Monatsarchiv: April 2015

Vitamine vom Himmel: Nirgendwo erleben Kirchen einen so rasanten Zulauf wie in Afrika. Einige predigen den Frieden. Andere machen Geschäfte

Über seinem Schreibtisch hängt noch ein leicht verblasstes Foto von Papst Benedikt XVI., gegenüber eine Tafel mit dem Spruch: „Heute ist das Morgen, das du gestern gefürchtet hast.“ Ignatius Ayau Kaigama, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz, empfängt in seinem Büro in Jos, Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, der sich mit dem amtlichen Slogan „Heimat von Frieden und Tourismus“ anpreist. Beides sind, angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre, ziemlich steile Behauptungen.

  „Ich bin müde“, sagt der Bischof mit schwerem Lächeln, „ich bin es leid, immer neue Feuer löschen zu müssen. Seit ich hier bin, jagt eine Krise die nächste.“

  Seit 2000 ist Kaigama Erzbischof von Jos, die Stadt liegt im Zentrum Nigerias, wo der mehrheitlich christliche Süden und der muslimische Norden aufeinandertreffen. Lange bevor die islamistische Terrorsekte Boko Haram begonnen hat, das Land mit Gewalt zu überziehen, haben Fanatiker beider Seiten hier massenweise Zivilisten massakriert, Kirchen, Moscheen, Dörfer niedergebrannt. Erzbischof Kaigama hat gemeinsam mit muslimischen Würdenträgern Friedensinitiativen gestartet, immer wieder weist er darauf hin, dass hinter dem Glaubenskrieg in Wirklichkeit ethnische und politische Konflikte stecken. Der Katholik gilt auch vielen Muslimen als respektable Stimme der Vernunft – anders als die vielen Fanatiker der Frei- und Pfingstkirchen, die in der Gegend aus dem Boden geschossen sind.

  Sie nennen sich Divine Grace Ministries, Ebenezer Baptist Church, Miracle Ministries oder: Christ’s Chosen Church of God. Es sind Dutzende, Jos ist ihre Hochburg. „Vielleicht mögen sie einfach das gemäßigte Klima hier, für das die Gegend mal beliebt war“, sagt der Erzbischof.

  Was er von den Botschaften einiger dieser Selfmade-Prediger hält, die mitunter die Gewalt noch anheizen? Darauf antwortet er, indem er über seinen eigenen Glauben spricht: „Meine Religion lehrt mich aufzubauen, statt zu zerstören. Wir öffnen unsere Arme für alle, wir betrachten die Menschheit als Ganzes.“ Kurz vor dem Gespräch war ein Muslim aus der Stadt bei ihm, auf der Suche nach Rat. „Der Mann hätte sich nicht hierher getraut, wenn er nicht wüsste, für welche Werte ich stehe.“

  Christentum in Afrika. Das ist – mit Ausnahme des urchristlichen Äthiopien – immer auch eine Geschichte europäischer Missionswerke, Partnerkirchen und Entwicklungshilfeprojekte. Deutsche Christen etwa engagierten sich nirgendwo auf dem Kontinent so nachhaltig wie in der ehemaligen deutschen Kolonie Ostafrika. Bereits seit 1891 ist die Berliner Mission im Süden Tansanias aktiv. Einige patriotische Missionsgesellschaften sahen in der Seelenbekehrung eine gute Gelegenheit, die Einheimischen zum Gehorsam gegenüber der deutschen Obrigkeit zu erziehen. Andere, wie die Leipziger Mission, betonten schon damals ihre Unabhängigkeit: Man wolle nicht, hieß es im Missionsblatt, „statt dem Reiche Gottes dem deutschen Reiche oder beiden zugleich dienen“. Doch auch wenn die Missionare immer wieder als Fürsprecher der Afrikaner gegen die brutalen Übergriffe deutscher Kolonialtruppen auftraten: Zwangsarbeit gab es auch auf kircheneigenen Plantagen.

  Später verlagerte sich die Arbeit ins Soziale. Anfang des 20.Jahrhunderts errichtete die Berliner Mission die ersten Krankenhäuser im Süden Tansanias. Es folgten: Internate, Bibel- und Krankenschwesterschulen, Kinderheime und Behinderteneinrichtungen. Bis heute unterhalten die Kirchen in vielen Ländern Afrikas eine Infrastruktur, ohne die das Gesundheits- und Bildungswesen wohl zusammenbrechen würde.

  In Afrika Christ zu sein: Das bedeutet, der schnellst wachsenden Kirche der Welt anzugehören. Allein die evangelisch-lutherische Kirche Tansanias verbucht jährliche Zuwachsraten von 15 Prozent, die Zahl der afrikanischen Katholiken hat sich seit 1950 auf geschätzte 180 Millionen verzehnfacht. Ein Wachstum, das auch Fragen nach einer „Reafrikanisierung“ der Kirche aufgeworfen hat. Hielten nicht viele getaufte Afrikaner heimlich an den Ritualen der Vorfahren fest?

  „Das Christentum“, konstatiert der Politikwissenschaftler Achille Mbembe, „wurde auf den Kopf gestellt, zerlegt und mit der Maske der Vorfahren bekleidet. Die Afrikaner schöpfen daraus wie aus einem Spiegel, in dem sie ihre Gesellschaft darstellen“.

  Dem Präsidenten der evangelisch-lutherischen Kirche in Südtansania etwa, Judah Kiwovele, war westliche Bildung wichtig: Anfang der Siebzigerjahre machte er seinen Doktor der Theologie an der Universität Heidelberg. Gleichzeitig aber stand er für ein neues, afrikanisch-patriotisches Christentum. Er studierte lokale animistische Traditionen und warnte die Europäer davor, die Afrikaner zu „bevormunden wie Menschen, die selber keine Rechtstraditionen oder Erfahrungen der Daseinsbewältigung haben“.

  Bereits Anfang der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Simon Kimbangu, ein zum Christentum konvertierter Heiler und Visionär, im Kongo eine afrikanisierte Spielart des Christentums ins Leben gerufen: die Kimbanguisten. Obwohl Kimbangu direkte politische Äußerungen mied und sich seine Anhänger eher durch Musikalität – sie unterhalten bis heute zwei Sinfonie-Orchester in Kinshasa – denn durch Kampfeslust hervortaten, wurden sie von der belgischen Kolonialregierung als Bedrohung wahrgenommen. Kimbangu erklärte Weiße und Schwarze zu ebenbürtigen Christen. Er wurde gefangen genommen und blieb bis zu seinem Tod 1951 inhaftiert, seine Anhänger konnten sich nur noch nachts und heimlich treffen. Und trotzdem – oder gerade deswegen – bekamen die Kimbanguisten weiter Zulauf. Heute bekennen sich rund zwölf Millionen Afrikaner zu ihnen.

  Sechs Jahrzehnte später verfolgte Bischof Kiwovele in Tansania eine ähnliche Mission: Er brachte exorzistische Zeremonien in die von deutschen evangelisch-lutherischen Missionaren gegründete Kirche. Gemeindemitglieder sollten in Kontakt mit Ahnengeistern treten. Ein Besuch bei einer Dämonenaustreibung in der Kirche von Njombe konnte verschrecken: ein Kreis wippender, wild gestikulierender Menschen, spitze, ekstatische Schreie. Und mittendrin, von vielen Händen berührt: ein zuckender – angeblich von Dämonen besessener – Kranker. Der Bischof wurde vor einigen Jahren zwangsweise in den Ruhestand versetzt. So viel Irrationalität schien mit dem Christentum europäischer Prägung unvereinbar. Und doch suchen sich afrikanische Traditionen immer wieder neue Ventile. Nicht zufällig erlebten in den letzten Jahrzehnten Pfingstkirchen einen enormen Aufschwung.

  Heute gehört, Schätzungen zufolge, ein gutes Viertel der afrikanischen Christen solchen Pfingstkirchen an, Kirchen, in denen das Wirken des Heiligen Geistes über Heilungen, Prophetie und Zungenreden im Mittelpunkt steht. Für Afrikaner sind sie aus vielen Gründen attraktiv: Zum einen zeigen viele der dort praktizierten Trance-Rituale Ähnlichkeit mit dem spirituellen Universum des Ahnenglaubens, wird die Hexerei in diesen Kirchen ernst genommen. Zum anderen predigt die vom afroamerikanischen Heilsprediger William J. Seymour Anfang des 20. Jahrhunderts in Los Angeles popularisierte Pfingstbewegung den Heiligen Geist als Medium des weltlichen Erfolgs. Und je entmündigter und hoffnungsloser eine Bevölkerung, desto verlockender eine Lehre, die auf überirdisches Wunderwirken baut.

  Sonntags im Zentrum der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa: Aus einem schmucklosen Betonkasten dringen Chorgesänge. Inmitten der Wellblechhütten rundum scheint selbst das Grau der Kirche La Borne wie ein Hoffnungszeichen. Einige Tausend Christen in Festtagskleidung drängen sich auf drei Stockwerken zum Gottesdienst, einer Marathon-Show, wo wechselnde Prediger, Chöre und eine Popband die Gemeinde in Wallung bringen. „Gott teilte die Wellen und führte sein Volk durch das Meer“, predigt Pfarrer Joseph Bondo, ein bulliger Typ in Anzug und Krawatte, der wie ein angriffslustiger Boxer um sein Plexiglaspult tänzelt. „Er kann alle Hindernisse aus dem Weg räumen.“ Pfarrer Bondo preist Gott wie einen Lebensmittelzusatz an: „Er nährt uns mit Vitaminen, die vom Himmel kommen!!“

  Rettung von oben statt durch eine verantwortungsvolle Politik: Dem kongolesischen Staat kommt das durchaus gelegen. Wer auf den Himmel hofft, der rebelliert nicht so schnell gegen eine menschengemachte Misere. Die meisten Pfingstkirchen unterhalten enge Beziehungen zur Regierung. Als die katholische Kirche dem Regime Mobutu mit ihrer Gesellschaftskritik und einem „Marsch der Hoffnung“ zu unangenehm wurde, setzte der Diktator Anfang der Neunzigerjahre kurzerhand auf die Konkurrenz. Er ließ Prediger der Pfingstbewegung ins Land. Teile und herrsche. In der Folge hielten der Amerikaner Jimmy Swaggart, der deutsche Evangelist Reinhard Bonnke oder der Niederländer John Maasbach Feldzüge im Kongo ab. Nach ihrem Vorbild formierte sich eine Generation afrikanischer Prediger: adretter Anzug, makellose Frisur, aufpeitschendes Entertainment. Ihre Botschaft ist eingängig: Für Misserfolge sind böse Geister verantwortlich, Erfolge dagegen verdanken sich der Gunst Gottes.

  Selbst der kongolesische Präsident Kabila folgt heute diesem Gedankengut. Er hat den Pfingstprediger Sony Kafuta alias „Rockman“ als persönlichen spirituellen Führer engagiert. Nicht die Armut, nein, „Prosperité“ (Wohlstand) zeichnet demnach Gottes Erwählte aus. „Rockman“ verkauft christliche Dienstleistungen: Seine jungen weiblichen Anhänger zahlen ihm bis zu 50 Dollar, damit er ihnen durch Handauflegen hilft, einen Mann zu finden, schwanger zu werden oder ein Visum zu erlangen. Sozialkritische Katholiken erfüllen solche Geschäfte mit ohnmächtiger Wut: „Die neuen Kirchen lullen die Menschen nur ein“, sagt Abbé José Mpundu.

  Auf welch fruchtbaren Boden das Geschäftsmodell dieser Dienstleister fällt, zeigt ein Erlebnis in Nairobi im Juni 2013: Ein junger amerikanischer Prediger namens Daniel Kolenda steht auf einer Bühne im größten Park der Stadt, vor Zehntausenden, er ist der erklärte Nachfolger des deutschen „Mähdreschers Gottes“, Reinhard Bonnke. Arme strecken sich zum Himmel, und Kolenda zeigt, was für ein Wunderheiler er sei: „Empfangt neue Organe, Lebern, Bauchspeicheldrüsen, Herzen!“ Gelähmte würden sich nun, ruft er den ekstatischen Massen entgegen, aus ihren Rollstühlen erheben.

  Nach der Veranstaltung beschließt der Reporter, einen jungen Mann anzusprechen, der vor der Bühne noch immer in seinem Rollstuhl sitzt. Ja, er habe es vorhin versucht, sich zu erheben, räumt der junge Mann ein, leider klappe es nicht – aber dafür bestimmt später: „Gott wird den richtigen Zeitpunkt wählen.“

  Der Reporter hockt zuerst vor dem jungen Mann im Rollstuhl, kniet dann vor ihm, während er mitschreibt, jede andere Haltung wäre schlicht unpraktisch oder unhöflich. Am Ende erzählt der Begleiter des Reporters, dass er während des Gesprächs reihenweise Leute abwehren musste, die ihm Geld boten: Ob der Weiße, der da vor dem Kranken kniet, nicht auch für sie beten könne, fragten sie.

  Den Pfarrer einer nahe gelegenen lutherischen Kirche wundert so etwas wenig. Wer – wie ein Großteil der Menschen in Nairobi – in derartiger Armut lebe, der klammere sich an jeden Strohhalm der Hoffnung. „Das lässt sich natürlich leicht ausnutzen.“

JONATHAN FISCHER / TOBIAS ZICK

SZ 10.4.2015

 

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