Monatsarchiv: Dezember 2018

„Wir lassen uns nicht auf die Probleme Afrikas reduzieren“: Wie eine Fotografie-Schule in Mali den internationalen Markt beliefert

Nicht mal einen richtigen Namen hat die Schlaglochpiste in Bamakos Nachtclub-Viertel Hippodrome. Sie heißt schlicht Rue 246. In der Mittagshitze wirkt die Gegend wie ausgestorben. Nur ab und an knattert ein Moped vorbei, biegt ein Eselsgespann quietschend um die Ecke und wirbelt eine Staubwolke auf. Rötlicher Staub legt sich auf Autos, Straßenstände und die Waren eines Spielzeuggeschäfts auf einer Plastikplane – Lastwagen, Schaufeln, Plastikpistolen „Made in China“. An einem von weißen Mauern eingefassten Grundstück hängt ein verbeultes Schild: CFP, „Cadre de Promotion pour la formation en photographie“. Kann es sein, dass sich in diesem Hinterhof die wichtigste Fotografen-Schule Malis, ja ganz Westafrikas versteckt? Nach Zurufen erscheint ein Mann in zerschlissener Wächter-Uniform und öffnet das schmiedeeiserne Tor.

  Im Innenhof hocken Studenten unter Palmen um ein Stövchen mit Pfefferminztee. Hinten beugt sich ein schlaksiger junger Mann in Jeans und Turnschuhen über seinen Laptop. John Moussa Kalapo winkt den Besucher heran. „Für diese Bilder bin ich durch halb Mali gereist“, sagt der Fotografenschüler und blättert durch einen Stapel Abzüge. Auf den Fotos zu sehen: Grüne Landschaften, steile Bergkuppen, knorrige Bäume. Ein Mali jenseits der üblichen Kriegs- und Armutsberichterstattung. Kalapo erzählt von Mythen, Sagen und Geistern, die in diesen „Kraftorten leben“, vom Ahnenglauben, der seit der Zeit der legendär reichen Monarchie alle Wirrnisse der Tagespolitik überlebt hat. Dann fällt ihm etwas Wichtiges ein: „Ich stelle dich unserem Direktor vor“. Kalapo mag als mehrfacher Preisträger der Bamako Biennale einer der aufstrebenden Stars der malischen Fotografie sein. Hierarchien aber müssen gewahrt bleiben.

  Vor dem Direktorenbüro hängt eine handgeschriebene Tabelle: Auf der einen Seite Namen von gut einem Dutzend Studenten. Auf der anderen, sortiert nach Monaten, Dollar-Beträge. „Unsere neueste Kooperation“, schwärmt Schuldirektor Youssouf Sogodogo: Die Schüler liefern Fotos an Getty Images, die größte Fotobank der Welt. Die Hälfte der Gagen behält die Schule, die andere Hälfte bekommen die Fotografen ausgezahlt“. Zusammen mit der Schweizer NGO Helvetas sichere das die Finanzierung der CFP – und ein fast kostenfreies Studium.

  Computer, Drucker, sogar Leihkameras stellt die Schule. In Mali ein ungeheurer Luxus, immerhin zählt das Land zu den zwölf ärmsten der Welt, gelten 70 Prozent der Bevölkerung als funktionale Analphabeten. Fotografie öffnet nicht nur alternative Wege der Kommunikation, sondern auch eine Tür zur westlichen Welt. Konzeptuelle Fotografie heißt die neueste Ergänzung des Curriculum: Als Getty Images über den Ableger „Culture & Commerce“ der CFP im Jahre 2010 eine Zusammenarbeit anbot, „wusste kaum jemand vor Ort, was Konzeptkunst bedeutet“, sagt Sogodogo und lächelt verlegen: „Malier haben Erfahrung damit, ein Hochzeitspaar in Szene zu setzen. Aber es ist eine andere Sache, abstrakte Konzepte wie Freundschaft, Arbeit oder Gesundheit zu bebildern.“

  Dabei genießt Mali unter Kennern einen sagenhaften Ruf: Als Heimat von Legenden wie Malick Sidibe und Seydou Keita, Porträtisten, die in den Sechzigerjahren eine eigene Bildsprache zwischen Tradition und Moderne gefunden haben. Sogodogo hat in Europa und Nordamerika ausgestellt. Trotzdem könne keiner der von ihm ausgebildeten Fotografen auf dem lokalen Markt überleben, sagt der Schuldirektor, die Konkurrenz ist groß: Hunderte Studios für Hochzeits- und Passbild-Fotos – organisiert in neun Fotografen-Vereinigungen – werben in Bamako um Kundschaft. Ein Foto kostet selten mehr als ein Häufchen Mangos, doch auch dies ist für die Malier in Krisenzeiten oft zu teuer. Wer etwa eine Straßenkreuzung von der CFP entfernt das Atelier von Abdoulaye Baby, dem ehemaligen malischen Kultusminister und Hoffotografen von Popstars wie Salif Keita besucht, kann zwischen Eiffelturm- oder Alpentapete als Hintergrund für das Familienfoto wählen.

  Auch Karim Sidibé, der das Studio seines Vaters weiterführt, hat die Leica- und Hasselblad-Kameras nur noch als Museumsstücke im Regal stehen. „Ich fotografiere inzwischen digital“, sagt er, und es klingt wie eine Entschuldigung. Sein Arbeitsplatz befindet sich auf der Straße: Ein Tisch mit Lötkolben, Lappen und aufgebrochenen Kamera-Gehäusen. Billig-Modelle, die im Westen niemand reparieren würde. Im Studio, wo der Vater einst ikonische Aufnahmen von Damen in Party-Gewändern und Jugendlichen mit ihren Mofas machte, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Derselbe Schachbrett-Boden, dieselben gestreiften Vorhänge. Nur Kunden fehlen. „Seit dem Bürgerkrieg kommen nur selten Touristen, die sich einen Silberbromid-Abzug bei mir bestellen“.

  An der CFP trauert man dieser Vergangenheit nicht nach. „Wir ehren unsere Ahnen“, sagt Sogodogo, „aber wir haben uns zu lange auf den Lorbeeren von Fotografen wie Malick Sidibe ausgeruht.“ Sein Ziel sei es, die Studenten an die aktuellen Kunst-Diskurse heranzuführen. Fast jedes Jahr sind CFP-Schüler auf der Biennale von Bamako vertreten, dem wichtigsten Fotokunst-Ereignis Afrikas. Nicht immer entsprechen ihre Bilder den Erwartungen westlicher Besucher: „Manch einer würde uns gerne auf die Probleme unseres Landes festlegen“, sagt der CFP-Absolvent Harandane Dicko. „Aber wir sind in erster Linie Künstler.“ 2018 etwa zeigte Fototala King Masasy Porträts von Marktfrauen, Brillenverkäufern oder Straßenmechanikern, die mit ihren Geräten vor einer gelb gestrichenen Wand posieren. Sprühend vor Optimismus. Mali, sagt Dicko, sei ein Konfliktherd. Doch müssen Malier deswegen nur politische Reportagen machen? Oder dürfen sie auch andere Themen als Islamismus, Migration oder die Armut aufgreifen?

  Eine der bekanntesten, Biennale-gekrönten Arbeiten Dickos zeigt Umrisse hinter Moskitonetzen. Menschen, die auf den Straßen Bamakos übernachten. Aber hat nicht auch diese Geschichte eine gesellschaftspolitische Relevanz? „Ich entdeckte erst spät, dass Fotografie Kunst sein kann“, sagt Dicko. Lange hatte er im Passbild- und Hochzeits-Studio seines Onkels ausgeholfen – und sich gelangweilt. Ein zweiwöchiger Kurs an der CFP öffnete ihm die Augen: Warum nicht alltägliche Gegenstände ablichten, die ihm auf der Straße auffielen? Für viele war das unverständlich: „Meine Studio-Kollegen von einst sprachen mir ab, ein wahrer Fotograf zu sein.“

  Heute arbeitet Dicko als Assistent an der CFP, zusammen mit der Fotografin Fatoumata Diabate. Als Frau habe sie zusätzliche Hürden nehmen müssen, sagt Diabate. Eine unkonventionelle Tante habe ihr, der Schulabbrecherin, die mit einem Bautrupp Straßengräben aushob, empfohlen, sich für einen Fotografen-Workshop zu bewerben. „Damals galt Fotograf als reiner Männerberuf. Meine Mutter war strikt dagegen. Und mein Vater bezweifelt bis heute den Wert meiner Arbeit – weil die Ausbildung kostenlos war“, erinnert sie sich.

  2004 beendete Diabate als eine der ersten Absolventinnen die dreijährige Ausbildung an der CFP. Seitdem fotografiert sie bevorzugt malische Frauen, die sich von ihrer Rolle als Hausfrau emanzipiert haben, in ihre Bildung investieren oder eigene Unternehmen gründen. Darüber hinaus schreibt sie die Porträt-Tradition auf ganz eigene Weise fort, baut ihr Studio auf der Straße auf und lässt Passanten sich selbst inszenieren – Accessoires wie malische Stoffe und Hüte bringt sie mit.

  Für Direktor Sogodogo sind Schüler wie Dicko, Diabate oder eben Kalapo der Beweis, dass man es auch vom Standort Bamako aus international schaffen kann. Kalapo etwa hatte als Buchhalter gearbeitet, als ihm ein Onkel eine Billigkamera schenkte. „Mit Bildern konnte ich endlich meine Sprache finden“, sagt er.

  Seitdem hat Kalapo etwa mit einer Serie über die „moderne Sklaverei der Kinderarbeit“ Debatten angestoßen. Zuletzt absolvierte er ein Stipendium an der Market Photo Workshop-Schule im südafrikanischen Johannesburg. Was hält er für die größten Hindernisse in Mali? „Schon eine größere Datei ins Internet zu laden, kann eine Nacht dauern. Wenn nicht vorher der Strom ausfällt.“ Dennoch sieht Kalapo hier seine Zukunft. So arbeitet er als Praktikant beim „Mali-Photo Project“, einer internationalen Initiative zur Archivierung des Erbes malischer Fotografen wie Malick Sidibé, Aderahmane Sakaly, Adama Kouyaté und Tijani Adigun Sitou.

  Er kann es sich leisten: Auf der Tabelle, die die Schülereinkünfte aus dem Verkauf an Getty anzeigt, rangiert Kalapo mit einer vierstelligen Summe auf dem Spitzenplatz. Auch das ist Fortschritt: wenn eines der Agenturfotos, mit dem eine internationale Zeitschrift oder der Wirtschaftsteil einer deutschen Tageszeitung aufmacht, von einem malischen Fotoschüler stammt.

JONATHAN FISCHER

SZ vom 27.11.2018John Kalapo 2

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Können diese Tattoos lügen? Kein Problem für Gucci Mane! Die Autobiografie des selbsternannten „Trap God“ lässt ahnen, dass viel mehr hinter Trap steckt als eine bloße Hip-Hop-Mode

Woran erkennt man einen Trap-Rapper? Lassen wir mal den düsteren, basslastigen Beat beiseite, dann gibt das Erscheinungsbild ein paar Anhaltspunkte: Tattoos im Gesicht, codeinhaltiger Hustensaft im Becher, Raps, die um Juwelen und Begräbnisse kreisen. Keiner hat diese Klischees besser bedient als Gucci Mane. Gefängnis, Mixtape, Gefängnis, Mixtape … In diesem, nun ja, Rhythmus spielte sich im letzten Jahrzehnt das Leben dieses Rappers aus Atlanta ab.

  Und wer glaubte, sein 39-monatiger Aufenthalt in einem Hochsicherheitsgefängnis würde den Mann brechen oder aus dem Showbusiness katapultieren, der hatte sich geirrt. Als Gucci Mane im September 2016 vor Millionen Instagram-Followern seine elektronischen Fußfesseln durchschneidet, feiert die Hip-Hop-Welt die Rückkehr ihres Lieblingsschurken. Drake besucht ihn mit einem fertigen Song, junge Trap-Superstars wie Migos oder Fetty Wap geben ihrem erklärten Vorbild „Shout-outs“. Längst haben Christina Aguilera, Rihanna oder Beyoncé den Sound in den Mainstream getragen, für den sich Gucci Mane einst zum „Trap God“ ausrufen ließ.

  Nun ist Gucci Manes im letzten Jahr veröffentlichte Autobiografie auf Deutsch erschienen. „Die Autobiografie von Gucci Mane“ (Kunstmann) gehört zu den lesenswerteren Hip-Hop-Beichten. Anders etwa als Kanye Wests schmalbrüstige Sprüchesammlung „Thank You and You’re Welcome“ wirken die Geständnisse, die der 38-jährige Mane mithilfe des Journalisten Neil Martinez-Belkin verfasst hat, angenehm uneitel.

  Er wendet sich unmittelbar an den Leser, gesteht diverse Lebenslügen und füllt das Phänomen Trap mit seiner Geschichte. Aus gelebter Gewalterfahrung, gelebter Drogenerfahrung. „Ich war die letzten 20 Jahre stets stumpf“, gesteht der Mann, der darüber rappte, Angst lindernde Pillen wie „baked beans zu futtern“. Wer diese Lebensgeschichte des in ärmlichen Verhältnissen als Radric Davis in Bessemer, Alabama, aufgewachsenen Jungen liest, der entdeckt jemanden, der seinen Wert beweisen möchte, aber nicht weiß, wie das geht.

  Sein Großvater war der Erste, der sich Gucci nannte – nachdem er als Soldat während des Zweiten Weltkrieges in Italien Geschmack an der dortigen Mode gefunden hatte. Radrics Vater, ein Spieler und Betrüger, war dem Sohn zwar keine Stütze, brachte ihm aber einige Tricks bei. Etwa, wie man die Körpersprache seines Gesprächspartners lesen und ihn manipulieren kann. Mit neun Jahren sollte Radric mit seiner Mutter in eine raue Gegend von Atlanta ziehen. In der neuen Heimat musste sich der Junge mit dem gedehnten Hinterwäldlerakzent – „man“ etwa wird zu „mane“ – erst einmal beweisen. Zunächst als Drogendealer. Dann als rappender Drogendealer. Und nach einem Überfall auf ihn, bei dem es um Songrechte und einen „Beef“ unter Rappern ging, gewann er auch noch den zweifelhaften Ruf, in einen Mord verwickelt zu sein. Das Gericht sprach ihn wegen Notwehr frei. Seine Fans verziehen das nicht nur, sie verbuchten das als „street cred“, die für Trap unbedingt notwendige Straßenkredibilität.

  Trap: Das bezeichnet den Ort, an dem Drogengeschäfte gemacht werden, und seit etwa 2003, als der Atlanta-Rapper TI ein Album „Trap Muzik“ nannte, auch eine lokale Hip-Hop-Spielart: Verlangsamte Tempi, ratternde Snaredrums und dräuende Roland-TR-808-Synthies schleppen das Lebensgefühl einer abgehängten schwarzen Jugend mit wie die Eisenkugel einer Gefängniskette.

  Wir, das scheinen deren Songs zu sagen, leben immer noch den Blues. Einen aberwitzigen, gewalttätigen Blues, den Gucci Mane in genuschelten Grobheiten wie: „Ich werde dem Nigga die Füße abschneiden“ einfängt. Das „Wie“ ist hier wichtiger als das „Was“. Gucci Mane nuschelt seine Raps oft wie im Halbschlaf, zieht Sätze zusammen, dreht Silben hin und her, bis sie wie Kinderreime wirken. Oft hat selbst seine Angeberei etwas Kindliches – etwa in Gucci Manes Erkennungssong „Lemonade“: Die Nummer aus dem Jahr 2009 lebt vom Staunen eines ehemaligen Straßendealers, der sich nicht an den Farben seiner ersten Juwelen sattsehen kann.

  Glamourös aber waren meist nur die Videos. Gucci Mane erinnert sich, dass keine größere Radiostation die in nächtlichen, codeinvernebelten Sessions produzierten Nummern spielen wollte. Dass er verlorene Studiokosten durch Straßendeals wieder hereinholen musste. Dass er seine ersten Hits aus dem Kofferraum, an Tankstellen und in Clubs verkaufte und seine selbstgebrannten CDs oft auch als Zugabe zu einem Tütchen Crack vertickte.

  Schon damals hatte der Mann, dessen Diskografie heute über 50 Mixtapes und gut 2000 Songs umfasst, ein unglaubliches Arbeitspensum. Länger als zehn Minuten, sagt er, durfte das Basteln an einem Beat nicht dauern – dann improvisierte er spontan ein paar Reime dazu. Oder er las sie von Spickzetteln ab, die er beim letzten Gefängnisaufenthalt geschrieben hatte. Ein neues Album in sechs Tagen? Kein Problem für Gucci Mane! Und dann schob er mit seiner eigenen Plattenfirma noch die Karrieren künftiger Superstars wie Young Thug, Future, Nicki Minaj und Migos an.

  Heute gilt ein Gucci-Mane-Rap als Gütesiegel der Straße. Die anderen mögen über das Ghetto reden, er riecht danach. Auch deshalb liefern Stars wie Drake und Kanye West gerne ein paar Verse für den Rapper aus Atlanta ab. Man braucht sich gegenseitig. Für Gucci Manes aktuelle Single „Wake Up In The Sky“ etwa ist Bruno Mars mit von der Partie. „I know I’m superfly“, protzt Gucci Mane, „ich weiß, dass ich geil rüberkomme“. Für das Video wiegt er sich mit weißem Pelzmantel und behangen wie ein Juwelier-Schaufenster vor dem Spiegel hin und her. Zwischen New Orleans und Atlanta ist das ein Riesending. Im Rest der Welt bloß ein Chart-Mitläufer.

  Bis auf sein „I Get The Bag“ aus dem Jahre 2017 ist Gucci Mane ein regionales Phänomen geblieben, er gilt als einer, der keine Pop-Kompromisse eingeht und seine Beats bei seinem Jugendfreund Zaytoven bestellt. Gucci Manes Mythos lebt vom Unterhaltungswert. Dem schillernden Vexierspiel zwischen Schurke und Spinner. Grotesken Selbstinszenierungen, wie dem spontanen Entschluss des Rappers, sich eine bunte Eiswaffel samt „Brrrr“ auf die Backe tätowieren zu lassen.

  Einen „Volkshelden“ nennt ihn der New Yorker, „die Art Entertainer, die mindestens genau so viel Lust macht, über sie zu reden, wie ihr zuzuhören“. Klar, Gucci Mane stellt sich immer wieder selbst ein Bein: Da verschleudert er 150 000 Dollar in einem Stripclub, schubst eine Frau aus dem fahrenden Jeep oder er zieht einem Fan, der ihn um ein Autogramm bittet, eine Champagnerflasche über den Schädel.

  Noch bevor er für den versuchten Totschlag seine Haftstrafe antritt, beleidigt Gucci Mane in einem Twittersturm Freunde, Feinde und Geschäftspartner. Ein Hip-Hop-Magazin bastelt dazu sogar eine Hitliste von Gucci Manes „21 lustigsten Tweets“.

  Mit alldem soll jetzt Schluss sein. Gucci Mane erzählt in seiner Biografie von dem harten Entzug hinter Gittern. 35 Kilo hat er sich dort abtrainiert und neben der Bibel auch Selbsthilfebücher wie Deepak Chopras „Heilung“ gelesen. „Ich habe die Zeit im Gefängnis genutzt“, schreibt er, „um ein besserer Mensch zu werden.“

  Manche Fans trauten ihren Augen und Ohren nicht – und setzten Verschwörungstheorien von einem Gucci-Mane-Klon in Umlauf. Selfies vor Salatschüsseln, Ratschläge zur Drogenabstinenz, Modeln für Luxusmarken in der GQ: Das soll aus dem fetten Sirup-Schlucker von einst geworden sein? Zehn Jahre früher wäre so viel Bürgerlichkeit der sichere Tod jeder Trap-Karriere gewesen. Aber Legenden, das wissen wir ja, dürfen alles – sogar erwachsen werden. 

JONATHAN FISCHER

SZ 12.12.2018Gucci-Mane

Yeehaw! Sex oder Beten? „Jesus“ oder „Baby“? Al Green plagten einst die gleichen Gewissensbisse wie viele Soulsänger. Dann wurde er Prediger. Ein Besuch in seinem Gottesdienst in Memphis

Wer den Elvis Presley Boulevard in Memphis Richtung Süden fährt, der passiert Dutzende von Fast-Food-Restaurants, Reifenhändler und Autowerkstätten, bevor eine unscheinbare kleine Teerstraße abbiegt. Nach ein paar hundert Meter durch Brachland und Vorstadtgärten ein großes Schild: Full Gospel Tabernacle Church. Ein „Amen“ donnert durch den achteckigen Kirchenbau, während Neuankömmlinge händeschüttelnd durch die Reihen gehen: Die Männer in Anzügen, die Frauen in Flieder- und Minz-farbenen Kostümen und mit extravaganten Hutschleifen. Es riecht nach Parfum, die Luft steht warm und dick. Einige der church ladies in den vorderen Reihen sind von ihren Bänken aufgesprungen, nehmen mit den Hüften den Rhythmus der Kirchenband auf. Ein stampfender, sich steigernder Groove, dem ein hinter dem Altar wogender Chor göttliches Feuer einbläst: „Jesus is right on time/ he will work it out…“

Es könnte ein ganz normaler Gottesdienst in einer der zigtausend Baptistenkirchen Afroamerikas sein. Wären da nicht die drei dutzend Jeans- und T-Shirt-Touristen, die auf den Hinterbänken ungeduldig hin und her rutschen und eigentlich nur auf ihn warten, den Sex-Propheten und einstigen Superstar, dessen Stimme sie über den Soundtrack von „Pulp Fiction“, „The Sopranos“ oder auch einen der Classic Soul Sender erwischt hat: Al Green.

Seit 2012 hat der Soulsänger und Reverend keine Konzerte mehr gegeben. Die Zeit, in der er von der Bühne rote Rosen an die Damen verteilte: Vorbei. Dass Al Green nun – zehn Jahre nach seinem letzten, unter der Regie von HipHop-Produzent Ahmir Questlove Thompson aufgenommenem Album „Lay It Down“ – einen neuen Song veröffentlicht, ist da ein kleines Soulwunder: „Before The Next Teardrops Fall“ wurde als Teil der Amazon-Serie „Produced By“ in den legendären Sun Studios in Memphis aufgenommen, und wenn der Reverend von seinem alten Hammond-Orgel-Spieler Charles Hodges und scharfem Bläsersatz begleitet wird, dann klingt das fast wie früher: Damals als noch Willie Mitchell hinter den Reglern saß – und Greens liebestrunkenes Falsett, sein ewig unerlöstes Verlangen als Begleitmusik erotischer Beziehungsanbahnung die Charts dominierte. Diese Zeit beschwört gerade eine große Retrospektive: „The Hi Records Singles Collection“ eine 3-CD-Box, deren Anschaffung sich schon allein wegen der B-Seiten lohnt. Wer aber darauf hofft, die flehende Stimme hinter solch unsterblichen 70er Jahre Hits wie „Love And Happiness“, „Tired Of Being Alone“ oder „Let‘s Stay Together“, live zu hören, dem bleibt nur die Kirche. Der Weg über Jesus, Gott und den heiligen Geist.

„Habt keine Angst, sagt der Herr, ich werde bei Euch sein, selbst wenn die Welt zu Grunde geht“, ruft der Diakon. Nach jedem Halbsatz schlägt er die Bibel mit einem kräftigen Hieb aufs Predigerpult. „You‘re right brother!“ schallt es zurück. Noch während der Mann spricht, nimmt die Band an Fahrt auf, einen Funk-Rhythmus mit springenden Bässen, wie er auch Samstag-abend im Club funktionieren würde. Al Green aber ist noch nicht in Sicht. Ob er heute überhaupt predigen wird? „God will make a way“, hatte eine der Kirchen-Schwestern in weißer Uniform orakelt. Hier in seinem zweiten Zuhause, kommt und geht der Reverend wie er will. Das war schon so als der Autor vor gut dreißig Jahren an einem Freitag abend zum Bibelkreis geladen wurde. Bibelkreis, das bedeutet hier: Mit einem Dutzend Gemeindemitglieder in einem Nebenraum knieen, die Hände zum Gebet erheben, und immer wieder für alles danken. Bis draußen auf dem Parkplatz ein grüner Sportwagen den Kies aufwirbelt. Der Reverend! Einen Aktenkoffer in der Hand und mit einem fröhlichen „Praise The Lord“ auf den Lippen platzt er herein, erzählt von seinem Auftritt bei einem John Lennon-Gedenkkonzert in Paris, und den Flaschen mit heiligem Wasser, die er aus Lourdes mitgebracht habe. Und zu seinem auswärtigen Besucher gewandt: „Kommen Sie unbedingt am Sonntag wieder, wenn Sie Gottes Segen wollen“. Was für eine Frage!

Wer allerdings mit deutschen Gottesdienstordnungen sozialisiert wurde – Stunden Stillsitzen in feierlicher Leblosigkeit – der ist nicht darauf vorbereitet, was ein schwarzer sunday service im bible belt bedeutet. Erst recht, wenn ein handauflegender Reverend im Spiel ist, ein weißer Magier, der seine Gemeindemitglieder, schön der Reihe nach, in Ohnmacht singt. Doch dazu später. Denn auch heute im Jahre 2018 ereignet sich in der Full Tabernacle Gospel Church immer noch das eine oder andere Wunder: Man hört sie fast, die erhöhte Herzschlagfrequenz, wenn nach einer Stunde Chorgetöse, Mitklatschnummern und Gebeten der 72-jährige Reverend auf dem Sessel mit der Aufschrift „Minister“ Platz nimmt. Ist er das wirklich? Der Mann dessen Stimme angeblich für den Baby-Boom Mitte der 70er Jahre mitverantwortlich war, der auf seinen alten Soulalben gerne mit Playboy-Lächeln und nacktem Oberkörper posierte und der es genoss in hautengem Strassanzug über die Bühne zu tänzeln während er nicht nur die Frauen im Publikum um den Verstand sang?

Lesebrille, Pullunder, Bundfaltenhose: Ein knappes halbes Jahrhundert nach seiner Zeit als ladies man ähnelt Green eher einem Buchhalter. Bis es aus ihm rausplatzt. „Yeehaw!“ Und: „Make a noise for the lord!“ Das Schlagzeug poltert, einige der Touristen fahren erschreckt zusammen, der Reverend aber lacht selig. Klatscht in die Hände. War nur Spaß! „Ihr seid vielleicht wegen mir gekommen. Aber Al Green ist nur ein einfacher Mensch – und Gott hat etwas Größeres mit euch vor.“ Dann greift er zum Mikro. „Let me tell you about the power of love…“ winselt er in gepresstem Falsett. Ja er kann es noch immer. „… love will make you do right/ love will make you do wrong/ make you want to dance / love and happiness“. Die Hammondorgel schmort, die Band pumpt, der Reverend singt nicht, nein er atmet, kichert, seufzt, stöhnt und gurrt. Gänsehaut. Diese Stimme! Selbst in der Gottesdienst-Fassung hat sie nichts von ihrer Verführungskraft verloren.

Als der etwas füllig gewordene Soulmann und Familienvater endlich ans Predigerpult tritt, wedeln die Damen in den ersten Reihen mit ihren Fächern. „Ihr habt zu diesem Song schon mal mit eurem Liebsten getanzt?“ Wieder dieses typische Al-Green-Lachen, ein irres Gegluckse, bei dem der ganze Körper mitbebt. „Vielleicht habt ihr dazu sogar geküsst? Nicht so zaghaft und verkniffen wie man eine alte Tante küsst, nein ich spreche von Küssen mit Saft und Kraft…“ Green schmatzt laut ins Mikro. Gelächter. „Yeehaw!“ Große Comedy vom Honigkuchenpferd Gottes. Der Reverend nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Wischt sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. „„Jedermann erzählt mir“, sagt der Reverend und Lachfältchen rahmen seine funkelnden kleinen Augen, „Wenn du ein Mädchen rumkriegen willst, lege eine dieser guten alten Al Green Kassetten ein, das klappt immer.“ Gelächter. Die Hammond-Orgel jault kurz auf. Dann zählt Green seine alten Hits auf. „Call Me“, „I‘m Still In Love With You“, „Take Me To The River“, „You Are so Beautiful“ . „Diese Songs sind auch noch 2018 gültig. Denn die Liebe, und ich spreche hier nicht nur von der körperlichen Liebe, kann alles machen, sie kann alles hoffen, sie kann niemals scheitern“.

So sicher war er sich nicht immer, die Zweifel hätten Al Green beinahe seine Karriere gekostet. Mitte der 70er Jahre brach in der Person des Soulsängers ein uralter Konflikt auf: Gottesgehorsam versus Soul-Erotik. Darf der Gospel zur Schlafzimmer-Droge umgemünzt werden? War es okay, wie einst Ray Charles aus „Jesus“ einfach „Baby“ zu machen? Viele schwarze Prediger liefen Sturm dagegen, Soulsänger wie Sam Cooke und später Marvin Gaye sollten an ihrer inneren Zerrissenheit straucheln. Und auch heute wirkt dieser Widerspruch nach: Gerade im HipHop, diesem ewigen Wettbewerb um Platin, Porsches und Playmates hört man neuerdings viel Selbstzweifel und Beichtbereitschaft. Etwa bei Drake und Kendrick Lamar – zwei der populärsten Rapper unseres Planeten – die ihre Gewissens-Konflikte für ein Millionenpublikum aussstellen. Kanye West oszilliert zwischen Jesus-Anrufungen und Yeezus-Egomanie, während etwa Run (die eine Hälfte von Run DMC), Bushwick Bill, Mase oder DMX zur wachsenden Zahl der HipHopper gehören, die ihren Goldschmuck gegen einen Reverend-Titel eingetauscht haben. Selbst Schweinepriester Snoop Dogg hat den Herrn gefunden. Sein letztes Gospel-Album „The Bible of Love“ will ernsthaft aufräumen mit einer von Zuhälterei, Gang-Gewalt und Beihilfe zum Mord gezeichneten Biographie: „What is my name without you, lord?“ Niemand aber hat diese Wandlung dramatischer vorgelebt als Al Green. Der Mann der es gewohnt war bei seinen Konzerten von weiblichen Fans mit BHs beworfen zu werden, forderte, so würde er es wohl formulieren, „die Heimsuchungen des Herrn heraus“ – und überlebte nur knapp.

Zunächst war es der streng religiöse Vater, der strafte: Er warf den 16-jährigen Gospelsänger aus dem Haus und der Familienband in Grand Rapids, Michigan, nachdem er seinen Sohn beim Hören von Jackie Wilson – Songs erwischt hatte. Nach einem Zwischenspiel als Zuhälter landete der junge Albert Greene (er sollte das letzte e später streichen) seinen ersten Hit mit den Soulmates. „Back Up Train“ klang noch recht roh und kraftmeiernd. Erst Willie Mitchell sollte Al Greens eigentliche Stimme hören. Der Produzent feilte dessen Gesang jahrelang zurecht: Zu einem mühelosen Strömen und Atmen, nicht enden wollendem Vorspiel, weich und doch an der Ekstase schrammend. Green erzählt gerne davon, wie er frustriert von Mitchells Vorgaben in seinen Sportwagen stieg und auf dem Studio-Parkplatz powerslides hinlegte. Bis es aus ihm heraus floss. „Silky on top, rough at the bottom“. Seidig in den Höhen, rauh im Unterbau. Mitchell verpackte Greens Crooner-Gesänge in mollige Geigen und einen Beat von der Wucht einer dieser endlosen durch Memphis ratternden Güterzüge. Nie hatte Soul so lasziv geklungen.

Al Green wusste um seine Wirkung: Er schnurrte und gurrte sich von einem Liebesschwur zum nächsten, landete allein zwischen 1970 und 1973 dreizehn Top Ten-Hits. Innerlich jedoch haderte der Soulmann mit sich: Sollten Sex und Glamour wirklich Gottes Wille sein? Green war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, der größte Soulsänger Amerikas, als Gott ihm „ein Zeichen zur Umkehr sandte“. 1972 hatte er nach einem Auftritt in Disneyland eine nächtliche Vision. Ein Jahr später überschüttete eine eifersüchtige Geliebte den Sänger im Bad mit einem Topf kochendem Grießbrei und fügte ihm schwerste Verbrennungen zu – anschließend nahm sie sich mit dessen Revolver das Leben. Und dann stürzte er auch noch während eines Konzertes von der Bühne. Was sollte das alles bedeuten? Als der Soulsänger 1977 mit seinem Sportwagen durch Memphis kurvte, spürte er „Gottes Hand am Steuer“. Und landete, nach einer längeren Zickzack-Tour vor einer heruntergekommenen achteckigen Kirche im Süden von Memphis. Green zögerte nicht: Er kaufte die Kirche. Ließ sich zum Reverend ausbilden. Und wollte nur noch Gospel singen. Willie Mitchell zog dabei den Kürzeren: Ohne sein Zugpferd musste Hi Records Konkurs anmelden.

Aber auch mit dieser Geschichte hat sich Green längst ausgesöhnt. Eine erneute Vision erlaubte ihm 2003 die Rückkehr zu Willie Mitchell, mit dem er bis zu dessen Tod im Jahre 2010 noch zwei Soulalben einspielte. Gott, sagt Green, habe die Schönheit der Frauen erschaffen, „damit wir darüber singen“. Dann predigt und singt er über: König Nebukadnezar, das Drogenproblem in Memphis, Michael Jackson, Maria Magdalena und Hank Williams. Man spürt: Dieser Mann hält nichts von verkopfter Bibel-Exegese. Er möchte die Menschen an den Eingeweiden packen. Erregungswellen aussenden. Nach vier Stunden ist die ganze Gemeinde auf den Beinen. Hemmungslos. Weichgekocht. Und während der Chor ein Crescendo in den Kirchenbau jubelt, hebt der Reverend die Schürzen seines Talars an, legt den Kopf in den Nacken und trampelt mit den Füßen. „Amen“ fliegt es zwischen Kanzel und Gemeinde hin und her. Einzelne Gläubige sacken zusammen. Zittern, Schreien. Weißgewandete Schwestern legen ihnen fürsorglich Decken um. Erinnerungen an jenen Gottesdienst vor 30 Jahren kommen hoch, als Green es sich nicht nehmen ließ, jedem Besucher ein paar Tropfen Lourdes-Wasser auf das Haupt zu reiben und ihn dabei anzusingen – solange bis er rückwärts kippte, in die Hände der Riechsalz-bewehrten Diakonissen. Die Reue, damals gekniffen zu haben, die Angst dem Zauber nicht gewachsen zu sein. Wie schafft es diese Stimme, Menschen einfach so umzuwerfen? Al Green aber lacht nur über diese, nun ja doch sehr weltliche, Journalistenfrage: „Wir sind alle Werkzeuge Gottes. Gott hat mich mit einer Stimme gesegnet, und dich mit dem Auftrag darüber zu schreiben“. Dann steigt er in seine schwarze Limousine, und überlässt es seinen Diakonen, die Bewunderer zu vertrösten.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung erschienen in der SZ vom 10.12.2018KUTCHER AND GREEN ARRIVE FOR LETTERMAN