Wenn die Schlange aus dem Gras kriecht: Wie amerikanische HipHop-Stars sich mit ihrem Präsidenten befehden – und doch in Trumps „hässlicher Wahrheit“ eine große Chance sehen

 

Eminem, ja ausgerechnet der Rapper aus dem White-Trash-Milieu, das als besonders empfänglich für Trumps Ausgrenzungs-Tiraden gegen alles Fremde gilt, hat nun seine Fans vor die Wahl gestellt: Trump oder ich „An meine Fans, die ihn unterstützen“, rappte er während einer Fernsehübertragung der BET Music Awards,“ ich ziehe hier eine Linie in den Sand/ du kannst nur für oder gegen mich sein/ und wer sich nicht entscheiden kann, innerlich gespalten ist/ nicht weiß auf wessen Seite er steht, dem helfe ich hiermit nach/ Fuck you!“ Vorausgegangen war ein vierminütiger, zorniger Freestyle, in dem Eminem den Präsidenten unter anderem wegen seiner „Kamikaze“-Politik bezüglich Nordkorea und seiner generellen Ignoranz –  gegenüber der leidenden Bevölkerung Puerto Ricos, schärferen Waffengesetzen, die Verurteilung rechter Gewalt und und und – verurteilte. Es war der schärfste und meist beachtete Diss, den Trump je von einem HipHop-Star einstecken musste.

Dabei hatten amerikanische Rap-Stars lange Zeit tatsächlich so etwas wie eine Liebesaffäre mit dem New Yorker Tycoon und Multimilliardär. Vor seiner Zeit als Präsidentschaftskandidat  der Vereinigten Staaten – es ahnte noch niemand, dass der Mann, kaum ins Amt gekommen, Mexikaner und Muslime verteufeln, Rassisten als „very fine people“ entschuldigen und afroamerikanische Football-Spieler als „Hurensöhne“ beschimpfen würde – galt Trump vielen Rappern als eine Art Superheld. HipHop hat ja nie einen Hehl aus seiner kapitalistischen Erfolgsethik gemacht. Und Trump verkörperte im Darwinismus der Businesswelt denjenigen der es ganz nach oben geschafft hatte. Die vergoldeten Wohnzimmer des Moguls im Trump-Tower, seine Protzsucht und Fernseh-Selbstvermarktung sicherten ihm die Verehrung zahlloser HipHop-Aspiranten, sie eiferten Trumps luxuriösem Lebensstil  nach, rapten seinen Namen wie das Mantra eines Heilsversprechens: „Can’t stop until I get a casa up in Trump plaza“ reimte etwa Kool G Rap. Scarface sah den Tycoon -„Rolling hard, stackin‘ paper like Trump“ – als Gangster-Kollegen. Und T:I erhob ihn zum Dollar-Gott: „Used to want dough like Jay-Z, now I’m thinking Donald Trump“.

Über 200 Rap-Verweise auf Donald Trump bis 2014 zählte das Nachrichtenportal ESPN, darunter von HipHop-Schwergewichten wie NAS, Jay-Z, Pharrell oder Kanye West. Diese Zahl wird sich während Trumps Präsidentschaft wohl vervielfachen – aber mit einem gravierenden Unterschied. Fielen die Trump-Vergleiche einst überwiegend schmeichelhaft aus, dann hat sich das Verhältnis radikal gedreht: „Call me Black Trump“ – nein, an solche Zeilen möchte sich niemand erinnern. Trump reimt sich jetzt auf „bum“ – also Penner. So titulierte Basketball-Superstar James LeBron den US-Präsdienten nachdem dieser den Rauswurf politisch unbotmäßiger schwarzer Footballspieler wie Colin Kaepernick forderte. Angefangen hatte alles, als Kaepernick in der letzten Spielsaison während der Nationalhymne kniete  – als Zeichen des Protestes gegen Polizeigewalt. Viele afroamerikanische Spielerkollegen taten es ihm nach.  Trump heizte die Kontroverse vor wenigen Wochen während einer öffentlichen Rede in Alabama an: „Nehmt diesen Hurensohn vom Spielfeld! Feuert ihn!“ forderte er die Club-Besitzer auf. Das Echo kam nicht nur aus den Stadien, wo ganze Mannschaften mit ihren Bossen knieten. Auch die schwarze Popwelt fühlte sich getroffen: Hatte Trump nicht das gesamte Erbe der Bürgerrechtsbewegung verunglimpft? Stevie Wonder, sonst eher zurückhaltend in seinen Gesten, ließ sich in einem Konzert demonstrativ auf die Knie sinken.  Dutzende von HipHop-Stars übernahmen die Kniefall-Geste als symbolisches Update der 1968 von den Sprint-Olympiasiegern Tommie Smith und John Carlos gereckten Black Power Faust. Ihre Twitter-Tiraden in Richtung Trump lassen keinen Zweifel: HipHop ist gerade dabei, sich zu repolitisieren.

Zum letzten Mal war das 2008 geschehen: Als mit Obama erstmals ein Afroamerikaner für das Amt des US-Präsidenten kandidierte, flankierten Dutzende von HipHop-Songs seinen Wahlkampf, Rapper forderten während ihrer Konzerte das Publikum zur Stimmabgabe auf und erinnerten an die lange amerikanische Geschichte des Rassismus. Die Welle hielt nicht lange an. Präsident Obama enttäuschte viele der in ihn gesetzten Erwartungen. Und mit Realpolitik lassen sich nun mal keine griffigen Rapnummern machen. Es sah so aus, als hätte sich bald danach das Gros der Rapper auf ihr Kerngeschäft zurückgezogen: Entertainment – sei es mit Beziehungsdramen, Battle-Raps oder Bikini-Parties. Aber dann knöpfte sich Donald Trump, der Mann der einst in einer Folge seiner Fernseh-Show „The Apprentice“ Snoop Dogg als „the greatest“ anpries,   ausgerechnet das traditionelle Zielpublikum des HipHop vor. Er wetterte im Wahlkampf gegen Latinos, beleidigte Afroamerikaner, die angeblich sowieso „nichts zu verlieren“ hätten, und attackierte Clinton-Unterstützer Jay-Z für seine angeblich „unanständige Sprache“. Kurzum: Trump suchte ganz in HipHop-Manier den Battle. „Ich bringe mehr Menschen zu meinen Veranstaltungen als Jay-Z“, tönte er. Was nicht nur schlichtweg gelogen war, sondern auch die Frage aufwarf, seit wann ein Präsidentschaftskandidat es nötig hat, sich mit HipHop-Stars zu messen. Tatsächlich wähnt  Trump sich in der selben Arena.  Und weckt dadurch erst recht den Kampfgeist der Hiphop-Community. Während der diesjährigen Grammy-Verleihung parodierten  A Tribe Called Quest Trumps Rhetorik mit der Zeile „All you bad folks, you must go“. Auch Kendrick Lamar, Eminem, Big Sean und Common schossen sich in ihren letzten Songs auf den Präsidenten ein. Hier zeigt HipHop seinen ureigenen Humor, wie etwa diese Zeile des New Yorker Duos Run the Jewels beweist: „I went to war with the Devil and Shaytan/ he wore a bad toupee and a spray tan“. Der Teufel also als Typ mit Bräunungs-Spray und schlechtem Toupée.

Erstaunlicher noch: Während die ganze Welt – vergeblich! – auf einen Präsidenten-Tweet zum Anstieg antisemitischer Drohungen und fremdenfeindlicher Angriffe im Land hofft, hat Trump offensichtlich die Zeit, sich HipHop-Künstler vorzuknöpfen.  Besonders ein Video von Snoop Dogg erregte letztes Frühjahr seinen Zorn. Dass er da als Clown namens Ronald Klump eine wenig staatsmännische Figur macht, am Ende gar erschossen wird, ärgerte den Präsidenten so sehr, dass er sich in einem Tweet über die angeblich „scheiternde Karriere“ des Rappers und die ungerechte Behandlung seiner selbst im Vergleich zu Obama ausließ. Doch die Clown-Nummer war nur ein Anfang. Der Protest der HipHop-Szene radikalisierte sich nach dem gewalttätigen Marsch weißer Rassisten im August durch das Städtchen Charlottesville in Virginia. Trump hatte nach dem Tod einer Gegendemonstrantin nicht klar Stellung bezogen, sondern beide Seiten verurteilt. „Fuck him, fuck them“, adressierte der Rapper Q-Tip den Präsidenten und seine „weißen rassistischen Homeboys“. Sein Kollege Questlove forderte Trumps Rücktritt. Und während schwarze Demonstranten in Atlanta Ludacris Song „Move Bitch!“ auf den Präsidenten ummünzten, schickte P Diddy – er hatte Trump noch in den 90er Jahren zu seiner Geburtstagsparty eingeladen – eine klare Nachricht aui seinen Account: „Die rote Linie ist überschritten“.

Was aber kann HipHop ausrichten angesichts einer Politik, die offensichtlich gerade die Polarisierung sucht? Die darauf setzt, dass dumpfer Patriotismus selbst die Liebe der Amerikaner für ihre schwarzen Sport- oder Pop-Idole aussticht? Für Trump mögen afroamerikanische Celebrities  wohlfeile Feindbilder liefern. Vielen HipHop-Aktivisten allerdings kommt dessen Unverblümtheit gerade recht: „Warum sollten wir uns einen anderen Präsidenten wünschen?“, twitterte der Rapper David Banner. „Nur damit die Schlange wieder ins Gras zurück kriechen kann?“. Ihm sei „eine hässliche Wahrheit lieber als eine schöne Lüge“. Schon am Tag nach Trumps Wahl hatte Banner frohlockt, dieser Präsident „könne das Beste sein, das schwarzen Menschen in ihrer ganzen Geschichte widerfährt“. Denn Amerika habe seine falsche Maske fallen lassen. Nun gäbe es keinen Raum mehr für Ausreden. Andere HipHop-Stars folgten Banners Vorlage. „Alle wollen sie (Trump und seine Anhänger) ins Dunkle zurückschieben“, twitterte Killer Mike. „Ich aber bedanke mich für deren Ehrlichkeit“. Offensichtlich hat der Schock etwas bewirkt: Viele Musiker, sagt Rapper Joey Badass, sähen sich nun genötigt, Verantwortung für die von Trump bedrängten Minoritäten zu übernehmen. J. Cole rief gar in einem wahren Tweet-Sturm zum Boykott der NFL Football-Liga auf, bis eine unabhängige Untersuchung kläre, warum Colin Kaepernick keinen Vertrag mehr bekomme.  Den Chicagoer Rap-Veteran Common hofft nun auf die Rückkehr eines breiten Polit-Aktivismus: Es sei gut, dass Trump einige der rassistischen Ideale Amerikas ans Licht bringe. „Nun können wir es nicht länger verleugnen und uns etwas vormachen, nur weil Präsident Obama im Amt war“.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Form erschienen in der NZZ , 20.10.17images

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