Monatsarchiv: Dezember 2010

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Rückblick 2010, der zweite Gast … von KopfHörer (Der Blog des Wiener Soulliebhabers, Journalisten und Standard-Redakteurs Karl Fluch)

Der Münchner Journalist, DJ und Black-Music-Spezialist Jonathan Fischer und seine Lieblingsalben von 2010.

Den Jonathan habe ich heuer wieder um eine Auflistung der besten Musik im Dunstkreis schwarzer Popkultur gebeten. Einmal aus Egoismus, weil ich über ihn schon viele lässige Musik entdeckt habe, und weil sein Blick bei allem Spezialistentum kein Tunnelblick ist. Seine Aufzählung zeigt das deutlich.

Ganz unten kommen die Black Keys mit ihrem jüngsten Album „Brothers“ zu Ehren. Sogar wenn Jonathan Fischer eine weiße Band würdigt, führt diese wenigstens ein „Black“ im Namen. Muss wohl so sein. Aber ohne schwarze Musik gebe es die Black Keys in der Form ja auch gar nicht.

Für schwarze (Pop-)Kultur interressiert er sich schon ewig. Während sich seine Altergenossen in den 1980ern mit Van Halen oder Nena herumschlugen, interessierte er sich für Otis Redding und andere Soul-Größen.

Weil über diese eher wenig im „Bravo“ und den anderen üblichen Hefteln für junge Weißbröter zu finden war, machte er sich bald selbst auf die Suche nach den noch lebenden Protagonisten dieser Musik, flog zu ihnen, läutete an ihren Türen und hörte sich ihre Geschichten an. Und hielt diese fest.

Daraus wurde eine innige Beziehung, ein Lebensinhalt, eine Lebensgrundlage. Jonathan schreibt für die „Süddeutsche“, den „Spiegel“, die „FAZ“ und andere mehr. Wenn es irgendwie um schwarze Musik aus Ghana, Rio, L.A., Cuba oder Detroit geht, läutet bei ihm das Telefon. Wenn er nicht gleich abhebt, dann malt er gerade. Oder er boxt – oder er ist wieder einmal verreist. Meist dorthin, wo gerade einschlägige Musik entsteht.

Seinen missionar(r)ischen Eifer bezüglich seiner Entdeckungen teilt er mit uns immer wieder über ihresgleichen suchende, immer themenbezogene Sampler, in deren üppigen Booklets er uns an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt.

Einmal im Jahr reicht auch eine Liste.
Siehe: http://derstandard.at/1293369459842/Rueckblick-2010-der-zweite-Gast-

Wie von Göttern besessen – Weißer Soul, schwarze Stimme: Zum Tod von Teena Marie

Schon die Aufmachung ihres 1979er- Debutalbums „Wild And Peaceful“ verriet Teena Maries Ausnahmestellung: Anstatt ein Hochglanzbild der zierlichen, langhaarigen Schönheit – welche Plattenfirma würde sich das entgehen lassen? – zeigte das Cover lediglich: Meereswellen. Man wolle die Käufer nicht verschrecken, argumentierte ihr Label Motown. Also präsentierte es die weiße Frau mit der expressiv-verführerischen Soulstimme incognito, wie in den 60er Jahren so manchen schwarzen Country- und Easy- Listening-Sänger. Tatsächlich hatte der Schwindel den gewünschten Erfolg: Programmdirektoren von Black Music Radiosendern glaubten an eine schwarze Sängerin und spielten Teena Maries und Rick James’ Duett „I’m A Sucker For Your Love“ in die Top Ten der Rhythm- ’n’-Blues-Charts. „Wild And Peaceful“ bestach durch eine ungewöhnliche Bandbreite: Jazzige Balladen im Stevie-Wonder-Stil wechselten mit Straßen-Funk. Das Motown-Erbe hatte eine Musikerin, die mit den Genres jonglieren konnte, sich mal auf romantischen Latin-Rhythmen räkelte, mal energisch die neuesten Boombox-Beats ritt. Die schmale weiße Frau war eine der besten Rhythm-’n’- Blues-Sängerinnen aller Zeiten.

Mary Christine Brockert alias Teena Marie hatte das nötige Selbstbewusstsein von klein auf mitgebracht. Sie war in einer achtköpfigen Familie in Oakwoods im Westen von Los Angeles aufgewachsen, ihre Eltern spielten daheim Soul-Platten und ermutigten die Tochter, selbst zu singen. Klar, dass Mary bald wie Tausende andere Kinder in Amerika vor dem Spiegel stand und sich als eine der Supremes imaginierte. Es folgten Restaurant-Gigs, Fernseh-Shows, Radio- Jingles. Ende der 60er hörte Teena Marie in ihrem Heimatviertel Latino-Rhythmen, den Hippie-Funk von Sly & The Family Stone, weißen Rock und Motown- Soul, später versuchte sie in ihrer Musik etwas von allem zusammenzubringen. Schließlich beeindruckte nicht nur ihr Gesang. Marie schrieb die meisten ihrer Songs selbst, später arrangierte und produzierte sie. Seit ihrem erfolgreichen 1981er Album „It Must Be Magic“ – und zu einer Zeit, als Frauen im Rhythm ’n’ Blues vor allem hübsche Frontbilder abzugeben hatten – übernahm sie die Regie über alle künstlerischen Aspekte ihrer Karriere und beschritt dabei eineinhalb Jahrzehnte vor Alicia Keys, Erykah Badu und Missy Elliott Neuland.

Den Startschub aber verpasste ihr Rick James. Der Motown-Superstar stolperte im Probestudio über die Sängerin und war hingerissen von „diesem winzigen weißen Körper, der am Piano saß, und wie von Göttern besessen sang“. So widmete er das Album, das er eigentlich mit Diana Ross hätte aufnehmen sollen, lieber der weißen Sängerin. Bis zu James’ Tod 2004 sangen die beiden immer wieder Duette – während Teena Marie ihm, Shakespeare und den afroamerikanischen Dichterinnen Maya Angelou und Nikki Giovanni auf ihrem 1981er-Hit „Square Biz“ Tribut zollte. Ein Song, der mit Maries langer Rap-Sequenz dem Hip-Hop eine Lanze brach: „I’m wild and peaceful Lady T/ I got to keep my irons in the fire, you see.“ 1988 landete Marie ihren – später von den Fugees gecoverten – größten Hit: „Ooh La La La“. Danach blieb sie innerhalb einer verschworenen Fangemeinde Kult, 2004 überraschte sie mit dem Comeback „La Dona“ auf dem Hip-Hop-Label CashMoney Records, und vier Jahre später entdeckte sie auf „Congo Square“ den Jazz.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starb die wohl schwärzeste aller weißen RnB-Sängerinnen. Teena Marie wurde 54 Jahre alt.
Jonathan Fischer
SZ 28.12.2010

Schluchz – Der House-Pionier Robert Owens bringt den Soul in die Technoclubs

Doppelalben sind im House ein eher ungewöhnliches Format, besonders dann, wenn sie nicht nur eine Sammlung von Singles sind, sondern ein Konzept haben. Für „Art“ (Compost) hat sich der legendäre House-Sänger Robert Owens auf eine Zeitreise eingelassen. Das Album beschwört das Gemeinschaftsgefühl des Chicago-House der achtziger Jahre. Owens ätherischer Gesang prägte damals Klassiker wie „Tears“ oder „Can You Feel It“, die die Clubmusik mit dem Soul versöhnten. Schon die Produzenten des neuen Albums deuten auf ein ganz ähnliches Projekt hin: Es sind einerseits deutsche Elektro-Eklektizisten wie Beanfield und Funkjazz-Bass-Bastler wie Atjazz dabei, aber eben auch Owens alter Fingers,Inc.-Kumpel Larry Heard, der knapp die Hälfte der 19 Tracks produzierte. Wie elegant besonders die beiden Veteranen zu Werke gingen zeigt der erste Track „Pipe Dreams“: Ein Beat federt auf halber House-Geschwindigkeit und Piano-Loops und windspielartige Klangeffekte entwickeln einen meditativen Sog. Vor allem wenn Owens mal samtig-coole, mal verzweifelt sehnsüchtige Croonerstimme anhebt, bei „One Love“ etwa, oder bei „Reach Inside“ und „Counting Blessings“. Selbst im härteren, technoiden zweiten Teil bleibt Owens seiner Mission treu: Den Soul zurück in die Technoclubs zu tragen.
JONATHAN FISCHER
SZ 22.12.2010

Tiefschwarz – „Radio Citizen“ vertont Filme, die es leider gar nicht gibt

Es wurden schon einige sehr schmeichelhafte Vergleiche bemüht, um Radio Citizen , das Projekt des Münchner Multi-Instrumentalisten und Produzenten Niko Schabel, einzuordnen: Sun Ra, Quincy Jones, Tricky, Lalo Schifrin oder das Art Ensemble Of Chicago . Das wichtigste amerikanische Internet-Musikmagazin Pitchfork lobte Radio Citizens Debüt 2006 als „Soundtrack des großartigsten noch nicht verfilmten europäischen Spionage-Dramas“. Doch auch wenn es seitdem einige von Schabels Songs bis in Serien wie „Californication“ schafften – der Sound dieses Band-Experiments scheint noch nicht ausformuliert: Zwar bleibt das neue Album „Hope And Despair“ (Ubiquity) dem cinematografischen Klangdesign treu. Es werden auch ein Dutzend Genres von Ethio-Pop bis zum Free Jazz gestreift. Doch letztlich klingt es viel düsterer als der Vorgänger. Zusammen mit Musikern aus dem Umfeld von Embryo und der Express Brass Band schichtet Schabel schräge Bläserriffs, afrikanische Trommler und Dub-Effekte übereinander. Atmosphäre ist hier fast alles. Etwa wenn die Beat-Poetin Ursula Rucker auf „Test Me“ von schroffen Streichern und Holzbläsern angetrieben wird. Ein Song heißt „Isarwellen“. Der Münchner Fluss ist bei Schabel allerdings ein mysteriöser, tiefschwarzer Ausläufer des Nils.
JONATHAN FISCHER
SZ 15.12.2010

Was sollen wir mit den Hits der Sechziger? Der beste Mann diesseits des Atlantiks: Ben L’Oncle Soul

Noch eine Retro-Nummer für die Charts? Oder doch der gelungene Versuch, die großartige musikalische Historie Afroamerikas für die Pop-Gegenwart urbar zu machen? Der Erfolg des französischen Soulsängers mit dem etwas ulkigen Namen Ben L’Oncle Soul hängt jedenfalls wohl kaum an der Originalität seines Albumkonzepts. Tummeln sich doch gerade überall in Westeuropa und Nordamerika Songs in den Charts, die sich anhören wie Wiedergänger aus einer Oldie-Kiste mit der Aufschrift: „Die besten Soul-Mitschnipper der sechziger und siebziger Jahre“.

Das ist einerseits der rechtmäßigen Bewunderung der Smokey-Robinson-, Otis-Redding- und Marvin-Gaye-Klassiker geschuldet, andererseits dem traurigen Umstand, dass sich der zeitgenössische Rhythm & Blues immer mehr zu einer Musik von Hip-Hop-affinen Titeln und Grooves entwickelt hat, während das eigentliche Songwriting nur noch die zweite Geige spielt. Wer würde sonst schon ein Album mit Soul-Covern von Rod Stewart, Mick Hucknall oder, noch schlimmer, Phil Collins hören?

Und doch ist die Bewertung des Begriffs „Retro“ gerade im Umbruch und bleibt die Neu-Interpretation alter schwarzer Musik kein Privileg saturierter alter weißer Interpreten. So kommen die jüngsten Soul-Adepten aus der Hip-Hop-Ecke: Da singt sich der kalifornische Rapper Aloe Blacc mit „I Need A Dollar“ in die Hitparaden, covert John Legend ein gutes Dutzend Klassiker des Message-Soul der Siebziger, überschreitet Cee-Lo Greens, bis auf den Titel, wie ein Motown-Nachzügler daherkommendes „Fuck You“ längst die Zwanzig-Millionen-Klick-Grenze. Alle drei ignorieren für ihre jüngsten Alben das ungeschriebene Hip-Hop-Gesetz, das Alte doch bestenfalls als Steinbruch für ein revolutionäres Neues zu benutzen, und frönen stattdessen ganz ungeniert ihrer Liebe zu einer einst nur in Sample-Form goutierten Ära. Ja, sie unterwerfen sich freiwillig den Klangdiktaten einer vergangenen Zeit, spielen mit den Pop-Masken einer nicht ernsthaft zurückgewünschten Epoche, um nur gelegentlich – etwa in Cee-Lo Green’s gefluchtem Refrain – daran zu erinnern, dass die Zeiten von Schlaghosen, Fliege, Benimmschule und kostümierten Background-Sängerinnen lange vorbei sind.

In dieselbe Kerbe schlägt nun Ben L’Oncle Soul; nur, dass der aus Tours stammende Soulmann meistens französisch singt und natürlich auf Motown France veröffentlicht. Dabei kommt Benjamin Duterde alias Ben um einiges charmanter daher als das Gros seiner deutschen Kollegen. Soul hat bei ihm nichts Schweres. Die vokale Leistungsschau eines DSDS-Sternchens liegt ihm so fern wie das Predigen Xavier Naidoos. Vielmehr inszeniert er sich von Anfang an, und mit einem Augenzwinkern, als Phantasieprodukt: Uncle Ben’s Rice lieh ihm den Namen, die Album-Aufmachung ist bei klassischen Motown-Produkten abgekupfert, das Booklet voller Schöner-Wohnen-Klischees aus den Sechzigern.

Na und?, scheint das Lächeln des gelockten und bebrillten Schwiegermuttertraums auf dem Cover zu sagen. Geht es doch um ein Spiel mit Geschichtsbildern. Die Posen, die einst dem weißen Amerika den Zugang zu schwarzer Musik erleichtern und die Angst vor der Gewalt und Sexualität des Blues bändigen sollten, werden bei Ben L’Oncle Soul im Jahr 2010 zu reinen Markenreferenzen. Motown: Das bedeutet hier Optimismus, große Gesten und die Inszenierung als empathischer Gentleman.

Bleibt die Frage, wie unterhaltsam beziehungsweise intelligent Ben L’Oncle Soul seinem Album diese Zutaten arrangiert. Zumindest das erste Lied gehört noch in die Gimmick-Abteilung: ein swingendes Cover des White-Stripes-Hits „Seven Nation Army“. Ben L’Oncle Soul hatte es bereits auf seiner Debüt-EP „Soul Wash“ veröffentlicht, nun gibt es den etwas ranschmeißerischen Party-Auftakt. Auch „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers oder Gnarls Barkleys „Crazy“ hätten nicht zwingend eines Retro-Mitklatsch-Gewandes bedurft.

Dabei hat der Soulmann ein gutes Dutzend selbstgeschriebener Songs beigesteuert, das charismatische Sam-Cooke-Pastiche „Soulman“ etwa, „Little Sister“ oder „Mon Amour“. Wirklich interessant aber wird es, sobald Ben L’Oncle Soul die ausgetretenen Motown-Pfade verlässt, man die Vorbilder nicht gleich auf die ersten Takte hin erkennt. So legt „Elle Me Dit“ einen bläsergetriebenen Funk-Groove vor, zu dem der Soulonkel sich zu verzweifelt-sexy Schmachten steigert. Zu ähnlicher Intensität läuft „Ain’t Off to the Back“ auf: Diese psychedelisch angehauchte Uptempo-Gospel-Nummer überrascht mit einer stimmigen Rap-Einlage, und plötzlich sind all die billigen Füllnummern davor und danach vergessen, und Ben L’Oncle Soul wird ganz tanzbare Gegenwart. Zum originellen Songwriter mag ihm noch einiges fehlen. Der größte Soulunterhalter diesseits des Atlantiks aber ist er bereits. An diesem Samstag tritt er in München auf, Sonntag in Berlin.
JONATHAN FISCHER
FAZ 18.12.2010

Meine Top Ten 2010 (Spex-Autorencharts)

Jonathan Fischer  Top Ten Alben:

1) Lee Fields: My World
2) Flying Lotus: Cosmogramma
3) Erykah Badu: New Amerykah Pt.II – Return Of the Ankh
4) Radio Citizen: Hope And Despair
5) Robert Owens: Art
6) Whitefield Brothers: Earthology
7) Mavis Staples: You Are Not Alone und Cassandra Wilson: Silver Pony
9) Gil-Scott Heron: I’m New Here
10) Gilles Peterson: Havana Cultura