Krar – Pop und Hip-Hop suchen ihre Grenzen jetzt in Äthiopien

Um in der Reibung mit dem Exotischen altbekannte Formen aufzubrechen, sich in neuen Synergien aufzuputschen hat die Popmusik immer Grenzerfahrungen gesucht: In den sechziger Jahren gab die indische Musik dieses Andere, ab den siebziger Jahren befeuerten Reggae und Dancehall den Pop, im vergangenen Jahrzehnt war es der Afrobeat. Und heute?

Die Kompassnadeln richten sich wieder mal auf Afrika, aber nicht auf dessen gut erforschte anglo- und frankophone Musikszene, sondern eine Ethiojazz getaufte äthiopische Soul-Spielart, die erst 2004 durch den Soundtrack von Jim Jarmuschs Film „Broken Flowers“ ein breiteres westliches Publikum erreichte.

Dessen Musik schenkte dem Film eine ganz eigene bluesige Geheimnishaftigkeit. Vor allem aber katapultierte „Broken Flowers“ den Ethio-Jazz ins Rampenlicht: Wer kannte bis dahin schon Mulatu Astatke ?

Nun stieg der äthiopische Vibrafonist, Komponist und Arrangeur – er hatte in den sechziger Jahren den Ethiojazz beinahe im Alleingang aus der Taufe gehoben – plötzlich zum Stilgott auf. Das Bostoner Either/Orchestra ließ sich ebenso von ihm anleiten wie die englische Hip-Hop-Jazz-Combo The Heliocentrics . Die Kooperation mit letzteren führte 2009 zu einem gemeinsamen Album: „Inspiration Information“. Großartiger Groove – nur dass Mulatu Astatke, ein akademisch gebildeter Jazzer, der 1972 für den in Addis Abeba gastierenden Duke Ellington äthiopische Musik in Jazz-Arrangements übersetzte, dabei wie ein in die Niederungen des Pop verirrter Würdenträger wirkte.

Sein neues, ebenfalls auf dem Label Strut veröffentlichtes Werk „Mulatu Steps Ahead“ (Strut/ K7) zeigt nun Astatkes andere große Lieben: elegische, tiefgründige Orchestermusik, die vom Kollektiv getragen wird und sich denselben spirituellen Orten nähert, die einst bereits Sun Ra und John Coltrane aufgesucht hatten – diesmal aber von der äthiopischen Seite her.

Astatkes erstes Solo-Album seit 20 Jahren ist dabei an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt aufgenommen worden. Das Either/Orchestra und die Heliocentrics sind wieder dabei, dazu kommen Aufnahmen mit traditionellen Musikern in Addis Abeba. Das Ergebnis: Boogaloo-Rhythmen, äthiopische Traditionals und kosmischer Jazz, eingespielt mit Blas- und Streichinstrumenten, Klavier, Kontrabass, der ostafrikanischen Krar und Latin Congas. Zusammengehalten wird dieser erstaunlich homogene Ethiojazz von Astatkes flüssig perlendem Vibraphon-Spiel.

Dass der Albumtitel auf Miles Davis’ „Steps Ahead“ anspielt, dürfte kein Zufall sein. Letzterer hatte Astatke einst ermutigt. Der Äthiopier war nach dem Abschluss seines Jazz-Studiums (als erster Afrikaner) am Berklee College of Music in Boston in die New Yorker Fusion-Szene eingetaucht, wo er mit seinen Freunden Fela Kuti und Hugh Masekela versuchte, afrikanische Musik für westliche Ohren aufzubereiten, schließlich waren chromatische Skalen und Polyrhythmik seit Charlie Parker im Jazz wie in der äthiopischen Tradition bekannt. Doch das richtige Mischungsverhältnis fand er erst nach seiner Rückkehr 1969 nach Addis Abeba: Dort verschmolz Astatke die amerikanischen Soul- und Latin-Rhythmen mit uralten ostafrikanischen Folkgesängen, eröffnete eigene Jazz-Clubs und sogar eine Radiostation. Die Folge war „Swinging Addis“.

Die stärksten Stücke aus dieser Zeit (und mit seinem New Yorker Ethiopian Quintet) trägt nun der Sampler „Mulatu Astatke: New York, Addis, London – The Story of Ethio Jazz 1965-1975“ (Strut/K7) zusammen. Dunkle, exotische, sexy schillernde Jazz-Melangen. Hip-Hop-Fans mag einiges vertraut vorkommen. Kanye West etwa verwendete eines von Astatkes Stücken für den Common-Hit „The Game“, K’naan samplete Astatke auf seinem Album „Troubadour“, ebenso wie Nas’ und Damian Marleys in ihrem großartigem Somg „As We Enter“ oder die Budos Band : eine zehnköpfige Bläser-Truppe aus Staten Island, New York, die im Umfeld der Retro-Soul-Schule der Dapkings auftritt.

Auch ihr dritter Longplayer „The Budos Band III“ (Daptone) bringt wieder Soul, Funk, Afrobeat, und die entscheidende Prise äthiopische Magie zusammen. Es ist ein fiktiver Astatke-Soundtrack für einem Blaxploitation-Film geworden. Besonderen Sog entwickeln „Nature’s Wrath“ oder „Raja Haje“: Sich orientalisch schlängelnde Gitarren- und Bassläufe werden da von einer Orgel eingekocht, während fette Bläserriffs den Groove unterschieben.

Noch weiter geht der Hip-Hop-Produzent Oh No . Auf „Dr. No’s Ethiopium“ (Stones Throw/Groove Attack) schraubt er drei Dutzend äthiopische Funk, Soul und Jazz-Breaks auf seine selbst produzierten Beats und bringt so den Boom-Bap zum Glühen. Man höre nur die schrägen, aber unglaublich funkigen Bläserfanfaren auf „Xcalibur“, die scharf hackende Krar-Harfe auf „Madness“, oder „Louder“, auf dem äthiopische Soulriffs aus einem J-Dilla-Beat hevorstechen. Oh No benutzt dabei genug Originalmaterial um dessen Herkunft erkennen zu lassen. Und er baut die sägenden Loops in vertraute Rhythmusgitter ein. Nun liegt es an den Hip-Hop-MCs, den Rest zu besorgen: Gebt diesen Beats endlich die Reime, die sie verdienen!

JONATHAN FISCHER
SZ 30.11.2010

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