Monatsarchiv: August 2014

Ich brauche das Chaos – Die nigerianische Soulmusikerin Asa über religiösen Wahn, korrupte Männer, starke Frauen und die Zerrissenheit ihres Heimatlandes

Die nigerianische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Bukola Elemide alias Asa gehört zu den weltweit wichtigsten Neuentdeckungen des Pop. Geboren in Paris, zog die heute 32-Jährige als Zweijährige mit ihren Eltern zurück nach Nigeria, wo sie zur Schule ging, und vor knapp zehn Jahren erste Erfolge feierte. 2008 veröffentlichte sie in Frankreich ihr mit dem Prix Constantin ausgezeichnetes Debütalbum „Asa“: Eine Fusion aus Pop, Jazz, Soul und naiven bis ironisch-gebrochenen Liebesliedern. Melancholisch bis spirituell gefärbte Songs prägten auch den Nachfolger „Beautiful Imperfection“. An diesem Freitag erscheint Asas drittes Album.„Bed of Stone“: Eine Abrechnung mit Religionswahn, Hass und Alkohol – und eine Ode an die jugendliche Lebenslust.

SZ: Schön, dass Sie Ihren Urlaub für unser Interview unterbrechen. Sie haben sich eine Wohnung hier in Lausanne am Ufer des Genfer Sees gemietet?

Asa: Ja, hier kann ich mich von den Strapazen der Aufnahmen zu meinem neuen Album erholen, schwimmen gehen und Rollschuh fahren. Ein wunderbarer Ort, um meine Heimat Nigeria und die alltäglichen Sorgen dort mal kurz zu vergessen.

Sie könnten es sich doch längst leisten, hier zu wohnen, anstatt ständig zwischen Nigeria, Ihrem Studio in Frankreich und der Schweiz zu pendeln.

Das würde nicht funktionieren. Schon allein deswegen, weil ich hier nicht schreiben kann. Zu idyllisch, zu nett, zu sorglos! So eine Umgebung blockiert meine Kreativität. Ich brauche das Chaos, den Widerstand von Nigeria, um kreativ zu werden. Viele Menschen unterschätzen den Einfluss meiner Heimat auf meine Musik.

Es heißt, Ihre Vorbilder seien US-Soulsänger wie Marvin Gaye oder Diana Ross.

Ja, aber mein Mentor war mein Vater. Als Filmemacher gehörte er zur ersten Generation der Nollywood-Regisseure, den Begründern des nigerianischen Kinos. Ständig wühlte er sich für seine Filme durch seine große Plattensammlung. Deshalb lief bei uns den ganzen Tag lang Musik. Von Miles Davis über Michael Jackson bis zu Fela Kuti. Während mein Vater mit seinen Kameras hantierte, versteckte ich mich in einer Ecke, schwamm in einem Meer aus Klängen und träumte davon, einmal selbst auf der Bühne zu stehen und zu singen . . .

. . . um dann von Ihren Mitschülern mit Spott überzogen zu werden?

Stimmt, ich war eine Außenseiterin. Die anderen Jugendlichen haben sich oft über mich lustig gemacht. Sie hänselten mich für meinen großen Mund. Oder sie lachten über meine tiefe Gesangsstimme. Sogar in der Kirche passierte das. Aber mein Ehrgeiz war unermesslich – wenn ich in einem Chorstück nicht mitsingen durfte, weinte ich oft tagelang. Und ich war fest entschlossen, meinen eigenen Ausdruck zu finden.

Immerhin konnten Sie als christliches Mädchen im Norden Nigerias unbehelligt Schule und Gottesdienst besuchen. Heute ist Ihre Heimat ein Bürgerkriegsschauplatz, und alle Welt spricht über die HunderteSchulmädchen, die Boko-Haram-Islamisten dort verschleppten.

Diese Meldung hat mir das Herz zerrissen. Genauso hätte es meine Nichten oder mich treffen können – damals, als ich noch ein Internat in Jos besuchte. Ich bin sechs Monate im Jahr bei meiner Familie in Nordnigeria. An der Bushaltestelle neben dem Haus meines Bruders in Abuja explodierten zuletzt zwei Bomben. Jeden Sonntag wird eine Kirche in die Luft gejagt. Alle leben in Angst. Und Mädchen, die noch zur Schule gehen, riskieren viel – besonders wenn sie dem „falschen“ Glauben anhängen.

Ihre Freundin, die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, zeichnet in ihrem Roman „Americanah“ gerade ein wenig schmeichelhaftes Bild der nigerianischen Gesellschaft. Religion dient da vor allem als Deckmantel für materielle Interessen.

Ich sehe das wie Chimamanda: Die Religion ist diesem Konflikt zwischen westlicher Moderne und patriarchalem Mittelalter nur übergestülpt. Um Sektengründer zu mästen. Oder als Vorwand für eine grausame Diktatur: Letztlich erreichen die Terroristen so genau, was sie wollen. Dass sich Mädchen nicht mehr allein aus dem Haus trauen, nicht mehr die Schule besuchen, nicht unverhüllt auf die Straße gehen. Wir Frauen haben am meisten zu verlieren.

Sie gingen Anfang der 90er in Jos zur Schule, einer Stadt, die je zur Hälfte von Christen und Muslimen bewohnt wird. Gab es diese Spannungen schon damals?

Nein, ich hatte selbstverständlich muslimische Freunde. Meine Mutter und meine Großeltern waren Muslime. Ich wuchs mit ihnen auf, als meine Eltern sich trennten. Lange Zeit war ich selbst Muslima. Später habe ich mich dann bewusst für den christlichen Glauben meines Vaters entschieden. Das war alles kein großes Drama. Wir fühlten uns sicher, Christen und Muslime aßen, tranken und feierten zusammen. Dann fing ausgerechnet in dieser Stadt diese ganze Radikalisierung an, mit brennenden Kirchen und Moscheen.

Wie erklären Sie sich das?

Ganz Nigeria ist eine Gerüchteküche. Ich kann nur mit Sicherheit sagen, dass es letztlich um Geld und Privilegien geht. Und um Politiker, denen ihre Macht wichtiger ist als die Menschen, die sie regieren.

Sie meinen die Tatenlosigkeit der nigerianischen Regierung nach der Entführung der 200 Schulmädchen?

Wenn diese Mädchen nicht aus armen Familien kämen, sondern die Töchter der Mächtigen wären, hätte die Armee schon längst ihren Arsch hochbekommen. Aber was macht unser Präsident? Statt die Wurzeln des Terrors zu bekämpfen, lässt er Demonstranten festnehmen, die für die entführten Mädchen auf die Straße gehen.

Sie gelten als einer der größten Popstars Nigerias. Können Ihre Musiker und Sie überhaupt noch im Norden des Landes auftreten?

Ich würde liebend gerne ein Konzert in Jos geben – wenn sich bloß ein Veranstalter trauen würde. In weniger gefährlichen Gegenden des Nordens trete ich bis heute auf. Klar beschleicht meine Musiker und mich schon mal die Angst. Die Islamisten mögen uns nicht. Aber Rechte verteidigt man, indem man sie ausübt.

Tragen Sie in Nordnigeria auch Ihre westliche Garderobe?

Ich beachte verschiedene Verhaltenskodices für mein Leben hier und in meiner Heimat. Das müssen die meisten Afrikaner, die zwischen den Welten pendeln. Praktisch heißt das: In Paris fahre ich in Shorts und engem Top Rollerblades. In Abuja ziehe ich mir ein Kopftuch an und fahre Taxi.

In den letzten Jahren haben Sie nicht nur schwimmen und Skateboard fahren gelernt, sondern auch den Motorradführerschein gemacht. Gab es da etwas aus Ihrer Jugend nachzuholen?

Ich bin leider mit einem sehr traditionellen Frauenbild aufgewachsen: Mädchen sollten lernen, wie man den Haushalt führt, und es dem Mann recht macht. Für eigene Interessen blieb kaum Platz.

Sie üben viel Kritik an der Gesellschaft Nigerias, singen aber in guter Soul-Tradition bevorzugt über Liebe und Spiritualität. Spielt die politische Situation Ihres Landes gar keine Rolle für Ihre Musik?

Doch, in Songs wie „Fire On The Mountain“ oder „Questions“ hinterfrage ich die religiös motivierte Gewalt. Den Rest hat Fela Kuti bereits vor 40 Jahren besorgt. Seine Kampfansagen an korrupte Politiker und Militärs klingen noch genauso aktuell wie damals. Leider. Andererseits sind meine Auftritte an sich schon ein Politikum.

Warum?

Weil ich in einer patriarchalischen Gesellschaft als selbstbewusste Frau auftrete. Wir hatten in Nigeria immer starke Frauen. Meine Großmutter etwa war nicht nur reicher als mein Großvater, sie trat ihm auch mit Worten in den Hintern. Fela Kutis Mutter ähnlich: Sie organisierte Kampagnen für das Frauenwahlrecht und trieb dafür sogar den König ihres Volkes aus dem Amt. Heute heißt es wieder: Bleibt daheim, kocht und betet. Frauen werden in den letzten Jahrzehnten zunehmend diskriminiert. Genauso wie Homosexuelle. Ich kann mich erinnern, dass der Tanzlehrer meiner Kindheit und viele andere Männer im Norden Nigerias sich wie Frauen kleideten – und niemand daran Anstoß daran. Heute wäre so etwas lebensgefährlich.

Vor Jahren hat die nigerianische Presse sie als lesbisch bezeichnet. Sie reagierten mit einer Verleumdungsklage.

Es hat mir einfach weh getan. Nicht der Lesben-Verdacht an sich. Sondern weil ich damals – ich ging auf die 30 zu – immer noch eine Jungfrau war. Ich schämte mich dafür. Und dann lese ich meinen Namen mit dem Zusatz „gay“. Das war einfach zu viel.

Und heute?

Als ich mir meine Verletzung eingestand, zog ich die Konsequenzen: Sie hatten mir als Mädchen eingebläut, ich müsse meine Jungfräulichkeit für den Richtigen aufheben. Aber Männer hören so etwas nicht. Warum also sollte ich ewig warten?

Sie wurden also auf der Bühne weltweit für Ihre Liebeslieder gefeiert, während Sie in der Liebe kaum Erfahrung hatten?

Was Erotik betrifft, bin ich auf jeden Fall sehr schüchtern. Selbst wenn es sich nur um Literatur handelt. Vielleicht halte ich mich deshalb von Romanen fern und verschlinge vor allem Sachbücher – zuletzt über den Zweiten Weltkrieg, über Zar Rasputin und den britischen Geheimdienst.

Erotische Bücher bringen Sie tatsächlich aus der Fassung?

Ich hatte mir „Fifty Shades of Grey“ als Hörbuch besorgt. Nicht auszuhalten! Schon das Zuhören beschämte mich. Nein, bei solchen Geschichten kann ich mich nicht entspannen. Lieber schaue ich mir Nollywood-Komödien an. Die bringen mich zum Lachen. Klar, dass daran alles übertrieben wirkt: Aber wir Nigerianer brauchen eben rabiate Komik, um mit dem alltäglichen Stress, der Korruption, dem Opportunismus unserer Gesellschaft fertig zu werden.

Sie haben mal gesagt, Sie wollten ein positives Bild Ihrer Heimat in die Welt tragen. Im Westen assoziiert man Nigeria aber eher mit Internet-Betrügern, Organhandel-Mafia und Islamisten.

Die Nigerianer wissen, dass das Schicksal unserer künftigen Generation in der Hand von Dieben und Lügnern liegt. Aber es können nicht alle nach Europa fliehen. Daher erzähle ich immer wieder meine Geschichte: Dass ich in Lagos meine ersten Erfolge feierte – bevor mich eine westliche Plattenfirma entdeckte. Mein Beispiel zeigt also: Du kannst es in Nigeria schaffen: Ohne großes Geld, ohne Betrug, ohne Arschkriecherei. Sogar als eigenwillige, brillentragende Soulsängerin mit Männerstimme.

JONATHAN FISCHER

SZ 27.8.2014

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