlagloch-Pisten in die alte Königsstadt Segou wagten, bedeuteten in diesem Kontext mehr als ein paar weiße Gesichter inmitten des vornehmlich einheimischen Publikums. Sie sollten der Welt berichten: Über ein Land, dem die Al-Quaida-Ideologie der Besatzer stets fremd geblieben war, über eine Kultur des Dialogs und kulturellen Austauschs. Nach zwei Kriegsjahren, in denen das Festival ausfiel, begegnet man überall Willkommens-Gesichtern. Malische Weltmusikstars wie Salif Keita, Vieux Farka Toure und Ben Zabo haben sich angekündigt. Die tropische Schwüle ist im Februar noch erträglich. Und die Kulisse wirkt fast schon Postkarten-kitschig: Blühende Magnolien, und bunt bemalte Pirogen am Ufer des majestätisch dahinströmenden Niger.

Hinter den Kindern aber patroullieren Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag, jede Tasche wird im Kegel von Taschenlampen gefilzt. „Wacht auf! Wir sind alle eine Familie, wir müssen zusammenstehen“, singt die malische Souldiva Khaira Arby – und ihr Melisma trägt über die Lehmbauten Segous und die dunklen Fluten des Niger hinaus. Zu kreiselnden Gitarrenriffs und repetitiven Kalebassen- und Trommelrhythmen wiegt sie sich in Trance. Das Publikum springt auf die Plastikstühle, nimmt die Bewegung auf: Ein komplexer Groove aus arabisch-islamischem Gesang, schwarzafrikanischen Rhythmen und afroamerikanischer Soulgestik. Es ist kein Zufall, dass Khaira Arby das Festival eröffnet. Die „Nachtigall Nordmalis“ stammt aus Timbuktu. Noch ist es zu früh, aus dem Exil in Bamako dorthin zurückzukehren. „Die Islamisten“, erzählt die üppige Sängerin im perlenbesetzten Kleid , „haben mir gedroht: Wenn sie mich kriegen, schneiden sie mir die Zunge heraus“. Ihr Studio in Timbuktu und all ihre Instrumente hätten sie zerstört. Auch das jährliche „Festival au Desert“, einst ein Magnet für westliche Popstars und Touristen, fiel der Bedrohung durch Islamisten zum Opfer. Khaira Arby und andere exilierte Musiker aus dem Norden Malis tourten stattdessen als „Caravane culturelle pour la paix“ durch Amerika und Europa, wo Peter Gabriel bis Damon Albarn das westafrikanische Land seit Jahren als Jungbrunnen des westlichen Pop preisen.. Der Auftritt in Segou ist nun der letzte der Friedens-Karawane – und der alten Heimat am nächsten.

„Ich danke allen Tuareg, die nicht zur Waffe gegriffen haben“, verkündet Arby von der Bühne. Auch die Gäste in den blauen Tagelmust-Schleiern applaudieren: Viele der Tuareg haben selbst unter dem islamischen Diktat ihrer Stammesbrüder gelitten. Ahmed Ag Khaedi ist einer von ihnen. Der Bandgründer und Leadgitarrist der Tuareg-Gitarrenrock-Truppe Amanar ist kein Mann der großen Worte, sein Gesicht wirkt unter dem weißen Turban und einem Spiegel-Schmuckreif fast versteinert. Die Bewegung geht allein von seiner siebenköpfigen Truppe aus, die traditionelle Tuareg-Gitarren-Riffs mit Percussion, elektrischem Piano und Flöte zu einer lasziv-monotonen Funk-Jam aufmischen. Wüsten-Blues heißt die westliche Schublade dafür. Doch die von der Jugend Kidals favorisierten Amanar definieren sich eher über ihre Texte: Aufrufe zu besserer Bildung der Jugendlichen, zu Widerstand gegen die korrupten Eliten, zur Versöhnung aller Malier. Die

Ausrufung eines eigenen Staates Azawad durch die Tuareg-Rebellen der MNLA, erklärt Khaedi später im Interview, sei ein Fehler gewesen. Die wahre Rebellion: Das sei die Forderung nach Toleranz und Aufklärung. „Ich weiß nicht ob ich jemals wieder in Kidal leben kann. Es waren meine eigenen Nachbarn, die kamen, um meine Gitarren zu verbrennen und mich umzubringen. Weil ihnen jemand eingeredet hatte, Musik sei des Teufels. Aber ich kann sie andererseits verstehen. Sie sind arme Schlucker, und sie sahen es als ihre Chance, ins Paradies einzugehen“.

Tatsächlich trugen vor allem Musiker den Widerstand der malischen Bevölkerung. Während fast alle Politiker angesichts des Krieges und der Separation des Nordens wie gelähmt schienen, sangen Popstars wie Khaira Arby, Fatoumata Diawara, Oumou Sangare oder Bassekou Kouyate gegen Scharia, Militärdiktatur und politische Lethargie an. Direktor Mamou Daffé sieht auch die Wiederaufnahme des „Festival sur le Niger“ als politischen Akt. Fünf Tage Musik, Kunst und Theater am Ufer des Niger: Das bedeute nicht nur den Versuch, die ersten Kulturtouristen zurück zu gewinnen. Sondern auch eine „Kampfansage an alle, die uns spalten wollen“. Niemand nimmt das Wort Fundamentalismus in den Mund. Doch die Trikolore der ehemaligen Kolonialmacht auf jeder zweiten Piroge spricht für sich. Zumal Segou für die Konfrontation des politischen Islam ein hochsymbolischer Ort ist: Schon zweimal – in den Jahren 1818 und 1861 – war das animistische Bambara-Königreich von islamischen Fula-Kriegern überrannt und zwangsislamisiert worden. Dabei ließen über zehntausende Bambara ihr Leben. Die neuen Herrscher verbannten schon damals vorübergehend Tanz, Tabak und Alkohol. Viele Malier wie der Schriftsteller Ousmane Diarra glauben, dass ihr Land noch immer an den Wunden von damals litte. Es sein animistisches Herz wiederfinden müsse. Dazu passt die Erstaufführung einer Sing- und Tanzoper in Segou: Der Bambara-König Maoula stellt in einer schwierigen Zeit die einstige Größe und den Frieden Malis wieder her: Die Videoleinwand flankiert uralte Jägertänze mit Bildern vom Kampfeinsatz französischer Panzer in Timbuktu.

Viele der jahrtausendealten animistischen Überlieferungen leben dennoch weiter: Das zeigen ziemlich eindrucksvoll Einlagen wie die der Bambara-Tänzer auf dem Marktplatz. Mit Holzpferden, schrillen Pappbrillen, Fetzenkostümen und Frauenperücken erinnern sie mal an eine Schwulenparade, mal an George Clintons außerirdische Mothership-Connection. Auch Männer tanzen – von wegen homophobe Kultur – einander in sexuell eindeutigen Posen an. Noch tiefer ins prä-islamische Afrika führt die rituelle Flußbeschwörung der Bozo. Rasselnde Tamburins, grelle Frauenstimmen, rhythmisches Singen und Klatschen schallen von einer großen Piroge aus ans Ufer. Dutzende weißgewandeter Bozo, Angehörige eines Fischervolkes, beschwören ihre „Mutter“ Niger Tänze von fransig-zotteligen Wassergeistern und gestelzten Flussgöttern sollen helfen, die Harmonie der Lebewesen und Naturgewalten sicherzustellen. Die gegenseitige Abhängigkeit ist hier noch spürbar: Überdimensionale von Menschen getragene Tierfiguren – Karpfen, Pelikan, Wasserschlange – werden in in die Fluten entlassen. Choreographiert von einem Priester schwimmen sie den immer ekstatischer chantenden Fischerfrauen entgegen. Kein Theater-Applaus, als die Pappmaché-Figuren schlussendlich am Ufer anlegen: nein, die Zuschauer stürzen die Böschung hoch, stieben krieischend davon. Was bedeuten dagegen ein, zwei Jahrhunderte islamischer Überbau?

Auch wenn Popstars wie Sekouba Bambino oder Vieux Farka Toure tausende von Smartphones am Nigerufer zum Leuchten und die Menschen vor der im Fluß verankerten Bühne zum Tanzen bringen bleibt die Geschichte immer präsent. Alle drei Songs ergreift ein Minister oder Bürgermeister von Gao oder Timbuktu das Mikrophon, fallen die selben mythenhubernden Sätze: Vom Niger als Lebensader aller Malier. Oder von der Friedensbotschaft, die der Strom mit sich trägt. „Wir Malier“, übersetzt der junge Rockstar Ben Zabo, „sehen den Fluss als Garant unserer Pluralität.“ Der Strom habe die Begegnung verschiedener Götter, Sprachen, Musikstile ermöglicht. „Wir haben uns stets untereinander ausgetauscht. So ist die Musik zum Kitt geworden“. Dass dieser Kitt längst über tradierte Jägertänze und Zeremonienmusik hinaus geht, zeigen Satellitenschüsseln auf Schilfhütten und HipHop-Graffiti an Ziegenställen. Neue Formen werden adaptiert – und mit dem eigenen Leben angefüllt. Es ist denn auch ein schmaler Rapper, dessen unangekündigter Auftritt am Rande des Festivals den lautesten Jubel, die größten Staubwolken auslöst: „Wir tragen alle die Verantwortung!“ dröhnt Master Soumys wütender Rap-Refrain über den staubigen Hafenplatz von Segou, wo die Jugendlichen auf ihre Mofas und Eselskarren steigen, um den jungen HipHop-Star besser zu sehen. Nein Master Soumy redet nicht vom Strom des Friedens. Sondern konfrontiert – „explique-moi ton islam! – die Islamisten: „Drogendeals, Waffenhandel. Erkär mir deinen Islam! Du kommst mit Kalaschnikows. Erklär mir deinen Islam! Mein Islam predigt Toleranz und Liebe. Erklär mir deinen Islam!“

Dass Master Soumy in Mali Sportstadien mit mehreren zehntausend Zuschauern füllt, liegt auch an seiner – für Mali ungewöhnlichen – Direktheit. Während des Militärregimes hatte er zusammen mit anderen Rappern als „Les Sofas de la Republique“ die Korruption kritisiert. Er schrieb „Explique ton Islam“. Und forderte gleichzeit die Militärs auf zu gehen. Seit wenigen Monaten sind die Putschisten von damals hinter Schloss und Riegel. Doch es bleibt genug Zündstoff : „Die Regierung in Bamako“, sagt Master Soumy, „schafft es nicht, die Gesundheitsversorgung und Bildung für alle sicher zu stellen, ja nicht einmal die Versorgung mit Trinkwasser funktioniert. Als Rapper ist es meine Pflicht darüber zu sprechen“. Während des Wahlkampfs im vergangenen Jahr hätten mehrere Parteien versucht, ihn zu engagieren. Er aber lehnte ab – aus Prinzip. Anders als die Griots, die seit jeher bezahlte Songs auf die Mächtigen singen, hätten die Rapper einen Ruf als Schiedsrichter zu verlieren. „Ich spreche für die Durchschnittsbürger Malis, diejenigen, die zu arm sind, um sich ein Auto zu leisten, oder in Europa zu shoppen. Deswegen hören mir alle zu“. Dann bringt er mit einem Song alle Hände nach oben: „Jeden Tag haben wir die Wahl/ und niemand wird uns retten außer wir selbst …“ Natürlich gehört Mali noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt. Doch mit der Krise scheint eine neue Wertschätzung seiner unendlich reichen Musikkultur – von Flussgesängen bis zu politischem HipHop – erwachsen zu sein. „Kein Wunder dass die Islamisten uns zuerst ins Visier nahmen“ erklärt Khaira Arby. „Mit der Musik steht und fällt das Selbstbewusstsein Malis“.

JONATHAN FISCHER

(in gekürzter Fassung am 14.3. 2014 in der SZ)

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„Auch Tupac tanzte Ballett“: Auf seinem neuen Album ruft Le1f das „Schwuchtel-Jahrhundert“ aus. Dennoch hasst er es, als Gay Rapper bezeichnet zu werden. Ein Gespräch über dumme Mythen und neidische Heteros

Man muss sich das Video „Wut“ des Rappers Le1f einmal ansehen und dabei drei Jahrzehnte Hip-Hop-Geschichte im Hinterkopf mitlaufen lassen. Muss die Macho- und Gangstarapper, die es in diesen Jahren in die Charts geschafft haben, gegenschneiden mit den Hot-Pants und den Arschwackel-Posen des New Yorkers. Dann wird der Kulturschock offensichtlicher, den offen homosexuelle Rapper noch immer für die Szene bedeuten. Khalif Diouf, wie Le1f bürgerlich heißt, lehnt es dennoch ab, in die Schublade „Queer Hip-Hop“ gesteckt zu werden: „Es gibt kein Ding namens Gay Rap“, sagt er. Am 12. März erscheint seine EP „Hey“ auf XL Records.

jetzt.de: In deinem millionenfach geklickten Video „Wut“ posierst du auf dem Schoß eines gut gebauten und halbnackten weißen Mannes, der eine Pikachu-Maske trägt, während du Schmähworte für Schwule aneinanderreihst. Ist diese Selbstinszenierung eine Kampfansage an den im Hip-Hop immer noch verbreiteten Schwulenhass?

Le1f: Nein, ich wollte kein Video über Homosexualität drehen, sondern einfach auf aggressive Weise provozieren – und dabei alles Schrille, was mich ausmacht, in den Mix werfen. Früher hätte ich mich das nicht getraut. Ich habe als Jugendlicher lange mit meiner Stimme und meiner vermeintlich schwulen Aussprache gehadert. Und schwor mir noch vor zwei Jahren, nie einen Song über Sex zu schreiben. Es geht also darum, endlich zu mir zu stehen, nicht um eine Schwulen-Hymne.

Trotzdem spielst du explizit mit schwulen Klischees: Wie du im „Wut“-Video deine Haare kämmst, mit dem Mund eine Kaugummischlange vom Finger wickelst oder in kurzen Höschen tanzt . . .

Schwule Klischees? Ach was! Ich tanze und flirte einfach so, wie ich es auch in einem New Yorker House-Club tun würde. Das ist Teil meines Lebens. Aber eben längst nicht alles. Warum betrachtet denn niemand mein Video mal unter dem Aspekt einer Kunst-Installation? Warum beschäftigen sich die Kritiker immer nur mit meinem Aussehen statt mit meinen Raps? Ja, als Schwuler ist man schnell eingeordnet. Viele Menschen tun sich schwer, über meine sexuelle Orientierung hinweg zu schauen, und die Musik als solche auf sich wirken zu lassen.

Andererseits hat sich doch in Großstädten wie New York längst eine queere HipHop-Szene mit Rappern wie Zebra Katz oder Mykki Bianco etabliert.

Warum unterscheiden zwischen Hip-Hop und queerem Hip-Hop? Ich wiederhole das schon seit eineinhalb Jahren: Es gibt kein Ding namens Gay Rap. Ich bin schwul und rappe darüber, in Clubs zu gehen, zu tanzen, Spaß zu haben, wie alle anderen Rapper auch. Zum Glück gibt es auch Hip-Hop-Kollegen wie Spank Rock oder Danny Brown, die mich ganz einfach wegen meiner Reime und meinem Flow schätzen und deshalb mit mir zusammen Tracks produzieren.

Du hast mal beklagt, man würde ganz anders über deine Kunst reden, wenn du ein schwarzer Hetero-Mann wärst. Wie passt dazu, dass du dich selbst in deinen Raps als „Fag“, also Schwuchtel, charakterisierst?

Das ist meine Retourkutsche an alle, die mich bereits in der High School als „Nigger“ und „Fag“ beschimpft haben. Kann man effektiver zurückschlagen, als sich so ein Wort anzueignen und mit Stolz zu tragen? Ich hatte für mein letztes Mixtape eine Menge kritischer Raps geschrieben – Raps gegen Rassismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit. Aber dann schmiss ich sie alle wieder raus.

Warum?

Will ich predigen? Oder den Leuten Spaß bereiten? Meine Art von Aktivismus ist es, mein Hetero-Publikum von der Bühne herab als „faggots“ zu beschimpfen . . .

. . . oder auf deiner neuen Platte das Schwuchtel-Jahrhundert auszurufen: „Batty man time now, batty man century/educated black hotties make ’em all envy“.

Ich fühle mich nicht als Opfer. Hey, wir jungen schwarzen Schwulen sind gebildet, genießen das Leben, schaffen Kunst: Wer das nicht abkann, muss neidisch sein!

Deine EP „Hey“ erscheint auf dem britischen Label XL Records, Heimat von Adele, Dizzee Rascal oder Vampire Weekend. Hattest du Schwierigkeiten, auf einem US-Hip-Hop-Label unterzukommen?

Nein, ich wollte immer zu den Briten. Weil mich bizarre Rapper wie Dizzee Rascal inspiriert haben. Meine grünen Haare, die violetten Zöpfchen: Das hat ja alles erst mal nichts mit meiner Sexualität zu tun. Ich fühle mich weder weiblich noch männlich, eher wie ein Alien. Außerirdisch – dieses Etikett gefällt mir viel besser als „schwul“.

Du rappst auf deiner neuen Single „Boom“: „They wanna see me blend in like real tea/But I can’t do that, I gotta be me“. Hat dieses Fremdsein, von dem du sprichst, auch mit deiner Herkunft zu tun?

Du meinst die vornehme senegalesische Familie meines Vaters? Gut, aus ihrer Sicht ist der Musikerberuf niederen Klassen vorbehalten, sie hätten mich lieber als Doktor oder Anwalt gesehen. Zum Glück aber bin ich mit meiner amerikanischen Sänger-Mutter aufgewachsen. Sie hat meine musischen Begabungen gefördert, schickte mich schon mit drei Jahren ins Ballett.

Du hast es bis zum Ballett- und Modern Dance-Profi gebracht. Das ist ja quasi das Gegenteil der Hip-Hop-Straßenkultur.

Das ist doch nur einer dieser dummen Mythen. Auch Tupac tanzte Ballett und besuchte eine Kunsthochschule, bevor er zum Hip-Hop-Superstar avancierte. Er tut mir manchmal leid. Weil er seine weichen Seiten hinter einer Gangster-Persona verstecken musste.

Zumindest geraten die einst starren homophoben Fronten in letzter Zeit in Bewegung. Seit dem Coming-out von Frank Ocean wird offen über Ausgrenzungen diskutiert. Hat sich seitdem etwas verändert?

Frank Ocean rappt nicht – und er hat sich nicht als schwul, sondern als bisexuell bezeichnet. Das macht einen großen Unterschied. Denn queere Sänger haben im Rhythm and Blues schon seit Jahrzehnten Karriere gemacht. Merkwürdigerweise kommt aber niemand auf die Idee, da eine Art Normalität herzustellen und mich oder ihn in eine Reihe mit Little Richard und Sylvester zu stellen.

Andererseits scheint es ja gerade chic zu werden, sich für die „gay community“ zu engagieren. Sogar straighte Rapper wie Macklemore machen sich für Schwulenrechte stark.

Ich begrüße es natürlich, dass breite liberale Allianzen für die Rechte von Homosexuellen kämpfen. Der öffentliche Druck ist dadurch so gewachsen, dass sich sogar ein paar Dancehall-Musiker für ihre homophoben Texte entschuldigt haben, um weiterhin auftreten zu dürfen. Schwulenfeindlichkeit gilt nicht mehr als cool. Das bedeutet nach all den Gangstarap- und Eminem-Tiraden einen großen Fortschritt. Bei Macklemore hätte ich mir nur gewünscht, dass er auch mal seine Privilegien als weißer Hetero-Mann eingesteht.

Was bedeuten die schwulen Zuschreibungen für deine Fan-Basis? Sprichst du vor allem ein queeres Großstadtpublikum an?

Nein, zum Glück überhaupt nicht. Hip-Hop ist doch viel größer, als uns die Industrie glauben macht. Zu meinen Fans gehören viele weiße Hetero-Männer aus Kleinstädten. Diese Menschen identifizieren sich mehr mit meiner Kunst als mit irgendwelchen Vorurteilen. Sie sagen einfach: „Der Typ hat Swag“. Das macht mich glücklich.

SZ/jetzt.de 10.3.2014

JONATHAN FISCHER