Funk für alle Sinne: Sammler, Partymacher, Kulturmissionar: Der Münchner Florian Keller gilt weltweit als DJ-Institution

München – Andere DJs berichten gerne von der außergewöhnlichsten, unerhörtesten Scheibe, die sie sich aufzulegen trauen. Bei Florian Keller ist es umgekehrt. In dem Hotelclub in Dubai, der ihn jüngst für eine Silvesterfeier buchte, gesteht der Münchner Funk-Experte, habe er es einfach nicht lassen können: Angesichts von hundert Dollar Eintritt und der königlichen Familie auf dem Dancefloor gab er dem Affen Zucker und hievte zwischen all den raren Singles und exquisiten Vinyl-Sammlerstücken, tja, eine allbekannte Michael-Jackson-Nummer auf den Plattenspieler. Der 44-jährige DJ erzählt das wie ein Zen-Mönch, der eine Völlerei beichtet. Einen Verstoß gegen die selbst auferlegte Disziplin. Denn bei Kellers Club-Gigs gilt Pop-Konfektionsware üblicherweise als tabu, geht es nicht darum, die iPod-Listen des Publikums laut abzuspielen. Sondern um: Forschergeist. Die Aha-Blicke der von einem Sample kalt Erwischten. Oder wie es der glatzköpfige Enthusiast selbst formuliert „die ständige Ausdehnung des Funk-Universums“.

Der Mann, den eine amerikanische Internetseite zu den drei wichtigsten Funk-DJs weltweit zählte, empfängt in seiner Atelierwohnung in der Au. Keller hat das ehemalige Ladenlokal zum bewohnten Museum umgestaltet, überall – an den Wänden, in Regalen und Sitzkisten – lagern Platten: Gut 45 Meter Vinyl, rechnet Keller vor. Dazu kommt eine großes Archiv von Blaxploitation-Filmen aus den 70er Jahren, sowie Stapel antiquarischer Nummern afroamerikanischer Promi-Magazine wie Ebony oder Jet. Gut, Sammler mag es viele geben. Aber wer kann, wie Keller, behaupten, alle 120 Alben und gut 300 Singles, die James Brown jemals eingespielt oder auch für andere Künstler produziert hat, zu besitzen? „So wie andere ihre Fußballbildchen komplettieren wollen, bin ich jahrelang jeder fehlenden Scheibe hinterhergerannt.“

Das hat – man dachte sich’s fast – nicht nur mit der immensen Bedeutung James Browns für die Musik zu tun, sondern auch mit einer Jugendliebe Kellers. Besser: mit seiner Funk-Initiation. Der elfjährige Florian hatte schon lange die Beatles-Platten seiner Mutter rauf und runter gehört, als deren amerikanischer Freund einen Sampler ins Haus brachte. „James Brown, Curtis Mayfield: Ich war sofort angefixt und fing an, mich ganze Nachmittage durch den damals einzigen Secondhand-Plattenladen Münchens zu wühlen.“

Acht Jahre später steht Florian Keller als Resident-DJ der Wunderbar hinter den Plattenspielern. Das war 1986. Und was der Funk-Adept in dem hippen Keller auflegt, hat man so noch kaum gehört: James Brown, Dub-Reggae, Rap; aber auch Jazzer wie Pharoah Sanders oder Roy Ayers, alles nach Hip-Hop-Manier auf den Beat gemixt und in einem Flow ohne Anfang und Ende die informelle Geschichte Afroamerikas erzählend. Kellers beliebtes Spiel: Seine Gäste mit Stücken zum Tanzen zu bringen, die sie nur die ersten Sekunden zu kennen glauben. Sie in unbekannte Territorien zu jagen. Und die „Schrebergartenmentalität von neu, alt, retro oder hip auszuhebeln“. Ob solo oder seit 1991 mit Michael Reinboth und Theo Thönessen als Teil des Into Somethin’-DJ Team: Kellers Ehrgeiz war es stets, die schrägsten Stücke zusammenzumischen. Etwa eine Jazznummer aus den 40er Jahren mit einem Hip-Hop-Stück zu kontern. Eine Freiheit, die der Münchner in der aktuellen Club-Kultur schwer vermisst: „Die meisten Club-Betreiber glauben, allein Elektro tauge als Ausweis ihrer Hipness. So spielen alle Läden diese inzwischen auch schon ein Vierteljahrhundert alte Musik, als ob man jungen Menschen nichts anderes zumuten dürfe.“ Ein großes Missverständnis, glaubt der Funk-Missionar. Dass immer mehr junge Bands den Groove ihrer Vorväter aufgriffen und rekombinierten, beweise genau das Gegenteil: „Überall suchen vom Mainstream angewiderte Menschen nach etwas Eigenem.“ Florian Keller hat schon viele auf seinem Weg mitgenommen. Als DJ, Radiomoderator und Herausgeber der legendären Party-Keller-Kompilationen wird er weltweit zu den Tastemakern der Szene gezählt. Und das, trotz – oder gerade wegen seines bewusst bescheidenen Auftretens.

Den ursprünglich erlernten Beruf als Industriedesigner jedenfalls hängte der Münchner an den Nagel, „als ich merkte, dass ich die Kunden blenden musste, die große Klappe fast noch wichtiger war als mein Produkt“. Als DJ laufe es genau andersherum: Da zählten allein seine im Internet kursierenden Mixe. Funk-Collagen, die offensichtlich Hipster rund um die Welt begeistern. So legte er zuletzt in São Paolo, Tokio, Lausanne, Brüssel, Jekaterinburg und Beirut auf, ja selbst an so unwahrscheinliche Orte wie das rumänische Timosoara oder Vossevangen in Norwegen buchen ihn Partyveranstalter. „Überall, wo ich hinkomme, schwärmen die Menschen von München als Funk-Hochburg“, erzählt Keller. „Innovative Bands wie die Poets Of Rhythm, Karl Hector & The Malcouns, die Boogoos oder Plattenfirmen wie Tramp Records erwecken den Eindruck, dass an der Isar ein Riesen-Biotop für diese Musik existiert.“ Und dann? Sind sie verwundert, dass ein international renommierter Funk-DJ nicht jedes Wochenende die hipsten Diskotheken der Stadt zum Platzen bringt, sondern immer noch als Underground gilt.

Keller hat sich mit diesem Status inzwischen angefreundet. Und legt dort auf, wo sich die Münchner Subkultur trifft: in der Glockenbachwerkstatt, dem Import-Export oder auch dem Muffat-Café. Wobei auflegen bei Keller doch ein etwas zu schaler Begriff ist. Denn seine Partys funktionieren eher als: Funk für alle Sinne. Die Flyer zeichnet er stets selbst – im bewusst amateurhaften Design der ersten Hip-Hop-Poster aus den 70er Jahren. Und dann kocht er auch noch. Etwa beim Soulfood-Allnighter, bei dem Keller in der Küche der Glockenbachwerkstatt frittiertes Hühnchen, Yams, Reis und Bohnen zubereitet, während befreundete DJs entsprechende Songs vom Plattenteller lassen. „Kochen ist meine zweite Leidenschaft“, gesteht er. Wie könne man auch schwarze Musik und Essen voneinander trennen? Viermal die Woche brutzelt Keller in einer Kunstwerkstatt in Haidhausen; und von einer gelungenen Sauce schwärmt er fast so ausgiebig wie von einer gerade auf Ebay entdeckten Soulsingle. Der Mix muss stimmen.

Als DJ gehört Keller nicht zu jener Spezies, die sich selbst mit großen Gesten in Szene setzen. Sein Credo: Die Botschaft kommt aus der Rille. Weil er aber ausschließlich Vinyl auflegt und zu fast jeder seiner Platten eine kleine Geschichte zu erzählen hat, drängt sich stets eine Menschentraube um sein DJ-Pult: Tänzer, die mit ihrem iPhone die gerade laufende Single abfotografieren. Funk-Veteranen mit ähnlicher Sammlung. Aber auch Teenager, die gerade zum ersten mal dem James-Brown-Groove verfallen. „Viele merken erst bei meinen Sets“, schwärmt Keller alias „Superflo“, „wie sehr die Musik aus den 60er und 70er Jahren bis heute die Grundlage aller Clubmusik bildet. Ob Hip-Hop, Drum’n’ Bass oder Dubstep. Ohne Funk wäre alles anders gekommen!“ James Brown hat diesen Satz vermutlich mit einem doppelten Split, Slide und Camel Walk quittiert. Und von seiner Funkwolke gütig auf die Isar herabgeschaut: Ausgerechnet in München findet er Deejay-Brother Number One!
JONATHAN FISCHER
SZ 8.1.2013

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