Monatsarchiv: Mai 2017

Die wortlose Liebe: Saleem Haddad erzählt in seinem Roman „Guapa“ vom Leben eines jungen, arabischen Schwulen

Rasa braucht die Guapa-Bar wie ein Gefangener den Freigang. Dem jungen Übersetzer liefert die Großstadtkaschemme einen jener kleinen Freiräume, die das Leben in einer arabischen Diktatur erträglich machen. Hier treffen sich Rasa und seine Freunde, hier planen sie bei einigen kühlen Bieren die nächsten Schritte einer ins Stocken geratenen Revolution, hier lamentieren sie über die Willkür von Polizei und Staat – während im Keller Dragqueens posieren und westliche Touristen nach willigen Jungs Ausschau halten. Das Guapa scheint all die Kräfte zu bündeln, die den Ich-Erzähler Rasa in seinem Inneren zu zerreißen drohen. Nirgends sonst kann er sich entspannen. Nirgends sonst darf er zu seinen widersprüchlichen Identitäten stehen: arabisch, westlich gebildet, gesellschaftskritisch – und ja, schwul.

„Guapa“, der Debütroman des in London lebenden arabischen Autors Saleem Haddad, spielt während des Arabischen Frühlings 2011. Er beschreibt nur einen Tag im Leben Rasas. Aber diese 24 Stunden reichen aus, um das politische Schicksal einer ganzen Generation junger Araber sichtbar zu machen. Rasa ist voller Hoffnung von seinem Studium aus Amerika zurückgekehrt. Mit ein paar Freunden betreibt er ein Übersetzungsbüro in einer arabischen Großstadt, die Kairo, Amman oder auch Damaskus heißen könnte. Westliche Journalisten sind ihre Kunden. Doch die Revolution hat den Falschen in die Hände gespielt, sie scheint sich immer weiter von Rasas Idealen zu entfernen.

Und dann ist da noch seine Großmutter. Teta, in deren Haus Rasa lebt und deren Macht als einzig verbliebenes Familienmitglied so durchdringend und gnadenlos zu sein scheint wie die des Präsidenten, dessen Blick, „einen Schicht für Schicht entblößt, bis man ganz nackt und hilflos ist“, hatte Rasa gelehrt, die Welt durch ihre traditionelle Brille zu sehen. Aber diese Welt ist an diesem Morgen zersprungen. Denn Teta hat durch das Schlüsselloch geschaut. Sie hat Rasas sorgsam gehütetes Geheimnis entdeckt – seine leidenschaftliche Beziehung zu seinem Freund Taymour. Tetas Geschrei, ihre Andeutungen, sie sind für Rasa kaum zu ertragen.

Die größte Triebkraft der Handlung ist die Scham, „Eib“. Dieser schillernde arabische Begriff appelliert – anders als das für religiöse Verbote stehende haram – an das Dekorum, die soziale Verpflichtung des Einzelnen. Eib verleiht Rasas Ringen eine Dramatik, mit der es keine Coming-out-Geschichte in einer westlich-liberalen Gesellschaft aufnehmen kann. Eib schneidet Rasa von der Liebe und Freiheit ab, Eib entfremdet ihn seiner eigenen Familie. Wegen Eib zieht sich Taymour, der versucht, „nach den Regeln zu spielen, einen Fuß drinnen und einen draußen“, von Rasa zurück, der mit seiner Sehnsucht allein bleibt und auf dem Handy Liebesbriefe schreibt, die wie Selbstgespräche klingen.

Rasa tanzt das ganze Buch hindurch einen Tanz um die eigene Scham. Den Gegenpol zu Taymours Haltung bildet sein alter Schulfreund Maj. Dieser wird – als bekennender Schwuler und Menschenrechtsaktivist – nach einer Razzia in einem Schwulen-Kino inhaftiert. Maj, der als Dragqueen mit Marilyn-Monroe-bedrucktem Niqab auftritt, die Zumutungen der Hetero-Normalität zurückweist und westliche exotisierende Zuschreibungen demaskiert, verkörpert die Hoffnung auf ein anderes Leben. Rasas Bemühen, den Freund aus dem Gefängnis zu holen, ist auch ein Kampf um seine eigene Würde. Und dann spielt da noch ein anderes, ziemlich eigenständiges Motiv mit: das Ringen um die richtigen Worte. Rasa erinnert sich an ein Erweckungserlebnis als Teenager. Nachdem sich sein Idol, der amerikanische Popstar George Michael, öffentlich zu seinem Schwulsein bekannte, wollte Rasa es ihm gleichtun, stand stundenlang vor dem Spiegel und formte Worte, suchte nach einem passenden arabischen Begriff für seine sexuelle Orientierung. Aber keiner passte.

So liest sich „Guapa“ auch als Geschichte einer quälenden Desillusionierung. In einer der stärksten Szenen des Buches begleitet Rasa eine amerikanische Journalistin zu Ahmed, einem Islamistenführer. Rasa soll eigentlich nur dolmetschen. Aber dann entwickeln Ahmeds Reden eine ungeahnte Anziehung auf den jungen Landsmann. Der islamistische Visionär will einen neuen Staat rund um Moscheen statt um Klassengrenzen bauen, und er will seinen bei Protesten umgekommenen Sohn rächen: „Wir werden das gesamte Land brennen lassen, damit sein Tod nicht umsonst war.“ Diese Klarheit der Position und „Authentizität“ vermisst Rasa in seinem eigenen Leben. „Wie kann ich ihnen erklären, dass ich wie sie ein Unverstandener bin, vom Regime und den Medien verteufelt?“Aber mit ihrer Solidarität, das ahnt Rasa, kann er als schwuler, westlich orientierter Mann nicht rechnen.

In solchen Momenten liegen die Parallelen zur Biografie des Autors offen, nicht vom Plot her, sondern im Blick auf die inneren Konflikte. Das Gefühl, nirgends dazuzugehören, kennt Saleem Haddad nur zu gut. Er wurde in Kuwait als Sohn einer irakisch-deutschen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters geboren, wuchs als Christ in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft auf, hatte sein eigenes traumatisches Coming-out und lebt heute mit seinem Lebenspartner in London. In den Jahren von 2011 bis 2014, als dieser Roman entstand, arbeitete er unter anderem für Medecins Sans Frontières in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens. Haddad erlebte dort die Post-Depression des Arabischen Frühlings, aber in „Guapa“ bleibt jeder Zynismus außen vor.

Vielmehr nimmt einen der leidenschaftliche, humorvolle Ton des Buches gefangen. Als „Liebesbrief an die arabische Welt“ hat Haddad seine Geschichte bezeichnet. Denn der Plot hat mehr als einen Twist. Während seiner Studienzeit in Amerika kurz nach 9/11 fühlt Rasas sich erstmals als Araber und zitiert Amin Maalouf: „Wir identifizieren uns mit dem Aspekt unserer Persönlichkeit, der am meisten bedroht ist.“ Und hat Eib nicht auch seine guten Seiten? In Amerika entdeckt Rasa, wie der soziale Kontrakt eben auch Gemeinschaft, Respekt und Vertrauen schafft. Saleem Haddad löst die Ambivalenz zum Glück nicht auf. „Die Scham“, sagt er, „ist offen für Subversion. Ich wollte erforschen, wie die Menschen damit spielen können.“

Saleem Haddad: Guapa. Roman. Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, Berlin 2017. 392 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 9,99 Euro.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.5.2017

Advertisements

AUF VERLORENEM POSTEN Flüchtlingsheime brauchen Schutz und Sicherheit, aber die Mitarbeiter der Security-Firmen sind schlecht ausgebildet, unterbezahlt und nicht selten gewalttätig. Wachleute erzählen, wie es dort zugeht

Mohammed Sillas Deutsch ist noch ziemlich gebrochen. Erst vor fünf Monaten ist der 26-Jährige aus Sierra Leone in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck angekommen. Aber einen ersten, schmerzhaften Eindruck von Deutschland hat er schon. „Diejenigen, die mich beschützen sollen, können mich zusammenschlagen – einfach so.“ Die Menschen, die Flüchtlinge wie Silla beschützen sollen: Das sind die Mitarbeiter des örtlichen Sicherheitsdienstes. Uniformierte Wachmänner, die für die Ordnung in den Asylunterkünften zuständig sind, bei Konflikten deeskalieren und vermitteln sollen. Glaubt man Mohammed Silla, haben ihn die Wachmänner seiner Unterkunft wie „einen Verbrecher“ behandelt. Es passierte bei der Taschenkontrolle am Eingang. Die Wachmänner hätten seine am Boden geöffnete Tasche mit den Füßen weggekickt. Als Silla sich darüber beschwerte, sei es zu dem Prügel-Exzess gekommen – elf Security-Mitarbeiter hätten sich daran beteiligt oder zugesehen. Silla wurde anschließend ins Krankenhaus eingeliefert.

  Die Polizei wollte Silla aber trotz Augenzeugen, die seine Version bestätigen, nicht glauben. Das Verfahren wurde nach wenigen Wochen von der Staatsanwaltschaft München II eingestellt: „Wir hatten sehr widersprüchliche Aussagen der von uns vernommenen Zeugen“, sagt Andrea Grape, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft. So stehe letztlich eine Geschichte gegen die andere, ein Tatnachweis sei nicht zu führen gewesen. Silla blieb nichts anderes übrig, als um eine Verlegung in ein anderes Haus, nach Bad Tölz, zu bitten. „Viele Heimbewohner“, sagt der Flüchtling, „haben das Gefühl, dass sie nicht von den Security-Männern beschützt werden. Sondern Schutz vor ihnen brauchen.“

  Ein Einzelfall? Oder doch Symptom einer Politik, in der die kostengünstige Abwicklung von Flüchtlingen Vorrang hat vor deren Sicherheit? Dass Wachmänner ausrasten oder gewalttätig werden, gehört offenbar zum Alltag in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

  Die Liste der dokumentierten Vorfälle jedenfalls ist lang: 2014 ging ein Bild durch die Öffentlichkeit, in dem ein Wachmann im siegerländischen Burbach einem am Boden liegenden Flüchtling mit einem Schuh auf den Kopf tritt. Im März 2016 zettelten Wachmänner in Berlin eine Schlägerei an, bei der auch der Heimleiter verletzt wurde. Zwei Monate zuvor hatten Mitarbeiter einer Security-Firma eine Handgranate auf ein Heim in Villingen-Schwenningen geworfen. Sie hatte zum Glück nicht gezündet. Und das sind nur die aufsehenerregendsten Meldungen. Viele der täglichen Übergriffe auf Flüchtlinge durch diejenigen, die sie beschützen sollen, tauchen in keiner Statistik auf, weil sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Wer im Flüchtlingsheim als aufmüpfig gelte, sagt ein Sprecher der Selbsthilfeorganisation „Refugee Struggle for Freedom“, auf den werde von den Security-Leuten regelrecht Jagd gemacht. Darüber hinaus wüssten viele Flüchtlinge nicht über ihre Rechte Bescheid.

  Das ist die eine Seite der Geschichte. Auf der anderen stehen schlecht ausgebildete, miserabel entlohnte, überforderte Wachmänner. Wer diesen Job wählt, muss einiges mitbringen: hohe physische und oft auch psychische Belastbarkeit. Und eine enorme Frustrationstoleranz. Oft dauern die Schichten mehr als zehn Stunden. Die Sicherheitsleute werden von Betrunkenen bedroht oder bekommen bei Streitigkeiten zwischen Ethnien Beschimpfungen oder Schläge ab. Und ja, es gibt Flüchtlinge, die zu Gewalt neigen. Manche haben selbst eine kriminelle Vergangenheit, manche sind durch Erlebnisse auf der Flucht verroht, andere sind es nicht gewohnt, Weisungen von Frauen zu befolgen.

  Der Wachmann-Job ist schlecht bezahlt: 9,57 Euro pro Stunde. Für den Einsatz in Flüchtlingsheimen gibt es noch mal 1,50 Euro Zuschlag, das bedeutet 11,07 Euro die Stunde, gerade genug für zwei Schachteln Zigaretten.

  Charlie, ein stämmiger Typ mit türkischem Migrationshintergrund, hat sich für diesen Minimallohn vier Jahre lang als Wachmann in der Bayernkaserne verdingt. Die Bayernkaserne, das ist Münchens größtes Flüchtlingsheim. Die Arbeit dort, sagt Charlie, habe ihn an den Rand seiner seelischen Kräfte gebracht. „Wenn Flüchtlingsmütter mit ihren Babys ankamen und die Security-Mitarbeiter um Babynahrung und Decken anbetteln mussten, das ging mir schon an die Nieren“, sagt der 32-jährige Familienvater. „Aber das Schlimmste, das waren die Kollegen.“ Wachmänner, die aus Ostdeutschland rekrutiert worden waren.

  In der Bayernkaserne arbeitete Charlie als Subunternehmer der Firma Siba. Sie erledigte im Auftrag der Regierung von Oberbayern die Registrierung und Erstaufnahme der Flüchtlinge. „Die aus dem Osten haben ständig Streit gesucht. Als ich einmal einen betrunkenen Flüchtling am Boden fixierte, nutzte ein Kollege die Chance, dem wehrlosen Mann mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten. Und das kam nicht nur einmal vor.“ Charlie schüttelt den Kopf. Nur unter Zusicherung strikter Anonymität ist er zusammen mit seinem Kollegen Hamid bereit gewesen, sich in einem McDonald’s im Gewerbegebiet mit dem Reporter zu treffen. Beide wollen nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. „Viele Security-Mitarbeiter haben Kontakte in die Unterwelt, das weiß jeder.“

  Hamid nickt zustimmend. Der afghanischstämmige Wachmann hatte mit seiner Arbeit die Hoffnung verbunden, seinen geflüchteten Landsleuten das Leben zumindest etwas erträglicher zu machen. Auf den Ton im Flüchtlingsheim aber war Hamid nicht vorbereitet: Einige Kollegen hätten ständig davon geredet, „dass man die Flüchtlingsweiber für ein paar Euro ficken könne. Und die Afrikaner hießen bei ihnen sowieso nur Affen“. Die Aussagen ehemaliger Wachmänner der Firma Guardian, die 2016 an die Presse gingen, oder Zeugenaussagen im Prozess gegen Wachmänner in Arnsberg lassen vermuten, dass sich ähnliche Szenen auch in anderen Asylheimen abspielen. Sicherheitsleute, die Flüchtlinge beschimpfen und schlagen, Frauen, die sexuell belästigt, Kinder die über Megafon angebrüllt werden: „Würde das im Zoo passieren“, sagt Charlie, „die Tierschützer wären schon längst zur Stelle.“ Charlie und Hamid lachen. Aber hinter dem coolen Tonfall ist der Frust spürbar: Sie hätten immer versucht, Konflikte über freundschaftlichen Kontakt und Gespräche zu lösen. Doch der Schichtleiter habe das nicht gerne gesehen: „Wenn ihr weiter so viel mit den Leuten quatscht, fliegt ihr raus“, habe er gedroht.

  Anruf bei Joachim Feldhaus, dem Geschäftsführer der Wachfirma Siba in Karlsruhe. Hat er Kenntnis von kriminellen oder ausländerfeindlichen Wachleuten in seiner Firma? „Wir ziehen sofort personelle Konsequenzen, wenn uns etwas zur Kenntnis kommt“, sagt er und seufzt. „Aber was sollen wir denn machen, wenn die Regierung von Oberbayern selbst die Führungszeugnisse überprüft und abgenickt hat?“ Feldhaus räumt allerdings ein, dass er schon Mitarbeiter entlassen habe: Etwa wegen fremdenfeindlicher Facebook-Einträge. Ein „Riesen-Imageschaden“ für die Firma sei das gewesen.

  Trotzdem sieht er die Security-Branche als Opfer vieler Pauschalisierungen. Kein Gewerbe werde stärker kontrolliert. Dagegen werde die Leistung seiner Angestellten oft unterschätzt: „Wachmann ist kein ungefährlicher Job. Und wer das macht, kommt nicht unbedingt von der Sonnenseite des Lebens.“ Die Ansprüche seien hoch: Seine Leute sollten deeskalieren, sich wehren können und Menschen anderer Kulturen verstehen. Und das alles nach einer gerade mal einwöchigen Ausbildung. 40 Stunden dauert die Schulung der Wachmänner. Führungskräfte brauchen eine zusätzliche Sachkunde-Prüfung. „Eine bessere Ausbildung ist natürlich wünschenswert“, sagt Feldhaus und erzählt, dass seine Firma seit zwei Jahren freiwillig einen Trainer für interkulturelle Kompetenz beschäftige. Letztlich aber müsse man konkurrenzfähig sein: „Bei den Preisen gibt es nicht viel Luft.“

  Was Feldhaus nicht sagt: Schon länger gibt es Anzeichen dafür, dass die Security-Szene in Deutschland von Rechtsradikalen unterwandert ist. Bereits 2003 hatte das Internet-Magazin Telepolis entsprechende Verbindungen aufgedeckt. Das Sicherheitsgewerbe hatte sich zur sicheren Einkommensquelle vieler Neonazis entwickelt. „Viele der ostdeutschen Kollegen“, sagt Charlie, „machten gar keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Bei einigen konnte man die Hakenkreuz-Tätowierungen noch durch das weiße Hemd durchsehen“, hieß es in dem Beitrag. In ihren Büros und auf den Funkgeräten sei immer wieder Nazi-Musik gelaufen. Und als ein Bus mit Flüchtlingen ankam, habe ein Siba-Wachmann über Funk durchgegeben: „Wir sind voll. Schicken wir die doch gleich zum Vergasen weiter nach Dachau.“ Habe da niemand an eine Anzeige gedacht? So etwas sei in diesem Milieu undenkbar, sagt Charlie. Er habe seine ostdeutschen Kollegen mal gefragt, warum sie als Ausländerfeinde ausgerechnet diesen Job angenommen haben. „Sie sagten, der Action wegen. Um mal ein bisschen draufzuhauen.“

  Dass der Wachmann-Job auch Menschen anzieht, die am sozialen Rand stehen und nun die Möglichkeit bekommen, über noch Schwächere Macht auszuüben, das liegt auf der Hand „Die Ausgrenzungspolitik qua Lager verleiht den Sicherheitsdiensten viel Macht“, sagt Stephan Dünnwald vom Münchner Flüchtlingsrat. „Und dieses Machtgefälle kann zu allen möglichen Formen der Ausbeutung führen.“ So erreichten den Flüchtlingsrat immer wieder Beschwerden von Flüchtlingen über sexuellen Missbrauch – oder die willkürliche Konfiszierung ihrer Habseligkeiten. Aber nur selten ließen sich gerichtsfeste Aussagen erreichen. „Wir erleben da eine Kultur der Angst“, sagt Dünnwald.

  Ein Teil des Problems ist der Arbeitsmarkt. Nachdem in den letzten Jahren Hunderttausende Flüchtlinge Deutschland erreicht hatten und überall Asylbewerberunterkünfte aus dem Boden gestampft wurden, erlebten die Wachdienste einen Boom. In den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl ihrer Mitarbeiter von 183 000 auf 258 000. Derzeit werden laut Bundesagentur für Arbeit 13 800 Wachleute gesucht. Durch die massive Nachfrage sei der Markt total abgegrast, sagt Silke Wollmann vom Bundesverband der Sicherungswirtschaft. So seien im Eilverfahren viele Unqualifizierte angeworben worden. Probleme hat es aber nicht nur mit Rechtsradikalen gegeben. So verweigerten arabischstämmige Wachmänner in mehreren Fällen christlichen Flüchtlingen den Schutz und prügelten mit, als die von muslimischen Mitbewohnern angegriffen wurden. „Die in den deutschen Flüchtlingsheimen eingesetzten Sicherheitsdienste“, wetterte der Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, Anfang letzten Jahres, „sind ein Einfallstor für Kriminelle, Salafisten und Rechtsradikale.“

  Im März 2016 reagierte die Bundesregierung: Sie beschloss schärfere Regeln für Sicherheitsdienste – insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Flüchtlingen. Nun ist außer der vierzigstündigen Unterrichtung auch eine Prüfung für die Zulassung zum Wachdienst vorgeschrieben. Künftig soll es alle drei Jahre eine Zuverlässigkeitsprüfung geben: Dazu gehört eine Abfrage bei der Polizei – und für diejenigen, die in Flüchtlingsheimen arbeiten, auch beim Verfassungsschutz. Ob diese Maßnahmen ausreichen? Wendt bezweifelt das: „Die Achillesferse der privaten Sicherheitsdienste ist nicht beseitigt: Denn noch immer können Subunternehmer eingesetzt werden. Bei ihnen ist die Kontrolle ausgesprochen lückenhaft.“ Die Ausschreibungen setzten leider nur auf Billigangebote. Das Ergebnis: „Es werden Leute beschäftigt, die man nicht kennt.“ Allerdings schiebt Wendt nicht den Wach-Unternehmen die Schuld daran zu. Die meisten in der Branche seien seriös. Vielmehr frage er sich, warum Polizisten eine dreijährige Ausbildung genössen, aber die öffentliche Hand nicht bereit sei, mehr für qualifizierte Wachleute zu bezahlen – und diese mit den Flüchtlingen alleine lasse: „Oft müssen sie sozialpädagogische und psychologische Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind.“

  Stefan Näther, Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes Jonas Better Place, hat die Lücke erkannt: In seinem Unternehmen werden Mitarbeiter in Flüchtlingsheimen geschult, sie sollen lernen, was kulturelle Unterschiede bedeuten. Das sei Pflicht. Seine Firma kann als positives Gegenbeispiel in einer schlecht beleumundeten Branche dienen: „Wir legen einerseits auf multikulturelles Personal Wert. Andererseits müssen bei uns alle Bewerber Persönlichkeitstests absolvieren.“ Sie sollten etwa aufdecken, ob jemand „zu missbräuchlichem Verhalten gegenüber Schwächeren neigt“. Näther, selbst ein studierter Psychologe und Therapeut, hat vorher in der Jugendhilfe gearbeitet. Der Erfolg gibt seinem Unternehmen recht. Nachdem die Regierung von Oberbayern sich zum Jahresende aus den meisten Häusern der Bayernkaserne zurückzogen hatte, übernahm dort Jonas Better Place im Auftrag der Stadt München die Verantwortung. Das Klima hat sich seitdem deutlich verbessert: „Früher kam die Polizei viermal am Tag“, sagt Hamid, der inzwischen für Jonas Better Place arbeitet. „Heute lösen wir das meiste mit Reden. Es gibt sogar Tage ganz ohne Schlägerei.“

JONATHAN FISCHER

SZ 13.5.2017

Sound der Verdrängten – Von Kingston aus haben vor vier Jahrzehnten Bob Marleys Songs die Welt erobert. In der jamaikanischen Hauptstadt selbst muss man heute schon nach live gespieltem Reggae suchen. Aber man kann ihn noch finden

Abends, wenn sich die Lichter von Kingston wie ein glühender Teppich die Bergflanken der Blue Mountains hochziehen, die schwüle Luft ein paar Grad abkühlt und die Menschen in Parks und vor den Hauseingängen zusammensitzen, dann wird die Musik dieser Stadt hörbar: Patois-Rufe, Motorradgehupe und dumpfe Bässe. Aus vorbeifahrenden Autos dringen Dancehall-Hits. Oder ein paar ölige metallisch verzerrte Gesangsfetzen. Nur wo die Andenkenstände Schals und T-Shirts in den Rastafarben rot-grün-gelb verkaufen, ist die Zeit stehen geblieben. „Get Up, Stand Up“, „Buffalo Soldier“, „Lively Up Yourself“. Vier Jahrzehnte ist es her, dass Bob Marleys einschmeichelnde Melodien und synkopierte Bässe von Kingston aus ihre Heilsbotschaften um die Welt trugen. Heute stellen seine Mythen auch einen Wirtschaftsfaktor dar: Welcher Tourist könnte Jamaika besuchen, ohne „One Love“ auf den Lippen zu führen? Das menschheitsumarmende Reggae-Gebet ist allgegenwärtig. Es prangt auf Taxis, auf Bussen, auf Kioskschildern.

  Und doch macht es Kingston den Reggae-Enthusiasten nicht leicht. Kaum eine Stadt hat mehr Heiligenlegenden hervorgebracht. Kaum eine Stadt hat den globalen Pop mehr beeinflusst. Und dennoch scheint diese Stadt oft weit entfernt von der eigenen Vergangenheit zu sein. „Überall auf der Welt“, sagt der Musiker Billy Mystic, „führen Musiker die jamaikanischen Poptraditionen des Ska, des Rocksteady und Reggae weiter. Nur nicht in Kingston. Hier musst du schon zu einem der jährlichen Festivals wie Sumfest kommen, um Live-Musik zu hören.“ Oder am richtigen Tag in Billy Mystics Surf-Camp sein. Mystic, ein drahtiger Mittfünfziger mit Rasta-Dreads, Perlenkette und einem halb verglühten Joint zwischen den Fingern, hat als Teil der Band The Mystic Revelations seit den 1980er-Jahren den Roots-Reggae mit neuem Leben erfüllt. Jetzt entspannt er sich auf einem Liegestuhl im Innenhof seines Wellenreiter-Hostels im Norden von Kingston. Jamnesia heißt es. Jam wie eine spontane Musik-Session, Amnesia wie das Vergessen der Alltagssorgen. Sanfte Reggae-Bässe wummern aus den Lautsprechern, Touristen in Bermudas bevölkern die Bar. „Jeden zweiten Samstag lasse ich hier Nachwuchsmusiker auftreten. Sie bekommen Publikum und Bühnenanlage, ich verkaufe an der Bar Getränke.“ Mystic ist heute als Surfer bekannter denn als Musiker – er spielt in einigen Surffilmen gar die Hauptrolle. Und doch kommen die größten Nachwuchsmusiker Jamaikas zu ihm: Chronixx, Jah9 oder Protoje. „Sie haben hier ihre ersten professionellen Erfahrungen gesammelt.“

  Billy Mystic ist stolz darauf, dass diese Jungstars die Fackel des Roots-Reggae weitertragen. Denn für Dancehall, diese digitalisierte Gangster-Variante jamaikanischen Pops, hat er kaum gute Worte übrig: „Das funktioniert als Partymusik, okay. Aber jamaikanische Musik ist mehr als Anmachsprüche. Viel mehr.“ Und während er ein paar getrocknete Krümel zu einem neuen Joint dreht, erklärt er die Fundamente der Reggae-Musik. Den Glauben der Rastafaris. Marihuana – für die Rastafaris Medizin, um den Blick über die materielle Realität hinaus zu öffnen, gehöre genauso dazu wie das spirituelle Palaver. „Rastafaris haben immer nach der Wahrheit gesucht. 400 Jahre lang indoktrinierten die Sklavenhalter uns mit Lügen, um unser Selbstvertrauen zu unterminieren. So mussten wir in uns gehen und Gott anrufen – um die richtigen Antworten zu bekommen.“ Die richtigen Antworten, das bedeutete die Rückbesinnung auf Afrika, die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen und ein Leben in Einklang mit der Natur.

  Vor fast einem halben Jahrhundert haben Typen wie Bob Marley, Peter Tosh oder auch Jimmy Cliff aus einer spirituellen Haltung eine universelle Botschaft geformt. Sie überhöhten den Widerstand der entlaufenen Sklaven zur universalen Pop-Rebellion. Zur Reggae-Botschaft von Selbstbewusstsein und Widerstand. „Tuff Gong“ steht auf einem Schild über einer Ansammlung länglicher Baracken am Marcus Garvey Drive in Downtown Kingston. Bob Marley übernahm die ehemaligen Federal Studios Mitte der 1970er-Jahre und nahm hier einige seiner größten Hits von „No Woman, No Cry“ bis zu „Trenchtown Rock“ auf. Später sollten auch Gregory Isaacs, Lauryn Hill und zuletzt Snoop Dogg das Studio nutzen. „Das ist hier die Universität des Reggae“, flachst Ricky Chaplin. „Wenn du hier nicht gespielt hast, bekommst du keinen Abschluss.“ Der Mann mit der dicken Rasta-Wollmütze, selbst ein international bekannter Reggae-Sänger, führt Touristen durch die verschiedenen Proberäume, Lounges und holzgetäfelten Studiosäle der Tuff-Gong-Studios. Bob Marleys Pianos und Keyboards stehen noch an Ort und Stelle, das analoge Studiopult aus den 1970er-Jahren, ebenso die aufgeschlagene Bibel, aus der Marley gerne zitierte. Dazu gerahmte Bilder des äthiopischen Kaisers Haile Selassie: Von den Rastafaris als von der Bibel angekündigter „Löwe von Juda“ verehrt, gehört er neben dem radikalen Vordenker Marcus Garvey, der Anfang des 20. Jahrhunderts „Back To Africa“ postulierte, zu den allgegenwärtigen Ikonen Jamaikas. Nirgends auf der Welt blüht ein größerer Afrika-Enthusiasmus als hier. Nirgendwo trägt dieses Wort so viel Sehnsucht in sich.

  Ein paar Kilometer weiter uptown ist die weiß gestrichene Holzvilla, in der Bob Marley zuletzt mit seiner Familie lebte, zum Museum umgewidmet; Bob Marley wird hier wie ein Heiliger verklärt. Barack Obama war auch schon hier. „Lasst eure Sorgen zu Hause“ begrüßt eine junge Dreadlock-Frau die Busladungen japanischer, amerikanischer und europäischer Pilger. „Und erinnert euch dran: One heart, one love.“ Ihr Enthusiasmus wirkt echt. Trotzdem kann man sich als Fan von Marleys Musik diese Zurschaustellung von Bobs Landrover, seiner Fußballhosen, seiner Familienfotos und seines Teegeschirrs getrost sparen.

  Vielleicht lieber nach Trenchtown fahren, um die Armut zu sehen, aus der Marley einst kam? Der Taxifahrer ist nicht begeistert: „Trenchtown? Da steigst du besser nicht aus.“ Entlang der großen Straßen zieren bunte Graffiti von jamaikanischen Musikern die Mauern – das mag den Touristen, die sich mit Bussen zum Geburtshaus Marleys ins Armenviertel Kingstons karren lassen, schöne Fotomotive bieten. Doch die Depression ringsherum ist unübersehbar. Billig-Beton-Häuschen, abblätternde Wohnblöcke, Wellblechhütten. Zwei vollkommen abgebrannte Straßenzüge teilen Trenchtown wie eine große, hässliche Narbe in zwei Teile. Ein Relikt der bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1970er-Jahren, als hier bewaffnete Parteimilizen um die Straßenhoheit kämpften – die eine Seite wurde von Kuba, die andere von den USA mit Waffen beliefert. Heute, so hatte Ricky Chaplin gewarnt, gingen hier Drogen-Gangs ihren Geschäften nach. Und an die vielen Reggae-Songs über „Krieg in Babylon“ erinnert: „Hier findet er Tag für Tag statt. Hier kommt die Gewalt her, die sich in vielen der Dancehall-Texte wiederfindet.“

  Und doch kann man noch zur Verbrüderungs-Botschaft des Reggae tanzen. Eine ganze Nacht lang – vorausgesetzt, man findet den richtigen Hinterhof und das richtige Soundsystem. Ein Soundsystem – das sind eine DJ-Crew, eine Musikanlage und Lautsprechertürme, der Grundstein jeder jamaikanischen Party. „Stone Love“ heißt eines von Kingstons bekanntesten Soundsystemen, jeden Mittwoch zieht es die Nachtmenschen zu der Open-Air-Dancehall. Auf beiden Seiten der Burlington Avenue sind schon Hunderte Meter vorher die Gehsteige zugeparkt. Doch wer dem dumpfen Rollen der Bässe folgt, findet unweigerlich den Einlass. Routiniertes Abtasten durch die Türsteher. Dann darf man das Eisentor durch die Hofmauer passieren, sich im Halbdunkeln seinen Weg zur Tanzfläche suchen.

  Es riecht nach Patties, würzigen jamaikanischen Teigtaschen und Marihuana. Das Essen dampft aus großen Töpfen unter einem Zeltdach, den Rauchernachschub verkaufen Händler: „A lickle weed?“ In ihren Bauchladen haben sie: getrocknete Marihuana-Stengel, Filterzigaretten, Lutscher und Kaugummi – alles wesentlich billiger als der Whiskey, den die meisten Besucher in Plastikbechern konsumieren. Der eigentliche Rausch aber strömt aus den Boxen. Gigantische Basswellen lassen die Hosenbeine flattern. Jede Minute wird eine neue Disco-, Reggae- oder Dancehall-Nummer mit einem launigen Spruch angespielt: „Shell it up man.“ Der Hinterhof füllt sich erst nach Mitternacht. Blondierte Damen in Stretch-Tops, goldbehangene Jungs und Anzugträger nehmen die Bassläufe mit den Hüften auf. Die Tanzfläche aber ist fest im Besitz der Selbstdarsteller, der Akrobaten und Ausdruckstänzer. Auch ein paar ältere Rastamänner in selbstgenähten Sack-Kostümen wirbeln Sägespanwolken auf. „Stone Love“, ruft der DJ ins Mikro, „44 years and still going strong“. Das Soundsystem ist älter als die meisten seiner Gäste.   

  Drei Stunden dauert die Autofahrt von Kingston durch grüne Bergschluchten und Flusstäler, bis man Montego Bay an der gegenüberliegenden Küste erreicht. Hier sind die meisten Hotelanlangen und einige der schönsten Strände Jamaikas. Ein wenig oberhalb der Stadt findet sich aber auch das Rastadorf der Künstlerkommune „Indigenious Initiating Circle of Nature“. An einer Flussbiegung des Montego Rivers wartet ein Guide auf die Besucher. Der hochgewachsene Mann mit dem Weltfriedens-Lächeln im Gesicht stellt sich mit dem Namen Firstman vor. Früher habe er als Bauunternehmer und Hotelmanager gearbeitet. Doch seit er der Kommune beigetreten sei, propagiere er eine andere Art des Tourismus: „Wir wollen das Bewusstsein für unsere Kultur wecken – durch Musik, Poesie und Trommeln. Reggae ist für uns wie ein Impfstoff gegen die Übel der Welt.“ Firstman geht durch eine flache Furt auf die andere Uferseite und dann vorbei an Avocado- und Mangobäumen einen steilen Hügel hinauf. Es riecht nach Holzfeuer. Und dann wirkt auf einmal alles surreal: Die Scheite, die in der Mitte der Lichtung rauchen, nennen sie hier „die ewige Flamme der Weisheit“. Viele der Männer tragen Hemden und Hosen aus selbstgenähtem Sackleinen. Eine junge Frau mit Turban kocht Seife. „Wir stellen unsere Kosmetik nur aus natürlichen Zutaten her“, erklärt Queen B, die in ihrem früheren Leben als Physiotherapeutin ihr Geld verdient hat. „Wenn wir One Love sagen, umfasst das auch die Tiere und Pflanzen.“   Rund zwanzig Personen wohnen ständig hier, einige der bekanntesten Musiker Jamaikas kamen schon mal zum Jammen vorbei. „Es ist ein guter Platz“, sagt National, ein 62-jähriger Trommelbauer mit gelben Zahnstumpen, der die Kommune vor 20 Jahren gegründet hat. „Ich kann hier die Energie unserer Vorfahren spüren.“ Diese spielen auch beim rituellen Nyabinghi-Trommeln eine wichtige Rolle. Während National feierlich einen neuen Joint dreht, schleppen seine jüngeren Mitmusiker ihre Instrumente ins „I-bernacle“, ein rundum offenes Schilfzelt. Ein großes Ölfass gibt den Rhythmus vor. Dumpfe Schläge, die gleichzeitig aufputschen und zurückfallen, Blaupause aller späteren Reggae-Bässe. Zwei Frauen und vier Männer fädeln mit kleineren Djembe-Trommeln und Shakern einen Gegenrhythmus ein. „Congoman shine up!“, ruft ein Typ in Leinenweste mit kehliger Stimme. Der Rest fällt mit feierlichen Gesängen ein. Und je länger der Song, umso intensiver die Stimmen. Wer hier zuhören darf, der braucht kein Museum, um Bob Marley zu verstehen.

JONATHAN FISCHER

SZ 27.4.2017