Wie von Göttern besessen – Weißer Soul, schwarze Stimme: Zum Tod von Teena Marie

Schon die Aufmachung ihres 1979er- Debutalbums „Wild And Peaceful“ verriet Teena Maries Ausnahmestellung: Anstatt ein Hochglanzbild der zierlichen, langhaarigen Schönheit – welche Plattenfirma würde sich das entgehen lassen? – zeigte das Cover lediglich: Meereswellen. Man wolle die Käufer nicht verschrecken, argumentierte ihr Label Motown. Also präsentierte es die weiße Frau mit der expressiv-verführerischen Soulstimme incognito, wie in den 60er Jahren so manchen schwarzen Country- und Easy- Listening-Sänger. Tatsächlich hatte der Schwindel den gewünschten Erfolg: Programmdirektoren von Black Music Radiosendern glaubten an eine schwarze Sängerin und spielten Teena Maries und Rick James’ Duett „I’m A Sucker For Your Love“ in die Top Ten der Rhythm- ’n’-Blues-Charts. „Wild And Peaceful“ bestach durch eine ungewöhnliche Bandbreite: Jazzige Balladen im Stevie-Wonder-Stil wechselten mit Straßen-Funk. Das Motown-Erbe hatte eine Musikerin, die mit den Genres jonglieren konnte, sich mal auf romantischen Latin-Rhythmen räkelte, mal energisch die neuesten Boombox-Beats ritt. Die schmale weiße Frau war eine der besten Rhythm-’n’- Blues-Sängerinnen aller Zeiten.

Mary Christine Brockert alias Teena Marie hatte das nötige Selbstbewusstsein von klein auf mitgebracht. Sie war in einer achtköpfigen Familie in Oakwoods im Westen von Los Angeles aufgewachsen, ihre Eltern spielten daheim Soul-Platten und ermutigten die Tochter, selbst zu singen. Klar, dass Mary bald wie Tausende andere Kinder in Amerika vor dem Spiegel stand und sich als eine der Supremes imaginierte. Es folgten Restaurant-Gigs, Fernseh-Shows, Radio- Jingles. Ende der 60er hörte Teena Marie in ihrem Heimatviertel Latino-Rhythmen, den Hippie-Funk von Sly & The Family Stone, weißen Rock und Motown- Soul, später versuchte sie in ihrer Musik etwas von allem zusammenzubringen. Schließlich beeindruckte nicht nur ihr Gesang. Marie schrieb die meisten ihrer Songs selbst, später arrangierte und produzierte sie. Seit ihrem erfolgreichen 1981er Album „It Must Be Magic“ – und zu einer Zeit, als Frauen im Rhythm ’n’ Blues vor allem hübsche Frontbilder abzugeben hatten – übernahm sie die Regie über alle künstlerischen Aspekte ihrer Karriere und beschritt dabei eineinhalb Jahrzehnte vor Alicia Keys, Erykah Badu und Missy Elliott Neuland.

Den Startschub aber verpasste ihr Rick James. Der Motown-Superstar stolperte im Probestudio über die Sängerin und war hingerissen von „diesem winzigen weißen Körper, der am Piano saß, und wie von Göttern besessen sang“. So widmete er das Album, das er eigentlich mit Diana Ross hätte aufnehmen sollen, lieber der weißen Sängerin. Bis zu James’ Tod 2004 sangen die beiden immer wieder Duette – während Teena Marie ihm, Shakespeare und den afroamerikanischen Dichterinnen Maya Angelou und Nikki Giovanni auf ihrem 1981er-Hit „Square Biz“ Tribut zollte. Ein Song, der mit Maries langer Rap-Sequenz dem Hip-Hop eine Lanze brach: „I’m wild and peaceful Lady T/ I got to keep my irons in the fire, you see.“ 1988 landete Marie ihren – später von den Fugees gecoverten – größten Hit: „Ooh La La La“. Danach blieb sie innerhalb einer verschworenen Fangemeinde Kult, 2004 überraschte sie mit dem Comeback „La Dona“ auf dem Hip-Hop-Label CashMoney Records, und vier Jahre später entdeckte sie auf „Congo Square“ den Jazz.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starb die wohl schwärzeste aller weißen RnB-Sängerinnen. Teena Marie wurde 54 Jahre alt.
Jonathan Fischer
SZ 28.12.2010

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