Monatsarchiv: September 2011

Wieder ganz der Alte – Lil Waynes neues Album „Tha Carter IV“

Lil‘ Waynes Sprunghaftigkeit, die wiederkehrenden Beschimpfungen nicht nur von Konkurrenten sondern auch der eigenen Crew, die von Sirup-Geschlürfe begleitete Realitäts-Verleugnung auf und hinter der Bühne… Das alles wirkt wie wie eine PR-Katastrophe. Und dennoch macht der Mann irgendetwas richtig. Hat sein Wahnsinn Methode – wie sonst könnte Lil Wayne sich so lange (neben Eminem) als bestverkaufender Rapper der Gegenwart halten?
Auch sein neues Album „Tha Carter IV“ wird wohl ohne Mühe die Charts stürmen. Was nicht unbedingt mit innovativer, großartiger Musik oder sonderlich originellen Raps zu tun hat: Sondern vor allem mit Lil Waynes Persona. Zählt doch im Ratten-Zirkus namens HipHop immer noch das Prädikat der „Realness“ über alles: Es geht um eine gewisse Straßenlegende. Den Beweis, dass man auch so lebt, wie man sich in seinen Raps verkauft. Lil Wayne, der sich als Youngster in der Halbwelt von New Orleans einen Namen machte und zuletzt eine Gefängnisstrafe auf Riker’s Island absaß, pflegt seine Freak-Persönlichkeit mit Ganzkörper-Tattoos, Proklamationen seines Marsmenschentums und schrägen Sexgeschichten. Ein kaputter, und etwas surrealer Gangster-Rapper – ja, das bleibt er auch auf „The Carter IV“. Im Gegensatz zum experimentellen Funkrock-Vorgänger Rebirth setzt er wieder ganz auf konventionelle HipHop-Formeln: 80er Jahre Synthie-Beats, hier und da dramatische Streicher-Akzente, und recht poppige Duette mit T-Pain oder Drake. Im Grunde könnte es sich um den Ausschuss von den Aufnahmen der Vorgängeralben „Tha Carter I-III“ handeln: Pussy, money, weed. Das hat man leider alles schon zu oft gehört. Lil Wayne mag immer noch ein kreativer Sprachjongleur sein. Zu sagen hat er nichts. Am ehrlichsten wirkt noch eine Zeile aus „Abortion“: „Thank you Jesus/ help me focus on the future and not the previous“. Kein Wunder, dass die stärksten Tracks des Albums ein Zwischenspiel und das Outro sind, in denen er unter anderem Kollegen wie Tech N9ne, Nas und Busta Rhymes das Mikro überlässt.
JONATHAN FISCHER
NZZ 16.9.2011

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Bitte alles und sofort: Trombone Shorty und der „Superfunkrock“

Sechs Jahre nach Katrina hat sich die Musikszene von New Orleans nicht nur erholt: Nein, der örtliche Jazz – und dazu zählen in Nawlins auch all die Brassband-, Rock-, Blues- und Hip-Hop-Hybride – vibriert geradezu von einer Energie und einem Lebensdurst, den nur entwickeln kann, wer dem Tod schon einmal von der Schippe gesprungen ist. Alles bitte gleichzeitig und sofort: Das bedeutet nicht nur mehr Live-Clubs und mehr Bands als je zuvor. Sondern auch einen gewachsenen Stolz auf die rhythmische Melange des Mississippi-Hafens – und den Willen, nicht zuletzt mit Hilfe populärer Fernsehserien wie „Treme“, den Mainstream zu erobern.

Eine zentrale Rolle spielt dabei Troy Andrews alias Trombone Shorty. Der vierundzwanzigjährige Posaunist ist in New Orleans nicht nur als Bandleader und Begleitmusiker allgegenwärtig: Er will sich mit seinem zweiten Solo-Album „For True“ auch als erster Pop-Botschafter seiner Heimatstadt etablieren. In Shortys Fall keine Anmaßung: Seinen Spitznamen bekam er bereits im Kindergartenalter, als er mit einem viel zu groß wirkenden Instrument bei den Brassbands der Nachbarschaft mitmarschierte. Später übte er sich in traditionellem Jazz, bevor ihn Lenny Kravitz als Sideman rekrutierte. Im vergangenen Jahr kehrte er mit gewaltigen Ambitionen in seine Heimatstadt zurück: Weg vom schlampigen Funk der Straße, hin zur Stadion-Rock-Perfektion seines einstigen Arbeitgebers – das ist zumindest die Devise des Studiomusikers Trombone Shorty. Sein letztjähriges, Grammy-nominiertes Debüt „Backatown“ verband Pop-Chants, Metalgitarren, Jazzbläser und Dancefloor-Grooves zu einer schwülen Euphorie-Maschine.

Auf dem Nachfolge-Album „For True“ lehnt sich Trombone Shorty noch etwas weiter in den Mainstream. Im Stile eines James Brown kommandiert er einen vielschichtigen, von einer Rhythmusgitarre konterkarierten Schwergewichts-Groove. Darüber ruft er die Zauberstückchen seiner Mitmusiker auf: Bläsersoli. Percussion-Breaks. Rockgitarren, die vierzig Jahre Rockgeschichte von Little Fea t bis Linkin Park zitieren. Darunter: Ein gemächlich wie ein Sechs-Meter-Alligator dahinschreitender, torkelnder, rollender Bass. Die Meters hatten das Monster einst von der Leine gelassen. Dann sampelte der Hip-Hop den Herzschlag von New Orleans. Und nun führt ihn Trombone Shorty in ein neues Fusionsstadium. „Supafunkrock“ nennt er seine Melange. Ein Name, der Schweiß und Tränen verspricht. Aber zumindest auf Platte bisweilen wie die allzu perfekte Blaupause wirkt, die darauf wartet, von Trombone Shorty auf der Bühne mit Leben gefüllt zu werden.

Denn live funktioniert Shortys Konzept, nach Gumbo-Manier alles mit allem zu mischen, ganz wunderbar: Wie auf einer Jazz-Beerdigung schreitet er da von der Melancholie einer Bluesnummer zu den auftriebigen Chants der Mardi Gras Indians und den Tanzrhythmen des lokalen Hip-Hop fort – mit Leichtigkeit und Leidenschaft. Nicht immer schafft es „For True“, diese Begeisterung auch im Studio spürbar zu machen: Da wirken die E-Gitarren von Warren Haynes und Jeff Beck bisweilen wie alte Onkels, die sich ungebeten in einem Jugendzimmer breitmachen. Da ist die formidable Rebirth Brass Band auf „Buckjump“ leider viel zu sauber über einen Boom-Bap-Rhythmus gemischt. Da darf statt eines lokalen Rappers ausgerechnet Kid Rock seine Liebe zu New Orleans beichten. Und bisweilen glaubt man, Trombone Shorty habe mit einem Metronom gearbeitet, um bloß nicht in rhythmischen Verzug zu geraten.

Oder hat sich der Musiker ganz bewusst an der Marschmusik orientiert? Als Spross einer alten Musiker-Dynastie kennt er natürlich auch diese vor dem Jazz und Swing liegende Gangart seiner Heimatstadt. Und niemand kann einen Marsch so funky tönen lassen wie er. Mit einer perfekt aufeinander eingespielten Band entlockt er seinen Mitklatsch- und Mitsing-Nummern immer wieder feine rhythmische Nuancen, lässt er über dem von Gitarre und Snare-Drum gehaltenen Takt seine Virtuosität als Posaunist aufblitzen. Auch wie eine gute „hookline“ funktioniert, hat er offensichtlich von Lenny Kravitz gelernt.

Am Ende mag man die Überdisziplinierung seiner Studioband kritisieren. Doch möglicherweise ist diese Platte ein Katalysator auf Trombone Shortys Weg in eine Umlaufbahn, die nicht mehr allein von den Straßen-Codes von „Treme“, sondern vor allem von seinem Willen zur bahnbrechenden Fusion bestimmt wird. Die Laszivität seiner Heimatstadt New Orleans ist ihm dennoch nicht abhandengekommen. So deutet „For True“ auf einigen Stücken in Richtung eines anderen New Orleans Erbes: Gerade der Jazz-Funk „Nervis“ (mit den Neville Brothers) und die Soulballade „Then There Was You“ (mit Ledisi) zeigen den Mann als RnB-Arrangeur. Ein Soulalbum von Trombone Shorty würde dem jungen Musiker möglicherweise noch mehr Raum bieten, um den New Orleans Groove für die Urenkel von Louis Armstrong neu aufzubereiten. JONATHAN FISCHER
SZ 22.9.2011