Was sollen wir mit den Hits der Sechziger? Der beste Mann diesseits des Atlantiks: Ben L’Oncle Soul

Noch eine Retro-Nummer für die Charts? Oder doch der gelungene Versuch, die großartige musikalische Historie Afroamerikas für die Pop-Gegenwart urbar zu machen? Der Erfolg des französischen Soulsängers mit dem etwas ulkigen Namen Ben L’Oncle Soul hängt jedenfalls wohl kaum an der Originalität seines Albumkonzepts. Tummeln sich doch gerade überall in Westeuropa und Nordamerika Songs in den Charts, die sich anhören wie Wiedergänger aus einer Oldie-Kiste mit der Aufschrift: „Die besten Soul-Mitschnipper der sechziger und siebziger Jahre“.

Das ist einerseits der rechtmäßigen Bewunderung der Smokey-Robinson-, Otis-Redding- und Marvin-Gaye-Klassiker geschuldet, andererseits dem traurigen Umstand, dass sich der zeitgenössische Rhythm & Blues immer mehr zu einer Musik von Hip-Hop-affinen Titeln und Grooves entwickelt hat, während das eigentliche Songwriting nur noch die zweite Geige spielt. Wer würde sonst schon ein Album mit Soul-Covern von Rod Stewart, Mick Hucknall oder, noch schlimmer, Phil Collins hören?

Und doch ist die Bewertung des Begriffs „Retro“ gerade im Umbruch und bleibt die Neu-Interpretation alter schwarzer Musik kein Privileg saturierter alter weißer Interpreten. So kommen die jüngsten Soul-Adepten aus der Hip-Hop-Ecke: Da singt sich der kalifornische Rapper Aloe Blacc mit „I Need A Dollar“ in die Hitparaden, covert John Legend ein gutes Dutzend Klassiker des Message-Soul der Siebziger, überschreitet Cee-Lo Greens, bis auf den Titel, wie ein Motown-Nachzügler daherkommendes „Fuck You“ längst die Zwanzig-Millionen-Klick-Grenze. Alle drei ignorieren für ihre jüngsten Alben das ungeschriebene Hip-Hop-Gesetz, das Alte doch bestenfalls als Steinbruch für ein revolutionäres Neues zu benutzen, und frönen stattdessen ganz ungeniert ihrer Liebe zu einer einst nur in Sample-Form goutierten Ära. Ja, sie unterwerfen sich freiwillig den Klangdiktaten einer vergangenen Zeit, spielen mit den Pop-Masken einer nicht ernsthaft zurückgewünschten Epoche, um nur gelegentlich – etwa in Cee-Lo Green’s gefluchtem Refrain – daran zu erinnern, dass die Zeiten von Schlaghosen, Fliege, Benimmschule und kostümierten Background-Sängerinnen lange vorbei sind.

In dieselbe Kerbe schlägt nun Ben L’Oncle Soul; nur, dass der aus Tours stammende Soulmann meistens französisch singt und natürlich auf Motown France veröffentlicht. Dabei kommt Benjamin Duterde alias Ben um einiges charmanter daher als das Gros seiner deutschen Kollegen. Soul hat bei ihm nichts Schweres. Die vokale Leistungsschau eines DSDS-Sternchens liegt ihm so fern wie das Predigen Xavier Naidoos. Vielmehr inszeniert er sich von Anfang an, und mit einem Augenzwinkern, als Phantasieprodukt: Uncle Ben’s Rice lieh ihm den Namen, die Album-Aufmachung ist bei klassischen Motown-Produkten abgekupfert, das Booklet voller Schöner-Wohnen-Klischees aus den Sechzigern.

Na und?, scheint das Lächeln des gelockten und bebrillten Schwiegermuttertraums auf dem Cover zu sagen. Geht es doch um ein Spiel mit Geschichtsbildern. Die Posen, die einst dem weißen Amerika den Zugang zu schwarzer Musik erleichtern und die Angst vor der Gewalt und Sexualität des Blues bändigen sollten, werden bei Ben L’Oncle Soul im Jahr 2010 zu reinen Markenreferenzen. Motown: Das bedeutet hier Optimismus, große Gesten und die Inszenierung als empathischer Gentleman.

Bleibt die Frage, wie unterhaltsam beziehungsweise intelligent Ben L’Oncle Soul seinem Album diese Zutaten arrangiert. Zumindest das erste Lied gehört noch in die Gimmick-Abteilung: ein swingendes Cover des White-Stripes-Hits „Seven Nation Army“. Ben L’Oncle Soul hatte es bereits auf seiner Debüt-EP „Soul Wash“ veröffentlicht, nun gibt es den etwas ranschmeißerischen Party-Auftakt. Auch „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers oder Gnarls Barkleys „Crazy“ hätten nicht zwingend eines Retro-Mitklatsch-Gewandes bedurft.

Dabei hat der Soulmann ein gutes Dutzend selbstgeschriebener Songs beigesteuert, das charismatische Sam-Cooke-Pastiche „Soulman“ etwa, „Little Sister“ oder „Mon Amour“. Wirklich interessant aber wird es, sobald Ben L’Oncle Soul die ausgetretenen Motown-Pfade verlässt, man die Vorbilder nicht gleich auf die ersten Takte hin erkennt. So legt „Elle Me Dit“ einen bläsergetriebenen Funk-Groove vor, zu dem der Soulonkel sich zu verzweifelt-sexy Schmachten steigert. Zu ähnlicher Intensität läuft „Ain’t Off to the Back“ auf: Diese psychedelisch angehauchte Uptempo-Gospel-Nummer überrascht mit einer stimmigen Rap-Einlage, und plötzlich sind all die billigen Füllnummern davor und danach vergessen, und Ben L’Oncle Soul wird ganz tanzbare Gegenwart. Zum originellen Songwriter mag ihm noch einiges fehlen. Der größte Soulunterhalter diesseits des Atlantiks aber ist er bereits. An diesem Samstag tritt er in München auf, Sonntag in Berlin.
JONATHAN FISCHER
FAZ 18.12.2010

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