Wir sind Afrika: Mit Macht rollt eine neue Welle des Afrobeat auf uns zu – allen voran Femi Kuti und Ebo Taylor

Ein gutes Jahrzehnt nach Fela Kutis Tod schwebt der Afrobeat auf einer zu Lebzeiten nie erreichten Welle der Popularität. Nicht nur, weil Indie-Rockbands wie Vampire Weekend, Fool’s Gold oder The Very Best neuerdings sehr erfolgreich afrikanische Klänge für den Mainstream urbar machen, sondern auch, weil Kutis Vermächtnis offensichtlich flexibel genug ist, um jede musikalische Erneuerung in seinen Mahlstrom aus flirrenden Gitarren, riffenden Bläsern und treibenden Polyrhythmen aufzusaugen. Zuletzt bewiesen das Hiphop-Produzenten wie Questlove und J Dilla, Funkmusiker wie das Kollektiv Truth And Soul aus Brooklyn oder auch Damon Albarns Gorillaz: Kutis Rhythmen sind offensichtlich gegen jede Alterung resistent.

Da erinnern sich nicht wenige an die Prophezeiung von Miles Davis, dem Afrobeat gehöre die Zukunft, zumal gerade ein neues Musical auf New Yorker und Londoner Bühnen den nigerianischen Multiinstrumentalisten und Menschenrechtsaktivisten feiert. So übermächtig, wie Fela Kuti über dem Afrobeat thront, so schwer haben es seine Erben, eine eigene Version dieser Musik zu etablieren. Aber wer könnte dazu berufener sein als sein Sohn Femi? Zwar trennten sich seine Eltern, und Femi wuchs zunächst bei der Mutter auf, doch als Teenager kehrte er zu seinem Vater zurück. Als dieser 1984 wieder einmal von Nigerias Diktatoren unter fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis geworfen wurde, übernahm er gar dessen Band Egypt 80. Damals war Femi Kuti zweiundzwanzig Jahre alt. Später gründete er eine eigene Formation, die sich einerseits der Musik des Vaters verpflichtet fühlte, andererseits sich an vorsichtigen Reformen versuchte: Während sich Fela noch von James Brown zu zwanzigminütigen Jams inspirieren ließ, straffte Femi seine Songs und ging auf die Generation Hiphop zu. Auch sonst wagte er eine Modernisierung des Familienmythos: Den väterlichen Kampf gegen korrupte afrikanische Politiker erweiterte er um die Dimension globalisierter Ausbeutung, um sich gleichzeitig als Aufklärungsanwalt von den irrationaleren Seiten Fela Kutis wie dessen afrikanischem Ahnenglauben, sexuellen Ausschweifungen und Drogenmissbrauch zu distanzieren.

Mit seinem neuen Album „Africa For Africa“ aber geht der achtundvierzigjährige Sänger und Saxophonist noch einmal einen Schritt auf den Vater zu: Während sein jüngerer Bruder Seun Kuti mit Egypt 80 und Brian Eno an einem (für Februar 2011 angekündigten) Neuentwurf des Afrobeat arbeitet, donnert er so rauh und ungehobelt wie lange nicht mehr: Keine musikalische Kosmetik soll die Botschaft verwässern. Da brüllen die Bläser im Stakkato, hüpft der Bass wie ein Gummiball unter wimmernden Orgeln und hart geschlagenen Congas, da chanten Femi Kuti und sein weiblicher Backgroundchor mit der Verve von teufelsaustreibenden Baptistenpredigern: „Nobody Beg“, „Bad Government“ oder „Can’t Buy Me“ – die Titel sprechen für sich.

Im Zuge des Afrobeat-Booms aber bekommen gerade auch hierzulande kaum bekannte afrikanische Legenden eine zweite Chance: etwa der vierundsiebzigjährige Gitarrist und Sänger Ebo Taylor aus Ghana. Während zuletzt einige Kompilationen historischer afrikanischer Aufnahmen (etwa „Ghana Soundz“) auf dem Wiederveröffentlichungslabel Soundway seinen Namen wieder ins Gespräch brachten, hat er so gut wie nie für den westlichen Markt aufgenommen. Dabei studierte Taylor in den frühen sechziger Jahren zusammen mit Fela Kuti an einer Londoner Musikhochschule und nahm später in Ghana eine ähnliche Führungsrolle ein wie Kuti in Nigeria. Nicht nur brachte er den Jazz zurück nach Afrika. Als Bandleader der Stargazers oder Broadway Dance Band fusionierte er die heimische Highlife-Musik mit Afrobeat-Rhythmen und letztlich der Musik Afroamerikas. Der Black Atlantic war mehr als nur ein Schlagwort. Vielmehr segelten die Grooves zwischen Afrika und der schwarzen Diaspora hin und her.

Nun hat Taylor sein erstes Album seit zwei Jahrzehnten aufgenommen: „Love And Death“. Die im Idiom der siebziger Jahre daherkommende, enorm tanzbare Platte verdankt sich dabei vor allem der Hingabe seiner Begleitmusiker von der Berliner Afrobeat Academy. Die deutschen Adepten aus dem Umfeld der Poets Of Rhythm haben ihr Idol offensichtlich genau studiert und dem alten Mann einen spektakulären Energieschub verpasst. Etwa in dem Titelstück: Da gelingt es Taylor, den Sturm und Drang seiner Band mit der Melancholie eines alten Mannes zu kontrastieren und glaubhaft die Geschichte einer betrogenen Liebe zu erzählen. Trauer und Tanz liegen hier ganz nahe zusammen: „Love and death walk hand in hand.“ Anders als Kuti hält sich Taylor mit politischen Kommentaren zurück; doch wo er steht, das drückt er umso radikaler in der Musik solcher Songs wie „Kwamé“, einer Verbeugung vor dem revolutionären ghanaischen Staatsmann Kwamé Nkrumah, aus: Ratternde Rhythmen und kreiselnde Gitarrenmotive schließen die Aufbruchsstimmung eines gerade von den Fesseln des Kolonialismus befreiten Afrika mit der Zukunft des Funk kurz.

Allein die Konstellation dieses Albums – afrikanische Legende erhält durch junge weiße Verehrer ein zweites Leben – steht für die Weitergabe schwarzer Kulturformen an eine junge Musikergeneration, die nicht mehr nur an soziale und geographische Faktoren gebunden ist. Am Ende könnte Ebo Taylor auf dem Umweg über den Westen auch die ghanaische Jugend zurückgewinnen. Zwar hört die längst amerikanischen Pop oder lokale Hiphop-Varianten wie Hiplife; doch hat nicht selbst der Rhythm-&-Blues-Superstar Usher ganz offiziell ein Gitarrenriff von Ebo Taylor gesampelt? Manchmal liegt die Zukunft des Westens eben doch in Afrikas Vergangenheit.
JONATHAN FISCHER, FAZ 2.12.2010

Femi Kuti, Africa For Africa

Wrasse 1440754

Ebo Taylor, Love And Death

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