Monatsarchiv: Januar 2014

„Zeig dich, mein Mädchen!“ Die Soulsängerin Sharon Jones über ihren späten Erfolg, den Charme von Lou Reed und Auftritte nach der Chemotherapie

 

Das Lachen von Sharon Jones ist schon von weitem zu hören. „How are you doing, sweetheart?“ Jones trägt Jogging-Anzug statt ihres Pailletten-bewehrten Bühnenkleides und macht die Runde durch ihre „Familie“, wie sie die Musiker und Angestellte bei Daptone Records in Brooklyn nennt. Hier ist immer noch die Kommandozentrale des weltweiten Funk- und Soul-Kosmos, wenn die Räume auch etwas heruntergekommen wirken. An den Wänden sieht man Wasserflecken, überall liegen Stapel von Papieren und Platten, im Studio dann ein Sammelsurium von Verstärkern und Keyboards aus den 70ern. Resolut räumt Jones einen Tisch frei und lässt sich frisch gepressten Saft bringen.

SZ: Mrs. Jones, wie geht es Ihnen heute?

Sharon Jones : Besser als die letzten Tage, danke. Ich spüre immer noch die Knochenmark-Spritze, die mir helfen soll, weiße Blutkörperchen zu entwickeln. Aber dann denke ich mir: Schmerzen hin oder her, du willst zurück auf die Bühne.

Seit 1996 touren Sie mit Ihrer Band durch die ganze Welt. Kürzlich mussten Sie dann überraschend die Veröffentlichung Ihres neuen Albums und Ihre geplante Welttournee absagen.

Bei einem Auftritt in Idaho spürte ich plötzlich dieses brutale Seitenstechen. Die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Ich dachte: Sharon, du wirst die Veröffentlichung deines Albums nicht mehr erleben. Mir wurden große Teile des Darmtrakts rausgeschnitten, ich musste immer donnerstags zur Chemotherapie. Bis Montag war ich jedesmal total geschafft. Wenn ich am Mittwoch gerade wieder Lebensmut gefasst hatte, fing alles von vorne an. Zum Glück war die letzte Behandlung am 31. Dezember. Im Februar kehre ich zurück auf die Bühne.

In Ihrer Musik zeichnen Sie das Bild einer Soul-Überlebenskünstlerin, die allen Stürmen des Lebens trotzt. Werden Sie noch dieselbe Sharon Jones sein?

Unbedingt. Selbst an dem Abend vor drei Jahren, an dem meine Mutter starb, sagte ich meinen Auftritt nicht ab, sondern legte alles, was ich fühlte, in meinen Gesang. Und auch jetzt werde ich weitersingen. Meine Karriere hat so spät angefangen, da denke ich noch nicht an Ruhestand.

Sie waren lange Backgroundsängerin, bekamen erst mit 40 einen Plattenvertrag. Spornt Unterschätzung Sie an?

Ich habe gelernt, meinen Wert nicht nach Äußerlichkeiten zu bemessen. Sonst hätte ich mich längst aufgegeben: zu klein, zu schwarz, zu fett. Das bekam ich immer wieder von den Plattenfirmen zu hören. Großartige Stimme, ja, aber das Aussehen! Also arbeitete ich als Gefängniswärterin auf Rikers Island und als Wachfrau für Geldtransporte. Bis mich der Boss von Daptone 1996 bei einem Job als Backgroundsängerin entdeckte und mir einen Solo-Vertrag anbot.

Jetzt erfüllt es Sie sicher mit Genugtuung, weltweit große Hallen zu füllen, in Film und Fernsehen aufzutreten.

Trotzdem kann ich mich noch immer aufregen: etwa wenn bei den Grammy-Verleihungen Justin Timberlake und Taylor Swift in der Kategorie Rhythm’n’Blues gewinnen. Nicht dass sie keine guten Sänger wären. Aber sie machen Pop! Wenn ich mit meiner Band, den Dap-Kings, singe, dann geht es um die Seele. Soul. Vielleicht lässt sich diese Musik nicht so leicht verkaufen wie Pop – aber sie wird immer neue Generationen erreichen. Deshalb sind doch Stars wie Amy Winehouse zu uns gekommen.

Amy Winehouse nannte Sie als Inspiration. Dennoch waren Sie anfangs nicht gut auf die Engländerin zu sprechen.

Sie hat ihre Hits mit meiner Band eingespielt, mein Studio benutzt, unseren Sound imitiert. War ich deshalb eifersüchtig? Höchstens ein kleines bisschen! Amy hatte eine phantastische Stimme.

        

Das Soul-Genre strotzt von Suchtgeschichten und Missbrauch. Ob Sam Cooke oder Marvin Gaye, Etta James oder Sly Stone. Sind Sie verschont geblieben?

Das Tragische ist doch, dass all diese Sänger schon in einem Alter Erfolg hatten, als sie mit den Nebenwirkungen des Ruhms noch nicht umgehen konnten. Zu viel Partys, zu viel Alkohol, zu viele Affären. Dann beraubten die Plattenfirmen sie auch noch ihrer Tantiemen. Mir kann das nicht passieren, weil ich zu alt dafür bin.

Und Ihren Trost haben Sie sich stattdessen im Gottesdienst geholt?

Nun kann ich es ja zugeben: Durch das Koksen habe ich damals fast eine Oktave meines Stimmumfangs verloren. Ich war Mitte Zwanzig, hatte einen Job bei einer Anwaltskanzlei an der Wall Street und imitierte die Lebensweise meiner Kollegen. Nebenbei sang ich im Kirchenchor, das hielt mich über Wasser. Ich hätte wohl noch lange dieses Doppelleben geführt. Bis mir dämmerte, dass ich meine Stimme unwiderruflich ruinierte. Ich ging in die Kirche und betete: Gott, wenn du mir diese Nacht beistehst, bleibe ich clean.

Sie haben diese Geschichte noch nie erzählt, oder? Dabei passt das doch gut zur Biografie der leidgeprüften Soulsister.

Ich habe das verschwiegen, weil die Medien großes Tamtam um Drogengeschichten machen. Mir geht es aber um meinen Glauben: Er hat mich aus meiner Drogensucht gerettet, er hat mich gestützt, als niemand an die Sängerin Sharon Jones glaubte, er wird mich auch durch den Krebs bringen.

In „Longer And Stronger“ singen Sie darüber, wie oft Ihr Vertrauen in andere Menschen enttäuscht wurde – und dass Sie trotzdem immer wieder aufstanden. Woher rührt dieser Kampfgeist?

Man wird weniger wehleidig, wenn man in Armut aufwächst. Meine ersten Jahre verbrachte ich in der Baracke meiner Oma in Augusta, Georgia. Wir hatten ein Plumpsklo im Garten, kein fließend Wasser. Essen war der einzige Luxus. Großmutter ging in den Garten, erntete Senfkohl und Süßkartoffeln, dazu gab es Huhn oder eine Beutelratte, wenn ich Jagdglück hatte.

Warum erlegt ein Kind Beutelratten?

Ich habe auch Rotkehlchen mit der Steinschleuder gejagt und das Dutzend für ein, zwei Dollar verkauft. Mein Vater brachte mir das Angeln und Fallenstellen bei. Ich erinnere mich, dass wir mal eine Beutelratte heimbrachten, und dann zeigte er mir, wie man sie mit dem Hammer erschlägt. Wir schmorten das Opossum mit Süßkartoffeln im Ofen. Wir nannten das Soulfood.

Heute ist das traditionelle Soulfood wegen seines Fett- und Zuckergehalts in Verruf geraten.

Ich liebe dieses Essen. Aber statt Fleisch koche ich öfters Fisch. Am liebsten, wenn ich ihn selbst geangelt habe.

Sie haben mal erklärt, dass Sie jede Minute, die Sie nicht musizieren, an einem Fischteich verbringen.

Ich liebe das Angeln. Während der Krebsbehandlung habe ich davon geträumt. Ständig. Ich verbinde damit ein Gefühl der Entspannung. Wissen Sie, was ich nach der Entlassung als erstes tat? Obwohl ich vor Schmerzen kaum stehen konnte, packte ich meine Angel, ging an meinem Lieblingsteich und fing einen Barsch.

Müssen Sie wegen Ihrer Krebserkrankung nicht eine strenge Diät einhalten?

Ich nehme Enzym-Pillen, damit meine Verdauung funktioniert. Anfangs hatte ich sie zu niedrig dosiert: Schon nach der ersten Mahlzeit musste ich mich übergeben und kam in die Notaufnahme. Jetzt ernähre ich mich mit Gemüsesäften und biologisch angebauten Lebensmitteln. Unser Essen ist vollgestopft mit Chemikalien. Früher hielt ich Junkfood für normal. Auch eine Folge der Armut: Als meine Mutter meinen prügelnden Vater verließ und mit sechs Kindern nach New York zog, gab es täglich Erdnussbutter-Sandwiches oder Grießbrei.

Sie leben schon viele Jahrzehnte in New York, aber Ihre Musik klingt noch so, als sei sie in einer weißgestrichenen Baptisten-Holzkirche entstanden.

Da ist mein Herz geblieben. Irgendwann werde ich wieder ganz in meine Geburtsstadt Augusta ziehen, ich habe meiner Mutter dort vor ein paar Jahren ein Haus gekauft – Michael Bublé sei Dank.

Nur, weil Sie mit dem kanadischen Sänger 2011 ein Duett aufnahmen?

Der Song „Baby You’ve Got What It Takes“ hat auf einen Schlag mehr Geld gebracht als ein ganzes Jahr bei Daptone. Meine Plattenfirma wird von jungen Soul-Enthusiasten betrieben. Und meine Gagen müssen eine zehnköpfige Band ernähren. Von der ersten Million bin ich noch weit entfernt.

Dann stimmt es also, dass Sie sich in den 90er Jahren noch Geld von Ihrem Kirchenvorstand leihen mussten, wenn Sie auf Tournee mit den Dap-Kings gingen?

Ja, auf den ersten Tourneen waren wir völlig abgebrannt. Ich war glücklich vor Publikum zu singen, mit Stars wie Prince oder Al Green die Bühne zu teilen. Was bedeutete dagegen schon Geld? Zur Not konnte ich ja stets als Backgroundsängerin arbeiten.

Deshalb gingen Sie dann auch 2007 mit Lou Reeds Band auf Tour.

Mit Lou gibt es eine Geschichte: Drei Tage vor seinem Tod rief mich sein musikalischer Direktor an: „Lou liebt dich. Wir sehen gerade das Video an, wo ihr zusammen ,Sweet Jane’ singt.“ Viele hielten Lou für grantig. Er konnte ekelhaft sein! Als ich eine Tournee mit ihm absagte, weil ich als Clubsängerin in einem Film mit Denzel Washington aufzutreten sollte, drohte Lous Manager mir mit einer Klage. Ein halbes Jahr später traf ich Lou wieder, und er wollte wortlos davonmarschieren. Ich packte ihn, schloss ich ihn in meine Arme und drückte ihn so fest, dass er kaum Luft bekam. Ich sagte: Oh mein armer Lou, was habe ich Dir getan? Danach hofierte er mich wie der liebenswürdigste Mensch der Welt.

Er hat Sie ins Herz geschlossen, weil Sie keine Angst vor ihm hatten?

Ich habe sein grimmiges Äußeres ignoriert und zu dem kleinen Jungen in ihm gesprochen. Die meisten Menschen verstecken doch nur ihr verletzliches Kind hinter der Maske der Unfreundlichkeit. Aber Soulmusik spricht zum Kern des Menschen.

Wie werden Sie jetzt öffentlich mit Ihrer Krankheit umgehen?

Äußerlich habe ich mich natürlich stark verändert: Mir sind durch die Chemotherapie alle Haare ausgefallen. Und ich habe auch nicht vor, das mit einer Perücke zu verdecken. Ich bin eine Soulsängerin. Und Soul heißt, zu sich selber zu stehen.

Demnächst kommen Sie auf Europatournee. Wie bereiten Sie sich für Ihre Rückkehr auf die Bühne vor?

Ich trainiere mit Laufband und Hanteln. Aber den Glauben, dass ich alles kontrollieren kann, den habe ich verloren. Vielleicht werde ich meine Geschichte auf der Bühne erzählen, vielleicht werde ich auch weinen – und genau daraus Kraft schöpfen. Meine Mutter sagte immer: Zeig dich, mein Mädchen, dann spürst du, was du wert bist.

Zur Person

Die amerikanische Soulsängerin Sharon Lafaye Jones gehört mit ihrer Band „The Dap-Kings“ zur Speerspitze des weltweiten Soul- und Funk-Revivals. 1956 in Augusta, Georgia, geboren und in New York aufgewachsen, schlug sich Jones lange als Backgroundsängerin durch. Erst mit 40 bekam sie einen Plattenvertrag. Sharon Jones ist heute Aushängeschild des Brooklyner Labels Daptone, das schon Musik für Hits von Jay Z lieferte. Seit 1996 nahm sie sechs Alben auf und arbeitete unter anderem mit Lou Reed, David Byrne und Michael Bublé. Gerade erscheint ihr neues Album „Give The People What They Want“.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER

SZ 15.1.2014

 

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Wenn der Militärputsch kommt, schreibt man lieber Tagebuch: Christof Wackernagel über „Reden Statt Schiessen in Mali“

Am 27. November 2013 wurde der einstige Putschistenführer Amadou Sanogo in Bamako verhaftet. Der frisch gewählte malische Präsident Ibrahim Boubacar Keita setzte damit ein klares Zeichen für den Rechtsstaat – und gegen Willkür und Gewalt. Kann Mali also immer noch als Vorbild für Afrika dienen? Christof Wackernagel würde sich das wünschen. Der deutsche Schriftsteller, Schauspieler und Ex-RAF-Mann hatte sich 2001 dauerhaft in dem Land niedergelassen, weil er dort eine gelebte gesellschaftliche Praxis des Dialogs vorfand, wie sie wohl weltweit einmalig ist.

So zumindest schreibt es der Auswanderer in seinem Buch „Reden statt Schießen in Mali: Militärputsch in einer Kultur des Dialogs“: „Vom Ehekonflikt bis zur großen politischen Auseinandersetzung – man redet erst mal miteinander“. Wackernagel verliebte sich in diese Gesellschaft. Und genoss es, abends vor seinem Haus mit Nachbarn, Händlern, Polizisten über Politik im Großen wie im Kleinen zu palavern.

Bis der Militärputsch vom 21. März 2012 die Idylle auszulöschen drohte. Meuternde Soldaten unter Führung des Hauptmanns Sanogo hatten den Präsidentenpalast gestürmt und die Regierung von Präsident ATT nur fünf Wochen vor geplanten Wahlen – und während der Besetzung des Nordens durch Tuaregs und islamistische Milizen – für abgesetzt erklärt. Regierungsloyale Soldaten wurden verhaftet, gefoltert und getötet

So etwas hatte man in Bamako bisher kaum für möglich gehalten. Und nicht nur Christof Wackernagel war schockiert: „Ein Putsch in einem Land, das Afrika und dem Rest der Welt dabei war zu zeigen, dass die Afrikaner eben nicht so sind, wie ihr Klischeebild sie zeichnet? In dem ich eine lebendigere Demokratie erlebt hatte, als ich sie aus dem langweiligen Deutschland kannte? Eine Lebenslust und Lebensfreude, wie ich sie in dieser unserer verwalteten Profitmaximierungswelt schon nicht mehr für möglich gehalten hatte?“

Man kann aus diesen Zeilen des Schriftstellers eine Menge enttäuschte Schwärmerei herauslesen. Und doch kennt sich wohl niemand in Deutschland besser mit den Winkelzügen malischer Politik aus als Wackernagel. Er liest die großen globalen Zusammenhänge aus dem afrikanischen Nachrichten-Dschungel heraus. Das macht Wackernagels „Reden statt Schießen in Mali“ zu einer unentbehrlichen Lektüre für jeden, der verstehen will, wie die politischen Erschütterungen in einem vermeintlich unbedeutenden westafrikanischen Land nicht nur mit dem Schicksal der ganzen Region, sondern auch der Zukunft unserer westlichen Welt verflochten sind.

Das Ringen zwischen Idealismus und Korruption, westlichem Fortschritt und Islamisierung, Tuareg-Mythen und Vielvölkerstaat: Hier bilden sich im Klein-Klein des Ränkespiels malischer Politiker und Warlords die Probleme nicht nur vieler afrikanischer Nationalstaaten – nein, die Verwerfungen der ganz großen Weltpolitik ab.

Wackernagels Putschtagebuch setzt an dem Tag ein, an dem Amadou Sanogo sein Land ins Chaos stürzt, und es begleitet ein gutes Jahr lang die Krise: In Augen- und Ohrenzeugenberichten, Nachrichten und Straßengerüchten, atmosphärischen Schilderungen eines Alltags unter der doppelten Bedrohung durch Militärjunta und Islamisten.

Dabei bewundert Wackernagel einerseits die politische Kompetenz selbst einfacher Elektriker, die sich genau mit den Paragraphen der Verfassung auskennen – und muss andererseits die Auswüchse der Dialogkultur erkennen: „Das öffentliche Leben“, notiert Wackernagel zwei Tage nach dem Putsch, „ist nun völlig lahmgelegt, selbst die Tankstellen sind geschlossen. Die einzigen, die dafür sorgen, dass das Leben als solches weitergeht, sind mal wieder die Frauen, sie schleppen weiter Wasser oder Lebensmittel auf ihren Köpfen und Kinder auf ihren Rücken durch die Straßen und kochen zu Hause oder am Straßenrand, damit die Männer die überall diskutierenderweise herumstehen oder – sitzen beim buchstäblichen Abwarten und Teetrinken nicht verhungern“.

Wackernagel ist Moralist, aber einer der die Realitäten der Politik anerkennt. Gegen einen skrupellosen Gegner kann der Dialog nichts ausrichten. Die Anti-Nato-Ressentiments deutscher Linker, die die Militärhilfe Frankreichs gegen die vorrückenden islamistischen Milizen verurteilten, weist er als wirklichkeitsfremd zurück: Will man 14 Millionen Malier wirklich gegen ihren Willen unter die Scharia zwingen lassen?

Am stärksten wirkt Christof Wackernagels Tagebuch, wenn der Autor tief in das alltägliche Handgemenge eintaucht und für eine säkulare, aufgeklärte Gesellschaft streitet. Letztlich geht es ihm weniger um Lösungen für die malische Politik. Sondern um die Würde des Menschen.

Respekt vor dem Andersdenkenden und die Demokratisierung der Gesellschaft von unten – waren das nicht die Anliegen, für die Wackernagel sein ganzes Leben lang gerungen hat? Von Bamako, das bleibt das Fazit seines Buches, können wir alle lernen.

JONATHAN FISCHER

Die Welt 14.1.2014

Heimkehrbilder: Die Jugend Westafrikas misstraut dem Fortschritt, setzt auf die alte Kultur. Zum Beispiel Karim, der Sohn des legendären Fotografen Malick Sidibe

Malick Sidibe, der Name prangt immer noch auf dem schwarz-weißen Ladenschild. Und das obwohl Karim Sidibe das Fotostudio in Bagadadji im Zentrum Bamakos schon vor Jahren von seinem Vater übernommen hat. „Ihr Europäer“, sagt Karim, ein schlaksiger Typ mit breitem Lächeln, „habt den Wert des Handwerks meines Vaters und seiner Silberbromid-Abzüge begriffen. Mehr als wir selbst.“ Mit ein paar Freunden sitzt er auf Plastikstühlen vor dem Studio, trinkt einen Tee nach dem anderen, während malischer Gitarrenblues aus einem Transistorradio pluckert.

Bis Anfang 2012 – als der Krieg im Norden Malis ausbrach – sah der junge Fotograf einen beständigen Strom ehrfürchtiger Touristen vorbeipilgern. Malick Sidibe! Dieser Name steht immerhin für eine goldene Epoche der afrikanischen Fotografie. Hier in diesem ungestrichenen, eingeschossigen Betongebäude hatte der Meisterfotograf in den 60er- und 70er-Jahren seine weltberühmten Porträts aufgenommen: Schwarz-Weiß-Fotos, die durch Galerien und Museen von New York bis Paris tourten, Mali in die Sphäre der zeitgenössischen Kunst katapultierten und die Ikonografie des modernen Afrika mit ihrem Optimismus nachhaltig prägten. Mali war gerade wie halb Westafrika unabhängig geworden. Und seine Jugendlichen sahen sich als Teil einer weltweiten Bewegung: Sie tanzten Twist bis in den Morgen, trugen dieselben Anzüge wie ihre Hipster-Kollegen in London und Paris, posierten mit brandneuen Mofas, Kofferradios und Telefonen. Man träumte von Mobilität und Teilhabe an den Versprechungen westlicher Popkultur. Und aus Malick Sidibes Schwarz-Weiß-Abzügen leuchtete eine Zukunft in Nylon und Chrom.

Was ist heute davon geblieben? Unter einer riesigen Trikolore („Ohne die französische Armee würde es hier keine Musik und keine Fotografie mehr geben“) hat Karim Sidibe fein säuberlich die Einzelteile einiger defekter Kameras aufgereiht. Mit der Reparatur billiger Digitalknipser verdient er sich ein Zubrot. „Die Krise . . . Wegen des Krieges haben zuerst die ausländischen Firmen ihre Mitarbeiter abgezogen. Dann verloren die Angestellten in der Hotellerie, die Handwerker und Händler der Touristenmärkte ihre Arbeit. Wir sind alle in ein Loch gefallen.“ Auch Karim bedient kaum noch westliche Kunden. Er fotografiert vor allem junge Malier. Eine Generation, die von den Inszenierungen seines Vaters nichts mehr wissen will. Die den Versprechungen des Westen misstraut.

„Wollen Sie einen Blick ins Studio werfen?“ Ein halbdunkler, schlichter Raum, kaum größer als eine der winzigen Röstspießbuden gegenüber. Eine Bretterwand trennt das eigentliche Studio ab: Ein Déjà-vu-Erlebnis. Der schwarz-weiß-karierte Linoleumboden, die grün-braun-gestreiften Stoffvorhänge wie auf den klassischen Porträts aus den Sechzigern. In der Mitte ein Holzstuhl. Das Heiligtum der afrikanischen Fotografie – eine Abstellkammer.

Zwischen Reissäcken und Pappkartons zieht Karim ein paar Umschläge mit Handabzügen hervor: einige davon noch in der Silberbromid-Technik, die er von seinem Vater erlernt hat. Andere, so wie es die meisten Kunden inzwischen wünschen, in Farbe. Da posieren Teenager-Mädchen in engen Jersey-Tops und hochhackigen Schuhen, junge Männer nach Manier westlicher Gangster-Rapper mit nacktem Oberkörper und Baseballkäppi. Doch das seien Ausnahmen, sagt Karim, vor allem die gebildeten jungen Städter hätten andere Ideen. Der neueste Trend, das seien nicht mehr Eiffelturm oder Wolkenkratzer. Sondern Lehmhütten und Felder. Karims jüngste Farbporträts zeigen pastorale Landschaften und Gewänder, während Autos, Hausfassaden oder technische Statussymbole außen vor bleiben. Als ob diese das Bild verunreinigen könnten. „Wir befinden uns im Zeitalter der Nostalgie“, erklärt Karim. „Die jungen Menschen besinnen sich auf ihre Wurzeln, und lassen sich lieber im Ambiente ihrer Väter und Großväter ablichten. Sie fühlen sich verunsichert. Und finden hier etwas, das ihnen niemand nehmen kann.“ Ein Porträt an der Wand zeigt einen aus Sikasso im Süden stammenden Studenten, der mit traditioneller Jägermütze vor grünen Feldern posiert. Fellquasten, Hirtensandalen und urtümlicher Kopfputz – Accessoires, die frühere Städter-Generationen als peinlich hinterwäldlerisch empfunden hätten. „Ich verbringe viel Zeit damit, traditionelle Requisiten aus entfernten Regionen zu studieren.“ Wenn Mali, gut ein halbes Jahrhundert nach seiner Unabhängigkeit, immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt gehöre, Korruption und politische Intrigen das Land lahmlegten, müsse eben die Kultur der Vorfahren moralische Kraft spenden.

Eine ähnliche Rückbesinnung lässt sich in ganz Westafrika beobachten. Da tauscht etwa der junge malische Popstar Ben Zabo auf der Bühne regelmäßig seine Jeanskluft gegen die Sisalröcke seines Herkunftsvolkes der Bo ein, holen ghanaische Rapper die Highlife-Helden ihrer Großeltern wieder ins Studio, lassen Nachwuchsbands in Bamako die E-Gitarren für überlieferte Musikinstrumente wie die Ngoni-Harfe stehen. Im Senegal inspiriert la lutte , das Ringkampf-Theater mit Medizinmann-Zauber und begleitenden Griot-Gesängen, Literaten, Künstler und Filmemacher. Während Modedesigner von Dakar bis Lagos den importierten Basketball-Look mit traditionellen Schnitten und Materialien kontern. Etwa die international renommierte junge Nigerianerin Buki Akib, die ihre neue Männermode-Kollektion bezeichnenderweise „Fela“ und „Homecoming – A journey into an idealised future“ taufte. Es geht um das ideelle Heimkommen. Selbst im Kongo, jahrzehntelang Zentrum der polyglotten afrikanischen Popmoden, erleben dörfliche Traditionen wie die der Likembe-Orchester ein Comeback.

Natürlich ist der Ruf nach „authenticité“ nicht ganz neu. Schon in den 60er- und 70er-Jahren führten Politiker wie Guineas erster Präsident Sekou Touré das Wort im Mund, verordneten sozialistische bis nationalistische Regime von Zaire bis Obervolta heimische Kultur als Gegengift zur importierten westlichen Dekadenz. Während der von Leopold Senghor geformte Begriff der „négritude“ seine Wirkung eher im kulturtheoretischen Diskurs entfaltete. Nun aber sickert eine Desillusionierung mit den einstigen westlichen Fortschrittsidealen in die Ikonografie des Alltags durch. Gerade die Fotografen sind in Ländern wie Mali, wo 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, die wirksamsten Multiplikatoren. Niemand will wohl das Dorfleben von vor 50 Jahren zurück. Eher geht es darum, in einer globalisierten und dank moderner Kommunikationstechnologien entgrenzten Welt, einen Anker der eigenen Identität zu finden. Seine Kunden, sagt Karim, bestellten ihre Fotos immer öfter als Digitalaufnahmen: Um sie auf dem iPod den Kommilitonen zu zeigen, oder auf Facebook hochzuladen – damit auch die Verwandten im Dorf daran teilhaben können.

JONATHAN FISCHER

SZ 13.1.2014

 

Heute lache ich Rassisten aus: Ein Gespräch mit dem Journalisten Theodor Michael, dem ersten schwarzen Schauspieler im deutschen Fernsehen

Interview: JONATHAN FISCHER

Er trat in UFA-Filmen mit Baströckchen auf, später heuerte ihn der BND an: Ein fast Neunzigjähriger über deutschen Rassismus

In Ihrer Biographie berichten Sie von der schwierigsten Zeit Ihres Lebens: dem Überleben als schwarzer Deutscher unter einem Regime, das Sie zum Angehörigen einer „minderwertigen Rasse“ abstempelte, Sie ausbürgerte und in den letzten Kriegsjahren in ein Lager mit Fremdarbeitern steckte.

Es wurde zu meiner Überlebensstrategie, bloß nicht aufzufallen. Wer aufmuckte, landete schnell im KZ – und wir alle wussten von den Zwangssterilisationsprogrammen für Schwarze. Das hing wie ein Damoklesschwert über uns.

Ihr Vater allerdings hatte Deutschland anfangs noch ganz anders erlebt: Er wurde 1884 als Bewohner von Deutsch-Kamerun zum Deutschen gemacht, reiste voller Tatendrang nach Berlin und heiratete dort eine Preußin.

Die Hautfarbe spielte damals noch keine so große Rolle, Afrikaner aus den deutschen Kolonien galten als Landsleute. Mein Vater kam zudem aus einer vornehmen Kameruner Familie, er war Respekt gewohnt. Erst die Kolonialkriege gegen aufständische Afrikaner – etwa der Krieg gegen die Herero in Südwestafrika – ließen die öffentliche Meinung kippen: Plötzlich verunglimpften Zeitungen Afrikaner als unzivilisierte Wilde.

Hat sich Ihr Vater dennoch als Deutscher gefühlt?

Ja, durchaus. Wie das in afrikanischen Sozialsystemen üblich ist, steht man loyal zur eigenen Obrigkeit.

Sie selbst waren sehr ehrgeizig, gehörten stets zu den besten Schülern Ihrer Klasse – und erlebten dann, wie Sie wegen Ihrer Hautfarbe aus dem Gymnasium und später auch aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen wurden.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich den kindlichen Wunsch hegte, bei der Hitlerjugend mitzumachen. Damals gingen eben alle Kinder in das Jungvolk. Mir aber sagte man: Du gehörst nicht zum Volk. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht.

Sie schreiben, dass damals jeder Zirkus, der etwas auf sich hielt, eine Völkerschau ins Programm aufnahm. Weil es keine Alternativen gab, heuerten Sie mit Ihrem Vater und Ihren Geschwistern dort als „Wilde“ an. Wie empfanden Sie diese Auftritte im Baströckchen?

Mein Vater vermittelte uns, dass das ein Job wie jeder andere sei. Er sah das professionell: Dann schlüpfe ich eben in das Baströckchen und ziehe nach Feierabend wieder meinen Anzug an. Anfangs genoss ich sogar die Aufmerksamkeit, in meiner Klasse galt ich als Schauspielstar. Aber mit vierzehn Jahren begann ich zu stottern und bekam Magengeschwüre. Dass dauernd Menschen in mein Haar fassten und an meiner Haut rieben, um zu sehen, ob ich nicht bloß angemalt war – das machte mich krank.

Sie spielten auch in UFA-Produktionen mit und dienten da als Statist der Verherrlichung der deutschen „Herrenrasse“ und Kolonialherren wie Carl Peters.

Wir Schwarze durften damals nur Rollen spielen, die nicht zu positiv besetzt waren. Liebesszenen oder selbstbewusstes Auftreten waren tabu. Beim Dreh für den „Carl Peters“-Film gaben wir die sogenannten Eingeborenen, zusammen mit afrikanisch-französischen Kriegsgefangenen. Unterhalten durften wir uns mit denen leider nicht. Aber wir haben den afrikanischen Kollegen Tabak und Brot zugesteckt.

Sie verwaisten früh, wurden zu Pflegeeltern gesteckt, die Sie wie einem Hausdiener behandelten und, so schreiben Sie in ihrem Buch, ganz unverblümt die Ansicht äußerten, Sie seien „in Anbetracht ihrer afrikanischen Abstammung ohnehin zu nichts anderem als zum Dienen bestimmt“. Haben Sie sich damals schon mit der politischen und ideologischen Dimension des Rassismus beschäftigt?

Waren Sie schon mal in einer lebensgefährlichen Situation? Da gibt es keinen Raum zum Nachdenken. Alles dreht sich nur um die praktische Frage: Wie überlebe ich den heutigen Tag?

Absurderweise wurden Sie später von den amerikanischen Besatzern verdächtigt, ein Nazi-Kollaborateur zu sein.

Die wunderten sich wohl, dass ich als Schwarzer diese Zeit so unbeschadet überleben konnte. Mir nutzte dann mal ausnahmsweise meine Hautfarbe: Ich marschierte, ohne kontrolliert zu werden, an den Wachen vorbei aus dem amerikanischen Lager heraus.

Andererseits lebte der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen weiter. Sie fanden nur schwer Arbeit und mussten Ihre Familie mit sporadischen Jobs als Radiosprecher und Schauspieler ernähren.

Die Arbeitgeber befürchteten damals, ein schwarzer Angestellter könne sie in Konflikt mit ihren Kunden oder ihrer Belegschaft bringen. Sobald ich mich persönlich vorstellte, war der Job schon vergeben. Am Theater dachte man ähnlich: Ich sprach für einen „Wilden“ zu gut Deutsch. Und andere Rollen waren für weiße Schauspieler reserviert, selbst den Othello überließ man lieber einem schwarz angemalten Weißen. Das sollte sich erst in den achtziger Jahren ändern, aber da fühlte ich mich für viele Rollen schon zu alt.

Zumindest den Prospero aus Shakespeares „Sturm“ durften Sie als junger Mann einmal spielen.

Ja, aber da gab es gleich Proteste der Kollegen: Das geht nicht, ein Schwarzer als Prospero!

Offensichtlich war es für einen Schwarzen in den sechziger Jahren leichter, deutscher Schlagerstar zu werden, wie der Erfolg von Roberto Blanco beweist.

Ja, aber eben nur mit höchst harmlosen Liedern. Fälschlicherweise wurde Blanco später als erster schwarzer Schauspieler im deutschen Fernsehen bezeichnet. Dabei war ich dort schon 1955 aufgetreten, unter anderem als amerikanischer GI in dem Stück „Ein Held in unserer Zeit“.

Sie haben sich nach dem Krieg mit den schwarzen GIs verbrüdert. Hat sich da für Sie ein Fenster zu einer größeren Welt geöffnet?

Die GIs bedeuteten ein Ende der Isolierung. Es gab endlich wieder Landsleute, Menschen mit meiner Hautfarbe, die Ähnliches erlebt hatten wie ich und auch darum kämpften, in einer weiß dominierten Welt zu überleben. Es war selbstverständlich, dass wir uns miteinander solidarisierten.

Sie schreiben über die große Sprachlosigkeit nach dem Krieg und dass Sie die eigenen Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus selbst mit Ihrer weißen deutschen Ehefrau kaum besprachen.

Das allgemeine Schweigen über die Vorgänge während der NS-Zeit war ein Versuch, mit den eigenen seelischen Verwundungen klarzukommen. Erst die 68er-Generation akzeptierte das nicht mehr. Auch mein Sohn fragte mich damals: Hast du dich denn gar nicht gewehrt? Weshalb hast du das Unrecht zugelassen? Ich habe ihm dann vieles erklären müssen: dass ich Menschen nicht von vornherein verurteile und dass ich stets das Gespräch suche, selbst wenn es sich um ehemalige NS-Parteigänger oder Neonazis in Ostdeutschland handelt.

Glauben Sie wirklich, Rassisten durch Gespräche bekehren zu können?

Nein. Aber ich glaube an die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Nach dem Krieg war ich eng mit einem Mann befreundet, der mir Jahre später gestand, dass er in der SS gewesen war. Natürlich erschrak ich erst einmal. Mir gegenüber hatte mein Freund nie Anzeichen von Sympathie für das NS-Regime gezeigt, im Gegenteil, er hatte im Nachhinein vollkommen begriffen, was in dieser Zeit passiert war.

Wie haben Sie Ihre Kinder auf mögliche rassistische Anfeindungen vorbereitet?

Am meisten zählt doch das eigene Vorbild. Meine Kinder lachen Rassisten einfach aus, genauso wie ich. Sie wissen, dass es die Rassisten sind, die ein Problem haben, nicht sie.

Stört es Sie, wenn Sie in alten Kinderbüchern auf das Wort „Neger“ stoßen?

Ich halte manches an dieser Diskussion für überzogen. „Zehn kleine Negerlein“ etwa ist ein Lied aus dem neunzehnten Jahrhundert, das man in seinem historischen Kontext sehen muss. Von mir aus darf auch der sogenannte Mohrenkopf bleiben. Ich bringe mich als schwarzer Mensch nicht in Verbindung damit.

Viele jüngere schwarze Deutsche geben sich da radikaler. Die Autorin und Musikerin Noah Sow etwa attackiert in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ die Privilegien der weißen Mehrheit und fordert selbst tolerant tuende Weiße auf, sich zum „Rassisten in sich zu bekennen“.

Die jüngere Generation hat das Recht, radikal zu sein, weil man ihr immer noch das Baströckchen anziehen will. Sie haben heute andere Möglichkeiten, sich zu wehren, als wir damals. Und das ist gut so.

Sie waren in den siebziger Jahren Chefredakteur des Afrika-Bulletin und wurden später vom Bundesnachrichtendienst als Afrika-Experte angeworben. Sind Sie angesichts der Anfeindungen in Deutschland nicht manchmal in Loyalitätskonflikte gekommen?

Ich nenne meine Heimat ja bewusst nicht Vaterland, sondern mein Mutterland. Aber die Loyalität zu dem Land bleibt, auch wenn eine Minderheit der Menschen, die darin leben, es mir oft schwergemacht hat. Sowohl als Journalist als auch als Beamter des BND ging es mir um dasselbe Anliegen: ein realistischeres Afrikabild zu zeichnen. Die Deutschen haben sich nach dem Krieg lange nur mit sich selbst beschäftigt. Sie wussten nichts über die Lebenswirklichkeit der Afrikaner.

Heute wird über unsere Verantwortung für Afrika vor allem dann debattiert, wenn wieder mal Hunderte von Flüchtlingen vor Lampedusa kentern. Wie stehen Sie zur deutschen Asylpolitik?

Ich sehe nicht nur unsere Asyl-, sondern auch unsere Einwanderungspolitik sehr kritisch. Da wird Deutschland noch allzu oft als völkisch gedacht. Dabei sind wir längst ein Einwanderungsland. Wie schon zur Zeit meines Vaters sind es ja gerade die bestausgebildeten jungen Afrikanern, die von ihren Familien nach Europa geschickt werden. Beide Seiten könnten bei einer kontrollierten Einwanderung voneinander profitieren. Aber in Brüssel diskutiert man lieber darüber, wie man die Grenzen noch effektiver bewacht.

Was müsste geschehen, damit schwarze Deutsche sich endlich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft fühlen können?

Das fängt beim Fernsehen und seinen Serien an: Wo tritt da mal ein schwarzer Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur auf? Die gibt es doch längst auch in Deutschland. Aber sie bleiben im öffentlichen Bewusstsein so gut wie unsichtbar. Und auch an jeder deutschen Grenze wird einem klargemacht: Du gehörst nicht dazu.

Können Sie das erklären?

Wie oft habe ich diese Szene schon erlebt: An den Flughafenkontrollen lässt man alle durchmarschieren, ungeachtet ihrer möglichen Nationalitäten. Dann komme ich: Stopp, Ihren Pass bitte! Nicht Personalausweis, nein Pass. Woraus schon zu schließen ist, das mich der Zollbeamte für einen Ausländer hält. Ich frage dann stets: Warum kontrollieren Sie nur mich? Müssen Sie nicht alle kontrollieren? Dann tut er das notgedrungen, und die Leute sehen mich als Schuldigen und schimpfen auf mich. Aber das ist es mir wert

ZUR PERSON

Theodor Michael wird 1925 in Berlin als jüngster Sohn eines Kameruner Kolonialmigranten und dessen deutscher Ehefrau geboren. Mit neun Jahren ist er Vollwaise.

Die NS-Zeit überlebt er unter anderem mit Komparsenrollen in Kolonialfilmen der UFA. Nach dem Krieg arbeitet er als Zivilangestellter bei den amerikanischen Besatzungstruppen, holt das Abitur nach und studiert Politikwissenschaften in Hamburg und Paris. Er wird Chefredakteur der Zeitschrift „Afrika-Bulletin“, Regierungsberater der SPD und Lehrbeauftragter für die Deutsche Stiftung für Internationale Zusammenarbeit. Schließlich heuert er beim Bundesnachrichtendienst an. Heute ist er pensionierter Regierungsdirektor.

Kürzlich erschien bei dtv seine Autobiographie „Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen“. Erst seine Enkel hatten ihn dazu bewegt, die eigene Geschichte aufzuschreiben.
FAZ 4.1. 2013